Hermann Kant – Die Aula

Es gehörte damals zu meinen wertvollsten Büchern. Wir lasen es in der Schule, auf der Parkbank und dann zu Hause auf der Couch. DIE AULA. Hermann Kant war unser Vorbild. Einige Zeit hatten wir ähnliche Sprüche drauf, benutzten einige seiner schlauen Vokabeln, lasen bei Marx und Lenin nach. Und wir diskutierten. Endlos. An den Straßenecken bei Heimgehen, in der Kneipe und nach der Abendschule. Die „Aula“, Goethes „Faust“, (nicht nur mathematische) Kurvendiskussionen und die bestimmten Integrale – das waren damals so unsere Themen. Die Hefter hatten schon einige Eselsohren, und ab und zu befand sich darin auch ein Spickzettel. Achso, und was ist eine morganatische Heirat???
Hermann_Kant
Hermann Kant – Genosse, Weggefährte, Sprachgenie. Am 14. Juni 2011 bist Du 85 Jahre alt geworden. Welch ein Leben! Du wirst, das hoffen wir, eines Tages auch unseren Kindern und Enkeln zeigen, wie es damals war. Wie es war, als wir jung waren. Vielleicht werden sie dann besser verstehen, was uns verbindet mit dieser DDR. Dafür schon heute unseren Dank. Und vielleicht hat der eine oder andere nun auch wieder Lust zum Lesen, denn …

Heine
… Danach begann für Robert Iswall ein anderes Leben, an einem anderen Ort, mit anderen Aufgaben und anderen Schwierigkeiten; es begann eine Arbeit, bei der man Mathematik, Physik, Chemie, Biologie und Geographie vergessen durfte und Platz in seinem Kopf schaffen mußte für neue Daten und neue Begriffe; ein Studium begann, und man erfuhr, daß man bis dahin nur die äußersten Spitzen der Eisberge gesehen hatte und auch das nur in einem neblichten Augenblick. Es gab kein Zimmer „Roter Oktober“ mehr und keinen Heimleiter Meibaum, man mußte mit Wirtinnen um Wattstunden kämpfen, man floh vor der einen, weil ihre Erinnerungen wichtiger waren als des jungen Mannes Referat über die „Wahlverwandtschaften“ und weil sie dem jungen Manne zu sehr nach Frauenschaft und Blockflöte klangen, und dann kam man zu einer, die es mit Wilhelm dem Zweiten hatte und den Eierpreisen zu seiner Zeit, und auf diese folgte eine, die eigentlich nicht an Ehepaare vermietete und die Ansicht nicht verbarg, daß eine Studentenehe kaum weniger windig sei als eine morganatische Heirat.

Die neue Stadt war ein Riesenreich, das erkundet werden mußte; mit der S-Bahn um den Ring für zwanzig Pfennig, wenn es gutging, und für fünf Mark, wenn man sich erwischen ließ; zu Kuß nach Alt-Kölln und durch den Tiergarten, durch Moabit und den Wedding, über den Alex und die Schönhauser hinunter nach Pankow; mit der Straßenbahn nach Johannistal und, damals noch, nach Lichterfelde, Amis besichtigen, und die Franzosen in Tegel und Schottenröcke in Spandau-West und die Penner in Kreuzberg; mit dem Rad in die Müggelberge und bis nach Staaken rüber und durch Dahlem und Frohnau – „warum hat Old Joe eigentlich nicht diesen Teil genommen, sieht doch viel lustiger aus als das gammelige Karlshorst, findest du nicht auch, Vera?“ – „Vielleicht ist er nicht so für lustig.“

Das stellte sich in der Tat eines Tages heraus, auch dies in den Jahren zwischen Trullesands Winken von der Gangway und dem Abend über eingerissenen Bildern aus längst vergangener Zeit, aber bevor die Rede war von Blut und Eismeerkälte und erstickten Liedern, ging sie noch lange von der Schlacht bei Zarizyn und bewässerten Wüsten und den endlich gelösten Rätseln der Sprachwissenschaft, und schon in Versammlungen mittlerer Größe wählte man Ehrenpräsidien, denen ER vorsaß, und im Kino klatschte man, wenn ER auf dem Trittbrett des Panzerzuges vorbeifuhr, zuerst noch in Lederjacke, später in goldgebordetem Weiß, um einem der vielen Kämpfe die entscheidende Wende zu geben, und dem Provokateur ging man an den Hals, der einem mit dem angeblichen Testamente Lenins kam. Man las Gryphius und Stalin in diesen Jahren, die „Hamburgische Dramaturgie“ und den Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU ( B ), „Hyperion“, den „Grünen Heinrich“ und den „Goldenen Topf“ und dazu die Reden Shdanows, aber auch die „Heilige Familie“ und den „Empiriokritizismus“, und später las man eine Weile, wenn man sich zur Kategorie des Typischen zu äußern hatte, bei Malenkow nach, und zum Volkstümlichen fanden sich theoretische Begriffe wie praktische Beispiele bei Nikita Sergejewitsch, aber das war schon wieder etwas später.

Man saß in Seminaren über den „West-Östlichen Diwan“ und forderte Charlottenburger Milchhändler auf, SED zu wählen, buddelte auf den Seelower Höhen Kartoffeln und hörte fakultativ über Phonetik, stritt sich mit FU-Studenten bis zur Polizeistunde um ein einziges Wort, um das Wort Freiheit beispielsweise, und sah sechsmal den „Kaukasischen Kreidekreis“ und noch öfter die Weigel als Mutter Courage. Man hatte Zwischenprüfungen und am Ende ein Großes Examen, schrieb Seminararbeiten und Flugblätter und eines Tages seinen ersten Artikel als Redakteur, empfing Stipendium und dann Gehalt, wurde Parteigruppenorganisator und auch Vater, fuhr zum Pfingsttreffen und zum KPD-Prozeß, erschrak bis ins Herz bei Stalins Tod und noch tiefer bei Chrustschows großer Rede, kaufte mit neunundzwanzig Jahren seine erste Schallplatte und bekam mit fünfunddreißig einen Orden.

Langsam vergaß man im Rauch von Klingenberg den Boddenwind, vergaß unterm Katheder der Koryphäen den Alten Fritzen, vergaß im Hotel Newa die Mensa academica, vergaß auf der Karl-Marx-Alle die Robert-Blum-Straße, vergaß in der neuen Wohnung das Zimmer „Roter Oktober“, vergaß über der Augenärztin Vera Iswall den Zimmermann Gerd Trullesand. Vergaß und vergaß auch nicht. Wer laufen kann, denkt nicht mehr an die Zeit, in der er es lernte, aber manchmal sieht er die Narben an Knie und Kinn. …

aus: Hermann Kant, Die Aula, Rütten & Loening, Berlin, 1967, S.373-375.

Siehe auch: Horst Schäfer, Hermann Kant – Die Zeit und die Zeit (ossietzky 12/2011)

11 Gedanken zu “Hermann Kant – Die Aula

  1. Egal, was man sonst noch über ihn sagen mag, schreiben kann er. (Reich-Ranicki)

    Ich hatte nichts gegen das „Regime“. (Oder so ähnlich – Hermann Kant) 😉

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  2. Guten Morgen,

    die OTZ schrieb am 23.01.1999: „Zu einem literarischen Hochgenuß gestaltete sich die Lesung von ‚Wie ich mein Ende umbestellen ging‘. Kant erwies sich wieder als Meister der deutschen Sprache und der Fabulierkunst. Das zahlreiche Publikum lauschte dem Vortrag mit sichtlichem Vergnügen. Kein Wunder, daß Kant im Anschluß an die Lesung noch etliche Bücher signieren mußte…“

    Und weiter Kant in diesem OTZ-Bericht: „…Mit Kunze habe ich, wie mit anderen, so manchen polemischen Streit ausgetragen, und im Streit war ich ja auch nicht immer fein.
    Allerdings bewundere ich den ungeheuren Mut einiger Greizer, im stillen Kämmerlein flammende Leserbriefe zu verfassen, aber die persönliche Auseinandersetzung mit mir zu scheuen. Abschließend, ich lasse mich durch solche Themen nicht abdrängen und mache weiter meinen Beruf, nämlich Bücher schreiben.
    Übrigens wurde meine ‚Aula‘ soeben von der Bundeszentrale für politische Bildung und einer Bertelsmann-Stiftung in die Liste der 100 Romane des 20. Jahrhunderts aufgenommen.“
    Wer um Himmels Willen ist Kunze?

    Stark bleiben!

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  3. Hallo Bruttoertrag,
    danke für den interessanten Kommentar. Es ist ja nicht nur die Aula. Und – diese Heuchler! Nun mußten sie einem der größten DDR-Schriftsteller eingestehen, daß er literarische Fähigkeiten hat. Hermann Kant hat nie die Auseinandersetzung gescheut. Und das ehrt ihn. Er ist eben Kommunist, und noch dazu ein begabter!!!! Da mögen die anonymen Briefschreiber und so ein unbedeutender „Dichter“ noch so herumzetern, ihr Lügengespinst hat Löcher…
    Norbert.

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  4. „Ich habe nicht gezählt, wie oft ich gefragt wurde, warum ich bei der Sache blieb, ihr nicht einfach anhing, sondern ihr, wo nötig, voranging. Ich zähle auch weiterhin die Antwort nicht; sie ist gegeben. In hohem Ton: Weil ich die Sache nicht mit dem Makel verwechselte und meinte, ich könnte jene von diesem befreien. Leiser Zusatz, nicht für jeden bestimmt: Und weil ich eine andere Sache weder sah noch sehe.“ (Hermann Kant in „Die Sache und die Sachen“)

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  5. Die Vorbemerkung kann ich gut nachvollziehen. „Die Aula“ hat auch mir als BRD-Bürger, der ich die DDR per Augenschein bloss von einigen Delegationsreisen kannte, näher gebracht. Für viele junge westdeutsche Kommunisten wr das damals ein ganz wichtiges Buch.
    Es gibt ja eine lange Liste von DDR-Literatur, die zum Besten zählt, was in deutscher Sprache jemals hervorgebracht wurde. Kant steht sicher auf dieser Liste.

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    1. Das Innenleben der DDR wurde eben genau durch jene intelligente Sicht auf Dinge widergespiegelt, wie man es bei H.Kant lesen konnte. Das Witzige, wie auch das Problematische – aber immer mit einem Blick für das Neue, das Machbare, das Großartige…

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  6. Hallo Genosse Norbert,
    Mache doch Humboldt nicht traurig.!Lassen wir „Die Aula“ für was es ist: ein literarisch-geschichtlicher Zeitzeuge, genauso wie „Der geteilte Himmel“ von Chr. Wolf. Aber darüber hinaus: Hermann Kant konnte ich nie leiden.
    Ich staune daß ausgerechnet Du in als Modell „Kommunist“ über den grünen Klee lobst. Er war ein wenn auch gebildeter, eingebildeter, langweiliger pedantischer Mensch und vor allem Spitzenreiter der moderne Revisionisten und Bürokraten an der Macht. Mein „Ja“ zur DDR, aber Herman Kant? Nein, danke!
    Ich hoffe auf bessere Beiträge in Sascha’s Welt.
    Mit sozialistischen Gruß,
    Nadja

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