So war Ernst Thälmann…

E_ThälmannARBEITER UNTER ARBEITERN
von Erich Weinert

Es war im März 1930. Die Hamburger Arbeiterschaft war zu Zehntausenden nach dem Ohlsdorfer Friedhof marschiert, wo die Feier für die Opfer der Revolution stattfand. Von einer Bank am Kapellenhügel sprachen Ernst Thälmann und ich. Tausende von Fahnen leuchteten in der Märzsonne. Zehntausende von gespannten Gesichtern schauten zum Hügel hinauf, als Thälmann sprach. Die Weiteststehenden konnten seine Stimme gar nicht mehr vernehmen; aber sie verstanden an seinen Gesten, was er sagte. Und sie hoben die Fäuste als Zustimmung.

Nach dieser Kundgebung sollten wir in einem Meeting in Altona sprechen. Da aber der Aufmarsch in Ohlsdorf zwei Stunden später geendet hatte, als vorgesehen war, so war die Altonaer Versammlung inzwischen geschlossen worden. Wir hatten nun ein paar Stunden Zeit bis zur Abendversammlung. Ernst Thälmann, der Genosse Seh. und ich standen auf der Straße; und Thälmann sagte: „Wat mok wi nu?“

Ein Hitler oder Göring wären in einem solchen Falle wohl in ihren Luxuswagen zum Diner in die Villa irgendeines ihrer Geldgeber gefahren.
Ernst Thälmann sagte: „Kommt, Genossen, setzen wir uns hier in eine kleine Budike, wo wir ein bißchen diskutieren können!“

Wir gingen in die nächste Eckkneipe und bestellten drei Becher. Ernst sah sich aufmerksam im Lokal um, dann verzog er das Gesicht und sagte: „Hier is et muffig, hier verkehrt nix Gutes! Kommt!“ – Wir gingen durch die kleinen Straßen. Endlich fanden wir ein kleines Lokal, das Ernst Thälmann gefiel. „Hier sitzen wir gut. Das ist ein solides Proletenlokal.“ Da es Sonntag nachmittag war, saßen wir fast allein im Gastzimmer. Nur selten kam ein Gast, der im Vorbeigehen an der Theke sein Glas Bier trank.

Meine Begegnungen mit Ernst Thälmann waren im Trubel der Versammlungskampagnen immer nur flüchtig gewesen. An diesem stillen Sonntagnachmittag saß mir nun nicht der ernste und arbeitsame Parteiführer gegenüber, sondern der vitale, liebenswerte und heitere Mensch. Er sprach fast nur Hamburger Platt und erzählte mit viel Humor, was die sozialdemokratische Presse ihm alles anzuhängen versuchte. Zu seiner Tochter hätte vor einigen Tagen eine Mitschülerin bedauernd gesagt: „Nun hast du ja keinen Vater mehr, deinen Teddybär haben sie ja gestern in die Heilanstalt geholt!“ Mit einer bösen Niedertracht hatten die Gegner versucht, Thälmann in den Augen der Hamburger Arbeiter herabzusetzen.

In einer „Sozi“-Kneipe

An der Wand des Gastzimmers entdeckten wir ein Bild. Es war ein Holzschnitt in der Art der neunziger Jahre, auf welchem in einer Reihe von Abbildungen Rückkehr und Empfangsfeierlichkeiten der unter dem Sozialistengesetz Ausgewiesenen dargestellt waren. „Na“, sagte Ernst Thälmann, „so gemütlich würde das wohl das nächste Mal nicht wieder zugehen!“ Er betrachtete das Bild und meinte: „Das ist aber ein interessantes Dokument!“ Er rief die Wirtin und fragte sie, ob sie das Bild nicht verkaufen wolle. „Nein“, sagte die, „das ist ein sozialdemokratisches Verkehrslokal, und das Bild hängt schon bald vierzig Jahre hier.“

Mittlerweile waren einige Arbeiter an der Theke erschienen. Sie flüsterten miteinander. Zweifellos hatten sie Thälmann erkannt. Einer ging wieder hinaus und brachte nach kurzer Zeit ein Dutzend anderer mit. Aller Augen waren nun auf unseren Tisch gerichtet. Aber es war kein einziger feindseliger Blick wahrzunehmen. Die Hetze gegen Thälmann konnte bei den einfachen Proleten nicht verfangen. Wir hörten keine böse oder höhnende Bemerkung; ihre Unterhaltung hatte einen durchaus ernsten Charakter. Vielleicht stellten sie Vergleiche an: Hier sitzt der Kommunistenführer bescheiden im sozialdemokratischen Arbeiterlokal, ein Arbeiter unter Arbeitern! Kann man sich dagegen vorstellen, daß ein Wels (*) einmal in einem Berliner Kommunistenlokal einkehrte? Als wir das Lokal verließen, grüßten die Arbeiter ruhig und achtungsvoll.

Ich habe in den Jahren der Emigration, sooft ich an Ernst Thälmann dachte, auch an die sozialdemokratischen Arbeiter in der Altonaer Kneipe denken müssen. Vielleicht sitzen einige von ihnen auch heute noch da, in Flüsterunterhaltung; und einer von ihnen sagt: Hier in dieser Ecke hat auch mal unser Genosse Thälmann gesessen!

Quelle:
Erich Weinert, Prosa-Szenen-Kleinigkeiten, Verlag Volk und Welt, Berlin 1955, S.305ff.

(*) Anmerkung:
Otto Wels war von 1919 bis in die ersten Monate der Nazidiktatur einer der rechten Führer der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, einer derer, die die Hauptverantwortung für die Spaltung der Arbeiterschaft und damit für die Möglichkeit der Errichtung eines offen faschistischen Regimes in Deutschland trugen.

mehr über Ernst Thälmann:
o Wer war Ernst Thälmann
o Die Rolle der Persönlichkeit
o Ernst Thälmann – hoch die Faust!

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