Friedrich Wolf: Es gibt kein größeres Verbrechen als nicht kämpfen wollen, wo man kämpfen muß!

Der jüdische Arzt und Schriftsteller, der Kommunist Dr. Friedrich Wolf, verfaßte 1933 kurz nach der Machtübertragung an die Nazis das Stück „Professor Mamlock“. In diesem 1938 in der Sowjetunion erstmals verfilmten Theaterstück setzt sich Wolf mit der Psychologie seiner deutschen Landsleute auseinander. In den Schulen der DDR (auch Fachschulen!) gehörte dieser Text zum Unterrichtsprogramm. Wie war es möglich, daß 17 Millionen Deutsche Wähler den Nazis ihre Stimme gaben? Wie war es möglich, ein Volk derart zu beeinflussen, daß es nur 8 Jahre später mit fast 5 Millionen Soldaten – 190 Divisionen mit 47.000 Geschützen, 4.300 Panzern und etwa 5.000 Kampfflugzeugen über die Sowjetunion herfiel und mit diesem Krieg eine Blutspur von über 50 Millionen Toten hinterließ?
Friedrich Wolf schrieb dazu:

EIN „MAMLOCK“? – ZWÖLF MILLIONEN MAMLOCKS!

Am 28. 2. 1933 früh 6.30 Uhr – es war noch dunkel – rief mich ein befreundeter Arzt sehr erregt an: „Wissen Sie, Herr Kollege Wolf, das hätte ich Ihnen nun doch nicht zugetraut!“ – „Was ist denn los, Kollege?“ – „Was, Sie wissen nicht? Die Kommunisten haben diese Nacht den Reichstag angezündet, den deutschen Reichstag, Ihre Partei, bitte, ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen! Vergessen Sie meine Adresse!“ Bevor ich ein Wort erwidern konnte, hatte er den Hörer aufgelegt. Und nun blieb das Telefon nicht mehr stehen. Ärzte, Juristen, Buchhändler, Verleger, viele meiner Patienten, die mir in der Sprechstunde nicht oft genug ihre Dankbarkeit „fürs ganze Leben“ versichern konnten – jede Minute rief ein anderer meiner Bekannten an und drückte mir seine Entrüstung über diesen „kommunistischen Terrorakt“ aus.
ReichstagsbrandReichstagsbrand

Zuletzt sprach ich mit einer Schauspielerin, die viele meiner Rollen gespielt hatte und künstlerisch mit mir durch dick und dünn gegangen war. Ich sagte dieser intelligenten Frau: „Aber Menschenskind, das ist doch die lange erwartete Wahlbombe der Nazis, die wir seit Wochen in all unseren Versammlungen ankündigten! Glaubst du wirklich diesen Unsinn, daß Kommunisten ausgerechnet den Reichstag anzünden?“ – „Ich glaube nicht“, sagte sie scharf, „sondern es ist so, laut dem amtlichen Pressedienst!“ Sie hatte den Hörer aufgelegt. Zweifellos: der Reichstagsbrand, der sofort einsetzende Terror und der faschistische amtliche Pressedienst verschafften Hitler im März 1933 jene 2 bis 3 Millionen Stimmenzuwachs, die er auf keine andere Weise erlangen konnte. Aber nicht bloß der Reichstagsbrand und der staatliche Nazipressedienst verhalfen ihm zu diesem Erfolg, sondern auch die Psychologie der Millionenmasse der deutschen Zwischenschichten: der Kleinbürger, der Kleinbauern, Beamten, Angestellten und der Gruppe der Intelligenz. Wir sind uns darüber klar, daß der Klassencharakter des Faschismus keine „Rebellion des Kleinbürgertums“ war. Auch der deutsche Faschismus bildete – gerade im „3.Reich“ – keinen „Systemwechsel“; er bildete nach der verkappten Hindenburgdemokratie die „offene terroristische Diktatur der am meisten reaktionären und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Das haben auch die deutschen SA-Proleten seit dem 30. Juni 1934 sehr deutlich zu fühlen bekommen. Die eine Frage bekamen wir in den ersten Monaten der Emigration im Jahre 1933 immer wieder zu hören: „Wie war es möglich, daß im Lande Schillers und Goethes, im Lande eines Kant, Hegel, Karl Marx und Friedrich Engels, daß in diesem hochkultivierten Land der ,Dichter und Denker’ so ein einziger plumper Wahlschwindel wie dieser Reichstagsbrand zusammen mit einem Trommelfeuer der Propaganda und mit dem braunen Terror die Psychologie von Millionen intelligenter Leute, die vorher keine Faschisten waren, nun zu Anhängern oder mindestens zu Wählern der Nazis umstimmen konnte?“
Nazis
Von einer antisemitischen Aktion am 1. April 1933 (DDR-Lehrbuch, Geschichte Klasse 9)

Das Stück „Professor Mamlock“ und die kämpferische Haltung dieses mutigen jüdischen Arztes, dieses deutschen Humanisten und Patrioten, sollte nicht nur eine Antwort auf diese Frage geben, sondern auch mit dazu helfen, die braune Schande vom Angesicht unseres Volkes wieder abzuwaschen. Mamlock hat sich anfangs als typischer Deutscher den idealistischen Selbsttäuschungen hingegeben, die bedingt waren durch seine Erziehung und durch die allseitige konventionelle Einstellung der „reinen“ Wissenschaft. Aber er müßte außerdem nicht der Arzt sein, dem das Schicksal des kranken Menschen über alles geht; er müßte nicht der tapfere Soldat seiner Überzeugung sein, dem sein Eisernes Kreuz 1. Klasse, das er vor Verdun erwarb, nicht die Hauptsache ist, sondern dem vielmehr das Schicksal des jüdischen Krankenwärters Simon höher steht als seine Auszeichnung und seine persönliche Sicherheit. Er müßte nicht der Mensch sein mit einem heißen Gerechtigkeitsgefühl, der am Schluß des Schauspiels, den Rücken gegen die Wand, den offenen Kampf aufnimmt gegen die ganze Nazimeute und das Heer der Feiglinge vor ihm. Wie ein Warnruf weit in die Zeit hinein klingen die Worte, die er kurz vor seinem! Tode den „Niedabeigewesenen“ entgegenschleudert:

„Aus eurer Feigheit wird der Gegner sich neue Waffen schmieden. Denn kein größeres Verbrechen gibt es als nicht kämpfen wollen, wo man kämpfen muß!“

Kämpferische Humanität gegen die Hitlerbarbarei, den Nationaldünkel und Rassenwahn, das ist die Haltung des Professor Mamlock. Und hier sind wir mitten im „Mamlock“ und bei einer Hauptursache, weshalb ich dieses Stück schrieb. Denn dieser Mamlock ist nicht irgendeiner, er ist einer von Millionen Mamlocks, er ist ein Typus der Millionen deutscher bürgerlicher „Demokraten“ um 1932/1933, die gestern Hindenburg wählten als „Garanten der Freiheit“, die dann Hitler als „Wall gegen den Bolschewismus“ auf den Schild erhoben.
mamlockDEFA-Film „Professor Mamlock“ (Regie: Konrad Wolf)

Das ist der Mamlock vor seiner Wandlung, die sich im Verlauf des Stückes vollzieht. Er ist da ein Typus jener westlichen „Demokratie“, jener riesigen Fassade auf tönernen Füßen, die heute in ihrer anglo-amerikanischen Fratze – völlig unterhöhlt – nur noch Fassade ist. Er ist ein Typus des deutschen Intelligenzlers, für den „der Staat“ etwas Absolutes, Unwandelbares, Heiliges ist. Aber nicht bloß der „Staat“, auch „die Familie“, die „Wissenschaft“, „die Gerechtigkeit“ sind für ihn unwandelbare, ewige Werte, sind abstrakte Kategorien im Sinne Kants. … Er, Mamlock – der deutsche Jude –, findet keinen Ausweg mehr als den Revolverschuß in die eigene Brust…

Quelle:
Erbe und Gegenwart, Lehrbuch für Ingenieur- und Fachschulen der DDR, VEB Fachbuchverlag Leipzig, 1962, S.267ff.

2 Gedanken zu “Friedrich Wolf: Es gibt kein größeres Verbrechen als nicht kämpfen wollen, wo man kämpfen muß!

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