Warum schweigt das deutsche Proletatriat?

Kollontai
Nach einer Begegnung mit Karl Liebknecht veröffentlichte Alexandra Kollontai im Jahre 1915 in der Zeitschrift „Kommunist“ einen Artikel „Weshalb schwieg das deutsche Proletariat in den Julitagen?“. Darin schreibt sie:

„Bis jetzt bleibt es für viele ein Rätsel: Wie und warum konnte sich das deutsche Proletariat aus Klassenkämpfern in eine willfährige Herde verwandeln, die mit hängenden Köpfen in den sicheren Tod geht? Bis jetzt bleibt es ein Rätsel, daß die Massen, eben die breiten Massen, nicht die Führer, in jenem Augenblick, da in Europa der Krieg in der Luft lag, nicht einen einzigen Versuch unternahmen, ihre bisherigen Prinzipien zu behaupten, und ihre Arbeiterforts und -festungen kampflos den Klassenfeinden überließen. Mag der Protest, mag der Widerstand auch schon ganz am Anfang erstickt worden sein – aber wie konnte es geschehen, daß keine Empörung aufbrodelte, daß es in den unteren Volksschichten nicht gärte, nicht zu spontanen Unruhen, zu einem Massenwiderstand kam? Wurde die Erziehung der Arbeiter in Deutschland nicht von einer Partei geleitet, die durch ihre politische Geschultheit dem Proletariat der ganzen Welt ein Vorbild war? Bedeutet das, die sozialistische Erziehung bringt nicht die Früchte, die wir zu Recht von ihr erwarten?“

Und doch glaubte sie an das Volk, welches der Welt so große Denker und proletarische Kämpfer geschenkt hatte. Sie glaubte, daß der Tag kommen wird, da das deutsche Volk, nachdem es durch tragische Prüfungen gegangen sein würde, eine Gesellschaft errichten würde, die die besten Ideale der Menschheit verkörpert.

Zitiert nach: Sinowi Scheinis, Alexandra Kollontai – das Leben einer ungewöhnlichen Frau, Verlag Neues Leben Berlin, 1987, S.95f.

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