Eine entfremdete Wirklichkeit…

Die durch das Reaktorunglück in Fukushima veränderten Lebensbedingungen vieler Menschen in Japan führen möglicherweise auch zu einer veränderten Einstellung gegenüber der japanischen kapitalistischen Gesellschaft und gegenüber den durch sie erzeugten letztlich unbeherrschbaren physikalischen Vorgängen der Kerntechnologie.
In seiner Abhandlung über „Die Lebensweise der Menschen und ihre Dialektik“ schreibt der japanische Philosoph Shigeru Iwasa:

Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich die Art und Weise, wie die Japaner leben, grundlegend verändert. Der Aufschwung der Wirtschaft vor allem in den sechziger Jahren hat den Lebensstandard erhöht, die Bedürfnisse vervielfacht, die Freizeit und die Betätigungen in der Freizeit erweitert und den Konsum mannigfaltiger gestaltet. Diese Veränderungen beruhen auf der Entwicklung von Wissenschaft, Technik und der sich auf diese stützenden großen Industrie. Zugleich haben die Entwicklung der großen Industrie und der Aufschwung der Wirtschaft auf der Grundlage der kapitalistischen Produktionsweise die Entfremdung im Arbeits- und im Konsumtionsprozeß verstärkt und viele weitere komplizierte soziale Probleme hervorgebracht.

Die Jagd nach Profit bestimmt das Leben

Die Logik des Kapitals setzt sich nicht nur im Bereich der Arbeit, sondern überall im Leben durch. Auch die Konsumsphäre ist ein Markt für die Jagd nach Profit geworden. Der Drang nach profitablen Geschäften beherrscht die Massenmedien und stimuliert über diese die Bedürfnisse der Konsumenten. Eine Tendenz zum Rückzug auf das Privatleben sowie der Fortgang von Heteronomie und Gleichschaltung der Lebensweise sind zu beobachten.
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Der Wirtschaftsaufschwung produziert neue Formen der Armut und ruft soziale Probleme hervor. Rationalisierung, Umweltverschmutzung, psychische Erkrankungen, Kriminalität, Niedergang der Erziehung und Zerfall der Familie seien als Stichworte genannt. Die Umwelt wird zerstört, die Gesundheit der Menschen nimmt Schaden, auch die traditionelle Kultur und Lebensweise des Volkes wird davon betroffen. Eine rigorose Umgestaltung und Ausbeutung der Natur gefährdet das ökologische Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seinen natürlichen Lebensbedingungen.

Auswirkungen auf das Bewußtsein der Menschen

Überaus verhängnisvoll sind die Auswirkungen auf das Bewußtsein der Menschen. Ihr geistiges Leben verkümmert und, wie es scheint, steht die geistige Armut im umgekehrten Verhältnis zum materiellen Reichtum. Diese Erscheinungen sind das Resultat der entfremdeten Arbeit; können als »Entfremdung vom Leben« bezeichnet werden, Marx hat den Begriff »entfremdete Arbeit« als die Entfremdung des Menschen vom Produkt der Arbeit, von der Arbeit selbst, von seinem Gattungswesen und als Entfremdung des Menschen von dem Menschen bestimmt.[1]

Und Shigeru Iwasa zieht daraus die Schlußfolgerung, daß sich der Mensch von seiner Lebenstätigkeit und somit von sich selbst entfremdet. Die Überwindung dieser Entfremdung sei folglich eine sehr wichtige Aufgabe der Gegenwart. Er führt weiter aus:

Eine Voraussetzung für diese Überwindung besteht darin, dem Individuum bewußt zu machen, daß es sich durch Konsumtion um der Konsumtion willen nicht bestätigen und kein erfülltes Leben führen kann. Das bedeutet eine Veränderung der Wertvorstellungen. Diese Veränderung kann nur im weiteren Fortgang des Kampfes für die Beseitigung der entfremdeten Lebensbedingungen vonstatten gehen.

Wie sollten nun die Lebensbedingungen verändert werden?

In diesem Kampf werden erstens neue Beziehungen einer demokratischen Zusammengehörigkeit und Solidarität der daran beteiligten Individuen und eine neue, sich auf das Prinzip der Gemeinschaftlichkeit stützende Lebensweise geschaffen. In diesem Kampf kann auch die Entfremdung im Konsumleben überwunden werden. Zweitens wird durch diese Entwicklung den Individuen die Gelegenheit gegeben, die manipulierten Bedürfnisse einer nur dem Profitstreben der Freizeitindustrie dienenden Konsumtion zu überwinden.
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Die Umgestaltung der entfremdeten Lebensbedingungen und die Überwindung des entfremdeten Konsumlebens sind also als eine Einheit zu fassen. Und damit ist dieser Prozeß selbst nichts anderes als die Bildung des Subjekts, das die Entfremdung überwindet. In einem hochentwickelten kapitalistischen Land wie Japan ist es vor allem praktisch wichtig, das Subjekt herauszubilden, das die Entfremdung vom Leben überwindet und die Wirklichkeit verändert. Dieses Subjekt bildet sich im täglichen Leben durch Zusammenwirken und Solidarität der Individuen im schöpferischen Prozeß der Gestaltung und Entwicklung ihrer eigenen Lebensweise.

[1] Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte. In: MEW, Bd.40, S.517/518.

Quelle:
Shigeru Iwasa, Die Lebensweise der Menschen und ihre Dialektik. In: Marxistische Dialektik in Japan, Dietz Verlag, Berlin, 1987, S.153-167.

Anmerkung:
Diese Erkenntnis ist nicht neu, und daß das nicht von selbst geschieht auch nicht. Die – zugegeben – etwas verknappte Wiedergabe dieses Textes zeigt einmal mehr, daß es nicht nur darauf ankommt, die Welt zu interpretieren, sondern sie zu verändern – was freilich bei weitem nicht nur die „Freizeitindustrie“ betrifft. Und wahrscheinlich werden auch die japanischen Philosophen dereinst aus ihrem Elfenbeinturm der höheren Weisheit hervorkommen, nämlich dann, wenn die Wirklichkeit, aber auch das neu entstehende Bewußtsein der Menschen sie dazu zwingen.
(Bilder: New Orleans, eine verlassene Stadt in den USA)

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