Der 28. Oktober und der 7. November

Im April 1942 fiel Julius Fučik bei einer Razzia eher zufällig in die Hände der Faschisten. Unermüdlich hatte er bis dahin in Artikeln und Beiträgen, zuletzt immer offener in der illegalen Zeitung „Rúde právo“, gegen die Nazis Stellung genommen und ihre Propaganda entlarvt. In dem folgenden Artikel vom November 1941 verweist er auf die Zusammenhänge zwischen dem Roten Oktober in der Sowjetunion und dem Befreiungskampf des tschechischen Volkes.
Julius Fucikvon Julius Fučik

Mitten in den großen Tagen des Kampfes um Leben und Freiheit der Nation gedenken wir zweier großer Tage der Vergangenheit, die unseren Weg erleuchten und uns die Richtung in die Zukunft weisen: des 7. November 1917, des Beginns der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution der Völker Rußlands, und des 28. Oktober 1918, des Tages unserer nationalen Befreiung.

Dies ist kein zufälliges Verbinden von Daten. Zwischen beiden Tagen besteht eine tiefe innere Beziehung, ein gesetzmäßiger geschichtlicher Zusammenhang. Es gäbe unseren 28. Oktober nicht und könnte ihn nicht geben, wenn es den russischen 7. November nicht gäbe. In den furchtbaren Kriegssturm hinein, der die ganze Welt hin und her schleuderte, erklang im November 1917 die befreiende Stimme aus dem Osten: Schluß mit dem Krieg, Schluß mit der Unterdrückung der Völker und der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die zu Kriegen führt! Wir bilden eine neue Ordnung der Freibeit und Gerechtigkeit, welche die höchsten Ideale der Menschheit verkörpert. Bürger der Welt, wir geben euch ein Beispiel!

Es war eine Stimme, die die ganze Welt erschütterte. Sie zerstörte in Europa die Grundlagen vieler alter Einrichtungen, warf ihre Stützpfeiler um, befreite die revolutionären Kräfte in den europäischen Ländern und gab ihnen Perspektiven für ihren Kampf. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das die Große Sozialistische Oktoberrevolution verwirklicht hatte, wurde zum mitreißenden Beispiel für alle unterdrückten Völker Europas. Aus ihm schöpfte die nationale revolutionäre Bewegung aller kleinen Nationen und besonders der slawischen Nationen in Süd- und Mitteleuropa ihre befreiende Kraft, aus ihm erwuchs auch unser 28. Oktober.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution veränderte das Leben und das Antlitz des russischen Landes von Grund aus und zeigte vor der ganzen Welt die mächtige Schöpferkraft der Arbeiterklasse, die diese Revolution zum Siege führte. Aber am stärksten wirkte sie auf die Bewegung der kleinen Völker gerade durch ihre Nationalitätenpolitik, die das zaristische Rußland – „das Völkergefängnis“ – in ein Land der nationalen Freiheit verwandelt hatte. Alle Nationen der Sowjetunion – die kleinsten und die größten – sind gleichberechtigt, jede von ihnen bestimmt ihre Geschicke selbst und entwickelt mit brüderlicher Hilfe der anderen ihre Industrie und Landwirtschaft, ihren Wohlstand und ihre Kultur; ihre Freiheit ist unantastbar und durch die Bürgschaft aller gesichert. Diese Tatsache übte tiefe Wirkung auf alle kleinen Völker aus.

Wenn zum Beispiel die Tschechen im Jahre 1914 in den Krieg eintraten in der Hoffnung auf Zugeständnisse aus Wien im Rahmen der österreichischen Monarchie, war nach dem 7. November 1917 an ein Kompromiß mit Österreich nicht mehr zu denken. Die Idee der Selbstbestimmung der Nationen, die auf einem Sechstel der Erde gesiegt hatte, erfüllte auch unseren 28. Oktober: nicht Teilforderungen nach Zugeständnissen, sondern die Hauptforderung nach einer unabhängigen, freien Tschechoslowakei.
Und diese tiefe Verbundenheit, diese Verwandtschaft der beiden großen Tage der Völker der Sowjetunion und der Völker der Tschechoslowakei bestand auch weiterhin und hat nie aufgehört zu bestehen.

Heute sind sich bei uns alle bewußt, daß jeder unserer Feinde, ob innerhalb oder außerhalb der Grenzen, auch ein Feind der Sowjetunion und jeder Feind des Sowjetlandes stets auch ein Todfeind unseres Landes war. München, dieser Ausdruck furchtbarster politischer Kurzsichtigkeit, war ein Teil eben jener antisowjetischen Politik, die sich gleichzeitig gegen alle kleinen Nationen richtete. Mit ihrer ganzen Gesellschaftsordnung, ihrer ganzen Innen- und Außenpolitik ist die Sowjetunion immer eine mächtige Beschützerin der kleinen Nationen; deshalb war sie auch uns jederzeit ein treuer Verbündeter und für Hitler immer das Haupthindernis bei seinen räuberischen Plänen gegen die kleinen Nationen. Hitler weiß, daß er die Widerstandskraft der unterdrückten Völker Europas, die sich auf die Wahrheit und Gerechtigkeit des Sowjetlandes stützen, niemals bezwingen kann, wenn er die Sowjetunion nicht bezwingt. Auch das ist ein Grund, weshalb er sie überfallen mußte.

Aber das ist auch Hitlers sicheres Ende. Denn trotz all seiner zeitweiligen Gewinne, für die er mit unerhörten Verlusten zahlt, wird er die Kraft der Sowjetunion nie überwinden. Das Land der Sowjets – ist nicht mehr der „Koloß auf tönernen Füßen“, wie man das zaristische Rußland nannte. Das ist nicht das zaristische Rußland, das von innen zusammenbrach und zusammenbrechen mußte. Die Revolution am 7. November und der großartige sozialistische Aufbau der folgenden vierundzwanzig Jahre schufen aus dem Sowjetland die mächtige Festung einer neuen Gesellschaftsordnung, erfüllten es mit dem unzerstörbaren Geist der Freiheit, bauten in ihm an Plätzen, die für den Angreifer unerreichbar sind, eine Industrie auf, erzogen in ihm Millionen neuer sozialistischer Menschen, die stark, tapfer, mit unermeßlicher Liebe zur Freiheit und zum freien Vaterland durchdrungen sind, Millionen Menschen, die niemals die Waffen niederlegen werden, solange ein einziger Faschist auf sowjetischem Boden steht.

Es ist ein Kampf, der nur mit der völligen Zerschmetterung Hitlers enden kann. Und in diesem Kampf geht es, wie vor vierundzwanzig Jahren, wieder auch um uns. Auf Leben und Tod ist in ihm das Land des 28. Oktober mit dem Land des 7. November verbunden, nicht durch Worte, sondern durch Taten, durch das gemeinsame Interesse, durch gemeinsame Opfer und auch durch den gemeinsamen Sieg. Das unendliche Heldentum der Roten Armee und des ganzen sowjetischen Volkes, der nicht zu brechende Mut und Wille zur Freiheit des tschechoslowakischen Volkes werden zu den beiden großen Tagen unserer Völker ein neues, gemeinsames und für ewig denkwürdiges Datum hinzufügen: den Tag der Niederlage und Vernichtung der braunen Bestien, den Tag der Geburt eines neuen, freien, gerechten Europas.

Anmerkung:
Diesen Artikel schrieb Julius Fučik in der illegalen Zeitung „Rúde právo“ , Nr. 11,
im November 1941. Am 8.9.1943 wurde er in Berlin-Plötzensee von den Faschisten ermordet.

siehe auch:
Die Nazis und der Überfall auf die Tschechoslowakei
Julius Fučik, Unter dem Banner des Kommunismus

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