Was ist Demokratie?

Im deutschen Volksmund hat „Demokratie“ meist den gleichen schönen Beigeschmack wie das Wort „Freiheit“. Und wir wollen ja alle frei sein, und das möglichst hier und für immer. Und „demokratisch“ sind wir natürlich auch: jeder darf sagen was er will. Und alle vier Jahre gehn wir wählen, damit uns unsere „Volksvertreter“ wieder mal ein paar Jährchen mehr an der Nase herumführen können. Ist das nicht so? – Ja so ist es! Und aus lauter Angst vor einer drohenden Diktatur zieht sich der deutsche Michel zitternd die Bettdecke über die Ohren und will von nun an von alledem nichts mehr wissen. Nur ja nichts verändern, nie wieder „Diktatur“, es könnte alles noch viel schlimmer kommen… Aber mal im Ernst! Was war denn so schlimm am Sozialismus? Die Arbeitslosigkeit, die Reisefreiheit, die Bananen, die Wasserwerfer, das Pfefferspray? Oder war es der grüne Pfeil, war es etwa Bautzen???
Das Kleine Politische Wörterbuch (DDR) gibt uns die folgende Antwort – zunächst erst einmal ganz allgemein:

Was ist Demokratie denn nun wirklich?

Demokratie (griech.: Volksherrschaft) ist eine Form der Machtausübung, die formell allen Bürgern gleiche Rechte zuerkennt, auf die Gestaltung des politisch-staatlichen Lebens Einfluß zu nehmen, deren Inhalt und Funktion jedoch durch den Klassencharakter des Staates (Staatstyp) und in letzter Instanz durch die Produktionsverhältnisse der jeweiligen Gesellschaft bestimmt wird.

democracy_will_come_to_youUnd nun genauer – ein Zitat von W.I. Lenin

„Die Demokratie ist eine Staatsform, eine der Spielarten des Staates. Folglich ist sie, wie jeder Staat, eine organisierte, systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen. Das ist eine Seite. Andererseits bedeutet Demokratie aber die formale Anerkennung der Gleichheit zwischen den Bürgern, des gleichen Rechts aller, die Staatsverfassung zu bestimmen und den Staat zu verwalten.“ [1]

Der Demokratiebegriff im Wandel der Zeit

Demokratie bedeutet in der antagonistischen Klassengesellschaft die Diktatur der ökonomisch und politisch herrschenden Klasse, für die allein die Demokratie real ist. Der insbesondere von den französischen Aufklärern, namentlich von J.J. Rousseau [2], in der Vorbereitungsperiode der bürgerlich-demokratischen Revolution entwickelte Demokratie-Begriff schließt den Aufruf an das Volk ein, staatsschöpferisch zu wirken, politischen Einfluß auszuüben, wobei die Klassenstruktur des Volkes unberücksichtigt blieb. Die Verabsolutierung dieser abstrakt, unter Absehung von ihrem konkreten Klasseninhalt gefaßten Prinzipien führte in der bürgerlichen Ideologie und Staatstheorie zur Auffassung von der „reinen“, klassenindifferenten Demokratie, die der Diktatur gegenübergestellt wird. Formale Kriterien (z.B. Art des Zustandekommens des Parlaments) werden überbetont, um den Klassencharakter der Demokratie zu verschleiern.

democracy„Wir wollen Demokratie!“

Cui bono? oder: Wem nützt es?

Die Frage lautet immer: Demokratie für welche Klasse? Demokratie bedeutet in der antagonistischen Klassengesellschaft [3] Demokratie für die herrschende Klasse und Diktatur gegenüber den unterdrückten Klassen. Das schließt nicht aus, daß die unterdrückten Klassen sich bestimmte demokratische Rechte und Freiheiten erkämpfen können, wie das Wahlrecht, das Recht der politischen Organisation, Presse- und Versammlungsfreiheit usw.

Wovor sollen wir uns also fürchten?

Die Diktatur des Proletariats dagegen ist „auf neue Art demokratisch (für die Proletarier und überhaupt für die Besitzlosen) und auf neue Art diktatorisch (gegen die Bourgeoisie)“ (W. I. Lenin). Der Marxismus-Leninismus unterscheidet deshalb prinzipiell zwischen bürgerlicher Demokratie und sozialistischer Demokratie. In einem anderen Sinne wird der Begriff Demokratie zur Charakterisierung der Stellung der Mitglieder in Parteien, Verbänden, Vereinen usw. verwandt. Innere Demokratie bedeutet, daß der Einfluß der Mitglieder auf die Leitung von Organisationen gesichert ist. Demokratie in diesem Sinne findet ihre klarste Ausprägung im demokratischen Zentralismus.

Quelle:
Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag (DDR), 1967, S.122f.

[1] W.I. Lenin, Staat und Revolution, In: Werke, Bd.25, S.393-507, Dietz Verlag Berlin, 1972.
[2] J.J. Rousseau (1712-1778), französ. Schriftsteller, Philosoph u. Pädagoge, Begründer einer der bedeutendsten Geschichtsphilosophien der Aufklärung; kritisierte die soziale Ungleichheit u. führte sie auf das Privateigentum zurück; vertrat eine bürgerlich-demokratische Staats- und Erziehungstheorie (Lehre vom „Gesellschaftsvertrag“). Vertreter des Deismus. (nach Meyer’s Lexikon, Lpz./DDR, 1980, S.790f.)
[3] dazu zählen wir die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalimsus und den Kapitalismus.
———————————————–

Anmerkung:
Obwohl die bürgerliche Demokratie von ihrer ökonomischen Grundlage her (d.h. des Privateigentums an Produktionsmitteln) für die Volksmassen weitgehend formal und fiktiv bleibt, schafft sie mitunter günstige Bedingungen für die Organisation und den Kampf der Arbeiterklasse und aller Werktätigen um ihre Befreiung. Das wird jedoch bei weitem nicht so genutzt, wie es erforderlich wäre, um die Ursachen der kapitalistischen Ausbeutung und Unterdrückung zu beseitigen. Die Gewerkschaften kämpfen um höhere Löhne meist nur nach dem Motto „Besser leben im Kapitalismus!“ Und die dann ausgehandelten Kompromisse können sich wahrhaftig sehen lassen!

Sozialistische Demokratie entsteht aber nur mit der Errichtung der politischen Macht der Arbeiterklasse. Sie beruht auf sozialistischen Produktionsverhältnissen. Und nur das bedeutet: reale, materiell gesicherte Rechte und Freiheiten für die Werktätigen. Nur das bedeutet (wahre) Demokratie! Die dann aber auch verteidigt werden muß! Lenin schrieb:

„Zugleich mit der gewaltigen Erweiterung des Demokratismus, der zum erstenmal ein Demokratismus für die Armen, für das Volk wird und nicht ein Demokratismus für die Reichen, bringt die Diktatur das Proletariats eine Reihe von Freiheitsbeschränkungen für die Unterdrücker, die Ausbeuter, die Kapitalisten. Diese müssen wir niederhalten, um die Menschheit von der Lohnsklaverei zu befreien, ihr Widerstand muß mit Gewalt gebrochen werden, und es ist klar, daß es dort, wo es Unterdrückung, wo es Gewalt gibt, keine Freiheit, keine Demokratie gibt.“
(W.I. Lenin, a.a.O. Bd.25, S. 475)

Advertisements

Die Kunst der politischen Führung

Der Kapitalismus beutet die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die Intelligenz und die Mittelschichten rücksichtslos aus, er plündert die Naturressourcen und unterdrückt die Völker. Diese Ausbeutung und Unterdrückung nimmt im gegenwärtigen Stadium der historischen Entwicklung tagtäglich und spürbar an Schärfe zu.

Dafür gibt es nur eine Erklärung: Es existiert ein antagonistischer Widerspruch, welcher im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse nicht lösbar ist. Es ist der Grundwiderspruch des Kapitalismus, nämlich der Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Aneigung ihrer Ergebnisse. Kurz: der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit.

Um diesen Widerspruch aufzulösen, ist es unumgänglich, die kapitalistische Ordnung gewaltsam zu beseitigen und eine neue sozialistische Ordnung zu errichten. Genau darin besteht auch die historische Mission der Arbeiterklasse. Eine führende Rolle dabei spielt die marxistisch-leninstische Partei. Im dem DDR-Schulbuch „Staatsbürgerkunde“ gibt es eine einfache Beschreibung der Kunst der poltischen Führung durch die marxistisch-leninistische Partei:

Stabü10Quelle:
Staatsbürgerkunde, Lehrbuch für die 10.Klasse, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1980, S.9.

Die Gesellschaftswissenschaft

Bekanntlich gibt es nicht nur in der Natur allgemeine, notwendige und wesentliche Zusammenhänge, welche unabhängig und außerhalb vom Bewußtsein und vom Willen des Menschen wirken. Es gibt sie auch in der Gesellschaft und im menschlichen Denken. Diese Gesetze bilden die Grundlage jeder ernstzunehmenden Wissenschaft. Ihre Richtigkeit läßt sich jederzeit in der Praxis überprüfen. Und der Mensch kann sie sich zunutze machen kann, wenn er sie erkannt hat.

Die Wissenschaft als bürgerliches Machtinstrument

Im Kapitalismus steht die Wissenschaft im Dienste der Bourgeoisie. Inzwischen gibt es eine Unmenge an bürgerlichen Theorien, die alles andere sind als wissenschaftlich. Ob es die gerade wieder mal aktuelle Steinersche „Kuschelpädagogik“ betrifft, die auf Max Weber zurückgehende „Herrschaftssoziologie“, die in Studentenseminaren gern traktierte „Hermeneutik“ oder die in Lehrerweiterbildungen verbreiteten Theorien zur sogenannten „Kompetenzentwicklung“. Sie alle sind zumeist nichts anderes als blanke Spekulation, die darauf abzielt, die vorhandene Ratlosigkeit, Unwissenheit und Verwirrung nur noch zu vermehren, was ja die Unwissenden und Verwirrten umso beherrschbarer macht. Ein unerkanntes Gesetz, schrieb Lenin „macht uns zu Sklaven der ‚blinden Notwendigkeit‘. Sobald wir aber dieses Gesetz, das (wie Marx tausendmal wiederholte) unabhängig von unserem Willen und unserem Bewußtsein wirkt, erkannt haben, sind wir die Herren der Natur.“ [1]

Die Produktionsverhältnisse sind entscheidend

Aus den oft undurchschaubaren gesellschaftlichen Verhältnissen hob Karl Marx die Produktionsverhältnisse heraus, da sie die entscheidende, die bestimmende Seite des menschlichen Zusammenlebens darstellen. Er zeigte damit zugleich, daß auch die Entwicklung der Gesellschaft ein objektiver, gesetzmäßiger Prozeß ist, den man wissenschaftlich erfassen kann. Und so ist eben auch alle bisherige (nicht-marxistische) Philosophie außerstande, den geschichtlichen Prozeß zu begreifen, zu erklären, welche Veränderungen notwendig sind, da sie die gesetzmäßigen Zusammenhänge nicht versteht. Erst der dialektische und historische Materialismus brachte eine Veränderung im philosphischen Denken hervor.

Die Verwirrung der Begriffe

Im Vorwort zum Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie wiesen die Verfasser darauf hin, daß die scharfe und prinzipielle Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher und sozialistischer Ideologie keineswegs nur den allgemeinen weltanschaulichen Standpunkt der Soziologen berührt, sondern auch die Grundlagen der soziologischen Forschung durchdringt. Es zeigt sich, daß „eine Vielzahl von Begriffen und Ausdrücken, die … scheinbar neutrale allgemeinmenschliche Situationen ausdrücken, in Wirklichkeit von Anfang bis Ende vom bürgerlichen Klassenstandpunkt durchdrungen … lediglich dazu geeignet sind, das soziologische Denken und die Forschungspraxis zu desorganisieren.“ [2] Das gilt nicht nur für die Soziologie, sondern für die gesamte bürgerliche Wissenschaft, die auf diese Weise desorganisierend wirkt und im Alltagsbewußtsein der Menschen nichts als Verwirrung stiftet.

Marx-Zitat
…in der Humboldt Universität zu Berlin (DDR) – Zitat: [3]

[1] W.I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. In: Werke, Bd.14, S.187.
[2]Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Dietz Verlag Berlin, 1969, S.7.
[3] Karl Marx, Thesen über Feuerbach, In: Marx/Engels Werke, Dietz Verlag Berlin, 1969, Bd.3, Seite 5ff.

Siehe auch:
– Eine wissenschaftliche Weltanschauung
– Gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten und wissenschaftliche Voraussicht
– Karl Marx, „Feuerbachthesen“
– über Rudolf Steiners„Anthroposophie“

Fälscher…

Es stellt heute keine Schwierigkeit mehr dar, einen (gefälschten) Doktortitel zu erlangen. Handelt es sich dabei doch um ein bürgerliches Kavaliersdelikt. Ob die „Kavaliere“ nun als Ärzte, Wissenschaftler oder als Minister herumlaufen, spielt dabei so gut wie keine Rolle. Sollte also jemand noch Interesse haben an einem Doktortitel, hier ist er. Und alles das ohne geklaute „Textbausteine“ und ohne Prüfung!
Doktortitel
Aber möglicherweise ist sogar die Fax-Nummer gefälscht. Man weiß ja nie!

Es könnte also durchaus der Inhalt einer weiteren Doktorarbeit sein, sich einmal mit den verschiedensten Arten von Fälschungen zu befassen. Die letztlich bekannt gewordenen Fälschungen der Katyner Sache gehören ebenso dazu, wie die hier bereits aufgeführten Fälschungen in den deutsch-sowjetischen Beziehungen und andere. Meist sind die Hintergründe politischer Natur, und nicht selten spielt dabei das Geld eine entscheidende Rolle.

Albert NORDEN berichtet in seinem Buch „Fälscher“ über das folgende Beispiel:

Nach der Enteignung und Vertreibung der Junker und industriellen Kriegsverbrecher und mit der späteren Gründung der Deutschen Demokratischen Republik begann ein neues Kapitel des Fälscher- und Dokumentenkrieges der Imperialisten. Gemeinsam schufen amerikanische, Bonner und Westberliner Behörden zahlreiche Organisationen, deren Mission darin bestand und besteht, durch Spionage und Attentate, massenhafte Produktion gefälschter Dokumente, Handels- und Industriedirektiven, Lebensmittelkarten, Geldanweisungen usw. die DDR zu unterwühlen, ihre Wirtschaft zu stören, die Bevölkerung in Unruhe zu versetzen. Vom Westberliner Boden wühlte, großzügig durch den amerikanischen Autofabrikanten Ford unterstützt, seit 1948 die sogenannte Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, die nach Westberliner Zeugnis „eine zum größten Teil von amerikanischen Geldern und auch für einen US-Nachrichtendienst arbeitende Organisation ist“. [1]

Diese Organisation erhielt zudem eine generöse finanzielle Unterstützung aus öffentlichen Mitteln der BRD. Sie befaßte sich ab 1951 mit Massenfälschungen von Geld, Lebensmittelmarken und Dienstanweisungen der DDR. Man fabrizierte Kopfbögen und Stempel von Firmen und Ministerien und fälschte die Unterschriften leitender Funktionäre.

Eine andere Art von Fälschung ist die Gründung „kommunistischer“ Parteien und Organisationen. 1973 wurde z.B. der „Kommunistische Bund Westdeutschlands“ gegründet. Beispiele dafür gibt es aber auch in der Gegenwart. Ob es sich dabei nur um „Sektierer“ handelt (s.RotFuchs 2/2011), oder ob kleinbürgerliche Elemente zu diesen „Achtgroschenjungs“ gehören, ist schließlich unerheblich. Das Strickmuster ist in diesem Fall das gleiche: man versammelt einige glaubwürdige Personen, bietet ihnen Publikations- und Versammlungsmöglichkeiten, Seminare oder Funktionen an, verwickelt sie in heftige Grundsatzdebatten, beteiligt sich an diversen Protestkundgebungen und Streiks, Kritiker werden zm Schweigen gebracht – solange bis die Sache platzt und sich die ganze ominöse „Firma“ auflöst. Übrig bleiben einige enttäuschte und frustrierte Gutgläubige. Und falls man die Kassenverantwortlichen nicht schon vorher „aus der Schußlinie“ genommen hat, gibt es anschließend noch „langwierige Verhandlungen“ über die Verwertung des angesammelten Millionenvermögens.
Beweise
Am Ende kommt alles ans Licht. Hatte sich der amerikanische Außenminister J.F. Dulles auf der historischen Außenministerkonferenz 1951 noch gerühmt, er sei angeblich von Tausenden von Briefen aus der DDR überschüttet worden, die sich erbittert gegen die SED und die Regierung der DDR ausgesprochen hätten, so flog der Schwindel anderthalb Jahre später auf, als einer der Akteure dieser „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU) aussagte, daß das gesamte Personal samt Familienanhang Tausende dieser Briefe selbst verfaßt und in der DDR in die Briefkästen eingeworfen hatte. Jeder „Autor“ hatte dafür ein „bescheidenes, aber doch ermunterndes Honorar“ erhalten.[2] Die Hauptverantwortlichen der KgU, die sich darüberhinaus noch weiterer Verbrechen (wie Betriebsspionage, Fleischvergiftungen und Mordanschläge) schuldig gemacht hatten, wurden schließlich von den Sicherheitsorganen der DDR entlarvt und 1955 ihrer gerechten Strafe zugeführt.

Quelle:
Albert Norden, Fälscher, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1963, S.286-288.

Anmerkungen:
[1] Der Telegraf vom 9. Juli 1955
[2] Mitteilung R.Wagners auf der internationalen Pressekonferenz in Berlin am 20. Oktober 1955.

Siehe auch:
A.Brjagin: Die Fälscher im Russischen Staatsarchiv
E.Prudnikowa: Die Story der Fälscher

Der sowjetische Pädagoge Wassili Suchomlinski

Am 2. September 1970 verstarb der große sowjetische Pädagoge Wassili Alexandrowitsch Suchomlinski. Über 35 Jahre war er als Lehrer und Direktor an der Oberschule in Pawlysch (bei Krementschuk) tätig. Er ist Autor von 30 Büchern und über 500 Artikeln. Sein Buch „Mein Herz gehört den Kindern“ ist eines der schönsten und ausdrucksstärksten der sowjetischen Pädagogik. Suchomlinski war Kommunist. Sein Leben widmete er der Erziehung der Jugend. Dabei unterschied sich das sozialistische Volksbildungswesen ganz grundsätzlich vom reaktionären bürgerlichen Schulsystem in der BRD. Um zu verstehen, mit welcher Liebe ein sowjetischer Lehrer die Kinder zu gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten erzog, muß man die Geschichte kennen.
Suchomlinski_WassiliWassili Alexandrowitsch Suchomlinski (1918-1970)

Ein Wunsch vorab

Ich möchte, daß mein Buch auch die deutschen Pädagogen dazu veranlaßt, erneut über ihre große Verantwortung gegenüber der Zukunft nachzudenken. Ich wünsche sehr, jeder Lehrer möge begreifen, daß es in hohem Maße von ihm abhängt, was für Menschen seine Schüler werden, welche moralischen Werte für ihr Handeln bestimmend sind. Damit die deutschen Leser verstehen, weshalb ich diesen Wunsch äußere, will ich erzählen, was meine Liebe zu den Kindern und meinen Haß gegenüber dem Faschismus beflügelt.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit

Ich begann meine pädagogische Tätigkeit im Jahre 1935. 1941 beendete meine Frau, Vera Petrowna, ihr Studium am Pädagogischen Institut in Krementschug. Wir wollten in der Schule von Onufrijewka, an der ich bereits tätig war, gemeinsam arbeiten. Wir waren jung und voller Hoffnung auf die Zukunft. Der Krieg zerstörte diese Hoffnung. In den ersten Kriegstagen ging ich an die Front. Niemand konnte damals annehmen, daß die Faschisten in fünf Wochen das Ufer des Dnepr erreichen würden. Ich glaubte, daß ich in Kürze siegreich nach Hause zurückkehren würde. Als wir Abschied voneinander nahmen, träumten wir davon, einen Sohn oder eine Tochter zu haben. Aber der Kriegsbrand nahm andere Ausmaße an, als wir es uns vorgestellt hätten. Ich bekam nicht einen einzigen Brief von zu Hause.
3DSC_1860Kleiner See bei Onufrijewka

Wie die deutschen Faschisten in der Sowjetunion wüteten

Das Dorf, in dem meine Frau bei ihren Eltern wohnte, war von den Faschisten besetzt worden. Meine Frau verteilte mit zwei Freundinnen Flugblätter, die unsere Flieger abgeworfen hatten, verbarg sowjetische Soldaten, die aus der Gefangenschaft geflohen waren, versteckte Waffen und gab sie den Soldaten, die sich über den Dnepr zu den sowjetischen Truppen durchschlagen wollten. Sie wurde von der Gestapo verhaftet. Mehrere Tage wurde sie gefoltert; sie sollte die Namen der Führer der antifaschistischen Organisation verraten. Doch Vera und ihre Freundinnen schwiegen.

Es gibt kein Vergessen!

Im Folterkeller brachte Vera unseren Sohn zur Welt. Heuchlerisch versprachen die Faschisten, ihr das Leben zu schenken. Doch sie begingen ein schreckliches Verbrechen. Fünfundzwanzig Jahre brennt und blutet nun schon mein Herz, wenn ich mir vorstelle, was damals in dem faschistischen Folterkeller geschah: Unseren kleinen, erst ein paar Tage alten Sohn fesselte der faschistische Offizier an ein Tischbein. Vera banden die Folterknechte auf einem eisernen Bettgestell fest, beschimpften und verhöhnten sie. Danach band der faschistische Offizier unseren Jungen los, trug ihn zu meiner Frau und sagte: „Wenn du nicht die Führer der Organisation nennst, töten wir dein Kind.“ Sie ermordeten den Jungen. Vera stachen sie die Augen aus. Noch zwei Tage lang quälten und verhöhnten die Hitlerfaschisten die schon Halbtote. Dann hängten sie sie im Gefängnishof auf.

Die Mörder kamen davon

Das geschah gerade zu der Zeit, als ich an der Front bei Rshew schwer verwundet wurde. Ich hatte einen Brustdurchschuß und Verwundungen durch Splitter, von denen einige noch heute in einem Lungenflügel stecken. Als das Gebiet von Onufrijewka von den Faschisten befreit wurde und ich nach Hause kam, erfuhr ich von dieser entsetzlichen Tragödie. Im Prozeß gegen einen Verräter, der für die faschistische Polizei gearbeitet, den Folterungen beigewohnt und an ihnen teilgenommen hatte, hörte ich dessen Aussagen an. Er wurde später, nach dem Gerichtsurteil, vor meinen Augen aufgehängt. Doch der faschistische Offizier entzog sich der Vergeltung. In meinem Gedächtnis ist sein Name für immer eingebrannt. In meiner Tasche liegt in einem kleinen weißen Umschlag seine Photographie, sie erinnert mich in jeder Minute daran, daß es auf der Welt den Faschismus gibt. Niemals wird in meinem Bewußtsein das Bild des furchtbaren Verbrechens verblassen, das dieses Gestapo-Untier beging.

Unendlicher Schmerz…

Nach meiner Rückkehr ins Heimatdorf wollte ich sofort wieder an die Front. Ich wollte der Gestapobestie von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Ich wollte zu verstehen versuchen, wie es geschehen konnte, daß Mütter solche Untiere gebären können. Doch ich konnte nicht mehr in die Armee zurückkehren. Keine Ärztekommission stellte mir auch nur das Zeugnis „bedingt tauglich“ aus.
3DSC_1898Die Schule in Pawlysch, wo Suchomlinski unterrichtete

So ging ich wieder in die Schule zurück. Arbeiten, arbeiten und nochmals arbeiten – darin fand ich wenigstens in einem gewissen Grade Linderung für meinen Schmerz. Ganze Tage lang war ich mit den Kindern zusammen. Nachts wachte ich um 2 oder 3 Uhr auf, konnte nicht mehr einschlafen und arbeiten. Ich wartete voller Ungeduld auf den Morgen, wenn die hellen Kinderstimmen erklingen würden. Und auch jetzt warte ich jeden Morgen auf die Kinder. (…)

In der sozialistischen DDR

Ich war mehrmals in der DDR. (…) Ich leugne nicht, es war schwer für mich. Aber nachdem ich einige Wochen in der DDR verbracht, das Leben einfacher Werktätiger gesehen und mit Herz und Verstand deutsche Kinder kennengelernt hatte, atmete ich erleichtert auf. Die DDR ist eine neue Welt, eine Welt des Sozialismus, eine Welt der unversöhnlichen Feindschaft gegenüber dem Faschismus in allen seinen Erscheinungsformen. Ich bin froh, in der DDR viele Freunde – Pädagogen, Wissenschaftler und Kinder – zu haben. (…)
Humanismus
Liebe deutsche Freunde und Berufskollegen, wenn wir unsere Kinder zur Menschlichkeit erziehen, ihr Mitgefühl für den anderen Menschen und ihre Achtung vor der Menschenwürde wecken und entwickeln, dürfen wir nicht eine Minute lang vergessen, daß auch die faschistischen Mörder, daß auch diese Untiere, die seinerzeit verkündeten, sie seien Übermenschen, einmal Kinder waren, sich der Sonne erfreuten und später ihren Müttern und Bräuten herzliche Briefe schrieben.

Auch der sadistische Mörder, der das Kinderköpfchen an der Wand zerschmetterte, strich sicher manchmal seinem Sohn und seiner Tochter liebkosend über das Haar. Die Photographie, von der ich mich niemals trenne, zeigt ihn mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern.

Ich möchte gern erreichen, daß du, lieber deutscher Freund und Kollege, über den Inhalt der Seiten meines Buches nachdenkst, das ich der Erziehung meiner Schüler zu edler menschlicher Gesinnung gewidmet habe. Ich sage dir diese Worte voller innerster Aufrichtigkeit als dein Freund, der dir, deinen Kindern und Enkeln von Herzen alles Gute wünscht, als ein Freund, der, wenn es erforderlich sein sollte, die sozialistischen Errungenschaften der deutschen Arbeiterklasse Seite an Seite mit dir verteidigen wird wie sein eigenes Haus. Denn wir leben für eine gemeinsame Sache, für den Sozialismus, den Kommunismus, für den proletarischen Internationalismus.
Suchomlinski mi Kindern„Wir lesen ein interessantes Buch“ – Der Lehrer W.Suchomlinski mit Kindern

N.K. Krupskaja berichtet in ihren Erinnerungen, daß Lenin denjenigen für einen wahrhaften Menschen hielt, der die Menschen liebt. Was bedeutet es in unserer komplizierten, schweren Zeit, die Menschen zu lieben?

Wir Pädagogen müssen jeden unserer Zöglinge für das hohe moralische Ideal begeistern: Ein wahrhafter Mensch ist, wer für das Glück der Menschen kämpft, wer weder seine Kräfte noch, wenn es nötig ist, sein Leben schont, um Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, soziale Ungerechtigkeit und Willkür für immer von unserem Planeten zu verbannen.

Quelle:
Wassili Suchomlinski, Mein Herz gehört den Kindern, Aufzeichnungen eines Erziehers, Verlag Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin (DDR), 1986.

Suchomlinski

Siehe auch:
Lunatscharski: Im Kampf gegen die Unbildung
Bildung im russischen Kapitalismus
Margot Honecker – Und der Zukunft zugewandt…
Die Volksbildung in der DDR
Welches ist das beste Bildungssystem der Welt?

Lenin – Womit beginnen?

In der DDR erschien 1984 das nachstehende kleine Büchlein. Es enthält Lenins Hinweise, wie man eine Partei neuen Typs aufbauen und die Massen für den antiimperialistischen Kampf gewinnen kann:
wastunwastunr

Lenin schreibt (1902): „Um Sozialdemokrat zu werden, muß der Arbeiter eine klare Vorstellung haben von dem ökonomischen Wesen und dem sozialen und politischen Gesicht des Gutsbesitzers und des Pfaffen, des hohen Beamten und des Bauern, des Studenten und des Lumpenproletariers, muß er ihre starken und schwachen Seiten kennen, muß er sich in den landläufigen Phrasen und all den Sophistereien auskennen, mit denen jede Klasse und jede Schicht ihre egoistischen Neigungen und ihr wahres »Innere« verhüllt, muß er sich darin auskennen, welche Institutionen und welche Gesetze diese oder jene Interessen zum Ausdruck bringen und in welcher Weise sie es tun.

Diese »klare Vorstellung« aber kann aus keinem Buche gewonnen werden; sie kann uns nur durch lebendige Bilder aus dem Leben und durch Enthüllungen gegeben werden, die auf frischer Spur alles fixieren, was im gegebenen Moment um uns herum vor sich geht, wovon jedermann auf seine Art spricht oder wenigstens flüstert, was in bestimmten Ereignissen, in bestimmten Zahlen, in bestimmten Gerichtsurteilen usw. usw. seinen Ausdruck findet. Diese allseitigen politischen Enthüllungen sind die notwendige und die wichtigste Vorbedingung für die Erziehung der Massen zur revolutionären Aktivität. (…)

Wir haben noch sehr wenig, fast nichts getan, um schnell allseitige Enthüllungen unter die Arbeitermassen zu bringen.“

(S.100f.) oder: Lenin, Was tun?, Werke, Bd.5, S.355-551.
Aktuell, wie nie zuvor in den letzten 20 Jahren!

Siehe auch:
A.Grigorenko: Über Lenins Schrift „Was tun?“

Was ist denn Glück?

Über wirkliches Glück ist viel philosophiert worden. Die französische Schriftstellerin George Sand (1804-1876) schrieb:

„Der wäre von allen Menschen am glücklichsten zu preisen, der, indem ihm die Schönheit seiner Arbeit aufgeht und er mit seinen Händen wirkt, sein Wohlbefinden und seine Freiheit aus der Nutzung seiner Verstandeskräfte schöpfte und noch dazu mit Herz und Verstand zugleich zu leben … wüßte.“ [1]
GeorgeSandUnd mit Stendhal müßte man hinzufügen: „Aber ohne Arbeit gibt es kein Glück.“ [2]
Eine echte Verwirklichung dieser Vorstellungen finden wir in dem 1962 erschienenen Buch „Das russische Wunder“ von Annelie und Andrew Thorndike:

In diesem Prozeß des Verschmelzens von persönlichem und gesellschaftlichem Leben wandelt sich auch die Vorstellung vom Glück. – Was ist denn Glück?

Seit Jahrtausenden beschäftigt die Menschheit diese Frage, und in jeder Gesellschaftsformation haben die Menschen dem Begriff »Glück« einen anderen Inhalt gegeben. So verbindet sich beispielsweise für den Arbeiter, der in einem Lande des Kapitalismus lebt, die Vorstellung vom Glück gewöhnlich und in erster Linie mit der materiellen Sicherstellung, mit einem harmonischen Familienleben; das Glück ist für ihn also nahezu ausschließlich mit der privaten Sphäre des Lebens verknüpft.

Für die Menschen im Sowjetlande gehört zu einem glücklichen, lebenswerten Leben außer dem Glück in der privaten Sphäre noch manches andere. Das zeigt das Beispiel des Diplomingenieurs Akulinzew. Das zeigen viele Erlebnisse mit Menschen, von denen in unserem Buch berichtet wird. Einige von ihnen sehen wir auf diesen beiden Seiten noch einmal. Die bewußte und aktive Teilnahme am Leben der Gesellschaft ist in ihre Vorstellung vom glücklichen Leben mit einbezogen.

AkulinzewDer sowjetische Arbeiter Jewgeni Akulinzew

Ohne diesen Wandel in der Vorstellung von dem, was das Leben glücklich und lebenswert macht – ein Vorgang, der in letzter Konsequenz auf dem Entstehen sozialistischer Verhältnisse, auf der Beseitigung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht –, ist der Aufbau eines kommunistischen Lebens gar nicht möglich:

»Die allseitige Entfaltung und Vervollkommnung der sozialistischen Demokratie, die aktive Beteiligung aller Bürger an der Staatsverwaltung und an der Leitung des Wirtschafts- und Kulturaufbaus, die Verbesserung der Arbeit des Staatsapparats und die Verstärkung der Volkskontrolle über seine Tätigkeit bilden die Hauptrichtung, in der sich das sozialistische Staatswesen während des Aufbaues des Kommunismus entwickelt« (Programm der KPdSU).

Eine solche Entwicklung des Staatswesens ist nur dort möglich, wo sich die Mehrheit der Bevölkerung mit Bereitwilligkeit gesellschaftlich betätigt und in dieser Betätigung eine Bereicherung des persönlichen Lebens erblickt. Dieser Prozeß der Annäherung des persönlichen und des gesellschaftlichen Lebens ist in der Sowjetunion in vollem Gange.[3]

ArbeiterabendschuleArbeiterabendschule Nr.1 in Magnitogorsk

Kommentar: Das war einmal. Der Entwicklungsweg des ungelernten Arbeiters Akulinzew war typisch für die damalige Sowjetunion. Doch dann begann mit dem XX.Parteitag der KPdSU in der Sowjetunion eine folgenreiche ENTARTUNG. Mit Chrustschow war erstmals ein Antikommunist an die Spitze der Sowjetmacht gelangt…

Vielleicht ist es an dieser Stelle mal erwähnenswert, daß die in der BRD so medienwirksam gewürdigte „Ehrenamtlichkeit“ eine besonders perfide Form der Ausbeutung ist: man bedient sich der Hilfsbereitschaft einer großen Anzahl von Menschen, die ansonsten „nicht mehr gebraucht“ werden, nutzt deren Solidaritätsgefühl schamlos aus, und läßt sie Arbeiten verrichten, die nach den Regeln des „Leistungsprinzips“ eigentlich bezahlt werden müßten. Den meisten ist das selbst nicht mal bewußt. Sie sagen: „Och, ich mach das doch gern. Da habe ich wenigsten noch eine Aufgabe“ (!)… So wird sogar die Sehnsucht der Menschen nach Glück noch ausgebeutet!

Quellen:
[1] George Sand: Das Teufelsmoor. Eine kleine Fadette, Leipzig 1961, S.13.
[2] Stendhal: Über die Liebe, Leipzig, 1970, S.229.
[3] A. und A. Thorndike, Das russische Wunder, Verlag Kultur und Fortschritt, DDR, 1962, S.310.

Siehe auch:
Die totale Verwirrung – Oder: Was ist Glück?

Friedrich Engels über unsere heutige Zivilisation

Zwischen dem äußeren Erscheinungsbild und den tatsächlichen, inneren, wesentlichen Zuständen in unserer Gesellschaft könnte der Gegensatz kaum größer sein. Wir sehen grandiose Bauwerke, faszinierende wissenschaftliche und künstlerische Erfolge, auf der anderen Seite jedoch drückende Armut, Verwahrlosung und eine sich nahezu unaufhaltsam ausbreitende Kriminalität. Es scheint daher angebracht, daran zu erinnern, in welcher Gesellschaftsordnung wir uns heute befinden. In seiner 1892 erschienenen Schrift „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ äußert sich Friedrich Engels zu den Grundzügen unserer Zivilisation, wie sie auch heute wieder gegeben sind:

Was treibt den Kapitalismus voran?

Die platte Habgier war die treibende Seele der Zivilisation von ihrem ersten Tag bis heute, Reichtum und abermals Reichtum und zum drittenmal Reichtum, Reichtum nicht der Gesellschaft, sondern dieses einzelnen lumpigen Individuums, ihr einzig entscheidendes Ziel. Wenn ihr [der Zivilisation – N.G.] dabei die steigende Entwicklung der Wissenschaft und zu wiederholten Perioden die höchste Blüte der Kunst in den Schoß gefallen ist, so doch nur, weil ohne diese die volle Reichtumserrungenschaft unsrer Zeit nicht möglich gewesen wäre.

EngelsDie Klassengegensätze verschärfen sich

Da die Grundlage der Zivilisation die Ausbeutung einer Klasse durch eine andre Klasse ist, so bewegt sich ihre ganze Entwicklung in einem fortdauernden Widerspruch. Jeder Fortschritt der Produktion ist gleichzeitig ein Rückschritt in der Lage der unterdrückten Klasse, d.h. der großen Mehrzahl. Jede Wohltat für die einen ist notwendig ein Übel für die andern, jede neue Befreiung der einen Klasse eine neue Unterdrückung für eine andre Klasse. Den schlagendsten Beweis dafür liefert die Einführung der |172| Maschinerie, deren Wirkungen heute weltbekannt sind. Und wenn bei den Barbaren der Unterschied von Rechten und Pflichten, wie wir sahen, noch kaum gemacht werden konnte, so macht die Zivilisation den Unterschied und Gegensatz beider auch dem Blödsinnigsten klar, indem sie einer Klasse so ziemlich alle Rechte zuweist, der andern dagegen so ziemlich alle Pflichten. Das soll aber nicht sein. Was für die herrschende Klasse gut ist, soll gut sein für die ganze Gesellschaft, mit der die herrschende Klasse sich identifiziert.

Die Beschönigung der gesellschaftlichen Zustände durch die Massenmedien

Je weiter also die Zivilisation fortschreitet, je mehr ist sie genötigt, die von ihr mit Notwendigkeit geschaffnen Übelstände mit dem Mantel der Liebe zu bedecken, sie zu beschönigen oder wegzuleugnen, kurz eine konventionelle Heuchelei einzuführen, die weder früheren Gesellschaftsformen noch selbst den ersten Stufen der Zivilisation bekannt war und die zuletzt in der Behauptung gipfelt: Die Ausbeutung der unterdrückten Klasse werde betrieben von der ausbeutenden Klasse einzig und allein im Interesse der ausgebeuteten Klasse selbst; und wenn diese das nicht einsehe, sondern sogar rebellisch werde, so sei das der schnödeste Undank gegen die Wohltäter, die Ausbeuter.(5)

Quelle:
Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd.VI, S.195f. (die Seitenangaben im Text beziehen sich auf Marx/Engels Werke, Berlin/DDR, 1962, Bd.21)

Warenproduktion — ein notwendiges Übel?

Der Kapitalismus als Wirtschaftsform hat ausgedient. Das ist nicht zu bestreiten. In Anbetracht der rasant wachsenden sozialen Probleme, sprechen bürgerliche Professoren nun von einem „bedingungslosen Grundeinkommen“, von „negativer Steuer“ und von „sozialer Marktwirtschaft“. Ein Witz? Man hätte, so behaupten einige linke Sektierer, in der DDR die „Marktwirtschaft“ nur zulassen müssen, um den Sozialismus „effektiver“ zu gestalten. Diese Auffassung richtet sich jedoch in erster Linie gegen die Arbeiterklasse. Denn bekanntlich unterliegt im Kapitalismus der Markt der Verwertung des Kapitals und ist mit einer zusätzlichen Ausbeutung der Werktätigen in der Zirkulationssphäre verbunden. Revisionisten hingegen sprechen von Fehlern…

Es herrscht also — wie man sieht — eine weit verbreitete Verwirrung darüber, ob und warum es im Sozialismus noch eine Ware-Geld-Beziehung geben muß, welche Rolle der „Markt“ spielt und warum die Planung der Wirtschaft unter kapitalistischen Bedingungen nahezu unmöglich ist. Ist nun die Warenproduktion nur ein notwendiges Übel, so eine Art Übergangserscheinung?

Lenin erkannte, daß man nicht zum Kommunismus gelangen kann, wenn man die Ausnutzung der Ware-Geld-Beziehungen und die Anwendung kommerzieller Methoden ablehnt. »Nicht auf Grund des Enthusiasmus unmittelbar, sondern mit Hilfe des aus der großen Revolution geborenen Enthusiasmus, auf Grund des persönlichen Interesses, der persönlichen Interessiertheit, der wirtschaftlichen Rechnungsführung bemüht euch, zuerst feste Stege zu bauen…; sonst werdet ihr nicht zum Kommunismus gelangen, sonst werdet ihr die Millionen und aber Millionen Menschen nicht zum Kommunismus führen.« (Lenin, Werke, Bd. 33, S. 38.)
0_5b5f_d16b1fbd_XLWas versteht man unter Warenproduktion?

Warenproduktion ist die Herstellung von Gebrauchswerten, die für den durch Kauf und Verkauf charakterisierten Austausch bestimmt sind. Die Entstehung der Warenproduktion ist historisch mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Herausbildung des Privateigentums an Produktionsmitteln verbunden. Sie existiert in verschiedenen Gesellschaftsformationen, so in der Sklavenhalterordnung, im Feudalismus, im Kapitalismus und im Sozialismus. Der Charakter der Warenproduktion wird von der in diesen Produktionsweisen jeweils herrschenden Form des Eigentums bestimmt.

Die einfache Warenproduktion

In den vorkapitalistischen Produktionsweisen dominiert die einfachste, unentwickeltste Form der Warenproduktion, die einfache Warenproduktion. Die Entwicklung der einfachen Warenproduktion ist eine der historischen Grundlagen für die Entstehung des Kapitalismus. Eine Minderheit einfacher Warenproduzenten entwickelte sich zu Kapitalisten, die Mehrheit wurde ruiniert, wurde zu Proletariern. Dennoch verschwindet die einfache Warenproduktion auch im Kapitalismus nicht völlig. Die kleinen Warenproduzenten sind natürliche Verbündete der Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus.

Die kapitalistische Warenproduktion

Im Kapitalismus ist die Warenproduktion die allgemeine und vorherrschende Form. Die kapitalistische Warenproduktion beruht auf dem privatkapitalistischen Eigentum an den Produktionsmitteln und auf der Ausbeutung der Lohnarbeiter durch die Kapitalisten. In der kapitalistischen Warenproduktion nehmen praktisch alle Arbeitsprodukte Warenform an; auch die Arbeitskraft wird zur Ware. Dies führt zu einem immer schärferen Hervortreten der in der privaten Warenproduktion existierenden Widersprüche.

Der Widerspruch der auf Privateigentum an Produktionsmitteln beruhenden Warenproduktion besteht darin, daß die Arbeit der Warenproduzenten als private Arbeit geleistet wird, zugleich aber gesellschaftlichen Charakter besitzt. Dieser Charakter tritt im Austausch gegen andere Waren hervor. Erst auf dem Markt erweist sich, ob die private Arbeit des Warenproduzenten für die Gesellschaft notwendig war und gesellschaftliche Anerkennung erfährt.

Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit

Während die einfache Warenproduktion zur Befriedigung der individuellen Bedürfnisse der Warenproduzenten erfolgt, dient die kapitalistische Warenproduktion allein der Schaffung von Mehrwert (Profit) und seiner Aneignung durch die Kapitalisten. Damit entwickeln sich alle der kapitalistischen Warenproduktion eigenen Widersprüche, wie der Widerspruch zwischen Kapital (Kapitalistenklasse) und Arbeit (Arbeiterklasse). Der Widerspruch zwischen der privaten und der gesellschaftlichen Arbeit tritt in der kapitalistischen Warenproduktion als Widerspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion und der privatkapitalistischen Form der Aneignung auf, der den Grundwiderspruch des Kapitalismus bildet.

Die sozialistische Warenproduktion

Die sozialistische Warenproduktion ist ein selbständiger historischer Typ der Warenproduktion, in der die sozialistischen Ware-Geld-Beziehungen und die Wertkategorien für die Entwicklung der nationalen Wirtschaft genutzt werden. Sie unterscheidet sich grundlegend sowohl von der einfachen als auch von der kapitalistischen Warenproduktion. Sie beruht auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln. Der antagonistische Widerspruch zwischen privater und gesellschaftlicher Arbeit ist aufgehoben, die Arbeitskraft hat aufgehört, eine Ware zu sein.

Die Arbeit im Sozialismus kann von vornherein planmäßig entsprechend dem Bedarf als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit verausgabt werden. Dadurch können weder der Markt noch das Wertgesetz eine spontan regulierende Rolle spielen; sie werden bewußt im Einklang mit anderen ökonomischen Gesetzen des Sozialismus ausgenutzt. Die Entwicklung der Warenproduktion kann weder zur Entstehung kapitalistischer Verhältnisse noch zu Wirtschaftskrisen führen, wenn die ökonomischen Gesetze des Sozialismus beachtet und eingehalten werden. Produktion und Austausch der Waren erfolgen im Rahmen einer regulierend wirksamen gesellschaftlichen Planung und Organisation der Volkswirtschaft und sind der Befriedigung der Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft untergeordnet.

Die Ware-Geld-Beziehung im Sozialismus

Die gesellschaftliche Planung und Organisation der Volkswirtschaft und die konsequente Entfaltung der sozialistischen Warenwirtschaft bilden eine organische Einheit, wobei der Plan die bestimmende Grundlage der Warenproduktion ist. Im ökonomischen System des Sozialismus spielt die Warenproduktion (und damit der Markt) eine bedeutende Rolle; die volkswirtschaftlichen Aufgabenstellungen werden sowohl durch die Einhaltung der staatlichen Aufgabenstellung des Volkswirtschaftsplans wie auch durch die Ausnutzung der Ware-Geld-Beziehungen und des Markts verwirklicht.[1]

Auf einem Blatt eines Abreißkalenders der DDR
war das folgende Leninzitat zu lesen:

KalenderblattDas spontane Wirken des Wertgesetzes im Kapitalismus

Das ökonomische Gesetz der Warenproduktion ist das Wertgesetz. Es besagt, daß sich die Waren entsprechend der zu ihrer Produktion notwendigen Menge gesellschaftlicher Arbeit, also entsprechend ihren Wertgrößen, austauschen (Marx, MEW, Bd.23, S.54; Bd.25, S.648). Das gilt für die einfache Warenproduktion in unmittelbarer Form.

Im Kapitalismus erfährt das Wertgesetz eine Modifikation durch die Herausbildung des Produktionspreises. In der auf dem Privateigentum beruhenden Warenwirtschaft reguliert das Wertgesetz die Verteilung der Produktionsmittel und der Arbeit auf die Volkswirtschaftszweige spontan. Es setzt sich im Konkurrenzkampf über den Mechanismus der Abweichung der Marktpreise vom Wert durch. Das Wertgesetz bahnt sich den Weg über die zufälligen und ständig schwankenden Austauschverhältnisse der Produkte der privaten Arbeit nur gewaltsam als regulierendes Naturgesetz (Marx, MEW, Bd.23, S.89). Die spontanen Schwankungen der Preise um den Wert zwingen die Kapitalisten, die Produktion dieser oder jener Waren zu erweitern oder einzuschränken, sich jenen Zweigen zuzuwenden, in denen die Warenpreise unter dem Einfluß der wachsenden Nachfrage höher als der Wert sind, und jene Zweige zu verlassen, in denen die Warenpreise infolge des Absinkens der Nachfrage unter dem Wert liegen.
arbeiter
Im Ergebnis der isolierten Handlungen der privaten Warenproduzenten setzt sich der Fortschritt in der Technik durch, entwickeln sich die Produktivkräfte. Das spontane Wirken des Wertgesetzes führt zur Verschwendung gesellschaftlicher Arbeit, zum Brachliegen und sogar zur Vernichtung von Produktivkräften.[2]

Wann wird nun die Warenproduktion überflüssig?

Erst mit der Vollendung der materiell-technischen Basis des Kommunismus und durch die Verwandlung der Arbeit in das erste Lebensbedürfnis der Menschen werden wesentliche Ursachen der Warenproduktion überwunden. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse im Sozialismus erfordert, wie Lenin betonte, eine strenge Rechnungslegung und Kontrolle über Verausgabung von Arbeit, über das Maß der Produktion und das Maß der Konsumtion und eine unmittelbare materielle Interessiertheit der Produzenten an höchster Effektivität der gesellschaftlichen Arbeit (Lenin, Werke, Bd.26, S.408). Aus all diesen Gründen werden im Sozialismus die Erzeugnisse und materiellen Leistungen als Waren produziert.[3]

Quelle:
[1] Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin, 1967, S.710f.
[2] Wörterbuch der Ökonomie des Sozialismus, ebd., 1984, S.989f.
[3] a.a.O., S.976.
(Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Hier ein Beitrag von Nadja NORDEN:
http://politiekencultuur.blogspot.com/2011/02/lehrbuch-der-politischen-okonomie-1954.html

Erfahrungen an der DDR-Grenze

Mikro schrieb: „Wer gedenkt der Toten der anderen Grenze?“
Die Situation war die, daß in der DDR das Privateigentum an Produktionsmitteln in Volkseigentum überführt wurde, d.h. die Fabrikbesitzer, die Konzernherren und die Großgrundbesitzer, insbesondere aber die Nazi- und Kriegsverbecher waren enteignet worden. Im Jahre 1974 erschien in der DDR das Buch „Seid euch bewußt der Macht“, in dem auch der am 14. Juli 2010 verstorbene DDR-Schriftsteller Günter Görlich seine Grenzerfahrungen aufschrieb. Er berichtete u.a. auch darüber, wie er als junger Volkspolizist tatenlos zusehen mußte, wie ein schwerer Lastzug aus Meerane sich auf einer ziemlich verlassenen Straße der Staatsgrenze der DDR näherte und, als er die Polizisten bemerkte, Gas gab und die Grenze passierte. Kurz zuvor war bekannt geworden, daß es großangelegte Textil- und Maschinenschiebungen aus Sachsen nach Westdeutschland gegeben hatte. „Wir standen am Schlagbaum und zogen ihn wieder nach unten. Der Lastzug verschwand in der Ferne. Wieder hatte man uns bestohlen, wieder unsere Wirtschaft geschädigt. Wir standen da, ausgepumpt, niedergeschlagen, voll Haß. Wir hatten ja den Überblick, wir wußten, das war nicht die einzige Aktion, die wir erlebt hatten. Der Tag war für mich eine Lektion im konkreten Klassenkampf.“
Arbeitermacht
Hier ein Ausschnitt aus einer Grenzer-Geschichte aus der DDR von Günter Görlich:

Wir hatten einen Buntmetalldieb verhaftet. In seinem Rucksack Bleikabel, Starkstromkabel. Er gab an, er hätte sie auf einem verlassenen Betriebsgelände gefunden. Er brauchte Geld, Vater im Krieg geblieben, Mutter und noch ein paar Kinder müßten ernährt werden. Ein junger Kerl, offenes Gesicht, blaue, unschuldige Augen. Er saß in der Zelle, während die Nachforschungen liefen. Bleikabel. Überall wurden sie abmontiert. Die Westberliner Schrotthändler zahlten Überpreise für Buntmetall. Sie wußten warum.

Ich saß in der Revierstube. Da hörten wir draußen Geschrei. Es war einer geflüchtet. Unser Revier lag nicht weit vom Teltow-Kanal entfernt.
Der Kerl war entkommen, war durch den Kanal geschwommen, war drüben. Bald stellte es sich heraus, daß er die Kabel nicht gefunden, sondern gestohlen hatte. In einem Betrieb, in dem er arbeitete, war durch ihn eine wichtige Abteilung stillgelegt worden. Und er hatte weder eine arme Mutter noch hungrige Geschwister.
Aber unschuldige, blaue Augen hatte er.
Wir sprachen oft über diesen Fall.

Der mit den blauen Augen war unser Feind. Wir hätten besser aufpassen müssen. Jedes Zögern kostete unsere Substanz, zehrte an unseren Kräften, ermunterte andere Feinde. Das waren konkrete Lehren im konkreten Klassenkampf zu Beginn der fünfziger Jahre.

Damals kannte ich das Lied von Brecht noch nicht, das Lied vom Klassenfeind, dessen Schlußstrophe lautet:

Da mag dein Anstreicher streichen
Den Riß streicht er uns nicht zu!
Einer bleibt und einer muß weichen
Entweder ich oder du.
Und was immer ich auch noch lerne
Das bleibt das Einmaleins:
Nichts habe ich jemals gemeinsam
mit der Sache des Klassenfeinds.

Das Wort wird nicht gefunden
Das uns beide jemals vereint:
Der Regen fließt von oben nach unten.
Und du bist mein Klassenfeind.

Aber da steht ein junger Grenzsoldat heute. Und von seinem Postenturm schaut er auf das friedliche Leben jenseits der Grenze.
Dort fahren Autos, Mädchen spazieren, Kinder spielen.
Wo ist da der Klassenfeind?
Ich habe einen guten Film gesehen über die Widerstandsgruppe »Rote Kapelle«. Besonders eine Seite berührte mich stark: Das Leben in der furchtbaren Zeit des Faschismus in Deutschland; auch während des Krieges wurde gezeigt, wie es war. Da wurde getanzt, geliebt, gehofft, gearbeitet. Es war ein buntes, äußerlich nicht gerade unangenehmes Leben. Und dann zogen die harmlosen Leute, die friedlichen Deutschen nach dem Osten. Und sie drangen vor bis an die Wolga.

Und ein Grund, daß sie so weit vordringen konnten, war, daß die Arbeiter und Bauern der Roten Armee nicht glauben wollten, daß deutsche Arbeiter und Bauern sich so mißbrauchen lassen konnten und gegen das Land des Sozialismus antreten würden.
Aber sie waren angetreten, sie griffen an. Sie waren getäuscht, geblendet, gezwungen. Aber sie traten an.
Nun steht der Posten auf seinem Turm und kann nicht dauernd daran denken. Aber vergessen darf er es auch nicht…

Quelle:
Seid euch bewußt der Macht, Herausgegeben von Elli Schmidt,
Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1974.

Siehe auch:
13. August 1961 – Sicherung der DDR-Staatsgrenze
Der Feind ist zynisch und schlau