Die Fälscher der Geschichte

Angesichts der am 18. Juni 2010 auf einer Pressekonferenz in Moskau (*) durch die Kommunistische Partei der Russischen Föderation (KPRF) entlarvten Fälschungen im Russischen Staatsarchiv liegt es nahe, an Albert Norden zu erinnern, der im Vorwort zu seinem 1959 erschienenen Buch „Die Fälscher“ schrieb:

Die internationale Politik zwischen den beiden Weltkriegen stand vor allem im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus, eines Kampfes, der auf zwischenstaatlicher Ebene die Sowjetunion zur Zielscheibe immer neuer imperialistischer Angriffe und Intrigen machte und national zwischen den herrschenden Klassen und der Arbeiterbewegung der einzelnen Länder ausgetragen wurde.

Bis 1917 predigten die Ideologen des Kapitalismus, daß dieser, wenn nicht die beste, so doch die einzig mögliche, höchstens noch zu verbessernde Gesellschaftsordnung, der Sozialismus aber einfach Phantasterei sei, gepredigt von bewußten Volksverführern und lebensfremden Schwarmgeistern.

Als 1917 dem Sozialismus der große Sprung zur Tat gelang, als er auf einem Sechstel des Erdballs Wirklichkeit wurde und die Militärintervention zerschlug, die ihn in der Wiege ersticken sollte, da sah sich der Imperialismus gezwungen, sein Arsenal zu ergänzen. Zwischen zwei Militäroffensiven, die erste, die gescheitert, und die zweite, die erträumt war, trat die Etappe der Vorbereitung. In ihr wurde die große Lüge zur permanenten Waffe gegen die Sowjetunion. Von der leichten Kavallerie relativ kleiner Schwindeleien über die angeblichen Fehlschläge sowjetischer Wirtschaftsunternehmen bis zu schweren Verleumdungstanks von der „Sozialisierung der Frauen“, der „Knechtung und Ausbeutung der russischen Arbeiter“ oder etwa den beliebten „Ratten, die sich durch die Körper der politischen Gefangenen des Sowjetregimes durchfressen“, schien das Arsenal übelriechender Lügen unerschöpflich.

Die Lügen allein taten es nicht. Wie oft hatte man den unvermeidlichen Untergang der Sowjetmacht prophezeit! Welch ein Heer von Zahlen war jahrelang aufgeboten worden, um ihre Lebensunfähigkeit zu bezeugen! Aber sie lebte immer noch. Ja, sie wurde stärker und wuchs und überwand die Schäden und Folgen von sieben Jahren Krieg und Bürgerkrieg. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Sonnenstrahlen der sozialistischen Wirklichkeit das schwarze Lügengewölk zerteilten und daß immer größere Arbeiterscharen der Wahrheit innewurden. Je länger, je mehr stumpfte die Waffe der Lüge ab.

In dieser Periode seit den frühen zwanziger Jahren, in der die Lüge allein nicht mehr ausreichte und die neue bewaffnete Intervention noch nicht unmittelbar auf die Tagesordnung gestellt werden konnte, trug die Dokumentenfälschung beträchtlich zur Verschärfung der internationalen Lage bei. Bei ihr handelte es sich um eine neue Variante des Lügenfeldzuges.

Plötzlich tauchten in der kapitalistischen Öffentlichkeit Anordnungen und Briefe aus Sowjetministerien und der Kommunistischen Internationale auf, die den Empfängern — seien es kommunistische Parteien oder einzelne Persönlichkeiten in den kapitalistischen Ländern — die Verübung aufrührerischer oder anderer gesetzwidriger Aktionen anbefahlen. Es bedurfte in der Regel keines sehr scharfen Auges, um die Fälschung zu erkennen. Aber ein Teil der imperialistischen Welt griff gierig zu in der Meinung, hier ein probates Mittel zur Verhinderung normaler Beziehungen mit der Sowjetunion und zur Verfolgung der Arbeiterbewegung des eigenen Landes gefunden zu haben. Das klassische folgenschwere Beispiel dieser Art lieferte der sogenannte Komintern-Brief, den die englischen Konservativen 1924 erfolgreich benutzten, um eine antisowjetische Kampagne zu entfesseln; er trug dazu bei, der Labour Party bei den Wahlen am 8. Oktober eine Niederlage beizubringen. Die nicht zuletzt dank dieser Fälschung zur Macht gekommene konservative Regierung verhinderte lange Zeit das Inkrafttreten eines vor den Wahlen abgeschlossenen englisch-sowjetischen Handelsvertrages.

Der Brief, aus Moskau datiert und in plumper Weise den englischen Kommunisten „revolutionäre“ Direktiven erteilend, ist natürlich nie in Moskau und überhaupt von keinem Kommunisten geschrieben, sondern von antisowjetischen Zirkeln zusammengestümpert worden.

Wer diesen „Komintern-Brief“ fabrizierte, ist bis auf den heutigen Tag nicht endgültig geklärt. Verschiedene zaristische Emigrantenklüngel stritten sich um die zweifelhafte Ehre der Urheberschaft. Der Schreiber dieser Zeilen war Zeuge, wie sich 1929 ein Staatsanwalt des Zaren, Wladimir Orlow, vor einem deutschen Gericht rühmte, das Bubenstück in Berlin durchgeführt zu haben.
FälscherGerade auf deutschem Boden
trieb die antisowjetische Dokumentenfälscherei
besonders giftige Blüten.

Was sich aber etwa zwischen 1925 und 1950 unter der Oberfläche offiziell normaler Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion zutrug, wie antisowjetische Verbrechen in der Treibhausluft der unaufrichtigen Stresemannschen Außenpolitik gediehen, darüber zu informieren ist dringlich (zumal sich die westdeutsche Geschichtsschreibung über dieses Thema in allen Tönen ausschweigt, obwohl sie jener Periode wahrhaftig nicht wenige Publikationen widmet). Denn wenn die zweideutige deutsche Außenpolitik jener Phase der Weimarer Republik die schwarzen Untaten der dunklen antisowjetischen Gestalten ermöglichte, so bereitete sie damit dem offenen Kriegskurs des Hitlerfaschismus das Feld.

Es ist aber auch überaus aktuell, diesen Vorgängen Aufmerksamkeit zu schenken, weil man in der westdeutschen Politik der Gegenwart auf Schritt und Tritt antisowjetischen und antikommunistischen Fälschungen begegnet, wie sie vor einer Generation die Welt beunruhigten.

Quelle:
Albert Norden, Fälscher – Zur Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen, Dietz Verlag Berlin, 1965, S.9ff. (Auszug)

Anmerkung:(*) Pressekonferenz der KPRF in Moskau

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