…unterschwellige Beeinflussung

Ziele, Mittel und Methoden der antikommunistischen Manipulierung der Jugend

von A.Kossakowski (1972)

Für eine systematische ideologische Diversion nach außen (aber auch für die nach innen gerichtete Manipulierung der gesamten Bevölkerung, insbesondere der eigenen Jugend) entwickelte der Ideologe der US-Army, Linebarger, die sogenannte „STASM-Formel“, eine Abkürzung für die in der Propagandatätigkeit zu berücksichtigenden Hauptfaktoren. Es sind dies: die Quelle (source), die Zeit (time), die Adressaten (audience), das Thema (subjekt) und die Aufgabe (mission). Ergänzt wird diese STASM-Formel durch ein System von Darstellungstechniken, wie Suggestion von Vorurteilen, Frappierung, einstellungskonträre Argumentation, Schockierung, Faszination u.a.

Im folgenden sollen einige der genannten Komponenten näher charakterisiert werden, um damit dieses raffinierte und gefährliche System deutlich zu machen.

Die Quelle: Hinsichtlich der Quelle unterscheidet man zwischen „weißer“, „grauer“ und „schwarzer“ Propaganda. In der ideologischen Diversion sowie im Manipulierungsprozeß bedient man sich besonders der „schwarzen“ Propaganda, bei der die wirkliche Quelle eine andere als die angegebene ist, die meist anonym durch Gerüchte usw. in Erscheinung tritt und die durch eine Mischung von tendenziösen Wahrheiten, Halbwahrheiten und bewußten Lügen besonders für Fehlinformationen und Desorientierungen geeignet erscheint.

Die Zeit: Was den Faktor Zeit anbelangt, so geht es vor allem darum, den Adressaten pausenlos zu beeinflussen, dabei aber gleichzeitig das bekannte Phänomen der psychischen Sättigung zu vermeiden. Nach Linebarger müssen die beeinflussenden Informationen dem Menschen wie ein Schatten folgen, ihn vom frühen Morgen bis zum späten Abend begleiten, dabei aber stets ihr Gewand wechseln. Er sagt: „Die Propaganda muß abwechselnd die Sprache der Mutter, des Schullehrers, des Liebhabers, des Zuhälters, des Polizisten, des Schauspielers, des Geistlichen, des Kumpels und des Publizisten gebrauchen.“(1) Es werden auch über längere Zeiträume sich erstreckende Propagandawellen gefordert, die geeignet sind, die Einstellung nachhaltig unter bestimmten Zielstellungen zu manipulieren. Mit dem Zeitfaktor ist auch ein etappenweises Vorgehen gemeint, wobei in einzelnen Abschnitten unterschiedliche methodische Grundverfahren eingesetzt werden sollen.(2)

Die Adressaten: Besondere Aufmerksamkeit wendet man dem Hauptfaktor, dem Adressaten, zu. Deshalb spielen exakte Analysen der Meinungen und Verhaltensweisen bestimmter Adressatengruppen eine bedeutsame Rolle im Mechanismus der systematischen Diversion und Manipulierung. Es werden ganze Typologien von Adressatengruppen entwickelt, und die ideologische Beeinflussung wird gezielt auf die Besonderheiten der gezielten Adressatengruppe abgestimmt. Um die ideologische Diversion gegen die Bürger der DDR zielgerichteter führen zu können, charakterisierte Schroers 1961 folgende Verhaltenstypen:
— ideologisches Verhalten,
— loyales Verhalten,
— naives Verhalten,
— einseitig technisch-sachliches Verhalten,
— rentnerhaftes Verhalten,
— agentenhaftes Verhalten und
— partisanenhaftes Verhalten.(3)
Die Abstufung wird deutlich, und entsprechend soll auch die Einwirkungsrichtung aussehen. Während es nach Meinung Schroers nicht lohne, auf Menschen mit „ideologischem Verhalten“ einzuwirken, da sie so gefestigt seien, daß auch die raffiniertesten Methoden unwirksam blieben, sei es besonders leicht, Personen mit einseitig technisch-sachlichem und rentnerhaftem Verhalten zu beeinflussen, da sich diese einseitig von materiellen Vorteilen bzw. von technischer Brillanz leiten ließen. Der politische Auftraggeber werde beliebig gewechselt. In gewissem Grade treffe dies auch für den loyalen Verhaltenstyp zu. Der vorher von Linebarger angeführte Wandel der Sprache des Propagandisten in Fernsehen, Rundfunk, Presse usw. wird auch für das Ansprechen unterschiedlicher Adressatengruppen sowohl im eigenen Machtbereich als auch in den sozialistischen Ländern gefordert.

Für die Diversion unter Jugendlichen wird vor allem die Berücksichtigung solcher Eigenschaften von Jugendlichen wie starke Gefühlsansprechbarkeit, Geltungsstreben, Opposition gegenüber Erwachsenen und deren Ideologie, Abenteuer- und Sensationslust, Hang zum Neuen, Modernen, Extremen usw. empfohlen. Es wird auch in skrupelloser Offenheit zum Ausdruck gebracht, daß man die Unerfahrenheit, die innere Unsicherheit und die weltanschaulichen Schwankungen der Jugendlichen für die Diversion und Manipulierung nutzen müsse.

Die Themen: Bezüglich der Themenwahl sei jedes Thema recht, wenn es nur destruktiv auf den Hörerkreis wirke. Von der Ablenkung durch Musik-, Mode- und Sexthemen über die Abstumpfung durch billige Krimis, Horrorfilme und sadistische Themen bis zu direkter antikommunistischer Beeinflussung werden alle Themen genutzt. Wie skrupellos dabei vorgegangen wird, sagt Linebarger: „Ein Propagandist, der das Böse vermeidet, leistet nur halbe Arbeit.“(4) Eine weit verbreitete Methode ist die der Verunsicherung des Adressaten durch ein Überangebot von nebensächlichen Informationen, die von wesentlichen Vorgängen ablenken, zumindest aber eine progressive Orientierung erschweren sollen.

Im Sinne der thematischen Verwirrung werden ferner folgende Methoden häufig angewandt:
a) Gelenkte Nichtbenutzung und Ersetzen unbequemer und den Volksmassen nicht immer geläufiger Begriffe (Kapitalismus wird zu „moderner Industriegesellschaft“, Ausbeuter und Ausgebeuteter werden zu „Sozialpartnern“ usw.).
b) Bewußtes „Verfälschen“ (Umfunktionieren) von Begriffen. Beispiel: „Freiheit ist das, was wir hier im Westen haben und was die dort drüben hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ nicht haben“ (Ristow).
c) Systematische Vergiftung bestimmter Begriffe, die bei Gegnern des Imperialismus einen positiven Bedeutungsgehalt besitzen (z. B. wird der Begriff „rot“ in der imperialistischen Propaganda stets mit Begriffen wie Terror, Schrecken usw. assoziiert).
d) Diffamierung progressiver und gegen den Imperialismus gerichteter gesellschaftlicher Erscheinungen durch Belegen mit emotional negativen Bezeichnungen. So werden z. B. Bürgerrechtskämpfe in den USA mit dem Begriff „Negerkrawalle“, unsere Staatsgrenze zu Westberlin mit dem Begriff „Schandmauer“ diffamiert usw. (…)

Einige Methoden der Manipulation

1. Unter den Darstellungstechniken sind systematische Suggestionen von Vorurteilen durch raffinierte, großaufgemachte Fehlmeldungen und ihre halbe Zurücknahme, durch Verbreitung von Meinungen von „Autoritätspersonen“, die von dem betreffenden Sachverhalt in Wirklichkeit nichts verstehen oder ihn bewußt entstellen, durch Vertuschung der politischen Hintergründe eines Ereignisses und die Hervorhebung persönlicher, subjektiv gefärbter „Erlebnisse“ u.a. sehr verbreitet. Als z.B. die imperialistische Verschwörung gegen die Republik Guinea zerschlagen und die Beteiligung der BRD aufgedeckt wurde, bombardierte man die Hörer des Westfunks mit Aussagen von angeblichen Freunden und Bekannten der Mittäter über deren „persönliche Lauterkeit“, „geschäftliche Korrektheit“, „soziale Hilfsbereitschaft“ usw.

2. Zur bewußten Desorientierung gehört auch die sogenannte „Frappierung“, bei der der Adressat auf raffinierte Weise mit einer „völlig neuen Sichtweise“ für einen an sich klaren und feststehenden Sachverhalt mit dem Ziel überrascht wird, seine eigene Meinung zu verunsichern. Besonders gegenüber Jugendlichen, die weder die Absicht eines solchen Vorgehens noch den Sachverhalt ohne weiteres selbst zu durchschauen vermögen, ist das eine besonders niederträchtige Methode. Gleiches gilt auch für die Praktiken der einstellungskonträren Argumentation, in denen Jugendliche aufgefordert werden, einmal „ganz sachlich“ alle Argumente zusammenzutragen, die gegen ihre Meinung sprechen könnten. Wie psychologische Untersuchungen ergeben haben, führt ein solches Verfahren in den meisten Fällen zu einer Einstellungsänderung in Richtung der konträren Argumente!

3. Bei der „Scbockierungsmethode“, die auch unter dem Begriff der „Eskalation“ bekannt ist, wird durch eine drastische Maßnahme ein Einstellungsschock herbeigeführt, der durch Wiederholung zu einer nachhaltigen Verhaltensänderung führen kann. Die Adressaten sollen sozusagen zwangsläufig in die angestrebte Richtung mitgerissen werden.
Ein besonders drastisches Beispiel der Anwendung dieser Methode ist die zweimalige Auslösung von Atomalarm innerhalb von 48 Stunden in einigen US-amerikanischen Großstädten Mitte Februar 1971. Der immer weiter um sich greifende Widerstand breiter Teile der amerikanischen Bevölkerung gegen den Krieg in Südostasien sollte durch die schockierende Wirkung des Atomalarms als Hinweis auf die angeblich ständige Bedrohung durch den Kommunismus gebrochen werden. Die Ablenkung von den Greueltaten amerikanischer Soldaten in vielen Staaten Südostasiens und die Absicht, gleichzeitig den Kommunisten den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, war ein entscheidendes Ziel dieser Methode.

4. Die „Faszination“, die vor allem durch eine verlockende Darstellungsweise von Idolen erreicht wird, die als Schlagersänger, Musik- und Tanzfans sowie Playboys das „wahre“, „freie“, „süße“ Leben verkörpern, soll die Jugend von politischen Fragen und von ihrer Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in imperialistischen Staaten ablenken. Sie soll den Jugendlichen der sozialistischen Staaten Traumbilder vorgaukeln, die völlig der harten kapitalistischen Realität widersprechen.

Die Aufgabe: Mit dem hier angedeuteten System von Methoden und Techniken der geistigen Manipulierung und der ideologischen Diversion soll – besonders bei Jugendlichen sozialistischer Staaten – zunächst ein etappenweiser Abbau bereits entwickelter sozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen erzielt werden. Nach Erreichen einer allgemeinen Verunsicherung und Labilisierung soll dann schließlich eine konterrevolutionäre Aktivierung erfolgen.

Der Hauptweg ist dabei – psychologisch gesehen – zunächst die systematische Behinderung einer wissenschaftlich fundierten Standpunktbildung beziehungsweise die Verunsicherung eines bereits erarbeiteten Standpunktes durch bewußte Desorientierung der Jugendlichen. Der nächste Schritt soll im Aufbau antisozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen durch scheinrationales Argumentieren, besonders aber durch „emotionale Verseuchung“, bestehen. Dazu wurde in der BRD ein ganzer „Wissenschaftszweig“, die Psychagogie, entwickelt, worunter ihre Begründer die Macht verstehen, „Gefühle und Gedanken … durch Methoden, die sich nicht an die Vernunft wenden, zu beeinflussen und zu lenken“.(5)

Auf diese Weise wird eine unterschwellige Beeinflussung erreicht, die von manipulierten Adressaten kaum noch wahrgenommen wird.

(1) P.A.M.Linebarger: Der psychologische Krieg. Washington 1954. Übersetzt ins Russische. Moskau 1962, S.211.
(2) Vgl. G.Ohme: Die Beeinflussung von Menschen im psychologischen Kampf. In: „Wehrkunde“ München, H.10/1965.
(3) R.Schroers: Der Partisan. Köln, (West-)Berlin 1961.
(4) P.A.M, Linebarger: A.a.O., S.173.
(5) A.Böhm: Macht und Kontrolle. In: „Rheinischer Merkur“, Köln, Nr. 8/1969, S. 38.

(Paul Linebarger war Mitarbeiter der CIA. Sein Buch „Psychological Warfare“ gilt auch heute noch als Standardwerk der psychologischen Kriegsführung.)

6 Gedanken zu “…unterschwellige Beeinflussung

  1. Hallo Sascha!
    Dein Blog mausert sich ja wirklich!
    Nach und nach entdecke ich immer neue interessante Artikel.
    Der obige Artikel von A.Kossakowski ist sowohl sehr interessant als auch sehr nützlich in der heutigen Zeit.
    Denn wenn man sowas weiß, wie der Gegner uns zu manipulieren versucht, dann kann man sich besser darauf einstellen.
    Ich muß trotzdem nochmal dumm fragen: War das von A.Kossakowski nur ein Artikel oder war das ein ganzes Buch? Falls Buch: Wo kann man das evtl. herbekommen?

    Viele Grüße,
    Mikro

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  2. Hallo Mikro,
    das Buch heißt: „Die marxistisch-leninistische Pädagigik – eine streitbare Waffe im Kampf gegen den Antikommunismus“. Erschienen 1972 im Verlag Volk und Wissen. Es ist bestimmt noch antiquarisch erhältlich.
    Viele Grüße
    Sascha

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  3. Gerade habe ich obigen Beitrag entdeckt, geschrieben von einem DDR-Autor schon 1972.
    Mein erster Gedanke war, mein Gott, mein Gott, wie aktuell, als ob es erst gestern verfasst worden wäre.
    Dieses schändliche System fault und fault vor sich hin, die Welt weiter in jeder Hinsicht verpestend, das Menschenanlitz weiter schändend ohne Unterlaß, und doch gibt es noch immer unfaßbare Gestalten, welche sich selbst heute noch kindisch freuen über die „Freiheit“ seit 1989 im nun (nicht nur deutschen) „Osten“.
    Ein weiterer Beleg für die Schändlichkeit bürgerlicher Konterrevolutionen, unter welcher verlogenen Maske auch immer.

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  4. Tja, Harry, wir hatten schon sehr gute Leute in den verschiedensten Positionen, die sehr klar im Kopf waren, und die Erstaunliches geleistet haben. Der o.g. Prof. Adolf Kossakowski war Dir. des Instituts für Pädag.Psychologie. Nach diesen wissenschaftlichen Grundlagen wurden ganze Generationen von Lehren in der DDR unterrichtet. Und zu verdanken hatten wir das damals alles der Genossin Margot Honecker! Von den schädlichen Einflüssen der Chruschtschowisten ist in dem ganzen Buch nichts zu merken (außer daß man sich eben nicht mehr namentlich auf Stalin bezieht) – Wäre dieses Buch damals wirkungsvoller eingesetzt worden, hätte es (nach heutigen Begriffen) eine bessere „Vermarktung“ und eine gezielte „Medienkampagne“ dazu gegeben, wäre vieles anders verlaufen. Die imperialistische Massenbeeinflussung war und ist schon immer ein „deutsches“ Problem!

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  5. Neben der Freude über die Klarheit und Logik der Gedanken in solchen wichtigen Arbeiten kommt aber bei mir immer auch eine Trauer auf, eine Trauer darüber, wie sich die sozialistischen Staaten trotz dieses allen Wissens über den Imperialismus, über seine hinterhältigen gemeinen Manipulations- und Diversionsversuche am Ende hat doch einwickeln lassen.

    Warum dem so war, vielleicht erhellen diese Gedanken ein wenig mehr:

    http://politische-oekonomie.org/Lehrbuch/kapitel_42.htm

    Ich finde, ein sehr interssantes Projekt, dieses letzte wirklich noch marxistische-leninistische Lehrbuch über die Ökonomie, an dessen Zustandekommen ja auch noch der Gen. Stalin aktiv mitbeteiligt war, erneut herauszubringen.
    Ich habe es mir mal bei einem Versand bestellt.

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  6. Das Lehrbuch von 1955 ist hier an anderer Stelle schon mal zitiert worden (http://sascha313.blog.de/2013/01/04/wertgesetz-sozialismus-15395145/), und auch einer der Kommentare verweist auf die von Dir genannte Neubearbeitung. Ich habe beides noch nicht verglichen. Aber die Autoren der neuen Fassung haben völlig recht: man kann sagen, daß nach der Ermordung Stalins 1953 tatsächlich in fast allen sozialistischen Ländern der Revisionismus Fuß fassen konnte. Die o.g. Methoden wurden wie im Lehrbuch umgesetzt; der schlitzohrige Vorwurf des „Personenkults“ war eine scharfe Waffe!

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