Gibt es heute noch eine Arbeiterklasse?

Es herrschen harte Zeiten. In zunehmendem Maße machen sich darüber vor allem diejenigen Gedanken, die ein Mindestmaß an Bildung genossen haben, und die gewohnt sind, Erscheinungen zu hinterfragen, die versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch das ist keineswegs selbstverständlich, denn die Masse der Arbeiter wird das nicht tun. (Siehe: Vom Arbeiter zum Arbeitsuntertan ) Und man mag darüber rätseln, ob es nun heute eine Arbeiterklasse gibt, oder ob sie gar verschwunden ist. Tatsache ist: Die Struktur und das Format der Klasse hat sich verändert. Ebenso ihr Organisationsgrad und vor allem auch das Klassenbewußtsein. Wie frei ist unser Leben? – fragt das von Vera Achenbach und Peter Katzer 1980 herausgegebene Handbuch „Grundwissen für junge Sozialisten“. Man sieht, die Geschichte ist also keineswegs neu.

»Soziale Marktwirtschaft« oder Klassengesellschaft?
Kein Tag vergeht, ohne daß man zu hören bekommt, was die Gesellschaft der Bundesrepublik alles ist: eine »Wohlstandsgesellschaft«, eine »Mittelstandsgesellschaft«, eine »Freizeitgesellschaft«, eine »moderne Industriegesellschaft«. Aber zu allererst ist sie, folgt man Presse, Funk und Fernsehen, eine »soziale Marktwirtschaft«. »Soziale Marktwirtschaft« – das ist die Grundlage aller aufgezählten Gesellschaftsbegriffe, das ist das besondere, was die Bundesrepublik gerade unterscheidet von dem, was es laut Schulbüchern und Zeitungen vielleicht im 19. Jahrhundert gegeben haben mag: eine Klassengesellschaft. Darin sind sich alle einig – die Politiker der Bundestagsparteien, die Repräsentanten der Unternehmerverbände, der Boß vom Großbetrieb und der kleine Krauter von nebenan. Und sogar viele Arbeiter und Angestellten sind der Meinung: Klassengesellschaft? Heute doch nicht! Früher, ja, aber jetzt ist das anders. Zwar gibt es ohne Frage viel Ungerechtigkeit, Vermögensunterschiede, Bildungsunterschiede, denen man mit Reformen und Kampf um »Chancengleichheit« zu Leibe rücken muß. Aber mit Klassengesellschaft, mit Ausbeutung hat das nichts zu tun. Das ist die weitverbreitete Meinung; auch unter Jugendlichen – denn schließlich ist das die Auffassung, die man täglich liest und in der Schule zu hören bekommt.

In einem Rundbrief eines Unternehmerinstituts heißt es dazu: »Gewiß wäre es falsch, die vorhandenen Interessengegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu leugnen. Aber nicht minder falsch wäre es, sie zu verabsolutieren, wie die Marxisten es tun. « (Egon Tuchfeldt, Vortragsreihe des Instituts der deutschen Wirtschaft, Nr. 33/1977; Die soziale Dimension der Marktwirtschaft, S.2)

Klassengegensätze
Gibt es heute eigentlich noch Klassengegensätze? Die mehr oder minder rhetorisch gemeinte Frage dürfte sich erübrigen, wenn man danach fragt, wodurch sich Klassen unterscheiden.

»Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber« — wer nimmt und wer gibt?
Alles wird in unserer Gesellschaft gehandelt, für alles gibt es einen Markt: Brot und Gemüse, Kleider, Autos, Maschinen, Gebäude und Fabrikanlagen. Auch mit Arbeitskräften, also der Arbeitskraft von »Arbeitnehmern«, wird gehandelt; für sie gibt es einen besonderen Markt, den Arbeitsmarkt. Heute ist dieser Arbeitsmarkt mit dem früherer Zeiten freilich nicht zu vergleichen. In der Antike, oder später in den USA, war das ein richtiger Markt, auf dem Sklaven verkauft wurden. Vor dem Kauf konnten die Sklavenhalter sich von der »Güte« der Ware überzeugen: die Muskeln prüfen und feststellen, wie lange dieser oder jener Sklave wohl auf ihren Landgütern würde arbeiten können. Konnten sie ihn gebrauchen, so kauften sie ihn – mit Haut und Haar im wortwörtlichen Sinne. Sklaven galten daher im alten Griechenland auch nicht als Menschen, sondern sie waren eine Sache, die man kaufen konnte, um sie zu verbrauchen.

Wie sieht der heutige Arbeitsmarkt aus?
Arbeiter und Angestellte sind keine Sklaven, auch wenn sie manchmal so behandelt werden. Arbeiter und Angestellte sind kein Eigentum des Unternehmers. Aber sie sind an ihren Arbeitsvertrag gebunden. Den müssen sie einhalten und der sieht vor, daß sie für eine bestimmte Zeit – etwa acht Stunden am Tag oder vierzig oder zweiundvierzig Stunden in der Woche – in der Werkhalle oder dem Büro, am Schreibtisch oder hinter dem Verkaufsstand arbeiten müssen und daß sie in dieser Arbeitszeit den Anweisungen ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten haben. Dafür erhalten sie als Entgelt Lohn oder Gehalt. Wer ist bei diesem Handel auf dem Arbeitsmarkt Käufer, wer Verkäufer und was wird gehandelt?

Vertauschte Begriffe
Die Begriffe »Arbeitgeber« und »Arbeitnehmer« legen nahe, daß der Unternehmer »Arbeit gibt« und Arbeiter und Angestellte »Arbeit nehmen«. Auch in der Umgangssprache sagt man: »Jemand nimmt eine Arbeit an«. Aber diese Begriffe stellen das Verhältnis gerade auf den Kopf. Arbeiter und Angestellte »nehmen« nicht Arbeit, sondern sie verkaufen dem Unternehmer ihre Arbeitskraft, ihre Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Der Preis, den der Unternehmer für diese Ware, für die Arbeitskraft, bezahlen muß, ist der Lohn oder das Gehalt. Der Arbeitsvertrag ist sozusagen die Verkaufsurkunde, in der festgelegt wird, was (die Arbeitskraft) in welcher Menge (für welche Arbeitszeit) und zu welchem Preis (Lohn- oder Gehaltshöhe) verkauft wird. Mit dem Kauf der Arbeitskraft geht an den Unternehmer das Recht, diese Arbeitskraft zu seinem Nutzen zu gebrauchen, sie zu konsumieren.

Schematisch zusammengefaßt: Arbeiter und Angestellte, also alle, die von nichts anderem als Lohn oder Gehalt leben müssen, verkaufen ihre Arbeitskraft. Das ist die Befähigung, Arbeit zu verrichten. Der Unternehmer kauft diese Arbeitskraft und bezahlt sie mit Lohn oder Gehalt. Dies ist der Preis, die Arbeitskraft die Ware. Nachdem dieses Geschäft abgeschlossen ist, also der Arbeitsvertrag unterzeichnet ist, gehört das von Arbeitern und Angestellten in ihrer Arbeitszeit hergestellte Produkt oder die ausgeführte Dienstleistung dem Unternehmer. Der Unternehmer eignet sich das Arbeitsprodukt an.

Ein Einwand
An dieser Stelle hört man oft einen gewichtigen Einwand. Er lautet: der Unternehmer bezahlt nicht, wie behauptet, die Arbeitskraft der Lohn- und Gehaltsempfänger, sondern er bezahlt ihnen exakt das, was sie geleistet haben: ihre Arbeit. Wer mehr leistet, bekommt mehr, wer weniger leistet, weniger. Dieses Argument stimmt scheinbar mit dem alltäglichen Erleben überein: Du gehst für acht Stunden in den Betrieb und bekommst deine Arbeit bezahlt. Wer würde schon umsonst arbeiten, sich seine Arbeit nicht bezahlen lassen?

Aber dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Warum?
Wenn der Kapitalist dem Arbeiter genau das bezahlte, was ihm der Arbeiter – angeblich – verkauft, nämlich seine Arbeit, wie sollte man dann die gewaltigen Besitz- und Eigentumsunterschiede unter den Menschen in der Bundesrepublik erklären?

Wie wäre dann zu erklären, daß eine von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebene Untersuchung 1971 sozusagen amtlich feststellte, daß ganze 1,7 Prozent der privaten Haushalte rund drei Viertel des Produktivvermögens in Händen hielten.

Wie sollte man sich dann erklären, daß es heute auf der einen Seite fast sechs Millionen Menschen in der Bundesrepublik gibt, deren Einkommen nach offiziellen Angaben unter den Bedarfssätzen der Sozialhilfe liegt, während sich andererseits in der Zeit von 1963 bis 1972 die Zahl der trotz aller steuerlichen Manipulationsmöglichkeiten noch erfaßten Vermögensmillionäre auf rund 22.000 verdoppelte?

Würden Arbeiter und Angestellte wenigstens in der Regel und im Durchschnitt den Wert ihrer Arbeit bezahlt bekommen, niemand könnte sich an ihrer Arbeit bereichern, niemand könnte auf ihre Kosten leben, niemand könnte Millionen anhäufen. Wo sollten sie schließlich herkommen? Alle Werte, die erzeugt würden, flössen an die zurück, die sie schaffen. Aber daß dem nicht so ist, daß es auf der einen Seite Millionäre gibt und auf der anderen Seite Millionen von Familien, die mit ihrem Einkommen »gerade so klar kommen«, die am Monatsletzten nichts mehr im Portemonnaie oder auf der Sparkasse haben und auf jede größere Anschaffung sparen müssen, das weiß eigentlich jeder.

Lenin Klassen

Woher kommt also die ungleiche Verteilung des Reichtums?
Die menschliche Arbeitskraft hat eine besondere, nützliche Eigenschaft: Sie kann einen größeren Wert erzeugen, als zu ihrer Erhaltung notwendig ist. Sie schafft neue Werte. Ein Industriearbeiter mit einem Nettolohn von 1.300 € im Monat stellt durch seine Arbeit Produkte her, deren Wert nach Abzug der verbrauchten Roh- und Hilfsstoffe und der Maschinenabnutzung weitaus höher liegt. Aber er bekommt nicht diesen höheren Wert seines Arbeitsproduktes (oder seiner Arbeit), sondern nur seinen Lohn von 1.300 € – den Gegenwert seiner Arbeitskraft. Denn so viel Euro braucht er etwa, um sich (und, mit seiner Frau, die voraussichtlich auch arbeiten wird, die Familie) zu ernähren, die Wohnung zu bezahlen usf.

Was verstehen wir unter Ausbeutung?
Diese nützliche Eigenschaft der menschlichen Arbeitskraft – einen größeren Wert zu erzeugen, als zu ihrer Erhaltung notwendig ist – interessiert den Unternehmer. Er kauft die Arbeitskraft, erhält somit das Recht, sie zu verbrauchen (den Arbeiter oder Angestellten arbeiten zu lassen), und kann sich die verrichtete Arbeit und deren Produkt aneignen. Sie gehören ihm, sind Quelle seines wachsenden Reichtums. Der wissenschaftliche Begriff für diese Aneignung lautet Ausbeutung – dieser Begriff ist also keineswegs ein politisches Schimpfwort, sondern eine sachliche, nüchterne Bezeichnung.

Und was ist Kapital?
Das Geld, das der Unternehmer für Rohstoffe, Maschinen und Arbeitskräfte ausgegeben hat, sein Kapital, wird durch die menschliche Arbeit vermehrt. Denn der von Arbeitern und Angestellten erzeugte Wert ist größer als der Wert ihrer Arbeitskraft, die der Unternehmer mit Lohn und Gehalt bezahlt hat. Man bezeichnet den Unternehmer daher als Kapitalisten, als Eigentümer von Kapital, mit dessen Hilfe er sich das Produkt der Arbeit seiner Beschäftigten aneignet.

Quelle:
V.Achenbach / P.Kratzer, Grundwissen für junge Sozialisten, Herausgegeben vom Bundesvorstand der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), Weltkreis-Verlag Dortmund, 1980, S.11-18.

P.S. Natürlich ist die Arbeiterklasse heute nicht mehr so organisiert, wie vielleicht vor 50-70 Jahren, natürlich gibt es heute keine Arbeiterpartei mehr, die dieses Namens würdig wäre, und natürlich ist das Proletariat gespalten von Arbeiteraristokratie bis Lumpenproletariat *. Der oftmals verwendete Begriff „Prekariat“ sagte nicht über die Klassenzugehörigkeit aus – er ist einfach eine Bezeichnung für die verarmten Bevölkerungsschichten. Doch nach wie vor bleibt das Proletariat die (zumindest potentiell) revolutionärste Klasse. Denn sie ist die am meisten ausgebeutete und mit der materiellen Produktion unmittelbar verbundene Klasse. Auch wenn die Proletarier durch ein raffiniertes Schichtsystem gezwungen sind, nach der Schicht einzeln oder nur in kleinen Gruppen ihren Betrieb zu verlassen, auch wenn sie sich heute nicht mehr versammeln, um sich über ihre Probleme auszutauschen. Sozialistisches Bewußtsein (so sagte Stalin) muß man erst in die Klasse hineintragen. Klassenbewußtsein und die Macht der Arbeiterklasse erweist sich erst in den Klassenkämpfen der Zeit…

Siehe dazu:
Wer gehört eigentlich zur Arbeiterklasse?
Kleines Politisches Wörterbuch: Was ist eine Klasse?
Bilder des Proletariats: Protestdemonstrationen zum ersten Mai 2012
Klassenbewußtsein: Woher kommt sozialistisches Bewußtsein?
Woher kommt der Reichtum?

* Eine sehr gute Begriffserklärung findet sich auch hier:
Deutschlandleaks: Was ist Lumpenproletariat?

2 Gedanken zu “Gibt es heute noch eine Arbeiterklasse?

  1. Es gibt keine Arbeiterklasse mehr, zumindest nicht mehr im klassischen Sinne, nun ja es liegt daran das es auch deren Vertreter nicht mehr gibt, weder in den Gewerkschaften noch in den Parteien, die Linke nehme ich da mal raus.

    Auch soziale Marktwirtschaft die gab es mal, heute nur noch ein Begriff und ein Schatten ihrer selbst, Lumpen beuten das Land aus und Verbrecher regieren es, das ist die heutige BRD!

    Gefällt mir

    1. Und doch gibt es sie. Nur deren Organisation deren geballtes Vorandensein im Produktionsprozeß gibt es nicht mehr! Wo früher in einer Produktionsschicht mehrere hundert Arbeiter eng nebeneinenader in einer Halle gearbeitet haben, sind nur ein paar zehn davon übrioggeblieben. Den Rest haben leistungsfähigere Maschinen übernommen.
      Wo sich früher von den viele hundert Arbeiter einer Schicht oft uinbemerkt untereinander verständigen, beraten und Aktivitäten bschließen konnten,geht das unter ein paar 10 Arbeitern nicht mehr so einfach. Jeder wird erkannt und muß um seinen Arbeitsplatz bangen. Einer traut dem anderen nicht mehr so recht, denn wer um seinen Arbeitsplatz bangen muß ist auch schnell bereit, über andere schlechtes Zeugnis abzulegen, um sich selbst zu „retten“.
      Allerdings bin ich der Meinung, daß sich die Gewerkschaften von grundauf geändert haben und abgeschafft gehören, bzw. neu aufgebaut werden müssen. Alles haben diese Gewerkschaftsfunktionäre auf den Kopf gestellt: Nicht die Arbeiter entscheiden über einen Arbeiskampf, sondern die Gewerkschaften. Es wird nicht gestreikt, wenn es dem Unternehmen besonders schmerzt (Piloten in der Urlauszeit, sondern wenn es dem Unternehmen durchaus gut reinpaßt (Abbau von Überproduktion z.B..
      Wor früher Vertreter einer Arbeiteropartei schnell mal mit in eine Produktionsghalle gelangen und dort politische Arbeit leisten konnten, sind heute per Chip.KLarte unbefugtes Betreten der Werkhallen allen Fremden versagt.
      Die Arbeiter existieren noch, denn es gibt nach wie vor Produktion. Nur die Organisation der Arbeiter gibt es nicht mehr…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s