Das heutige Israel und der Antisemitismus

Immer wieder hat der Historiker Kurt Pätzold (auch in der „jungen Welt“) auf den Zusammenhang zwischen den Verbrechen des Naziregimes und den Interessen des deutschen Monopolkapitals aufmerksam gemacht. Das Streben nach Weltherrschaft ließ die faschistischen Machthaber zu immer skrupelloseren Methoden greifen, die stets begleitet waren von irrwitzigen demagogischen „Erklärungen“, von Gesetzen und Erlassen. Der Terror und die Judenverfolgungen der Nazis führten schließlich zum größten Massenmord in der Menschheitsgeschichte. Und das Großdeutsche Reich endete im Fiasko.
Verfolgung
In der Dokumentation „Verfolgung – Vertreibung – Vernichtung“, erschienen 1983 im Reclam Verlag Leipzig (DDR), wird der barbarische Antisemitismus der Nazis auf sehr eindringliche Weise belegt. Das ist hinsichtlich des wiederauflebenden Nazi-Ungeistes in unserer Zeit von beklemmender Aktualität.

Der extreme Rassismus der Nazis

Seit ihrem ersten Auftritt in Bayerns Hauptstadt verfochten die nazifaschistischen Demagogen, allen voran Adolf Hitler, der anfänglich für die geistige Ausrichtung der Mitglieder und Sympathisanten der NSDAP zuständig war, einen extremen Rassismus. [1] Um alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Wesen und Geschichte der Menschenrassen unbekümmert, sich auch um Herkunft und Werdegang des deutschen Volkes nicht scherend, erklärten die faschistischen Ideologen die Deutschen zum Kern einer angeblich „arischen Herrenrasse“, die nur in ihrer Einbildung existierte. Diese Rasse sei dazu berufen, die Welt zu erobern und zu beherrschen, könne ihrer Bestimmung jedoch erst gerecht werden, nachdem sie die Kräfte überwunden habe, die in ihr selbst angeblich zerstörerisch wirkten. Diese Aussage sollte dem faschistischen Appell zum Kampf gegen den Marxismus und die Arbeiterbewegung eine geschichtsphilosophische Begründung geben.

Kampf gegen die „jüdische Weltrevolution“

Angeblich hätten Marx und die Marxisten die Lehre vom Klassenkampf, die ein „jüdisches Machwerk“ sei, nur zu dem Zweck ausgeklügelt, um die Völker zu schwächen, der Errichtung der „jüdischen Weltherrschaft“ vorzuarbeiten und ihr zum Siege zu verhelfen. Wie der wissenschaftliche Sozialismus als eine Irrlehre bezeichnet wurde, so wurde die Arbeiterbewegung als eine Verirrung von Teilen der jeweiligen Völker und Nationen hingestellt. Durch sie seien Millionen Deutsche angeblich ihrem eigenen Volk entfremdet und in die Reihen der Kommunisten und Sozialdemokraten, auf die Seite von Gewerkschaften und Pazifisten gelockt worden. Aus dieser geistigen und organisatorischen Umklammerung durch das „Judentum“ müßten sie befreit, durch den „Nationalsozialismus“ dem Volke und der Nation zurückgegeben werden. Dieser arbeiter- und sozialismusfeindlichen Geschichtslegende galt die Große Sozialistische Oktoberrevolution als Sieg des „jüdischen Bolschewismus“. Er habe die Völker Rußlands versklavt und sich dadurch einen Ausgangspunkt für die „jüdische Weltrevolution“ geschaffen.

Eine Rechtfertigung für imperialistische Eroberungspläne

Es liegt zutage, daß die Diffamierung des größten Ereignisses der Weltgeschichte, die übrigens auch keine Erfindung der Nazifaschisten darstellte, jeden Angriff auf die Arbeiterbewegung und den Krieg gegen die UdSSR ideologisch rechtfertigen sollte. Der faschistische Rassismus und Rassenantisemitismus war mithin den Herrschafts- und Expansionsinteressen des deutschen Imperialismus auf den Leib geschneidert. Und auf die faschistischen Rassisten trifft das Wort Tucholskys zu: „Die meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selbst aus als über ihren Gegner, den sie nicht kennen.“

Antisemitismus als Machtinstrument gegen die Arbeiterklasse

Die Analyse der Struktur und Geschichte des faschistischen Rassenantisemitismus ergibt, daß die Naziführer die Lehre von der „arischen Herrenrasse“ und dem „jüdischen Untermenschentum“ in erster Linie in den politischen Kämpfen in Deutschland einsetzten und sie gegen die fortschrittlichsten Kräfte im eigenen Lande kehrten. Die Rassendoktrin war vor allem Kampfinstrument gegen die deutsche Arbeiterklasse, und um dessen Tauglichkeit zu verbessern, wurde vor wie insbesondere nach 1933, als die faschistischen Machthaber besondere pseudowissenschaftliche Einrichtungen zum „Studium der Judenfrage“ errichteten, immer wieder versucht, die Führer der deutschen Arbeiterbewegung als „Juden“ hinzustellen, für sie wenigstens einen jüdischen Großvater oder eine jüdische Großmutter ausfindig zu machen. Doch gerieten die Faschisten nicht in Verlegenheit, wenn ihnen das nicht gelang. Diejenigen ihrer Gegner, für die jüdische Vorfahren nicht auffindbar waren, wurden ersatzweise als geistig „verjudet“ oder als „Knechte des internationalen Judentums“ ausgegeben.

Reaktionäre Traditionen

Keine der rassistischen und antisemitischen Thesen brauchten Hitler und die Seinen zu erfinden. [2] Sie konnten sich des vorgefundenen Bestandes an reaktionären Ideen bedienen. Was die Nazifaschisten einbrachten, war die konsequente Ein- und Zuordnung des Überlieferten in die Klassenauseinandersetzungen nach dem Weltkrieg. Sie erklärten das Elend von Krieg und Nachkrieg – auch hierin mit anderen reaktionären Gruppen übereinstimmend – aus dem „Verrat“ der Juden und ihrem angeblich wachsenden Einfluß auf die Politik des Kaiserreiches und des Weimarer Staates. [3] Auf diese Weise halfen Hitler und die anderen Naziführer, selbst noch weit von den Schalthebeln der Macht entfernt, nach Kräften mit, die Herrschaft des Kapitals in Deutschland über die revolutionäre Nachkriegskrise hinwegzuretten. Denn was konnte der Behauptung der Ausbeuterordnung dienlicher sein, als eine Partei, die Menschen aus den werktätigen Klassen und Schichten an falschen Fronten gruppierte, ihnen den „Rassenkampf“ als das wahre Gesetz geschichtlichen Werdens hinstellte, den Klassenkampf aber als eine Verirrung diffamierte?

Die heutige imperialistische Politik Israels

Um gängigen Mystifikationen vorzubeugen, erteilt Prof.Kurt Pätzold auch all denjenigen eine eindeutige Abfuhr, die versuchen, die heutige imperialistische Politik Israels zu rechtfertigen, indem jegliche Kritik an Israel als „Antisemitismus“ denunziert wird. Man muß auch hier die Dinge in ihrem historischen Zusammenhang betrachten. Kurt Pätzold schreibt weiter:

Die Gruppe der jüdischen Opfer imperialistischen Rassenwahns wenigstens skizzenhaft zu charakterisieren, scheint aber auch aus einem weiteren aktuellen Gesichtspunkt unerläßlich zu sein. Politiker des Zionismus und prozionistische Kräfte, von Historikern und Journalisten unterstützt, verbreiten seit längerem eine eigene Legende über die Menschen jüdischer Abkunft, die 1933 in den Grenzen Deutschlands lebten. Der Grad ihrer Assimiliertheit wird, wenn schon nicht geleugnet, so doch verkleinert. Das Ausmaß und die Tiefe ihrer sozialen, politischen und religiösen Differenziertheit und ihre daraus hervorgegangene Gruppierung an sehr unterschiedlichen, ja konträren Plätzen der geistigen und praktischen Klassen-auseinandersetzung verfallen einer Nivellierung. Floskeln wie die vom deutsch-jüdischen Zusammenleben in der Weimarer Republik erklären die Opfer des Nazifaschismus nachträglich zu Nichtdeutschen, wiederholen also – gewollt oder nicht – eine faschistische Behauptung.

All das rührt zumeist nicht aus mangelnder Kenntnis der geschichtlichen Tatsachen her, sondern aus der Absicht, Antisemitismus und Judenverfolgungen, aber auch den Kampf gegen sie, aus ihren konkreten Zeitbezügen herauszulösen. Am Ende sollen faschistische Judenverfolgungen und -massaker als der logische Weg in den Staat Israel erscheinen, für dessen heutige imperialistische Politik sollen Freunde und Sympathisanten gewonnen werden.

Die Geschichtsdeutung, welche die Austreibung und die Vernichtung jüdischer Menschen von ihren Zusammenhängen mit dem imperialistischen Kriegsplan und dem Streben nach Vor- und Weltherrschaft trennt, nützt betrügerischen Zwecken, die sich mit jenen der Nazifaschisten durchaus messen können. Das gilt insbesondere von der Formel „Der Antizionismus ist der Antisemitismus der Gegenwart“, die Parteinahme für eine Ideologie und Politik provozieren will, welche mit jener des deutschen Faschismus zumindest klassenverwandt ist. Hier ist nicht der Platz, den abstoßenden Versuch, die toten Opfer einer überwundenen Eroberungspolitik zur Rechtfertigung des zeitgenössischen antiarabischen Imperialismus zu mißbrauchen, auf seine Methoden und Mittel, seine Schliche und Tricks hin zu untersuchen.

[1] Kurt Gossweiler, Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924, Berlin 1982, S.93ff.
[2] Joachim Petzold, Die Demagogie des Hitlerfaschismus, Berlin 1982, S.25ff.
[3] Walter Mohrmann, Antisemitismus, Ideologie und Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Berlin 1972.

Quelle:
Kurt Pätzold (Hrsg.) Verfolgung – Vertreibung – Vernichtung, Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933-1942, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, 1983, S.7-28.

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Stalin: Über unmarxistische Illusionen

Mal drüber nachdenken:

Man sagt, die Kritik könne zur Diskreditierung gewisser reaktionärer Gewerkschaftsführer führen. Nun, und wenn schon? Ich sehe darin nichts Schlechtes. Für die Arbeiterklasse kann es nur ein Gewinn sein, wenn die alten Führer, die ihre Interessen verraten, diskreditiert und durch neue, der Sache der Arbeiterklasse ergebene Führer ersetzt werden. Und je schneller diese reaktionären und unzuverlässigen Führer abgesetzt und durch neue, bessere Führer, ersetzt werden, die von den reaktionären Gepflogenheiten der alten Führer frei sind – um so besser. Das bedeutet jedoch nicht, daß man etwa die Macht der reaktionären Führer mit einem Schlage brechen und sie innerhalb einer kurzen Zeitspanne isolieren, sie durch neue, revolutionäre Führer ersetzen könne.

Manche Pseudomarxisten glauben, eine „revolutionäre“ Geste genüge, ein Auftritt mit viel Geschrei genüge, um die Macht der reaktionären Führer zu brechen. Wirkliche Marxisten haben mit solchen Leuten nichts gemein und können mit ihnen nichts gemein haben.
Andere glauben, die Kommunisten brauchten nur eine richtige Linie auszuarbeiten, und die breiten Massen der Arbeiter würden den reaktionären Reformisten im Nu den Rücken kehren und sich gleichfalls im Nu um die kommunistische Partei zusammenschließen.
Das ist völlig falsch. So können nur Nichtmarxisten denken
. In Wirklichkeit ist von der richtigen Linie der Partei bis zu dem Punkt, wo sich die Massen diese Linie zu eigen machen und sie als richtig akzeptieren, noch ein weiter Weg. Damit die Partei die Millionenmassen führen könne, dazu genügt eine richtige Linie allein noch nicht – dazu gehört außerdem, daß sich die Massen an Hand ihrer eigenen Erfahrung von der Richtigkeit dieser Linie überzeugen, daß die Massen die Politik der Partei und ihre Losungen als ihre Politik und als ihre eigenen Losungen aufnehmen und beginnen, sie in die Tat umzusetzen. Nur unter dieser Bedingung kann eine Partei mit einer richtigen Politik tatsächlich zur führenden Kraft der Klasse werden.

Quelle:
J.W. Stalin, Werke Bd.8, Dietz Verlag Berlin, 1952, S.181f.

Ludo Martens ist tot (1946-2011)

Martens

In den frühen Morgenstunden des 5. Juni 2011, nach langer und anhaltender Krankheit, verstarb Ludo Martens, ehemaliger Vorsitzender der Partei der Arbeit Belgiens.

Zusammen mit Paul Gossens und Walter De Brock gehörte Ludo Martens zu den bekanntesten Studentenführern Belgiens im Mai 1968. Die fortschrittliche Bewegung an den Universitäten Belgiens führte er zur Gründung der Studierendengewerkschaft SVB, er entwickelte eine Solidaritätsbewegung mit der afroamerikanischen Gleichberechtigungsbewegung in den USA, er lehnte den engen Nationalismus ab und versuchte, die Solidaritätsbewegung zwischen Studierenden und Arbeitern zu stärken.

1979 spielte Ludo Martens die zentrale Rolle bei der Gründung der Partei der Arbeit Belgiens (PdA), die als Zusammenschluss zwischen der Studierenden- und Arbeiterbewegung in den turbulenten 70er Jahren das Licht der Welt erblickte. Martens trug dazu bei, daß das Prinzip „Den Menschen helfen!“ umgesetzt wurde, indem er Kris Merckx zur Entwicklung des Programms „Medizin für die Menschen“ anregte. Heute bieten elf Volkskliniken der „Medizin für die Menschen“ 25.000 Patienten kostenlose medizinische Betreuung an, was gewiß eine der größten Leistungen der PdA darstellt. Die PdA verfügt gegenwärtig über 4.500 Mitglieder und unterhält Organisationen in 30 Städten und 120 Betrieben.

Ludo Martens führte die PdA bis 1999. Während der letzten Dekade seines Lebens war er hauptsächlich in der Demokratischen Republik Kongo aktiv. Mit seinen Schriften über die kongolesischen Freiheitskämpfer Patrice Lumumba, Pierre Mulele und Leonie Abo wollte er die fortschrittliche Bewegung im Kongo unterstützen: Um die Geschichte zu denen zurückzubringen, die sie machten, hätte er selbst gesagt.

Heute müssen wir die Geschichte leider zu Ludo zurückbringen. Er hinterläßt zwei Kinder. Am Sonntagmorgen des 26. Juni wird in Brüssel ein einfaches Gedenken stattfinden.

[Mitteilung des Parteibüros der Partei der Arbeit Belgiens; deutsche Übersetzung: Kommunistische Initiative Österreich]

siehe: Nachruf PTB „En mémoire de Ludo Martens“ (französisch)

Im Jahre 1994 brachte der EPO-Verlag der Partei der Arbeit Belgiens Ludo Martens‘ Buch „Un autre regard sur Stalin“ heraus, das dann 1998 im gleichen Verlag in einer deutschen Übersetzung erschien unter dem Titel: „Stalin anders betrachtet“ [1].
Kurt Gossweiler schreibt in seinem Nachruf:

Ludo Martens hat damit ein Standardwerk geschaffen, das dank seiner gründlichen Darstellung des Lebens und der historischen Leistungen Stalins sowie der detaillierten Aufzählung und Widerlegung der Verleumdungen Stalins und des Lügengebirges über ihn dem bulgarischen Kommunisten und Wissenschaftler Michail Kilew zufolge eine Herkulesarbeit darstellt, hatte der doch geschrieben:

„Man braucht viele Leute vom Schlage eines Herkules und die Umleitung mehrerer Flüsse, um die Geschichte der sozialistischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus, damit also die Namen und das Werk Lenins und Stalins von den Bergen an Lügen und Verleumdungen zu reinigen… Ihre gigantische Arbeit wird den Völkern erlauben, die Erfahrungen und das revolutionäre Schöpfertum des sowjetischen Volkes kennen zu lernen und zu nutzen.“ [2]

Das ist eine treffende Würdigung der Leistung, die Ludo Martens mit diesem Buch hinterlassen hat, das noch viele Auflagen braucht, um mitzubewirken, die noch immer in den meisten kommunistischen Parteien vorherrschenden Chruschtschow-Lügen über Stalin endgültig und für immer auf den Misthaufen der Geschichte zu befördern.

[1] siehe: L.Martens, „Stalin anders betrachtet“
[2] Michail Kilew, Chruschtschow und der Zerfall der UdSSR, in: Offensiv, Zeitschrift für Sozialismus und Frieden, Heft 7/10, S.178.

herunterladen:
Ludo Martens, Stalin anders betrachtet.
Kurt Gossweiler, Gedenken an Ludo Martens (Ein Nachruf)
Gossweiler Gedenken an Ludo Martens

„Stalin anders betrachtet“: http://data8.blog.de/media/594/6675594_dbfa250868_d.pdf

China und die Zukunft – Hatte Sun Yatsen recht?

SunYatsenSun Yatsen (1866-1925)

Von Sun Yatsens Weltanschauung sagte Lenin, sie sei „wirklich die große Ideologie eines wirklich großen Volkes, das sein jahrhundertealtes Sklaventum nicht nur beklagt, von Freiheit und Gleichheit nicht nur träumt, sondern es auch versteht, gegen die jahrhundertealten Unterdrücker zu kämpfen“. [1] Sun Yatsen war zu seiner Zeit wohl die meistumstrittenste Persönlichkeit in China. Dieser Streit trug auch damals schon unmittelbar politischen Charakter und reicht bis in unsere Gegenwart. Lenin stellte auch die Frage, ob das auf Grund der volkstümlerischen Theorie von Sun Yatsen entwickelte Agrarprogramm tatsächlich reaktionär sei. Und er antwortete darauf: „Die Ironie der Geschichte besteht darin, daß die Volkstümlerrichtung im Namen des ‚Kampfes gegen den Kapitalismus‘ in der Landwirtschaft ein Agrarprogramm vertritt, dessen volle Verwirklichung die schnellste Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft bedeuten würde… Ob und in welchem Maße das gelingt, das ist eine andere Frage…“ [2] Bei gleichzeitiger Kritik an den kleinbürgerlichen Utopien und den reaktionären Anschauungen Sun Yatsens wird sich wahrscheinlich, so meinte Lenin, mit der Herausbildung des Proletariats auch der „revolutionär-demokratische Kern“ seines politischen Programms herausheben, bewahren und weiterentwickeln. Wir sehen also, daß es durchaus eine gewisse Kontinuität in der Entwicklung der VR Chinas gibt…

Sun Yatsen
Die internationale Entwicklung Chinas
Ein Plan zur Hilfe für die Wiederherstellung der Nachkriegsindustrie
(1919)

Kriegsindustrie

Schätzungen besagen, daß die Ausgaben der kriegführenden Nationen während des letzten Jahres des Weltkrieges täglich zweihundertvierzig Millionen Golddollar betrugen. Nach vorsichtigsten Schätzungen ist allein die Hälfte dieser Summe für Munition und anderes Kriegsmaterial ausgegeben worden, das sind hundertzwanzig Millionen Golddollar. Betrachten wir diese Aufwendungen einmal vom kommerziellen Standpunkt. Das Schlachtfeld ist der Markt für diese neuen Industrien und die Soldaten ihre Konsumenten. Für ihre Belieferung mußten verschiedene Industrien umgestellt und viele neue geschaffen werden. Um diese Kriegsproduktion tagtäglich steigern zu können, mußten die Völker in den kriegführenden Ländern und sogar in den neutralen Staaten sich mit dem Allernotwendigsten für das Leben begnügen und auf jeglichen Komfort und Luxus verzichten.

Die zweite industrielle Revolution

Jetzt ist der Krieg beendet, und der Absatzmarkt für das Kriegsmaterial ist damit geschlossen, hoffentlich für immer – zum Wohle der Menschheit. So stehen wir jetzt vor dem Problem, die Wirtschaft umzustellen. Zuerst muß man sich mit dem Wiederaufbau in den verschiedenen Ländern befassen, dann wird die Versorgung mit Luxusartikeln wiederaufgenommen werden. Bedenken wir, daß täglich hundertzwanzig Millionen Dollar für den direkten Kriegsbedarf ausgegeben wurden, könnten wir annehmen, daß für die beiden erwähnten Zwecke die Hälfte dieser Summe aufgewendet wird, das sind sechzig Millionen Dollar je Tag. Dann verbliebe uns ein Überschuß von täglich sechzig Millionen. Außerdem wollen die vielen Millionen Soldaten, die während des Krieges nur Konsumenten waren, jetzt wieder Produzenten werden. Ferner wird die Vereinigung und Nationalisierung aller Industrien, die ich zweite industrielle Revolution nennen möchte, weitreichender sein als die erste, in der die manuelle Arbeit durch Maschinenarbeit ersetzt wurde.

Probleme mit der Nachkriegsproduktion

Diese zweite industrielle Revolution wird die Produktivität der menschlichen Arbeit im Vergleich zur ersten industriellen Revolution um ein mehrfaches erhöhen. Folglich wird die auf das Konto des Weltkrieges gehende Vereinigung und Nationalisierung der Industrie den Wiederaufbau nach dem Kriege weiter komplizieren. Man bedenke, daß der neue Handel in Höhe von sechzig Millionen Dollar täglich oder 21,9 Milliarden Dollar jährlich, der durch den Krieg begonnen wurde, plötzlich gestoppt wird, wenn Friede geschlossen ist. Wo in aller Welt können Europa und Amerika einen Markt finden, der diese enormen Summen nach dem Kriege konsumiert? Wenn diese Milliardensummen aus der Kriegsindustrie beim Wiederaufbau nach dem Kriege keine Anwendung finden, werden sie zu einem reinen ökonomischen Verlust. Im Ergebnis dessen werden nicht nur die ökonomischen Bedingungen der produzierenden Länder beeinträchtigt, sondern die gesamte Welt wird große Verluste erleiden.

Neue Handelsbedingungen für China

Alle Handelsnationen blicken auf China als den einzigen „dumping ground“ für ihre Überproduktion. Die Handelsbedingungen waren vor dem Kriege für China unvorteilhaft. Der Import überstieg den Export jährlich um mehr als hundert Millionen Golddollar. Unter diesen Bedingungen konnte sich der chinesische Markt nicht ausdehnen, und Geld und Waren für den Austausch mit dem Ausland fehlten. Glücklicherweise sind die natürlichen Ressourcen Chinas groß, und ihre richtige Ausbeutung kann einen unbegrenzten Markt für die ganze Welt schaffen. Damit würde der größte Teil, wenn nicht sogar die Gesamtsumme der Kriegsindustrie, die Milliarden Dollar wert ist, unverzüglich für die Friedensindustrie nutzbar gemacht werden können. China ist ein Land, das noch immer manuelle Arbeit in der Produktion einsetzt und das noch nicht in das erste Stadium der industriellen Revolution eingetreten ist, während Europa und Amerika bereits das zweite Stadium erreicht haben. So muß China beide Stadien der industriellen Revolution gleichzeitig durchmachen, indem es Maschinen einführt und gleichzeitig die Produktion nationalisiert. China braucht Maschinen für seine riesige Landwirtschaft, seine reichen Bergwerke, den Aufbau unzähliger Fabriken, sein ausgedehntes Transportsystem und all seine öffentlichen Einrichtungen.

Dampfwalzen statt Kanonen

Betrachten wir, wie dieser neue Bedarf an Maschinen bei der Umstellung der Kriegsindustrie helfen kann. Werkstätten, die Kanonen produzieren, können leicht auf Dampfwalzen für den Straßenbau in China umgestellt werden. Werke, die während des Krieges Tanks bauten, können zur Produktion von Lastwagen übergehen, um den Transport von Rohstoffen, die sich überall in China finden, zu übernehmen. Und so kann die gesamte Rüstungsmaschinerie in ein friedliches Instrument für die allgemeine Hebung der verborgenen Reichtümer Chinas umgewandelt werden.
Kartenskizze ChinaKartenskizze Sun Yatsens über die Standorte der von ihm geplanten Häfen

Unser chinesisches Volk wird die Erschließung der Naturreichtümer unseres Landes begrüßen, wenn es vor der Korruption der Beamten bewahrt bleibt und wenn garantiert ist, daß für China wie für die mit ihm zusammenarbeitenden Länder der gegenseitige Vorteil gewahrt wird.

Ein gigantisches Aufbauprogramm für China

Einige Völker in Europa und Amerika könnten befürchten, daß die Entwicklung Chinas durch die Umstellung der Kriegsindustrie, der Kriegsorganisation sowie durch technische Spezialisten eine unerwünschte Konkurrenz für die ausländische Industrie hervorrufen könne. Deshalb schlage ich einen Plan für die Schaffung eines neuen Marktes in China vor, der sowohl für die chinesischen Produkte als auch für die Produkte des Auslandes aufnahmefähig ist. Dieser Plan sieht folgende Punkte vor (gekürzt – N.G.):

I. Entwicklung eines Kommunikationssystems
II. Bau von Handelshäfen
III. Aufbau moderner Städte mit öffentlichen Einrichtungen an allen Eisenbahnzentren und –endstationen und Häfen
IV. Ausnutzung der Wasserkraft
V. Errichtung von Eisen, Stahl- und Zementwerken größten Ausmaßes, um die Bedürfnisse, die sich aus den o.g. Projekten ergeben, zu befriedigen
VI. Entwicklung des Bergbaus
VII. Entwicklung der Landwirtschaft
VIII. Schaffung von Bewässerungsanlagen größten Umfangs in der Mongolei und Xinjiang
IX. Aufforstung in Zentral- und Nordchina
X. Kolonisierung der Mandschurei, der Mongolei, Xinjiangs, Qinghais und Tibets

Wenn das vorliegende Programm nach und nach verwirklicht werden könnte, würde China nicht mehr ausschließlich der „dumping ground“ ausländischer Waren sein, sondern wirklich der „wirtschaftliche Ozean“ werden, der alles überschüssige Kapital der Industrienationen so schnell aufnehmen kann, wie es in der kommenden industriellen Revolution durch die nationalisierte l Produktion erzeugt wird. Dann werden Konkurrenz und Handelskrieg in China wie auch in der ganzen Welt überwunden sein.

Eine Vision für die Zukunft?

Der letzte Weltkrieg hat der Menschheit gezeigt, daß der Krieg für beide Seiten, Sieger und Besiegte, verheerende Auswirkungen hat und besonders für den Aggressor schlecht ausgeht. Und was für militärische Auseinandersetzungen zutrifft, gilt um so mehr für wirtschaftliche. Da Präsident Wilson vorgeschlagen hat, einen Völkerbund zu gründen, um Kriege für die Zukunft auszuschließen, ist es mein Anliegen, den Handelskrieg durch die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe bei der Entwicklung Chinas zu beenden. Damit würde vielleicht die Hauptursache künftiger Kriege beseitigt. Die Welt hatte große Vorteile von der Entwicklung Amerikas zu einer Industrie- und Handelsnation. Ein entwickeltes China mit einer Bevölkerung von vierhundert Millionen würde in ökonomischer Beziehung eine zweite Neue Welt werden, und die Nationen, die sich an dieser Entwicklung beteiligen, würden gewaltige Vorteile davon haben. Außerdem würde eine solche internationale Zusammenarbeit den Geist der Brüderlichkeit der Menschen festigen. Und schließlich würde China, dessen bin ich sicher, zu einem Eckstein im Gebäude des Völkerbundes werden. (…)

Dieser Industrialisierungsplan, der in den vorangegangenen sechs Programmen grob skizziert wurde, ist ein Teil meines allgemeinen Planes für den Aufbau eines neuen China.

Kurz gesagt, es ist meine Vorstellung, mit Hilfe des Kapitalismus in China den Sozialismus aufzubauen, so daß diese beiden ökonomischen Kräfte der menschlichen Entwicklung Seite an Seite für die künftige Zivilisation wirken würden.

[1] W.I.Lenin, Werke, Bd.18, Berlin 1962, S. 153.
[2] ebd. S.157f.

Quelle:
SunYatsen, Reden und Schriften, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, 1974, S.205-224.

siehe auch:
Kurt Gossweiler, Meine Sicht auf die Entwicklungen in der Volksrepublik China.
in: derentschlossene.blogsport.de – http://derentschlossene.blogsport.de/2013/01/29/meine-sicht-auf-die-entwicklungen-in-der-volksrepublik-china/
in: offensiv Jan./Febr.2009 – http://www.offen-siv.net/2009/09-01_Januar-Februar.shtml#i14

Die Sprache verrät den Feind

Mit drastischen Worten wies bereits Peter Hacks darauf hin, zu welchen Verwirrungen der falsche Gebrauch der Sprache, der Mißbrauch der Begriffe führt. Er schrieb: „Nachdem der Hirsch von Adam erfahren hatte, daß er ein Hirsch sei und die Ziege eine Ziege, hatte der Hirsch endlich aufgehört, die Ziege zu ficken.“ [1] Deshalb sei hier in aller Ausführlichkeit eine Analyse der Alltagssprache zitiert, wie sie auch heute noch (und in verschärftem Maße) in der BRD zu finden ist:

Der Klassenfeind setzt in seiner Sprachpolitik kontinuierlich die Linie fort, die seit jeher mit allen Mitteln sprachlicher Diversion gegen Sozialismus, Frieden und Fortschritt verfolgt wurde. Viele dieser Sprachbezeichnungen dienen der Tarnung der wahren Interessen und Ziele des Klassengegners, der Irreführung und Täuschung. Sie verfälschen die Wahrheit. Eine Reihe von ihnen ist zwar geschickt „verpackt“, bei genauerem Hinsehen jedoch verräterisch. Andere zeigen sich in ihrer haßerfüllten und brutalen Offenheit.

Die Nazipropaganda liefert das Vorbild

Der Klassengegner in Westdeutschland knüpft an die Praktiken der Nazipropaganda und an die „massenpsychologischen“ Rezepte eines Le Bon [2] an: Regierungskunst ist unter anderem die schwierige Kunst der Täuschung mit sprachlichen Mitteln. Nicht das Denken, sondern Vorurteile und unklare, negative Gefühle werden angesprochen, bestimmte Wörter und Wendungen fungieren als „Klingelknopf“, der beabsichtigte Vorstellungen und Gefühlsassoziationen wachruft – am besten so, daß die Menschen es nicht merken. Ihr ständiger Gebrauch in verschiedenen Zusammenhängen soll die Menschen im antikommunistischen Sinne und mit apologetischer Zielsetzung für die kapitalistische Gesellschaft manipulieren. Sie haben den Zweck, falsche Vorstellungen zu suggerieren, an Vorurteile anzuknüpfen, abzulenken sowie Gefühls- und Willenshaltungen zu erzeugen, die auf der Verfälschung der Wahrheit, auf Lüge und Verleumdung beruhen. Besonders die westdeutsche Haß- und Triebpropaganda zeigt diese Linie, in die bereits seit langem in Übereinstimmung mit dem Klassengegner die rechte Führung der westdeutschen Sozialdemokratie eingeschwenkt ist.

Auf die richtigen Begriffe kommt es an

Wir erinnern uns noch an die sprachlichen Prägungen der faschistischen Propaganda, die von „Novemberverbrechern“, „Erfüllungspolitikern“, der „Schmach von Versailles“ sprach, die Dolchstoßlegende benutzte, die Bezeichnung „System“ und „Systemzeit“ nur in verächtlichem Sinne gebrauchte, von „Schicksalsgemeinschaft“ faselte und mit Bezeichnungen wie „bolschewistische Untermenschen“ und anderen Brutalität und Zynismus verbreitete. [3] Wörter, deren Bezeichnungsfunktion eine ganz bestimmte Auffassung des Klassengegners übertragen sollen, sind heute unter vielen anderen: „Mitteldeutschland“; es soll den „Osten“ Deutschlands assoziieren, der verloren wurde und wiedergewonnen werden muß. Dieser Ausdruck dient also der revanchistischen Politik. „Oder-Neiße-Linie“; die Bezeichnung „Linie“ soll den provisorischen Charakter der Oder-Neiße-Grenze und damit den Anspruch auf die zu „befreienden Ostgebiete“ suggerieren, obwohl die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht. Moderne „Klingelknöpfe“ im Sinne Le Bons sind SP-Schillers „konzertierte Aktion“, „soziale Symmetrie“, „Planifizierung“ sowie Erhards „Wohlstandsgesellschaft“, „pluralistische Gesellschaft“ und andere.

Die geheimnisvolle Macht der Worte

Wie der Mechanismus dieser festen Prägungen wirken soll, wird uns deutlich, wenn wir die Funktion einiger Bezeichnungen genauer untersuchen. „Die freie Welt“ soll die Assoziation „unfreie Welt“ hinter dem „eisernen Vorhang“ auslösen. „Soziale Symmetrie“ soll dem Bürger die Vorstellung einer ausgewogenen, gerechten Verteilung der Soziallasten und Sozialleistungen aufdrängen. (…) Es wurde bereits erwähnt, daß Le Bon die Empfehlung gab: Bilder, Worte und Wendungen besitzen eine geheimnisvolle Macht, wenn sie „kunstgerecht“ angewandt werden, und Wörter, deren Sinn schwer zu erklären ist, seien oft die wirkungsvollsten. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist das Wort „Abendland“, ein Begriff, der bewußt unklar gehalten ist. Er soll die Tradition und Kultur des „Abendlandes“ – was dazu zu rechnen ist, läßt sich schwer sagen – im Gegensatz zum „Morgenland“ stellen, das nicht diese „ehrwürdige“ Kultur aufweisen kann oder gar mit „barbarisch“ assoziiert wird. Meist ist eine solche Unterscheidung gar nicht beabsichtigt, sondern nur eine noch unklarere und dumpfe Vorstellung vom Unterschied zwischen dem „freien“ „Abendland“ und der „anderen“ „unfreien“ Welt, womit das sozialistische Lager gemeint ist. In primitiver Verzerrung werden einfach die Vorstellungen „frei“ und „unfrei“ daran geknüpft. In einem derart bewußt unklaren Sinne werden auch „Demokratie“, „Sozialismus“, „Freiheit“, „Gleichheit“ und andere Begriffe gebraucht. Wir müssen vom klassenmäßigen Standpunkt die Frage stellen: Freiheit für wen? Ist Gleichheit Gleichmacherei?

Zum Beispiel – „Nationalsozialismus“

Wie die Bezeichnungsfunktion der Sprache auch mit der Parteilichkeit und gleichermaßen Klarheit des verwendeten Ausdrucks zusammenhängt, zeigt das Wort „Nationalsozialismus“, das von den Faschisten zur Täuschung der Massen erfunden wurde. Die Frage, warum wir dieses Wort nicht in unserem Sprachschatz gebrauchen, wurde einleuchtend in einer Diskussion geklärt. Die Auffassung, daß das Wort im Duden stehe und außerdem ein Begriff sei, der 12 Jahre lang für eine historische Erscheinung gebraucht worden sei, daher auch von uns verwendet werden könne, ist falsch, ist Objektivismus. Bei diesem Wort handelt es sich um Demagogie. Wir müssen von der Frage ausgehen, ob ein Wort eine richtige oder eine gefälschte Münze ist. Die Bezeichnung „Nationalsozialismus“ muß man ablehnen, sofern nicht hinzugefügt wird, wie lügenhaft diese Prägung ist. Der deutsche Faschismus war gerade das Gegenteil von „national“ und „sozial“. Wir gebrauchen das Wort „Faschismus“ und meinen damit die chauvinistische und offen terroristische Form des Imperialismus, und in diesem Sinne hat sich bei uns die Form „Naziherrschaft“ mit eindeutiger Wertung eingebürgert. Dagegen ist der objektivistische Gebrauch „Nationalsozialismus“ bereits im Dienste des Neonazismus in Westdeutschland mit der Gefahr der Identifikation behaftet. Diese Überlegungen zeigen auch deutlich, wie wichtig die Spracherziehung als Ausdruck einer Ideologie ist.

Oder: „Die Mauer“

Machen wir uns die pragmatische Wirkung der Wörter an dem Unterschied der Bezeichnungen „Mauer“ und „Schutzwall“ oder „Grenzsicherungsanlagen“ klar. Manche Menschen gebrauchen auch – ohne sich dabei etwas zu denken – die sprachliche Bezeichnung „Mauer“. Denn es ist ja (im Erscheinungsbild) tatsächlich eine „Mauer“. Man überlegt aber zuweilen nicht, daß diese Bezeichnung dem Gegenstand ein ganz bestimmtes „Etikett“ aufklebt. Dem Klassengegner kommt die Bezeichnung „Mauer“ sehr zustatten, und er nutzt das für seine Zwecke aus. Denn sie assoziiert „Trennung“ (eine Mauer ist zwischen uns), Unübersteigbarkeit, ein Hindernis, das die „bösen Kommunisten“ aufgerichtet haben, um die Menschen zu schikanieren und zu terrorisieren [4]. Der Gegner will also mit diesem Wort Ablehnung, Widerwillen, Unverständnis und Haß erzeugen. Das Wort spielt deshalb in der antikommunistischen Hetze eine große Rolle.
BerlinBerlin – Staatsgrenze der DDR

Tatsächlich hat der Feind auch bis zu einem gewissen Grade seine Absichten erreicht, weil die Menschen die raffinierte Psychologie dieser gezielten Sprachregelung nicht durchschauen. Jemand könnte sagen: Was wollt ihr denn, es ist doch eine Mauer, das Wort spiegelt eben die Eigenschaften einer Mauer wider! Soweit, so gut. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Das Wort spiegelt nur das auch für uns schmerzliche Erscheinungsbild dieser besonderen Mauer wider, aber nicht ihr Wesen, das heißt, daß sie ein Schutzwall ist! Unsere Sprachbezeichnung „Grenzsicherung“ (auch „Schutzwall“ ist geprägt) spiegelt – das sei mit Nachdruck wiederholt – das Wesentliche unserer Politik wider, ist also eine adäquatere Widerspiegelung der Wirklichkeit als die Bezeichnung „Mauer“. Gleichzeitig ist sie ein positives Bewertungswort, das dem negativ gefärbten Wort „Mauer“ entgegengesetzt wird. Denn wir wollen ja damit ausdrücken, daß diese Sicherung vorgenommen werden mußte, um die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik und damit auch den Frieden in Europa zu sichern. Damit drücken wir also die objektive Wahrheit aus und bewerten sie in ihrem Sinne. Hier kann man auch Friedrich Schiller zitieren: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Die Regierung der DDR wurde verunglimpft als das „Regime in Pankow“

Gegen unsere Gesellschaftsordnung und gegen unseren Arbeiter-und-Bauern-Staat gerichtete negative Bezeichnungs- und Bewertungsformulierungen sind unter anderem: „Zone, „kommunistisch“ (stets mit abwertender Bedeutung gebraucht, gewissermaßen als Abstempelung des Schlimmsten, was es geben kann), „kommunistischer Zwangsstaat“, „kommunistische Drohung“, „Regime in Pankow“ oder einfach „Pankow“.

Politische Gegner werden beschimpft als „nützliche Idioten“

Negative, gegen mißliebige Bürger gewendete Bewertungswörter sind zum Beispiel: „politisch naiv“, „naiver Intellektueller“, „der unphilosophisch gewordene alte Gelehrte“ (für Jaspers), „trojanisches Pferd des Zonenregimes“ oder die Beschimpfung „nützliche Idioten“ für Menschen, die sich für eine vernünftige und realistische Politik gegenüber der DDR einsetzen. Das reicht bis zu dem von Erhard geprägten Ausdruck „Pinscher“. Der Diffamierung diente auch die Sprach-Pragmatik eines Höfer in seiner politischen Stammtischrundetischrunde, als er die Demonstration der Studenten in Westberlin gegen den Vietnamkrieg als „Mißbrauch der Straße“ bezeichnete. Bewußt sollen hier kleinbürgerliche Vorurteile und Denkweisen angesprochen werden, sich politisch nicht zu engagieren, soll der politische Kampf mit außerparlamentarischen Mitteln „verteufelt“ werden, wie der westdeutsche Ausdruck heißt. Das sind sprachliche Bewertungen, die diffamieren und diskreditieren sollen, sich allerdings nicht selten gegen ihre Urheber kehren.
Verschleierung[1] Peter Hacks, Die Namen der Linken, in:Am Ende verstehen sie es, Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2005, S.52.
[2] Le Bon: Begründer der Massenpsychologie u. Theoretiker des Massenbetruges
[3] vgl. auch: Victor Klemperer, LTI (Die Sprache des Dritten Reiches) Notizbuch eines Philologen, Verlag Phillip Reclam jun., Leipzig.
[4] Es war auch keine „innerdeutsche“ Grenze, denn ein „Deutschland“ gab es seit 1945, der Zerschlagung des deutschen Faschismus, nicht mehr. Das sogenannte Großdeutsche Reich war aufgeteilt worden in Sektoren, die den jeweiligen Besatzungsmächten zugeordnet wurden.

Quelle:
Eduard Kurka, Wirksam reden, besser überzeugen, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1970, S.254-261.(Zwischenüberschriften eingefügt – N.G.)

Siehe auch:
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis…
Victor Klemperer: LTI

DDR-Kinderbuch: Jan auf der Zille

JanKinderbücher in der DDR waren (im Gegensatz zu fast allen Kinderbüchern der BRD) zumeist recht lehrreich. Vergleicht man z.B. das „Mosaik“ (DDR-Kinderzeitschrift) mit den Micky-Doof-Geschichten, in denen es um viel Geld und um leere, flapsige Redensarten geht, so wird deutlich, daß bereits Kinder mit jungen Jahren davon schon verblödet werden. Das setzt sich fort bei Fernsehfilmen und Computerspielen, die nichts weiter verlangen, als bestenfalls ein bißchen Organisationstalent, was sich mit der Computermaus leicht bewerkstelligen läßt.
Dagegen finden wir in dem Kinderbuch von Auguste Lazar „Jan auf der Zille“ eine sehr lehrreiche und kindgerechte Darstellung über Luther und Thomas Müntzer. Das 1934 entstandene Büchlein beschreibt den Weg eines elternlosen Jungen auf einem Frachtkahn elbeabwärts durch das faschistische Deutschland. Während die Fahrt durch Wittenberg führte, erzählt ein alter Lehrer eine Geschichte über den Bauernkrieg, die völlig anders ist, als das, was die Kinder bisher in der Nazizeit über Luther gelernt hatten (und was auch wieder heute in den Schulen der BRD gelehrt wird!)…

Aus Kinderbüchern lernen…

Da liest man, soviel man kann, über seine Lieblingshelden, und auf einmal ist der Lieblingsheld kein Held mehr, und man hat sich seine alte Liebe zuschanden gelesen. So ist es mir mit Luther gegangen. Ich habe ihn für einen großen Revolutionär gehalten, weil er gewagt hat, aufzutreten gegen die mächtigsten Männer seiner Zeit. Im sechzehnten Jahrhundert gab’s ja keine mächtigeren als den Kaiser und den Papst.
luther
Was ich als Knabe geglaubt habe und was die Erika jetzt glaubt, haben damals, vor vierhundert Jahren, die meisten Deutschen geglaubt. Was für ein Revolutionär ist unter uns aufgestanden? Denkt nur, was es bedeutet hat, gegen den Papst aufzumucken. Damit hat Luther angefangen. In seinen Thesen heißt es: ,Es ist nicht wahr, daß man sich von seinen Sünden für Geld loskaufen kann.’

Der Ablaßhandel

Gerade damals reisten Gesandte des Papstes hier in der Gegend mit ihren Ablaßzetteln herum. Zwei riesige Kisten schleppten sie mit sich durch ganz Deutschland und stellten sie in den Kirchen auf. In der einen waren lächerliche Papierwische, auf denen geschrieben stand, daß den braven Sündern der liebe Gott für Geld alles verzeiht. In der ändern aber sammelten sie das Geld, das ihnen die leichtgläubigen Menschen dafür gaben. Viele schwere Silber- und Goldmünzen waren darunter; denn je schwerer die Sünden, desto höher der Preis. Für vier Dukaten verzieh einem der Papst im Namen des lieben Gottes einen falschen Schwur, und für acht Dukaten wurde einem sogar ein Mord verziehen.

Der „unheilige“ Vater

Ja, das war schon eine Tat von Luther, daß er mit diesem Unwesen Schluß machte. Und dann wurde er Schritt für Schritt zu neuen Taten getrieben. Er begann einzureißen, was so viele hundert Jahre lang alle Menschen felsenfest geglaubt hatten: ,Der Papst’, sagte er, ,ist ein Mensch wie wir und sündigt wie wir, er betrügt die gläubigen Schafe von Deutschen, er lockt ihnen ihre sauer erworbenen Groschen heraus und lebt in Rom in Saus und Braus mit unerhörter Pracht. Er baut Kirchen und Paläste aus Marmor und Gold mit herrlichen Bildern und Statuen, er feiert Feste und verpraßt, was er in Deutschland erbettelt. Und die Äbte in den Klöstern, die Bischöfe, Erzbischöfe und Fürstbischöfe tun’s ihm nach. Was brauchen sie die riesigen Güter und Ländereien? Früher einmal, aber das ist schon lange, lange her, da haben sie die Armen gespeist und die Kranken gepflegt und viel Gutes getan, aber jetzt ist alles verludert, und sie schinden ihre Bauern wie die anderen Herrenleute auch. Und was sie nicht selbst in ihren Hofhaltungen verprassen, das geht nach Rom zum Heiligen Vater, aber zu sehr unheiligen Zwecken.’

Ein Aufruhr ging durch’s Land

Luthers erstes Aufmucken gegen den Papst war wie ein Funke, der in ein Pulverfaß fällt. Eine ungeheure Wut gegen die Kirche flammte auf im ganzen Land. Selbst unter den Geistlichen war große Unzufriedenheit. Luther war ein Mönch wie viele seiner Anhänger und Freunde auch. Auch Thomas Müntzer war ein Pfarrer. Aber von dem erzähl ich erst später, damit mir nicht alles durcheinanderkommt.
1525-bauernkrieg
Alle Klassen in Deutschland waren von dem großen Zorn erfüllt. Denn das Volk zerfiel, damals und wie bis jetzt noch die meisten Völker auf der Welt, in Klassen, die sich bekämpfen. Und weil kein Mensch zufrieden war, weder hoch noch niedrig, kamen sie alle in Bewegung, und alle hatten die Hoffnung, jetzt ist der Stein durch Luther ins Rollen gekommen, jetzt kommen für alle bessere Zeiten.

Deutsche Kleinstaaterei

Deutschland zerfiel in zahllose kleine Länder. Die Landesherren hatten schöne Titel, wie Herzöge, Fürsten und dergleichen. Sie waren so gut wie kleine Könige. Der Kaiser, der über allen stand, hätte sie gern an seinen Hof gebracht mit Ehrenstellen und Titeln und Auszeichnungen, aber doch so, daß sie in Wirklichkeit nicht selbst ihre Länder regierten, sondern tun mußten^ was er wollte. Die deutschen Fürsten dachten aber gar nicht daran. Sie wußten sehr genau, daß es für sie besser war, ihren eigenen Hof zu haben mit Ministern und Hofdamen und dem ganzen Klimbim dazu, und mit der Macht vor allem, die so ein regierender Herr besitzt. Hm, dachten diese Landesväter, die Kirche hat Ländereien und Güter in den Händen, die wir selbst brauchen könnten. Und das viele schöne Geld, das da nach Rom geht. Dafür haben wir selbst Verwendung, erstens für unsere Person und unsere Hofhaltung, zweitens für das Heer; denn damals hätte jeder Fürst am liebsten ein eigenes Heer gehabt mit Infanterie und Artillerie, das Schießpulver war ja schon erfunden.“
„Das Volk kam in der Berechnung der großen Herren niemals vor“, warf Jan mit sachverständiger Miene ein. (…)

Die Armut der Bevölkerung

„Es gab damals sehr viel Armut in Deutschland. Die Ritter waren arm geworden, das habe ich schon gesagt, und die Kaufleute in den Städten reich. An den Fürstenhöfen und in den Städten lief das meiste Geld zusammen. Doch gab’s auch in den Städten viele hungrige Handwerkergesellen und Lehrlinge und arme Dienstboten, und auf den Landstraßen gab’s Bettler und Vagabunden in Menge. Die Ärmsten im Lande waren freilich die Bauern. An ihnen saugten und preßten und zerrten alle anderen. Sie wohnten in den elendigsten Katen und Lehmhütten. Sie schliefen auf Stroh, sie hatten das schlechteste Essen; denn was gut und nahrhaft war, mußten sie hergeben. Ihre jämmerliche Hütte gehörte ihnen nicht, der Boden, auf dem sie schufteten, gehörte ihnen nicht, und davonlaufen durften sie auch nicht, um es irgendwo anders in der Welt zu versuchen. Sie gehörten mit Haut und Haar ihren Herren, und wehe ihnen, wenn sie zu fliehen versucht hatten und man fing sie wieder ein. Sie mußten arbeiten, arbeiten, arbeiten, wie ein anständiger Mensch kein Tier arbeiten läßt. Sie waren ganz verzweifelt. Sie hatten versucht sich zu wehren, in einzelnen Landesteilen war es zu Aufständen gekommen, aber die Herren waren mit den unorganisierten Haufen natürlich leicht fertig geworden. Sie hatten sie einfach zusammengehauen und die Überlebenden aufs grausamste bestraft.

Die Bauern hatten auf Luther gehofft

War’s da ein Wunder, daß die Bauern aufhorchten, als sie von Luther hörten? Jetzt kommen endlich auch für uns bessere Zeiten, sagten sie, Herrgott, wir danken dir, daß du uns den Luther geschickt hast. Sie haben ganz umsonst auf Luther gehofft. Er hat sie gründlich im Stiche gelassen. Bei deinem Pastor wirst du gelernt haben, Erika, daß Luther erst Mitleid gezeigt hat mit den Bauern und die Herrenleute ermahnt hat, vernünftig zu sein und menschlich mit ihren Leibeigenen umzugehen. Er hat aber die Bauern so tief verachtet, daß er höchstens gemeint hat, menschlich und mild, wie man es auch gegen Tiere zu sein hat. Die Bauern sind dreckig, die Bauern sind roh, die Bauern sind verlaust, und die Bauern sind faul. Sie wollen nicht arbeiten, man muß sie dazu zwingen. Ohne Hiebe kommt man nicht weiter mit ihnen. Das war das Urteil der meisten über die Bauern, und Luther dachte geradeso. Sicher gab es sehr wenige Bauern, die nicht dreckig und verlaust und roh und faul waren. Wie soll man denn anders sein, wenn man von klein auf nichts anderes kennt als Hunger und Angst vor der Peitsche und Müdigkeit und Schmutz und schwere körperliche Arbeit. Denkt doch darüber nach, wie sollen solche Menschen werden?

Thomas Müntzer sprach anders

Solche Frage hat sich Martin Luther leider nicht gestellt. Gott hat den Großen ein Schwert in die Hand gedrückt, um damit loszuschlagen. Es gibt Herren und Knechte auf der Welt, das ist göttliche Ordnung, gegen die darf man nicht anrennen. Er sprach genau wie deine Tante, Jan, obwohl er so gelehrt war und viel klüger als sie. Aber Thomas Müntzer sprach anders.
Müntzer
(…) Thomas Müntzer war ein wirklicher Revolutionär. Der wollte eine Revolution durchführen, wo wirklich den Armen und den Ärmsten geholfen werden sollte. Und da die Ärmsten in Deutschland damals die Bauern waren, wurde er einer der Anführer im deutschen Bauernkrieg. Vorher war er ein Anhänger von Luther gewesen, so lange, bis er einsah, daß Luther kein Revolutionär auch für die Bauern war. Dann wandte er sich von ihm ab und nannte ihn nur mehr den Lügendoktor. Den Lügendoktor von Wittenberg. Vorher war er ein Anhänger von Luther gewesen, so lange, bis er einsah, daß Luther kein Revolutionär auch für die Bauern war. Dann wandte er sich von ihm ab und nannte ihn nur mehr den Lügendoktor. Den Lügendoktor von Wittenberg.

Das Reich Gottes ist eine schöne Sache…

Alle Welt bewunderte die Tapferkeit von Luther, weil er gegen den Papst und Kaiser auftrat. Dabei hatte er eine ganze Menge großer Herren, Fürsten und Ritter und reiche Bürgersleute hinter sich. Er war Professor an der Wittenberger Universität, und wenn er sich auch eine Zeit auf der Wartburg verstecken mußte, so genoß er doch einen mächtigen Schutz. Auf der Wartburg hat er übrigens die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt, und das war schon eine große Tat. Aber wer stand hinter Thomas Müntzer? Mit seinen Ansichten fand er keinen Schutz, weder bei Fürsten noch bei Rittern, noch bei reichen Bürgersleuten. Nicht einmal bei den ärmeren. Aber alle, denen es wirklich schlecht ging, Knechte und Mägde und viele Handwerksgesellen in den Städten, liefen ihm zu. Denn er predigte Dinge, die sie noch nie zu hören bekommen hatten. ,Das Reich Gottes’, sagte er, ,ist eine schöne Sache. Nur muß man es schon hier auf Erden einrichten und nicht auf den Himmel warten. Warum soll denn für so viele Menschen hier auf Erden die Hölle sein? Warum soll denn ein Teil der Menschen nur als Arbeitstiere da sein für die anderen? Warum sollen denn die Äcker und Wiesen und die Wälder und Flüsse nur den Herrenleuten gehören und nicht den Bauern, die doch alle Arbeit leisten müssen? Wir wollen einen Bund einrichten’, sagte er, ,und jeder anständige Mensch muß sich uns anschließen, und dieser Band soll alle Ungleichheit unter den Menschen vernichten. Und wer dem Bund entgegenarbeitet, der hat den Tod verdient, ob er nun ein Herr ist oder ein Geistlicher oder gar ein versklavter Knecht.’

Eine Gefahr für die „göttliche Ordnung“

Selbstverständlich erfuhr Luther von diesen Predigten. Und sie paßten nicht in seine Art von Revolution. Deshalb verklagte er den Thomas Müntzer bei den Fürsten. ,Da ist einer’, sagte er ihnen, ,der ist eine große Gefahr für euch und überhaupt für die Ordnung im Lande.’ Luther war geartet wie die meisten Bürgersleute. Die fürchten sich entsetzlich vor der Unordnung bei einem Umsturz und können sich gar nicht vorstellen, daß es eine neue, bessere Ordnung geben kann als die, die sie eben gewöhnt sind. Was ist das aber schon für eine Ordnung, bei der so viele Menschen irn ärgsten Unglück und Hunger leben müssen? Ein paar Fürsten dachten, wir müssen doch sehen, ob der Luther recht hat und ob dieser Thomas Müntzer wirklich so gefährliche Dinge predigt. Sie ritten zusammen nach Altstätt, wo Müntzer damals Pfarrer war, um sich so eine Müntzerische Predigt einmal anzuhören. Aber der rebellische Pfarrer nahm auch in ihrer Gegenwart kein Blatt vor den Mund. Im Gegenteil. Er benützte die Gelegenheit, um ihnen seine Meinung ins Gesicht hineinzuschreien.

Die größten Diebe seid ihr, ihr Herren

,Wer ist schuld an allem Elend auf dieser Welt?’ sagte er. ,Ihr, ihr Herren mit euren dicken Geldsäcken. Alles, was Wert hat, habt ihr an euch gerissen. Wem gehört das Wild im Wald, wem gehören die Fische? Euch. Und die Herden von Rindern und Schafen und die Wiesen, auf denen sie grasen? Euch. Das Getreide auf dem Feld gehört euch, und die Bauern gehören euch mitsamt ihren Frauen und ihren Kindern. Und alles Gold und Silber gehört euch und alles Erz in den Bergen. Nach Recht und Gesetz, sagt ihr, gehört das alles euch. Ein schönes Recht. Ein schönes Gesetz. Wer hat’s denn gemacht? Ihr habt es gemacht, und nicht der liebe Gott, wie ihr die armen Teufel, die ihr ausbeutet und schabt und schindet, glauben machen wollt. Ihr habt es leicht, dem Armen zu predigen: Du sollst nicht stehlen, und ihn für jedes kleine Vergehen ins Gefängnis zu werfen oder gar zu hängen. Ihr, ihr habt selbst alles gestohlen, mit Gewalt und List habt ihr allen Besitz an euch gebracht. Die größten Diebe auf der Welt seid ihr, ihr Herren. Vor ein paar hundert Jahren hat dem Bauern der Boden gehört, den er bearbeitet hat. Aber wartet nur, habt ihr den Bauern auch untergekriegt, es kommt eine Zeit, wo er euch unterkriegt, die Bauern werden sich schon rächen an euch, ihr Bauernschinder.’

Luther: Wider die mörderischen Rotten der Bauern

Mich hat’s immer gewundert, daß die Fürsten den Müntzer damals nicht sofort in ihren finstersten Turm geworfen haben. Er wurde nur davongejagt von der Pfarre in Altstätt, wie er schon früher von anderen Pfarrstellen vertrieben worden war. Nun zog er im Land umher und half, den großen Bauernkrieg zu organisieren, der bald darauf ausbrach.“
„Und Luther?“ fragt Jan.
„Luther? Luther gab den Herren seinen Segen zu allen Gewalttaten, zum Dreinschlagen und zum Morden. Er gab ihnen den Segen schriftlich. In einer Druckschrift, die hieß: ,Wider die mörderischen Rotten der Bauern.’“
„Haben Sie diese Schrift auch gelesen, Herr Schulmeister?“
„Freilich, Jan. Ich habe sie gelesen.“ Der Schulmeister spricht leise wie einer, der sich dabei anstrengen muß. „Ich habe die Ratschläge gelesen, die Luther den Herren gegeben hat. Und die Herren haben sie befolgt, diese Ratschläge. Sie hätten wahrscheinlich schon von selbst so gehandelt, auch wenn Luther ihnen nicht eigens das Himmelreich versprochen hätte für das Blutbad, das sie anrichteten.“
bauernstrafe
„Das Himmelreich hat er ihnen dafür versprochen?“ Die Stimme des Schulmeisters wird immer schwächer. „Ja, Kinder, das hat er getan. Er hat geschrieben: ‚Stecht, liebe Herren, stoßt, schlagt, verschont keinen Bauern, nieder mit ihm, selbst wenn er unschuldig ist. Gott wird die Seinen schon erkennen. Und stirbt einer von euch Herren im Kampf, seligern Tod erwirbt keiner.’ Und die Herren haben zugeschlagen und keine Barmherzigkeit gekannt. Wozu auch? Wo Luther geradezu geschrieben hat: ,Barmherzigkeit ist hier nicht am Orte. Laßt die Büchsen unter die Aufständischen sausen, ihr lieben Herren, denkt daran, daß sie auch nicht anders hausen würden.’“

Die Bauern waren roh und grausam – die Herren waren es noch viel mehr…

Einen Augenblick wird’s still oben auf dem Turm. Dann macht Erika noch einen Versuch zur Verteidigung Luthers: „Die Bauern waren doch so schrecklich grausam gegen die Gefangenen, die sie gemacht haben. Durch die Spieße haben sie sie gejagt und noch viele solche Sachen gemacht.“
„Gewiß, Erika. Die Bauern waren sicher roh und grausam. Aber die anderen waren es noch viel mehr. In den Geschichtsbüchern, besonders in denen für unsere Schulen, wird es freilich so hingestellt, als kämen alle Missetaten auf die Rechnung der Bauern. Warum? Ja, das kannst du dir selbst sagen. Man muß auch immer an die große Frage, die Thomas Müntzer gestellt hat, denken. Wenn die Bauern roh waren, ja, warum sind sie denn so geworden? Aber der Mann, der diese Frage gestellt hat, war – ein Schwarmgeist, einer, der von der Wirklichkeit nichts weiß und phantasiert und schwärmt und den Menschen den Kopf verdreht. So hat Luther es hingestellt.“

Quelle:
A.Lazar, Jan auf der Zille, Der Kinderbuchverlag Berlin, 1964, S.130-143.
(Zwischenüberschriften und Illustrationen eingefügt von mir – N.G.)

Null-Bock-Stimmung – oder: macht Geld faul?

Motivation im Kapitalismus

Angeregt durch einen kurzen Beitrag über Motivation und Belohnung („Lohn macht doof“) wollen wir einmal der Frage nachgehen, welche Bedeutung die Motivation überhaupt in unserem Leben hat. Ist es tatsächlich so, daß Belohnung und Bezahlung anstatt die Leistungsbereitschaft zu steigern, eher das Gegenteil bewirken? Stimmt es, wenn bürgerliche Autoren behaupten, daß derjenige, der für seine Arbeit bezahlt wird, unwillkürlich zu der Schlußfolgerung kommt, daß er „nicht um der Sache selbst willen arbeitet, sondern nur für’s Geld“? [1]

Sind Belohnungen oder Lohnerhöhungen eigentlich unnötig?

Das wäre ja günstig für die kapitalistische Wirtschaft, da man auf diese Weise massenhaft unbezahlte (sogenannte „ehrenamtliche“) Arbeitskräfte rekrutieren und ihnen den verdienten Lohn vorenthalten könnte. Dann wären sämtliche gewerkschaftlichen Lohnkämpfe um eine gerechtere Entlohnung eine reine Farce; man bräuchte lediglich für etwas mehr Motivation zu sorgen, und schon wären alle Probleme gelöst. Und letztenendes hätten wir sogar eine passende Erklärung für gewisse Unzulänglichkeiten beim „System der ökonomischen Hebel“ im Sozialismus. Macht Geld faul? Nein, das ist geradezu lächerlich! Eine solche Schlußfolgerung ist unwissenschaftlich, weil sie die konkreten historischen Bedingungen und insbesondere die Klassenfrage außer Acht läßt. Und darum hat Mechthild Mühlstein auch recht, wenn sie schreibt: „In der derzeitigen Gesellschaft jedoch hat der Mensch exakt einen Grund zu arbeiten: er muß zusehen, daß er sich Geld verschafft, weil ihm sonst selbst Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – z.B. Wohnung, Trinkwasser, Essen – vorenthalten werden…“ [2] (gemeint ist hier sicherlich der Arbeiter, Bauer, Angestellte usw.!)

Der bürgerliche Motivationsbegriff

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Daher ist auch seine Motivation im wesentlichen sozial bedingt, d.h. sie ist abhängig von der jeweiligen Gesellschaftsordnung, in der er lebt, und von der Klasse, welcher er angehört. Und so gibt es für den Begriff der Motivation auch unterschiedliche Erklärungen: „Bürgerliche Motivtheorien, die zum großen Teil durch Freudsches Gedankengut beeinflußt sind und generell von idealistischen Modellen des Menschen ausgehen, behaupten die Existenz prinzipiell der Selbsterkenntnis unzugänglicher und unkontrollierbarer Triebe, Instinkte und unbewußter Seelenvorgänge, die den Menschen mehr oder weniger beherrschen und unterwerfen. Unbewußtes seelisches Geschehen wirke nicht nur in Ausnahmefällen, sondern beeinflusse das ganze bewußte Leben weitgehend mit Vorgängen, über die sich der Mensch keine Rechenschaft abzugeben vermöge. Die Hauptursachen für das Verhalten, für Entscheidungen und Handlungen werden in triebhaften Kräften, in unbewußten Süchten und Stimmungen, in elementaren Lebensimpulsen, in einer nicht steuerbaren Motivation gesehen. Der Mensch handelt nach diesen Auffassungen im wesentlichen aus ihm selbst unbekannten Gründen, denen er ausgeliefert sei.“ [3]

Was sind nun die wahren Beweggründe des Handelns?

Jede Tätigkeit – Arbeit, Lernen oder Spiel – ist auf bestimmte Ziele oder Aufgaben gerichtet. „Wenn sich ein Mensch dieses oder jenes Ziel steckt“, so schreibt B.M.Teplow, „wird er immer von bestimmten Motiven, von bestimmten Antrieben geleitet. Das Aufstellen eines Zieles kann nicht ohne Ursache erfolgen. Irgend etwas muß den Menschen veranlassen, seine Tätigkeit auf ein gegebenes Ziel zu richten. Ein Motiv ist das, was den Menschen zur Aufstellung dieser oder jener Ziele anregt. Ohne Kenntnis der Motive kann man nicht verstehen, warum ein Mensch nach dem einen und nicht nach dem anderen Ziel strebt. Folglich kann man auch nicht den wahren Sinmn seines Handelns verstehen.
Die erste Anregung zur Tätigkeit ist das Bedürfnis, das heißt der von dem Menschen empfundene Bedarf an etwas. Man kann materielle Bedürfnisse – Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Wohnung usw. – und geistige oder kulturelle Bedürfnisse – Bedürfnis nach Umgang mit Menschen, Bedürfnis nach Bildung, nach einem Buch, nach Musik usw. – unterscheiden.“
[4]

Weitreichende Motivierungen

Wer sich nur auf die direkt vor ihm liegenden Aufgaben konzentriert, der
wird bei Niederlagen schnell die Flinte ins Korn werfen. Und noch einmal Teplow [5]:
Motivierung
An dieser Art der Motivierung zeigt sich auch, was wahrhafter Heroismus ist:
„Noch niemals hat die Geschichte der Menschheit einen solchen Massenheroismus, solche Heldentaten des Mutes, so grenzenlose Liebe zum Vaterland gesehen, wie sie die Sowjetmenschen in den Tagen des Großen Vaterländischen Krieges und in den Tagen des friedlichen Aufbaus gezeigt haben. Die entscheidende Vorbedingung für die Entwicklung aller dieser Eigenschaften war die Weltanschauung der bolschewistischen Partei in deren Geist das Bewußtsein des fortschrittlichen Sowjetmenschen wuchs, erzogen und entwickelt wurde.“ [6]

Der Subbotnik – ein versteckter Zwang?

Waren die sozialistischen Subbotniks, unsere Kartoffeleinsätze während der Semesterferien, die freiwilligen NAW-Einsätze [7] der Bürger im Wohngebiet oder waren die Sonderschichten zu Jahrestagen nur ein versteckter Zwang des „totalitären Regimes“ der DDR? War das die kostenlose Ausbeutung der Arbeitskraft im Sozialismus, oder ging es hier um ein neues Gemeinschaftsgefühl, ging es um neue, sozialistische Denk- und Verhaltensweisen? War dies der Weg „vom ICH zum WIR“? Und warum gibt es auf der anderen Seite nicht nur unter den Jugendlichen in der BRD heute oft eine so weit verbreitete Gleichgültigkeit? „Wer die Arbeit kennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt“, sagte schon der Großvater, welcher noch die Nazizeit miterlebt hatte – ein alter Spruch aus der Kaiserzeit. Sind Hartz-4-Empfänger also wirklich zu faul zum Arbeiten??? Die Frage beantwortet sich von selbst. Wenn bürgerliche Demagogen also hier zu derartigen Schlußfolgerungen kommen, so heißt das noch lange nicht, daß ihre Theorien richtig sind.

Unter sozialistischen Bedingungen, wo der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneignung der Ergebnisse der Arbeit entfällt, gibt es keine Rechtfertigung für Faulheit. Im Gegenteil – die Arbeit verwandelt sich „aus einer schimpflichen und schweren Last, als die sie früher galt, in eine Sache der Ehre, in eine Sache des Ruhmes, in eine Sache der Tapferkeit und des Heroismus. In kapitalistischen Ländern gibt es nichts Derartiges, und kann es nichts Derartiges geben. Dort … ist es das Erstrebenswerteste, … im Besitz einer Rente zu sein, von Zinsen zu leben, frei zu sein von Arbeit, die als eine schimpfliche Beschäftigung gilt“. [8]

Zitate:
[1] N.Westerhoff, Geld macht faul, in: Südddeutsche v. 02.09.2009
[2] 1-Euro-Blog: „Lohn macht doof“
[3] Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Dietz Verlag, Berlin, 1969, S.299.
[4] B.M.Teplow, Psychologie, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1957, S.175.
[5] B.M.Teplow, a.a.O., S.194.
[6] B.M.Teplow, a.a.O., S.214.
[7] NAW: das Nationale Aufbauwerk, eine (freiwillige) volkswirtschaftliche Masseninitiative in der DDR
[8] J.W. Stalin, Politischer Bericht des Zentralkomitees an den XVI.Parteitag der KPdSU( B ), in: Werke, Bd.12, S.276.

Hermann Kant – Die Aula

Es gehörte damals zu meinen wertvollsten Büchern. Wir lasen es in der Schule, auf der Parkbank und dann zu Hause auf der Couch. DIE AULA. Hermann Kant war unser Vorbild. Einige Zeit hatten wir ähnliche Sprüche drauf, benutzten einige seiner schlauen Vokabeln, lasen bei Marx und Lenin nach. Und wir diskutierten. Endlos. An den Straßenecken bei Heimgehen, in der Kneipe und nach der Abendschule. Die „Aula“, Goethes „Faust“, (nicht nur mathematische) Kurvendiskussionen und die bestimmten Integrale – das waren damals so unsere Themen. Die Hefter hatten schon einige Eselsohren, und ab und zu befand sich darin auch ein Spickzettel. Achso, und was ist eine morganatische Heirat???
Hermann_Kant
Hermann Kant – Genosse, Weggefährte, Sprachgenie. Am 14. Juni 2011 bist Du 85 Jahre alt geworden. Welch ein Leben! Du wirst, das hoffen wir, eines Tages auch unseren Kindern und Enkeln zeigen, wie es damals war. Wie es war, als wir jung waren. Vielleicht werden sie dann besser verstehen, was uns verbindet mit dieser DDR. Dafür schon heute unseren Dank. Und vielleicht hat der eine oder andere nun auch wieder Lust zum Lesen, denn …

Heine
… Danach begann für Robert Iswall ein anderes Leben, an einem anderen Ort, mit anderen Aufgaben und anderen Schwierigkeiten; es begann eine Arbeit, bei der man Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Geographie vergessen durfte und Platz in seinem Kopf schaffen mußte für neue Daten und neue Begriffe; ein Studium begann, und man erfuhr, daß man bis dahin nur die äußersten Spitzen der Eisberge gesehen hatte und auch das nur in einem neblichten Augenblick. Es gab kein Zimmer „Roter Oktober“ mehr und keinen Heimleiter Meibaum, man mußte mit Wirtinnen um Wattstunden kämpfen, man floh vor der einen, weil ihre Erinnerungen wichtiger waren als des jungen Mannes Referat über die „Wahlverwandtschaften“ und weil sie dem jungen Manne zu sehr nach Frauenschaft und Blockflöte klangen, und dann kam man zu einer, die es mit Wilhelm dem Zweiten hatte und den Eierpreisen zu seiner Zeit, und auf diese folgte eine, die eigentlich nicht an Ehepaare vermietete und die Ansicht nicht verbarg, daß eine Studentenehe kaum weniger windig sei als eine morganatische Heirat.

Die neue Stadt war ein Riesenreich, das erkundet werden mußte; mit der S-Bahn um den Ring für zwanzig Pfennig, wenn es gutging, und für fünf Mark, wenn man sich erwischen ließ; zu Kuß nach Alt-Kölln und durch den Tiergarten, durch Moabit und den Wedding, über den Alex und die Schönhauser hinunter nach Pankow; mit der Straßenbahn nach Johannistal und, damals noch, nach Lichterfelde, Amis besichtigen, und die Franzosen in Tegel und Schottenröcke in Spandau-West und die Penner in Kreuzberg; mit dem Rad in die Müggelberge und bis nach Staaken rüber und durch Dahlem und Frohnau – „warum hat Old Joe eigentlich nicht diesen Teil genommen, sieht doch viel lustiger aus als das gammelige Karlshorst, findest du nicht auch, Vera?“ – „Vielleicht ist er nicht so für lustig.“

Das stellte sich in der Tat eines Tages heraus, auch dies in den Jahren zwischen Trullesands Winken von der Gangway und dem Abend über eingerissenen Bildern aus längst vergangener Zeit, aber bevor die Rede war von Blut und Eismeerkälte und erstickten Liedern, ging sie noch lange von der Schlacht bei Zarizyn und bewässerten Wüsten und den endlich gelösten Rätseln der Sprachwissenschaft, und schon in Versammlungen mittlerer Größe wählte man Ehrenpräsidien, denen ER vorsaß, und im Kino klatschte man, wenn ER auf dem Trittbrett des Panzerzuges vorbeifuhr, zuerst noch in Lederjacke, später in goldgebordetem Weiß, um einem der vielen Kämpfe die entscheidende Wende zu geben, und dem Provokateur ging man an den Hals, der einem mit dem angeblichen Testamente Lenins kam. Man las Gryphius und Stalin in diesen Jahren, die „Hamburgische Dramaturgie“ und den Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU ( B ), „Hyperion“, den „Grünen Heinrich“ und den „Goldenen Topf“ und dazu die Reden Shdanows, aber auch die „Heilige Familie“ und den „Empiriokritizismus“, und später las man eine Weile, wenn man sich zur Kategorie des Typischen zu äußern hatte, bei Malenkow nach, und zum Volkstümlichen fanden sich theoretische Begriffe wie praktische Beispiele bei Nikita Sergejewitsch, aber das war schon wieder etwas später.

Man saß in Seminaren über den „West-Östlichen Diwan“ und forderte Charlottenburger Milchhändler auf, SED zu wählen, buddelte auf den Seelower Höhen Kartoffeln und hörte fakultativ über Phonetik, stritt sich mit FU-Studenten bis zur Polizeistunde um ein einziges Wort, um das Wort Freiheit beispielsweise, und sah sechsmal den „Kaukasischen Kreidekreis“ und noch öfter die Weigel als Mutter Courage. Man hatte Zwischenprüfungen und am Ende ein Großes Examen, schrieb Seminararbeiten und Flugblätter und eines Tages seinen ersten Artikel als Redakteur, empfing Stipendium und dann Gehalt, wurde Parteigruppenorganisator und auch Vater, fuhr zum Pfingsttreffen und zum KPD-Prozeß, erschrak bis ins Herz bei Stalins Tod und noch tiefer bei Chrustschows großer Rede, kaufte mit neunundzwanzig Jahren seine erste Schallplatte und bekam mit fünfunddreißig einen Orden.

Langsam vergaß man im Rauch von Klingenberg den Boddenwind, vergaß unterm Katheder der Koryphäen den Alten Fritzen, vergaß im Hotel Newa die Mensa academica, vergaß auf der Karl-Marx-Alle die Robert-Blum-Straße, vergaß in der neuen Wohnung das Zimmer „Roter Oktober“, vergaß über der Augenärztin Vera Iswall den Zimmermann Gerd Trullesand. Vergaß und vergaß auch nicht. Wer laufen kann, denkt nicht mehr an die Zeit, in der er es lernte, aber manchmal sieht er die Narben an Knie und Kinn. …

aus: Hermann Kant, Die Aula, Rütten & Loening, Berlin, 1967, S.373-375.

Siehe auch: Horst Schäfer, Hermann Kant – Die Zeit und die Zeit (ossietzky 12/2011)

Wo auch immer wir wohnen…

Ein sinnvolles Dasein ist ohne erfolgreiche Arbeit undenkbar, gleichzeitig können wir uns ein erfülltes Leben nicht ohne Geselligkeit und eine angenehm verbrachte Freizeit vorstellen. Dazu gehörten in der DDR aber auch unsere Lieder. Wer kennt noch das Lied der Weltjugend „Jugend aller Nationen, uns vereint gleicher Sinn gleicher Mut…“? Es erklang erstmals im Jahre 1947 zum I. Weltjugendfestival in Prag, das unter dem Motto stand: „Jugend der Welt, vorwärts für einen dauerhaften Frieden“. Als Teilnehmer waren 17.000 Jugendliche aus 71 Ländern angereist. Auch eine kleine Delegation der FDJ. Diese Jugendorganisation der späteren DDR bemühte sich, ihre Mitglieder zur Liebe und Achtung der Arbeit und im Sinne von Freundschaft, Frieden und Völkerverständigung zu erziehen.
Jugendbrigade
Teilnehmer aus Leningrad, Nowosibirsk, Karlovy Vary, Budapest und verschiedenen Orten der DDR im Internationalen Studentenlager „Drushba“ im Kreis Pößneck (Foto: Liebers, aus: Vom Sinn unseres Lebens, Berlin, 1983, S.237)

In ihren Erinnerungen an die Jugendzeit in der DDR schreibt Ursula Münch folgendes:

Für den größten Teil der Jugendlichen bedeuteten die Enthüllungen über die Verbrechen des Faschismus einen ungeheuren Schock. Die meisten hatten im Krieg oder in der ersten Nachkriegszeit jedoch selbst Schlimmes erlebt. Sie gingen oft einen steinigen Weg, bis sie zu Ursache und Wirkung vordrangen und das eigene Leid an den unvorstellbaren Leiden der zuvor von Deutschen gequälten und getöteten Abermillionen Menschen messen konnten. Diese Erkenntnisse wirkten danach allerdings jahrzehntelang und wirken bei den meisten noch heute. Wer dies ignoriert, dem bleiben natürlich nur Vokabeln wie „Zwang“ oder „Manipulation“ zur Erklärung eines ostdeutschen Phänomens: der ehrlichen Begeisterung vieler Tausend Jugendlicher, sich unter dem blauen Banner der FDJ nicht nur für den raschen Wiederaufbau im eigenen Lande, sondern auch für bestmögliche Wiedergutmachung als Voraussetzung für dauerhaften Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. [1] (ganzen Text lesen…)

Und so begann eine neue Zeit. Also von wegen „Zwang“ oder „Manipulation“ – es war einfach eine schöne Zeit. Eine Zeit voller Enthusiasmus und und voller Aufbruchstimmung. Nicht ohne Sorgen freilich, doch anderer als wir sie heute kennen; existentielle Sorgen gab es in der DDR nicht. Und begleitet haben uns dabei immer unsere Lieder der FDJ und der Arbeiterklasse. Eines der schönsten und wichtigsten aller Lieder war das Weltjugendlied:

Jugend aller Nationen,
uns vereint gleicher Sinn, gleicher Mut.
Wo auch immer wir wohnen:
Unser Glück auf dem Frieden beruht.
In den düsteren Jahren
haben wir es erfahren:
Arm war das Leben,
wir aber geben
Hoffnung der müden Welt.
Unser Lied die Ländergrenzen überfliegt:
Freundschaft siegt! Freundschaft siegt!
Über Klüfte, die des Krieges Hader schuf
klingt der Ruf, klingt der Ruf:
Freund, reih‘ dich ein,
daß vom Grauen wir die Welt befrei’n!
Unser Lied die Ozeane überfliegt:
Freundschaft siegt! Freundschaft siegt!
[2]

Und hier ist das Lied:
Weltjugend1
Weltjugend2
Weltjugendlied [3]

Quelle:
[1] siehe: GNN-Verlag, Schkeuditz. http://www.spurensicherung.org
[2] Frisch auf singt all ihr Musisci, Lehrbuch Musik 7. und 8.Klasse, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1965, S.14-16.

[3] siehe: Советская музыка. http://www.sovmusic.ru/download.php?fname=weltjuge

Sag mir wo du stehst…

JudasFür wen arbeitest Du, Judas Ischariot?

Viele Menschen in den entwickelten kapitalistischen Ländern glauben an gar nichts mehr. Sie verrichten ihre Arbeit (sofern sie eine haben!), sie wollen sich aus allem heraushalten und – wenn es irgendwie geht – am liebsten „neutral“ bleiben. Bis auf einige vielleicht, die sich empören. Wie in Griechenland, Portugal, Rußland, Spanien oder kurzzeitig mal auch in Stuttgart. Doch diese werden dann als „Wutbürger“ beschimpft, und man droht damit (wie in eben Stuttgart), sie „zur Kasse zu bitten“. Als ob man das nicht ohnehin schon tut…

Doch kann sich „neutral“ verhalten? Nein, das kann man nicht. Auf irgendeiner Seite steht man immer. Was bedeutet es nun, Partei zu ergreifen und für seine Überzeugungen einzustehen? Es ist das Verdienst von Marx, Engels und Lenin, den Begriff der Parteilichkeit in die Philosophie eingeführt zu haben. Die Gesellschaftswissenschaft hat gezeigt, daß alles was der Arbeiterklasse nützt, auch im Interesse der Menschlichkeit ist. Was also dem Proletariat nützt, das ist prinzipiell im Interesse der gesamten Menschheit.

Was versteht man unter Parteilichkeit?

Parteilichkeit ist in der heutigen Klassengesellschaft ein Wesenszug aller Formen des gesellschaftlichen Bewußtseins. Da aber das gesellschaftliche Bewußtsein vom gesellschaftlichen Sein bestimmt wird, kann es in unserer Gesellschaft kein einheitliches Bewußtsein geben. Unter diesen Bedingungen wird es immer unterschiedliche Ansichten und antagonistische Widersprüche geben. Denn die Gesellschaft ist gespalten, und die Menschen werden von der Bourgeoisie beeinflußt, und sie sind manipuliert. Das betrifft den einfachen Arbeiter ebenso wie den Wissenschaftler.
LeninKann man sich heute aus allem heraushalten?

In der ganzen Geschichte der menschlichen Gesellschaft ergreifen die Menschen – bewußt oder unbewußt – praktisch Partei. Auch scheinbare Neutralität, Gleichgültigkeit gegenüber dem Kampf der Parteien, ist parteilich; sie erweist sich als stillschweigende Unterstützung der herrschenden Klassen. Neutralität ist in einer in Klassen gespaltenen Gesellschaft unmöglich. Das parteiliche Handeln der Menschen wird in der Ideologie – wenn auch oft ungenau – widergespiegelt. Das parteiliche Denken der Menschen jedoch ist eine kompliziertere gesellschaftliche Erscheinung als das parteiliche Handeln, denn die Ideologie ist keine direkte, unmittelbare Widerspiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Nur wer die Spielregeln durchschaut, kann sich richtig entscheiden

Solange den Menschen die Einsicht in die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft fehlt, ist das Abbild der realen gesellschaftlichen Vorgänge im gesellschaftlichen Bewußtsein mehr oder weniger verzerrt. Jede Gesellschaftsklasse hat ihre besondere Weltanschauung. In allen antagonistischen Klassengesellschaften ist es das Anliegen der Ideologen der herrschenden Klassen, das Privateigentum zu rechtfertigen. Dadurch wird der Anschein erweckt, als gebe es zeitlose philosophische Ideen, die nicht vom Wandel der Gesellschaft berührt werden. Diese Tatsache kommt den bürgerlichen Ideologen bei ihrer Eigentums und Staatsapologetik entgegen: Staat und Eigentum sind scheinbar in der menschlichen Natur begründet und entsprechen ihr. (…) Die Ideologen vertreten stets die Interessen einer bestimmten Gesellschaftsklasse, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht.

Was ist denn nun die reine Wahrheit?

Es ist bürgerlicher Klassensubjektivismus, wenn die bürgerlichen Ideologen vorgeben, unparteiisch nur der objektiven Erforschung der reinen Wahrheit zu dienen. Diese Pseudo-Objektivität wird Objektivismus genannt. Er ist das Gegenteil von echter Objektivität. Objektiv an die Dinge herangehen heißt sie so erfassen, wie sie wirklich sind, ohne Rücksicht auf besondere Interessen, ohne sie durch Klassensubjektivismus zu verzerren. (…)

Wer vertritt eigentlich die Interessen der arbeitenden Menschen?

Die Aufdeckung der Wahrheit über die Gesellschaft entspricht den objektiven Interessen der Arbeiterklasse, da sie historisch als die Interessenvertreterin der Menschheit und die Vollstreckerin der geschichtlichen Notwendigkeit auftritt. Daher fällt die proletarische Parteilichkeit nicht nur mit echter Objektivität zusammen, sondern bildet geradezu eine Voraussetzung für die wahre Erkenntnis der gesellschaftlichen Zusammenhänge. Es ist das wissenschaftliche Verdienst von Karl Marx und Friedrich Engels, die historische Rolle der Arbeiterklasse erkannt und die neue Philosophie auf den Boden dieser Klasse gestellt zu haben.

Die Kommunisten sprechen die Wahrheit offen aus

Die Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften hat bewiesen, daß nur vom Klassenstandpunkt der Arbeiterklasse aus die gesellschaftlichen Tatsachen wissenschaftlich erfaßt werden können. Die marxistische Philosophie unterscheidet sich bezüglich ihrer Parteilichkeit von den bürgerlichen Philosophien dadurch, daß sie ihre Parteilichkeit offen ausspricht…

Quelle:
Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1965, S.482-484 (Zwischenüberschriften von mir – N.G.)

Nachtrag:
Kürzlich war irgendwo zu lesen, daß ein bürgerlicher Wissenschaftler eine neue Theorie aufgestellt habe, in der er behauptet, daß die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in der Struktur der Gesellschaft auf deren ethnische Zusammensetzung zurückführen seien. Das ist natürlich Unsinn! Und es lohnt sich nicht, darüber nachzudenken. Man muß nur einfach zwei Dinge auseinanderhalten: Die Wissenschaft (die Theorie) und den Intellekt des Gelehrten (know how) einerseits und die Gesellschaft bzw. den Nutzen der Wissenschaft für die Gesellschaft (cui bono?) andererseits. Denn auch die Wissenschaft ist eine parteiliche Angelegenheit!

M.W.Lomonossow (1711-1765), zum Beispiel, war ein russischer Gelehrter. Er arbeitete in seinem Land und für sein Land. Er studierte in Freiberg und in Marburg, aber er kehrte nach Hause zurück und gründete in Moskau eine Universität. Das war vor knapp 300 Jahren so. Heute werden die Wissenschaftler eingekauft (braindrain). Sie kosten für denjenigen, der ihr Wissen nutzen will, nicht mehr als ein Werkzeug. Und so ist es auch nicht verwunderlich, daß diese Wissenschaftler, diese Fachkräfte – wie viele andere Menschen auch – heute keine Heimat mehr haben. Müssen wir nicht die Schuld für einen solchen Verrat zuerst bei denen suchen, die ihre Arbeitskraft und ihre Heimat für ein paar Silberlinge an die Imperialisten verkauft haben???