Die Sprache verrät den Feind

Mit drastischen Worten wies bereits Peter Hacks darauf hin, zu welchen Verwirrungen der falsche Gebrauch der Sprache, der Mißbrauch der Begriffe führt. Er schrieb: „Nachdem der Hirsch von Adam erfahren hatte, daß er ein Hirsch sei und die Ziege eine Ziege, hatte der Hirsch endlich aufgehört, die Ziege zu ficken.“ [1] Deshalb sei hier in aller Ausführlichkeit eine Analyse der Alltagssprache zitiert, wie sie auch heute noch (und in verschärftem Maße) in der BRD zu finden ist:

Der Klassenfeind setzt in seiner Sprachpolitik kontinuierlich die Linie fort, die seit jeher mit allen Mitteln sprachlicher Diversion gegen Sozialismus, Frieden und Fortschritt verfolgt wurde. Viele dieser Sprachbezeichnungen dienen der Tarnung der wahren Interessen und Ziele des Klassengegners, der Irreführung und Täuschung. Sie verfälschen die Wahrheit. Eine Reihe von ihnen ist zwar geschickt „verpackt“, bei genauerem Hinsehen jedoch verräterisch. Andere zeigen sich in ihrer haßerfüllten und brutalen Offenheit.

Die Nazipropaganda liefert das Vorbild

Der Klassengegner in Westdeutschland knüpft an die Praktiken der Nazipropaganda und an die „massenpsychologischen“ Rezepte eines Le Bon [2] an: Regierungskunst ist unter anderem die schwierige Kunst der Täuschung mit sprachlichen Mitteln. Nicht das Denken, sondern Vorurteile und unklare, negative Gefühle werden angesprochen, bestimmte Wörter und Wendungen fungieren als „Klingelknopf“, der beabsichtigte Vorstellungen und Gefühlsassoziationen wachruft – am besten so, daß die Menschen es nicht merken. Ihr ständiger Gebrauch in verschiedenen Zusammenhängen soll die Menschen im antikommunistischen Sinne und mit apologetischer Zielsetzung für die kapitalistische Gesellschaft manipulieren. Sie haben den Zweck, falsche Vorstellungen zu suggerieren, an Vorurteile anzuknüpfen, abzulenken sowie Gefühls- und Willenshaltungen zu erzeugen, die auf der Verfälschung der Wahrheit, auf Lüge und Verleumdung beruhen. Besonders die westdeutsche Haß- und Triebpropaganda zeigt diese Linie, in die bereits seit langem in Übereinstimmung mit dem Klassengegner die rechte Führung der westdeutschen Sozialdemokratie eingeschwenkt ist.

Auf die richtigen Begriffe kommt es an

Wir erinnern uns noch an die sprachlichen Prägungen der faschistischen Propaganda, die von „Novemberverbrechern“, „Erfüllungspolitikern“, der „Schmach von Versailles“ sprach, die Dolchstoßlegende benutzte, die Bezeichnung „System“ und „Systemzeit“ nur in verächtlichem Sinne gebrauchte, von „Schicksalsgemeinschaft“ faselte und mit Bezeichnungen wie „bolschewistische Untermenschen“ und anderen Brutalität und Zynismus verbreitete. [3] Wörter, deren Bezeichnungsfunktion eine ganz bestimmte Auffassung des Klassengegners übertragen sollen, sind heute unter vielen anderen: „Mitteldeutschland“; es soll den „Osten“ Deutschlands assoziieren, der verloren wurde und wiedergewonnen werden muß. Dieser Ausdruck dient also der revanchistischen Politik. „Oder-Neiße-Linie“; die Bezeichnung „Linie“ soll den provisorischen Charakter der Oder-Neiße-Grenze und damit den Anspruch auf die zu „befreienden Ostgebiete“ suggerieren, obwohl die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht. Moderne „Klingelknöpfe“ im Sinne Le Bons sind SP-Schillers „konzertierte Aktion“, „soziale Symmetrie“, „Planifizierung“ sowie Erhards „Wohlstandsgesellschaft“, „pluralistische Gesellschaft“ und andere.

Die geheimnisvolle Macht der Worte

Wie der Mechanismus dieser festen Prägungen wirken soll, wird uns deutlich, wenn wir die Funktion einiger Bezeichnungen genauer untersuchen. „Die freie Welt“ soll die Assoziation „unfreie Welt“ hinter dem „eisernen Vorhang“ auslösen. „Soziale Symmetrie“ soll dem Bürger die Vorstellung einer ausgewogenen, gerechten Verteilung der Soziallasten und Sozialleistungen aufdrängen. (…) Es wurde bereits erwähnt, daß Le Bon die Empfehlung gab: Bilder, Worte und Wendungen besitzen eine geheimnisvolle Macht, wenn sie „kunstgerecht“ angewandt werden, und Wörter, deren Sinn schwer zu erklären ist, seien oft die wirkungsvollsten. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist das Wort „Abendland“, ein Begriff, der bewußt unklar gehalten ist. Er soll die Tradition und Kultur des „Abendlandes“ – was dazu zu rechnen ist, läßt sich schwer sagen – im Gegensatz zum „Morgenland“ stellen, das nicht diese „ehrwürdige“ Kultur aufweisen kann oder gar mit „barbarisch“ assoziiert wird. Meist ist eine solche Unterscheidung gar nicht beabsichtigt, sondern nur eine noch unklarere und dumpfe Vorstellung vom Unterschied zwischen dem „freien“ „Abendland“ und der „anderen“ „unfreien“ Welt, womit das sozialistische Lager gemeint ist. In primitiver Verzerrung werden einfach die Vorstellungen „frei“ und „unfrei“ daran geknüpft. In einem derart bewußt unklaren Sinne werden auch „Demokratie“, „Sozialismus“, „Freiheit“, „Gleichheit“ und andere Begriffe gebraucht. Wir müssen vom klassenmäßigen Standpunkt die Frage stellen: Freiheit für wen? Ist Gleichheit Gleichmacherei?

Zum Beispiel – „Nationalsozialismus“

Wie die Bezeichnungsfunktion der Sprache auch mit der Parteilichkeit und gleichermaßen Klarheit des verwendeten Ausdrucks zusammenhängt, zeigt das Wort „Nationalsozialismus“, das von den Faschisten zur Täuschung der Massen erfunden wurde. Die Frage, warum wir dieses Wort nicht in unserem Sprachschatz gebrauchen, wurde einleuchtend in einer Diskussion geklärt. Die Auffassung, daß das Wort im Duden stehe und außerdem ein Begriff sei, der 12 Jahre lang für eine historische Erscheinung gebraucht worden sei, daher auch von uns verwendet werden könne, ist falsch, ist Objektivismus. Bei diesem Wort handelt es sich um Demagogie. Wir müssen von der Frage ausgehen, ob ein Wort eine richtige oder eine gefälschte Münze ist. Die Bezeichnung „Nationalsozialismus“ muß man ablehnen, sofern nicht hinzugefügt wird, wie lügenhaft diese Prägung ist. Der deutsche Faschismus war gerade das Gegenteil von „national“ und „sozial“. Wir gebrauchen das Wort „Faschismus“ und meinen damit die chauvinistische und offen terroristische Form des Imperialismus, und in diesem Sinne hat sich bei uns die Form „Naziherrschaft“ mit eindeutiger Wertung eingebürgert. Dagegen ist der objektivistische Gebrauch „Nationalsozialismus“ bereits im Dienste des Neonazismus in Westdeutschland mit der Gefahr der Identifikation behaftet. Diese Überlegungen zeigen auch deutlich, wie wichtig die Spracherziehung als Ausdruck einer Ideologie ist.

Oder: „Die Mauer“

Machen wir uns die pragmatische Wirkung der Wörter an dem Unterschied der Bezeichnungen „Mauer“ und „Schutzwall“ oder „Grenzsicherungsanlagen“ klar. Manche Menschen gebrauchen auch – ohne sich dabei etwas zu denken – die sprachliche Bezeichnung „Mauer“. Denn es ist ja (im Erscheinungsbild) tatsächlich eine „Mauer“. Man überlegt aber zuweilen nicht, daß diese Bezeichnung dem Gegenstand ein ganz bestimmtes „Etikett“ aufklebt. Dem Klassengegner kommt die Bezeichnung „Mauer“ sehr zustatten, und er nutzt das für seine Zwecke aus. Denn sie assoziiert „Trennung“ (eine Mauer ist zwischen uns), Unübersteigbarkeit, ein Hindernis, das die „bösen Kommunisten“ aufgerichtet haben, um die Menschen zu schikanieren und zu terrorisieren [4]. Der Gegner will also mit diesem Wort Ablehnung, Widerwillen, Unverständnis und Haß erzeugen. Das Wort spielt deshalb in der antikommunistischen Hetze eine große Rolle.
BerlinBerlin – Staatsgrenze der DDR

Tatsächlich hat der Feind auch bis zu einem gewissen Grade seine Absichten erreicht, weil die Menschen die raffinierte Psychologie dieser gezielten Sprachregelung nicht durchschauen. Jemand könnte sagen: Was wollt ihr denn, es ist doch eine Mauer, das Wort spiegelt eben die Eigenschaften einer Mauer wider! Soweit, so gut. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Das Wort spiegelt nur das auch für uns schmerzliche Erscheinungsbild dieser besonderen Mauer wider, aber nicht ihr Wesen, das heißt, daß sie ein Schutzwall ist! Unsere Sprachbezeichnung „Grenzsicherung“ (auch „Schutzwall“ ist geprägt) spiegelt – das sei mit Nachdruck wiederholt – das Wesentliche unserer Politik wider, ist also eine adäquatere Widerspiegelung der Wirklichkeit als die Bezeichnung „Mauer“. Gleichzeitig ist sie ein positives Bewertungswort, das dem negativ gefärbten Wort „Mauer“ entgegengesetzt wird. Denn wir wollen ja damit ausdrücken, daß diese Sicherung vorgenommen werden mußte, um die Existenz der Deutschen Demokratischen Republik und damit auch den Frieden in Europa zu sichern. Damit drücken wir also die objektive Wahrheit aus und bewerten sie in ihrem Sinne. Hier kann man auch Friedrich Schiller zitieren: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“

Die Regierung der DDR wurde verunglimpft als das „Regime in Pankow“

Gegen unsere Gesellschaftsordnung und gegen unseren Arbeiter-und-Bauern-Staat gerichtete negative Bezeichnungs- und Bewertungsformulierungen sind unter anderem: „Zone, „kommunistisch“ (stets mit abwertender Bedeutung gebraucht, gewissermaßen als Abstempelung des Schlimmsten, was es geben kann), „kommunistischer Zwangsstaat“, „kommunistische Drohung“, „Regime in Pankow“ oder einfach „Pankow“.

Politische Gegner werden beschimpft als „nützliche Idioten“

Negative, gegen mißliebige Bürger gewendete Bewertungswörter sind zum Beispiel: „politisch naiv“, „naiver Intellektueller“, „der unphilosophisch gewordene alte Gelehrte“ (für Jaspers), „trojanisches Pferd des Zonenregimes“ oder die Beschimpfung „nützliche Idioten“ für Menschen, die sich für eine vernünftige und realistische Politik gegenüber der DDR einsetzen. Das reicht bis zu dem von Erhard geprägten Ausdruck „Pinscher“. Der Diffamierung diente auch die Sprach-Pragmatik eines Höfer in seiner politischen Stammtischrundetischrunde, als er die Demonstration der Studenten in Westberlin gegen den Vietnamkrieg als „Mißbrauch der Straße“ bezeichnete. Bewußt sollen hier kleinbürgerliche Vorurteile und Denkweisen angesprochen werden, sich politisch nicht zu engagieren, soll der politische Kampf mit außerparlamentarischen Mitteln „verteufelt“ werden, wie der westdeutsche Ausdruck heißt. Das sind sprachliche Bewertungen, die diffamieren und diskreditieren sollen, sich allerdings nicht selten gegen ihre Urheber kehren.
Verschleierung[1] Peter Hacks, Die Namen der Linken, in:Am Ende verstehen sie es, Eulenspiegel Verlag, Berlin, 2005, S.52.
[2] Le Bon: Begründer der Massenpsychologie u. Theoretiker des Massenbetruges
[3] vgl. auch: Victor Klemperer, LTI (Die Sprache des Dritten Reiches) Notizbuch eines Philologen, Verlag Phillip Reclam jun., Leipzig.
[4] Es war auch keine „innerdeutsche“ Grenze, denn ein „Deutschland“ gab es seit 1945, der Zerschlagung des deutschen Faschismus, nicht mehr. Das sogenannte Großdeutsche Reich war aufgeteilt worden in Sektoren, die den jeweiligen Besatzungsmächten zugeordnet wurden.

Quelle:
Eduard Kurka, Wirksam reden, besser überzeugen, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1970, S.254-261.(Zwischenüberschriften eingefügt – N.G.)

Siehe auch:
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis…
Victor Klemperer: LTI

3 Gedanken zu “Die Sprache verrät den Feind

  1. Hier der komplette Text zu deinem Hacks-Zitat.

    Die Namen der Linken
    Die Ameise Naknak, Adam, Konfuzius
    Die Ameise Naknak war von der Milchstraße auf der Erde eingetroffen, denn sie war eine Traumzeitautorität und ein Totemgeist. Sie wanderte durch einen Wald, in dem es von mannigfachem Getier wimmelte, Naknak aber unterschied sie von einander und nannte sie bei ihrem Namen. Diese wichtige Sache ereignete sich in Tasmanien.
    Dieselbe Arbeit für unsere Weltgegend besorgte, wie wir aus dem zweiten Kapitel der Schöpfungsgeschichte wissen, der Mensch Adam. »Denn als Gott der Herr gemacht hatte aus Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennete, denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.«
    Seit alters also besteht Einverständnis darin, daß es nicht dumm sei, die Dinge vermöge der ihnen zukommenden Bezeichnungen zu bezeichnen. Einem seinen Namen geben ist im Grunde nichts anderes als ihn ins Sein versetzen, oder würden Sie von Lebewesen, die mit keinem genaueren Wort zu rufen gehen als »Vieh und Vogel«, sagen, sie existierten? Die urzeitlichen Weltbewohner, die nach nichts heißen, waren auch nichts, sie hausten in der Verwahrlosung, frei von Sinn und Sitte, es war eine einzige Promiskuität und ein Gomorrha.
    Ganz zu Recht ist von den Lehren des Konfuzius die die berühmteste: »Wenn Euch der Kaiser die Regierung anvertraute, was würdet Ihr zuerst tun? – Der Meister antwortete: Unbedingt die Namen berichtigen« (Lun-yü XIII-3). Nicht weniger berichtigungsbedürftig als seinerzeit um Vieh und Vogel, so scheint mir, steht es heute um die Angehörigen der politischen Linken. Ich versuche im Folgenden, auch sie in die Begreifbarkeit zu rücken und auf die Reihe zu bringen.

    Natürliches System der Linken
    1. Kommunisten. Marxisten-Leninisten, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Ablösung der monopolkapitalistischen Gesellschaftsformation durch die sozialistische Gesellschaftsformation zu befördern. Parteien: KPdSU bis 1953. SED bis 1971. KPD. Auch: Allunions Kommunistische Partei Bolschewiki.
    2. Reformkommunisten. Der moralische Kollaps der KPdSU ereignete sich nach dem Sieg über Hitler, so plötzlich, wie die Krise nach dem Gipfel der Konjunktur sich ereignet. Drehpunkt war der Tag, an dem die Partei erfuhr, daß sie, statt sich dem Ruhm, dem Frieden und dem Wiederaufbau zu widmen, die Atombombe würde zu erfinden haben. Stalin hatte schon einmal die Aufgabe gelöst, einen Rückstand von hundert Jahren in zehn Jahren aufzuholen, und dafür mit den schwersten wirtschaftlichen Opfern und dem schrecklichsten aller Kriege bezahlt, die sowjetischen Kommunisten machten sich ebenfalls an diese Aufgabe, aber in ihren ermatteten Gehirnen nagte die Überlegung, ob nicht der nächste Krieg sich auf irgendeine Weise könnte vermeiden lassen. Es kommt nicht darauf an, daß wir Verständnis dafür haben, daß sie es satt hatten. Die sinnlose Überlegung führte zu einer sinnlosen Hoffnung und die Hoffnung zum Opportunismus. Nach Stalins Tod gibt die internationale Arbeiterbewegung auf und spaltet sich in eine rechte und eine linke Abweichung. Die rechte wie die linke Abweichung erklären sich zur reinen Lehre und schließen einander aus der internationalen Arbeiterbewegung aus. Das Schisma erfüllt die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Reformkommunisten sind jene rechten Opportunisten, die glauben, die Friedens- und selbst die Sozialismusfrage vertrauensvoll in die Hände des Imperialismus legen zu sollen (»historischer Kompromiß«). Theorien nach Hilferding, Kautsky, Otto Reinhold. Verwerfung Stalins. Parteien: KPdSU (Chruschtschowisten/Breshnewisten), auch: Eurokommunisten. Die DKP ist eine kollektive Gründung von L. Breshnew, Willy Brandt und Luigi Longo, welche 1968 gegen den Widerstand Max Reimanns und Walter Ulbrichts erfolgte.
    3. Maoisten. Linker Partner im opportunistischen Schisma. Annahme, ein aufrechter Mut könne ökonomische Tatsachen wettmachen. Parteien: KPD/ML.
    4. Unabhängige Sozialdemokraten. Derivat der praerevisionistischen Bebelschen SPD von 1917 bis 1922. Als Übergangserscheinung und theoretischer Zwitter zerfällt sie in SPD und KPD. Partei: USPD.
    5. Kommunistische Plattform, der PDS nämlich. Aus bauernfängerischen Gründen 1990 ins Leben gerufen von drei Agenten der Konterrevolution, Lothar Hertzfeld, Fred Beuchel, Marian Krüger, gelang es ihr dennoch, sich zur Höhe einer USPD hinaufzuarbeiten, welche nun erst einmal UPDS heißen müßte.
    6. Sozialisten. Alle sozialistischen Parteien haben dasselbe Herkommen und Wesen wie die USPD, nur daß sie sich länger halten. Das klassische Muster ist Mussolinis und Nennis Partito Socialista Italiano PSI.
    7. Bürgerliche Linke. Uninteressiert an Marx und Lenin, aber glaubwürdige Antimilitaristen und Antifaschisten. Imperialismuskritik in der Art von John A. Hobson. Partei: Deutsche Friedensunion (DFU).
    8. Nationale Linke. Zeitweiliges Phänomen in jungen Nationalstaaten. Imperialismuskritik in der Art des Mahdi. Kemalisten, Peronisten, Nasseristen. Parteien: Baath.
    9. Radikale. Starke kleinbürgerliche Strömung in Frankreich auf den Spuren Voltaires, den deutschen Freisinnigen entsprechend. Müssen laut Lenin von der Revolution ausgeschlossen werden. Partei: Parti Républicain Radical et Radical-Socialiste.
    10. Trotzkisten. Kommunisten mit dem Hauptzweck der Gegnerschaft gegen Stalin. Parteien: SAP, KAPD.
    11. Anarchisten. Anhänger Bakunins und Kropotkins, Gegner Marx’.
    12. Neue Linke. Für die CIA erdacht von Herbert Marcuse, lebhafter ephemerer Einfluß während der ersten Nachkriegskrise in den sechziger Jahren und des Akkumulationsbedarfs infolge der technischen Revolution. Zählt, wie Nrn. 10 und 11, zu den Gruppierungen der 4. Internationale. Partei: Studentenbewegung.
    13. Terroristen. Netschajewistische Genossen, die unbeschreiblichen, aber ganz überflüssigen Ärger anrichten und erleiden. Parteien: RAF, Bewegung 2. September.
    14. Mehrheitssozialisten. Die Reste der Sozialdemokratie nach Austritt der USPD. Ohne linke Neigungen. Der derzeitige Vorsitzende Gerhard Schröder gehört an den rechten Rand der FDP oder gleich nach Brüssel. Merkwürdigerweise hat das Wort Mehrheitssozialisten denselben Wortsinn wie das Wort Bolschewiki. Parteien: SPD, PDS.
    15. Individualkommunisten. Kommunisten mit einem Schaden oder einem Puschel. (Ein Puschel in der Theatersprache: stehende Narrheit.) Beispielsweise Hermann L. Gremliza, der germanophob und ein Philosemit, in allem übrigen aber Kommunist ist. Ähnlich Georg Fülberth, Holger Becker, Gerhard Branstner. Oft scharfsinnig, nur eben jeder Mann »in his humour«. Für Parteien nicht geeignet.

    Ruf zur Ordnung
    Der Grund für die Unzufriedenheit und Gereiztheit vieler Linken liegt darin, daß sie, statt in ihrem jeweiligen Vereinsstübchen nett beisammenzusitzen, sich an Orten aufhalten, wohin sie ein sonderbares Schicksal sortiert hat. Sie heißen falsch. Sie taugen dort nicht hin, wo sie sind.
    Wieso sind Kurt Gossweiler und André Brie Mitglieder ein und derselben Partei, in die sie beide nicht gehören? Was treiben Hans Heinz Holz und Ellen Weber in ein und derselben Partei, in die sie beide nicht gehören? Warum ist Rolf Vellay in der Partei, in die er immer wollte, nie angekommen? Ich verspreche mir von der Vorlage meines Natürlichen Systems keine geringe Wirkung auf alle Betroffenen.
    Nachdem der Hirsch von Adam erfahren hatte, daß er ein Hirsch sei und die Ziege eine Ziege, hatte der Hirsch endlich aufgehört, die Ziege zu ficken.
    Der Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift »Offensiv«, 6/2000 (»Beiträge zur Geschichte des Sozialismus«, Heft 1) veröffentlicht.

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