Diktatur des Proletariats

Seit klar ist, daß der Kapitalismus (oder: „Marktwirtschaft“, wie diese Gesellschaftsformation fälschlich genannt wird) sich erneut und auf Dauer in der Krise befindet, orakelt man in bürgerlichen Kreisen über mögliche Perspektiven. Dabei ist allemal klar, daß es innerhalb dieses System eine Perspektive nicht geben wird. Die Reformation des Kapitalismus ist unmöglich, da die Eigentumsverhältnisse (Privateigentum an Produktionsmitteln) dies nicht gestatten würden. Der einzige Weg führt über die Diktatur des Proletariats, denn die werktätige Klasse ist die historisch progressivste Klasse. Nur sie ist in der Lage diesen Grundwiderspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneigung zu überwinden.

Stalin über die Diktatur des Proletariats:

Kann man eine so radikale Umgestaltung der alten, der bürgerlichen Verhältnisse ohne eine gewaltsame Revolution, ohne die Diktatur des Proletariats bewerkstelligen?

Es ist klar, daß man das nicht kann. Zu glauben, daß man eine solche Revolution friedlich, im Rahmen der bürgerlichen Demokratie, die der Herrschaft der Bourgeoisie angepaßt ist, durchführen kann, bedeutet, entweder den Verstand verloren und die normalen menschlichen Begriffe eingebüßt zu haben oder sich in grober Weise und offen von der proletarischen Revolution loszusagen.

Diese Feststellung muß mit um so größerem Nachdruck und um so größerer Entschiedenheit betont werden, als wir es mit einer proletarischen Revolution zu tun haben, die vorläufig in einem Lande gesiegt hat, das von feindlichen kapitalistischen Ländern umgeben ist und dessen Bourgeoisie vom internationalen Kapital, unvermeidlich unterstützt werden wird.

Deshalb sagt Lenin, daß „die Befreiung der unterdrückten Klasse nicht nur ohne gewaltsame Revolution unmöglich ist, sondern auch ohne Vernichtung des von der herrschenden Klasse geschaffenen Apparats der Staatsgewalt“. (Lenin, Staat und Revolution, S. 4.)

Und weiter:

Lenin hebt eines der wichtigsten Ziele der Diktatur, die Unterdrückung der Ausbeuter, hervor und sagt:
Lenin

Aber die Dikatatur des Proletariats erschöpft sich natürlich nicht in der Gewalt, obwohl es keine Diktatur ohne Gewalt gibt.
Lenin2Quelle: J.Stalin, Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1951, S.142/145f.

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Krise – und wie weiter?

Nicht erst seit gestern versucht die Bourgeoisie die Folgen der Krise auf die Bevölkerung abzuwälzen. Auch im Deutschland des Jahres 1932, als der Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise bereits durchschritten war, vermochten erst die vom Staat ergriffenen Maßnahmen eine gewisse Belebung herbeizuführen.

In seinem bereits 1983 erschienenen Buch „Ein Putsch, der keiner war“ zitiert der Autor Dr.Kurt Gossweiler den bulgarischen Arbeiterführer und Staatsmann Georgi Dimitroff (1):
Bourgeoisiea) Wie die Bourgeoisie die Folgen der Krise von sich abwälzte

Die Hitlerregierung kam den Forderungen der Monopolherren in ihrer Lohnpolitik mit einer Gründlichkeit nach, die den bürgerlichen Ökonomen René Erbe voller Bewunderung feststellen ließ, es sei „in der Geschichte der bisherigen Konjunkturaufschwünge einmalig“, daß die tariflichen Stundenlohnsätze tatsächlich unverändert auf dem niedrigen Stand blieben, auf den sie im Verlauf der Krise heruntergedrückt worden waren.(2)
Der Halbjahresbericht der Reichskreditgesellschaft für die Jahreswende 1934/35 vermerkt denn auch mit größter Genugtuung:
„Reibungsschwierigkeiten, die in früheren Zeiten die Wirtschaftsmaschinerie immer wieder störten, wie etwa Arbeitskämpfe aller Art, sind nunmehr weitgehend ausgeglichen“ (3) — „ausgeglichen“ durch die völlige Entrechtung der Arbeiterschaft, die Drohung mit dem Konzentrationslager und den blutigen Terror der faschistischen Mordbanden!

b) Warum das kein „böser Wille“ ist, sondern eine Gesetzmäßigkeit

Diese Lohnpolitik der deutschen Monopolbourgeoisie entsprang durchaus nicht subjektiver Willkür, sondern dem Zwang der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, den Bedingungen der erweiterten Reproduktion des Monopolkapitals. Eine solche Feststellung bedeutet keineswegs eine Rechtfertigung und Entlastung der Monopolbourgeoisie, sondern im Gegenteil ihre schärfste überhaupt denkbare Verurteilung, weil sie die Unvereinbarkeit der Existenzbedingungen dieser Klasse mit den Lebensinteressen der Volksmassen ausspricht, damit zugleich die Forderung nach der Beseitigung einer solchen unmenschlichen Gesellschaftsordnung. Außerdem enthält eine solche Feststellung eine Warnung vor dem, was die Werktätigen in Westdeutschland unausweichlich früher oder später erwartet, wenn sie die Monopolherren weiterhin ungehindert schalten und walten lassen.

Fußnoten:
(1)Georgi Dimitroff auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale; S. W. Pieck, G. Dimitroff, P. Togliatti, Die Offensive des Faschismus und die Aufgabe der Kommunisten im Kampf für die Volksfront gegen Krieg und Faschismus, Berlin 1957, S. 85).
(2)René Erbe, Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik 1933-1939 im Lichte der modernen Theorie, Zürich, 1958, S. 88.
(3)Reichskredit-Halbjahresbericht für die Jahreswende 1934/35, S.1.

RöhmputschBuchQuelle:
Kurt Gossweiler, Der Putsch der keiner war – Die Röhm-Affäre 1934 und der Richtungskampf im deutschen Faschismus, Reprint von 1983, Papyrossa Verlags GmbH & Co. KG, Köln 2009, S.33f.

Clara Zetkin – Zur Frauenfrage

Wollt ihr einen großen Menschen unseres Volkes kennenlernen, wollt ihr wissen, was wirkliches Menschentum ist – Clara Zetkin hat es euch vorgelebt. (Wilhelm Pieck)


Soll man die Frauenarbeit abschaffen?

Es ist nicht zu verwundern, daß die reaktionären Elemente eine reaktionäre Auffassung haben über die Frauenarbeit. Im höchsten Grade überraschend aber ist es, daß man auch im sozialistischen Lager einer irrtümlichen Auffassung begegnet, indem man die Abschaffung der Frauenarbeit verlangt. . .
Die Sozialisten müssen wissen, daß bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung die Frauenarbeit eine Notwendigkeit ist . . .
Die Sozialisten müssen vor allem wissen, daß auf der ökonomischen Abhängigkeit oder Unabhängigkeit die soziale Sklaverei oder Freiheit beruht.
Zetkin
Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen. Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Die unerläßliche Bedingung für diese ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit ist die Arbeit. Will man die Frauen zu freien menschlichen Wesen, zu gleichberechtigten Mitgliedern der Gesellschaft machen wie die Männer, nun, so braucht man die Frauenarbeit weder abzuschaffen noch zu beschränken, außer in gewissen, ganz vereinzelten Ausnahmefällen . . .

Die Emanzipation ist eine soziale Frage

Die Arbeiterinnen sind durchaus davon überzeugt, daß die Frage der Frauenemanzipation keine isoliert für sich bestehende ist, sondern ein Teil der großen sozialen Frage. Sie geben sich vollkommen klare Rechenschaft darüber, daß diese Frage in der heutigen Gesellschaft nun und nimmermehr gelöst werden wird, sondern erst nach einer gründlichen Umgestaltung der Gesellschaft …

Ohne Beihilfe der Männer, ja, oft sogar gegen den Willen der Männer, sind die Frauen unter das sozialistische Banner getreten; man muß sogar zugestehen, daß sie in gewissen Fällen selbst gegen ihre eigene Absicht unwiderstehlich dahin getrieben worden sind, einfach durch eine klare Erfassung der ökonomischen Lage.

Aber sie stehen nun unter diesem Banner, und sie werden unter ihm bleiben! Sie werden unter ihm kämpfen für ihre Emanzipation, für ihre Anerkennung als gleichberechtigte Menschen.

Quelle: Rede Clara Zetkins zum 100. Jahrestag der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1889 in Paris, In: Luise Dornemann, Clara Zetkin – Ein Lebensbild, Dietz Verlag Berlin, 1957, S.87f.

Die Fälscher der Geschichte

Angesichts der am 18. Juni 2010 auf einer Pressekonferenz in Moskau (*) durch die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) entlarvten Fälschungen im Russischen Staatsarchiv liegt es nahe, an Albert Norden zu erinnern, der im Vorwort zu seinem 1959 erschienenen Buch „Die Fälscher“ schrieb:

Die internationale Politik zwischen den beiden Weltkriegen stand vor allem im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, eines Kampfes, der auf zwischenstaatlicher Ebene die Sowjetunion zur Zielscheibe immer neuer imperialistischer Angriffe und Intrigen machte und national zwischen den herrschenden Klassen und der Arbeiterbewegung der einzelnen Länder ausgetragen wurde.

Bis 1917 predigten die Ideologen des Kapitalismus, daß dieser, wenn nicht die beste, so doch die einzig mögliche, höchstens noch zu verbessernde Gesellschaftsordnung, der Sozialismus aber einfach Phantasterei sei, gepredigt von bewußten Volksverführern und lebensfremden Schwarmgeistern.

Als 1917 dem Sozialismus der große Sprung zur Tat gelang, als er auf einem Sechstel des Erdballs Wirklichkeit wurde und die Militärintervention zerschlug, die ihn in der Wiege ersticken sollte, da sah sich der Imperialismus gezwungen, sein Arsenal zu ergänzen. Zwischen zwei Militäroffensiven, die erste, die gescheitert, und die zweite, die erträumt war, trat die Etappe der Vorbereitung. In ihr wurde die große Lüge zur permanenten Waffe gegen die Sowjetunion. Von der leichten Kavallerie relativ kleiner Schwindeleien über die angeblichen Fehlschläge sowjetischer Wirtschaftsunternehmen bis zu schweren Verleumdungstanks von der „Sozialisierung der Frauen“, der „Knechtung und Ausbeutung der russischen Arbeiter“ oder etwa den beliebten „Ratten, die sich durch die Körper der politischen Gefangenen des Sowjetregimes durchfressen“, schien das Arsenal übelriechender Lügen unerschöpflich.

Die Lügen allein taten es nicht. Wie oft hatte man den unvermeidlichen Untergang der Sowjetmacht prophezeit! Welch ein Heer von Zahlen war jahrelang aufgeboten worden, um ihre Lebensunfähigkeit zu bezeugen! Aber sie lebte immer noch. Ja, sie wurde stärker und wuchs und überwand die Schäden und Folgen von sieben Jahren Krieg und Bürgerkrieg. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Sonnenstrahlen der sozialistischen Wirklichkeit das schwarze Lügengewölk zerteilten und daß immer größere Arbeiterscharen der Wahrheit innewurden. Je länger, je mehr stumpfte die Waffe der Lüge ab.

In dieser Periode seit den frühen zwanziger Jahren, in der die Lüge allein nicht mehr ausreichte und die neue bewaffnete Intervention noch nicht unmittelbar auf die Tagesordnung gestellt werden konnte, trug die Dokumentenfälschung beträchtlich zur Verschärfung der internationalen Lage bei. Bei ihr handelte es sich um eine neue Variante des Lügenfeldzuges.

Plötzlich tauchten in der kapitalistischen Öffentlichkeit Anordnungen und Briefe aus Sowjetministerien und der Kommunistischen Internationale auf, die den Empfängern — seien es kommunistische Parteien oder einzelne Persönlichkeiten in den kapitalistischen Ländern — die Verübung aufrührerischer oder anderer gesetzwidriger Aktionen anbefahlen. Es bedurfte in der Regel keines sehr scharfen Auges, um die Fälschung zu erkennen. Aber ein Teil der imperialistischen Welt griff gierig zu in der Meinung, hier ein probates Mittel zur Verhinderung normaler Beziehungen mit der Sowjetunion und zur Verfolgung der Arbeiterbewegung des eigenen Landes gefunden zu haben. Das klassische folgenschwere Beispiel dieser Art lieferte der sogenannte Komintern-Brief, den die englischen Konservativen 1924 erfolgreich benutzten, um eine antisowjetische Kampagne zu entfesseln; er trug dazu bei, der Labour Party bei den Wahlen am 8. Oktober eine Niederlage beizubringen. Die nicht zuletzt dank dieser Fälschung zur Macht gekommene konservative Regierung verhinderte lange Zeit das Inkrafttreten eines vor den Wahlen abgeschlossenen englisch-sowjetischen Handelsvertrages.

Der Brief, aus Moskau datiert und in plumper Weise den englischen Kommunisten „revolutionäre“ Direktiven erteilend, ist natürlich nie in Moskau und überhaupt von keinem Kommunisten geschrieben, sondern von antisowjetischen Zirkeln zusammengestümpert worden.

Wer diesen „Komintern-Brief“ fabrizierte, ist bis auf den heutigen Tag nicht endgültig geklärt. Verschiedene zaristische Emigrantenklüngel stritten sich um die zweifelhafte Ehre der Urheberschaft. Der Schreiber dieser Zeilen war Zeuge, wie sich 1929 ein Staatsanwalt des Zaren, Wladimir Orlow, vor einem deutschen Gericht rühmte, das Bubenstück in Berlin durchgeführt zu haben.
FälscherGerade auf deutschem Boden
trieb die antisowjetische Dokumentenfälscherei
besonders giftige Blüten.

Was sich aber etwa zwischen 1925 und 1950 unter der Oberfläche offiziell normaler Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion zutrug, wie antisowjetische Verbrechen in der Treibhausluft der unaufrichtigen Stresemannschen Außenpolitik gediehen, darüber zu informieren ist dringlich (zumal sich die westdeutsche Geschichtsschreibung über dieses Thema in allen Tönen ausschweigt, obwohl sie jener Periode wahrhaftig nicht wenige Publikationen widmet). Denn wenn die zweideutige deutsche Außenpolitik jener Phase der Weimarer Republik die schwarzen Untaten der dunklen antisowjetischen Gestalten ermöglichte, so bereitete sie damit dem offenen Kriegskurs des Hitlerfaschismus das Feld.

Es ist aber auch überaus aktuell, diesen Vorgängen Aufmerksamkeit zu schenken, weil man in der westdeutschen Politik der Gegenwart auf Schritt und Tritt antisowjetischen und antikommunistischen Fälschungen begegnet, wie sie vor einer Generation die Welt beunruhigten.

Quelle:
Albert Norden, Fälscher – Zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen, Dietz Verlag Berlin, 1965, S.9ff. (Auszug)

Anmerkung:(*) Pressekonferenz der KPRF in Moskau

Der 17.Juni 1953 – und seine Vorgeschichte

Der antikommunistische Kreuzzug der USA

Die Vernichtung des realen Sozialismus in Gestalt der sozialistischen Länder blieb in den fünfziger Jahren das außenpolitische Hauptziel des Weltimperialismus unter Führung der USA. Nachdem aber in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre die imperialistische Konzeption von der „Zurückdrängung des Kommunismus“ durch „Eindämmung“ gescheitert war, griffen die USA — in völliger Verkennung der Macht und Festigkeit der sozialistischen Staaten — zu dem Mittel der Diversion und Aggression, um den Sozialismus gewaltsam „zurückzurollen“. USA-Außenminister Dulles, der diese neue Strategie 1950 in seinem Buch „Krieg oder Frieden“ („War or Peace“) entwickelte, bemühte sich jedoch sehr, diesen antikommunistischen Kreuzzug als „Weltkampf um Freiheit“ darzustellen. Die von ihm entwickelte Doktrin der „Befreiung“ sah die direkte Einmischung der imperialistischen Staaten in die inneren Angelegenheiten der sozialistischen Länder vor. Ihr Ziel war die gewaltsame Beseitigung der sozialistischen Gesellschaftsordnung.
NATO-Plan 1950
Zur militärischen Durchsetzung dieser ideologischen Doktrin entwickelten imperialistische Militärtheoretiker der USA die Strategie der „Einkreisung“ der Welt des Sozialismus. Es sollte ein Ring von Militärstützpunkten rund um die sozialistischen Staaten gelegt werden. Zur Verwirklichung dieser Konzeption ging der USA-Imperialismus dazu über, ein ganzes System militärisch-politischer Blocks und zweiseitiger Verträge aufzubauen. Aus der Zusammensetzung der Militärpaktsysteme und der territorialen Lage der Stützpunkte ging eindeutig hervor, daß die Hauptstoßkraft gegen die sozialistischen Länder gerichtet war. Daneben war aber besonders die Anwesenheit der USA-Truppen auch ein Instrument gegen die demokratische Bewegung in den Stationierungsländern sowie gegen die nationale Befreiungsbewegung in Asien und Afrika. Unter diesem Aspekt wurden die militärischen Kontingente besonders in Europa sowie im Nahen und Mittleren Osten konzentriert. In Ostasien spielten die amerikanischen Stützpunktabkommen mit Japan eine besondere Rolle. Die Mehrzahl der über 1000 USA-Militärbasen im Jahre 1960 lag in diesen Räumen. Das gleiche trifft für die über 40 Länder zu, mit denen die USA bereits 1955 sogenannte „Sicherheitsverträge“ abgeschlossen hatten. Das Hauptinstrument des Angriffs gegen die sozialistischen Länder blieb, speziell für den europäischen Raum, aber auch darüber hinaus, die NATO. Sie war der Ausgangspunkt für die Schaffung weiterer Paktsysteme in anderen Regionen der Erde, wo der USA-Imperialismus seinen angemaßten Weltherrschaftsanspruch ins Wanken geraten sah.

Trotz aller Bemühungen der USA zur Schaffung weiterer Paktsysteme in verschiedenen Regionen der Erde blieb die NATO das Hauptinstrument des Imperialismus zur Vorbereitung eines neuen Krieges gegen die sozialistischen Länder. Im Verlaufe der fünfziger Jahre wurde sie zum größten Militärblock in der Geschichte des Imperialismus ausgebaut. Nachdem Griechenland und die Türkei 1952 der NATO angegliedert waren, bestand ein geschlossenes Aufmarschgebiet des Imperialismus von Skandinavien über Westeuropa bis zum östlichen Mittelmeerraum gegen die sozialistischen Staaten Europas. Der USA-Imperialismus hatte sich damit zugleich wichtige Basen zur Sicherung seiner Vorherrschaft über die kapitalistischen Staaten Europas geschaffen.

Das entscheidende Kettenglied in der Strategie des USA-Imperialismus gegen die sozialistischen Staaten Europas war aber die imperialistische BRD.

USA-Außenminister Dulles faßte die diesbezüglichen Vorstellungen des USA-Imperialismus in seinem bereits genannten Buch „Krieg oder Frieden“ in folgenden Worten zusammen: „Ein wiederbelebtes Deutschland ist ein großer Trumpf in den Händen des Westens. Indem es Ostdeutschland in den Machtbereich des Westens zieht, kann es eine vorgeschobene strategische Position in Mitteleuropa gewinnen, welche die sowjetkommunistischen militärischen und politischen Positionen in Polen, der Tschechoslowakei, in Ungarn und anderen angrenzenden Ländern unterminiert.“(1)

Daher drängten die USA gemeinsam mit den herrschenden Kreisen der BRD auf deren Eingliederung in die NATO. Diese Eingliederung verzögerte sich durch den starken Widerstand der Werktätigen in den kapitalistischen Ländern und durch tiefe Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten. 1952 wurde als Umweg das Projekt einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) ausgeklügelt. Einflußreiche Kreise der französischen Großbourgeoisie lehnten die EVG aber ab, weil sie darin eine Gefahr für die eigenen Vorherrschaftspläne in Westeuropa sahen. Vor allem aber scheiterte das EVG-Projekt am massiven Widerstand der friedliebenden Menschen der betroffenen Länder. Die aggressiven Kreise der USA-Monopolbourgeoisie sahen ihre Pläne ernsthaft gefährdet. Sie griffen deshalb zum Mittel politischer Drohung und wirtschaftlicher Erpressung der von ihnen abhängigen kapitalistischen Länder. Auf diese Weise gelang es den USA schließlich, die NATO-Mächte im Oktober 1954 zur Unterzeichnung der sogenannten Pariser Verträge zu veranlassen, die am 5. Mai 1955 in Kraft traten. Diese Verträge gestatteten der BRD den Beitritt zur NATO und ermöglichten ihr, auf die Politik der NATO Einfluß zu gewinnen.

Die Eingliederung der BRD in die NATO führte zu einer erheblichen Zunahme ihrer materiell-technischen Basis sowie zu einer beträchtlichen Steigerung ihrer Aggressivität.

Pariser Verträge
Die Aufnahme der BRD in die NATO gab den imperialistischen Kräften in diesem Lande beträchtlichen Auftrieb. Sie setzten alles daran, um — entsprechend den strategischen Vorstellungen des USA-Imperialismus — die BRD zur „Speerspitze“ des Weltimperialismus im Kampf gegen die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder Europas zu machen. Dabei verkündeten die herrschenden Kreise der BRD immer unverhüllter die aggressiven und revanchistischen Ziele ihres außenpolitischen Programms. Es ging ihnen vor allem um die Wiedererrichtung eines imperialistischen Großdeutschlands in den Grenzen von 1937. Dazu entwarfen sie ein abenteuerliches Eroberungsprogramm, das sich gegen die DDR, die Volksrepublik Polen, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei richtete. Es ging diesen kreisen aber auch um die Beseitigung des sozialistischen Gesellschaftssystems und um eine territoriale Neuordnung Mittel- und Osteuropas. Als Hauptinstrument der Verwirklichung ihrer aggressiven und revanchistischen Ziele betrachtete die Regierung der BRD die sogenannte „Politik der Stärke“. Diese „Stärke“ sollte erreicht werden durch wirtschaftliche Macht, durch Remilitarisierung und durch die Verstärkung der eigenen Potenzen über die NATO, wo die BRD deshalb nach Kommandostellen strebte.
Bundeswehr 1959Der Hauptstoß der „Politik der Stärke“ richtete sich gegen die DDR.

In den ersten Jahren nach 1949 hatten die herrschenden Kreise der BRD gehofft, sich die nach Territorium, Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft weit kleinere DDR schnell einverleiben zu können. Um dies möglichst reibungslos vollziehen zu können, war die Bundesregierung bemüht, die DDR als im Sinne des Völkerrechts nicht existierenden Staat hinzustellen. Es wurde behauptet, die DDR sei nur ein besetztes Gebiet, das politisch von der BRD vertreten würde und rechtens zu ihr gehöre. Diese seit 1949 ständig vorgetragene Alleinvertretungsanmaßung hatte den Zweck, die Einverleibung nicht als Aggression im Sinne des Völkerrechts, sondern nur als innerdeutsche Polizeiaktion erscheinen zu lassen. Dem gleichen Ziel diente die 1955 formulierte sogenannte Hallstein-Doktrin. Sie beinhaltete die Forderung der BRD-Regierung, daß die DDR nicht völkerrechtlich anerkannt werden dürfe. Staaten, die dies dennoch taten, drohte die BRD mit Vergeltungsmaßnahmen.

Die geplante Einverleibung der DDR

Die Politik der BRD gegenüber der DDR war bis 1961 ein ständiger verdeckter Krieg. Das Konzept für die Eroberung der DDR war folgendes: Zunächst sollten
a) durch wirtschaftliche Störmaßnahmen,
b) durch propagandistische Beeinflussung der DDR-Bürger,
c) durch die Organisierung einer illegalen Auswanderung aus der DDR und
d) durch direkte Spionage und Sabotage in der DDR
Unruhen erzeugt und Putschsituationen herbeigeführt werden. Alsdann sollten die imperialistischen Staaten gemeinsam mit der BRD den Putschisten zu Hilfe eilen und die DDR beseitigen.(2)

Eine besondere Rolle spielte bei diesem Vorgehen Westberlin, das systematisch zu einem Störzentrum gegen die DDR, als Vorposten des kalten Krieges ausgebaut wurde. Anfang der sechziger Jahre glaubten die imperialistiaschen Kreise der BRD, genug „Stärke“ akkumuliert zu haben, um offensiv mit der Verwirklichung ihres aggressiven und revanchistischen Programms beginnen zu können.
Spionagetunnel Berlin
Ihr erster Angriff war dabei 1960/61 gegen die Deutsche Demokratische Republik gerichtet. Dieser Angriff wurde aber bereits im Ansatz zunichte gemacht durch die Stärrke der Arbeiter- und Bauern-Macht in der DDR sowie durch die Einheit und Geschlossenheit der brüderlich verbundnenen sozialistischen Länder.

Durch den Aufbau des imperialistischen Pakt- und Stützpunktsystems der USA war in den fünfziger Jahren eine gewaltige Aggressionsmacht des Imperialismus entstanden. Mit ihrer Hilfe versuchten die imperialistischen Mächte in den fünfziger Jahren wiederholt, die Kräfte des Friedens, der Demokratie und des sozialen Fortschritts zu zerschlagen und das Rad der Geschichte in Richtung der „einheitlichen kapitalistischen Welt“ zurückzudrehen.

Störungen in der DDR-Wirtschaft

Große Bedeutung maßen die imperialistischen Kreise der westlichen Länder — besonders die der BRD — einem Schlag gegen den sozialistischen Aufbau in der Deutschen Demokratischen Republik bei: Die planmäßigen Fortschritte Anfang der fünfziger Jahre bei der Schaffung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR riefen besonders bei den BRD-Imperialisten wachsendes Unbehagen hervor. So versuchten sie skrupellos, ihr Konzept der Einverleibung der DDR in die Tat umzusetzen.

Anfang 1953 kam es — vor allem unter dem Einfluß des politischen, ökonomischen und ideologischen Druckes des Imperialismus — zu Störungen in der Wirtschaft der DDR. Das brachte auch größere Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit sich, was zeitweilig zu Unzufriedenheit und Mißstimmung unter den kleinbürgerlichen Schichten der Bevölkerung, aber auch unter Teilen der Arbeiterklasse führte. Das Politbüro des Zentralkomitees der SED (9. Juni 1953) und der Ministerrat der DDR (11. Juni 1953) legten unverzüglich Maßnahmen zur Überwindung der Schwierigkeiten fest. In dieser Situation entschlossen sich die imperialistischen Kräfte zu einem konterrevolutionären Putschversuch gegen die DDR, ehe die Maßnahmen von Partei und Regierung Erfolge aufweisen konnten.

Was geschah am 17. Juni 1953?

Am 17. Juni 1953 gelang es Agenten verschiedener imperialistischer Geheimdienste, die von Westberlin aus zahlreich in die Hauptstadt und einige Bezirke der DDR eingeschleust worden waren, in der Hauptstadt und in verschiedenen anderen Orten der Republik einen kleinen Teil der Werktätigen zu zeitweiligen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen zu bewegen. In einigen Städten plünderten Gruppen von Provokateuren und Kriminellen. Sie legten Brände, rissen Transparente herunter, mißhandelten und ermordeten Funktionäre der Arbeiterbewegung, holten verurteilte Kriegsverbrecher aus Gefängnissen und forderten den Sturz der Arbeiter-und-Bauern-Macht.
Brand im HO-KaufhausUnd wie reagierte der sozialistische Staat?

Doch der junge sozialistische Staat bestand unter Führung der Partei auch diese Belastungsprobe. Die Mehrheit der Arbeiterklasse und der Bevölkerung stand zu ihrem Staat. In zahlreichen Großbetrieben, wie im Eisenhüttenkombinat Ost, in den Eisenwerken West (Calbe), im Bergbau sowie im Stahl- und Walzwerk Brandenburg, wiesen die Arbeiter die Provokateure entschieden zurück. Zum Schutze des sozialistischen Aufbaus entstanden in Betrieben Arbeiterwehren, aus denen in der Folgezeit die bewaffneten Kampfgruppen der Arbeiterklasse hervorgingen. Als sie die Hintergründe des konterrevolutionären Putsches erkannten, distanzierten sich viele Teilnehmer von ihm. Sie kehrten in die Betriebe zurück und halfen vielerorts bei der Festnahme der Provokateure. Durch das entschlossene Handeln der fortgeschrittensten Teile der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten gemeinsam mit sowjetischen Streitkräften und bewaffneten Organen der DDR brach der konterrevolutionäre Putsch innerhalb von 24 Stunden zusammen. Der Versuch, die DDR und den Sozialismus auf deutschem Boden gewaltsam zu beseitigen, war gescheitert. Die imperialistischen Staaten gaben jedoch trotz dieses Rückschlages ihre aggressive Politik nicht auf. Vielmehr versuchten sie, ihre aggressiven Handlungen gegen die sozialistischen Länder nunmehr noch zu vervielfältigen und langfristiger anzulegen.

Weitere geheime Pläne für die Konterrevolution

Im Frühjahr 1955 war in den USA dafür ein detaillierter Aktionsplan ausgearbeitet worden, für dessen Durchführung spezielle Organisationen und Institutionen geschaffen wurden. Als führende Propagandazentrale betätigte sich das „Komitee Freies Europa“, das — offiziell als private Einrichtung ausgegeben — von der USA-Regierung bezahlt und gelenkt wurde. Das Komitee errichtete in München den Hetzsender „Freies Europa“ und steuerte zahllose verbrecherische Aktionen gegen die sozialistischen Länder.

Der konterrevolutionäre Putsch in Ungarn

Am Beispiel der Ereignisse in Ungarn 1956 wurde die üble Rolle dieser imperialistischen Organisationen besonders deutlich: In der ungarischen Wirtschaft waren starke Disproportionen aufgetreten, die zu Versorgungsschwierigkeiten und zu Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt hatten. Diese Entwicklungsschwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus in der Ungarischen Volksrepublik ließen der internationalen Reaktion dieses Land besonders geeignet erscheinen, seine gesellschaftliehen Veränderungen rückgängig zu machen. Es sollte in einen Vorposten der NATO gegen die sozialistischen Staaten umgewandelt werden. Durch Einschleusen faschistischer Banden, von Waffen und Hetzmaterial und durch pausenlose Verbreitung antisozialistischer Losungen über den Sender „Freies Europa“ wurden die inneren Feinde des Sozialismus in Ungarn aktiv unterstützt und eine konterrevolutionäre Erhebung vorbereitet. Eine besondere Rolle spielten dabei solche Forderungen wie „Demokratisierung und Dezentralisierung“ oder „ungarischer Nationalkommunismus“, die bald offen durch antikommunistische Parolen ergänzt wurden. Ende Oktober 1956 waren die Vorbereitungen zur Durchführung eines bewaffneten Aufruhrs abgeschlossen. In Budapest und anderen Orten gingen konterrevolutionäre Banden zum blutigen Terror gegen Kommunisten und Staatsfunktionäre über.(3) (…)

Im Visier: auch die anderen sozialistischen Länder

Der Hauptangriff des Imperialismus richtete sich in den Jahren der Politik des „kalten Krieges“ also gegen die sozialistischen Länder Mittel- und Südosteuropas, die mit Hilfe und Unterstützung der Sowjetunion zunehmend erstarkten. Die imperialistischen Mächte nutzten bei ihren aggressiven Aktionen zum Teil bestimmte entwicklungsbedingte Schwierigkeiten in diesen Ländern aus. Sie griffen aber auch zu offenen und brutalen Aggressionen, wenn sich für verdeckte Aktionen keine hinreichenden Ansatzpunkte boten. Trotz des Einsatzes aller verfügbaren Mittel gelang es dem Weltimperialismus nicht, seine aggressiven Ziele auch nur annähernd durchzusetzen. Vielmehr erstarkte die Gemeinschaft der sozialistischen Länder ökonomisch, militärisch und politisch und begann ihrerseits immer stärker positiv Einfluß zu nehmen auf die Neugestaltung der internationalen Beziehungen.(4)

Das Scheitern dieser gegen die sozialistischen Länder gerichteten Politik des „kalten Krieges“ zeigte sehr nachdrücklich, daß sich das Kräfteverhältnis in der Welt im Verlaufe der fünfziger Jahre immer stärker zugunsten der Kräfte des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus verschoben hatte. Während die sozialistischen Länder sich planmäßig entwickelten und erstarkten, vertiefte sich die allgemeine Krise des Kapitalismus beträchtlich. Die außenpolitische Handlungsfähigkeit der imperialistischen Mächte wurde spürbar eingeschränkt. Der Imperialismus versuchte jedoch, alle ihm verbliebenen Mittel zu nutzen, um den weiteren gesellschaftlichen Fortschritt in der Welt aufzuhalten. Das zeigte sich auch bei dem Versuch imperialistischer Mächte, in Südostasien das Rad der Geschichte zurückzudrehen.

Quelle: Lehrbuch „Geschichte“ für die 10.Klasse, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1980, S.126ff.

Otto Grotewohl sagte zum 17. Juni 1953: „Viele klassenbewußte Arbeiter, die Zeugen der Ereignisse des 17. Juni waren, erklärten: Wir haben manchen Streik erlebt, aber wo Arbeiterheime zerstört, volkseigene Geschäfte geplündert und rote Fahnen heruntergerissen und verbrannt werden, dort kann von einem Kampf um Arbeiterinteressen nicht mehr die Rede sein, dort ist der Klassenfeind am Werk.“ (5)

Anmerkungen:
(1) J. F. Dulles: Krieg oder Frieden. Wien/Stuttgart 1950, S. 163.
(2) Diese konterrevolutionäre Strategie hatte – leider – 1989 Erfolg!
(3) Kommunisten wurden an Straßenlaternen erhängt…
(4) Die Stärke des Sozialismus zeigte sich auch darin, daß trotz der zunehmenden revisionistischen Einflüsse seit dem XX.Parteitag der KPdSU eine offene Agression gegen die sozialistischen Länder nicht möglich war.
(5) Otto Grotewohl: Im Kampf und die einige Deutsche Demokratische Republik – Reden und Aufsätze, Auswahl aus den Jahren 1945-1953, Dietz Verlag Berlin, 1954, Bd.III, S.436/437

Siehe auch:
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

Droht uns der Weltuntergang?

von Igor Adabaschew

Im Unterschied zum Tier kennt der Mensch heute in vielen Fällen fast keine begrenzenden Faktoren. Überall, wo es ihm notwendig erscheint, ist er bestrebt, die Natur zu verändern – Das sind keine allmählichen Wandlungen mehr, sondern sehr rasche Veränderungen…

Der größte Widerspruch unserer Epoche besteht darin, daß noch immer in einem Teil der Welt der Kapitalismus herrscht, obwohl er in die allgemeine Krise eingetreten ist und bereits nicht mehr den modernen Produktivkräften entspricht. Das Verhältnis des Kapitalismus zur Natur wird vielleicht am besten durch den folgenden Satz charakterisiert: Profit heute und nach mir die Sintflut. Durch die kapitalistische Gesellschaft haben sich Zerstörung und Plünderung der Natur noch beschleunigt. Im Vergleich zu diesen mit Unbedacht geweckten Kräften erscheinen Blitze, Vulkanausbrüche, sogar Erdbeben wie Kleinigkeiten.
Es ist kein Zufall, daß heute in den USA die Zerstörung der Natur besonders zutage tritt und die Widersprüche zwischen Mensch, Natur und Industrie in ihrer ganzen Schärfe enthüllt werden.

Welche „Zukunftsvisionen“ bietet der Kapitalismus?

Ein bekannter amerikanischer Wissenschaftler, Professor Barry Commoner, schrieb darüber: »Mit jedem Tag wird deutlicher, immer klarer, daß wir für die vielen Wohltaten, die wir von der modernen Technik erhalten, einen hohen Preis zu entrichten haben: Wir vernichten die Natur. Die Vorzüge des Autotransports bezahlen wir mit Krankheiten und Zerstörungen, hervorgerufen durch den Smog. Die Anwendung von Chemikalien führt nicht nur zu einer Steigerung des Ernteertrags, sondern auch zur Vernichtung der Tiere, nützlicher Insekten und Fische, sie bringt auch eine Zerstörung der ökologischen Systeme mit sich. Die Nutzung der Kernenergie ist mit dem Risiko verbunden, die verderbliche Strahlung zu vergrößern. Die industriell entwickelten Länder der Welt ernten in erster Linie nicht nur die Früchte des Überflusses, den die Technik erbringt, sondern sie leiden auch in erster Linie unter den von ihr hervorgerufenen Zerstörungen des Milieus.
Ruinen
In früheren Zeiten waren die Veränderungen der Umwelt, hervorgerufen durch die Entwicklung der Technik, in der Regel lokal, rasch vorübergehend. Die neuen Gefahren sind unbegrenzt, weder im Raum noch in der Zeit. Noch kann man nicht sagen, wohin das führt: Möglicherweise droht uns eine die ganze Welt überziehende Sintflut oder, umgekehrt, eine neue Eiszeit.« (1)

Wird die menschliche Gesellschaft überleben?

Wird die Natur dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt standhalten? Auf diese Fragen geben die Wissenschaftler der sozialistischen Länder eine optimistische Antwort, obwohl auch sie den Alarmcharakter der Situation nicht leugnen. Das unterschiedliche Herangehen an das Problem der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur ist keinesfalls zufällig.

Klammert man die unsinnige, durch nichts ernsthaft akzeptable Linie des Pseudooptimismus mit ihrem leeren Geschwätz aus, die bemüht ist, die drohende, bereits deutlich erkennbare ernste ökologische Krise in den entwickelten kapitalistischen Ländern zu vertuschen, dann kann man sagen: In der wissenschaftlichen Literatur des Westens, aber auch bei den meisten Politikern und »Geschäftsleuten«, hat sich ein »ökologischer Pessimismus« breitgemacht. Die bürgerlichen Wissenschaftler sehen eine zweifache Verkürzung der Lebensdauer voraus. Sie nehmen an, daß die Hälfte der Menschheit um die Mitte des 21. Jahrhunderts aussterben und daß die Natur vollständig vergiftet und zerstört sein wird, daß auch das Weltmeer stirbt. Als einzigen Ausweg betrachten sie die Herstellung eines sorgfältig austarierten »globalen Gleichgewichts«, sie rufen dazu auf, in Malthusscher Manier(2) die Bevölkerungszahl zu reduzieren, keine Erweiterung des Produktionsvolumens mehr zuzulassen, sich vom Fortschritt loszusagen. Die Wahrheit aber liegt woanders.

In ihrer Mehrzahl sind die bürgerlichen Wissenschaftler nicht in der Lage, sich in der wahren Wechselbeziehung zwischen der modernen wissenschaftlich-technischen Entwicklung und der Umwelt zurechtzufinden. Bewußt oder unbewußt verabsolutieren sie den konkreten Typ der Wechselbeziehungen »Mensch-Natur«, wie er sich unter den Bedingungen des Kapitalismus formierte, und wenden ihn auf die gesamte Menschheit und auf den Planeten an. Aber die reale Welt entwickelt sich auf unterschiedlichen Wegen. Wenn der alte kapitalistische Weg der planlosen Gesellschaft, der auf einem System des Privatunternehmertums, des uneinheitlichen, nicht koordinierten persönlichen Besitzes an den Naturressourcen und darauf beruht, daß jedes Monopol aus seinem »Fetzen Natur« den maximalen Profit herausschlägt, wenn dieser Weg tatsächlich zum Anwachsen der Widersprüche zwischen Gesellschaft und Natur und letztendlich in die ausweglose Sackgasse führt, so führt die neue feste Straße der gesamten Menschheit — der Weg der planmäßigen kommunistischen Entwicklung — zur beständig wachsenden Verbesserung der Wechselwirkungen zwischen der menschlichen Gesellschaft und der Umwelt.

Welche Lebensperspektiven bietet der Kommunismus?

Bereits seit den ersten Tagen der Sowjetmacht erfreuten sich der Schutz der menschlichen Umwelt und die rationelle Nutzung der Naturressourcen großer Aufmerksamkeit von Seiten des ersten sozialistischen Staates. Erstrangige Bedeutung maß W.I. Lenin diesen Fragen bei. (3) Seine Ideen über ein sorgsames Verhältnis zu den Reichtümern der Natur, ihre ökonomische, möglichst vorteilhafte Nutzung für das ganze Volk, werden in breitem Umfang mit Leben erfüllt.

Das stürmische Wachstum von Wissenschaft und Technik machte das uralte Problem der Beziehungen zwischen Mensch und Natur besonders aktuell. Schon die ersten Sozialisten waren der Meinung, ein wichtiger Charakterzug der künftigen Gesellschaft würde in der Annäherung des Menschen an die Natur bestehen. Seither ist eine lange Zeit vergangen. Wir haben die neue Gesellschaft errichtet und vieles im Leben realisiert, wovon die Vorläufer des wissenschaftlichen Sozialismus nur träumen konnten.

Artikel der sowjetischen Verfassung zum Schutze der Natur:
1984_5581Die Erfahrung, die das erste Land des Sozialismus in einem halben Jahrhundert gesammelt hat, zeigt anschaulich, daß eine wirtschaftliche und umsichtige Nutzung der Naturressourcen, die Fürsorge für Grund und Boden, den Wald, die Flüsse, für reine Luft, für die Pflanzen- und Tierwelt eine ureigene Angelegenheit des Kommunismus ist. Eine vernünftige, planmäßige Nutzung der Naturreichtümer wird die Natur nicht nur erhalten und bereichern, sondern auch alle Voraussetzungen schaffen für weitere Erfolge in der Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft, in der kontinuierlichen Steigerung der Arbeitsproduktivität und auf dieser Grundlage auch in der unablässigen Hebung des materiellen und kulturellen Lebensstandards unserer Generation und künftiger Generationen.

(Igor Iwanowitsch Adabaschew, Tragödie oder Harmonie? Verlag MIR und Urania Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1977, S. 26ff.)

Anmerkungen:
(1) Commoner, Barry, 1977 [1976]: Energieeinsatz und Wirtschaftskrise, Die Grundlagen für den radikalen Wandel (The poverty of power [dt.]), Reinbek
(2) Der englische Geistliche und Ökonom Th.R.Malthus versuchte mit seiner unwissenschaftlichen Theorie des Bevölkerungswachstums die Not und das Elend der Arbeiterklasse zu rechtfertigen und die Notwendigkeit von Kriegen zu begründen.

Fazit: Die rücksichtslose imperialistische Ausbeutung der Naturressourcen und die weithin fehlende Rekultivierung der geschundenen Natur führt zu einem immer größer werdenden Ungleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt. Nur eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse kann die Menschheit vor der ökologischen Katastrophe retten. Doch dazu bedarf es zuallerst der Einsicht, daß in erster Linie der Kapitalismus schuld an dieser verheerenden Entwicklung ist. Eine Lösung der Menschheitsprobleme ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht möglich. Die Weltuntergangsstimmung, die von bürgerlichen Ideologen und religiösen Fanatikern immer wieder verbreitet wird, entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage. Sie dient lediglich dazu, die Menschen von den realen Problemen der kapitalistischen Gesellschaft abzulenken, ihnen Angst einzuflößen, und ihr Vertrauen in die eigene Kraft zu untergraben. Auch wenn dieser Text bereits im Jahre 1977 gechrieben wurde, so steht doch immer noch unumstößlich fest, daß der Kapitalismus nicht imstande ist, die Menschheitsprobleme zu lösen. Erst wenn die Macht der heute herrschenden Klasse, die Macht der Ausbeuter und Unterdrücker gebrochen ist und deren Machtinstrument, der bürgerliche Staat, zerschlagen ist, erst wenn das Volk endgültig die Macht in den Händen hält und die entscheidenden Produktionsmitteln des Volkes Eigentum sind, dann sind auch die ökologischen Probleme lösbar.

Warum sind wir gegen den Kapitalismus?

von Jürgen K u c z y n s k i

Ja, warum sind wir eigentlich gegen den Kapitalismus?
Hören wir zum Beispiel das folgende Loblied auf die Leistungen der Bourgeoisie, die ja identisch ist mit der Klasse der Kapitalisten:

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt…

Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt… Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident abhängig gemacht…

Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschiffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen – welches frühere Jahrhundert ahnte, daß solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.“

Eine verlogene Darstellung von Soldschreibern des Kapitals? O nein – einige Auszüge aus dem „Kommunistischen Manifest“ von Marx und Engels, der größten und großartigsten „Anklageschrift, die je gegen das Kapital geschrieben, die einfacher und klarer als irgendein anderes Dokument des Sozialismus lehrt, warum wir gegen den Kapitalismus sind. Und weshalb haben wir, wenn wir darüber schreiben wollen, warum wir gegen den Kapitalismus sind, gerade dieses Loblied auf die Leistungen der Bourgeoisie aus dem „Kommunistischen Manifest“ zitiert?

Wir werden das sogleich erklären. Zuvor aber sei noch einem Argument begegnet, das so lautet: So schrieben Marx und Engels im Jahre 1848. Heute aber läßt sich kein der Wahrheit entsprechendes Bild mehr zeichnen, das dem Kapitalismus positive Züge abgewinnt.
Ist das wirklich so?

Ist es verlogen, wenn man erklärt: Kein Land der Welt besitzt eine Industrie mit so hoher Produktivität wie die kapitalistischen Vereinigten Staaten von Amerika. Ist es falsch, festzustellen: In keinem Land der Welt ist die industrielle Produktion in den letzten 20 Jahren so stark gestiegen wie in dem kapitalistischen Japan. Stimmt es nicht, wenn man findet: Die Frau in der kapitalistischen Bundesrepublik hat es leichter und bequemer zu kochen als in der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, da sie dort über mehr und billigere technische Zubereitungsgeräte, vielfältigere Konserven usw. verfügt als hier bei uns.

Wenn dem aber vor 120 Jahren so war – und so war es! – und wenn dem heute so ist – und so ist es! -, warum sind wir dann gegen den Kapitalismus? So fragten nicht nur vor 120 Jahren Millionen, so fragen auch heute Millionen in den Vereinigten Staaten von Amerika, in der Bundesrepublik und anderswo in der nichtsozialistischen Welt.

Man wird verstehen können – und darum wurden gerade diese Stellen aus dem „Kommunistischen Manifest“ zitiert, darum wurden gerade diese Tatsachen aus der Gegenwart herausgehoben -, daß in den kapitalistischen Ländern viele Menschen verwirrt sind und nicht begreifen, warum wir gegen den Kapitalismus sind. Aber bei uns?

Einmal kam ich beim Taxistand am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ins Gespräch mit einem alten einfachen Rentnerehepaar, das gerade von einem Besuch bei Verwandten in der Bundesrepublik zurückgekehrt war. Sie waren noch ganz gerührt davon, wie nett alles für sie dort gewesen war… die Verwandten, die Fürsorge, das Neue, das sie gesehen…, aber dann meinten sie: „Bleiben haben wir nicht gewollt. All die Unruhe dort, das Gehaste“, und dann fügten sie hinzu, ich weiß nicht, woher sie die Formulierung hatten, „der scharfe Kampf dort ums bessere Leben.“ – Nur wirkliche Marxisten-Leninisten können in diesen Worten eine Anklage gegen den Kapitalismus sehen.
GewaltBedeutet der Kapitalismus Elend?
Wir sind gegen den Kapitalismus, weil er Profit für eine kleine Minderheit und dadurch Not für eine große Mehrheit bringt. Wir sind aber nicht nur einfach gegen den Kapitalismus – wir hassen den Kapitalismus, weil er die Profitmacherei rationalisiert auf Kosten der Gesundheit, ja des Lebens von Millionen Kindern, Frauen und Männern…
ArmutBedeutet der Kapitalismus Arbeitsqual?
Und nun stelle man sich den Arbeiter an der Maschine vor, der natürlich genau weiß, daß er so beobachtet wird, ständig, sekündlich sich unter zu weiterer Arbeitshetze treibender Kontrolle fühlt, sicher sein kann, daß die unerbittliche Maschine notiert, wenn er sich schnaubt oder sich durch die Haare fährt, wodurch natürlich ein paar Sekunden Arbeitszeit verlorengehen, die ihm als ungenügende Leistung angekreidet werden. Und ist es anders in den USA, in England oder Frankreich? Nein, genauso ist es dort…
ZwangsarbeiterBedeutet Kapitalismus Sklaverei?
Die kapitalistischen Lohnsklaven werden an Gesundheit gebrochen und, so unbrauchbar geworden, auf den Rumpelhaufen der Geschichte geworfen… Die frühinvalidisierten Lohnsklaven des Kapitals sind zwar gesellschaftlich tot, herausgeworfen als nutzlos, da sie krank und arbeitsunfähig, doch vegetieren sie, all dessen sich voll bewußt, oft viele Jahre dahin … Opfer der modernen Sklaverei des Kapitalismus!
Lohnsklave

Bedeutet Kapitalismus Unwissenheit, Brutalisierung und moralische Degradation?
Das Maß von Unwissenheit der Arbeiter über die Verhältnisse in den Betrieben, ihre Unfähigkeit, diese zu übersehen, sei es von der Produktions-, Finanzierungs- oder Preisbildungsseite her, nehmen tatsächlich unter dem Kapitalismus in einem früher für unglaublich gehaltenen Ausmaß zu… Insbesondere ist die Jugend von diesem Prozeß betroffen…
Ausschnitt_GrKapitalismus und Krieg
Im letzten Jahrfünft der sechziger Jahre wurden an jedem Tag jeden Jahres 18 Kriege geführt. An zahlreichen dieser Kriege waren die imperialistischen Mächte beteiligt: die USA an 26 Kriegen, Großbritannien an 19 Kriegen, Frankreich an 12 Kriegen…
christmas in iraqueWarum gibt es denn noch immer den Kapitalismus?
Keine Ausbeuterklasse erkennt sich selbst als dem Untergang geweiht, zum Feind der Menschheit geworden, und tritt freiwillig aus der Weltgeschichte aus. Nur im Kampf des Volkes, unter der Führung der Arbeiterklasse kann die Herrschaft des Kerns des Kapitals, des Monopolkapitals, gestürzt werden. Hart und schwer und opferreich ist dieser Kampf. Doch am Ende des Kampfes leuchtet eine Zukunft, in der das Brot mit Rosen umkränzt ist und auch der Marmor einen warmen Charme hat, in der die Menschheit ohne Tränen lächelt, Frieden und Wohlsein uns umgeben.

Quelle: Jürgen Kiuczynski, Warum sind wir gegen den Kapitalismus? Dietz Verlag Berlin, 1974 (Auszüge)

Die Befreiung Polens 1944

„Wenn seit Jahrhunderten gesagt wird, die Geschichte sei eine Lehrmeisterin des Lebens, dann gilt das vor allem für die neueste Geschichte. Die Ereignisse der letzten Jahrzehnte stehen jeder Gesellschaft näher als die der vergangenen Jahrhunderte. Besonders aus der neuesten Geschichte müssen wir Lehren für unser Wirken ziehen, lernen, was zu tun und was zu vermeiden ist.“ (Władysław Góra)

Die Befreiung der östlichen Gebiete Polens im Sommer 1944

Am 23. und 24. Juni 1944 begann die Sowjetarmee eine große Offensive, die Belorussische Operation, die zum Zusammenbruch des Widerstandes der faschistischen deutschen Truppen an einem breiten Frontabschnitt und zur Befreiung Belorußlands führte. Die Zerschlagung der Hauptkräfte der deutschen Heeresgruppe Mitte Anfang Juli 1944 ermöglichte weitere offensive Operationen im Raum zwischen dem Fluß Pripjat und den Karpaten. Am 13. Juli rückten die Truppen der 1. Ukrainischen Front unter dem Kommando des Marschalls der Sowjetunion I. S. Konew in Richtung Lwów—Sandomierz und am 18. Juli die Einheiten der 1. Belorussischen Front unter Armeegeneral K. K. Rokossowski in Richtung Brest—Warschau erfolgreich vor. Zwei Tage später, am 20. Juli 1944, erreichten die sowjetischen Streitkräfte den Bug und betraten nach der Überschreitung des Flusses polnischen Boden. Am 22. Juli befreiten sie Chełm und in der Nacht vom 23. zum 24. Juli Lublin. Am 25. Juli erreichten sowjetische Panzereinheiten die Wisła in der Gegend von Dęblin und rückten am Ostufer des Flusses nach Norden — in Richtung Warschau — vor. Im Vorfeld von Warschau stießen sie jedoch auf den erbitterten Widerstand faschistischer Panzereinheiten; ein Umgehungsversuch scheiterte. Die sowjetische 2. Panzerarmee erlitt hohe Verluste und mußte hier am 1. August zu schweren Abwehrkämpfen übergehen. Weiter nördlich gingen die Truppen der 2. Belorussischen Front unter Generaloberst G. F. Sacharow am 25. Juli zur Offensive über und befreiten am 27. Juli Białystok. Gleichzeitig überschritten die Streitkräfte der 1. Ukrainischen Front den San. Sie befreiten am 28. Juli Jarosław und Przemysł, am 29. Juli Rzeszów; dann wandten sie sich in Richtung Sandomierz, um Brückenköpfe auf dem Westufer der Wisła zu errichten. Zwischen August und Dezember 1944 verlagerte sich der Schwerpunkt der Partisanenkämpfe auf das Westufer der Wisła, vor allem in das Gebiet der Wojewodschaft Kielce.

Polnisch-Sowjetische Waffenbrüderschaft

Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung begrüßte den Vormarsch der sowjetischen Armeen und der Divisionen der polnischen Volksarmee freudig. Ungeachtet der verleumderischen Agitation des „Londoner“ Untergrunds, die Befreiung Polens sei „eine neue sowjetische Okkupation“, empfingen Bauern und Arbeiter, Erwachsene und Kinder ihre Befreier tiefbewegt mit Freudentränen, errichteten improvisierte Triumphbögen und begrüßten die Soldaten mit Blumen. In Lublin, Rzeszów, Przemyśl und Stalowa Wola, in Hunderten von Kleinstädten, Siedlungen und Dörfern versammelten sich die Einwohner, um die Befreier willkommen zu heißen.
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Mit der Befreiung eines Teils der polnischen Gebiete entstand eine neue Situation. Es verbreitete sich eine Atmosphäre der Erleichterung und tief empfundenen Freude nicht nur bei den Anhängern der neuen, der Volksmacht, sondern auch bei Menschen, die bisher abseits gestanden hatten, und bei einem Teil derer, die unter dem Einfluß des „Londoner Lagers“ standen und sowohl den demokratischen Kräften Polens als auch der Sowjetunion negativ, ja sogar feindlich gegenüberstanden. Das neue Klima zeigte sich auch darin, daß sich Arbeiter und Bauern spontan zur Armee meldeten, daß die große Mehrheit der Angestellten, der Eisenbahner und der Lehrer sowie geschlossene Belegschaften in den geretteten oder teilweise zerstörten Fabriken, Betrieben und Institutionen sofort die Arbeit aufnahmen.

Im Ergebnis der Offensive der Sowjetarmee und der an ihrer Seite kämpfenden Einheiten der Polnischen Armee (AL)* wurden polnische Gebiete in einem Ausmaß von etwa 78.000 Quadratkilometern mit einer Bevölkerungszahl von 5,6 Millionen Menschen befreit. Die befreiten Gebiete befanden sich infolge der Kriegszerstörungen in einem überaus beklagenswerten Zustand. Die zurückweichenden deutschen Truppen
hatten verbissenen Widerstand geleistet, Dörfer und Siedlungen zerstört und die Bevölkerung mitleidslos hingemordet. Wenngleich das Tempo der sowjetischen Offensive den deutschen Faschisten die Anwendung der Taktik der „verbrannten Erde“ in großem Umfang unmöglich machte, so war dennoch die Lage der Bevölkerung in den Kampfgebieten und besonders im Bereich von Brückenköpfen geradezu katastrophal. In den befreiten Wojewodschaften Białystok und Rzeszów waren zahlreiche Dörfer völlig niedergebrannt, der faschistische Krieg hatte den Besitz ganzer Generationen vernichtet. Innerhalb des Brückenkopfs Sandomierz bestand Epidemiegefahr.
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Doch trotz dieser außerordentlich schwierigen Situation begann die schnelle Wiedergeburt des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Als neue Organe der örtlichen Volksmacht nahmen die Nationalräte, die teils bereits in der Illegalität bestanden hatten, teils neu gebildet wurden, ihre Arbeit auf.

Am 26. Juli 1944 wurde in Moskau eine Vereinbarung zwischen der Sowjetregierung und dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung über die gegenseitigen Beziehungen zwischen dem Oberbefehlshaber der Roten Armee und der polnischen Verwaltung in den befreiten Gebieten unterzeichnet. Darin war festgelegt, daß in frontnahen Gebieten die oberste Gewalt in dem Maße, wie das zur Durchführung der militärischen Operationen notwendig war, sich in den Händen des sowjetischen Oberkommandos befand und sich die dem Polnischen Komitee der Nationalen Befreiung (PKWN) unterstehenden Verwaltungsorgane von der polnischen Gesetzgebung leiten zu lassen hatten. In den befreiten Gebieten, die nicht mehr in der Kampfzone lagen, sollte die gesamte Macht durch das PKWN ausgeübt werden. Nach dessen Weisungen entstanden dort die Organe der örtlichen Verwaltung. Das PKWN übernahm auch die Verantwortung für die Sicherung der Zusammenarbeit in militärischen Fragen zwischen den polnischen Machtorganen und dem sowjetischen Oberkommando. Die Verbindung zwischen dem Obersten Befehlshaber der Roten Armee und dem PKWN sollte über die Polnische Militärmission in Moskau und in den Gebieten unmittelbarer militärischer Operationen durch Bevollmächtigte des PKWN und die Oberbefehlshaber der Fronten hergestellt werden.

In einer an das PKWN gerichteten Erklärung des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR vom 26. Juli hieß es: Die Sowjetregierung betrachte die Kriegshandlungen der Roten Armee auf polnischem Territorium „als Operationen auf dem Gebiet eines souveränen, befreundeten und verbündeten Staates“. Deshalb „beabsichtigt die Sowjetregierung nicht, auf dem Territorium Polens eigene Verwaltungsorgane einzurichten; dies hält sie für eine Angelegenheit des polnischen Volkes selbst“. (Внешная политика Советского Союза в период отечественной войны, т.2, 1944, М. 1946, С.156)

Am 1.August erhielt der Vorsitzende des PKWN ein offizielles Schreiben des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR, das die Anerkennung des PKWN durch die Sowjetunion bestätigte. Kurz danach tauschten beide Staaten ihre diplomatischen Vertreter aus; Handels- und Kreditvereinbarungen wurden unterzeichnet, die die Wiederaufnahme der Produktion in den polnischen Betrieben und eine bessere Versorgung der Bevölkerung erleichterten.

PKWN_ManifestDas Manifest des PKWN – die Geburtsurkunde der Volksrepublik Polen

Zwischen dem PKWN und der Sowjetregierung wurde am 26. Juli 1944 auch eine vorläufige Vereinbarung über die Grenze zwischen Polen und der UdSSR unterzeichnet. Die sowjetische Seite sicherte dem PKWN einen für Polen günstigen Grenzverlauf im ehemaligen Ostpreußen und im Urwaldgebiet von Białowieża (Puszcza Białowieska) zu. Außerdem erklärte sich die Sowjetregierung bereit, die polnischen Forderungen hinsichtlich des Verlaufs der Westgrenze Polens an der Oder und der Lausitzer Neiße, unter Einschluß von Wrocław und Szczecin, zu unterstützen. Diese Verpflichtung der Sowjetregierung wurde in einer Vereinbarung fixiert, die jedoch nichtoffiziellen Charakter trug und damals auch nicht veröffentlicht wurde. Ihren Standpunkt zur Frage der Westgrenze Polens mußte die Sowjetregierung nämlich mit den Regierungen Großbritanniens und der USA abstimmen; andererseits erschien eine Präzisierung territorialer Veränderungen noch vor Beendigung des Krieges aus verschiedenen Gründen nicht zweckmäßig. Dennoch erfolgte auf der Grundlage der genannten vorläufigen Vereinbarung die faktische Festlegung der neuen Grenze zwischen Polen und der UdSSR. (S.24f.)

Quelle: Władysław Góra, Volksrepublik Polen, Ein Abriß, VEB Verlag Deutscher Wissenschaften Berlin, 1979.

Anmerkungen:

* Die Armija Ludowa (AL) war die um die Befreiung vom Hitlerfaschismus kämpfende Partisanenarmee, die am 1.1.1944 durch den Landesnationalrat (Krajowa Rada Narodowa – KRN) ins Leben gerufen wurde, dem sie auch in der Folgezeit unterstand.

Am 16. August 1945 schlossen Polen und die UdSSR ein Abkommen ab, das die Ostgrenzen Polens in Übereinstimmung mit den früheren Vereinbarungen und Verpflichtungen festlegte. Etwas später wurden auch die strittigen Fragen zwischen Polen und der Tschechoslowakei geregelt, und am 6.7.1950 wurde in Zgorzelec das Abkommen über die Markierung der Staatsgrenze zwischen der DDR uind der VR Polen unterzeichnet („Oder-Neiße-Friedensgrenze“). Damit war die Herausbildung der Territorialgrenzen des volksdemokratischen polnischen Staates abgeschlossen.
Dann allerdings hatte die neugegründete Volksrepublik Polen, neben allen zu bewältigenden Kriegsfolgen, mit dem wütenden Terror, der Diversion und Hetze der reaktionären Kräfte (Exilregierung, katholische Kirchenhierarchie, radikale Bauerführer usw.) zu kämpfen…

Siehe auch:
Der Geschichtsrevisionismus in Polen und die wahre Geschichte der Befreiung 1944

Was ist Antisemitismus?

Während der letzten Jahrzehnte konnte sich niemand — angesichts der nach 1945 in ihrem ganzen erschütternde Ausmaß bekannt gewordenen Verbrechen des deutschen Imperialismus an vielen Millionen Menschen jüdischer Herkunft — der Frage entziehen:
Wie konnte das geschehen?

professormamlockaus dem DEFA-Film „Professor Mamlock“ (DDR – 1961)

Die Antworten, die darauf in der DDR und in der BRD gegeben wurden, sind unterschiedlich. Die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden, sind gänzlich entgegengesetzt. In der DDR sind die Bedingungen geschaffen worden, die jegliche Wiederholung solcher barbarischer Untaten für immer ausschließen. Die gesellschaftlichen Grundlagen für Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Ausbeutung und Unmenschlichkeit wurden beseitigt. In der BRD hingegen konnte der Imperialismus seine Macht restaurieren. Es wurde die Gesellschaftsordnung wiederhergestellt, deren herrschende Klasse für die Verbrechen von Auschwitz und Majdanek die volle Verantwortung trägt! Deshalb vor allem hat in der BRD jene schwerwiegende Frage andere, geschichtlich unwahre Antworten erfahren und sind die Schlußfolgerungen daraus ebenfalls denen der DDR konträr. (…)

Was ist Antisemitismus?

Das Wesen des Antisemitismus läßt sich erst dann richtig bestimmen, seine wirklichen Ursachen lassen sich erst dann aufdecken und der einzige historisch reale Weg zu seiner Überwindung kann erst dann gewiesen werden, wenn von seinem gesellschaftlichen Charakter ausgegangen wird. Der Platz, den der Antisemitismus in der Geschichte eingenommen hat, ist eindeutig: Judenhaß und Judenverfolgungen wurden in der Klassengesellschaft dann verbreitet und praktiziert, wenn die herrschende Ausbeuterklasse sich genötigt sah, die von ihr unterdrückten Volksmassen durch demagogische Politik vom Klassenkampf fernzuhalten. Antisemitismus ist ein spezifisches Mittel, um die gesellschaftlichen Ursachen der Scheidung zwischen Besitzenden und Besitzlosen, der erbarmungslosen Knechtung der Produzenten durch die Besitzer der Produktionsmittel zu verschleiern. Er stellte einen Versuch der Reaktion dar, die historisch notwendige Überwindung dieses Widerspruchs zu verhindern. Der Antisemitismus existierte niemals als eine isolierte Erscheinung, sondern er wurde von den Propagandisten der herrschenden Klasse stets mit konkreten politischen Forderungen — zumeist demagogischen Charakters — verbunden. Nicht zuletzt bezweckten die Ausbeuterklassen — oder bestimmte Gruppen von ihnen — mit der Inszenierung von Judenhaß, die von ihnen unterdrückten Klassen und Schichten für die Ausführung ihrer Raubpläne, welche sich gegen andere Völker und Staaten richteten, zu mobilisieren. Antisemitismus ist eine der brutalsten Waffen, die Ausbeuterklassen zur Stabilisierung und Ausdehnung ihrer Machtpositionen anwenden.
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Diese Feststellung gilt ganz allgemein für alle Epochen der Geschichte, in welchen Judenhaß aufgetreten ist. Die blutigen Pogrome, die die mittelalterliche Geschichte für viele Städte Deutschlands, Spaniens und Frankreichs aufweist, die Massenvertreibungen von Juden aus verschiedenen Feudalstaaten Europas, die judenfeindliche Politik des russischen Zarismus während der letzten Dezennien seiner Existenz und auch die von dem Hitlerfaschismus begonnene planmäßige Vernichtung aller Menschen jüdischer Herkunft — alles das geschah im Auftrage der jeweils herrschenden Klasse, war grausamer Ausdruck ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessenverfolgung. (…)

Der Zionismus

Der Zionismus ist eine zu Ende des 19. Jahrhunderts entstandene reaktionäre bürgerlich-nationalistische Strömung, die zunächst besonders von der jüdisch herkünftigen Bourgeoisie in Rußland unterstützt wurde. In Deutschland fand die zionistische Bewegung nach 1918 nur ein geringes Echo. Während der bedeutend einflußreichere Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sich mit dem deutschen Imperialismus und seinem Staat voll arrangieren wollte, strebten die Zionisten danach, auf dem Gebiet Palästinas, wo Araber ansässig waren, eine „nationale Heimstatt des jüdischen Volkes“ zu errichten.
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Im Zionismus mit seinem nationalistischen und sozialdemagogischen Programm fand der Weltimperialismus eine Bastion in seinem Kampf gegen die nationale Befreiungsbewegung der vom Kolonialismus unterdrückten Völker, gegen die internationale Arbeiterbewegung, gegen den ersten sozialistischen Staat der Welt und heute gegen die sozialistischen Staaten insgesamt.

Die Geschichte des Zionismus besonders während der letzten 25 Jahre bestätigt die Richtigkeit der von Lenin 1913 vorgenommenen klassenmäßigen Kennzeichnung dieser Bewegung, deren nationalistische Argumentation er als die „Losung der Rabbiner und Bourgeois, die Losung unserer Feinde“ entlarvte. (Lenin, Werke Bd.20, S.10)
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Die Führer des Zionismus bemühten sich bei den imperialistischen Großmächten stets um die Unterstützung ihrer Pläne. Vor 1914 versuchten sie, sich der Hilfe des aggressiven deutschen Imperialismus zu versichern. Als sich dessen Niederlage im ersten Weltkrieg abzuzeichnen begann, warben sie mit Erfolg um die Gunst des englischen Monopolkapitals. Großbritannien verpflichtete sich 1917 durch seinen Außenminister Balfour in einer nach ihm benannten Deklaration, die zionistischen Ansprüche in Palästina zu unterstützen. Es erhielt damit einen Vorwand, in dem 1920 zu britischem Mandatsgebiet erklärten Land Truppen zu stationieren, was den englischen Interessen im Nahen Osten zu recht kam. Unter britischen Bajonetten begannen zionistische Einwanderer sich in Palästina niederzulassen, wobei schon nach 1920 Repressalien gegen die arabische Bevölkerung ausgeübt wurden. Die Kräfteverschiebung im Lager des Imperialismus war die Ursache, warum sich die zionistische Führung während des zweiten Weltkrieges dem amerikanischen Finanzkapital zuwandte.

Die widerrechtliche Gründung Israels

Unter bewußter Mißachtung der von der UN beschlossenen Regelung des Palästina-Problems wurde 1948 durch einen Gewaltakt das künstliche Staatsgebilde Israel geschaffen. Für Hunderttausende arabischer Einwohner dieses Gebietes bedeutete das Heimatlosigkeit oder brutale nationale Unterdrückung. Mit USA-Kapital und den Mitteln aus dem verlogenen Wiedergutmachungsabkommen, zu dem sich aus wohlüberlegten politischen, ökonomischen und militärischen Motiven 1952 die Regierung der BRD verpflichtete und das sich zu einem glänzenden Geschäft für das westdeutsche Monopolkapital gestaltete, wurde dieser Staat in relativ kurzer Zeit so ausgestattet, daß er als imperialistische Speerspitze gegen die arabischen Völker verheerend wirksam werden konnte.
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Mit philosemitischen Erklärungen reisten westdeutsche Finanzgewaltige und Politiker in den letzten Jahren wiederholt nach Tel Aviv, um mit materiellen Zuwendungen, aber auch durch Übermittlung persönlicher Erfahrungen die israelischen Extremisten zur Beibehaltung ihrer friedensfeindlichen Politik zu ermuntern. Sie reisten aus einem Land, in dessen Alltag antisemitische Zwischenfälle etwas Gewohntes darstellen; sie reisten als Repräsentanten einer Klasse, die sich bei der Verfolgung ihrer antikommunistischen Politik sowohl des Antisemitismus als des Philosemitismus bedient hat.

Israel – eine Hoffnung für Auswanderer?

Die Ereignisse nach der Errichtung der faschistischen Diktatur veranlaßten viele jüdisch herkünftige deutsche Bürger in zunehmendem Maße, dem Zionismus ein aus Verzweiflung geborenes Interesse entgegenzubringen. Es ist bekannt, daß nicht wenige Menschen jüdischer Herkunft in den Gaskammern von Auschwitz starben, deren letzte Hoffnung die Auswanderung in das Gebiet des späteren Israel war. Ihrem Vermächtnis ist nicht damit gedient, den Charakter der Aggressionspolitik der israelischen Reaktion zu verschweigen.

Quelle: Walter Mohrmann, Antisemitismus, Ideologie und Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin, 1972, S. 7-12 u.184-186

Enola Gay und das amerikanische Verbrechen

6. August 1945. Der 2. Weltkrieg ist längst zu Ende…

Es ist genau 8 Uhr, als die Maschine ihr Ziel erreicht. Die leichte Wolkendecke in viereinhalbtausend Metern ist weit aufgerissen; die Stadt liegt friedlich im hellen Morgenlicht. Scharf zeichnen sich ihre Umrisse ab, wie auf dem Luftbild. Und doch ist alles anders. Plötzlich dringt der Gedanke ins Hirn, daß dort unten Menschen leben.
Eatherley
Claude Eatherly reißt sich davon los. Der Major weiß, daß die »Enola Gay« auf seinen Funkspruch wartet. Mag das Wetter über Nagasaki oder Kokura noch so gut sein. Hiroshima ist das Hauptziel, und hier ist die Sicht für den Bombenabwurf vorzüglich. Er gibt dem Funker die Meldung. Stabsfeldwebel Pasquale Baldasaro setzt die Morsetaste in Bewegung: »Y2. Q2. B2. Cl. Wolkenbedeckung in allen Höhenlagen weniger als ein Drittel. Bombardierungsbedingungen vorzüglich.«
Die »Enola Gay« empfängt die Meldung 50 Meilen vor der japanischen Küste, dort, wo sie noch alle drei möglichen Ziele ohne Zeitverlust anfliegen kann. Jetzt geht sie auf Kurs 353, hart nach Norden. Seit eineinhalb Stunden ist das Monster – wegen seiner Form im Unterschied zur Plutoniumbombe »Dünner Mann« genannt – im Bombenschacht geschärft. Nicht größer als eine Ananas ist die todbringende Ladung aus Uran 235. Noch ist sie in Hälften getrennt, doch durch eine Explosion gegeneinander-geschossen, wird sie kritisch.
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Als Eatherlys Maschine die letzte Runde über der Stadt dreht, um dann abzuschwenken, taucht ganz in der Ferne der silberne Leib der »Enola Gay« auf. Ein paar Minuten später haben die Männer der Straight Flush das durchdringende Pfeifen eines schrillen Dauertons in ihren Kopfhörern. Sie greifen nach den tiefschwarz gefärbten Brillen, die man ihnen vor dem Start ausgehändigt hat. In zwei Minuten wird der Funkton abbrechen, dann fällt die Bombe. Die Bordchronometer zeigen 9.13 Uhr -Tinian-Zeit. Doch die Uhren gehen nicht überall gleich.

In Berlin ist es erst kurz nach Mitternacht. Hinter notdürftig geflickten Fenstern brennt vereinzelt noch Licht, arbeiten Menschen und denken für den neuen Tag. Morgen, wenn die Sonne aufgeht, wird sich überall Leben regen. Tatkräftige Männer und Frauen werden Trümmer beiseite räumen; Straßenbahnen werden wieder fahren, Fabrikschornsteine rauchen. In Moskau beginnt die dritte Stunde des neuen Tages. In der Druckerei der »Prawda« wird schon gearbeitet. Bald laufen die Rotationsmaschinen an, werfen Hunderttausende Zeitungen aus. Auf dem Papier, das noch nach Druckerschwärze riecht, sind die Pläne skizziert, die der Oberste Sowjet beschlossen hat, um das riesige Land aus den verheerenden Kriegsfolgen zu führen. Millionen Menschen werden dafür wirken, daß diese Beschlüsse Gestalt annehmen. In den USA ist noch gestern, Sonntag, der 5. August. In den menschenleeren Geschäfts- und Bürovierteln Washingtons lastet die Hitze eines schwülen Spätnachmittags. Groves spielt auf einem der hinter dem Pentagon am Potomac gelegenen Plätze Tennis. Irgendwo plärrt aus einem Autoradio der neueste Schlager: »Gonna take a sentimental journey …« – Einer von Groves‘ Offizieren sitzt am Telefon, das am Rande des Platzes installiert ist. Man wartet auf die Nachricht!

In Hiroshima ist es 8.13 Uhr. Die Arbeit in den Fabriken und Büros hat bereits begonnen. Die Kinder sind auf dem Weg in die Schule. Sie alle halten Hiroshima für eine glückliche Stadt. Während überall im Lande die Großstädte im Feuersturm der amerikanischen Flächenangriffe verglühten, ist ihre Stadt verschont geblieben. Nur eine B-29 kreist fast täglich für ein paar Minuten hoch am Himmel. Hiroshimas Bewohner haben sich daran gewöhnt, ja sie haben der einzelnen Maschine sogar einen Namen gegeben. Sie nennen sie »Mister B«. Auch heute früh ist er wieder dagewesen. Um 7 Uhr hatte es Luftalarm gegeben; doch schon 30 Minuten später kam die Entwarnung.

Der helle schneidende Ton reißt ab. Die »Enola Gay« schießt, von der Tonnenlast der Bombe befreit, wie ein Fahrstuhl nach oben. Das Monster fällt aus 9500 Meter Höhe. Zweiundvierzig Sekunden dauert es, bis die Bombe, ferngezündet, 600 Meter über Hiroshima explodiert. Für die Piloten, die der Todeszone entkommen wollen, ist das eine kleine Ewigkeit; für die Stadt nur ein Augenblick; der letzte!
Atompilz
Ein paar Atemzüge lang ist es nur ein winziger, schwirrender Punkt, der vom Himmel fällt. Manche dort unten mögen ihn gesehen haben. Der Tod, der herunterkommt, ist ein anonymer, abstrakter Tod, der keinen Unterschied macht. Mit einem einzigen Lecken seiner sengenden Zunge verzehrt er Hunderttausende. Die Bilder, die auf die Nachwelt gekommen sind, zeigen eine tote Stadt – eine menschenleere Atomwüste.
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Doch das ist ein falsches Bild. Hiroshima war kein plötzliches Ende beschieden, sondern eine unendlich qualvolle Agonie, die noch heute Opfer fordert. Nur im Zentrum der Detonation löschte das Monster mit der dreifachen Sonnentemperatur im Bruchteil einer Sekunde alles Leben aus, versetzte die Steine zurück in den Zustand zähflüssigen Magmas. Nur die Schatten der Opfer sind hier zurückgeblieben: der Abdruck eines Kinderfußes auf einer Schultreppe, die Umrisse einer Frau, die sich über einen Waschzuber auf steinernen Platten beugte, die Silhouette eines Mannes, klar wie ein Scherenschnitt, auf einer ausgeglühten Mauer. Kind, Frau und Mann sind in einem Augenblick zu Asche zerfallen; aber in ihrem letzten Lebensmoment haben sie die Steine zugedeckt und diese einzige Spur ihrer Erdentage zurückgelassen.
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Für die Schilderung der Todesqualen jener, die außerhalb dieser Zone völliger Vernichtung überrascht wurden, reicht unsere Sprache nicht aus. Wesen, die eben noch Menschen waren und sich jetzt ohne Arme und Beine am Boden winden; lebende Fackeln, die den Fluß noch erreichen und zischend im Wasser verlöschen.
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Der ungeheuren Druckwelle folgt ein Feuersturm, der mit mehr als 300 Stundenkilometern durch Hiroshima rast. Wer sich noch fortbewegen kann, versucht, dem Inferno zu entkommen. Aber es ist vergeblich und verlängert nur die Qualen. Denn selbst wer lebend dieser zweiten Zone entrinnt, die sich in einem Radius von etwa 3 Kilometer Detonationszentrum erstreckt, trägt die Todeskeime der radioaktiven Strahlen in sich.
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Dreißig Stunden nach dem Verbrechen trifft Generalleutnant Seizo Arisu im Auftrag des japanischen Oberkommandos im Schreckensgebiet ein. »Als ich über Hiroshima hinwegflog«, berichtet er, »stand ein einziger schwarzer Todesbaum über der Stadt. Es war, als ob eine Krähe über ihr hing. Nichts war da als dieser Baum. Als wir auf dem Flugplatz landeten, entdeckten wir dort rot schimmerndes Gras, als ob es angesengt worden war. Brände gab es keine mehr. Alles war gleichzeitig niedergebrannt. Ein paar Schulen mit herabgefegten Dächern und zersplitterten Fenstern standen noch in einiger Entfernung vom Stadtzentrum. Aber die Stadt selbst existierte nicht mehr. Man konnte sagen, einfach vom Erdboden wegradiert.« Und auf dem Fluß schwammen noch immer die Leichen, Zehntausende. Die Gezeiten trugen sie weit hinein ins Land und dann wieder hinab bis zur Mündung ins Meer. Irgendwo am Ufer brannte noch eine mächtige Zeder und erhellte die schauerliche Szenerie.

Die Statistik der Hiroshimaopfer wird nie vollständig zu erfassen sein, und sie ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Bis Dezember 1950 wurden zweihundertachtzigtausend Tote gezählt. 50 Prozent der Opfer sind am Tage des Verbrechens umgekommen, 35 Prozent in den folgenden drei Monaten, 15 Prozent seit November 1945. Aber Jahr für Jahr sterben weitere; und jedesmal am 6. August muß der schwarze Schrein unter dem Grabmal für die Atombombenopfer geöffnet und eine neue Liste mit Namen hinzugefügt werden. Zwischen der Stunde Null und Dezember 1954 sind in Hiroshima 32.179 Kinder geboren worden, davon jedes sechste tot oder mißgestaltet, ohne Augen, ohne Gehirn oder ohne Gliedmaßen. An jenem 6. August 1945 kennt die Welt diese Statistik des Grauens noch nicht, aber die Verantwortlichen suchen sie schon zu errechnen.
colonel_paul_w_tibbets_and_enola_gayDer lachende Pilot – zurück vom Massenmord

Auf Tinian werden die zurückkehrenden Piloten mit Whisky bewirtet und als Helden gefeiert. Einer beginnt zu begreifen, was er als Werkzeug getan hat. Er wird von diesem Gedanken nicht mehr wegkommen und eines Tages daran zerbrechen. Auf dem Kreuzer »Augusta« triumphiert Truman, der sich gerade auf der Heimreise von der Potsdamer Konferenz befindet: »Das ist das größte Ereignis der Geschichte.«

Quelle: Percy Stulz, Schlaglicht Atom, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1973, S.173ff.

Diese erschütternden Tatsachen sind nur eine Folge einer menschenverachtenden Politik und des skrupellosen Umgangs des Imperialismus mit der Kernenergie.
Umweltinstitut München: „Der Wahnsinn nimmt kein Ende.“