Über den Umgang mit Geschichte

pieck„Es ist an der Zeit, daß unsere Jugend nicht mehr Legenden und Mythos als Geschichtsbild vorgesetzt bekommt, sondern die historischen Tatsachen. Es ist an der Zeit, daß die Jugend des werktätigen Volkes den Kampf ihrer Väter und Großväter, den Kampf ihrer Ahnen um Freiheit und soziale Gerechtigkeit erkennen lernt und … Lehren für die Zukunft daraus zieht.“

Wilhelm Pieck

(Neues Deutschland vom 29. Januar 1949)
Wilhelm Pieck war der erste Präsident der
Deutschen Demokratischen Republik.

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Wer ist Margot Honecker ?

Margot
Eine Geschichte von
LIESELOTTE THOMS

„Heute haben wir das kleine O schreiben gelernt!“ Gleich würde sie es der Mutter sagen, dachte Margot, als sie an die Tür der elterlichen Wohnung klopfte. Doch die Mutter legte schon beim Öffnen den Finger auf den Mund. Margot sah an ihr vorbei ins Zimmer. Zwei fremde Männer standen dort, die scharf und gespannt die Wohnungstür im Auge behielten, sich aber finster abwandten, als sie die Sechsjährige erblickten.
„Wann kommt denn nun Ihr Mann?“ fuhren sie die Mutter an, die mühsam ihre Aufregung verbarg.
„Ich sage doch dauernd, daß ich es nicht weiß. Er ist schon lange nicht hiergewesen.“
Sie wußte es sehr gut, gerade deshalb hatte ihr Herz wie ein Hammer in der Brust getobt, als es an die Tür klopfte. Er war es nicht; erleichtert blickte sie in das Gesicht ihrer Tochter. Doch auch ihr Mann, der Kommunist Gotthard Feist, konnte jede Minute erscheinen.

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Marx und Engels gegen den Linksradikalismus

Die Erfahrungen aus der Geschichte zeigen, daß der Linksradikalismus keine neue Erscheinung ist. Es gab ihn vor über 100 Jahren auch, und er hat nur geschadet. Eine Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist nur möglich, wenn die werktätige Klasse als Hauptträger der Lasten, und schließlich die Volksmassen dazu bereit sind…

Abenteuerliche Pläne

London, Spätsommer 1850: Im Bund der Kommunisten prallen die Meinungen heftig aufeinander. Eine um August Willich (1810-1878) und Karl Schapper (1812-1870) vereinte Fraktion lehnt entschieden die von Marx, Engels und anderen Mitgliedern der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten getroffene Einschätzung ab, daß in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern die Revolution von 1848/49 eine Niederlage erlitten hatte.

Willich, der sich in der Revolution als ein mutiger Kämpfer erwiesen hat, aber jetzt im Londoner Exil in das Fahrwasser der kleinbürgerlichen Emigration geraten war, zeigte sich nicht in der Lage, die neue politische Situation voll zu erfassen und die von Marx unterbreiteten Erkenntnisse zu verarbeiten. Die Willich-Fraktion setzte weiterhin ihre Hoffnungen auf eine baldige Wiederbelebung der Revolution in Deutschland und schmiedete für diese Zeit abenteuerliche Pläne. Ungeachtet der veränderten politischen Bedingungen, wollte sie einen bewaffneten Aufstand vorbereiten, um, wie Franz Mehring schrieb, „eine künstliche Revolution zu fabrizieren“.(1)

marx-eng5Karl Marx und Friedrich Engels mahnen zur Geduld

Karl Marx, Friedrich Engels und andere Mitglieder der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten erklärten hingegen klar und eindeutig, daß es jetzt nach der Niederlage der Revolution die Aufgabe der Kommunisten sei, in geduldiger Arbeit die revolutionären Kräfte zu sammeln, Kader heranzubilden, den wissenschaftlichen Sozialismus weiter auszuarbeiten und in die Arbeiterklasse zu tragen. In der Auseinandersetzung mit der Willich-Gruppe betonte Karl Marx:

„An die Stelle der kritischen Anschauung setzt die Minorität eine dogmatische, an die Stelle der materialistischen eine idealistische. Statt der wirklichen Verhältnisse wird ihr der bloße Wille zum Triebrad der Revolution. Während wir den Arbeitern sagen: Ihr habt 15, 20, 50 Jahre Bürgerkriege und Völkerkämpfe durchzumachen, nicht nur um die Verhältnisse zu ändern, sondern um euch selbst zu ändern und zur politischen Herrschaft zu befähigen, sagt ihr im Gegenteil: Wir müssen gleich zur Herrschaft kommen, oder wir können uns schlafen legen.“ (2)

Linkssektierer spalten die kommunistische Bewegung

Willich und ein Teil seiner Anhänger nahmen jedoch keine Lehren an. Sie spalteten den Bund der Kommunisten und schwächten so mit ihrem fragwürdigen Revolutionarismus bereits in ihrer Anfangsphase die revolutionäre Arbeiterbewegung. In dem berüchtigten Kommunistenprozeß zu Köln von 1851 nutzte dann die deutsche Reaktion im großen Umfang linkssektererische Aussagen der Willichschen Sonderorganisation, um die Kommunisten generell zu verunglimpfen – eine Methode, die bis in die Gegenwart hinein praktiziert wird.
Revoluzzer
Die Auseinandersetzungen von Marx und Engels mit dem linksradikalen Revolutionarismus beschränkten sich aber nicht nur auf diese Episode. Schon in ihren ersten Werken wandten sie sich mit scharfer Polemik gegen die kleinbürgerlichen Auffassungen des Anarchismus und entwickelten in diesem Zusammenhang viele Grundideen des wissenschaftlichen Sozialismus.

Der Anarchismus führt ins Chaos

Der Anarchismus – die älteste Form des Linksradikalismus, auf die sich bis in unsere Tage fast alle anderen Varianten des kleinbürgerlichen „linken“ Revolutionarismus zurückführen lassen – ist eine kleinbürgerlich-utopische, revolutionaristische Ideologie, die jede Autorität im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen ablehnt. Er propagiert eine politische Herrschaftslosigkeit und verlangt die sofortige Abschaffung jeden Staates. Dem politischen Kampf der Arbeiterklasse und der Volksmassen steht der Anarchismus äußerst negativ gegenüber.

Sein Ideal ist die Verwirklichung einer kleinbürgerlich verstandenen „Gerechtigkeit und Freiheit“ für alle, bar jeder gesellschaftlichen Organisation. Bei aller Vielfalt der anarchistischen Theorien reduzieren sich diese im wesentlichen auf zwei Grundtypen: den Individualanarchismus, der einen extremen Egoismus des Individuums vertritt und nur die absolute Freiheit des einzelnen als wirkliche Freiheit gelten lassen will, und den mehr kollektivistischen Anarchismus, der die wirkliche Freiheit der Menschen in ihrer Zusammenfassung in kleinen, völlig autonomen Kollektiven erblickt. Während der Individualanarchismus nicht unbedingt die Überwindung des kapitalistischen Eigentums anstrebt und von seinem Wesen her eine radikale Variante des kleinbürgerlichen Liberalismus verkörpert, will der mehr kollektivistische Anarchismus den Kapitalismus mit allen Mitteln zerstören und durch eine föderative Gesellschaft kleinerer Genossenschaften und Kommunen ersetzen. (…)
177015In den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen unserer Zeit sind die herrschenden Kreise der kapitalistischen Staaten bestrebt, den Linksradikalismus vor allem in folgender Hinsicht zu nutzen:

1. als Ideenlieferant für eine Komplettierung des bürgerlichen Antikommunismus und Antisowjetismus durch „linke“ Kronzeugen;
2. um in die Arbeiter- und andere fortschrittliche Bewegungen politisch-ideologisch desorientierende Auffassungen zu tragen;
3. für Angriffe gegen die kommunistischen Parteien, die in den kapitalistischen Staaten als die wichtigsten Gegner des imperialistischen Systems betrachtet werden;
4. um die gegen den Imperialismus opponierenden Kräfte aufzusaugen und politisch zu paralysieren. (…)
5. um apolitische Bürger und konservativ eingestellte Menschen mit dem provokativen linksraduikalen Revolutionarismus zu schrecken und damit noch fester an die systemtragenden Parteien zu binden; und nicht zuletzt
6. als Rechtfertigung für den verstärkten Ausbau solcher staatlichen Repressionsapparate wie Polizei, Geheimdienste, Computer-Überwachungssysteme usw.

Zitate:
(1) Franz Mehring: Karl Marx, Berlin 1985, S.212.
(2) Karl Marx: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozeß zu Köln. In: MEW, Bd.8, S.412. oder AW6, Bd.2, S.418

Quelle:
Autorenkoll., Linksradikalismus, Dietz-Verlag 1989, S.19ff. und S.99ff.

Im Kampf gegen die Unbildung

von Anatoli Lunatscharski
LunatscharskijIn seinem Referat auf dem XI. Gesamtrussischen Sowjetkongreß am 25. Juni 1924 sagte A.Lunatscharski folgendes:

Lenin verstand ausgezeichnet, daß die Volksbildung in den bürgerlichen Ländern dazu dient, den Massen durch äußeres, dekoratives Demokratiegebahren die Augen zu verkleistern und sie auf dem Stand der Zufriedenheit mit ihrer Verfassung zu halten. (…)

Was aber tun? Wenn ein bestimmtes Selbstbewußtsein für das Volk insgesamt und für das Proletariat insbesondere erforderlich ist, um die revolutionären Probleme anzugehen und richtige Wege zu deren Lösung zu finden, und wenn diese Aufklärung ohne Revolution keinesfalls durchzusetzen ist, – ist das nicht wie eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt? Ist das nicht ein unlösbares Problem: ohne Bewußtsein keine Revolution, ohne Revolution kein Selbstbewußtsein?

Die kommunistische Partei wird die Massen führen

Diese Frage wurde in gewissem Grade „aristokratisch“ gelöst, d. h. durch Übertragung der Problemstellung auf folgende Ebene: Die Volksmassen bringen – wenn auch schwer, wenn auch unter Leiden, wenn auch unter Opfern – eine bestimmte Avantgarde hervor, vorwiegend natürlich aus dem Proletariat, aus dem eigenen, besonders fortschrittlichen Teil. Die ganze Masse kann noch nicht auf der Höhe dieses Selbstbewußtseins stehen, darum würde sie, sich selbst überlassen, unvermeidlich Fehler begehen. Diese Avantgarde, die über die gesamte Fülle des Bewußtseins verfügt, ist die kommunistische Partei.
demonstraciya_plamennyj_privet_1…auf zum XVIII.Parteitag

Und die Masse wird tätig werden können, weil keine Avantgarde für sie tätig sein kann, und sie wird als Masse richtig tätig sein können – denn die Revolution ist eine Tat der Massen –, wenn sie genügend Vertrauen in ihre Vortrupp-Partei haben wird und wenn die Vortrupp-Partei ausreichend stark und konsequent ist, um die Masse zu führen. Das war eben die erste, die Vorablösung des revolutionären Problems: es wird eine Avantgarde hervorgebracht, es wird die Revolution vollzogen.

Doch nun vollzieht sich die Revolution. Was weiter?

Die erste These Wladimir Iljitschs: Es wäre kindisch anzunehmen, daß die Kommunisten den Kommunismus allein errichten können. Die Kommunisten sind ein Tropfen im Meer. Ausgehend von dieser These formuliert Wladimir Iljitsch auch andere: Man muß sich auf die Kräfte außerhalb der Partei stützen, man muß sie in die staatliche, in die wirtschaftliche, in die kulturelle Arbeit einbeziehen.

Zwei Aufgaben zeichnete Wladimir Iljitsch vor. Erstens ist es notwendig, so schnell wie möglich das kulturelle Niveau der Massen zu heben, und nicht nur der proletarischen, sondern auch der bäuerlichen Massen. Der Weg zu dieser Hebung ist die Bildung.
Schule
Der Hunger [im Jahre 1921] hat unserem gesamten Kampf gegen das Analphabetentum eins ausgewischt. Als aber der Hunger vorbei war, beeilte sich Wladimir Iljitsch einen Artikel zu schreiben, in dem gesagt wird, daß es unsere direkte Pflicht ist, das Analphabetentum der Bevölkerung unter 35 Jahre bis zum 10. Jahrestag zu liquidieren.(1) Wladimir Iljitsch wußte ausgezeichnet, daß dies schwer ist, er war ein großer Realist, und er empfand diese Schwierigkeiten besser als irgendeiner von uns, er kannte die Zahl der Analphabeten und wußte auch, wieviel das ungefähr kosten wird, und er hat gesagt, daß dies zu erreichen möglich ist.

Genauso interessierten Wladimir Iljitsch auch Fragen der Schule und Fragen der Massenbüchereien. Und es ist klar, warum. Weil er, in vollem Maße Demokrat in der heiligsten und lichtesten Bedeutung dieses Wortes, auf jede Weise den Zeitpunkt näher bringen wollte, da die Volksmassen, nicht nur die Arbeiter-, sondern auch die Bauernmassen, ihre Belange und die Wege zu ihrer Befreiung nicht nur auf der Ebene der Politik, sondern auch auf der Ebene ihrer gesamten tagtäglichen Wirtschaftsführung und ihres Daseins in der ganzen Fülle begreifen werden. Dies ist so. Doch daraus folgt nicht, daß wir uns voll auf die Stufe der untersten Bildung hinab begeben müssen, daß die ganze Hauptaufgabe auf Schulen für die Beseitigung des Analphabetentums und auf Massenbüchereien hinausläuft.

Das Ziel – ein einheitliches sozialistisches Bildungssystem

Wladimir Iljitsch begriff ausgezeichnet, daß wir die Schule nicht richtig auf die Beine stellen, daß wir weder die Massenbücherei auf die Beine stellen noch das Analphabetentum beseitigen werden, wenn sich unsere Wirtschaft nicht entwickeln wird, wenn die staatliche Verwaltung ewig die stockend arbeitende Maschine bleiben wird, die er zu sehen bekam. Denn er sagte unumwunden: Bei uns macht, mit Ausnahme vielleicht des Narkomindel (Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten), das noch nach etwas aussieht, kein Kommissariat einen gescheiten Eindruck, alle arbeiten, wie es gar nicht schlechter geht. Das erklärte er mit aller Strenge. Wir haben einen Staatsmechanismus aufgebaut, der im Gefecht standgehalten hat, der sich als lebenstüchtig erwies, doch seht, wie störanfällig er ist. Man muß ihn umgestalten, man muß die Menschen lehren zu leiten, und gut zu leiten, in handlichen Formen, in klaren, exakten und einfachen Formen.

Man muß wirtschaften, darunter auch handeln lernen. Man muß aufklären lernen, so aufklären, daß alle drei Seiten – die Allgemeinbildung, beim Alphabet angefangen, die technische Bildung und die politische Aufklärung – zu einem Strang verschweißt, zu einem Drahtseil des einheitlichen Bildungssystems verflochten werden. Doch für all das ist Voraussetzung, daß die Aufklärer selbst vorhanden sind, daß Wirtschaftsfachleute, daß Verwaltungsexperten vorhanden sind. An denen aber mangelt es.

Woher soll man die Fachleute nehmen?

Welchen Ausweg gibt es da? Es gibt für uns einen Ausweg: an die Jugend appellieren. Wir appellieren an die Arbeiter- und Bauernjugend. Sie ist ungebildet? Ja. Man muß ihr Bildung angedeihen lassen, man muß ihr jene Bildung geben, die sowohl von ihr als auch von uns benötigt wird. (…)

Wir schlagen uns namentlich für einen solchen Staat, der in vollem Maße fähig wäre, Kulturpolitik zu leisten, und solange wir ihn noch nicht erkämpft haben, müssen wir uns im exakten Sinne des Wortes herumschlagen.
2463820Kulturpalast in Dresden (gebaut in der DDR)

Die zweite Frage ist, was lehren und wie lehren. Sie wissen, daß Wladimir Iljitsch seine glänzende und tiefgründige Rede an die Komsomolzen gerade dieser Frage gewidmet hat. In allgemeinen, grundsätzlichen Umrissen hat er diese Frage mit erschöpfender Klarheit beantwortet:

Wenn wir uns nicht die gesamte Kultur der Vergangenheit zu eigen machen, werden wir keinen Schritt vorankommen.

Anmerkungen:
(1) In seinem Referat sprach Lunatscharski davon, daß das Analphabetentum im Alter von 18 bis 35 Jahren bis zum 10.Jahrestag der Oktoberrevolution auszumerzen sei.
(2) Offenbar meint Lunatscharski die schwere wirtschaftliche Lage des Landes, als es nicht einmal genug Geld gab, um die Arbeiter zu entlohnen.

Quelle:
A. W. Lunatscharski, Wie war Lenin? APN-Verlag Moskau, 1981, S. 142-147.

————
Die Verwirrung in den Köpfen ist groß. Das heutige (politische) „Analphabetentum“ besteht vor allem im Fehlen einer wissenschaftlichen Weltanschauung. Deshalb ist es notwendig, nicht nur über gewisse fachliche Kenntnisse zu verfügen und eine bestimmte Qualifikation zu erwerben, sondern sich zugleich auch die Philosophie des Marxismus-Leninismus, den dialektischen und historischen Materialismus, bewußt anzueignen (und der ist keineswegs überholt!). Anders wird man sich wohl kaum in der Welt zurechtfinden oder gar Veränderungen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse herbeiführen können.

Die Struktur der Arbeiterklasse

Der Einfluß des Imperialismus auf die Struktur der Arbeiterklasse
Grotewohl
von Otto Grotewohl

Ebenso wie die materielle Lage wurde auch die soziale Struktur der Arbeiterklasse durch den Übergang zum Imperialismus weitgehend beeinflußt. Hier sind es vor allem drei Faktoren, die in der Periode des aufkommenden Imperialismus eine hohe Bedeutung gewannen:
a) der sich mehrende Zustrom kleinbürgerlicher Elemente ins Proletariat,
b) die Herausbildung einer Arbeiteraristokratie, d.h. einer Schicht von privilegierten besser bezahlten Arbeitern, die in Gegensatz zu der Masse der Arbeiterschaft geriet,
c) das Anwachsen der Zahl der Angestellten in den Organisationen der Arbeiterschaft und die Gefahr ihrer Loslösung von den Massen.

a) Das Einströmen bürgerlicher Elemente

Der Siegeszug der Monopole in der kapitalistischen Wirtschaft bewirkte, daß ständig zahlreiche mittlere und kleine Unternehmen vernichtet oder aufgesogen, viele ihrer Besitzer und Angestellten an den Bettelstab gebracht wurden. Diese ins Proletariat Hinabgeschleuderten und Deklassierten brachten ihre kleinbürgerlichen Vorurteile, ihre engstirnige Denkweise mit und verharrten meist noch lange in rückständigen, kleinbürgerlichen Ideologien. Sie empfanden ihre Lage nicht als Auswirkung eines gesellschaftlichen Prozesses, der sich mit historischer Gesetzmäßigkeit vollzieht, sondern als persönliches Pech, als einen zufällig ihnen begegneten Schicksalsschlag. Sie sehnten sich zurück nach der verlorenen bürgerlichen Existenz und erwarteten ihre soziale Aufwertung von Sofortmaßnahmen, sozialen Verbesserungen, Reformen und dergleichen. Sie erstrebten jedoch keine grundlegende Änderung des gesellschaftlichen Systems. Noch völlig befangen im kleinbürgerliehen egozentrischen Denken, vermochten sie noch nicht die große gesellschaftliche Aufgabe des Proletariats zu erkennen. Sie stellten, wie Lenin sagt, die „Rekruten der Arbeiterbewegung dar, die erst einer ‚gründlichen Ausbildung‘ im Klassenbewußtsein bedürfen.“ (1)

Das galt auch für die Mittelschichten, die in der imperialistischen Epoche immer wieder neu geschaffen werden, die beispielsweise als Filialleiter, Besitzer von erforderlichen neuen Reparatur- und Ergänzungsbetrieben, in der Heimarbeit und im Handel scheinbar selbständige oder doch gehobene Existenzen fanden und sehr schnell bürgerliche Denk- und Lebensweise annahmen.

Gewiß hat es nicht an warnenden Stimmen gefehlt. Schon Karl Marx und Friedrich Engels hatten sich wiederholt gegen die leichtfertige, allzu entgegenkommende und nachsichtige Behandlung der in der Partei sich breitmachenden Spießer und Kleinbürger gewandt. Es sei nur auf den Zirkularbrief vom September 1879 hingewiesen, wo sie mit aller Deutlichkeit die Verderblichkeit des kleinbürgerlichen Einflusses aufzeigten und seine Ausmerzung forderten.
„Es sind die Repräsentanten des Kleinbürgertums, die sich anmelden, voll Angst, das Proletariat, durch seine revolutionäre Lage gedrängt, möge ‚zu weit gehen‘.“ (2)
„Das kleinbürgerliche Element in der Partei bekommt mehr und mehr Oberwasser. Der Name von Marx soll möglichst unterdrückt werden. Wenn das so vorangeht, so gibt es eine Spaltung in der Partei, darauf kannst Du Dich verlassen.“ (3)
Mittelstand_1„Wenn solche Leute aus anderen Klassen sich der proletarischen Bewegung anschließen, so ist die erste Forderung, daß sie keine Reste von bürgerlichen, kleinbürgerlichen usw. Vorurteilen mitbringen, sondern sich die proletarische Anschauungsweise unumwunden aneignen. Jene Herren aber, wie nachgewiesen, stecken über und über voll bürgerlicher und kleinbürgerlicher Vorstellungen … Gerät aber solchen Leuten gar die Parteileitung mehr oder weniger in. die Hand, so wird die Partei einfach entmannt, und mit dem proletarischen Schneid ist’s am Ende. Was uns betrifft, so steht uns nach unserer ganzen Vergangenheit nur ein Weg offen. Wir haben seit fast 40 Jahren den Klassenkampf als nächste treibende Macht der Geschichte und speziell den Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat als den großen Hebel der modernen sozialen Umwälzung hervorgehoben; wir können also unmöglich mit Leuten zusammengehen, die diesen Klassenkampf aus der Bewegung streichen wollen.“ (4)

Auch später haben verantwortungsbewußte Führer gegen die Ausbreitung kleinbürgerlicher Einflüsse, gegen die Verspießerung ihre Stimme erhoben. So August Bebel, der 1903 auf dem Parteitag in Dresden die reformistische Einstellung und das anmaßende Auftreten mancher aus Konjunkturgründen zur Partei gestoßenen Akademiker und der „ehemaligen Proletarier in gehobenen Lebensstellungen, Leute, die eben jetzt einen gewissen Abschluß ihrer Lebenslage sehen“, in scharfen Worten geißelte und gegen die Vertuschung, die Überbrückung der Gegensätze zwischen Proletariat und bürgerlicher Gesellschaft wetterte.

b) Die Herausbildung einer Arbeiteraristokratie

Indessen hätte dieses Einströmen bürgerlicher Elemente und damit zugleich bürgerlicher Ideologien ins Proletariat durch die allmähliche Umschmelzung inmitten einer geschlossenen, klassenbewußten, politisch und ideologisch richtig geführten Arbeiterschaft und durch zielbewußte Einwirkung ohne Schädigung bleiben können.

Die Geschlossenheit des Proletariats wurde jedoch gerade durch die Einwirkungen des Monopolkapitalismus stärkstens gelockert. Hatte die Überschätzung der auf die Augenblicksinteressen, gerichteten Politik schon dazu geführt, daß viele Arbeiter sich durch vorübergehende und nur begrenzt positive Auswirkungen des Imperialismus blenden ließen und darüber die ganze Gefährlichkeit dieses Systems übersahen, mit ihm liebäugelten, Frieden schlössen und von ihm alles Heil erhofften, so gewann der Imperialismus durch die planvolle Heranzüchtung einer Arbeiteraristokratie eine weitere, nicht unbeträchtliche Zahl von Arbeitern für sich, die den von Marx gewiesenen revolutionären Weg verließen und zu verläßlichen Stützen, Verteidigern und Lobrednern des Monopolkapitalismus wurden.

„Der Imperialismus“, so führte Lenin aus, „hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und von der Masse des Proletariats abzuspalten.“ (5)

Und in seinem Brief an die amerikanischen und europäischen Arbeiter sagt Lenin:
„… in allen zivilisierten fortgeschrittenen Ländern raubt die Bourgeoisie — auf dem Wege entweder der kolonialen Unterdrückung oder des Herausziehens finanzieller ‚Vorteile‘ aus formell unabhängigen schwachen Völkern — eine Bevölkerung aus, die die Bevölkerung ‚ihres‘ Landes um ein Vielfaches übertrifft. Daher die ökonomische Möglichkeit der ‚Extraprofite‘ für die imperialistische Bourgeoisie und der Verwendung von einem Teil dieses Extraprofits zur Bestechung einer gewissen Oberschicht des Proletariats, um sie in reformistisches, die Revolution fürchtendes Kleinbürgertum zu verwandeln.“ (6)
Wohlstandsgesellschaft
Diese Bestechung einer kleinen Schicht von Arbeitern erfolgte bald in plumpen, bald in höchst raffinierten, kaum erkennbaren, dann aber um so wirkungsvolleren Formen. Geeignete Objekte in der Arbeiterschaft erhielten als angeblich qualifiziertere Facharbeiter, als Aufseher, Vorarbeiter, Lagerverwalter, Kontrolleure u.ä. höhere Einkommen und günstigere Arbeitsbedingungen. Es ist erwiesen, daß die so Begünstigten in der Mehrzahl der Fälle sich allmählich in ihrer Lebenshaltung und Denkweise den bürgerlichen anpaßten, sich mehr und mehr von der proletarischen Klassengrundlage entfernten, die Sorge um die Erhaltung und Verbesserung ihrer Posten, um die Versorgung ihrer Kinder höher schätzten als die Solidarität mit den Massen, als den Kampf um die soziale Befreiung der gesamten Arbeiterklasse. Die Aussicht opfervoller Kämpfe flößte ihnen vielmehr Furcht und Abneigung gegen revolutionäre Kampfmethoden ein. Diese Schichten bildeten darum einen günstigen Nährboden für den Opportunismus, für alle Abirrungen von der marxistischen Theorie und Praxis, für versöhnlerische Tendenzen und falsche, undialektische Beurteilungen der Entwicklung des Kapitalismus im Zeitalter des Imperialismus. Das deutsche Monopolkapital sparte darum nicht mit Mitteln, um durch die Züchtung einer solchen Arbeiteraristokratie die Front der Arbeiterschaft zu durchbrechen und in ihre Reihen den Samen der Zwietracht untereinander und des faulen Klassenfriedens mit den Kapitalisten zu säen.

c) Das Anwachsen der Bürokratie in den Arbeiterorganisationen

Diesem Bestreben kam die unausgesetzte Erweiterung des umfangreichen Verwaltungsapparates in der sozialdemokratischen Partei, in den Gewerkschaften und den verschiedenen sozialen und kulturellen Organisationen entgegen. Hatte diese uneingeschränkte Gewinnung Tausender von klassenbewußten Arbeitern für die an der Verwirklichung der Ziele der Arbeiterschaft arbeitenden Organisationen deren Stoßkraft beträchtlich erhöht, so brachte auch hier die unabhängige quantitative Vermehrung schließlich den qualitativen Umschlag.

Die ständige Vermehrung der neu einzustellenden hauptamtlichen Funktionäre in den genannten Organisationen gestattete nicht mehr eine so sorgfältige Auslese wie bisher, zwang vielmehr zum Rückgriff auf solche Bewerber, die hinsichtlich ihrer Verbundenheit mit dem Sozialismus, ihres Klassenbewußtseins, nicht immer so qualifiziert sind, wie man es bis dahin forderte. In wachsender Zahl traten aus dem Bürgertum kommende Abgeordnete, Schriftsteller, Redakteure und andere Funktionäre hervor, die ihre antimarxistischen klassenfremden Auffassungen mitbrachten und die marxistische Bewegung oft nur als eine soziale Reformbewegung betrachteten.
buerokratie
Die mit dem Anwachsen der Organisationen entstehende und sich mehrende Kompliziertheit der Verwaltung, der Kassenführung, des Geschäftsverkehrs usw. hatte zur Folge, daß man bei der Auswahl der einzustellenden Kräfte oft mehr auf die formalen Fähigkeiten als auf die Parteiverbundenheit, auf die Vertrautheit mit dem Marxismus sah.
Die hohe Entlohnung führte in vielen Fällen bei weiterer Erhöhung nicht zu gesteigerter Arbeitsfreudigkeit und Hingabe an die Sache der Arbeiterschaft, sondern zu einer Lockerung der Verbundenheit mit den Massen.

So erklärte sich auch die stürmische Zustimmung, die August Bebel fand, als er auf dem Magdeburger Parteitag 1910 ausrief:
„Ich habe oftmals den Eindruck, daß ein Teil unserer Führer nicht mehr versteht, was die Massen zu leiden haben, daß sie der Lage der Massen entfremdet sind…Die Parteigenossen müssen darüber wachen, daß die Parteiführer der Partei keinen Schaden zufügen. Seht den Führern auf die Finger, seht auch Euren Redakteuren auf die Finger.“(7)

Viele der durch die Arbeiterorganisationen Emporgehobenen gerieten durch die Übernahme bürgerlichen Lebensstils zu bürgerlichen Vorurteilen, entfremdeten sich den Massen und verletzten sie oft durch ihr Benehmen. Auch bei ihnen stellte sich, wie bei den Arbeiteraristokraten, die Sorge um Erhaltung und Ausbau der errungenen persönlichen Positionen ein. Sie wurden sich bewußt, daß sie bei etwaigen scharfen oder gar revolutionären Auseinandersetzungen mit dem Klassenfeind mehr zu verlieren hatten als ihre Ketten. Deshalb scheuten oder verabscheuten sie den revolutionären Weg, plädierten für den Weg der Reformen, neigten zum Opportunismus, zu Kompromissen mit dem Klassenfeind, zur Revision, zur Preisgabe des Marxismus, zur Einstellung des Klassenkampfes. Diese Entwicklung trat nicht nur in der Partei, sondern auch besonders in den Gewerkschaften hervor. So wurden die Organisationen, je mehr sie in die Breite wuchsen und je schwerer das Bleigewicht ihres Verwaltungsapparates wurde, aus Hebeln des sozialen und politischen Fortschritts in gewissem Sinne zu Hemmschuhen. Indem die Parteiführung die Gefahren der Verbürgerlichung, der Entstehung einer Arbeiteraristokratie und der Loslösung gewisser Funktionäre von den Massen nicht in ihrer vollen Bedeutung erkannten und nicht energisch genug bekämpften, bahnten sie indirekt dem Opportunismus und dem Revisionismus den Weg.

Zitate:
(1)Vgl. Lenin, „Die Differenzen in der europäischen Arbeiterbewegung.“
(2)Engels an Bebel, 24. November 1879.
(3)Engels an Liebknecht, 4. Februar 1885.
(4)Karl Marx, „Kritik des Gothaer Programms“, Berlin 1946, S. 102 f.
(5)Lenin, „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Verlag Neuer Weg, Berlin 1946, S. 93.
(6)Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XXIII, S. 644.
(7)Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages von 1903, S. 311.
(8)Parteitagsprotokoll von 1910.

Quelle:
Otto Grotwewohl: 30 Jahre später – Die Novemberrevolution und die Lehren aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag Berlin, 1948, S.23-29.

Alle Wege führen zum Sozialismus

Der bekannte DDR-Wirtschaftshistoriker befaßte sich schon viele Jahre mit den Folgen gesellschaftlicher Veränderungen. Seine Worte besitzen auch heute noch Gültigkeit:

KuczynskiJürgen K u c z y n s k i (17.09.1904 – 06.08.1997)

Die große Aufgabe, die vor der Menschheit seit dem Beginn dieses Jahrhunderts dringender denn je steht, ist, die Tatsache, daß der Mensch mehr produzieren kann, als er unbedingt zur Erhaltung seines Lebens braucht, so zu meistern, daß sie, statt seine Existenz zu bedrohen, sein Leben fortlaufend besser gestaltet. Voraussetzung dafür ist, daß die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aufhört und daß die Mehrproduktion so verteilt wird, daß alle Anteil an ihr haben. Seit der Sklaverei hat der Mensch die Herrschaft über die Produktionskräfte verloren. Es gilt, sie zu gewinnen und durch sie zu einem reichen Leben für alle zu kommen.

Zweierlei Arten der hergestellten Güter

Wenn wir uns nun die Güter, die produziert werden, ansehen, dann finden wir zweierlei Hauptarten. Die eine dient dem direkten Konsum durch die Menschen, die andere der Produktion; die letztere geht natürlich auch in den Konsum ein, nur eben in indirekter Weise. Zu den Gütern, die dem direkten Konsum dienen, gehören Birnen wie auch Strümpfe, Romane wie auch öffentliche Bäder. Manche dieser Güter werden sofort konsumiert, wie Birnen; bei anderen dauert der Konsum etwas länger, wie bei Strümpfen; wieder andere werden von vielen Menschen gleichmäßig und auf längere Zeit konsumiert, wie öffentliche Bäder.

Die Produktionsmittel dagegen, wie Fabrikgebäude oder Maschinen oder Rohstoffe, werden nicht direkt, sondern indirekt konsumiert; sie gehen schnell, wie Rohstoffe, oder langsam, wie Maschinen, in das Konsumprodukt ein. Ohne sie können fast keine Konsumgüter produziert werden. Wer sie in der Hand hat, hat die Wirtschaft in der Hand. Die Kapitalisten besitzen nun die Produktionsmittel und haben so die Wirtschaft und die Werktätigen in der Hand. Das war nicht immer der Fall. Früher, vor dem Kapitalismus, besaßen die Werktätigen selber oft Produktionsmittel. Damals zwangen die Ausbeuter sie, einen Teil oder gar das ganze Mehrprodukt auszuhändigen, indem sie sie mit roher Gewalt bedrohten, und wenn sie außerdem noch einen Teil der Produktionsmittel besaßen, so war dieser Besitz eine zusätzliche Waffe; die Hauptwaffe aber war das Schwert (kombiniert — und schon raffinierter — mit der angeblichen Freundschaft angeblicher Götter).

Wie kann die kapitalistische Ausbeutung beendet werden?

Um die kapitalistischen Wirtschaftsverhältnisse zu enden, um den Kapitalisten die Möglichkeit zu nehmen, mit all ihren Produktions- und Ausbeutungsmethoden weiterzuarbeiten, ist es nun unbedingt notwendig, ihnen ihre Waffe, den Besitz der Produktionsmittel, aus der Hand zu reißen. Ist das einmal geschehen, dann sind die Werktätigen in der Lage, die Wirtschaft zu ordnen, denn sie haben die Basis der Widersprüche aufgehoben, die in der Tatsache der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung beruht — der Produktion der Allgemeinheit für den Markt, für die Allgemeinheit als Verbraucher, für die Gesellschaft als Wirtschaftseinheit auf der einen Seite und der Aneignung zu Zwecken der privaten Profitaufhäufung, der privaten Aneignung des von der Gesellschaft produzierten Mehrwertes durch eine immer kleinere Schar von Großkapitalisten, von Junkern und Monopolisten auf der anderen Seite.

Ist dieser grundlegende Widerspruch der Wirtschaftsweise einmal eliminiert, dann ist es möglich, die menschlichen Wirtschäftsverhältnisse, die Verwendung von Produktionsmitteln und Arbeitskraft zu ordnen und zu planen und die Resultate der Mehrarbeit allen zugute kommen zu lassen. Dann arbeitet der einzelne für die Gemeinschaft und die Gemeinschaft für den einzelnen. Eine solche neue Wirtschaft nennen wir eine sozialistische Wirtschaft. Und die Lehre von dieser neuen Wirtschaft ist eines der wichtigsten neuen Forschungsgebiete der politischen Ökonomie des wissenschaftlichen Sozialismus oder Marxismus. Der wissenschaftliche Sozialismus weist nach, daß die Vergesellschaftung, der gemeinsame Besitz aller Produktionsmittel notwendig ist, damit die Menschen die Produktionskräfte beherrschen und alle Konsumgüter zum Privateigentum aller Menschen werden können.

Wodurch unterscheidet sich der Kapitalismus vom Sozialismus?

In der kapitalistischen Wirtschaft ist es so, daß fast alle Güter Privateigentum einer kleinen Anzahl von Menschen sind, die von sich aus im Austausch gegen Arbeitskraft einen Teil dieser Güter an die Arbeitenden abgeben. In der sozialistischen Wirtschaft gehören alle Güter der Gemeinschaft der Menschen, die den zum direkten Konsum bestimmten Teil so verteilen, daß sie allen zugute kommen. Auch in der sozialistischen Gesellschaft wie in der kapitalistischen gehören die Konsumgüter denen, die die Produktionsmittel besitzen, und die Produktionsmittelbesitzer verfügen über die Verteilung der Konsumgüter. Aber im Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft sind in der sozialistischen die Verbraucher von Konsumgütern identisch mit den Besitzern der Produktionsmittel. Darum kann es keinen Widerspruch zwischen Produktion und Aneignung, zwischen den Besitzern der Produktionsmittel und den Verbrauchern der Konsumgüter geben. Die gleiche Gemeinschaft von Menschen bestimmt über die Verwendung von Produktionsmitteln und Konsumgütern. Darum ist es auch möglich, eine geordnete Planung der Wirtschaft durchzuführen: die Interessen der Produktionsmittel- und der Konsumgüterproduzenten sind identisch. Es wird nicht mehr um des Profites willen, sondern um der Bedarfsdeckung willen produziert. Die Produktionsmittel sind nicht mehr Instrumente der Profitschaffung, der Besitz von Produktionsmitteln ist nicht mehr ein Mittel, sich von anderen geschaffenen Mehrwert anzueignen, sondern die Produktionsmittel sind nur noch dazu da, Konsumgüter zu produzieren, um durch diese Produktion den Bedarf der Menschen zu decken.

Die Grundideen, die hier ausgeführt worden sind, basieren auf den Gedankengängen, die Marx und Engels (…) entwickelt haben. Schon damals gab es gewisse Voraussetzungen, um die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft einer solchen Lösung entgegenzuführen. Aber der Kapitalismus hatte damals noch eine große Lebenskraft, und die fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft waren noch zu schwach, um diese Aufgabe durchzuführen. Der Kapitalismus hatte sich noch nicht so weit entwickelt, daß man sagen konnte, er habe bereits die Voraussetzungen der sozialistischen Gesellschaft geschaffen, zu denen nicht nur eine hohe Ausreifung der Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus selbst und das Entstehen eines klassenbewußten, von einer revolutionären Arbeiterpartei geführten Proletariats, sondern auch die Bedrohung der Existenz der werktätigen Massen bei Fortbestehen der kapitalistischen Gesellschaft gehört.

Mit dem Eintritt der kapitalistischen Wirtschaft in das Stadium des Monopolkapitalismus sind diese Vorbedingungen erfüllt. Niemand hat das klarer herausgearbeitet als Lenin. Und Lenin war es auch, der die Werktätigen Rußlands den Weg zur Verwirklichung der Ziele des Sozialismus, zur Rettung ihrer Existenz geführt hat, einen Weg, den die Arbeiter, Bauern und die Intelligenz der Sowjetunion dann unter der politischen Führung Stalins in einem Lande, das umgeben war von feindlichen kapitalistischen Mächten, mit solchem Erfolg weitergegangen sind.

Die Zeit ist reif für Veränderungen

Die gleiche Aufgabe, die kapitalistische Wirtschaft in eine sozialistische umzuwandeln und damit nicht nur die Existenz der Menschheit sicherzustellen, sondern ihr auch den Weg zu fortschreitendem Wohlstand zu sichern, steht jedoch vor allen Völkern der Welt, und es kommt darauf an, daß sie diesen Weg mit möglichster Beschleunigung beschreiten. Denn überall reifen die Bedingungen für den Übergang zum Sozialismus heran, ja mehr: überall wird es immer offensichtlicher, daß nur der Übergang zum Sozialismus die Menschen vor barbarischem Tod im. Frieden wie im Krieg durch Hunger oder Bomben retten kann.
Alle Wege des Lebens führen heute zum Sozialismus.

Quelle:
Aus: Jürgen K u c z y n s k i – Allgemeine Wirtschaftsgeschichte, Von der Urzeit bis zur sozialistischen Gesellschaft, Dietz Verlag, Berlin 1949, S. 246ff.

Anmerkung:
Prof.Dr.Jürgen Krczynski hielt diese Vorlesungen im Jahre 1948, um allen denjenigen, die sich ernsthaft mit den Fragen der Wirtschaft beschäftigen, „auf absolut wissenschaftlicher Grundlage die Probleme so darzustellen, daß sie einem weiten Kreise verständlich werden“. Wie man sieht, ist dieser Text nach wie vor aktuell. Doch eine idyllische Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus wird es nicht geben, denn Klassenharmonie ist unmöglich!

Brüder in eins nun die Hände…

PieckGrotewohlAus der Rede Wilhelm Piecks (auf dem Vereinigungsparteitag von KPD und SPD zur SED am 21. und 22. April 1946)

Die Überwindung der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, die Vereinigung der beiden Arbeiterparteien zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ist ein Ereignis von großer historischer Bedeutung für die deutsche Arbeiterbewegung, aber auch für unser deutsches Volk. Wir bereiten dem jahrzehntelangen Bruderzwist in der sozialistischen Arbeiterbewegung ein Ende und stellen damit ihre Einheit wieder her. (Beifall.) Wir schaffen durch sie die große Kraft, die es der Arbeiterklasse möglich macht, die Führung unseres Volkes beim Wiederaufbau Deutschlands, bei der Entfaltung einer wahrhaft kämpferischen Demokratie, bei der Schaffung von Garantien im deutschen Volke zur Sicherung des Friedens und bei der Vorbereitung und Verwirklichung des Sozialismus zu übernehmen.

Gegenüber den plumpen Betrugsmanövern, die von den Nazis mit dem Wort „Sozialismus“ betrieben wurden, wie auch gegenüber allen verschwommenen, unmarxistischen Auslegungen des Begriffes des Sozialismus ist in unserem Dokument eindeutig gesagt, daß die Sozialistische Einheitspartei für den Sozialismus kämpft, wie er von Marx und Engels wissenschaftlich begründet wurde. Es heißt in unseren „Grundsätzen und Zielen“, daß die Einheitspartei für die Befreiung von jeder Ausbeutung und Unterdrückung, von Wirtschaftskrisen, Armut, Arbeitslosigkeit und Imperialismus kämpft. Das kann nur erreicht werden durch die Verwandlung des kapitalistischen Eigentums an Produktionsmitteln gesellschaftliches Eigentum, durch die Verwandlung der kapitalistischen Warenproduktion in eine sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands kämpft für die klassenlose sozialistische Gesellschaft. (Lebhafte Zustimmung.) Mit dieser klaren Darlegung ihres sozialistischen Endzieles hat sich die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands eindeutig auf den Boden des konsequenten wissenschaftlichen Sozialismus gestellt. (Beifall.)

In den „Grundsätzen und Zielen“ ist aber nicht nur das sozialistische Endziel unserer Partei aufgestellt, sondern es wurde auch der Weg aufgezeigt, den die Arbeiterklasse zu diesem Ziele einzuschlagen hat. Es wird dort in nicht mißzudeutender Weise erklärt, daß die grundlegende Voraussetzung zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft die
Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse ist. (Zustimmung.)

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Aus der Rede Otto Grotewohls auf dem Vereinigungsparteitag

Mögen die Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmen, noch so groß sein, wir dürfen nicht verzagen und die Hände kleinmütig und tatenlos in den Schoß legen. Unser Volk, besonders das deutsche Proletariat, hat seinen Mut, sein Selbstgefühl, seinen Stolz und seinen Unabhängigkeitssinn ebenso nötig wie sein Brot. (Bravo!) Deshalb gilt es, zunächst wieder das Klassenbewußtsein, das in der zwölfjährigen Nazizeit fast völlig verlorengegangen ist, zu erwecken und zu stärken. (Lebhafter Beifall.) Erst wenn große Massen der Werktätigen aller Schichten zum vollen Bewußtsein ihrer geschichtlichen Aufgabe gelangt sind, werden die Kräfte entfaltet, die erforderlich sind, um die Entwicklung zum Sozialismus auch in Deutschland vorwärtszutreiben. Die Schaffung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ist schon allein deshalb eine zwingende Notwendigkeit. Wie soll der Arbeiter, der Bauer, der Handwerker, der Beamte und Angestellte, der Ingenieur, der Arzt oder der sonstige Intellektuelle, woher soll die Frau und die Jugend das Bewußtsein von der geschichtlichen Aufgabe unseres Volkes erwerben, woher sollen alle Schichten unseres Volkes zur einheitlichen Willensbildung kommen, wenn sie durch Werbeparolen zweier Arbeiterparteien von Zweifeln über die Richtigkeit des Weges hin und her gerissen werden? (Zustimmung.) Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands wird die Arbeiterklasse zum Bewußtsein ihrer Aufgabe erwecken, sie mit dem notwendigen einheitlichen Willen erfüllen und unter einheitlicher Führung Herz, Hirn und Hände aller konzentrieren auf die Verwirklichung der Gegenwartsforderungen, die in den Grundsätzen und Zielen der Partei niedergelegt sind. Ist dieses Ziel erreicht, dann ist der Sozialismus noch keineswegs verwirklicht…

Niemals darf es wieder geschehen, daß falsche Illusionen in der Arbeiterklasse geweckt werden. Niemals darf etwas als ein Stück Sozialismus marktschreierisch gepriesen werden, was nichts anderes ist als eine soziale Reform, eine kleine Erleichterung der Lage der Arbeiterschichten im Rahmen der kapitalistischen Wirtschaft. (Lebhafter Beifall.)
Niemals darf vergessen werden, daß erst die Verwandlung des Privateigentums an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum, die Verwandlung der Warenproduktion in eine für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion endgültig den Sozialismus verwirklicht. (Erneuter Beifall.)

Erst dann ist die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft im Profitinteresse einzelner unmöglich und allen Nationen, allen Menschen die freie Ausübung ihrer Rechte und die Entfaltung ihrer Fähigkeiten sowie der Friede endgültig gesichert.

Quelle:
Der Sozialismus – Deine Welt, Verlag Neues Leben, Berlin 1975, S.185f.

Bemerkungen:
Um allen Geschichtsfälschungen in bundesdeutschen Schulbüchern und allem dümmlichen Geschwätz geltungsbedürftiger „DDR-Bürgerrechtler“ entgegenzutreten, sei vermerkt, daß am 21./22.4.1946 mit der Vereinigung von KPD und SPD zur SED ein langgehegter Wunsch der deutschen Arbeiterklasse in Erfüllung ging. Hinzu kommt, daß nicht nur der Sozialdemokrat Otto Grotewohl, sondern auch der Kommunist Wilhelm Pieck erfahrene Funktionäre waren, die großes Ansehen bei den deutschen Arbeitern genossen. Voller Dankbarkeit schrieb Otto Grotewohl an den 18 Jahre älteren Wilhelm Pieck: „Alles wäre wohl nicht so gut gelungen, wenn der Weg uns nicht zusammengeführt hätte. Deine Lebenserfahrung, Deine Ruhe und Festigkeit, Deine Güte und Weisheit haben viel dazu beigetragen, mich zu befähigen, unsere Aufgaben zu erfüllen.“
(Heinz Vosske – Otto Grotewohl, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1979, S.51)

Erich Honecker – ein Nachtrag

Mit einer persönlichen Stellungnahme wendet sich der langjährige Vorsitzende des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, an seine ehemaligen Landsleute. Daß ihm hierbei nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wird, die in jenen Zeiten, als die Staatsgrenzen der DDR noch unantastbar waren, liegt auf der Hand. E.Honecker schreibt:

„Ich bin fest entschlossen, soweit meine Kräfte reichen, mich von den heutigen Siegern ebensowenig mundtot machen zu lassen, wie einst von der faschistischen Gestapo. Das bin ich meinem ganzen Leben als Kommunist schuldig.“ (Erich Honecker)

Erich_HoneckerEin Nachtrag

Es ist viel Wertvolles und historisch Wahres über diese Jahre bis zur Gründung der DDR geschrieben worden. Aus der Zeit der wahren Interessen des deutschen Volkes bestand das Wesentliche dieser Zeit in der Chance, den Grundstein für ein friedliebendes Deutschland zu legen. Doch nur in einem Teil Deutschlands, in der sowjetischen Besatzungszone, wurden die Wurzeln von Krieg und Faschismus beseitigt. Kriegs- und Naziverbrecher wurden entsprechend dem Potsdamer Abkommen der Alliierten enteignet, die Betriebe in die Hände des Volkes gegeben und der Boden in die Hand der Bauern.

Die DDR – ein wahres Wirtschaftswunder

Damals nutzte das Volk diese Chance. Erstmalig in der deutschen Geschichte leiteten Arbeiter und Bauern, gemeinsam mit der Intelligenz, die Wirtschaft. Erstmals wurde nicht für den Profit Einzelner oder von Gruppen geschuftet, der erwirtschaftete Gewinn kam den Arbeitenden zugute, denen, die die Werte schufen. „Was des Volkes Hände schaffen, soll des Volkes Eigen sein“, das blieb nicht nur Losung, das wurde Wirklichkeit. Das ist das Geheimnis, warum in Industrie und Landwirtschaft, im Bauwesen, in allen Bereichen der Wirtschaft unter unsäglich schweren Bedingungen mit großen Anstrengungen und viel Ideen auch im Osten Deutschlands ein wahres Wirtschaftswunder vollbracht wurde, warum hier Sorge für die Jüngsten, Sorge für das Alter, warum hier alle in Sicherheit und Geborgenheit leben konnten. Die in der Geschichte erstmals frei gewordenen Bauern gaben dem Volk das Brot, der Industrie die Rohstoffe und die Arbeiter in der Industrie gaben den Genossenschaften der Bauern Technik und qualifizierte Kader. Das Bildungsprivileg wurde gebrochen und Kultur war für alle da. Und es bleibt in der Geschichte der Völker eingetragen, daß in Deutschland 40 Jahre Sozialismus war, wie fertig, wie unvollkommen er auch immer gewesen sein mag, er machte das Leben lebenswert. Die Menschen kannten keine Ausbeutung, keine Arbeitslosigkeit und Rechtlosigkeit. Es blieben uns nur 40 Jahre Zeit, den Sozialismus aufzubauen.

Der Sozialismus gab Geborgenheit

Was aber sind 40 Jahre in der Geschichte? Der Kapitalismus hatte Hunderte Jahre, um sich zu entwickeln. Der Sozialismus gab den Menschen, was sie bisher nicht hatten: Arbeit für jeden, bisher nicht gekannte Bildungsmöglichkeiten für alle, gleichen Lohn für gleiche Arbeit, ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts. Und – was so wichtig ist im Leben eines alten wie im Leben eines jungen Menschen – der Sozialismus gab Geborgenheit. Nicht das Geld regierte, nicht die Angst vor dem morgigen Tag. Es war eine humane Gesellschaftsordnung auf deutschem Boden entstanden, die danach strebte, vollkommener zu werden. Sie wollte den Menschen das Bestmögliche für den Tag und für eine glückliche Zukunft sichern. Die Kinder waren die wirklich Privilegierten in dieser sozialistischen DDR. Das und mehr gehörte zu dem großen Versuch, auf deutschem Boden, in einem hoch entwickelten Industrieland, in einem geteilten Land, in einem von Bomben und Granaten zerpflügten Land, in einem Land mit Menschen unterschiedlichster Erfahrung und Anschauungen, mit Menschen, die für den Sozialismus glühten und mit solchen, die ihn ablehnten oder bekämpften, eine neue Gesellschaft zu errichten.

Auch wenn’s lange dauern sollte – der Sozialismus wird sein!

Die reale sozialistische Alternative zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung für mehrere Generationen erlebbar gemacht zu haben, das war ein Beitrag zur künftigen Menschheitsgeschichte, die sich in Richtung Sozialismus bewegen wird. Die sozialistische Alternative für ganz Deutschland zu erkämpfen, das bleibt auf der Tagesordnung und es wird dereinst besser gelingen. Es wird dann in vieler Hinsicht eine andere Zeit sein. Eine Zeit, in der wir nicht mehr von wirtschaftlich einst unterentwickelten Ländern abhängig sind, die einstmals die revolutionäre Umgestaltung zum Sozialismus als erste in Angriff genommen haben. Vor kurzem erklärte ein Journalist, daß er sich gewundert habe, daß Honecker, das ehemalige Staatsoberhaupt der DDR, das Wort Deutschland so gut über die Lippen brachte. Der Mann irrt. Wir Kommunisten waren und bleiben immer die treuesten Patrioten. Wer das Volk in Kriege und Aggressionen gegen andere Völker führt, den Haß gegen andere Rassen und Nationen schürt, hat diesen Anspruch längst verloren. Die deutsche Arbeiterklasse hat unter der Führung ihrer marxistischen Partei, der SED, der ersten vereinigten Arbeiterpartei, das Wagnis unternommen, den Vorstoß in Neuland der Geschichte der Menschheit zu unternehmen. Sie wird es wieder wagen. Auch wenn es lange dauern sollte: Es wird sein.

Quelle:
Erich Honecker – zu den dramatischen Ereignissen, W.Runge Verlag, Hamburg, Mai 1992, S. 77f.

siehe auch:
Dr. Kurt Gossweiler- Ein unbestechlicher Chronist des Jahrhunderts

Die schleichende Konterrevolution in der ČSSR

Rudolf Pravdik (Bratislava)
Antimarxistische Ideen während der politischen Krise in der ČSSR 1968-69

Das Auftreten antisozialistischer Kräfte auf ideologischem Gebiet begann schon lange vor dem Jahre 1968, und ganz deutlich kann man das in verschiedener Gestalt unmittelbar nach dem XX. Parteitag der KPdSU feststellen. Schon zu der Zeit, als in den sozialistischen Ländern und in allen kommunistischen Parteien Schritt für Schritt einige aufgetretene Fehler beseitigt wurden und die Wege der weiteren Entwicklung konzipiert wurden, arbeiteten die imperialistischen Diversionszentralen Pläne aus, wie sie im Bereich der Ideologie ins Innere der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Länder eindringen könnten. Vermittels scheinbar fortschrittlicher philosophischer und ideologischer Theorien wollten sie einen Prozeß der „Renaissance“ in den kommunistischen Parteien entfachen. Unter Vorspiegelung einer Beseitigung von Mängeln des Marxismus verfolgten sie in Wirklichkeit seine Revision und seine Destruktion. Dabei wurden Lenins Worte völlig bestätigt, wonach es zur Dialektik der Geschichte gehört, daß der theoretische Sieg des Marxismus seine Feinde zwingt, sich als Marxisten zu verkleiden.

Die Revisionisten

Die Erosion der sozialistischen Ideologie, zu der es bei uns nach und nach kam und die in der Entwicklung nach dem Januar 1968 den Höhepunkt erreichte, hätte sich selbstverständlich allein durch Einwirkung äußerer Kräfte nicht in einem solchen Ausmaße entwickeln können, wenn nicht dem Marxismus fremde Ideen auch im Inneren unserer Gesellschaft und selbst im Inneren unserer kommunistischen Partei Anhänger, Propagandisten und sogar aktive Vertreter und Verfechter gefunden hätten. Das Eindringen fremder, nichtmarxistischer Ideen und Konzeptionen in unser sozialistisches System spiegelte sich sowohl in der pädagogischen Theorie als auch in der Desorientierung eines Teiles der Lehrer wider. Sie beeinflußten auch den Inhalt der Schulerziehung negativ und folglich auch die Schüler.

Desorganisation in der Schule

Eben auf dem Gebiet des Schulwesens kann man es begreiflich machen, wie die „schleichende Konterrevolution“ schrittweise – oft unbemerkt – grundlegende ideologische Ausgangspunkte und Prinzipien des Systems der kommunistischen Erziehung in Frage stellte, wie sie sich auf diesem Gebiet nicht nur bemühte, das ganze System der sozialistischen Erziehung der Jugend und Werktätigen zu desorganisieren, sondern in. vieler Hinsicht bis zur Ankunft der verbündeten Armeen im Jahre 1968 auch tatsächlich dabei Erfolge hatte.

Angriffe auf den Marxismus-Leninismus

Die Gesetzmäßigkeit, daß jede soziale Revolution immer auch mit einem Kampf um die Herrschaft im weltanschaulichen Bereich verknüpft ist, wurde auch völlig durch unsere Entwicklung nach dem Januar 1968 bestätigt. Als verschiedene Anhänger der Rechten, als die revisionistischen und antisozialistischen Kräfte offen zum Angriff übergingen, richteten diese große Anstrengungen gerade auch darauf, das ideologische System des Sozialismus zu deformieren und besonders sein Fundament, die marxistisch-leninistische Weltanschauung, zu zersetzen. Auf diese Art sollten die Bedingungen und Voraussetzungen auch für die Änderung des bestehenden sozialistischen politischen Systems vorbereitet werden.

Auf dem weltanschaulichen Gebiet verliefen die Versuche einer anfänglichen Infragestellung und dann einer Revision und Zerstörung des Marxismus-Leninismus im Bewußtsein der Menschen auf zwei Ebenen:

— Auf dem Gebiet der Philosophie ging es um einen systematischen Versuch, die marxistische Philosophie zu revidieren, und zwar unter dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung, Vervollkommnung und Befreiung von den Einflüssen des Dogmatismus. Dieser Stoß der ideologischen Diversion wurde vor allem auf die intellektuellen Schichten gerichtet. Er drang in die Gesellschaftswissenschaften ein, in die Pädagogik, in die Kultur und die Kunst, in die Bevölkerung der Städte, die sich schon von religiösen Vorurteilen befreit hatte, und er drang sichtbar auch in die Jugend, besonders an den Hochschulen, ein.

— Die zweite Stoßrichtung der nichtmarxistischen und antimarxistischen ideologischen Einflüsse im Bereich der weltanschaulichen Erziehung der Jugend und der Erwachsenen stellte eine an Intensität zunehmende Verbreitung und Intensivierung verschiedener religiöser Anschauungen dar. Diese Beeinflussung war besonders auf die ländliche Bevölkerung, aber auch auf die Kinder und Jugend gerichtet.

Quelle:
R.Pravdik, Ursachen und Erscheinungen des Eindringens antimarxistischer Ideen in die weltanschauliche Erziehung während der politischen Krise in der ČSSR 1968-69 und ihre Überwindung. In: Die marxistisch-leninistische Pädagogik – eine streitbare Waffe im Kampf gegen den Antikommunismus, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1972, S.210f.