Historische Parallelen?

Nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen Februarrevolution war in Rußland eine revolutionäre Situation entstanden. Der Zar hatte abgedankt und die Arbeiterbewegung war bedeutend gewachsen. (Allein im Jahre 1916 waren 1.500 Streiks im Lande zu verzeichnen gewesen.) Der Krieg, der ein Ausdruck der allgemeinen Krise des Kapitalismus war, verschärfte diese Krise und schwächte den Weltkapitalismus. Gibt es historische Parallelen zur Situation 1917 in Rußland? Prinzipiell gibt es da keine Parallelen, doch man kann aus der Geschichte lernen. Karl Marx hatte bereits im Sommer 1850 erklärt: „Eine neue Revolution ist nur möglich im Gefolge einer neuen Krisis. Sie ist aber auch ebenso sicher wie diese.“ [1] Am 4.(17.) Juni 1917 – also noch vor dem Sieg der Oktoberrevolution – hielt W.I.Lenin vor den Arbeiter- und Soldatendeputierten eine Rede, in der er Stellung nahm zur Frage der Demokratie und zu den schmutzigen Machenschaften der Provisorischen Regierung. Das war ein weiterer Schritt auf dem Wege zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, die der Arbeiterklasse Rußlands und der Bauernschaft die Befreiung vom kapitalistischen Joch brachte. Dazu sprach Lenin auf dem I. Gesamtrussischen Kongreß der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten im Juni 1917.
Mai1917Am 1.Mai 1917 – Es lebe der Sozialismus!

Leere Versprechungen der Bourgeoisie

Marx und Engels haben von ihrer Lehre immer gesagt: „Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“ [2] Einen reinen Kapitalismus, der in einen reinen Sozialismus übergeht, gibt es nirgends in der Welt und kann es auch während des Krieges nicht geben, aber es gibt etwas Mittleres, Neues, noch nie Dagewesenes, weil Hunderte Millionen Menschen zugrunde gehen, die in den verbrecherischen Krieg zwischen den Kapitalisten hineingerissen worden sind. Es kommt nicht auf Reformversprechungen an, das sind leere Worte, es kommt darauf an, den Schritt zu tun, der jetzt notwendig ist.

Die falsche „westliche Demokratie“

Wenn Sie sich auf die „revolutionäre“ Demokratie berufen wollen, so machen Sie bitte einen Unterschied zwischen diesem Begriff und dem der reformistischen Demokratie unter einer kapitalistischen Regierung, denn es ist endlich an der Zeit, von bloßen Redensarten über „revolutionäre Demokratie“, von gegenseitigen Beglückwünschungen zur „revolutionären Demokratie“, zu der Charakterisierung ihres Klasseninhalts überzugehen, wie es uns der Marxismus, ja überhaupt der wissenschaftliche Sozialismus gelehrt hat. Was man uns vorschlägt, ist der Übergang zur reformistischen Demokratie unter einer kapitalistischen Regierung. Das ist vielleicht großartig vom Standpunkt der üblichen westeuropäischen Vorbilder. Doch jetzt steht eine ganze Reihe von Ländern vor dem Untergang, und die praktischen Maßnahmen, die so kompliziert sein sollen, daß es schwer sei, sie durchzuführen, diese Maßnahmen (…) sind durchaus klar (…)

Unglaubliche Profite – und wer sie einsteckt

Ich werde mich bemühen, (…) eine gemeinverständliche Erläuterung unserer Resolution, unseres Programms zu geben. Unser Programm besteht in bezug auf die Wirtschaftskrise darin, daß wir unverzüglich – dazu ist keinerlei Aufschub nötig – die Veröffentlichung all der unglaublichen Profite fordern, die 500-800 Prozent erreichen und die die Kapitalisten nicht als Kapitalisten auf dem freien Markt, im „reinen“ Kapitalismus, sondern durch Kriegslieferungen einstreichen. Das ist in der Tat ein Gebiet, wo die Arbeiterkontrolle notwendig und möglich ist. Das ist eine Maßnahme, die Sie, wenn Sie sich als „revolutionäre“ Demokratie bezeichnen, im Namen des Sowjets durchführen müssen und die von heute auf morgen verwirklicht werden kann.

Geben Sie die Profite bekannt und verhaften Sie die Millionäre!

Das ist nicht Sozialismus. Das bedeutet nur, dem Volke die Augen zu öffnen über die tatsächliche Anarchie und das tatsächliche Spiel mit dem Imperialismus, über das Spiel mit dem Eigentum des Volkes, mit Hunderttausenden von Menschenleben, die morgen zugrunde gehen werden, weil wir fortfahren, Griechenland die Kehle zuzuschnüren. Geben Sie die Profite der Herren Kapitalisten bekannt, verhaften Sie 50 oder 100 der reichsten Millionäre. Es genügt, sie einige Wochen in Haft zu halten – und sei es auch mit ebensolchen Vergünstigungen, wie sie Nikolaus Romanow [3] genießt –, einfach um sie so zu zwingen, ihre Verbindungen, ihre betrügerischen Machenschaften, ihre schmutzigen Geschäfte und ihre Profite aufzudecken, was auch unter der neuen Regierung unserem Lande täglich Tausende, ja Millionen kostet. Hier liegt die Hauptursache der Anarchie und Zerrüttung, und deshalb sagen wir: Bei uns ist alles beim alten geblieben, die Koalitionsregierung hat nichts geändert, sie hat nur einen Haufen Deklarationen, hochtrabende Erklärungen hinzugefügt. Wie aufrichtig man auch sein, wie aufrichtig man auch das Wohl der Werktätigen wünschen möge, an der Sache hat sich nichts geändert – dieselbe Klasse ist an der Macht geblieben. Die Politik, die man betreibt, ist keine demokratische Politik.

Quelle:
W.I.Lenin, AW (6), Bd.III, S.289-91.(Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Anmerkungen:
[1] Karl Marx, „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, K.Marx/F.Engels Ausgew.Werke in sechs Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1987, Bd.II, S.113.
[2] Siehe: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.36, S.578. oder: W.I.Lenin, „Der linke Radikalismus“, VIII. Keinerlei Kompromisse, in: W.I.Lenin, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1971, Bd.V, S.523.
[3] der ehemalige Zar Nikolai II.(1869-1918)wurde im Ural gefangengehalten.

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