Null-Bock-Stimmung – oder: macht Geld faul?

Motivation im Kapitalismus

Angeregt durch einen kurzen Beitrag über Motivation und Belohnung („Lohn macht doof“) wollen wir einmal der Frage nachgehen, welche Bedeutung die Motivation überhaupt in unserem Leben hat. Ist es tatsächlich so, daß Belohnung und Bezahlung anstatt die Leistungsbereitschaft zu steigern, eher das Gegenteil bewirken? Stimmt es, wenn bürgerliche Autoren behaupten, daß derjenige, der für seine Arbeit bezahlt wird, unwillkürlich zu der Schlußfolgerung kommt, daß er „nicht um der Sache selbst willen arbeitet, sondern nur für’s Geld“? [1]

Sind Belohnungen oder Lohnerhöhungen eigentlich unnötig?

Das wäre ja günstig für die kapitalistische Wirtschaft, da man auf diese Weise massenhaft unbezahlte (sogenannte „ehrenamtliche“) Arbeitskräfte rekrutieren und ihnen den verdienten Lohn vorenthalten könnte. Dann wären sämtliche gewerkschaftlichen Lohnkämpfe um eine gerechtere Entlohnung eine reine Farce; man bräuchte lediglich für etwas mehr Motivation zu sorgen, und schon wären alle Probleme gelöst. Und letztenendes hätten wir sogar eine passende Erklärung für gewisse Unzulänglichkeiten beim „System der ökonomischen Hebel“ im Sozialismus. Macht Geld faul? Nein, das ist geradezu lächerlich! Eine solche Schlußfolgerung ist unwissenschaftlich, weil sie die konkreten historischen Bedingungen und insbesondere die Klassenfrage außer Acht läßt. Und darum hat Mechthild Mühlstein auch recht, wenn sie schreibt: „In der derzeitigen Gesellschaft jedoch hat der Mensch exakt einen Grund zu arbeiten: er muß zusehen, daß er sich Geld verschafft, weil ihm sonst selbst Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten – z.B. Wohnung, Trinkwasser, Essen – vorenthalten werden…“ [2] (gemeint ist hier sicherlich der Arbeiter, Bauer, Angestellte usw.!)

Der bürgerliche Motivationsbegriff

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Daher ist auch seine Motivation im wesentlichen sozial bedingt, d.h. sie ist abhängig von der jeweiligen Gesellschaftsordnung, in der er lebt, und von der Klasse, welcher er angehört. Und so gibt es für den Begriff der Motivation auch unterschiedliche Erklärungen: „Bürgerliche Motivtheorien, die zum großen Teil durch Freudsches Gedankengut beeinflußt sind und generell von idealistischen Modellen des Menschen ausgehen, behaupten die Existenz prinzipiell der Selbsterkenntnis unzugänglicher und unkontrollierbarer Triebe, Instinkte und unbewußter Seelenvorgänge, die den Menschen mehr oder weniger beherrschen und unterwerfen. Unbewußtes seelisches Geschehen wirke nicht nur in Ausnahmefällen, sondern beeinflusse das ganze bewußte Leben weitgehend mit Vorgängen, über die sich der Mensch keine Rechenschaft abzugeben vermöge. Die Hauptursachen für das Verhalten, für Entscheidungen und Handlungen werden in triebhaften Kräften, in unbewußten Süchten und Stimmungen, in elementaren Lebensimpulsen, in einer nicht steuerbaren Motivation gesehen. Der Mensch handelt nach diesen Auffassungen im wesentlichen aus ihm selbst unbekannten Gründen, denen er ausgeliefert sei.“ [3]

Was sind nun die wahren Beweggründe des Handelns?

Jede Tätigkeit – Arbeit, Lernen oder Spiel – ist auf bestimmte Ziele oder Aufgaben gerichtet. „Wenn sich ein Mensch dieses oder jenes Ziel steckt“, so schreibt B.M.Teplow, „wird er immer von bestimmten Motiven, von bestimmten Antrieben geleitet. Das Aufstellen eines Zieles kann nicht ohne Ursache erfolgen. Irgend etwas muß den Menschen veranlassen, seine Tätigkeit auf ein gegebenes Ziel zu richten. Ein Motiv ist das, was den Menschen zur Aufstellung dieser oder jener Ziele anregt. Ohne Kenntnis der Motive kann man nicht verstehen, warum ein Mensch nach dem einen und nicht nach dem anderen Ziel strebt. Folglich kann man auch nicht den wahren Sinmn seines Handelns verstehen.
Die erste Anregung zur Tätigkeit ist das Bedürfnis, das heißt der von dem Menschen empfundene Bedarf an etwas. Man kann materielle Bedürfnisse – Bedürfnis nach Nahrung, Kleidung, Wohnung usw. – und geistige oder kulturelle Bedürfnisse – Bedürfnis nach Umgang mit Menschen, Bedürfnis nach Bildung, nach einem Buch, nach Musik usw. – unterscheiden.“
[4]

Weitreichende Motivierungen

Wer sich nur auf die direkt vor ihm liegenden Aufgaben konzentriert, der
wird bei Niederlagen schnell die Flinte ins Korn werfen. Und noch einmal Teplow [5]:
Motivierung
An dieser Art der Motivierung zeigt sich auch, was wahrhafter Heroismus ist:
„Noch niemals hat die Geschichte der Menschheit einen solchen Massenheroismus, solche Heldentaten des Mutes, so grenzenlose Liebe zum Vaterland gesehen, wie sie die Sowjetmenschen in den Tagen des Großen Vaterländischen Krieges und in den Tagen des friedlichen Aufbaus gezeigt haben. Die entscheidende Vorbedingung für die Entwicklung aller dieser Eigenschaften war die Weltanschauung der bolschewistischen Partei in deren Geist das Bewußtsein des fortschrittlichen Sowjetmenschen wuchs, erzogen und entwickelt wurde.“ [6]

Der Subbotnik – ein versteckter Zwang?

Waren die sozialistischen Subbotniks, unsere Kartoffeleinsätze während der Semesterferien, die freiwilligen NAW-Einsätze [7] der Bürger im Wohngebiet oder waren die Sonderschichten zu Jahrestagen nur ein versteckter Zwang des „totalitären Regimes“ der DDR? War das die kostenlose Ausbeutung der Arbeitskraft im Sozialismus, oder ging es hier um ein neues Gemeinschaftsgefühl, ging es um neue, sozialistische Denk- und Verhaltensweisen? War dies der Weg „vom ICH zum WIR“? Und warum gibt es auf der anderen Seite nicht nur unter den Jugendlichen in der BRD heute oft eine so weit verbreitete Gleichgültigkeit? „Wer die Arbeit kennt, und sich nicht drückt, der ist verrückt“, sagte schon der Großvater, welcher noch die Nazizeit miterlebt hatte – ein alter Spruch aus der Kaiserzeit. Sind Hartz-4-Empfänger also wirklich zu faul zum Arbeiten??? Die Frage beantwortet sich von selbst. Wenn bürgerliche Demagogen also hier zu derartigen Schlußfolgerungen kommen, so heißt das noch lange nicht, daß ihre Theorien richtig sind.

Unter sozialistischen Bedingungen, wo der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privatkapitalistischer Aneignung der Ergebnisse der Arbeit entfällt, gibt es keine Rechtfertigung für Faulheit. Im Gegenteil – die Arbeit verwandelt sich „aus einer schimpflichen und schweren Last, als die sie früher galt, in eine Sache der Ehre, in eine Sache des Ruhmes, in eine Sache der Tapferkeit und des Heroismus. In kapitalistischen Ländern gibt es nichts Derartiges, und kann es nichts Derartiges geben. Dort … ist es das Erstrebenswerteste, … im Besitz einer Rente zu sein, von Zinsen zu leben, frei zu sein von Arbeit, die als eine schimpfliche Beschäftigung gilt“. [8]

Zitate:
[1] N.Westerhoff, Geld macht faul, in: Südddeutsche v. 02.09.2009
[2] 1-Euro-Blog: „Lohn macht doof“
[3] Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie, Dietz Verlag, Berlin, 1969, S.299.
[4] B.M.Teplow, Psychologie, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1957, S.175.
[5] B.M.Teplow, a.a.O., S.194.
[6] B.M.Teplow, a.a.O., S.214.
[7] NAW: das Nationale Aufbauwerk, eine (freiwillige) volkswirtschaftliche Masseninitiative in der DDR
[8] J.W. Stalin, Politischer Bericht des Zentralkomitees an den XVI.Parteitag der KPdSU( B ), in: Werke, Bd.12, S.276.

2 Gedanken zu “Null-Bock-Stimmung – oder: macht Geld faul?

  1. Hallo Genosse Norbert,

    Danke. Ein sehr gelungener Beitrag, das erfreut mich besonders.

    Viele liebe Grüße an meine sehr bewunderte Freundin Mechthild Mühlstein.

    Mit sozialistischen Gruß,

    Nadja

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  2. Lohnarbeit im Kapitalismus ist durch Geld, Geldbedarf, Geldnot, Armut, allgemeine Besitzlosigkeit an Produktionsmitteln, Immobilien, sonstigen Lebensmitteln aller Art erzwungene Zwangsarbeit.
    Damit diese einfache und schlichte Tatsache niemals klar und deutlich, ungeschminkt in das Bewusstesein der Lohnabhängigen, der gewöhnlichen Proletariermassen eindringen kann, wurde und wird zwecks Bewusstseinsvernebelung dieser modernen „freien“ Arbeitssklaven in endlosen Variationen ein völlig verlogener heuchlerischer bürgerlicher „Arbeitsbegriff“ kultiviert und propagiert.
    Heuchlerisch werden der „Arbeit“(niemals: Lohnarbeit!) alle möglichen „Bedeutungen“ angedichtet, wird sie heuchlerisch über allen grünen Klee gelobt und gefeiert gerade von jenen Besitzbürgern und deren gutbestallten Ideologen, Lakaien, Hofnarren, welche selbst um jede Arbeit als „unangenehme“ Lohnarbeit seit sie denken können kontinuierlich die größten Bogen machten, es ja nie „nötig“ hatten.
    Man muss sich mit dem bürgerlichen „Arbeitsbegriff“ nicht länger aufhalten.

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