Was geschah in Bitterholm?

Kneipengespräche

Die Kantine hatte sich inzwischen gefüllt. An einem Nebentisch saß ein Mann, nach seiner Kleidung zu schließen ein Hafenarbeiter. Es war ein langer, sehniger Mensch mit brauner Haut und scharfen blauen Augen. Er hatte eine Zeitung vor sich, in der er eifrig las. Die legte er jetzt weg und mischte sich in das Gespräch. „Jaja“, sagte er, „die Prozesse reißen nicht ab. Ich bin auch als Zeuge geladen in einem politischen Prozeß. Da hat so ein Kerl ein paar unverschämte Bemerkungen über unsere Regierung gemacht. Und ich war dabei, und jetzt werde ich als Zeuge gegen ihn vernommen werden.“
„Hier in Magdeburg?“ erkundigte sich der Wirt. „Nein, leider nicht“, antwortete der Arbeiter. „Es war in Havelberg, und ich werde einen Arbeitstag hier versäumen, um hinzufahren.“
„Was hat der Mann denn gesagt?“ fragte neugierig der Wirt.
„Was diese ewigen Meckerer eben so sagen.“ Der Arbeiter blätterte, während er sprach, in seiner Zeitung herum. „Daß dieses Aufblühen unseres lieben Deutschlands eine zweischneidige Sache ist, hat er gesagt, weil es nichts als Kriegsrüstungen sind, nichts als Kanonen und Flugzeuge und Kasernen.“
„Er meinte wohl, wir sollen uns von unseren Feinden auffressen lassen?“ fragte der Makler erbost.
„Ach, so ein Kerl meint in Wirklichkeit gar nichts. Alles Geld fließt in einem riesigen Strom in die Taschen von ein paar Millionären, hat er gesagt. Und das sei kein Sozialismus, und Hitler hat doch den Sozialismus versprochen. Und vom Ausland kaufen wir nichts als Eisenerze und solches Zeug. Aber was die Menschen brauchen, Kleidung und Essen, dafür wird nicht gesorgt.“
„Na, in der Haut dieses Menschen möchte ich nicht stecken“, sagte der Makler. „Das ist ja der reine Hochverrat.“
„Das ist noch lange nicht alles“, erzählte, der Arbeiter weiter. „Er hat noch gesagt, daß die Regierung durchaus einen Krieg braucht. Denn wenn wir eines Tages alle nichts mehr zu fressen haben, können sich die Herren nicht länger halten, und deshalb lügen sie uns jetzt schon vor, daß die ändern uns angreifen wollen. Kurz und gut, der Bursche kann sich auf ein paar Jahre Zuchthaus gefaßt machen.“ „Die hat er auch verdient“, meinte der Wirt. „Vollauf verdient“, bekräftigte der Arbeiter.

Der Bootsmann verläßt das Lokal

Herrn Salzwedel war dieses Gespräch offenbar nicht recht. „Zahlen!“ rief er ungeduldig. Der Makler stand auf: „Schön, Herr Salzwedel, wir treffen uns heute noch einmal in der Stadt, und dann schließen wir das Geschäft für Bitterholm endgültig ab.“ „Bitterholm“, sagte der Arbeiter am Nebentisch, „da steht gerade etwas von Bitterholm in der Zeitung. Wo war’s nur? Aha, hier hab ich’s schon.“ Und er hob das Blatt vor die Augen und begann laut vorzulesen:
notiz bitterholm
Der Arbeiter faltete die Zeitung bedächtig zusammen. Der Wirt sagte, und seine Stimme klang ordentlich gerührt: „Das ist ein schöner Beweis dafür, wie die Regierung für die Rechte der Arbeiter eintritt.“ (S.148ff.)

…und einige Seiten weiter und ein paar Tage später lesen wir:

Bitterholm war immer ein stilles Städtchen. Aber heute ist es beinahe wie ausgestorben. Alle Fenster sind geschlossen, überall Gardinen vorgezogen. Keine Tür steht offen. Nicht einmal in die Geschäfte kann man hineinsehen. Hie und da nur huscht jemand über die Straßen, verschwindet in einem Haustor oder in einem Laden. Die Leute bewegen sich hastig, mit hochgezogenen Schultern. Sie sehen Sich scheu um und wenden die Köpfe ab, wenn sie einen Fremden sehn. Sie scheinen alle Angst zu haben. Wovor? (S.202)

Was geschah in Bitterholm?

… Der Schuster hat sich auf seinen Schemel gesetzt und seine Arbeit wiederaufgenommen. Er schlägt kleine Nägel, einen nach dem anderen, in einen Stiefelabsatz.
„Was geschehen ist in Bitterholm? Vor ein paar Tagen sind fast dreihundert Menschen geholt worden. War gut organisiert, die Sache. Immer nur ein paar Mann in die einzelnen Wohnungen, die Adressen haben sie gehabt. Bei mir waren sie auch. Meine Schwiegertochter, die Mutter von dem kleinen Kerl, haben sie mitgenommen. Das Kind hat einen furchtbaren Schreck gehabt. Er ist ja noch so klein, erst vier. Wenn er spielt, denkt er nicht daran.“ … „Es hat doch in der Zeitung gestanden, daß in Bitterholm nach dem Rechten gesehen werden soll.“ … Der Schulmeister putzt seinen Klemmer und blickt trübe drein.
„Wie war das mit der Untersuchungskommission von der Arbeitsfront?“ fragt er. „Ist da überhaupt wer gekommen?“
„O ja, gekommen sind sie schon, um die Arbeiter vor direkten Übergriffen zu schützen, haben sie gesagt. Sie haben die Arbeiter aufgefordert, sich nur ja offen auszusprechen, und haben alles hübsch aufgeschrieben, die Namen vor allem und die Adressen von denen, die eben wirklich offen gesprochen haben. Die waren auch die ersten, die sie in der Nacht geholt haben.“ (S.208)

Quelle:
A.Lazar, Jan auf der Zille, Der Kinderbuchverlag Berlin (DDR), 1964.
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Das ist eben nur eine Geschichte. Ereignet hat sie sich so oder ähnlich im Jahre 1933. Und der Ort Bitterholm ist natürlich erfunden. Aber daß Auguste Lazar uns diese Geschichte so erzählt, sollte vor allem den Jüngeren zur Erkenntnis und zur Lehre dienen, denen, die diese Zeit nicht erlebt haben, die nicht ahnen, wozu der Faschismus fähig ist…
(s.a. DDR-Kinderbuch: Jan auf der Zille.)

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