China und die Zukunft – Hatte Sun Yatsen recht?

SunYatsenSun Yatsen (1866-1925)

Von Sun Yatsens Weltanschauung sagte Lenin, sie sei „wirklich die große Ideologie eines wirklich großen Volkes, das sein jahrhundertealtes Sklaventum nicht nur beklagt, von Freiheit und Gleichheit nicht nur träumt, sondern es auch versteht, gegen die jahrhundertealten Unterdrücker zu kämpfen“. [1] Sun Yatsen war zu seiner Zeit wohl die meistumstrittenste Persönlichkeit in China. Dieser Streit trug auch damals schon unmittelbar politischen Charakter und reicht bis in unsere Gegenwart. Lenin stellte auch die Frage, ob das auf Grund der volkstümlerischen Theorie von Sun Yatsen entwickelte Agrarprogramm tatsächlich reaktionär sei. Und er antwortete darauf: „Die Ironie der Geschichte besteht darin, daß die Volkstümlerrichtung im Namen des ‚Kampfes gegen den Kapitalismus‘ in der Landwirtschaft ein Agrarprogramm vertritt, dessen volle Verwirklichung die schnellste Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft bedeuten würde… Ob und in welchem Maße das gelingt, das ist eine andere Frage…“ [2] Bei gleichzeitiger Kritik an den kleinbürgerlichen Utopien und den reaktionären Anschauungen Sun Yatsens wird sich wahrscheinlich, so meinte Lenin, mit der Herausbildung des Proletariats auch der „revolutionär-demokratische Kern“ seines politischen Programms herausheben, bewahren und weiterentwickeln. Wir sehen also, daß es durchaus eine gewisse Kontinuität in der Entwicklung der VR Chinas gibt…

Sun Yatsen
Die internationale Entwicklung Chinas
Ein Plan zur Hilfe für die Wiederherstellung der Nachkriegsindustrie
(1919)

Kriegsindustrie

Schätzungen besagen, daß die Ausgaben der kriegführenden Nationen während des letzten Jahres des Weltkrieges täglich zweihundertvierzig Millionen Golddollar betrugen. Nach vorsichtigsten Schätzungen ist allein die Hälfte dieser Summe für Munition und anderes Kriegsmaterial ausgegeben worden, das sind hundertzwanzig Millionen Golddollar. Betrachten wir diese Aufwendungen einmal vom kommerziellen Standpunkt. Das Schlachtfeld ist der Markt für diese neuen Industrien und die Soldaten ihre Konsumenten. Für ihre Belieferung mußten verschiedene Industrien umgestellt und viele neue geschaffen werden. Um diese Kriegsproduktion tagtäglich steigern zu können, mußten die Völker in den kriegführenden Ländern und sogar in den neutralen Staaten sich mit dem Allernotwendigsten für das Leben begnügen und auf jeglichen Komfort und Luxus verzichten.

Die zweite industrielle Revolution

Jetzt ist der Krieg beendet, und der Absatzmarkt für das Kriegsmaterial ist damit geschlossen, hoffentlich für immer – zum Wohle der Menschheit. So stehen wir jetzt vor dem Problem, die Wirtschaft umzustellen. Zuerst muß man sich mit dem Wiederaufbau in den verschiedenen Ländern befassen, dann wird die Versorgung mit Luxusartikeln wiederaufgenommen werden. Bedenken wir, daß täglich hundertzwanzig Millionen Dollar für den direkten Kriegsbedarf ausgegeben wurden, könnten wir annehmen, daß für die beiden erwähnten Zwecke die Hälfte dieser Summe aufgewendet wird, das sind sechzig Millionen Dollar je Tag. Dann verbliebe uns ein Überschuß von täglich sechzig Millionen. Außerdem wollen die vielen Millionen Soldaten, die während des Krieges nur Konsumenten waren, jetzt wieder Produzenten werden. Ferner wird die Vereinigung und Nationalisierung aller Industrien, die ich zweite industrielle Revolution nennen möchte, weitreichender sein als die erste, in der die manuelle Arbeit durch Maschinenarbeit ersetzt wurde.

Probleme mit der Nachkriegsproduktion

Diese zweite industrielle Revolution wird die Produktivität der menschlichen Arbeit im Vergleich zur ersten industriellen Revolution um ein mehrfaches erhöhen. Folglich wird die auf das Konto des Weltkrieges gehende Vereinigung und Nationalisierung der Industrie den Wiederaufbau nach dem Kriege weiter komplizieren. Man bedenke, daß der neue Handel in Höhe von sechzig Millionen Dollar täglich oder 21,9 Milliarden Dollar jährlich, der durch den Krieg begonnen wurde, plötzlich gestoppt wird, wenn Friede geschlossen ist. Wo in aller Welt können Europa und Amerika einen Markt finden, der diese enormen Summen nach dem Kriege konsumiert? Wenn diese Milliardensummen aus der Kriegsindustrie beim Wiederaufbau nach dem Kriege keine Anwendung finden, werden sie zu einem reinen ökonomischen Verlust. Im Ergebnis dessen werden nicht nur die ökonomischen Bedingungen der produzierenden Länder beeinträchtigt, sondern die gesamte Welt wird große Verluste erleiden.

Neue Handelsbedingungen für China

Alle Handelsnationen blicken auf China als den einzigen „dumping ground“ für ihre Überproduktion. Die Handelsbedingungen waren vor dem Kriege für China unvorteilhaft. Der Import überstieg den Export jährlich um mehr als hundert Millionen Golddollar. Unter diesen Bedingungen konnte sich der chinesische Markt nicht ausdehnen, und Geld und Waren für den Austausch mit dem Ausland fehlten. Glücklicherweise sind die natürlichen Ressourcen Chinas groß, und ihre richtige Ausbeutung kann einen unbegrenzten Markt für die ganze Welt schaffen. Damit würde der größte Teil, wenn nicht sogar die Gesamtsumme der Kriegsindustrie, die Milliarden Dollar wert ist, unverzüglich für die Friedensindustrie nutzbar gemacht werden können. China ist ein Land, das noch immer manuelle Arbeit in der Produktion einsetzt und das noch nicht in das erste Stadium der industriellen Revolution eingetreten ist, während Europa und Amerika bereits das zweite Stadium erreicht haben. So muß China beide Stadien der industriellen Revolution gleichzeitig durchmachen, indem es Maschinen einführt und gleichzeitig die Produktion nationalisiert. China braucht Maschinen für seine riesige Landwirtschaft, seine reichen Bergwerke, den Aufbau unzähliger Fabriken, sein ausgedehntes Transportsystem und all seine öffentlichen Einrichtungen.

Dampfwalzen statt Kanonen

Betrachten wir, wie dieser neue Bedarf an Maschinen bei der Umstellung der Kriegsindustrie helfen kann. Werkstätten, die Kanonen produzieren, können leicht auf Dampfwalzen für den Straßenbau in China umgestellt werden. Werke, die während des Krieges Tanks bauten, können zur Produktion von Lastwagen übergehen, um den Transport von Rohstoffen, die sich überall in China finden, zu übernehmen. Und so kann die gesamte Rüstungsmaschinerie in ein friedliches Instrument für die allgemeine Hebung der verborgenen Reichtümer Chinas umgewandelt werden.
Kartenskizze ChinaKartenskizze Sun Yatsens über die Standorte der von ihm geplanten Häfen

Unser chinesisches Volk wird die Erschließung der Naturreichtümer unseres Landes begrüßen, wenn es vor der Korruption der Beamten bewahrt bleibt und wenn garantiert ist, daß für China wie für die mit ihm zusammenarbeitenden Länder der gegenseitige Vorteil gewahrt wird.

Ein gigantisches Aufbauprogramm für China

Einige Völker in Europa und Amerika könnten befürchten, daß die Entwicklung Chinas durch die Umstellung der Kriegsindustrie, der Kriegsorganisation sowie durch technische Spezialisten eine unerwünschte Konkurrenz für die ausländische Industrie hervorrufen könne. Deshalb schlage ich einen Plan für die Schaffung eines neuen Marktes in China vor, der sowohl für die chinesischen Produkte als auch für die Produkte des Auslandes aufnahmefähig ist. Dieser Plan sieht folgende Punkte vor (gekürzt – N.G.):

I. Entwicklung eines Kommunikationssystems
II. Bau von Handelshäfen
III. Aufbau moderner Städte mit öffentlichen Einrichtungen an allen Eisenbahnzentren und –endstationen und Häfen
IV. Ausnutzung der Wasserkraft
V. Errichtung von Eisen, Stahl- und Zementwerken größten Ausmaßes, um die Bedürfnisse, die sich aus den o.g. Projekten ergeben, zu befriedigen
VI. Entwicklung des Bergbaus
VII. Entwicklung der Landwirtschaft
VIII. Schaffung von Bewässerungsanlagen größten Umfangs in der Mongolei und Xinjiang
IX. Aufforstung in Zentral- und Nordchina
X. Kolonisierung der Mandschurei, der Mongolei, Xinjiangs, Qinghais und Tibets

Wenn das vorliegende Programm nach und nach verwirklicht werden könnte, würde China nicht mehr ausschließlich der „dumping ground“ ausländischer Waren sein, sondern wirklich der „wirtschaftliche Ozean“ werden, der alles überschüssige Kapital der Industrienationen so schnell aufnehmen kann, wie es in der kommenden industriellen Revolution durch die nationalisierte l Produktion erzeugt wird. Dann werden Konkurrenz und Handelskrieg in China wie auch in der ganzen Welt überwunden sein.

Eine Vision für die Zukunft?

Der letzte Weltkrieg hat der Menschheit gezeigt, daß der Krieg für beide Seiten, Sieger und Besiegte, verheerende Auswirkungen hat und besonders für den Aggressor schlecht ausgeht. Und was für militärische Auseinandersetzungen zutrifft, gilt um so mehr für wirtschaftliche. Da Präsident Wilson vorgeschlagen hat, einen Völkerbund zu gründen, um Kriege für die Zukunft auszuschließen, ist es mein Anliegen, den Handelskrieg durch die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe bei der Entwicklung Chinas zu beenden. Damit würde vielleicht die Hauptursache künftiger Kriege beseitigt. Die Welt hatte große Vorteile von der Entwicklung Amerikas zu einer Industrie- und Handelsnation. Ein entwickeltes China mit einer Bevölkerung von vierhundert Millionen würde in ökonomischer Beziehung eine zweite Neue Welt werden, und die Nationen, die sich an dieser Entwicklung beteiligen, würden gewaltige Vorteile davon haben. Außerdem würde eine solche internationale Zusammenarbeit den Geist der Brüderlichkeit der Menschen festigen. Und schließlich würde China, dessen bin ich sicher, zu einem Eckstein im Gebäude des Völkerbundes werden. (…)

Dieser Industrialisierungsplan, der in den vorangegangenen sechs Programmen grob skizziert wurde, ist ein Teil meines allgemeinen Planes für den Aufbau eines neuen China.

Kurz gesagt, es ist meine Vorstellung, mit Hilfe des Kapitalismus in China den Sozialismus aufzubauen, so daß diese beiden ökonomischen Kräfte der menschlichen Entwicklung Seite an Seite für die künftige Zivilisation wirken würden.

[1] W.I.Lenin, Werke, Bd.18, Berlin 1962, S. 153.
[2] ebd. S.157f.

Quelle:
SunYatsen, Reden und Schriften, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig, 1974, S.205-224.

siehe auch:
Kurt Gossweiler, Meine Sicht auf die Entwicklungen in der Volksrepublik China.
in: derentschlossene.blogsport.de – http://derentschlossene.blogsport.de/2013/01/29/meine-sicht-auf-die-entwicklungen-in-der-volksrepublik-china/
in: offensiv Jan./Febr.2009 – http://www.offen-siv.net/2009/09-01_Januar-Februar.shtml#i14

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