Helvétius und die Moral der Banditen

Nicht selten haben selbst Banditen ihre eigene Moral, wie wir das aus dem 1974 gezeigten DEFA-Film „Die Moral der Banditen“ kennen (Buch: Horst Bastian). Ganoven aller Art bestimmen heute, was gut und was böse ist, sie bestimmen, wer zum „Reich des Bösen“ gehört und wer nicht. Und sie bestimmen, wer dereinst in dem Himmel kommt, und wer gefälligst in der Hölle zu schmoren hat, wenn – ja, …wenn sich die Verhältnisse nicht wieder ändern sollten. Denn die Moral ist abhängig von der jeweiligen Gesellschaft, von der Klasse, welche sie hervorbringt. Und es sind die Mächtigen dieser Gesellschaft, die darüber befinden, was moralisch ist und was nicht. Diese Einsicht ist nicht neu. Schon vor über 250 Jahren gelangte der französische Philosoph Helvétius zu der sarkastischen Feststellung: „Die unmäßige Liebe des Mönchs zur Macht bringt seine unmäßige Barbarei hervor.“
Und das gilt ja nicht nur für den Klerus…

Die Macht und die Moral

Historisch überlebte Klassen manipulieren die Menschen auch mittels ihrer Moral. Sie soll das Bestehende erhalten helfen. Sie lenken deshalb häufig von den grundlegenden Menschheitsfragen ab und versuchen, das moralische Fühlen, Denken und Handeln der Unterdrückten zu beschneiden, es ausschließlich auf die persönliche und intime Sphäre zu begrenzen. Auf alle Fälle soll die Gesellschaft aus der moralisch-kritischen Betrachtung ausgespart bleiben. So, wie sie ist, sei sie die beste aller denkbaren Welten. An ihr sei nichts zu verändern. Das auch durch moralische Ge- und Verbote zu unterstreichen, werden die Ideologen ausbeutender Klassen nicht müde.

Auch die Form moralischer Orientierungen wird von ihnen darüber hinaus häufig so gewählt, daß moralisch selbständiges Denken weitgehend unterdrückt, die moralische Aktivität der Menschen auf die Anpassung an die Ordnung der Ausbeuter hinausläuft und zur Einpassung in das System der Erhaltung ihrer Herrschaft führt.

Die historische Veränderung des »moralischen Universums«

Helvétius griff die Feudalordnung und ihre Verteidiger scharf an. Als geistiger Vertreter einer aufstrebenden gesellschaftlichen Bewegung verfocht er den Gedanken von der moralischen Beurteilung der bestehenden Ordnung und, als Folge davon, den von der historischen Veränderung der Moral. »Das moralische Universum ist in den Augen des Dummen in einem stetigen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit. Er glaubt, daß alles war, ist und sein wird, wie es ist. In der Vergangenheit und in der Zukunft sieht er immer nur die Gegenwart. Beim aufgeklärten Menschen ist es anders. Die moralische Welt bietet ihm das immer veränderte Schauspiel einer fortwährenden Revolution.« (1, S.505)
helvetiusClaude Adrien Helvétius (1751-1771)

Der Gedanke von der historischen Veränderung des »moralischen Universums« ist hochexplosiv. Anerkennt man die Veränderung der Moral erst einmal generell, dann sind alle Vorstellungen von »gut« und »böse« gleichfalls nicht von Ewigkeit, dann waren sie nicht immer so wie jetzt, und dann bleiben sie es auch nicht, dann sind die Zustände, die jetzt offiziell »gut« geheißen werden, nur in beschränktem Maße »gut«, dann ist es zulässig, ja sogar erforderlich, die moralische Sanktionierung der alten Ordnung kritisch zu überprüfen und sie zu überwinden. Das heißt, die feudal-religiöse Moral zu attackieren, ihre Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Fortschritt und Reaktion aufzudecken und an ihre Stelle die eigene Moral zu setzen. »Das Universum, das immer in Bewegung ist, erscheint ihm (dem aufgeklärten Menschen; W.B.) unter dem Zwang, sich unaufhörlich in neuen Formen zu reproduzieren, bis zur völligen Erschöpfung aller Kombinationen, bis alles, was sein kann, gewesen ist und alles Vorstellbare existiert hat.« (1, S.505)

Eckpfeiler jeder revolutionären Moral

Es ist in der Tat so, daß die Volksmassen, deren historische Aufgabe die Überwindung der jeweils überholten und die Gestaltung der neuen Gesellschaftsordnung ist, in ihrem Kampf für sich selbst neue moralische Wertungen schaffen und die Moral insgesamt zu einer neuen Qualität führen. Wer gemeinsam mit anderen eine neue Gesellschaft erkämpfen und gestalten will, von denen wird zu jeder Zeit persönlich viel erwartet. Es wird ihnen mehr abverlangt als anderen. Sie müssen vor allem selbst aktiv sein, sich für Belange des eigenen Volkes und anderer, ihnen Fernstehender, interessieren, erwärmen und für sie einsetzen können. Sie müssen, ungeachtet unvorherzusehender Risiken für die eigene Person, konsequent tun, was im Augenblick für deren Schicksal unerläßlich ist, und sie müssen für ihre Entscheidungen »geradestehen«, also die persönliche Verantwortung tragen wollen.

Eine fortschrittliche Moral braucht »ganze Kerle«

Nicht selten wird es erforderlich sein, das bislang Übliche kritisch zu sehen, es in Frage zu stellen, öffentlich und für alle sichtbar persönlich damit zu brechen, Neues aufzufinden oder selbst hervorzubringen und es an die Stelle des Alten zu setzen. Sie werden den Mut aufbringen müssen, selbst auf neue Art zu leben. Es wird für sie auch darauf ankommen, einmal Errungenes standhaft zu verteidigen und über eine bestimmte Zeit hinweg die schwierige Lage des Schrittmachers, des Vorangehenden, durchstehen zu können. Das ist nicht jedermanns Sache. Dazu bedarf es »ganzer Kerle«. Es gibt jedoch kein Jahrhundert in der Menschheitsgeschichte und keinen Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in denen für die Menschheit Bedeutsames entstanden wäre ohne Persönlichkeiten, die anderen vorangingen.
de_lespritDe L’Esprit (ein Buch mit dem sich Rousseau auseinandersetzte)

In der Geschichte der Menschheit geschieht nichts von selbst. Alles entspringt aus der Tätigkeit von Menschen. Nur wer persönlich eine aktive Lebensposition einnimmt, ist fähig, an historisch Bedeutsamem persönlich mitzuwirken. Deshalb schälte sich in der Moral der progressiven Kräfte, als die Menschheit aus der Finsternis des Mittelalters hervortrat und der Kampf gegen das Dunkelmännertum von ihren besten Männern und Frauen aufgenommen wurde, die Forderung nach einer aktiven Lebensposition zunehmend stärker heraus. »Überall, wo das Volk nicht die Macht hat (und in welchem Land hat es die Macht?), ist der Anwalt des öffentlichen Wohls ein Märtyrer der Wahrheiten, die er entdeckt.« (1, S.424) Mit diesen Worten begründet Helvétius jenen Eckpfeiler jeder revolutionären Moral, über den wir eben sprachen. Diese Forderung ergibt sich aus seiner Sicht eben deshalb als Auftrag an die Moral einer aufstrebenden sozialen Gruppe, weil die Geschichte der Menschheit nichts anderes ist als das Resultat menschlicher Tätigkeiten. Was die Menschen auch immer tun, stets zielen sie auf die Verwirklichung von Interessen ab. »Der Mensch gehorcht immer seinem wohl- oder schlechtverstandenen Interesse. Das ist eine Wahrheit, die auf Tatsachen beruht; man verschweige sie oder spreche sie aus, das Verhalten der Menschen wird immer dasselbe sein.« (1, S.424)

Moral und Interessen

Die grundlegenden Interessen sind, auch darauf stößt Helvétius bei seinen Forschungen, von Klasse zu Klasse ebenso verschieden, wie ihr Verhältnis zu den Erfordernissen des historischen Fortschritts konträr ist. Darum wird von der Position der einen dasjenige moralisch höchstes Lob finden, was von der anderen »verteufelt« wird. Auch das sprach Helvétius bereits aus, als er Bürger- und Adelsstand aus diesem Blickwinkel miteinander verglich. Unter dem Eindruck der historischen Situation seiner Zeit schrieb er: »Es gibt kein Land, in dem nicht der gewöhnliche Bürgerstand, der immer unterdrückt wird und selten Unterdrücker ist, die Tugend liebt und achtet. Sein Interesse treibt ihn dazu. Anders ist es mit dem Adelsstand. In dessen Interesse liegt es, ungestraft ungerecht zu sein und in den Herzen jedes Gefühl von Rechtlichkeit zu ersticken.« (1, S.297) Der Gedanke von der Bindung der Moral an die Position einer Klasse und vom Gegensatz der Klassenmoral wurde von ihm unmißverständlich hervorgehoben.

Eine Moral im Interesse der Mehrheit des Volkes

Auch dafür sah er den entscheidenden Grund im Gegensatz der Interessen der Klassen. »Der Tugendhafte sieht im Interesse … die mächtige und allgemeine Triebfeder, die bewegende Kraft aller Menschen, die sie bald zum Laster, bald zur Tugend führt.« (1, S.116) Den historischen Zeitpunkt, zu welchem der Gegensatz der Klassen in ihrer Moral offen zutage tritt und ausgefochten wird, kennzeichnete er treffend als den Augenblick, zu dem sich alle Reichtümer und die Staatsgewalt in den Händen weniger vereinigen, zwischen den verschiedenen Klassen und Bürgern keine Bindung mehr besteht, weil eine Trennung von öffentlichem und privatem Interesse eingetreten sei.

Das Verdienst von Helvétius

Es ist das große Verdienst von Helvétius, einige Aussagen moraltheoretischen Charakters schon aus materialistischer Sicht zu treffen oder ihre spätere materialistische Behandlung vorzubereiten. Dies betrifft vor allem die Hervorhebung der Rolle der Interessen in bezug auf die Formulierung moralischer Standpunkte, des historisch konkreten Charakters der Moral, der Beziehungen zwischen Klasseninteressen und moralischen Standpunkten und des Gedankens von der Veränderung moralischer Forderungen.


Quelle:
Wolfgang Bradter, Nur zur Hälfte lebt der Mensch moralisch, Urania Verlag, Leipzig – Berlin – Jena, 1979, S.34-39.

Nachtrag:
Was ist nun eigentlich Moral? „Unter Moral verstehen wir die Gesamtheit der Normen, Werte und sittlichen Prinzipien, von denen sich die Menschen in ihrem Verhalten zueinander und zu den gesellschaftlichen Erscheinungen leiten lassen. Nach allem, was wir bisher über die Zusammenhänge der Gesellschaftsentwicklung kennengelernt haben, ist es klar, daß die Moral immer die Moral einer bestimmten Klasse ist. Ebenso wie die Auffassung von der Freiheit, tragen die Auffassungen vom moralischen Verhalten Klassencharakter.“ (2)

Im Jahre 1920 stellte Lenin fest (3):
Lenin

Später wurden die grundlegenden Werte und Normen des Sozialismus im Programm der SED festgelegt. Da heißt es u.a.: „Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen.“ Allein schon darin liegt eine gewaltige, revolutionäre Herausforderung für die kommenden Generationen…

Zitate:
(1) Claude-Adrien Helvétius, Vom Menschen, von seinen geistigen Fähigkeiten und von seiner Erziehung, Berlin und Weimar, 1976.
(2) E.Hahn/A.Kosing, Marxistisch-leninistsche Philosophie geschrieben für die Jugend, Dietz Verlag, Berlin, 1978, S.209.
(3) W.I.Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, in: Werke, Bd.31, S.283.

3 Gedanken zu “Helvétius und die Moral der Banditen

  1. „Wer zur Revolution ja sagt, muß sie als Ganzes bejahen. Wer nur ihre Siege bejaht, aber den Kampf, der zu diesen Siegen führte, nur zum Teil, andere Teile aber als Verbrechen verurteilt, urteilt als Moralist, nicht als Revolutionär.“ (Peter Hacks)

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