Briefe an die "junge Welt" 1990

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F.N. Erfurt, 10.1.1990
Werte Redaktion!
Ich bin entsetzt und enttäuscht, wenn ich Demonstrationen, ob montags oder donnerstags, sehe, wo ca. 10.000 Bürger lauthals schreien, ja sogar krakeelen »Einig Deutschland«, rechtsradikale Losungen brüllen und unterstellen, daß SED und Staatssicherheit eins sind. Ich bin seit 1984 Genosse. Bis zur Zeit der Wende, des Auf- und Umbruchs, bin ich selbst von Genossen meiner Partei als ein Mann, dem man besser Zügel anlegen sollte, abgestempelt worden, weil ich schon vorher gegen Amtsmißbrauch, Privilegien und Korruption (in meinem Umfeld) aufgetreten bin. Und dafür muß ich mich heute wieder, nur von anderen Schreihälsen, mit solchen Genossen in einen Topf werfen lassen, die sich durch unlautere Ideale gekennzeichnet haben. Ich habe z.B. beim Um- und Ausbau meiner Altbauwohnung genau wie jeder andere auch meine großen und kleinen Gefechte mit den zuständigen staatlichen Einrichtungen austragen müssen, könnte für manchen, auch vergeblichen Laufweg Kilometergeld beantragen und war im Interesse meiner Familie leider auch gezwungen, mein sauer und ehrlich verdientes Geld als »Schmiergeld« zum Fenster hinauszuwerfen. STAATENBUND STATT BUNDESSTAAT! Welche Chancen rechnen sich die in unserem Land neu entstandenen Parteien und Gruppierungen nach einer Wiedervereinigung aus? Bei aller Unterstützung, die sie, egal in welcher Form, vom westlichen Partner BRD erhalten, sollten sie sich auch über eins klar sein: es kann ihnen keiner die Garantie geben, daß sie nicht nur Mittel zum Zweck waren. Wir hatten 1949 nur einmal in der deutschen Geschichte die Chance, einen Arbeiter- und Bauern-Staat, unsere DDR, zu gründen. Ein zweites Mal werden wir diese Chance nicht erhalten. Deshalb sollten wir, bevor wir unser Vaterland für einen Pfifferling verraten und verkaufen, aus eigener Kraft versuchen, dieses nach neuen Idealen zu gestalten mit dem Ziel, möglichst vielen dabei gerecht zu werden. Jede Hilfe von außen ist uns dabei willkommen, aber nicht um den Preis unserer Selbstaufgabe. Wiedervereinigung heißt für mich – wieder unmündig, wieder bücken und buckeln, wieder Bespitzelung, nur von einem BND, wieder sprachlos sein müssen.
[F.N.]
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U.L.Leipzig, 26.1.90
Sehr geehrte Freunde!
Jetzt wird der ehemaligen Partei- und Staatsführung vieles zur Last gelegt – das, was ich am Schlimmsten dabei finde, ist, daß es Verrat an der Sache der Arbeiterklasse ist, eine Sache, für die Tausende ihr Leben hingaben! Ich möchte jedem meine Unterstützung zusagen, der bereit ist sich einzusetzen, das wieder ins Lot zu bringen. Ob sich die SED-PDS reformieren kann, um das zu tun, oder ob sich alle linken Kräfte zusammenschließen sollten, um die Wiedergründung der KPD zu forcieren – vermag ich nicht zu sagen –, ich glaube aber Letzteres! Man sollte dabei allerdings die SED-Mitglieder, die nach wie vor echt für die Sache der Arbeiterklasse einstehen, nicht beiseite schieben. Denn diese Kraft brauchen wir, sonst sehe ich eine Katastrophe auf uns zukommen. Ich will damit nichts gegen die Einheit Deutschlands sagen, aber nicht jetzt im Zeichen des Pleitegeiers. Wenn die Zeit reif ist, unter dem Banner mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz – den Symbolen der Arbeit.
Auch unsere Nationalhymne ist wohl die bessere. Soweit meine Ansicht. Mich interessiert noch etwas. Diejenigen, die da brüllen »einig Vaterland« – glauben die, daß das was mit Heimatgefühl zu tun hat? Ehrlich, ich nicht. Wären ab morgen die Läden voll mit Apfelsinen bis Mercedes und jeder könnte kaufen, würde sicher kein Mensch mehr brüllen. Da könnte sogar die KPD (die wir nicht haben) Regierungspartei sein. Ich schätze, daß gerade die, die da brüllen, bei einer überschnellen Vereinigung die Dummen und Enttäuschten wären. Die Sache der Arbeiterklasse ist und bleibt mir heilig, auch wenn ich ihren Sieg vielleicht doch nicht mehr erlebe.
Mit freundlichen Grüßen
[U.L.]
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U.S. Saalfeld, 2.3.1990
Werte Redaktion!
Sagt mal, merkt Ihr überhaupt noch was?
Ich sitze gerade vor Eurer Freitagsausgabe (2.3.90) und kann es nicht fassen. Mit diesen schnellen Wendungen Eurer Zeitung hat man sich zwar noch nicht ganz abgefunden, nun kommt mir aber der leise Verdacht, einige Köpfe bei Euch haben in Folge von Überdrehung Schaden genommen. Oder könnt Ihr mir vielleicht erklären, wie man sich »Linke sozialistische Jugendzeitung« nennt und dann großspurig Werbung für eine Glücksspiellotterie abdruckt? Warum macht Ihr eigentlich nicht auch Werbung für Camel, Jacobi oder gar Beate Uhse? Die lassen dafür bestimmt einige DM springen. Nur, Ihr seid nicht der Playboy, sondern, wie gesagt, eine linke sozialistische Jugendzeitung. Ist Euch klar, wie viele 14- bis 18jährige Eure Zeitung lesen? Wo sollen diese Minderjährigen bzw. ihre Eltern eigentlich monatlich die Westmark auftreiben, doch nicht etwa durch Schwarzarbeit im Westen? Ich kann ja verstehen, daß man Euch als Lautsprecher der ehemaligen Kampfreserve der Partei langsam, nach dem 18.3.90 aber sicher den Geldhahn abdreht. Nur fragt man sich dann auch, wie man noble Italien-WM-Reisen verlosen kann. (Facharbeiter für Nachrichtentechnik/Elektromechaniker bei »Carl Zeiss«, 28 Jahre)
Mit freundlichem Gruß!
[U.S.]

jW_Titel_1990
Titelseite der „Jungen Welt“ von 2. Januar 1990

Anmerkung:
Es dauerte eine Weile, bis auch in den Redaktionsräumen der „Jungen Welt“ begriffen wurde, daß es sich bei der sogenannten „Wende“ um eine Konterrevolution handelte. Zu lange hatte man auch dort Gorbatschow und Konsorten Beifall geklatscht, hatte man über das woher und wohin gerätselt. Zu lange hatte man dem Wolf im Schafspelz gelauscht…
Unter dem Titel „Was verlieren wir real“ veröffentlichte die Zeitung „junge Welt“ einige Leserbriefe aus dem Jahre 1990. Dazu erschien ein Buch von Peter Jung (Hg.), Die Stimme der Anderen. Leserbriefe aus der DDR. Köln 2010, 173 S., brosch., 12,90 Euro
P.S. Das Nachwort von diesem Wendehals Modrow hätte man sich sparen können…

Der Fußbodenbelag ist echt!

Dazu muß man, glaube ich, nicht viel sagen. Diese ganze Einrichtung in Hohenschönhausen hat nichts mit der Realität in der DDR zu tun. Sie verfolgt keinen anderen Zweck, als Hunderten von unwissenden Schülern mit erfundenen Horrorgeschichten ein verzerrtes Geschichtsbild einzuhämmern. Diejenigen, die da den jugendlichen Besuchern den Kopf verdrehen, haben die DDR zumeist nicht erlebt. Sie müssen eben erzählen, wie furchtbar dort alles war. In dem Beitrag von Ralph Hartmann lesen wir:

Viel Geld für Erinnerungskultur
von Ralph Hartmann

Da kommt Freude auf. Endlich einmal wird an einer wichtigen Bildungseinrichtung in der Bundeshauptstadt nicht gespart. Im Gegenteil, die Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, hauptsächlich von Schulklassen besucht, wird 2011 für 16,26 Millionen Euro saniert und ausgebaut. Neue Seminar- und Veranstaltungs-
räume sollen entstehen, ein Kino, ein Café, ein Foyer und ein Museumsladen.
Hohenschonhausen_GedenkstatteStasi-Gedenkstatte Hobenschönhausen

Die „historische Aura“
Gedenkstättendirektor Hubertus Knabe versprach bei der Vorstellung des Projektes, daß die baulichen Eingriffe „sehr zurückhaltend“ vorgenommen würden, um die „historische Aura“ nicht zu gefährden. So sollen zum Beispiel „historische Zonen“ wie der Befehlsbereich der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit künftig über einen Steg erschlossen werden, um die authentischen Fußbodenbeläge zu schützen. Die sind sogar wirklich echt – im Gegensatz zu den angeblichen ehemaligen Wasserfolterzellen. Wertvolles Kulturgut muß geschützt werden, koste es, was es wolle!

Anderswo sieht es dagegen trübe aus
Bei Kultur- und Bildungseinrichtungen, Jugendclubs und Bibliotheken wird auf Teufel komm raus gespart. Sogar im Berliner Bezirk Mitte, dem Regierungsbezirk, nur einige Kilometer vom musealen Kleinod in Hohenschönhausen entfernt, wird angesichts eines Haushaltslochs von 23,8 Millionen Euro der Rotstift zum wichtigsten Arbeitsgerät. Zahlreiche Jugendfreizeitstätten sollen geschlossen werden. Selbst in sozialen Brennpunkten werden Therapeuten für sogenannte Risikokinder entlassen, Erziehungs- und Familienberatung wird an einen privaten Träger übergeben. In drei Betreuungszentren für Senioren geht das Licht aus. Bildungs- und Kultureinrichtungen werden weggespart, selbst die Bertolt-Brecht-Bibliothek im Rathaus Mitte schließt. In anderen Berliner Bezirken sieht es nicht besser aus. Ulrike Baumgartner, Gewerkschaftsbeauftragte für Kindertagesstätten und Jugend-
einrichtungen, sieht die gesamte Jugendarbeit der Hauptstadt gefährdet. Sie befürchtet, daß Jugendliche aufgrund mangelnder Betreuung „auf die schiefe Bahn“ geraten, und Krischan Friesecke, Sprecher eines Aktionsbündnisses für Kinder und Jugendliche, macht darauf aufmerksam, daß eigentlich genug Geld vorhanden ist, Jugendclubs zu erhalten, aber verbraucht werde es an anderer Stelle. Darunter eben auch für Knabes Gruselkabinett, das Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz als einen der wichtigsten DDR-Erinnerungsorte bezeichnet.

Dafür wird Geld locker gemacht
Der Bundesregierung und dem Berliner rosa-roten Senat sei Dank! Sie finanzieren das Bauvorhaben in Hohenschönhausen, laut Schmitz ein „Signal zur intensiveren Auseinandersetzung mit den Formen und Folgen politischer Verfolgung und Unterdrückung in der DDR“, mit jeweils 8,1 Millionen Euro. Und da er es dick hat, plant der Senat bereits weitere 8,75 Millionen Euro für spätere Bauabschnitte ein. So herrscht denn in Berlin eitel Freude, vor allem bei dem nimmermüden Streiter für Freiheit und Menschenrechte, dem Bundesverdienstordensträger Hubertus Knabe. Wie hat er sich doch abgerackert, und das aus gutem Grund. Bereits 2006 hatte er erkannt: „Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zur Friedlichen Revolution im Herbst 1989 hat sich das Bild der SED-Diktatur zunehmend verklärt (…) Daß die Vereine, Gedenkorte und Institutionen der nostalgischen Verklärung der DDR nicht ausreichend entgegenwirken können, findet seine Ursache vor allem in deren unzureichender finanzieller Unterstützung.“

Eine Stätte der Lüge
Nun erhält er die geforderte Nothilfe, und da es in der Kasse klingelt, müßte er eigentlich in seiner Erinnerungsstätte auch noch andere Verschönerungen vornehmen. So könnte an der Eingangspforte eine bronzene Tafel mit den Worten angebracht werden, die er im Ausschuß für Kultur und Medien des Bundestages über die „beiden Diktaturen“ in Deutschland prägte: „Man kann die Opfer nicht gegeneinander aufrechnen, sondern man muß sie selbstverständlich addieren. Daraus ergibt sich das ganze Grauen dieser Zeit.“
So würde jeder Besucher in Hohenschönhausen sogleich wissen, welche Stätte des Grauens er betritt und wes Geistes Kind ihr Leiter ist. Auch könnte dieser die Rampe, die nach der „friedlichen Revolution“ installierte kurze Schiene mit einem Eisenbahnwaggon zum Transport von Häftlingen, der zu DDR-Zeiten nie in der Haftanstalt ankam, an das Netz der Deutschen Bundesbahn anschließen lassen. Dann könnte uns die gewollte Assoziation – Auschwitz als Symbol der faschistischen, Hohenschönhausen als das der „zweiten deutschen Diktatur“ – noch stärker beeindrucken.

Und noch eine bescheidene Anregung:
Da Knabe beim Berliner Senat offensichtlich hohes Ansehen genießt, müßte es ihm doch jetzt gelingen, seine wiederholte Forderung durchzusetzen, gegenüber den immer noch mehr als 600 Ernst-Thälmann-Straßen im Osten Deutschlands endlich eine Straße nach dem Ereignis zu benennen, das ihn von Unna nach Berlin und letztlich in das Amt des Leiters „eines der wichtigsten DDR-Erinnerungsorte“ gebracht hat. Wäre es nicht wunderbar, wenn dessen Adresse „Straße der Friedlichen Revolution“ wäre? Die Hausnummer 66 könnte bleiben, irgendwo muß ja gespart werden.

nachzulesen in: Ossietzky 8/2010

Nachtrag:
Scharenweise werden Schulklassen und Studenten durch das Hohenschönhausener Gruselkabinett geschleust, in der trüben Hoffnung, die Besucher würden nun endlich auch in den bestellten und bezahlten Chor der Schauderer miteinstimmen und die DDR in Bausch und Bogen als ein „Unrechtsregime“ verdammen. Doch zum Leidwesen der Erfinder dieser Schreckensszenerie ist das nicht der Fall. Im Exkursionsbericht einer solchen Besuchergruppe bleibt von den angeblichen „Stasi-Verbrechen“ gerade noch die Überschrift übrig. Und im folgenden Text findet sich nicht ein einziges Beispiel für die großmäulig angekündigten „Verbrechen der Stasi“, sondern nur noch die wahrlich erschütternde Aussage: „Es arbeiteten etwa 5,5 Mitarbeiter pro 1000 DDR-BewohnerInnen für das MfS.“ So, so! Da kann man ja nachträglich noch richtig das Gruseln kriegen!