Was ist Antisemitismus?

Während der letzten Jahrzehnte konnte sich niemand — angesichts der nach 1945 in ihrem ganzen erschütternde Ausmaß bekannt gewordenen Verbrechen des deutschen Imperialismus an vielen Millionen Menschen jüdischer Herkunft — der Frage entziehen:
Wie konnte das geschehen?

professormamlockaus dem DEFA-Film „Professor Mamlock“ (DDR – 1961)

Die Antworten, die darauf in der DDR und in der BRD gegeben wurden, sind unterschiedlich. Die Konsequenzen, die daraus gezogen wurden, sind gänzlich entgegengesetzt. In der DDR sind die Bedingungen geschaffen worden, die jegliche Wiederholung solcher barbarischer Untaten für immer ausschließen. Die gesellschaftlichen Grundlagen für Faschismus, Rassismus, Antisemitismus, Ausbeutung und Unmenschlichkeit wurden beseitigt. In der BRD hingegen konnte der Imperialismus seine Macht restaurieren. Es wurde die Gesellschaftsordnung wiederhergestellt, deren herrschende Klasse für die Verbrechen von Auschwitz und Majdanek die volle Verantwortung trägt! Deshalb vor allem hat in der BRD jene schwerwiegende Frage andere, geschichtlich unwahre Antworten erfahren und sind die Schlußfolgerungen daraus ebenfalls denen der DDR konträr. (…)

Was ist Antisemitismus?

Das Wesen des Antisemitismus läßt sich erst dann richtig bestimmen, seine wirklichen Ursachen lassen sich erst dann aufdecken und der einzige historisch reale Weg zu seiner Überwindung kann erst dann gewiesen werden, wenn von seinem gesellschaftlichen Charakter ausgegangen wird. Der Platz, den der Antisemitismus in der Geschichte eingenommen hat, ist eindeutig: Judenhaß und Judenverfolgungen wurden in der Klassengesellschaft dann verbreitet und praktiziert, wenn die herrschende Ausbeuterklasse sich genötigt sah, die von ihr unterdrückten Volksmassen durch demagogische Politik vom Klassenkampf fernzuhalten. Antisemitismus ist ein spezifisches Mittel, um die gesellschaftlichen Ursachen der Scheidung zwischen Besitzenden und Besitzlosen, der erbarmungslosen Knechtung der Produzenten durch die Besitzer der Produktionsmittel zu verschleiern. Er stellte einen Versuch der Reaktion dar, die historisch notwendige Überwindung dieses Widerspruchs zu verhindern. Der Antisemitismus existierte niemals als eine isolierte Erscheinung, sondern er wurde von den Propagandisten der herrschenden Klasse stets mit konkreten politischen Forderungen — zumeist demagogischen Charakters — verbunden. Nicht zuletzt bezweckten die Ausbeuterklassen — oder bestimmte Gruppen von ihnen — mit der Inszenierung von Judenhaß, die von ihnen unterdrückten Klassen und Schichten für die Ausführung ihrer Raubpläne, welche sich gegen andere Völker und Staaten richteten, zu mobilisieren. Antisemitismus ist eine der brutalsten Waffen, die Ausbeuterklassen zur Stabilisierung und Ausdehnung ihrer Machtpositionen anwenden.
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Diese Feststellung gilt ganz allgemein für alle Epochen der Geschichte, in welchen Judenhaß aufgetreten ist. Die blutigen Pogrome, die die mittelalterliche Geschichte für viele Städte Deutschlands, Spaniens und Frankreichs aufweist, die Massenvertreibungen von Juden aus verschiedenen Feudalstaaten Europas, die judenfeindliche Politik des russischen Zarismus während der letzten Dezennien seiner Existenz und auch die von dem Hitlerfaschismus begonnene planmäßige Vernichtung aller Menschen jüdischer Herkunft — alles das geschah im Auftrage der jeweils herrschenden Klasse, war grausamer Ausdruck ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessenverfolgung. (…)

Der Zionismus

Der Zionismus ist eine zu Ende des 19. Jahrhunderts entstandene reaktionäre bürgerlich-nationalistische Strömung, die zunächst besonders von der jüdisch herkünftigen Bourgeoisie in Rußland unterstützt wurde. In Deutschland fand die zionistische Bewegung nach 1918 nur ein geringes Echo. Während der bedeutend einflußreichere Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sich mit dem deutschen Imperialismus und seinem Staat voll arrangieren wollte, strebten die Zionisten danach, auf dem Gebiet Palästinas, wo Araber ansässig waren, eine „nationale Heimstatt des jüdischen Volkes“ zu errichten.
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Im Zionismus mit seinem nationalistischen und sozialdemagogischen Programm fand der Weltimperialismus eine Bastion in seinem Kampf gegen die nationale Befreiungsbewegung der vom Kolonialismus unterdrückten Völker, gegen die internationale Arbeiterbewegung, gegen den ersten sozialistischen Staat der Welt und heute gegen die sozialistischen Staaten insgesamt.

Die Geschichte des Zionismus besonders während der letzten 25 Jahre bestätigt die Richtigkeit der von Lenin 1913 vorgenommenen klassenmäßigen Kennzeichnung dieser Bewegung, deren nationalistische Argumentation er als die „Losung der Rabbiner und Bourgeois, die Losung unserer Feinde“ entlarvte. (Lenin, Werke Bd.20, S.10)
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Die Führer des Zionismus bemühten sich bei den imperialistischen Großmächten stets um die Unterstützung ihrer Pläne. Vor 1914 versuchten sie, sich der Hilfe des aggressiven deutschen Imperialismus zu versichern. Als sich dessen Niederlage im ersten Weltkrieg abzuzeichnen begann, warben sie mit Erfolg um die Gunst des englischen Monopolkapitals. Großbritannien verpflichtete sich 1917 durch seinen Außenminister Balfour in einer nach ihm benannten Deklaration, die zionistischen Ansprüche in Palästina zu unterstützen. Es erhielt damit einen Vorwand, in dem 1920 zu britischem Mandatsgebiet erklärten Land Truppen zu stationieren, was den englischen Interessen im Nahen Osten zu recht kam. Unter britischen Bajonetten begannen zionistische Einwanderer sich in Palästina niederzulassen, wobei schon nach 1920 Repressalien gegen die arabische Bevölkerung ausgeübt wurden. Die Kräfteverschiebung im Lager des Imperialismus war die Ursache, warum sich die zionistische Führung während des zweiten Weltkrieges dem amerikanischen Finanzkapital zuwandte.

Die widerrechtliche Gründung Israels

Unter bewußter Mißachtung der von der UN beschlossenen Regelung des Palästina-Problems wurde 1948 durch einen Gewaltakt das künstliche Staatsgebilde Israel geschaffen. Für Hunderttausende arabischer Einwohner dieses Gebietes bedeutete das Heimatlosigkeit oder brutale nationale Unterdrückung. Mit USA-Kapital und den Mitteln aus dem verlogenen Wiedergutmachungsabkommen, zu dem sich aus wohlüberlegten politischen, ökonomischen und militärischen Motiven 1952 die Regierung der BRD verpflichtete und das sich zu einem glänzenden Geschäft für das westdeutsche Monopolkapital gestaltete, wurde dieser Staat in relativ kurzer Zeit so ausgestattet, daß er als imperialistische Speerspitze gegen die arabischen Völker verheerend wirksam werden konnte.
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Mit philosemitischen Erklärungen reisten westdeutsche Finanzgewaltige und Politiker in den letzten Jahren wiederholt nach Tel Aviv, um mit materiellen Zuwendungen, aber auch durch Übermittlung persönlicher Erfahrungen die israelischen Extremisten zur Beibehaltung ihrer friedensfeindlichen Politik zu ermuntern. Sie reisten aus einem Land, in dessen Alltag antisemitische Zwischenfälle etwas Gewohntes darstellen; sie reisten als Repräsentanten einer Klasse, die sich bei der Verfolgung ihrer antikommunistischen Politik sowohl des Antisemitismus als des Philosemitismus bedient hat.

Israel – eine Hoffnung für Auswanderer?

Die Ereignisse nach der Errichtung der faschistischen Diktatur veranlaßten viele jüdisch herkünftige deutsche Bürger in zunehmendem Maße, dem Zionismus ein aus Verzweiflung geborenes Interesse entgegenzubringen. Es ist bekannt, daß nicht wenige Menschen jüdischer Herkunft in den Gaskammern von Auschwitz starben, deren letzte Hoffnung die Auswanderung in das Gebiet des späteren Israel war. Ihrem Vermächtnis ist nicht damit gedient, den Charakter der Aggressionspolitik der israelischen Reaktion zu verschweigen.

Quelle: Walter Mohrmann, Antisemitismus, Ideologie und Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin, 1972, S. 7-12 u.184-186

2 Gedanken zu “Was ist Antisemitismus?

  1. Es stimmt, dass der Antisemitismus zur Verschleierung der Klassenwidersprüche diente. Aber nicht nur! Der Judaismus war, gewollt oder ungewollt, eine Konkurrenz des offiziellen Christentums, das vom römischen Imperium aus der Taufe gehoben wurde. Die christliche Religion war ein klares Machtinstrument zur Unterdrückung und geistigen Konditionierung der Vólker und der unteren Klassen. Dieser Einfluss schlägt durch bis zim heutigen Tag auf Alle von uns. Dazu war es notwendig, das Zentrum des Christentums von Jerusalem nach Rom zu ziehen und die jüdische Konkurrenz zu diskreditieren und auch den jüdischen Ursprung des Christentums. Die Figur von Jesus als göttlicher Sohn wurde ja erst in späteren Jahrhunderten durchgestzt und das eindeutig aus politischen Gründen. Ohne dieses „Kernstück“ – etwa Jesus nur als Prophet oder so – wäre die Kirche als Machtinstrument untauglich gewesen. Aber dafür mussten die Juden und ihre Version niedergehalten werden. Die Christen haben auch alle anderen spirituellen Konkurrenten gnadenlos, permanent und grausam verfolgt, einschliesslich der eigenen Abweichler. Es spielten sich ungeheure ideologische Kämpfe ab. Die Kirche musste unter allen Umständen ihr spirituelles, ideologisches Total- und Granitmonopol aufrechterhalten unter Strafe des Verlusts der jeweiligen Klassenherrschaft, der sie gerade diente. Das von Widersprúchen nur so strotzende fragile Gebäude war permanent in Gefahr – eben auch durch die eigentlich „originellere“ Version des Judentums als ideologische Konkurrenz. Das ist der Boden des Antisemitismus – für mich jedenfalls. Da man den Juden so ziemlich alle gewerblichen Berufe verbot und ihnen nur das Geldgeschäft, den Handel und das Advokatentum liess, hat sich wohl in ihrem Schoss auch ein grosser Teil des ersten Kapitals gebildet und häufig waren Könige und solche wie diese bei ihnen veschuldet, aber mit nur geringer Lust auch diese Schuld zu tilgen. Eine notwendige aber sehr lästige Abhängigkeit. Da wurde dann schon mal verfolgt, diskriminiert etc. Also dürfte der Antisemitismus auch direkte wirtschaftliche Ursachen gehabt haben. Zum Zionismus kann man nur anmerken, dass sein Klassencharakter ihn sogar in einigen Punkten in Einklang mit dem faschistischen Antisemitismus brachte – und zwar ausdrücklich und dokumentiert, bishin zu politischen Allianzen. Dieser Teil der Geschichte wird immer schamvoll verschwiegen. Die zionistischen Führer konnten in einigen Augenblicken nicht verbergen wie gelegen ihnen der Holocaust kam für ihr palästinensisches Kolonialprojekt. (Schreibweise leicht geändert.)

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  2. Meyer’s Lexikon (DDR,1980) schreibt:

    Antisemitismus ist die Feindschaft gegenüber Juden; dient zur Ablenkung der Massen von der Ausbeuterpolitik herrschender Klassen u. bereitete oft die Unterdrückung fortschrittl. Bewegungen vor. Der A. führte unter dem deutschen Faschismus zur planmäßigen Ausrottung von 6 Mill. Juden. In der DDR ist der A. ein Verbrechen im Sinne des StGB.

    Zionismus ist eine nationalist. Bewegung der internat. jüd. Bourgeoisie, die seit Ende des 19.Jh. die Schaffung einer sog. Nat. Heimstätte für das jüd.Volk in Palästina forderte. Der Z. versuchte damit auch, das Proletariat jüd. Herkunft vom Klassenkampf abzuhalten. Kauf u. Eroberung arab. Bodens wurde zu erklärtem Ziel. Heute dient der Z. den imperialist. Mächten als eine extrem antikommunist. Ideologie gegen die Kraft des realen Sozialismus u. als ein Instrument gegen den nat. Befreiungskampf der arab. Völker, vor allem gegen das arab. Volk von Palästina.

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