Der Wert des Menschen

Dr. Hans-Albrecht Bischoff (damals 60), Direktor und Leiter des sozialpolitischen Referats bei der Badischen Anilin- & Soda-Fabrik AG BASF in Ludwigshafen äußerte sich 1975 über den Wert der arbeitenden Menschen:

„Der Mensch ist vom Betrieb nicht als Mensch, sondern als Funktion gefragt. Der Mensch als solcher ist für den Betrieb nichts, die Funktion, die er ausüben kann, alles. Ganze Berufe fallen weg, und die Menschen, die sie ausüben, werden überflüssig, wenn sie nicht anders nutzbar sind: umgeschult oder ungelernt…

Da sie innerer Teil eines Ganzen, des Betriebes sind, sind sie ersetzbarer Teil und – von der Kehrseite gesehen – Ersatzteile. Ersatzteile müssen griffbereit, daher eingeordnet, gekennzeichnet, katalogisiert sein, eine Nummer tragen. Das Wesentliche und Wichtige an ihnen ist die Nummer, die angibt, wie sie als Ersatzteil verwendet werden können. Ein Mensch aber, dessen Wichtigstes, dessen Wesensmerkmal für den Betrieb die Nummer ist, die er trägt, ist selber Nummer.“

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Ungesühnte Verbrechen

Liebscher
Ende der achtziger Jahre ersucht ein gewisser Martin Meisel aus Mainz, Jahrgang 1904, um Einreise in die DDR. Er wollte seine im Erzgebirge wohnenden Verwandten besuchen. Die zuständige Kreisdienststelle nahm eine Speicherüberprüfung bei der Abteilung 11 vor. Auch diesen Auftrag erhielt mein Referat. Wir wurden fündig! Zu Meisel gab es Originalunterlagen der Gestapo Leipzig sowie, als Kopie, Teile eines Ermittlungsvorganges der Leipziger Kriminalpolizei aus der Zeit von 1945 bis 1950, aus denen folgender wesentlicher Sachverhalt hervorging: Meisel war 1933 als Angehöriger der Schutzpolizei Leipzig von der faschistischen Polizei übernommen worden. 1939 wurde er Vollzugsbeamter der Gestapo/Staatspolizeidienststelle Leipzig und 1941 zum Kriminaloberassistenten ernannt. Nach 1945 von der Kriminalpolizei geführte Ermittlungen ergaben, daß Meisel mit mindestens 15 weiteren Gestapo-Beamten am 12. April 1945 in Leipzig-Lindenthal an einer Massenexekution von Untersuchungshäftlingen der Gestapo beteiligt war und zum Erschießungskommando gehörte. Dieser Massenmord geht auf eine Anordnung des Reichsjustizministeriums zurück, wonach »… Haftanstalten bei Feindannäherung zu räumen und bestimmte Häftlingskategorien der Polizei zur Beseitigung zu überstellen sind«. Der Verantwortliche dieser Exekution, Kriminal-Obersekretär Karl Rieth, wurde 1946 von den amerikanischen Besatzungstruppen den tschechoslowakischen Behörden übergeben. Rieth sagte vor den Sicherheitsorganen in Prag 1947 aus: »… Zu den Erschießungen von 57 Häftlingen 1945 in Leipzig Lindenthal, an der ich als Kommandeur des Exekutionskommandos teilgenommen habe, gebe ich folgendes an: Über diese Angelegenheit habe ich in meinem Lebenslauf geschrieben und außerdem habe ich diese Exekution bereits im Internierungslager Ziegenheim beschrieben und den amerikanischen Militärbehörden übergeben. Das Original dieses Schriftstückes wurde ebenfalls übersandt und mir heute vorgelegt. Es ist ein Elaborat von 5 Seiten. (…) Etwa gegen 15.00 Uhr am 12.4.1945 kamen zwei Autobusse der städtischen Betriebe mit allen Delinquenten auf diesen Exerzierplatz und alle lagen auf Weisung der Wache im Autobus. Als Begleiter dieser Häftlinge fungierten folgende Angehörige der Gestapo: Fritz Anselmi, Polizei-Obersekretär, der die Liste der Delinquenten überbrachte, Willi Blom, Kriminalsekretär, (…), Martin Meisel. (…) Immer zwei Angestellte führten den Mann, der zur Hinrichtung bestimmt und nicht gefesselt war, bis an den Rand der Grube, wo er niederknien mußte. Sobald der Häftling niederkniete, wurde von einem der obengenannten drei Schützen mit der Pistole in den Rücken geschossen, so daß er in die Grube fiel.« Gleichlautende Aussagen lagen auch vom Gestapobeamten Willy Blom vor.

Die Gestapoleute hatten sich vor dem Einrücken der Amerikaner in Leipzig falsche Ausweise beschafft. Meisel stellte sich Dokumente auf den Namen Konrad Peter aus. Vermutlich Ende 1945 setzte er sich in eine Westzone ab.

Das von Meisel beantragte Einreiseersuchen in die DDR wurde nach Beratung mit dem Staatsanwalt abgelehnt. Aufgrund des dringenden Verdachtes, NS-Verbrechen begangen zu haben, wäre eine Verhaftung Meisels bei seiner Einreise nicht zu umgehen gewesen. Diese Maßnahme hätte jedoch zweifelsohne zu Querelen mit der BRD-Vertretung und einer Medienkampagne gegen die DDR geführt, da ja nach einer Festnahme die Frage gestellt worden wäre, weshalb man eine Besuchserlaubnis trotz einer vorgesehenen Verhaftung erteilte. Uns wäre vorgehalten worden, den BRD-Bürger vorsätzlich getäuscht zu haben, um ihn verhaften zu können.

Man weiß nicht, was Meisel überhaupt zu einer Reise in die DDR bewogen haben mag. War es mangelndes Unrechtsbewußtsein oder die Dreistigkeit eines unbelehrbaren Straftäters? Etwas verunsichert muß er aber wohl doch gewesen sein, denn er suchte in der BRD um Auskunft, ob eine Reise in die DDR ratsam sei. Ihm wurde davon abgeraten, da er eine Festnahme befürchten müsse. Abgesehen von einem 1948 in Gießen gegen Meisel durchgeführten Spruchkammer-Verfahrens blieb er von weiteren Strafverfolgungsmaßnahmen unbehelligt, obwohl seinerzeit der Leipziger Polizeipräsident einen ausführlichen Sachstandsbericht nach Gießen übersandt hatte. Wie man sieht, reiht sich dieser Vorgang würdig in die säumige juristische Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit in der BRD ein. Aber genau von dort kamen nach der »Wende« die eifrigsten Anschuldigungen gegenüber dem untergegangenen deutschen Staat, Naziverbrecher verschont zu haben. Warum das ausgerechnet in der Absicht antifaschistischer Funktionäre und Politiker der DDR gelegen haben sollte, ist wohl mit logischen Argumenten nicht zu belegen.

Manfred Liebscher: Im Paradies der Erinnerungen …
Autobiographie, Broschur, 316 Seiten, NORA Verlagsgemeinschaft 2002,
ISBN 3-935445-78-4
22,50 € (Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten)

Siehe auch hier:
http://politiekencultuur.blogspot.de/2008/08/manfred-liebscher-im-paradies-der.html
http://shop.strato.de/epages/.Store12.sf/?ObjectPath=/Shops/187541/Products/92329-1781857

Die Schwierigkeiten der Sowjetunion

Einen sehr interessanten Überblick über die Schwierigkeiten, mit denen die Sowjetunion zu kämpfen hatte, vermittelt Erich Hanke in seinem Buch „Ins nächste Jahrhundert“, das 1987 im Urania-Verlag erschien. Er schreibt:
CCCP
Von Anbeginn prophezeiten bürgerliche Wissenschaftler den „Bankrott“, das „Ende“ der Sowjetmacht. Andere verkündeten, die sozialistische Wirtschaft würde in kürzester Zeit in ein „wüstes Chaos“ verwandelt werden. Jedoch die Jahre vergingen, und die Sowjetmacht bestand weiter. (…)

Die Tatsachen zeigten, daß nach der Befreiung von Parasiten und Müßiggängern, von reaktionären Klassen, die wie Drohnen das werktätige Volk plündern, das Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung im Sozialismus weit schneller vor sich geht, als für bürgerliches Denken faßbar ist. Diese Wahrheit zu begreifen, würde ja auch bedeuten, die Behauptung von der „ewigen Existenz“ des kapitalistischen Privateigentums in Frage zu stellen.

Trotzdem, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Sowjetunion waren riesengroß. Lenin wies nach dem Siege der Arbeiter und Bauern über die Konterrevolution und die ausländischen Interventen darauf hin, daß zwar ein neues, fortschrittliches Gesellschaftssystem erkämpft worden sei, jedoch die alte Rückständigkeit des zaristischen Rußlands und die von den Interventen angerichteten Zerstörungen es unmöglich machen, die Überlegenheit des Sozialismus sofort zu beweisen.

Im zaristischen Rußland setzte der Industrialisierungsprozeß wesentlich später als in West- und Mitteleuropa ein. Fast 80 Prozent der russischen Bevölkerung waren in der Landwirtschaft tätig. „Der sich entwickelnde Monopolkapitalismus war mit zahlreichen Überresten der Leibeigenschaft, mit der Willkürherrschaft der Polizei und dem Despotismus des Zaren verflochten. Diese Verquickung stellte die wichtigste Besonderheit der Gesellschaftsordnung Rußlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar.“

Vor der Revolution war die Wirtschaft immer mehr in die Abhängigkeit vom Auslandskapital geraten. Die Industrieproduktion Rußlands betrug nur einen Bruchteil der englischen oder französischen Produktion. Besonders groß war der Rückstand der Industrieproduktion gegenüber den USA.

Vollends wurde die russische Wirtschaft durch den ersten Weltkrieg und die Intervention der Großmächte nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution ruiniert. Die Schäden beliefen sich auf 39 Milliarden Vorkriegsrubel. Das entsprach einem Viertel des gesamten Nationalreichtums Vorkriegsrußlands. Die Industrieproduktion wurde auf den Stand der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurückgeworfen.
Lenin_1924
Obgleich der junge Sowjetstaat sich nach der Erkämpfung der politischen Macht durch die Arbeiter und Bauern unter weitaus ungünstigeren Bedingungen als die kapitalistischen Mächte befand, setzte er sich durch. Nachdem die junge Sowjetmacht sich in erbittertem Kampfe gegenüber den inneren und äußeren Feinden behauptet hatte, mußte sie das furchtbare Erbe der zaristischen Rückständigkeit überwinden, sich die notwendigen Kader schaffen usw., um die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus erfolgreich lösen zu können. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hingegen war entwickelt, verfügte über ausreichende Kräfte und hatte seine Herrschaft über die ganze übrige Welt ausgedehnt.

Die Vorzüge des Sozialismus, das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln, die sozialistische Planwirtschaft, das stetig steigende Bildungsniveau bewiesen ihre Kraft.

Die aufopferungsvolle Arbeit der sowjetischen Arbeiter und Bauern führte zu beträchtlichen Erfolgen. Ein gewaltiger Aufstieg setzte ein. Schon 1935 erreichte die Sowjetunion den Stand Frankreichs. 1938 wurde die Produktion Englands übertroffen und die des damaligen faschistischen Deutschlands fast erreicht. Im Verhältnis zu den USA bestand aber noch ein gewaltiger Rückstand.
Schule
Bei der weiteren Einschätzung der sozialistischen Wirtschaftsentwicklung muß der riesige Schaden berücksichtigt werden, der der sowjetischen Volkswirtschaft in den Jahren des zweiten Weltkrieges zugefügt wurde. 20 Millionen Bürger der Sowjetunion verloren ihr Leben. 25 Millionen Menschen wurden obdachlos. Die faschistischen Truppen vernichteten l.700 Städte und 32.000 Industriebetriebe, 65.000 Kilometer Eisenbahnlinie, 4.000 Eisenbahnstationen, 7.000 Dörfer, 98.000 Kolchosen, l.876 Sowchosen, 2.890 MTS, 127.000 Schulen, Universitäten, Bibliotheken, 6 Millionen Wohnhäuser. 61 Großkraftwerke wurden zerstört.

Rund vier Jahre war die Sowjetunion Kriegsschauplatz; auf ihrem Territorium tobten schwere Vernichtungsschlachten. Der materielle Schaden betrug in der Sowjetunion 2 569 Milliarden Rubel. Das waren mehr als 30 Prozent des Nationalreichtums. In England hingegen verringerte sich der Nationalreichtum im Verlaufe des zweiten Weltkrieges nur um 0,8 Prozent, in Frankreich um 1,5 Prozent. In den USA bewirkte der zweite Weltkrieg sogar einen Wirtschaftsboom. Die Industrieproduktion verdoppelte sich. Der Anteil der USA an der industriellen Produktion der kapitalistischen Welt stieg von 41,4 Prozent im Jahre 1937 auf 62 Prozent im Jahre 1947.
Studenten_UdSSRSowjetische Studenten in einem Hörsaal der Moskauer Lomonossow-Universität

Auch in anderer Hinsicht befanden sich die imperialistischen Mächte in einer außerordentlich vorteilhaften Lage. Sie hatten nach dem zweiten Weltkrieg weiter die Möglichkeit, sich Rohstoffe aus den Entwicklungsländern anzueignen, deren Produktionskosten 13mal billiger waren als z. B. in den USA. Dadurch konnten sich die USA 30 Prozent der Weltenergieerzeugung sichern. Sie brauchten nur 4 Prozent des Bruttosozialprodukts dafür aufzuwenden.

Die Monopole der imperialistischen Hauptländer erzielten Schätzungen zufolge im Zeitraum von 1945 bis etwa 1975 durch die niedrigen Rohstoffpreise einen Monopolprofit von über l.000 Milliarden Dollar.

Ferner konnten in den USA enorme Summen an Ausbildungskosten dadurch eingespart werden, daß skrupellos Hochschulkader aus den Entwicklungsländern abgeworben wurden. Treffend wird diese Politik als „Raub der Gehirne“ bezeichnet. Allein im Finanzjahr 1971/72 belief sich der ökonomische Nutzen auf l,7 Milliarden Dollar. Die Anzahl der abgeworbenen Hochschulkader betrug im Jahre 1962 23.710. Bis 1972 stieg sie auf 48.900. 1972 betrug ihr Anteil in den USA bei Wissenschaftlern 11 Prozent, bei Technikern und Ingenieuren 26 Prozent und bei Ärzten sogar 51 Prozent.

Die Sowjetunion hingegen wurde seit ihrem Bestehen durch die Intervention, den Bürgerkrieg und die Verluste durch den zweiten Weltkrieg um 20 Jahre wirtschaftlicher Entwicklung zurückgeworfen. Trotzdem vermochte sie in 45 Jahren einen Entwicklungsstand zu erreichen, für den die entwickelten kapitalistischen Länder 150 bis 200 Jahre benötigten.
Wirtsch_Moskau_1966ВДНХ – die Volkswirtschaftsausstellung der UdSSR (1966)

Im Jahre 1913 betrug die Industrieproduktion des zaristischen Rußlands nur 12,5 Prozent im Verhältnis zu den USA. Bis 1950 verkürzte die Sowjetmacht den Abstand auf 30 Prozent. 1970 hatte die UdSSR einen Anteil von mehr als 75 Prozent der Industrieproduktion der USA und 1979 mehr als 80 Prozent erreicht. Die außerordentliche Verschiebung im ökonomischen Kräfteverhältnis ergab sich, weil die Industrieproduktion der Sowjetunion von 1951 bis 1984 durchschnittlich um 8,1 Prozent und in den USA um 3,9 Prozent wuchs. …

Aus: Erich Hanke, Ins nächste Jahrhundert, Urania-Verlag, 1987, S.102ff

Kommentar: Prof. Dr. Erich Hanke (Jg.1911) trat 1930 der KPD bei. Nach zweieinhalbjähriger illegaler Tätigkeit in Berlin verurteilten ihn die Faschisten zu 10 Jahren Zuchthaus. Dort begegnete er auch Genossen Erich Honecker, mit dem ihn seitdem eine feste Freundschaft verband. Erich Hanke hatte 1945/46 Funktionen im Staatsapparat inne und war später Mitarbeiter im ZK der SED. Danach studierte und unterrichtete er an der Parteihochschule der SED, wurde Direktor an der Arbeiter-und Bauern-Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin und war bis zu seiner Emeritierung 1962 Professor für Dialektischen und Historischen Materialismus. Eine weitere Buchempfehlung: Hanke, Erinnerungen eines Illegalen (z.B. bei http://www.booklooker.de )

Im übrigen sind seine Prognosen über das „nächste Jahrhundert“ unzutreffend, auch wird Rolle des Revisionismus in der KPdSU nach 1956 falsch eingeschätzt, und von Stalin selbst und dessen überragender Persönlichkeit liest man in beiden Büchern leider wenig.

Siehe auch:
Der Weg der Sowjetunion zum Sieg des Sozialismus
Warum der Sozialismus siegen wird…
http://www.red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/leshnew.htm

Der 65. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus

arton2696-ad90cEin Vortrag von Prof. Dr. med. Moritz Mebel
am 27. März 2010 in Berlin

Der bekannte Urologe wurde 1923 in Erfurt geboren und emigrierte 1932 mit seiner Familie in die Sowjetunion. Von 1941 bis 1947 war Moritz Mebel Angehöriger der Roten Armee und im Krieg an vorderster Front im Einsatz. Sein Medizinstudium, das er 1951 beendete, absolvierte Moritz Mebel in Moskau. Seit 1958 lebte er in der DDR, wo er von 1963 bis 1981 als Chefarzt der Urologie im Krankenhaus Friedrichshain und von 1982 bis 1988 als Klinikdirektor der Charité-Urologie tätig war.

Gedenktage haben wenig Sinn, wenn sie nicht in die Gegenwart und Zukunft hineinwirken. Dazu gehört unbedingt die fundierte Kenntnis der Vergangenheit. Das Gegenteil erleben wir derzeit, wenn es um die historische Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung des Hitlerfaschismus und der Befreiung der Völker Europas vom Faschismus geht. Kern der Geschichtsrevision ist der Antikommunismus in Gestalt des Antisowjetismus. Am liebsten würde man die Sowjetunion und deren Verdienste bei der Zerschlagung des Faschismus aus dem Gedächtnis der Menschheit tilgen. Doch solange das nicht möglich ist, sollen die Leistungen der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg wenigstens weitestgehend diskriminiert werden.

Tödliche Bedrohung

Als Zeitzeuge möchte ich einige Erlebnisse im Großen Vaterländischen Krieg des Sowjetvolkes erzählen.

Am Sonntag, dem 22. Juni 1941, saß ich in der Bibliothek und bereitete mich auf die Semesterprüfungen am 1. Moskauer Medizinischen Institut vor. Um elf Uhr teilte Volkskommissar Wjatscheslaw M. Molotow im Radio mit, daß gegen vier Uhr morgens Einheiten der deutschen Wehrmacht vertragsbrüchig die Grenzen der Sowjetunion in breiter Front überschritten haben, die Städte Minsk, Tallinn, Kiew und Sewastopol wurden aus der Luft bombardiert. Es war Krieg!

Für uns unerwartet schnell stießen die Truppen der Wehrmacht auf breiter Front ins Landesinnere vor. Ende Juli formierte man im Institut aus Studenten ein Arbeitsbataillon.

Südwestlich von der Stadt Orjol mußten wir Panzerabwehrgräben ausheben, nur mit Schaufeln und Hacken ausgerüstet. Die Gräben hatten 3,5 Meter tief und sieben Meter breit zu sein. Leider war diese äußerst schwere Arbeit umsonst, wie sich bald herausstellen sollte. Entweder rollten die feindlichen Panzer weiträumig an den Gräben vorbei, oder deutsche Pioniereinheiten überbrückten sie mit Stahlplatten, so daß die Panzer passieren konnten.

Ende September waren wir wieder in Moskau. Die Stimmung war gedrückt. Betriebe und Verwaltungen wurden in den Osten und Süden des Landes evakuiert. Der Studienbetrieb war seit Wochen eingestellt. Gerüchte und Unsicherheit bestimmten das Klima in der Stadt. Noch heute kann ich mich an den 14. Oktober 1941 erinnern. Es war am frühen Morgen. Im Kommuniqué der Nachrichtenagentur Sowinformbüro hieß es, daß sich die Lage an der Westfront weiter verschlechtert habe. Trotz heldenhaften Widerstandes der Truppen der Roten Armee sei es den deutsch-faschistischen Verbänden gelungen, die Verteidigung bei Moshajsk (etwa 120 Kilometer westlich von Moskau) zu durchbrechen und ihren Angriff in Richtung Moskau weiter vorzutragen. Der Hauptstadt der Sowjetunion drohe eine tödliche Gefahr. Auf Beschluß des Moskauer Parteiaktivs wurden in allen Stadtbezirken Kommunistische Arbeiterbataillone aus Freiwilligen, unabhängig ob Kommunist, Komsomolze oder parteilos, zur Verteidigung Moskaus aufgestellt.

Am nächsten Morgen meldete ich mich im Sammelpunkt. Eine notdürftige militärische Ausbildung begann. Nach einer Woche ging es im Eilmarsch in Richtung Wolokolamsker Chaussee, am Binnenhafen Chimki vorbei. Hier waren bereits Barrikaden errichtet worden. Etwa 30 Kilometer vor Moskau bezogen wir Stellung. Es war bitterkalt, und wir hatten keine Winterkleidung. Unsere Bewaffnung: Vorderlader aus dem 19. Jahrhundert. Die 3. Moskauer Kommunistische Infanteriedivision, in der die Arbeiterbataillone zusammengefaßt worden waren, erhielt den Kampfauftrag, die unmittelbar nach Moskau führenden Straßen zu sichern. Vor uns waren reguläre Einheiten der Roten Armee, der Panfilow-Division, in schwere verlustreiche Kämpfe mit der faschistischen Wehrmacht verwickelt. Jedoch gelang es ihr nicht, unsere Verteidigungslinie zu durchbrechen.

Gemeinsam mit anderen Einheiten der Roten Armee gingen wir zum Angriff über und schlugen die deutsch-faschistischen Truppen etwa 100 Kilometer zurück. Die von uns befreiten Gebiete boten einen schrecklichen Anblick. In Istra am See, wo ich einige Jahre zuvor mit meinen Freunden wandern und zelten gewesen war: niedergebrannte Häuser, umgebrachte kleine Kinder im Ziehbrunnen. (…)

Verbrannt, verwüstet, verschleppt

Unglaublich, unvorstellbar. Jetzt sahen wir die Greueltaten der Hitlerwehrmacht mit eigenen Augen. Im Februar 1942 wurde unsere Infanteriedivision an der Nordwestfront eingesetzt. Zu dieser Zeit hatten wir bereits richtige Gewehre, Wattejacken, Wattehosen, warme Unterwäsche sowie Filzstiefel. Es war bitterkalt, minus 42 Grad Celsius, vor eisiger Kälte und Wind konnte man kaum atmen. Wir erhielten den Befehl, das Dorf Pawlowo wieder einzunehmen. Es war zuvor von einer anderen Einheit gestürmt worden, mußte aber unter großen Verlusten wieder aufgegeben werden. Vor uns tiefer Schnee, kein Hügel, der Deckung bot. Mit »Hurra« stampften wir im Schnee vorwärts, einige blieben liegen, tot oder verwundet. Plötzlich wurde es still, kein Schuß fiel mehr. Wir hatten das Dorf, die brennenden Trümmer, eingenommen. Der Feind war geflohen. In einer bunkerartigen Erdhütte fanden wir die Leiche des Regimentskommissars. Sein Regiment hatte vor uns das Dorf eingenommen. Er war schwer verwundet worden und hatte sich zurückgezogen. Er lehnte an der Wand, seine beiden Unterarme waren verkohlt. Vor ihrem Rückzug hatten ihn die Nazisoldaten angebrannt.
1942-Grief
Leichen von Rotarmisten lagen auf dem hartgefrorenen Boden, wir trugen sie zusammen. Es war eisig kalt, und wie ein Magnet zogen uns die wärmenden brennenden Häusertrümmer an. Bald schlugen wieder deutsche Granaten in unserer Nähe ein. Schleunigst bezogen wir Verteidigungsstellungen am Dorfrand. Am nächsten Morgen stießen wir auf das Dorf Butirkino vor und nahmen es ohne Verluste ein. Im Stillen hoffte jeder von uns, daß es so weitergehen möge. Jedoch das war ein großer Irrtum.

Mittlerweile war ich schon nicht mehr bei meiner Kompanie. 180 Mann zählten wir vor Moskau. Drei davon waren noch im Einsatz, darunter auch ich. Die meisten waren gefallen oder schwer verwundet.

Im März 1942 formierte das Oberkommando hinter der Front eine neue, die 53. Armee. Der Rotarmist Moritz Mebel, seine guten Deutschkenntnisse waren bekannt, wurde in die 7. Abteilung versetzt. Die Aufgabe dieser Abteilung bestand darin, die vor uns liegenden Wehrmachtssoldaten über den verbrecherischen Krieg, den sie führten, aufzuklären. Nach blutigen Kämpfen an der Nordwestfront wurde Ende März 1943 die 53. Armee, wo ich inzwischen als Politoffizier in der »Abteilung für die Arbeit unter den feindlichen Soldaten und der Bevölkerung« gelandet war, abgezogen und östlich vom Kursker Bogen im relativ ruhigen Hinterland stationiert. Es trafen neue Verbände der Roten Armee ein: Alle Einheiten erhielten moderne Kampftechnik. Die Stimmung war gut. Der Sieg bei Stalingrad hatte das militärische Können der Roten Armee für Freund und Feind eindrucksvoll demonstriert. Jedoch stand die faschistische Wehrmacht noch tief im Sowjetland, und die zweite Front in Westeuropa ließ immer noch auf sich warten. Am 5. Juli begann die Schlacht am Kursker Bogen.

In beiderseits verlustreichen Kämpfen konnten die faschistischen Verbände zum Rückzug gezwungen werden. Die von uns befreiten Gebiete waren größtenteils von den zurückweichenden deutschen Truppen verwüstet. Frauen und Mädchen waren durch die faschistischen Besatzer zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt oder auch in Wehrmachtsbordelle hinter die Front verbracht worden.

Vor uns der Dnjepr. Sein westliches Ufer lag bedeutend höher als das östliche. Am westlichen Ufer hatte die Wehrmacht eine neue Verteidigungslinie aufgebaut – den Ostwall. Um den Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, wurde vor dem Dnjepr ein etwa 100 Kilometer breites und tiefes Gebiet total verwüstet: Zone der verbrannten Erde. Noch vorhandene Dorfbewohner, meistens alte Frauen und Männer, Invaliden und Kinder wurden in Scheunen getrieben, die man anzündete, verbliebene Häuser abgefackelt. Nicht nur SS-Schergen haben diese Greueltaten begangen, sondern auch die regulären Soldaten der Wehrmacht. Am Leben gebliebene Einwohner, die flüchten konnten, haben das ausgesagt.

Befreiung Osteuropas

Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten in der Normandie. Endlich war die seit langem versprochene »zweite Front« eine Tatsache geworden. Eine sehr erfreuliche Nachricht. Jedoch, warum so spät? Jeder Kriegstag bedeutete für die Rote Armee ungeheure Blutopfer. Über die Erfolge der Alliierten haben wir unsere Gegner sofort informiert, mit Flugblättern oder über unsere Sprechanlagen. Im weiteren Verlauf der Zeit nahmen die Einheiten unserer Armee an der Liquidierung bzw. Gefangennahme der deutschen Truppen teil, die bei Korsun-Schewtschenkowski eingekesselt waren. Hier wäre ich beinahe unserem Feind in die Hände gefallen. Ein ausgebrochener deutscher Truppenteil hatte für kurze Zeit die Straße besetzt, auf der ich mich in unserem Lautsprecherwagen unterwegs zu einem neuen Einsatzort befand. Wir ahnten nichts Böses, galt doch die Straße als feindfrei.

Kurz vor unserem Eintreffen hatten die deutschen Soldaten die Straße geräumt, und wir passierten ungehindert. Zehn Minuten eher, und wir wären dem Feind in die Arme geraten. Für mich ein qualvoller Tod als deutscher Jude und Politoffizier in der Roten Armee. Gab es doch den berüchtigten Kommissarerlaß Hitlers, den alle Wehrmachtsangehörigen von Anfang an befolgten. Politoffiziere und Juden waren sofort zu erschießen. Für mich stand fest: lieber selbst eine Kugel in den Kopf jagen, aber nicht den Deutschen in die Hände fallen. Hauptsache man hat noch Zeit dazu.

Nachdem die deutsch-faschistischen Truppen im Kessel von Korsun-Schewtschenkowski teils vernichtet, teils gefangengenommen wurden, konnte die ganze Ukrainische SSR befreit werden. Die Einheiten der 2. Ukrainischen Front, darunter auch unsere 53. Armee, hatten nunmehr die Aufgabe, die Moldawische SSR zu befreien.

In Moldawien hat unsere 53. Armee auch die Stadt Balta befreit. Hier gab es noch ein Ghetto. Auf den Straßen bzw. in den Gassen lagen Leichen von erschossenen Juden, darunter auch Kinder. Die Überlebenden erzählten uns, daß kurz vor ihrer Flucht deutsche Feldgendarmerie und SS-Soldaten im Ghetto gewütet hatten. Am 20. August 1944 drangen Einheiten unserer Armee, nachdem sie den Grenzfluß Prut forciert hatten, auf das Territorium Rumäniens vor. Die 53. Armee war die erste, die die westliche Staatsgrenze der UdSSR überschritten hatte. Die Befreiung der Völker Osteuropas vom Hitlerjoch war im vollen Gang. Die rumänische Armee leistete kaum Widerstand.
1944-Bulgary
In Bukarest kam es zu einem Aufstand. Die Rote Armee stand vor den Toren der Hauptstadt. Sie wurde ohne Blutvergießen von unseren Truppen besetzt. Rumänien verließ die Hitlerkoalition und schloß sich den Alliierten an. Das Jahr 1945 war angebrochen. Schon dreieinhalb Jahre dauerte dieser Krieg. Doch jetzt war der Sieg über Hitlerdeutschland in greifbare Nähe gerückt. Aber bis dahin mußten noch viele Menschen ihr Leben lassen.

Wir waren inzwischen in Ungarn, und befanden uns Ende März in der Slowakei. Am 31. März, bei der Einnahme der Stadt Nitra, wurde ich durch eine Handgranate verwundet. Wieder mal hatte ich Glück, wie sich im Feldlazarett herausstellen sollte. Der Splitter saß unmittelbar neben der Wirbelsäule. Dort befindet er sich heute noch.

Erst in der Nacht des 11. Mai hatten die letzten Wehrmachtseinheiten an unserem Abschnitt ihre Kampfhandlungen eingestellt, drei Tage nach der offiziellen Kapitulation Hitlerdeutschlands. Nunmehr war auch für uns die Zeit gekommen, mit einer ordentlichen Portion Wodka auf den Sieg und die Befreiung der Völker Europas vom Faschismus anzustoßen.

Anfang Juni 1945 wurde unsere Armee in Züge verladen, und ab ging es in Richtung Osten. Am 9. Juni hielten wir auf dem Hauptbahnhof in Dresden, ein Foto erinnerte mich daran. Ein erschütternder Anblick: Trümmer soweit das Auge reichen konnte. Mitleid kam in mir auf.

Doch erinnerte ich mich an die Vernichtung von Coventry durch die deutsche Luftwaffe und die Worte Görings: coventrieren – ausradieren, an das Bombeninferno auf Rotterdam, Warschau, Minsk, Leningrad. In dieser Stadt wurden allein im ersten Jahr nach Kriegsbeginn, durch Einkesselung und Bombenhagel eine Million Menschen umgebracht.

Daß Nazis die Dreistigkeit besitzen, heutzutage gegen die Auswirkungen des von Hitlerdeutschland entfachten Krieges zu protestieren, ist infam. Der Opfer von Dresden zu gedenken, darunter ungezählte Kinder, gehört zu unserem humanistischen Selbstverständnis. Aber auch nur für einen Moment zu vergessen, wer den grausamen Bombenkrieg begann, hieße, der Geschichtsrevision auf den Leim gegangen zu sein. Zunehmend bedeutet der sogenannten gesellschaftlichen Mitte die Geschichtsrevision weniger als ein Kavaliersdelikt. Die Vorgänge um die Tochter eines deutschen Besatzers in Polen, geborene Hermann, heute Frau Steinbach, die als Vorsitzende der sogenannten Vertriebenenverbände unentwegt das den Deutschen widerfahrene Unrecht anklagt, belegen dies. Kaum ein Historiker oder Politiker und schon gar nicht die Massenmedien stellen sich der massiven Umdeutung von Geschichte entgegen. Vielmehr sind sie Teil dieser Umdeutung. 65 Jahre nach Kriegsende soll vergessen gemacht werden, was vor den Aussiedlungen Deutscher in Polen und in der Tschechoslowakei geschehen war.

Doch zurück zu unserer Fahrt gen Osten. Unterwegs teilte man uns mit, daß es in die Mongolei geht. Getreu ihren Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten erklärte die Sowjetunion am 8. August 1945 Japan den Krieg. Die 53. Armee wurde an der 1. Sabaikalischen Front eingesetzt.

Mit dem Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und ihren schrecklichen Folgen ging der Krieg schnell zu Ende. Am 2. September kapitulierte Japan.

Im November erhielt ich den Befehl, mich in der Militärverwaltung der sowjetischen Besatzungszone in der politischen Abteilung im Regierungsbezirk Halle-Merseburg zu melden. Während meiner zweijährigen Tätigkeit von November 1945 bis März 1947 bestand eine unserer Hauptaufgaben darin zu helfen, damit die von außen gekommene Befreiung von Krieg und Faschismus nunmehr von der Bevölkerung verinnerlicht wird. Ein schwieriger, langwieriger Prozeß. Er konnte allein von den deutschen Antifaschisten, die überlebt hatten, nicht bewältigt werden. Hinzu kam der Umstand, daß dieser Prozeß in den westlichen Besatzungszonen und in der sowjetischen durch die machtbefugten Institutionen sehr unterschiedlich begleitet wurde.

Winston Churchills Zeugnis

Insbesondere seit Juni 2004 wird in Massenmedien und durch Äußerungen von Politikern suggeriert, daß die Befreiung der Völker Westeuropas vom Faschismus allein durch die Landung der Westalliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie vollzogen wurde. Zu diesem Zeitpunkt stand die Rote Armee an der Weichsel. Im Januar 1945 hat Winston Churchill in einem Telegramm Stalin ersucht, die für Anfang Februar vorgesehene Offensive der Roten Armee vorzuziehen, um die Westverbündeten in den Ardennen von der Offensive der Wehrmacht zu entlasten. Das geschah. Am 5. April 1945 stellte Churchill im Zusammenhang mit der Niederlage der deutschen Armeen an der Westfront fest. »Die Tatsache, daß sie (die Wehrmacht) im Westen an Landtruppen zahlenmäßig unterlegen war, ist den glänzenden Angriffen und der Wucht der sowjetischen Armeen zu verdanken.«

Ein weiterer gefährlicher Aspekt der Geschichtsklitterung besteht darin, daß man den Menschen suggeriert: Opfer sei gleich Opfer. Die Leiden der fliehenden und vertriebenen Deutschen aus den von faschistischen Banditen befreiten Ostgebieten, vergewaltigte deutsche Frauen, zerbombte deutsche Städte sind nicht etwa die Folgen des von Hitlerdeutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs. Auch wird verschwiegen, daß von Kommandostellen der Roten Armee gegen Gewalttaten von Angehörigen der Armee hart durchgegriffen wurde. Es sei nur an die Befehle von Generaloberst Bersarin erinnert. Die Versorgung der Bevölkerung von Berlin mit Nahrungsmitteln und medizinischer Hilfe stand im Mittelpunkt, als seine Stoßarmee am 26. April 1945 in den Vororten der Reichshauptstadt kämpfte. Und es war ein großer Fehler, daß über von Rotarmisten begangene Gewalttaten und ihre Verurteilung durch das Militärtribunal die Bevölkerung nicht informiert werden durfte.

Es bleibt eine unumstößliche Tatsache, daß dank dem Sieg der Alliierten über Hitlerdeutschland, über die faschistischen Aggressoren die Völker Europas, aber auch anderer Kontinente, vom Absturz der menschlichen Zivilisation in die schlimmste Barbarei gerettet wurden. Den höchsten Blutzoll für diesen Sieg und die Befreiung vom Faschismus mußten die Völker der Sowjetunion zahlen.
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Hätte die Sowjetunion, dem bestialischen Wüten der Deutschen in ihrem Land entsprechend, Rache genommen, so wäre die gesamte sowjetische Besatzungszone ein einziges Massengrab. Darüber verliert in diesem Land öffentlich so gut wie niemand ein Wort. Vor uns liegt am 8. Mai 2010 der 65. Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus. Wir werden ihn gemeinsam mit anderen Linken und Antifaschisten begehen. Ich wiederhole noch einmal: Wir müssen uns dafür einsetzen, daß der maßgebliche Anteil der Sowjetunion an der Zerschlagung Hitlerdeutschlands in aller Deutlichkeit benannt wird. Ich unterstreiche die Position, die nicht zuletzt die KPF in dieser Frage einnimmt: Allen Versuchen, der Sowjetunion eine Mitschuld am Krieg zu geben und ihre unermeßlichen Leistungen und Opfer zu schmälern, müssen wir eine Abfuhr erteilen. Allen Tendenzen des Geschichtsrevisionismus, so sehr sie sich auch breitmachen, müssen wir entschiedenen Widerspruch entgegensetzen. Der Krieg war nicht zuletzt für die Deutschen schrecklich, doch er war von deutschem Boden ausgegangen.

Es wäre uns, den Soldaten der Anti-Hitler-Koalition unvorstellbar gewesen, daß 65 Jahre später in Deutschland und in anderen europäischen Ländern wieder Nazis marschieren. Ebensowenig hätte unsere Vorstellungskraft ausgereicht, uns auszumalen, daß von deutschem Boden wieder Krieg ausgehen würde. Heute sind zirka 7000 Bundeswehrsoldaten in zehn Ländern eingesetzt. Am 26. Februar dieses Jahres hat der Bundestag mit überwältigender Mehrheit beschlossen, das deutsche Kontingent im Afghanistan-Krieg um fast 20 Prozent auf 5350 Soldaten zu vergrößern. Die Linksfraktion stimmte geschlossen dagegen. Ich bin sehr froh darüber.

Niemals Ja zu Kriegseinsätzen

Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialistinnen und Sozialisten können in der Welt von heute nur rigorose Kriegsgegner sein.

*nach einem Beitrag aus der Zeitung „junge Welt “ vom 01.04.2010

Siehe auch:
Die Präventivkriegslüge
Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten!
Der 22. Juni 1941 – Überfall Hitlerdeutschland auf die UdSSR
Wofür führte Hitler Krieg?
Ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte

Ärzte in der DDR

Linser

Prof. Dr. Karl Linser:
Warum wir Ärzte unserem Staat vertrauen

Auf der Tagung des Nationalrats der Nationalen Front des demokratischen Deutschland am 18. Oktober 1958 hielt Professor Dr. Karl Linser, Direktor der Hautklinik der Berliner Charite und Verdienter Arzt des Volkes, den folgenden, stark beachteten Diskussionsbeitrag:

Wenn ich mein bisheriges Leben betrachte, dann möchte ich nochmals ein junger Mensch sein und von den Ausbildungsmöglichkeiten Gebrauch machen können die heute in der Deutschen Demokratischen Republik in so reichem Maße gerade unserer Jugend zur Verfügung stehen.

Als Schüler besuchte ich einst das humanistische Gymnasium. Es war aber gar kein Humanismus, der dort gelehrt wurde. Man pflegte den Standesdünkel. Systematisch trennte man uns schon in der Schule von der Arbeiterschaft. Wir deklamierten: „Odi profanum vulgus et arceo“, d.h. „ich hasse das gemeine Volk und halte mich fern von ihm“. Immer wieder versuchte man, uns für ein Heldentum zu begeistern, von dem wir heute wissen, daß es Deutschland in den Abgrund gebracht hat. Wir saßen oft bis in die Nächte und schrieben Aufsätze über Kriegsherren, sogar über die Pferde, die den Tod des Achilles beweinten. Zu unserer Literatur gehörten auch die Kriegsgeschichten des Herrn von Liliencron. Endlich hatte man uns dann soweit, daß wir in das geplante Morden und Sterben geschickt werden konnten. Das war damals die sogenannte humanistische Erziehung.

Im Gegensatz dazu wird unserer heutigen Jugend nunmehr ein echter Humanismus geboten. Sie wird nicht, wie wir, für Raubkriege vorbereitet, sondern sie wird zur friedlichen Arbeit und zur Lebensbejahung erzogen. Nicht zuletzt vertieft der polytechnische Unterricht die Verbindung aller Schichten der Bevölkerung.

Als ich nach dem ersten Weltkrieg Medizin studierte, empfand ich noch in stärkerem Maße die Kluft, die absichtlich zwischen die Intelligenz und die Arbeiter gebracht wurde. Vorbilder waren uns Medizinstudenten damals die Ärzte mit einer reinen Privatpraxis. Den Kassenarzt betrachtete man als einen zweitrangigen Mediziner. Bemitleidet und bespöttelt wurde der Arzt im Arbeiterviertel. Verächtlich sprach man vom Bauerndoktor.

Wie hat sich das nun seit 1945 bei uns alles geändert?

Die Heilkunde in der alten überlieferten Form konnte in dem Nachkriegselend nicht das leisten, was das Volk in seiner Gesamtheit von ihr erwarten mußte. Das wurde mir und zahlreichen anderen Ärzten klar, als wir seinerzeit gegen den Seuchentod ankämpften, der unser Volk bedrohte. Begeistert setzten wir uns für die Errichtung moderner Ambulatorien und Polikliniken ein. Sie wurden speziell an den Brennpunkten der Produktion entwickelt. Ich selbst durfte jetzt eine der schönsten Hautkliniken in Deutschland bauen. In dieser Klinik kann ich wirklich frei arbeiten und mich ganz meinen Patienten, der Lehre und der Forschung in meinem Fachgebiet widmen.
DDR-Kinder
Das wollen die westdeutschen Professoren, die mich hin und wieder besuchen, einfach nicht glauben. Neulich besichtigte ein berühmter Dermatologe aus Westdeutschland unsere Einrichtungen. Ich hatte zuvor meinem Verwaltungsleiter gesagt, er solle mitkommen und dafür sorgen, daß die Besichtigung auch tatsächlich gut und reibungslos vor sich ginge. Der Kollege aus Westdeutschland war tief beeindruckt von dem, was er sehen konnte. Als er dann aber nachher mit mir in meinem Dienstzimmer allein war, fragte er mich: „War das nun Ihr Politkommissar, der Sie zu überwachen hat?“

Immer wieder wird man gefragt, warum trotz der skizzierten ausgezeichneten Arbeitsbedingungen immer noch Ärzte die Republik verlassen.

Ich habe vorhin schon auf die Fehlleistungen der früheren Erziehung hingewiesen. In unserer Jugend wurde uns die sozialistische Entwicklung als etwas ganz Gefährliches hingestellt. Noch immer leben manche Ärzte und auch ihre Kinder bedauerlicherweise in diesen althergebrachten Vorstellungen. Es fällt ihnen schwer, sich von ihnen zu trennen. Wir aber leben in der Gegenwart, und auch die Intelligenz, auch die Ärzte müssen sich, ob sie wollen oder nicht, schließlich der fortschrittlichen Entwicklung der Gesellschaft anpassen. Unmöglich können sie gleichsam im leeren Raum arbeiten, sonst geraten sie unweigerlich in Konflikte. Dies ist leider bei vielen Ärzten noch der Fall. Bei uns ist nicht etwa die Heilkunde in eine Krisis geraten, sondern der Arzt, der sie jetzt unter fortschrittlichen Bedingungen ausüben soll. Nun wurden bei uns tatsächlich da und dort der .Intelligenz und auch den Ärzten gegenüber Fehler gemacht. Auch ich habe mich über manches geärgert, wurde aber dann aktiv und vorstellig bei der Volkskammer oder bei Herrn Axen, d. h. bei der Presse, oder auch bei dem oder jenem Aktivisten, denn Aktivisten sind bei uns sehr maßgebende Leute. Man hat es natürlich leider zu Überspitzungen kommen lassen, und die erschwerten es, die Ärzte aus ihrer Konfliktsituation herauszubringen.

Natürlich ist eine klare Auseinandersetzung mit den Ärzten nötig. Es wäre falsch, dieser Auseinandersetzung etwa aus dem Wege zu gehen. Die Auseinandersetzung führt aber nur dann zum Ziel, wenn sie geduldig und auf wissenschaftlicher Grundlage erfolgt. Am besten bewährt sich hier die Methode der praktischen Beispiele. Immer wieder soll man der neuen und erst recht auch der alten Intelligenz die großen Chancen zeigen, die sie bei uns in der DDR tatsächlich besitzen. Deshalb hat das Kommunique der Sozialistischen Einheitspartei zu den Fragen des Gesundheitswesens und der Medizin die Intelligenz, die Ärzte mit Genugtuung und mit Freude erfüllt.

Krisis in der westdeutschen Medizin

Im Gegensatz zu uns gibt es in Westdeutschland eine wirkliche Krise in der Medizin. Dort bestimmt immer mehr die amerikanische Atompolitik das gesamte Leben. Das aber wirkt sich auch auf die Tätigkeit der Ärzte aus. An den Universitäten wird ein innerer Strukturwandel beobachtet. Durch spezielle Aufgaben der den Kriegsvorbereitungen dienenden Industrie wird die notwendige Einheit von Lehre und Forschung immer mehr durchlöchert. Die Industrie bezahlt die Forschungen und zwingt zur Geheimhaltung der Ergebnisse. Das aber gefährdet die Freiheit der Forschung. Schon sprachen Voigt in Tübingen und Kiemen in München davon, daß die Risse an westdeutschen Universitäten immer größer werden, daß die Universitäten auseinanderfallen und anscheinend dem Untergang geweiht seien, sich zumindest immer mehr zu Fachschulaggregaten entwickeln.

Republikflüchtige Ärzte

Ich war jetzt in Düsseldorf, sah wieder die Oberflächlichkeit, in der zahllose Menschen in Westdeutschland dahinleben. Viele führen dort einen Tanz um das Goldene Kalb aus. Manchmal hat man aber das Gefühl, daß das nichts mehr als ein Tanz auf dem Vulkan ist. In Düsseldorf traf ich auch aus der DDR geflüchtete Ärzte. Sie klagten über die Arroganz, mit der man ihnen drüben immer wieder begegnet. So sprach ich mit einem Kollegen, der einst bei uns Chefarzt einer großen Klinik war. Er besaß ein herrliches Villengrundstück, und es ging ihm in jeder Beziehung gut. Es war Herr Dr. Wesner aus Gera. Er hat drüben das Krankenhaus nicht bekommen, das ihm der Abwerber versprochen hatte. Vergeblich hat er sich bisher um eine Kassenzulassung bemüht, ohne die ein Arzt drüben kaum leben kann. Es ist ein schweres, aber selbstverschuldetes Los für einen Vater mit zahlreichen Kindern.

Auch Herrn Professor Hämel habe ich gesehen. Er war recht bedrückt. Nie wird er in Westdeutschland die wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen erhalten, die er bei uns einst besaß. Trotz seiner Flucht war übrigens die 400-Jahr-Feier der Jenaer Universität für alle die zahlreichen Professoren, die aus der ganzen Welt gekommen waren, ein Erlebnis, das allen Teilnehmern unvergeßlich sein wird. Es war ein erhebendes Gefühl, als wir Universitätslehrer von der Universität zum Volkshaus zogen und uns die Jenaer Bevölkerung zujubelte. Ganz besonders aber haben uns die Ovationen beeindruckt, die uns Zeiß-Arbeiter entgegenbrachten. Als dann die Professoren ihre Brillen abnahmen und sie in Dankbarkeit den Zeiß-Arbeitern, die die Brillengläser produziert hatten, entgegenhielten, konnte und mußte jeder sehen, daß bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik die Verbindung der Intelligenz mit den Arbeitern eine reale Tatsache ist. Für mich Jedenfalls war das eine von Herzen kommende Demonstration, an die ich mich noch lange erinnern werde.

Abfuhr für Lemmer-Manöver

Wir in der Deutschen Demokratischen Republik arbeiten nämlich nicht gegeneinander, sondern wir arbeiten immer besser miteinander, weil der Arbeiter den Wissenschaftler und der Wissenschaftler wieder den Arbeiter braucht. Wie Sie heute aus der Zeitung entnehmen konnten, paßt Herrn Lemmer diese Harmonie nicht. Er sucht sie zu stören. Durch Anrufe sollten Dresdener Ärzte zur Flucht veranlaßt werden. Auch meine Frau in Berlin bekam vor wenigen Wochen zweimal hintereinander einen solchen Anruf, in dem ihr mitgeteilt wurde, daß ich in den nächsten Tagen verhaftet werden würde. Seien Sie überzeugt, daß der Anrufer bei seinem letzten Anruf wenigstens telefonisch die richtige Antwort bekommen hat. Unsere Ärzte lassen sich durch solche plumpen Manöver nicht mehr länger beunruhigen. Immer vertrauensvoller werden die Beziehungen zwischen der Intelligenz und der Staatsmacht. Die Regierung achtet uns, und wir achten unsere Regierung.

Diese schöne Zusammenarbeit könnte auch auf den gesamtdeutschen Maßstab übertragen werden. In ihrer Note an die vier Großmächte schlug unsere Regierung die Schaffung einer Kommission zur Ausarbeitung eines Friedensvertrags mit Gesamtdeutschland vor. Bei richtiger Überlegung werden auch die westdeutschen Ärzte diesen Schritt aus vollstem Herzen begrüßen. Auch dem neuen Vorschlag unserer Regierung an die Deutsche Bundesrepublik muß jeder westdeutsche Arzt seine Zustimmung geben. Die in diesem Vorschlag empfohlene Kommission aus Vertretern beider deutschen Staaten würde dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, in seiner Gesamtheit mit den vier Großmächten zu verhandeln. So kommen wir endlich der Vereinigung unseres Vaterlandes auf demokratischer Grundlage näher.

PoliklinikDie Dresdener Ärzte und Wissenschaftler Prof. Dr. Güttner, Rektor der Medizinischen Akademie Dresden und Direktor des Pathologischen Instituts, Prof. Dr. Sprung, Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Prorektor und Direktor der Chirurgischen Klinik an der Medizinischen Akademie Dresden, Dr. Stock, Facharzt für • Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten in eigener Praxis, Dresden, übergaben der Öffentlichkeit am 18. Oktober folgende wichtige Erklärung:

In Sorge um die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung und um das Schicksal ihrer Berufskollegen wenden sich die Unterzeichneten an die Öffentlichkeit, um sie von folgendem in Kenntnis zu setzen:
In den letzten Tagen wurde mehrfach versucht, uns durch anonyme telefonische Anrufe und schriftliche Mitteilungen zu beunruhigen mit dem Ziel, unser Vertrauen zu den Staatsorganen zu untergraben. Durch Ankündigung von angeblichen Verhören oder Haussuchungen und durch Drohbriefe wurde versucht, uns unter Druck zu setzen. Wir haben uns persönlich davon überzeugt, daß alle diese Ankündigungen erlogen waren und jeglicher Grundlage entbehrten.
Wir teilen dies unseren Berufskollegen mit, um sie von solchen gewissenlosen Methoden in Kenntnis zu setzen, damit sie sich in ähnlichen Fällen nicht beunruhigen lassen und vor unüberlegten Schritten bewahrt bleiben.

Prof. Dr. Güttner
Prof. Dr. Sprung
Dr. Stock

Siehe auch:
Das Gesundheitswesen in der DDR

Haben wir das bedacht?

Ein sehr treffendes Gedicht – finde ich…
logoHaben wir das bedacht

Faschismus ist keine Meinung
Aber eine bürgerliche Herrschaftsform.
Die terroristische Diktatur
Der reaktionärsten, am meisten imperialistischen Kräfte des Kapitals:
Ausrottung, Vernichtung, Völkermord
In nie zuvor in der Geschichte gekanntem Ausmaß!
Handtaschenraub ist ein Verbrechen.

Es braucht keine Kopie der deutschen Nazi-Faschisten
Die bürgerliche Machtelite hält sich jede Option
Für die autoritäre Ausübung ihrer Herrschaft –
Und die dafür nötigen ideologischen Nebelkerzen –
Auf alle Fälle offen.

Bei hinreichender Rendite
Und zur Brechung revolutionärer Entwicklungen
Stampft das Kapital jedes menschliche Gesetz in Grund und Boden.
Wer vom Kapitalismus nicht reden will
Sollte vom Faschismus schweigen.

Bei parlamentarisch-demokratischer Machtausübung
Verbietet die Bourgeoisie dagegen nur selten politische Organisationen
Und wenn, dann sind es doch immer die Kommunisten
Gerade wieder in Lettland, Tschechien, Polen…

Wenn wir vom Apparat der führenden ökonomischen Macht
Im sich formierenden imperialistischen Europa
Heute das Verbot einer ihrer Nazi-Parteien fordern –
Haben wir das bedacht?

Kai Degenhardt

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Das Hakenkreuz wurde zwar zerschlagen,
doch beseitigt wurde es noch nicht…

Was ist Glück?

Johannes R. Becher

Glück
Was ist das Glück? Ist es ein Augenblick:
Die Stunden stehen plötzlich still, die schwanken,
Ist das das Glück: versunkene Gedanken,
Sie ziehen dich tief, tief in die Zeit zurück…

Ist das das Glück: ich seh, aus einem Stück
Sind Himmel, Meer und alle Festen wanken?!
Ist das das Glück: wenn ich die Hand dir drück‘?
War es das Glück, als unsre Arme sanken

Und spürten, wie das Leben draus entschwand?
Wer könnte drauf eine Antwort geben.
Da keiner nach dem Tode noch gestand…

Mir scheint, ich habe Glück in diesem Leben,
Da ich in meiner Zeit gewaltigem Streite
Die Waffe führe auf der richtigen Seite.

Fünf Ratschläge

Dzerzhinskij

Fünf Ratschläge für einen Revolutionär

von Feliks Dzerzynski

1. Eigne dir ausreichend Wissen über die Erfordernisse der revolutionären Aktion an. Fürchte dich nicht, wenn dich jemand einen Dilettanten nennt. Denke daran, daß die Wissenschaft wichtig ist, weil sie im Leben nützlich ist, daß man die allgemeine Theorie erforschen muß, und daß man den Kopf zum Denken hat. Dann wird dieses Wissen für dich am wertvollsten sein. Es lohnt nicht, sich mit Metaphysik oder Philosophie zu befassen, die nur für ein nettes Wortspiel gut sind, aber nicht geeignet sind als Werkzeug zur Beschreibung der realen Welt.

2. Lies und studiere mehr Bücher über soziale Fragen: historische, über politische Ökonomie, über die Lage der Arbeiter in Rußland und Westeuropa und über die Entwicklung der Produktivkräfte.

3. Wenn dir das Material zu schwer oder gar unverständlich ist, solltest du dich kritisch damit auseinandersetzen und andere Literatur wählen.

4. Man kann nicht sofort den Inhalt eines Buches verstehen, das umfangreiches Wissen und ein ausführliches Lesen erfordert. Um sich kritisch darauf beziehen, mußt du über die Erkenntnistheorie Bescheid wissen und in der Lage sein, den philosophischen Zusammenhang zwischen Freiheit und Notwendigkeit herauszufinden. Das wichtigste, um einen Autor zu verstehen, ist Sachkenntnis und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen.

5. Ein Buch muß man mit dem Bleistift in der Hand lesen, damit man die wichtigsten Gedanken und Meinungen markieren kann, um dann sein Wissen zu überprüfen.

Benjamin fragt:

Was denkst Du eigentlich über die DDR, und was sagst Du zu Stalin?

Hallo Benjamin,
was denke ich eigentlich über die DDR? Nun, ich bin in der DDR geboren. Dieses Land war mein Vaterland. Ich habe hier gelebt, gelacht, gelernt, studiert, gearbeitet – kurzum: ich habe dieses Land mit allen seinen Mängeln und Fehlern geliebt. Ich war nie arbeitslos, denn bei uns gab es das nicht. Es gab auch keine Zukunftsangst, wie das heute bei vielen Menschen der Fall ist. Ich konnte zum Zahnarzt gehen, ohne dafür etwas bezahlen zu müssen. Die Frauen hatten jeden Monat einen freien Haushaltstag, um ihre Kinder zu betreuen. Und so mancher Betrieb hatte sogar eine Kinderkrippe, wo ausgebildete Erzieherinnen den ganzen Tag für die Kleinen da waren, mit ihnen spielten, und das kostete keinen Pfennig. Selbstverständlich bekamen die Frauen den gleichen Lohn wie ihre männlichen Kollegen, und viele Frauen haben sich sogar neben dem Beruf noch qualifiziert, studiert oder ihren Meister gemacht. Es gab viel Kollektivität, die Menschen haben einander geholfen. Ja, das waren nur einige der Vorzüge unseres sozialistischen Vaterlandes. Sicher, es gab bei uns auch die Polizei und das MfS, aber davon habe ich nicht allzuviel gemerkt. Sie waren einfach da. Und das war auch gut so. Denn man darf nicht vergessen, die Betriebe und die Produktionsmittel waren Volkseigentum. Und seit der Gründung der DDR gab es eine Menge Leute, denen diese Richtung nicht paßte: ehemalige Großgrundbesitzer, Adlige, Fabrikbesitzer, Spekulanten, Schieber, ehemalige Nazis. Die meisten von denen haben anfangs ihr Geld und ihren Schmuck geschnappt und sind in den Westen abgehauen. Einige haben sogar noch schnell in der DDR studiert und sind danach geflüchtet. Bis 1961 wurden viele Fachkräfte in den Westen ausgeschleust. Doch dann wurde die Grenze endlich zugemacht. Ich muß sagen, mich hat das nicht gestört. Im Gegenteil. Wir hatten trotzdem unsere Ferien, und wir konnten sogar mit Jugendtourist günstig ins Ausland verreisen.

Und zu Stalin? Die Sowjetunion war das erste sozialistische Land auf dieser Erde. Die Arbeiter und Bauern haben 1917 die Kulaken, die Ausbeuter und andere Parasiten davongejagt, sie haben die Macht übernommen. Das war nicht leicht. Es gab fast immer feindliche Überfälle, Sabotage in den Betrieben, und es gab Bürgerkrieg. Dabei standen die Kommunisten an der Spitze der revolutionären Arbeiterklasse und Bauern. Viele ehrliche Arbeiter, viele Kommunisten mußten damals ihr Leben lassen. Lenin hatte sich zuvor über den Kommunismus ausführliche Gedanken gemacht. Und Stalin setzte dieses Werk fort. An der Spitze der Kommunistischen Partei führte er dieses Riesenland aus bitterster Armut zu kosmischen Erfolgen. Du kannst Dir sicher vorstellen, welch eine gewaltige Leistung das war. Es wurden riesige Staudämme gebaut, Wasserkraftwerke, Traktorenfabriken usw. Dann kam 1941 der faschistische Überfall. Heldenhaft verteidigten die Völker der Sowjetunion ihr Land. Unter riesigen Verlusten befreiten sie schließlich ganz Europa vom Faschismus. Und Stalin war nicht nur ein bedeutender Staatsmann, sondern auch ein kluger Heerführer. Wenn heute von Millionen Toten des „Terrors unter Stalin“ gesprochen wird, so muß man sagen, daß denen die davon reden, keine Lüge groß genug ist, wenn es nur gegen den Sozialismus geht. (Das haben wir ja sehr anschaulich auch an der DDR gemerkt, die heute als „Unrechtsstaat“ beschimpft wird.) Nach Stalins Tod kam Chrustschow an die Macht, und er verleumdete seinen Vorgänger wo immer er nur konnte. 1956 beschuldigte er Stalin des Personenkults und gab vor, den Sozialismus „wieder herstellen“ zu müssen. Man muß wissen, daß gerade er sich stets hervorgetan hatte, wenn es darum ging, Verräter oder angebliche Volksfeinde „umzulegen“. Mit seinen oft widersinnigen wirtschaftlichen Kampagnen wie „Rinderoffenställe“ oder „Wurst am Stengel“ (Mais) und mit seiner hinterhältigen Außenpolitik säte Chrustschow Zwietracht unter die sozialistischen Länder, und er verriet die Ideale seines ganzen Volkes. Das brauchte der russische Gangster „Gorbi“ nur noch zu vollenden, um den Untergang des ersten sozialistischen Landes der Welt zu besiegeln. Heute haben dort die Oligarchen wieder die Macht. Sie schmeißen die Gläser an die Wand und freuen sich ihres Erfolges. So war das, und so ist es heute!

Das ist nun doch ein bißchen länger geworden als ich dachte, aber ich hoffe, daß Du verstehst, warum wir die DDR als die größte Errungenschaft der deutschen Arbeiterklasse betrachten und warum wir auch Stalin als einen hervorragenden Staatsmann ehren.

Mit den besten Wünschen!
Sascha
Palast der RepublikDDR-Kulturpalast in Dresden

Lies auch:
Gab es eigentlich einen Sozialismus in der DDR? (+ ein paar Bilder)
Ljubow Pribytkowa – Und wieder mal über Stalin
…sie werden es nicht verstehen, diese bürgerlichen „Historiker“

Albert Einstein: Warum Sozialismus (1949)

Das folgende Essay „Why Socialism“ gehört sicherlich zu den unbekanntesten Arbeiten Albert Einsteins und wurde erstmals 1949 in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Monthly Review“ veröffentlicht. Die Tatsache, daß sich Einstein einen Großteil seines Lebens als Sozialist verstand und gegen Faschismus und Krieg engagierte, wird von den bürgerlichen Medien gerne verschwiegen.

Albert Einstein
Warum Sozialismus?

Ist es nun ratsam für jemanden, der kein Experte auf dem Gebiet ökonomischer und sozialer Fragen ist, sich zum Wesen des Sozialismus zu äußern? Ich denke aus einer Reihe von Gründen, daß dies der Fall ist.

Laßt und die Frage vorerst vom Standpunkt der wissenschaftlichen Erkenntnisse aus betrachten. Es mag so erscheinen, als ob es keine wesentlichen methodologischen Unterschiede zwischen Astronomie und Ökonomie gäbe: Wissenschaftler beider Gebiete versuchen allgemein akzeptable Gesetze für eine begrenzte Anzahl von Phänomenen zu entdecken um deren Zusammenhänge so verständlich wie möglich zu machen. Aber in Wirklichkeit existieren solche methodologischen Unterschiede. Die Entdeckung von allgemeingültigen Gesetzen im Bereich der Ökonomie wird dadurch erschwert, daß die zu betrachtenden ökonomischen Phänomene von vielen Faktoren beeinflußt sind, die einzeln schwer zu beurteilen sind. Außerdem waren die Erfahrungen, die sich seit Beginn der sogenannten „zivilisierten Periode“ der menschlichen Geschichte angesammelt haben – wie wir wissen – stark von Faktoren beeinflußt und beschränkt, die keineswegs ausschließlich ökonomischer Natur sind. Zum Beispiel verdanken die größeren Staatengebilde ihre Existenz den Eroberungen. Die erobernden Völker machten sich selbst – gesetzlich und wirtschaftlich gesehen – zur privilegierten Klasse des eroberten Landes. Sie sicherten sich das Monopol an Landbesitz und ernannten Priester aus ihren eigenen Reihen. Diese Priester – die die Macht über das Erziehungswesen hatten – institutionalisierten die Teilung der Gesellschaft in Klassen und schufen ein Wertesystem, daß die Menschen von da an – in einem hohen Grad unbewußt – in ihrem sozialen Verhalten leitete.

Aber auch wenn diese historische Tradition eigentlich der Vergangenheit angehört, haben wir das was Thorstein Veblen die „räuberische Phase“ der menschlichen Entwicklung nannte nirgends wirklich überwunden. Die wahrnehmbaren ökonomischen Fakten gehören zu eben dieser Phase und selbst diejenigen Gesetze, die wir aus ihnen ableiten können sind nicht auf andere Phasen anwendbar. Da es das reale Ziel des Sozialismus ist, genau über diese räuberische Phase menschlicher Entwicklung zu Siegen und diese zu überwinden, kann die heutige wissenschaftliche Ökonomie wenig Licht auf die zukünftige sozialistische Gesellschaft werfen.

Zum Zweiten ist der Sozialismus auf ein sozial-ethisches Ziel ausgerichtet. Wissenschaft kann jedoch keine Ziele schaffen, geschweige denn sie den Menschen einflößen: Wissenschaft kann bestenfalls die Mittel liefern, mit denen bestimmte Ziele erreicht werden können.

Aber die Ziele selbst werden von Persönlichkeiten mit hochgesteckten ethischen Idealen erdacht und – wenn diese Ziele nicht totgeboren, sondern vital und kraftvoll sind – werden sie von den vielen Menschen übernommen und weitergetragen, die teilweise unbewußt die langsame Weiterentwicklung der Gesellschaft bestimmen.

Aus diesen Gründen sollten wir auf der Hut sein und keine Wissenschaft und wissenschaftliche Methode überschätzen, wenn es um eine Frage der Probleme der Menschheit geht; und wir sollten nicht davon ausgehen, daß Experten die einzigen sind, die ein Recht darauf haben, sich zu Fragen zu äußern, die die Organisation der Gesellschaft betreffen.

Unzählige Stimmen behaupten seit geraumer Zeit, daß nun, da die menschliche Gesellschaft eine Krise durchmache, ihre Stabilität ernsthaft erschüttert worden sei. Es ist charakteristisch für solch eine Situation, daß sich Individuen gleichgültig oder sogar feindlich gegenüber der kleinen oder großen Gruppe verhalten, zu der sie gehören. Hierzu eine persönliche Erfahrung: Ich erörterte vor kurzem mit einem intelligenten und freundlich gesonnenen Mann die Bedrohung durch einen erneuten Krieg, der meiner Meinung nach die Existenz der Menschheit ernsthaft gefährden würde, und ich bemerkte, daß nur eine supranationale Organisation Schutz vor dieser Gefahr gewährleisten könnte. Daraufhin sagte mein Besucher sehr ruhig und gelassen: „Warum bist du so vehement gegen das Verschwinden der Menschheit?“

Ich bin mir sicher, daß ein Jahrhundert früher niemand so leicht eine derartige Bemerkung gemacht hätte. Es ist die Aussage eines Mannes, der sich vergebens bemüht hat, sein inneres Gleichgewicht zu finden und der mehr oder weniger die Hoffnung auf Erfolg verloren hat. Es ist der Ausdruck einer schmerzhaften Vereinsamung und Isolation, an der so viele Leute in dieser Zeit leiden. Was ist die Ursache? Gibt es einen Ausweg?

Es ist einfach, solche Fragen aufzuwerfen, viel schwieriger hingegen, sie mit Gewißheit zu beantworten. Doch das muß ich versuchen, so gut ich kann, obwohl ich mir der Tatsache bewußt bin, daß unsere Gefühle und unsere Bestrebungen oft widersprüchlich und obskur sind, und daß sie nicht in einfachen Formeln ausgedrückt werden können.

Der Mensch ist gleichzeitig ein Einzel- und ein Sozialwesen. Als ein Einzelwesen versucht er, seine eigene Existenz und die derjenigen Menschen zu schützen, die ihm am nächsten sind sowie seine Bedürfnisse zu befriedigen und seine angeborenen Fähigkeiten zu entwickeln. Als ein Sozialwesen versucht er, die Anerkennung und Zuneigung seiner Mitmenschen zu gewinnen, ihre Leidenschaften zu teilen, sie in ihren Sorgen zu trösten und ihre Lebensumstände zu verbessern. Allein die Existenz dieser vielseitigen, häufig widerstreitenden Bestrebungen macht den speziellen Charakter des Menschen aus, und die jeweilige Kombination bestimmt, inwieweit ein Individuum sein inneres Gleichgewicht erreichen und damit etwas zum Wohl der Gesellschaft beitragen kann. Es ist gut vorstellbar, daß die relative Kraft dieser beiden Antriebe hauptsächlich erblich bedingt ist. Aber die Persönlichkeit wird letztlich weitestgehend von der Umgebung geformt, die ein Mensch zufällig vorfindet, durch die Gesellschaftsstruktur, in der er aufwächst, durch die Traditionen dieser Gesellschaft und dadurch, wie bestimmte Verhaltensweisen beurteilt werden. Der abstrakte Begriff „Gesellschaft“ bedeutet für den einzelnen Menschen die Gesamtheit seiner direkten und indirekten Beziehungen zu seinen Zeitgenossen den Menschen früherer Generationen. Das Individuum allein ist in der Lage, zu denken, zu fühlen, zu kämpfen, selbständig zu arbeiten; aber er ist in seiner physischen, intellektuellen und emotionalen Existenz derart abhängig von der Gesellschaft, daß es unmöglich ist ihn, außerhalb des gesellschaftlichen Rahmens über zu betrachten. Es ist die „Gesellschaft, die den Menschen Kleidung, Wohnung, Werkzeuge, Sprache, die Formen des Denkens und die meisten Inhalte dieser Gedanken liefert, sein Leben wird durch die Arbeit möglich gemacht und durch die Leistungen der vielen Millionen Menschen früher und heute, die sich hinter dem Wörtchen „die Gesellschaft“ verbergen.

Deshalb ist die Abhängigkeit des Einzelnen von der Gesellschaft ein Naturgesetz, das – wie im Falle von Ameisen und Bienen – offenbar nicht einfach so abgeschafft werden kann. Doch während der gesamte Lebensprozeß von Ameisen und Bienen bis hin zum kleinsten Detail an starre, erbliche Instinkte gebunden ist, sind die sozialen Muster und die engen sozialen Verbindungen der Menschen sehr empfänglich für verschiedenste Veränderungen. Das Gedächtnis, die Kapazität, Neues zu versuchen und die Möglichkeit, mündlich zu kommunizieren haben für den Menschen Entwicklungen möglich gemacht, die nicht von biologischen Gegebenheiten diktiert wurden. Solche Entwicklungen manifestieren sich in Traditionen, Institutionen und Organisationen, in der Literatur, in wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, in künstlerischen Arbeiten. Das erklärt, weshalb der Mensch in einem gewissen Sinne sein Leben selbst beeinflussen kann, und daß in diesem Prozeß bewußtes Denken und Wollen eine Rolle spielt. Der Mensch erwirbt mit der Geburt durch Vererbung eine biologische Grundlage, die wir als fest und unabänderlich betrachten müssen.

Dies schließt die natürlichen Triebe ein, die für die menschliche Spezies charakteristisch sind. Darüber hinaus erwirbt er während seines Lebens eine kulturelle Grundlage, die er von der Gesellschaft durch Kommunikation und durch viele andere Arten von Einflüssen übernimmt. Es ist diese kulturelle Grundlage, die im Lauf der Zeit Änderungen unterworfen ist, und die zu einem großen Teil die Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft bestimmt. Die moderne Anthropologie hat uns durch vergleichende Untersuchungen der sogenannten „primitiven Kulturen“ gelehrt, daß das soziale Verhaften von Menschen sehr unterschiedlich sein kann und jeweils abhängig ist von den vorherrschenden kulturellen Mustern und dem in der Gesellschaft vorherrschenden Organisationstyp. Auf diese Tatsache können diejenigen bauen, die das Los der Menschen verbessern wollen: Menschen werden nicht durch ihre biologischen Konstitution dazu verdammt, einander zu vernichten oder auf Gedeih und Verderb einem schrecklichen, selbst auferlegten Schicksal zu erliegen.

Wenn wir uns fragen, wie die Gesellschaftsstruktur und die kulturelle Einstellung des Menschen geändert werden soll, um das menschliche Leben so befriedigend wie möglich zu machen, sollten wir uns immer bewußt sein, daß es bestimmte Bedingungen gibt, die wir unmöglich verändern können. Wie bereits erwähnt, sieht die biologische Natur des Menschen in der Praxis keine Änderung vor. Des weiteren haben technologische und demographische Entwicklungen der letzten Jahrhunderte Bedingungen geschaffen, die bleibend sind. Bei einer relativ hohen Bevölkerungsdichte und mit Blick auf die Waren, die für ihre Existenz unentbehrlich sind, sind eine extreme Arbeitsteilung und ein hoch zentralisierter Produktionsapparat unbedingt notwendig. Die Zeiten, in denen Individuen oder relativ kleine Gruppen völlig autark sein konnten – und die zurückblickend so idyllisch erscheinen – sind unwiderruflich vorbei. Es ist nur eine leichte Übertreibung, zu behaupten, daß die Menschheit jetzt sogar eine weltweite Gemeinschaft in Bezug auf Produktion und Verbrauch bildet.

An diesem Punkt angelangt kann ich kurz aufzeigen, was für mich das Wesen der Krise unserer Zeit ausmacht. Es betrifft die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft. Der Einzelne ist sich seiner Abhängigkeit von der Gesellschaft bewußter als je zuvor. Aber er erfährt diese Abhängigkeit nicht als etwas Positives, Organisches, als Schutzgewalt, sondern eher als eine Bedrohung seiner naturgegebenen Rechte, oder sogar seiner ökonomischen Existenz. Außerdem ist seine Stellung in der Gesellschaft so, daß die egoistischen Triebe ständig hervorgehoben, während die sozialen Triebe, die er von Natur aus hat, schwächer werden und immer mehr verkümmern. Alle Menschen leiden unter diesem Prozeß der Verschlechterung – ganz gleich welche Stellung sie in der Gesellschaft innehaben. Als unwissentlich Gefangene ihrer eigenen Ichbezogenheit fühlen sie sich unsicher, einsam und des ursprünglichen, einfachen und schlichten Genusses des Lebens beraubt. Der Mensch kann den Sinn seines kurzen und bedrohten Lebens nur innerhalb der Gesellschaft finden.

Die ökonomische Anarchie der kapitalistischen Gesellschaft heute ist meiner Meinung nach die eigentliche Ursache des Übels. Wir sehen vor uns eine riesige Gemeinschaft von Erzeugern, deren Mitglieder unaufhörlich bestrebt sind, einander die Früchte ihrer kollektiven Arbeit zu entziehen, – nicht mit Gewalt, aber in getreuer Einhaltung der gesetzlich feststehenden Regeln.

In dieser Hinsicht ist es wichtig, zu realisieren, daß die Produktionsmittel – d.h. die ganze produktive Kapazität, die für das Produzieren von Verbrauchsgütern wie auch zusätzlichen lnvestitionsgütern erforderlich ist, – gesetzlich gesehen im privaten Besitz von Individuen sein können und zum größten Teil ist das auch so.

Um es einfacher zu machen werde ich im folgenden all jene als „Arbeiter“ bezeichnen, die kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzen – auch wenn dies nicht der üblichen Verwendung des Ausdrucks entspricht. Der Eigentümer der Produktionsmittel ist in einer Position, in der er die Arbeitskraft des Arbeiters kaufen kann. Mit den Produktionsmitteln produziert der Arbeiter neue Waren, die ins Eigentum des Kapitalisten übergehen. Wesentlich in diesem Prozeß ist die Relation zwischen dem, was der Arbeiter verdient und dem, was ihm dafür bezahlt wird – beides gemessen am wirklichen Wert. Dadurch daß der Arbeitsvertrag „offen“ ist, wird das was der Arbeiter erhält nicht vom wirklichen Wert der produzierten Waren bestimmt, sondern durch seinen Minimalbedarf und durch die Erfordernisse des Kapitalisten im Zusammenhang mit der Zahl der Arbeiter, die miteinander um die Arbeitsplätze konkurrieren. Es ist wichtig, zu verstehen, daß sogar in der [ökonomischen] Theorie die Bezahlung des Arbeiters nicht vom Wert seines Produkts bestimmt wird.

Privates Kapital tendiert dazu, in wenigen Händen konzentriert zu werden – teils aufgrund der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten und teils, weil die technologische Entwicklung und die wachsende Arbeitsteilung die Entstehung von größeren Einheiten auf Kosten der kleineren vorantreiben. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist eine Oligarchie von privatem Kapital, dessen enorme Kraft nicht einmal von einer demokratisch organisierten politischen Gesellschaft überprüft werden kann. Dies ist so, da die Mitglieder der gesetzgebenden Organe von politischen Parteien ausgewählt sind, die im wesentlichen von Privatkapitalisten finanziert oder anderweitig beeinflußt werden und in der Praxis die Wähler von der Legislative trennen. Die Folge ist, daß die „Volksvertreter“ die Interessen der unterprivilegierten Schicht der Bevölkerung nicht ausreichend schützen. Außerdem kontrollieren unter den vorhandenen Bedingungen die Privatkapitalisten zwangsläufig direkt oder indirekt die Hauptinformationsquellen (Presse, Radio, Bildung). Es ist deshalb äußerst schwierig und, für den einzelnen Bürger in den meisten Fällen fast unmöglich, objektive Schlüsse zu ziehen und in intelligenter Weise Gebrauch von seinen politischen Rechten zu machen.

Die Situation in einem Wirtschaftssystem, das auf dem Privateigentum an Kapital basiert wird durch zwei Hauptprinzipien charakterisiert: erstens sind die Produktionsmittel (das Kapital) in privatem Besitz, und die Eigentümer verfügen darüber, wie es ihnen paßt; zweitens ist der Arbeitsvertrag offen. Natürlich gibt es keine rein kapitalistische Gesellschaft. Vor allem sollte beachtet werden, daß es den Arbeitern durch lange und bittere politische Kämpfe gelungen ist, bestimmten Kategorien von Arbeitern eine ein wenig verbesserte Form des „nichtorganisierten Arbeitervertrags“ zu sichern. Aber als Ganzes genommen unterscheidet sich die heutige Wirtschaft nicht sehr von einem „reinem“ Kapitalismus.

Die Produktion ist für den Profit da – nicht für den Bedarf. Es gibt keine Vorsorge dafür, daß all jene, die fähig und bereit sind, zu arbeiten immer Arbeit finden können. Es gibt fast immer eine „Herr von Arbeitslosen“. Der Arbeiter lebt dauernd in der Angst, seinen Job zu verlieren. Da arbeitslose und schlecht bezahlte Arbeiter keinen profitablen Markt darstellen, ist die Warenproduktion beschränkt und große Not ist die Folge. Technologischer Fortschritt führt häufig zu mehr Arbeitslosigkeit statt zu einem Milderung der Last der Arbeit für alle. Das Gewinnmotiv ist in Verbindung mit der Konkurrenz zwischen den Kapitalisten für Instabilität in der Akkumulation und Verwendung des Kapitals verantwortlich und dies bedeutet zunehmende Depressionen. Unbegrenzte Konkurrenz führt zu einer riesigen Verschwendung von Arbeit und zu dieser Lähmung des sozialen Bewußtseins von Individuen, die ich zuvor erwähnt habe.

Diese Lähmung der Einzelnen halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.

Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. in solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren. Die Bildung hätte zum Ziel, daß die Individuen zusätzlich zur Förderung ihrer eigenen angeborenen Fähigkeiten einen Verantwortungssinn für die Mitmenschen entwickeln anstelle der Verherrlichung von Macht und Erfolg in unserer gegenwärtigen Gesellschaft.

Dennoch ist es notwendig festzuhalten, daß eine Planwirtschaft noch kein Sozialismus ist. Eine Planwirtschaft als solche kann mit der totalen Versklavung des Individuums einhergehen. Sozialismus erfordert die Lösung einiger äußerst schwieriger sozio-politischer Probleme: Wie ist es angesichts weitreichender Zentralisierung politischer und ökonomischer Kräfte möglich, eine Bürokratie daran zu hindern, allmächtig und maßlos zu werden? Wie können die Rechte des Einzelnen geschützt und dadurch ein demokratisches Gegengewicht zur Bürokratie gesichert werden?

In unserem Zeitalter des Wandels ist Klarheit über die Ziele und Probleme des Sozialismus von größter Bedeutung. Da unter den gegenwärtigen Umständen die offene und ungehinderte Diskussion dieser Probleme einem allgegenwärtigen Tabu unterliegt halte ich die Gründung dieser Zeitschrift für ausgesprochen wichtig.

Quelle: http://www.kominform.at/article.php?story=20031206112814871
Original: http://www.monthlyreview.org/598einstein.php

Siehe auch:
Albert Einstein: Über die Wahrheit
Weltanschauung und Revolution