Warum schweigt das deutsche Proletatriat?

Kollontai
Nach einer Begegnung mit Karl Liebknecht veröffentlichte Alexandra Kollontai im Jahre 1915 in der Zeitschrift „Kommunist“ einen Artikel „Weshalb schwieg das deutsche Proletariat in den Julitagen?“. Darin schreibt sie:

„Bis jetzt bleibt es für viele ein Rätsel: Wie und warum konnte sich das deutsche Proletariat aus Klassenkämpfern in eine willfährige Herde verwandeln, die mit hängenden Köpfen in den sicheren Tod geht? Bis jetzt bleibt es ein Rätsel, daß die Massen, eben die breiten Massen, nicht die Führer, in jenem Augenblick, da in Europa der Krieg in der Luft lag, nicht einen einzigen Versuch unternahmen, ihre bisherigen Prinzipien zu behaupten, und ihre Arbeiterforts und -festungen kampflos den Klassenfeinden überließen. Mag der Protest, mag der Widerstand auch schon ganz am Anfang erstickt worden sein – aber wie konnte es geschehen, daß keine Empörung aufbrodelte, daß es in den unteren Volksschichten nicht gärte, nicht zu spontanen Unruhen, zu einem Massenwiderstand kam? Wurde die Erziehung der Arbeiter in Deutschland nicht von einer Partei geleitet, die durch ihre politische Geschultheit dem Proletariat der ganzen Welt ein Vorbild war? Bedeutet das, die sozialistische Erziehung bringt nicht die Früchte, die wir zu Recht von ihr erwarten?“

Und doch glaubte sie an das Volk, welches der Welt so große Denker und proletarische Kämpfer geschenkt hatte. Sie glaubte, daß der Tag kommen wird, da das deutsche Volk, nachdem es durch tragische Prüfungen gegangen sein würde, eine Gesellschaft errichten würde, die die besten Ideale der Menschheit verkörpert.

Zitiert nach: Sinowi Scheinis, Alexandra Kollontai – das Leben einer ungewöhnlichen Frau, Verlag Neues Leben Berlin, 1987, S.95f.

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Einstein: Über die Wahrheit

Einstein
„Wenn es sich um Wahrheit und Gerechtigkeit handelt, gibt es nicht die Unterscheidung zwischen kleinen und grossen Problemen. Denn die allgemeinsten Gesichtspunkte, die das Handeln der Menschen betreffen, sind unteilbar. Wer es in kleinen Dingen mit der Wahrheit nicht ernst nimmt, dem kann man auch in grossen Dingen nicht vertrauen. Diese Unteilbarkeit gilt aber nicht nur für das Moralische, sondern auch für das Politische; denn die kleinen Probleme können nur richtig erfasst werden, wenn sie in ihrer Abhängigkeit von den großen Problemen verstanden werden.“ (1955)

Quelle: Nathan/Norden (Hrsg.): Einstein on Peace. London 1963. Deutschsprachige Ausgabe: Bern 1975. Unveränderte Neuausgabe 2005: Melzer Neu-Isenburg, S. 636.

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(Die Wahrheit ist oft unbequem – bequemer ist die Lüge. Und wer zur falschen Zeit zufällig doch einmal die Wahrheit ausplaudert, der wird geköpft, oder er muß abdanken.)

Siehe auch:
Albert Einstein: Warum Sozialismus (1949)
Weltanschauung und Revolution

Meine Zeichnungen sind Waffen…

Picasso_Guernica

Am 26. April 1937 vernichteten deutsche Bomberpiloten der „Legion Condor“ (1) die friedliche Stadt Guernica. Dies war der erste Auslandseinsatz der neuen Nazi-Luftwaffe. Mit diesem Kriegsverbrechen unterstützten die Nazis den faschistischen General Franco im Kampf gegen die Spanische Republik. Bis heute konnte nicht geklärt werden, wieviele Flugzeuge an diesem Angriff beteiligt und wieviele Opfer zu beklagen waren. Sowohl in Spanien als auch in der BRD wird dieser verbrecherische Luftangriff bis heute verdrängt und vertuscht. Anläßlich des Jahrestag der Zerstörung läßt der spanische Innenminister sogar zu, daß ein deutscher Neonazi dort reden darf (2).

Der Name „Guernica“ ist noch immer ein Symbol für Kriegsverbrechen. Dies zeigte sich zuletzt am 5. Februar 2003 im UN-Sicherheitsrat in New York. Bevor US-Außenminister Colin Powell weltweit seine Falschmeldungen über das irakische ABC-Potential verkündete, ließ er die dort befindliche Kopie des Anti-Kriegsgemäldes „Guernica“ von Pablo Picasso zuhängen(3).

(1) Hintergründe dazu siehe: www.friwe.at
(2) siehe: „junge Welt“ (26.4.2010)
(3) siehe: WDR (10.09.2006)
PicassoSiehe auch:
Die Luftwaffe – Terrorwaffe der Nazis

Zitat des Tages

Kampfgruppen1961„Wären noch im November 1989 drei sowjetische Panzer aufgefahren – einer an der Friedrichstraße, einer an der Bornholmer Straße und einer in Reserve –, es wäre Ruhe gewesen.“

Berlins früherer Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) in der Zeitschrift Deutschland Archiv über die Öffnung der DDR-Grenze zu Westberlin.

=> Wie wahr!

Quelle: junge Welt, 01.06.2010

Gründung der FDJ im Jahre 1946

FDJ_Fahne
Die SMAD maß der Freien Deutschen Jugend große Bedeutung bei. Deshalb hielt es Sergej Tjulpanow, der Informationsoffizier der SMAD für notwendig, auf dem ersten Treffen der Jugend im Juni 1946 eine kurze Rede zu halten. Es war bekannt, daß einige einflußreiche reaktionäre Vertreter der CDU und der Geistlichkeit auf die Spaltung der einheitlichen Jugendbewegung hinarbeiteten, was sich aller Voraussicht nach in der Diskussion zu dieser Frage auf dem Treffen der Jugend niederschlagen würde. Gleichzeitig war es notwendig, klar und unmißverständlich die Positionen der SMAD und folglich auch deren Forderungen zu formulieren. Denn die SMAD trug für die Durchsetzung der Beschlüsse von Potsdam die Verantwortung.

FDJ_1949
Tjulpanow sagte: „Die Sowjetische Militärverwaltung hat der deutschen Jugend weitgehendstes Vertrauen entgegengebracht und bringt es ihr noch entgegen.“ Er erklärte, man wüßte wohl, daß „ein bedeutender Teil der deutschen Jugend betrogen worden war“, daß sie „durch Tand und Flitterkram, Trompeten, Wimpel und Fanfaren von der Erkenntnis abgelenkt wurde, daß hinter all diesem eine korrumpierte, räuberische Ideologie stand“, daß Millionen junge Deutsche in einem ungerechten Krieg auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen mußten. „Aber auch jetzt noch“, fuhr er fort, „gibt es in Deutschland wahnwitzige Komplizen dieses Baldur v. Schirach“ (des faschistischen Reichsjugendführers), „die versuchen, das neue, demokratische Deutschland frech herauszufordern. Diese Leute, die sich einbilden, die Helden zu sein, sind in Wirklichkeit nur die Vertreter einer hoffnungslos zerschlagenen Reaktion. Der Faschismus ist heute ein Trümmerhaufen.“

FDJ_Berlin_Mai_1950
Auf die Erfolge des vergangenen Jahres und mit Nachdruck darauf eingehend, daß in der deutschen Jugend ein gesunder Kern steckt, der die erfolgreiche Vorwärtsentwicklung garantiert, sagte er: „Zweifellos ist Euer Weg nicht leicht. Die hitleristische Ideologie hat in dem Bewußtsein der deutschen Jugend tiefe Spuren hinterlassen. In Euren Ohren gellen noch die Phrasen von einem ‚deutschen Sozialismus‘ (dem sog. ‚Nationalsozialismus‘), von einer ‚Volksgemeinschaft‘, von der welthistorischen Bedeutung der ‚Herrenrasse‘ usw.“ Und weiter sagte Tjulpanow: „Wir wissen, daß Ihr schwer arbeiten müßt, um alles zu säubern, um eine demokratische Ideologie zu schaffen. Vor Euch liegt eine gewaltige Aufgabe. Ihr müßt vor allem die Einigkeit des demokratischen Deutschlands festlegen. Ihr müßt Eure Organisation festigen und alle Versuche, die Spaltung in Eure Reihen zu tragen, Zwietracht und gegenseitiges Mißtrauen zu säen, zunichte machen. Niemals wieder darf eine Jugendorganisation sich von der Reaktion, vom Militarismus, vom Monpolkapital oder vom Chauvinismus für die Ziele des Krieges ausnutzen lassen.“

„Niemals mehr“, sagte Tjulpanow, „darf die deutsche Jugend
das Werkzeug für einen räuberischen Krieg werden.“

FDJ_1980
„Die deutsche Jugend“, so sagte er, „muß einen neuen Weg in eine friedliche Zukunft finden. Denkt daran, was der große Goethe über die geistige, moralische und schöpferische Geschlossenheit des Menschen gesagt hat. Er sagte: ‚Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung sehen kann.’ Ihr fangt ein neues Leben, ein großes politisches Leben an, und der Anfang spielt eine sehr bedeutende Rolle. Ein guter Beginn führt zu einem guten Leben, und ein schlechter Beginn führt zu einem schlechten Ende. Deshalb ist es heute besonders wichtig, von Anfang an den richtigen Weg zu finden.“

Quelle: vgl. Sergej Tjulpanow, Deutschland nach dem Kriege (1945-1949), Dietz Verlag, Berlin, 1987, S.215 ff.

FDJ_FestivalFür viele Jugendliche, die in der DDR aufwuchsen,
wird die Zeit in der FDJ unvergeßlich bleiben!

Der Lauf der Geschichte

Das Leben in der Gesellschaft vollzieht sich unter bestimmten materiellen Bedingungen. Sie prägen den Charakter der Gesellschaft, beeinflussen das Verhalten der Menschen und bewirken die Entwicklung der Gesellschaft von einer Gesellschaftsordnung zur anderen. Wie die Produktionsweise einer Gesellschaft ist, so ist im wesentlichen auch die Gesellschaft selber … oder – gröber gesprochen: wie die Lebensweise der Menschen, so ist auch ihre Denkweise.

Welches ist nun der Hauptfaktor im materiellen Leben der Gesellschaft?

Diesen Faktor sieht der historische Materialismus in der Art und Weise der Gewinnung der Mittel für den Lebensunterhalt, die für die Existenz der Menschen notwendig sind, in der Produktionsweise der materiellen Güter – Nahrung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnung, Heizung, Produktionsinstrumente u. ä. -, die notwendig sind, damit die Gesellschaft leben und sich entwickeln kann. Um zu leben, muß man Nahrung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnung, Heizung u. ä. haben, um diese materiellen Güter zu haben, muß man sie produzieren, um sie aber zu produzieren, muß man Produktionsinstrumente haben, mit deren Hilfe die Menschen Nahrung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnung, Heizung u. ä. produzieren, muß man diese Instrumente zu produzieren verstehen, muß man diese Instrumente zu gebrauchen verstehen.
17999
Produktionsinstrumente, mit deren Hilfe materielle Güter produziert werden, Menschen, die diese Produktionsinstrumente in Bewegung setzen und die Produktion der materiellen Güter dank einer gewissen Produktionserfahrung und Arbeitsfertigkeit bewerkstelligen – alle diese Elemente zusammen bilden die Produktivkräfte der Gesellschaft.

Aber die Produktivkräfte bilden nur eine Seite der Produktion, eine Seite der Produktionsweise, die das Verhältnis der Menschen zu den für die Produktion der materiellen Güter benutzten Gegenständen und Naturkräften zum Ausdruck bringt. Die andere Seite der Produktion, die andere Seite der Produktionsweise, bilden die Wechselbeziehungen der Menschen im Produktionsprozeß, die Produktionsverhältnisse der Menschen. Die Menschen führen einen Kampf mit der Natur und benutzen die Natur zur Produktion materieller Güter nicht voneinander isoliert, nicht als voneinander losgelöste Einzelwesen, sondern gemeinsam, in Gruppen, in Gesellschaften. Darum ist die Produktion immer und unter allen Bedingungen eine gesellschaftliche Produktion. Im Prozess der Produktion der materiellen Güter stellen die Menschen untereinander diese oder jene Wechselbeziehungen innerhalb der Produktion, diese oder jene Produktionsverhältnisse her.

Diese Verhältnisse können Verhältnisse der Zusammenarbeit und gegenseitigen Hilfe von Menschen sein, die von Ausbeutung frei sind, sie können Verhältnisse der Herrschaft und Unterordnung sein, sie können endlich Übergangsverhältnisse von einer Form der Produktionsverhältnisse zu einer anderen Form sein. Aber welchen Charakter die Produktionsverhältnisse auch tragen mögen, sie bilden – immer und in allen Gesellschaftsordnungen – ein ebenso notwendiges Element der Produktion wie die Produktivkräfte der Gesellschaft. (…)

Um die Gegenwart zu erkennen, muß man die Geschichte erforschen

Also kann die Geschichtswissenschaft, will sie eine wirkliche Wissenschaft sein, nicht mehr die Geschichte der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Handlungen von Königen und Heerführern, auf die Handlungen von „Eroberern“ und „Staatenbezwingern“ reduzieren, sondern muß sich vor allem mit der Geschichte der Produzenten der materiellen Güter, mit der Geschichte der werktätigen Massen, mit der Geschichte der Völker beschäftigen.
Geschichte
Also darf man den Schlüssel zur Erforschung der Gesetze der Geschichte der Gesellschaft nicht in den Köpfen der Menschen, nicht in den Anschauungen und Ideen der Gesellschaft suchen, sondern muß ihn in der Produktionsweise suchen, die die Gesellschaft in jeder gegebenen historischen Periode anwendet, in der Ökonomie der Gesellschaft.

Also ist die allererste Aufgabe der Geschichtswissenschaft die Erforschung und Aufdeckung der Gesetze der Produktion, der Entwicklungsgesetze der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, der ökonomischen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft.

Also muß die Partei des Proletariats, will sie eine wirkliche Partei sein, sich vor allem die Kenntnis der Entwicklungsgesetze der Produktion, die Kenntnis der ökonomischen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft aneignen. Um also in der Politik nicht fehlzugehen, muß die Partei des Proletariats sowohl im Aufbau ihres Programms als auch in ihrer praktischen Tätigkeit vor allem von den Entwicklungsgesetzen der Produktion ausgehen, von den ökonomischen Entwicklungsgesetzen der Gesellschaft.

Wie ist das im Kapitalismus?

In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ist die Grundlage der Produktionsverhältnisse das kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln ohne Eigentum an den Produzenten, den Lohnarbeitern, die der Kapitalist weder töten noch verkaufen kann, denn sie sind frei von persönlicher Abhängigkeit, sind aber der Produktionsmittel beraubt und, um nicht Hungers zu sterben, gezwungen, ihre Arbeitskraft an den Kapitalisten zu verkaufen und das Joch der Ausbeutung auf ihrem Nacken zu tragen.
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Neben dem kapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln besteht das Privateigentum des von fronherrlicher Abhängigkeit befreiten Bauern und Handwerkers an den Produktionsmitteln, das auf persönlicher Arbeit beruht und in der ersten Zeit weit verbreitet ist. An Stelle der Werkstätten der Handwerker und der Manufakturbetriebe sind große, mit Maschinen ausgerüstete Fabriken und Werke aufgekommen. An Stelle der Adelsgüter, die mit primitiven bäuerlichen Produktionsinstrumenten bestellt werden, sind große kapitalistische Wirtschaften aufgekommen, die auf der Grundlage der agronomischen Technik betrieben werden und mit landwirtschaftlichen Maschinen versehen sind.

Die neuen Produktivkräfte erfordern, daß die Produzenten auf höherer Kulturstufe stehen und anstelliger seien als die eingeschüchterten und unwissenden Leibeigenen, daß sie fähig seien, die Maschine zu verstehen und richtig mit ihr umzugehen. Darum ziehen die Kapitalisten die von feudalen Fesseln freien Lohnarbeiter vor, die auf hinreichend hoher Kulturstufe stehen, um mit den Maschinen richtig umzugehen.

Sichtbare Widersprüche
arm_reichIndem der Kapitalismus die Produktivkräfte bis zu kolossalen Ausmaßen entwickelte, verstrickte er sich in Widersprüche, die für ihn unlösbar sind. Dadurch, daß der Kapitalismus immer mehr Waren produziert und die Warenpreise senkt, verschärft er die Konkurrenz, ruiniert er die Massen der kleinen und mittleren Privateigentümer, verwandelt er sie in Proletarier und verringert ihre Kaufkraft, wodurch es unmöglich wird, die produzierten Waren abzusetzen. Dadurch, daß der Kapitalismus die Produktion erweitert und Millionen Arbeiter in gewaltigen Fabriken und Werken zusammenballt, verleiht er dem Produktionsprozess gesellschaftlichen Charakter, wodurch er seine eigene Basis untergräbt, da der gesellschaftliche Charakter des Produktionsprozesses gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln erfordert, während das Eigentum an den Produktionsmitteln privatkapitalistisch bleibt, was mit dem gesellschaftlichen Charakter des Produktionsprozesses unvereinbar ist.

Diese unversöhnlichen Gegensätze zwischen dem Charakter der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen tun sich in periodischen Überproduktionskrisen kund, in deren Verlauf die Kapitalisten, die infolge des von ihnen selbst verursachten Ruins der Massen der Bevölkerung keine zahlungsfähige Nachfrage finden, gezwungen sind, Produkte zu verbrennen, fertige Waren zu vernichten, die Produktion stillzulegen, Produktivkräfte zu zerstören, indessen Millionen der Bevölkerung gezwungen sind, unter der Arbeitslosigkeit und dem Hunger zu leiden, nicht weil es an Waren mangelt, sondern weil zuviel Waren produziert worden sind.
Umsatz2009
– Dies bedeutet, daß die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aufgehört haben, dem Stand der Produktivkräfte der Gesellschaft zu entsprechen und in unversöhnlichen Gegensatz zu ihnen geraten sind.

– Dies bedeutet, daß der Kapitalismus mit der Revolution schwanger geht, die berufen ist, das gegenwärtige kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln durch das sozialistische Eigentum zu ersetzen.

– Dies bedeutet, daß der schärfste Klassenkampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten den Grundzug der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bildet.

Wie ist es dagegen im Sozialismus?

In der sozialistischen Gesellschaftsordnung, die vorerst nur in der Sowjetunion verwirklicht ist, ist die Grundlage der Produktionsverhältnisse das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln. Hier gibt es keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten mehr. Die erzeugten Produkte werden nach der Arbeitsleistung verteilt gemäß dem Prinzip: „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.“ Die Wechselbeziehungen der Menschen im Produktionsprozess haben hier den Charakter kameradschaftlicher Zusammenarbeit und sozialistischer gegenseitiger Hilfe von Produzenten, die von Ausbeutung frei sind. Hier befinden sich die Produktionsverhältnisse in voller Übereinstimmung mit dem Stande der Produktivkräfte, denn der gesellschaftliche Charakter des Produktionsprozesses wird untermauert durch das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln.
MoskauGorki1953
Darum kennt die sozialistische Produktion in der Sowjetunion keine periodischen Krisen der Überproduktion, noch die mit ihnen verbundenen Absurditäten. (…)

Was geschieht nun weiter? Wie soll es weitergehen?

Nachdem die neuen Produktivkräfte ausgereift sind, verwandeln sich die bestehenden Produktionsverhältnisse und ihre Träger, die herrschenden Klassen, in das „unüberwindliche“ Hindernis, das nur aus dem Wege geräumt werden kann durch die bewusste Tätigkeit der neuen Klassen, durch gewaltsame Handlungen dieser Klassen, durch die Revolution. Hier zeigt sich besonders klar die gewaltige Rolle der neuen gesellschaftlichen Ideen, der neuen politischen Einrichtungen, der neuen politischen Macht, die berufen sind, die alten Produktionsverhältnisse gewaltsam zu beseitigen.

Auf der Grundlage des Konflikts zwischen den neuen Produktivkräften und den alten Produktionsverhältnissen, auf der Grundlage der neuen ökonomischen Bedürfnisse der Gesellschaft entstehen neue gesellschaftliche Ideen, die neuen Ideen organisieren und mobilisieren die Massen, die Massen schließen sich zusammen zu einer neuen politischen Armee, schaffen eine neue revolutionäre Macht und benutzen sie, um die alten Zustände auf dem Gebiet der Produktionsverhältnisse gewaltsam zu beseitigen und neue Zustände herzustellen und zu verankern. Der elementare Entwicklungsprozeß macht der bewußten Tätigkeit der Menschen Platz, die friedliche Entwicklung der gewaltsamen Umwälzung, die Evolution der Revolution.
sssr_60kh_v_fotografijakh_dina_kongera_30_foto_30sssr_60kh_v_fotografijakh_dina_kongera_30_foto_24Der Sozialismus ist die Zukunft der Menschheit!

Quelle: J.Stalin – Über dialektischen und historischen Materialismus,
SWA-Verlag, Berlin 1945

Erinnerungen an Lenin

Meine jungen Leser!
Euch ist natürlich noch nicht bekannt, was Erinnerung ist. Ich will damit nicht sagen, daß Ihr Euch nie an den gestrigen Tag oder vielleicht an Eure Kindheit erinnert. Doch man muß etliche Jahrzehnte verlebt haben, um voll zu begreifen, was die Erinnerung an das Vergangene ist. Wenn man also nach einer sehr langen Zeit, nach 10 oder 20 Jahren, wieder in eine Stadt kommt, die Zeuge großer Erlebnisse in deinem Leben war, dann entsteht im Bewußtsein ein ganz eigenartiges Phänomen… – das Vergangene wächst für Sie vor dem Hintergrund der Wirklichkeit empor und packt Sie fest am Herzen. (…)
LunatschLenin
Genf 1905: Als sei es Absicht gewesen! Ein solcher Rummel war auch damals gerade in Genf, als ich das erstemal hier ankam, durch einen ausdrücklichen Brief von Iljitsch herbeordert, um in der Redaktion der Zeitung „Wperjod“(1) (Vorwärts) mitzuarbeiten. Am Tag meiner Ankunft, am Abend, wenn ich mich nicht irre, fand die erste Versammlung unserer Redaktion statt. Nadeshda Konstantinowna spielte, obwohl sie kaum älter war als die übrigen Mitglieder der Iljitsch nahestehenden Gruppe, die Rolle unserer Parteimutter. Sie war immer ruhig, zurückhaltend, und sie wußte alles, sie verfolgte alles, sie gab zur rechten Zeit Ratschläge, und alle respektierten sie außerordentlich…

Wir schlenderten manchmal an der Arve entlang, manchmal gingen wir über die Brücke und in die Straße zwischen den Hügeln und Hainen. Das waren für mich die wertvollsten Stunden. Oft war Iljitsch während dieser Spaziergänge intimer als sonst. Gewöhnlich konnte es Wladimir Iljitsch nicht ausstehen, sogar nahestehende Menschen an seinen persönlichen Seelenregungen zu beteiligen. Er war vor allem Politiker, ein unerhört leidenschaftlicher, ein unerhört begeisternder Politiker. Diese Politik machte er für jeden, der sich ihm näherte, zum Mittelpunkt des Lebens. Iljitsch liebte es nun einmal nicht, über einzelne Menschen zu sprechen, ihnen eine Chrakteristik zu geben, sich irgendwelchen Erinnerungen hinzugeben. Er dachte an die nächste Zukunft, an den Schlag, den es zu versetzen, an die Verteidigung, die es zu organisieren, an die Verbindung, die es zu finden und aufrechtzuhalten galt.
Geneve
Doch in diesen Unterhaltungsspaziergängen berührte Wladimir Iljitsch mitunter intimere Seiten der Frage. Mit Wehmut, mit Bitterkeit, doch zweifellos auch mit Liebe sprach er von Martow (2), mit dem ihn die unerbittliche Politik hat verschiedene Wege einschlagen lassen. Schöne und treffende Worte fand er zur Kennzeichnung Plechanows, dessen Verstand er immer zutiefst verehrt hatte. Witzig und treffend umriß er das politische und menschliche Profil Dans (3). Er sprach von verschiedenen Verfahren der Publizistik und der Popularisierung.

Am besten lief jedoch das Gespräch, wenn Wladimir Iljitsch zu allgemeinen Fragen überging, über die Grundlagen des Materialismus stritt und Vermutungen über Termine und Tempo der weiteren Bewegung der Revolution in den verschiedenen Ländern anstellte… Wenn man neben einem solchen Menschen lebt und kämpft, begreift man nicht immer die exakte Bedeutung fast jedes seiner Worte.

Iljitsch hatte damals nicht viel für öffentliche Reden übrig. Denn Kundgebungen und Diskussionen aller Art fanden in Genf fast jeden Tag statt. Es gab dort genügend lauthalse Redner, die bei der studentischen Jugend beliebt waren, mit denen man nicht so leicht fertig wurde in Anbetracht der prasselnden Leere ihrer Phraseologie, die jedoch der mittleren Universitätsintelligenz angepaßt war. Waldimir Iljitsch sah es oft einfach als Zeitvergeudung an, in solchen Versammlungen zu sprechen…
Genftheater
Genf ist eine langweilige Stadt, schon immer gab es hier schlechte Theater, mittelmäßige Konzerte, es sei denn, daß hier jemand ein Gastspiel gab. Auch der Gang des Lebens der Genfer Kleinbürger ähnelte dem Gang der von ihnen gefertigten Uhren. Was uns betrifft, so waren wir gewöhnlich fröhlich. Viele von uns lebten recht bedürftig, fast alle hatten einiges mitgemacht und begriffen, daß es in Zukunft viel durchzumachen gilt…(S.80ff.)

Lenins Geduld war groß. Niemals, kein einziges Mal kam ein Wort des Vorwurfs über seine Lippen, als die Apelle, die wir an den Westen richteten, eine nur schwache Resonanz bewirkten. Wir bauten darauf, daß die russische Revolution, die mit der Macht der Bankiers, der Fabrikanten und Gutsbesitzer Schluß machen wollte, daß diese Revolution bald von einer Familie neuer Revolutionen in den Ländern umgeben sein wird, die mehr als wir für die Errichtung der kommunistischen Ordnung vorbereitet seind… Die Welt verändert sich, sie birst vor unseren Augen: auf der einen Seite steht der Faschismus, der der bürgerlichen Diktatur jede Maske der Kultiviertheit und des demokratischen Gehabes herunterreißt, auf der anderen Seite der klardenkende Kommunismus… (S.31)

A.Lunatscharski: Wie war Lenin?, APN-Verlag Moskau 1981.

(1) allein in der Zeitung „Wperjod“ erschienen über 60 Artikel Lenins.
(2) L.Martow (1873-1923), eigtl.Zederbaum, einer der Führer des Menschewismus
(3) F.I Dan (1871-1947), Gurjewitsch, einer der Führer des Menschewismus

Unser Leben…

Unser Leben

Louis Fürnberg

Jeder Traum, an den ich mich verschwendet,
Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont,
Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet –
Alles hat am Ende sich gelohnt.

Jedes Feuer, das mein Herz gefangen,
Jede Sorge, jede Sorge, die mein Herz beschlich,
War’s oft schwer, so ist’s ja doch gegangen
Narben blieben, Narben blieben, doch es lohnte sich.

Unser Leben ist nicht leicht zu tragen.
Nur wer fest sein Herz in Händen hält,
Hat die Kraft, zum Leben ja zu sagen,
Hat die Kraft, die Kraft zum Kampf für eine neue Welt!

Jeder Tag ist in mein Herz geschlossen,
Der auch mich zu diesem Dienst beschied.
Was ich singe, sing‘ ich den Genossen,
Ihre Träume gehen durch mein Lied.
Was ich singe, was ich singe, sing‘ ich Euch Genossen,
Eure Träume gehen durch mein Lied.

…unterschwellige Beeinflussung

Ziele, Mittel und Methoden der antikommunistischen Manipulierung der Jugend

von A.Kossakowski (1972)

Für eine systematische ideologische Diversion nach außen (aber auch für die nach innen gerichtete Manipulierung der gesamten Bevölkerung, insbesondere der eigenen Jugend) entwickelte der Ideologe der US-Army, Linebarger, die sogenannte „STASM-Formel“, eine Abkürzung für die in der Propagandatätigkeit zu berücksichtigenden Hauptfaktoren. Es sind dies: die Quelle (source), die Zeit (time), die Adressaten (audience), das Thema (subjekt) und die Aufgabe (mission). Ergänzt wird diese STASM-Formel durch ein System von Darstellungstechniken, wie Suggestion von Vorurteilen, Frappierung, einstellungskonträre Argumentation, Schockierung, Faszination u.a.

Im folgenden sollen einige der genannten Komponenten näher charakterisiert werden, um damit dieses raffinierte und gefährliche System deutlich zu machen.

Die Quelle: Hinsichtlich der Quelle unterscheidet man zwischen „weißer“, „grauer“ und „schwarzer“ Propaganda. In der ideologischen Diversion sowie im Manipulierungsprozeß bedient man sich besonders der „schwarzen“ Propaganda, bei der die wirkliche Quelle eine andere als die angegebene ist, die meist anonym durch Gerüchte usw. in Erscheinung tritt und die durch eine Mischung von tendenziösen Wahrheiten, Halbwahrheiten und bewußten Lügen besonders für Fehlinformationen und Desorientierungen geeignet erscheint.

Die Zeit: Was den Faktor Zeit anbelangt, so geht es vor allem darum, den Adressaten pausenlos zu beeinflussen, dabei aber gleichzeitig das bekannte Phänomen der psychischen Sättigung zu vermeiden. Nach Linebarger müssen die beeinflussenden Informationen dem Menschen wie ein Schatten folgen, ihn vom frühen Morgen bis zum späten Abend begleiten, dabei aber stets ihr Gewand wechseln. Er sagt: „Die Propaganda muß abwechselnd die Sprache der Mutter, des Schullehrers, des Liebhabers, des Zuhälters, des Polizisten, des Schauspielers, des Geistlichen, des Kumpels und des Publizisten gebrauchen.“(1) Es werden auch über längere Zeiträume sich erstreckende Propagandawellen gefordert, die geeignet sind, die Einstellung nachhaltig unter bestimmten Zielstellungen zu manipulieren. Mit dem Zeitfaktor ist auch ein etappenweises Vorgehen gemeint, wobei in einzelnen Abschnitten unterschiedliche methodische Grundverfahren eingesetzt werden sollen.(2)

Die Adressaten: Besondere Aufmerksamkeit wendet man dem Hauptfaktor, dem Adressaten, zu. Deshalb spielen exakte Analysen der Meinungen und Verhaltensweisen bestimmter Adressatengruppen eine bedeutsame Rolle im Mechanismus der systematischen Diversion und Manipulierung. Es werden ganze Typologien von Adressatengruppen entwickelt, und die ideologische Beeinflussung wird gezielt auf die Besonderheiten der gezielten Adressatengruppe abgestimmt. Um die ideologische Diversion gegen die Bürger der DDR zielgerichteter führen zu können, charakterisierte Schroers 1961 folgende Verhaltenstypen:
— ideologisches Verhalten,
— loyales Verhalten,
— naives Verhalten,
— einseitig technisch-sachliches Verhalten,
— rentnerhaftes Verhalten,
— agentenhaftes Verhalten und
— partisanenhaftes Verhalten.(3)
Die Abstufung wird deutlich, und entsprechend soll auch die Einwirkungsrichtung aussehen. Während es nach Meinung Schroers nicht lohne, auf Menschen mit „ideologischem Verhalten“ einzuwirken, da sie so gefestigt seien, daß auch die raffiniertesten Methoden unwirksam blieben, sei es besonders leicht, Personen mit einseitig technisch-sachlichem und rentnerhaftem Verhalten zu beeinflussen, da sich diese einseitig von materiellen Vorteilen bzw. von technischer Brillanz leiten ließen. Der politische Auftraggeber werde beliebig gewechselt. In gewissem Grade treffe dies auch für den loyalen Verhaltenstyp zu. Der vorher von Linebarger angeführte Wandel der Sprache des Propagandisten in Fernsehen, Rundfunk, Presse usw. wird auch für das Ansprechen unterschiedlicher Adressatengruppen sowohl im eigenen Machtbereich als auch in den sozialistischen Ländern gefordert.

Für die Diversion unter Jugendlichen wird vor allem die Berücksichtigung solcher Eigenschaften von Jugendlichen wie starke Gefühlsansprechbarkeit, Geltungsstreben, Opposition gegenüber Erwachsenen und deren Ideologie, Abenteuer- und Sensationslust, Hang zum Neuen, Modernen, Extremen usw. empfohlen. Es wird auch in skrupelloser Offenheit zum Ausdruck gebracht, daß man die Unerfahrenheit, die innere Unsicherheit und die weltanschaulichen Schwankungen der Jugendlichen für die Diversion und Manipulierung nutzen müsse.

Die Themen: Bezüglich der Themenwahl sei jedes Thema recht, wenn es nur destruktiv auf den Hörerkreis wirke. Von der Ablenkung durch Musik-, Mode- und Sexthemen über die Abstumpfung durch billige Krimis, Horrorfilme und sadistische Themen bis zu direkter antikommunistischer Beeinflussung werden alle Themen genutzt. Wie skrupellos dabei vorgegangen wird, sagt Linebarger: „Ein Propagandist, der das Böse vermeidet, leistet nur halbe Arbeit.“(4) Eine weit verbreitete Methode ist die der Verunsicherung des Adressaten durch ein Überangebot von nebensächlichen Informationen, die von wesentlichen Vorgängen ablenken, zumindest aber eine progressive Orientierung erschweren sollen.

Im Sinne der thematischen Verwirrung werden ferner folgende Methoden häufig angewandt:
a) Gelenkte Nichtbenutzung und Ersetzen unbequemer und den Volksmassen nicht immer geläufiger Begriffe (Kapitalismus wird zu „moderner Industriegesellschaft“, Ausbeuter und Ausgebeuteter werden zu „Sozialpartnern“ usw.).
b) Bewußtes „Verfälschen“ (Umfunktionieren) von Begriffen. Beispiel: „Freiheit ist das, was wir hier im Westen haben und was die dort drüben hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ nicht haben“ (Ristow).
c) Systematische Vergiftung bestimmter Begriffe, die bei Gegnern des Imperialismus einen positiven Bedeutungsgehalt besitzen (z. B. wird der Begriff „rot“ in der imperialistischen Propaganda stets mit Begriffen wie Terror, Schrecken usw. assoziiert).
d) Diffamierung progressiver und gegen den Imperialismus gerichteter gesellschaftlicher Erscheinungen durch Belegen mit emotional negativen Bezeichnungen. So werden z. B. Bürgerrechtskämpfe in den USA mit dem Begriff „Negerkrawalle“, unsere Staatsgrenze zu Westberlin mit dem Begriff „Schandmauer“ diffamiert usw. (…)

Einige Methoden der Manipulation

1. Unter den Darstellungstechniken sind systematische Suggestionen von Vorurteilen durch raffinierte, großaufgemachte Fehlmeldungen und ihre halbe Zurücknahme, durch Verbreitung von Meinungen von „Autoritätspersonen“, die von dem betreffenden Sachverhalt in Wirklichkeit nichts verstehen oder ihn bewußt entstellen, durch Vertuschung der politischen Hintergründe eines Ereignisses und die Hervorhebung persönlicher, subjektiv gefärbter „Erlebnisse“ u.a. sehr verbreitet. Als z.B. die imperialistische Verschwörung gegen die Republik Guinea zerschlagen und die Beteiligung der BRD aufgedeckt wurde, bombardierte man die Hörer des Westfunks mit Aussagen von angeblichen Freunden und Bekannten der Mittäter über deren „persönliche Lauterkeit“, „geschäftliche Korrektheit“, „soziale Hilfsbereitschaft“ usw.

2. Zur bewußten Desorientierung gehört auch die sogenannte „Frappierung“, bei der der Adressat auf raffinierte Weise mit einer „völlig neuen Sichtweise“ für einen an sich klaren und feststehenden Sachverhalt mit dem Ziel überrascht wird, seine eigene Meinung zu verunsichern. Besonders gegenüber Jugendlichen, die weder die Absicht eines solchen Vorgehens noch den Sachverhalt ohne weiteres selbst zu durchschauen vermögen, ist das eine besonders niederträchtige Methode. Gleiches gilt auch für die Praktiken der einstellungskonträren Argumentation, in denen Jugendliche aufgefordert werden, einmal „ganz sachlich“ alle Argumente zusammenzutragen, die gegen ihre Meinung sprechen könnten. Wie psychologische Untersuchungen ergeben haben, führt ein solches Verfahren in den meisten Fällen zu einer Einstellungsänderung in Richtung der konträren Argumente!

3. Bei der „Scbockierungsmethode“, die auch unter dem Begriff der „Eskalation“ bekannt ist, wird durch eine drastische Maßnahme ein Einstellungsschock herbeigeführt, der durch Wiederholung zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führen kann. Die Adressaten sollen sozusagen zwangsläufig in die angestrebte Richtung mitgerissen werden.
Ein besonders drastisches Beispiel der Anwendung dieser Methode ist die zweimalige Auslösung von Atomalarm innerhalb von 48 Stunden in einigen US-amerikanischen Großstädten Mitte Februar 1971. Der immer weiter um sich greifende Widerstand breiter Teile der amerikanischen Bevölkerung gegen den Krieg in Südostasien sollte durch die schockierende Wirkung des Atomalarms als Hinweis auf die angeblich ständige Bedrohung durch den Kommunismus gebrochen werden. Die Ablenkung von den Greueltaten amerikanischer Soldaten in vielen Staaten Südostasiens und die Absicht, gleichzeitig den Kommunisten den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, war ein entscheidendes Ziel dieser Methode.

4. Die „Faszination“, die vor allem durch eine verlockende Darstellungsweise von Idolen erreicht wird, die als Schlagersänger, Musik- und Tanzfans sowie Playboys das „wahre“, „freie“, „süße“ Leben verkörpern, soll die Jugend von politischen Fragen und von ihrer Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in imperialistischen Staaten ablenken. Sie soll den Jugendlichen der sozialistischen Staaten Traumbilder vorgaukeln, die völlig der harten kapitalistischen Realität widersprechen.

Die Aufgabe: Mit dem hier angedeuteten System von Methoden und Techniken der geistigen Manipulierung und der ideologischen Diversion soll – besonders bei Jugendlichen sozialistischer Staaten – zunächst ein etappenweiser Abbau bereits entwickelter sozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen erzielt werden. Nach Erreichen einer allgemeinen Verunsicherung und Labilisierung soll dann schließlich eine konterrevolutionäre Aktivierung erfolgen.

Der Hauptweg ist dabei – psychologisch gesehen – zunächst die systematische Behinderung einer wissenschaftlich fundierten Standpunktbildung beziehungsweise die Verunsicherung eines bereits erarbeiteten Standpunktes durch bewußte Desorientierung der Jugendlichen. Der nächste Schritt soll im Aufbau antisozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen durch scheinrationales Argumentieren, besonders aber durch „emotionale Verseuchung“, bestehen. Dazu wurde in der BRD ein ganzer „Wissenschaftszweig“, die Psychagogie, entwickelt, worunter ihre Begründer die Macht verstehen, „Gefühle und Gedanken … durch Methoden, die sich nicht an die Vernunft wenden, zu beeinflussen und zu lenken“.(5)

Auf diese Weise wird eine unterschwellige Beeinflussung erreicht, die von manipulierten Adressaten kaum noch wahrgenommen wird.

(1) P.A.M.Linebarger: Der psychologische Krieg. Washington 1954. Übersetzt ins Russische. Moskau 1962, S.211.
(2) Vgl. G.Ohme: Die Beeinflussung von Menschen im psychologischen Kampf. In: „Wehrkunde“ München, H.10/1965.
(3) R.Schroers: Der Partisan. Köln, (West-)Berlin 1961.
(4) P.A.M, Linebarger: A.a.O., S.173.
(5) A.Böhm: Macht und Kontrolle. In: „Rheinischer Merkur“, Köln, Nr. 8/1969, S. 38.

(Paul Linebarger war Mitarbeiter der CIA. Sein Buch „Psychological Warfare“ gilt auch heute noch als Standardwerk der psychologischen Kriegsführung.)