Libyen – Die Vorgeschichte

Nur wer die Geschichte kennt, wird auch die Gegenwart verstehen. Angesichts der massiven Falschmeldungen und Lügen, die über Libyen in den letzten Monaten verbreitet wurden, erscheint es angebracht, noch einige interessante Hintergründe zur Vorgeschichte dieses rohstoffreichen Landes aufzuführen. Der Text ist nachzulesen im 1971 in der DDR erschienenen URANIA-Universum.
Karte Libyen
Die Libysche Arabische Republik umfaßt ein Territorium von fast 1,7 Millionen Quadratkilometer (ist damit also etwa fünfmal so groß wie die BRD), und hat aber nur etwa 6 Millionen Einwohner (Quelle: CIA). Gut 85% der Landesfläche besteht aus Wüste. Das Land verfügt über reiche Erdölvorkommen.

Nationalpreisträger Prof. Dr. oec. habil. Günter Barthel (* 1941), der Autor des nachstehenden Beitrags, war bis 1996 Professor an der Fakultät für Geschichte-, Kunst- und Orientwissenschaften der Universität Leipzig. Er ist ein ausgewiesener Kenner der Wirtschaftsgeschichte Nordafrikas. Er schreibt in seinem Beitrag:

Libyen geht neue Wege

Als am 1.September 1969 die Nachrichtenagenturen den Sturz der reaktionären Sanusis-Monarchie meldeten, sank das Aktienbarometer an den Börsen auf Tief. Mit ihrer revolutionären Aktion errangen die jungen Offiziere der libyschen Armee einen der bedeutendsten Erfolge der progressiven Kräfte Afrikas und des Arabischen Ostens seit dem Zusammenbruch des Kolonialsystems. Damit waren die politische Vorherrschaft und die militärische Präsenz des Imperialismus auch in diesem Lande in Frage gestellt.

Militärische Stützpunkte in Libyen

Doch die Bedingungen für die qualitativen Veränderungen reiften nicht innerhalb der Armee, sondern in der Gesellschaft heran. Den patriotischen Offizieren, die sich im wesentlichen aus den kleinbürgerlichen Zwischenschichten rekrutieren, war der antimonarchistische Massenprotest des Volkes nicht fremd. König Idris l., einst ein Symbol des Kampfes gegen die türkische und später gegen die italienische Fremdherrschaft, hatte sich nach der Proklamation der Unabhängigkeit am 24. Dezember 1951 immer tiefer in das Bündnis mit dem ausländischen Kapital verstrickt. Zuerst war es Großbritannien im Jahre 1953 gelungen, mit Libyen einen 20jährigen „Freundschafts- und Beistandspakt“ abzuschließen, der die Errichtung militärischer Stützpunkte legalisierte. Obwohl sich die Downing Street verpflichtete, jährlich 1 Mill. £ für die Entwicklung des Landes und 2,75 Mill. £ als finanzielle Hilfe für den Staatshaushalt zu überweisen, verlor der junge Staat wesentliche Attribute seiner gerade erst erworbenen Souveränität. Großbritannien erhielt durch das Abkommen militärische Stützpunkte und gleichzeitig die Möglichkeit, seinen Einfluß auf die innenpolitische Lage Libyens und der Nachbarländer auszudehnen. Ähnliche Sonderrechte sicherten sich die USA 1954 in einem auf 17 Jahre befristeten Vertrag über die Bereitstellung libyschen Territoriums für amerikanische Militärbasen.

Der „american way of life“ hinter hohen gelben Mauern

Die den britischen und amerikanischen Truppen eingeräumten Privilegien setzten die Entscheidungsbefugnis der libyschen Regierung de facto außer Kraft und entzogen die Aktivitäten der Militärs der nationalen Kontrolle. Das britische Verteidigungsministerium baute den Luftstützpunkt der Royal Air Force bei Al-Adem und die Garnison der Royal Navy in Tu-bruq für die Stationierung von 2.200 Soldaten und Offizieren aus. Das Pentagon errichtete mit Wheelus Field, nur 7 km von Tarabulus entfernt und auf einer Fläche von 1.200 Hektar gelegen, die größte amerikanische Basis außerhalb der USA, in der bis Mitte Juni 1970 mehr als 10.000 Angehörige der US-Army ihren Einsatz gegen das sozialistische Lager und gegen die nationale Befreiungsbewegung probten. Täglich steuerten die Piloten ihre Langstreckenbomber zu über 120 Übungseinsätzen auf den Zielflugplatz El-Uotia nahe der tunesischen Grenze. In Wheelus entbehrten die Soldaten und Offiziere nichts: Moderne Wohnblocks, Sportanlagen und Restaurants sowie ein Krankenhaus und ein Kino standen ihnen zur Verfügung, und der eigene Fernsehsender strahlte den „american way of life“ weit über die drei Meter hohe gelbe Mauer, die den Stützpunkt eigentlich abschirmen sollte. (…)

Der Anstrum auf das Erdöl begann

Neben das militärische Interesse trat Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre das Profitstreben, als sich nämlich die Vermutungen bestätigten, daß unter dem Wüstenboden riesige Lagerstätten an Erdöl ihrer Erschließung harren. Nachdem 1953 der gesetzliche Rahmen für die Prospektierungsarbeiten abgesteckt worden war, begannen 1954 die offiziellen Suchunternehmen der Geologen. Wenn auch die erste fündige Bohrung im Sommer 1958 ihre Wirtschaftlichkeit nicht unter Beweis stellen konnte, so ließ die erste lohnende Bohrung im Juni 1959 in der Konzession 6 der ESSO aufhorchen, und der Ansturm auf das libysche Öl wurde forciert. Ungeachtet der Tatsache, daß 1960 noch kein Öl in die Tanks der Hochseeschiffe floß, beschäftigten die Ölgesellschaften nun schon 10.900 Arbeitskräfte, darunter 7.600 Libyer.(…)

40 internationale Gesellschaften streiten sich um Erdölanteile

Die Ursachen für die rasche Ausdehnung der Erdölproduktion sind in ökonomischen und politischen Faktoren zu suchen. Entscheidend waren die Größe der Ölfelder, die Ergiebigkeit der Lagerstätten sowie die guten chemischen und physikalischen Eigenschaften des libyschen Erdöls. Unter Berufung auf die bisher bekannten Vorkommen lagerten 1969 4.609 Mrd. t Erdöl unter der Libyschen Wüste, das sind 70 Prozent der afrikanischen Vorräte. Der hohe Produktivitätspfad geht schon allein daraus hervor, daß im Jahre 1969 nur 869 Sonden arbeiteten. Demnach stand der durchschnittliche Sondenausstoß je tätige Sonde bei 172.619 t (oder 464,8 t täglich), während eine Sonde in den USA 1969 im Durchschnitt lediglich 595 t (1,6 t täglich) erbrachte.

Die amerikanische Occidental Petroleum Co. erschloß auf den Konzessionsgebieten 102 und 103 mit dem Feld Idris das reichste Ölfeld der Welt. Die Mächtigkeit der ölführenden Schicht beträgt hier 275 m, während der Mittelwert in Libyen bei 30 m liegt. (…)
Tarabulus
Das libysche Ölgeschäft ist im Gegensatz zu den anderen ölexportierenden Entwicklungsländern nicht die Domäne einer oder weniger Gesellschaften, sondern eine Vielzahl von Unternehmen beutet die Reichtümer des Landes aus. 40 Gesellschaften, die bis auf Ausnahmen nicht dem internationalen Kartell angehören, haben mit der libyschen Regierung 126 Konzessionskontrakte über Prospektierungsrechte vereinbart. 21 Ölgesellschaften schürfen, produzieren und exportieren Erdöl. Die größte Förderquote geht auf das Konto der ESSO Standard Libya Co., die sich zu 100 Prozent im Besitz der ESSO befindet und über eine Konzessionsfläche von 52.730 km2 verfügt. (…) Unabhängig von der Zahl der Gesellschaften geht die Förderung hauptsächlich auf das Konto der US-amerikanischen Erdölmonopole, auf die mehr als vier Fünftel der Produktion entfallen.

Die revolutionäre Armee beseitigt die reaktionäre Sanusis-Monarchie

Der bestimmende Grundzug in Politik und Ideologie der libyschen Führung ist ein islamisch motivierter Nationalismus mit ausgeprägt antiimperialistischer und antikolonialistischer Stoßrichtung. Deshalb richtete sich die Aufmerksamkeit des Revolutionären Kommandorates zunächst auf die Zurückdrängung der imperialistischen Positionen. Die bisher größten Erfolge auf diesem Wege waren die Auflösung der Stützpunkte, die Libyanisierung der ausländischen Banken (Banco di Roma, Barclays Bank, Arab Bank, Napoli Bank), deren Kapital vollständig in Staatsbesitz übergeführt wurde, die Festsetzung einer Höchstsumme für die monatliche Entlohnung ausländischer Experten mit 250 £L (statt bisher 400 oder 500 £L) und die Unterbindung des unkontrollierten Transfers konvertierbarer Valuten durch auswandernde Italiener bzw. durch die in Libyen tätigen ausländischen Facharbeiter und Gesellschaften. (…)

Diese antiimperialistische Politik Libyens paßte den USA und den internationalen Konzernen schon seit langem nicht mehr ins Konzept. Sie befürchteten den Verlust der Rohstoffquellen und suchten nach allen möglichen Anlässen, um den verlorengegangenen Einfluß wiederzuerlangen.

Quelle:
Urania Universum Band 17, Urania-Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1971, S.127-134.
Libyen

Siehe auch:
* US-Atomwaffenpläne gegen Libyen
* Libyen – was ist bekannt?

2 Gedanken zu “Libyen – Die Vorgeschichte

  1. In dem Krieg geht es doch wieder um Öl. Ich denke mal dass da sehr viele Söldner vom Westen bezahlt werden um einen Umsturz zu bewirken. Dieser Umsturz wird die Kassen des Westens mit Öl füllen.

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