Bildung im russischen Kapitalismus

Russische Schule…eine zugemauerte russische Schule

Mit der Zerschlagung der forschungsintensiven Industrie und der Wissenschaft ist in Rußland eine Situation entstanden, bei der sich Bildung und hohe berufliche Qualifikationen als überflüssig erweisen. Auf dem Kongreß der Jugendbewegung „Naschi“ kritisierte der russische Minister A.Fursenko das sowjetische Bildungssystem, welches bekanntlich eine hohe Kreativität hervorbrachte, und er sprach darüber, daß heute Konsumenten notwendig sind, welche die wissenschaftlichen Errungenschaften und Technologien, die von anderen entwickelt werden, richtig anwenden können. In der Zeitschrift „Itogi“ schrieb der Minister, daß der Arbeiter am Fließband nicht nachdenken soll, sondern das tun, wozu man ihn angestellt hat. Mit anderen Worten, die Bewohner der Rohstoffkolonie Rußland sollen nur wissen, wie man die Absperrhähne der Pipelines öffnet und westliche Secondhandklamotten konsumieren.

…ein Krümelchen Bildung

Ganz den Forderungen der Zeit entsprechend, strebt die Mehrzahl der jungen Leute an den Hochschulen heute nicht mehr nach Wissen, sondern sucht die Freistellung vom Militärdienst und ein Krümelchen Bildung, aber dieses Krümelchen kann man kaufen — ganz gleich, doch Fachwissen bekommt man dort nicht.
Studenten
„Wir haben der Umsetzung eines epochalen nationalen Bildungsprojektes begonnen. Man muß die Schulen und Hochschulen mit innovativen Programmen unterstützen, talentiertenen Lehrern und begabten Schülern ein Forum bieten“, tönte Präsident Putin 2005. Und das sieht dann folgendermaßen aus:

Rußland und die anderen

Während in den entwickelten kapitalistischen Ländern die Kosten für Bildung ständig wachsen, und im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt z.B. in Skandinavien 7,6-8 % betragen, werden sie in Rußland gekürzt bis auf das Niveau der Türkei, wo sie gerade mal 3,5 % betragen. In den 70er Jahren nahm die Sowjetunion nach der Zahl der Studenten pro 10.000 Einwohner den zweiten Platz in der Welt ein. Heute sind es nur 179 Studenten. Während es in Kanada 299, in Österreich 227, in Belgien 224, in Finnland 220, in Spanien 187 und sogar in einigen lateinamerikanischen Ländern weitaus mehr Studenten gibt als in Rußland. Mit 900 Hochschulen und Universitäten hatte die Sowjetunion die höchste Anzahl an höheren Bildungseinrichtungen, davon blieben bis zum Jahre 2007 lediglich 650 übrig. Nach den Plänen des Ministers Fursenko, soll diese Zahl bis auf 200 verringert werden. Diese Periode der „Reformen“ in Rußland war gekennzeichnet durch eine Privatsierung von Hochschulen, durch die Ablösung der staatlich finanzierten Hochschulbildung durch ein gebührenpflichtiges Studium, was heute schon mehr als die Hälfte der Studenten betrifft. Und der Minister für Bildung und Wissenschaft bemüht sich um weitere Kürzung des Etats.
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Die einst so stolze Lomonossow-Universität — in Sowjetzeiten eine der besten Bildungseinrichtungen der Welt, heute nur noch Kulisse für illustre Showveranstaltungen…

Moskau: niedriges Niveau — hohe Studiengebühren

Wir wollen einmal versuchen, die derzeitige russische Hochschulbildung nach ihrem „Preis-Leistungs-Verhältnis“ zu bewerten. Nehmen wir die im internationalen Maßstab 200 erfolgreichsten und anspruchvollsten Hochschulen und Universitäten der Welt, so stehen die Moskauer und die St.Petersburger Staatlichen Universitäten an letzter Stelle. Vergleicht man hingegen die jährlichen Studiengebühren (z.B. in den Fachrichtungen Journalistik und Jura), so kostet das Studium an der
— Pariser Universität 250-1.000 Euro (12-50 Tausend Rubel);
— Münchner Technischen Universität etwa 1.200 Euro (55 Tausend Rubel);
— Staatlichen Universität Moskau etwa 4.200-5.300 (173-220 Tausend Rubel). Interessanterweise kostet das Studium an der Moskauer Staatlichen Technischen Hochschule „N.E.Baumann“, die Spezialisten für das Militär ausbildet, nur 1.400-2.000 Euro (58-82 Tausend Rubel).

Der Braindrain ist vorprogrammiert

Derzeit führt das Bildungsministerium eine Reform der Hochschulbildung nach westlichem Muster durch: die „zweistufige“ Ausbildung (4 Jahre zum Bachelor, weitere zwei Jahre zum Magister). Die Behauptung, daß der Ersatz des einst weltbesten sowjetischen Bildungssystems durch das westliche (Beitritt zum „Bologna-Prozeߓ) die gegenseitige Anerkennung russischer und europäischer Diplome ermögliche, hält keinerlei Kritik stand. Zum einen gehören die russischen Spezialisten ohnedies zu den gefragtesten in der Welt, und zum anderen ist die Erleichterung des braindrain nichts anderes als eine staatsfeindliche Position. Das neue System wird das Studienniveau weiter absenken, zur Schließung von Lehrstühlen führen, die den Absolventen eine abgeschlossene Hochschulbildung ermöglichen und wird die Entlassung ihrer Mitarbeiter mit sich bringen. Insbesondere auf den Lehrstühlen, wo die Forschung konzentriert war, arbeiteten die am höchsten qualifizierten Spezialisten. Das Resultat wird die völlige Liquidierung der Vorbereitung im Land der Spezialisten-Spezialisten für den realen Sektor der Wirtschaft.

Die Schule im kapitalistischen Rußland

Im Verlaufe der „Reformen“ hat auch die Schulbildung stark gelitten. An ländlichen Schulen blieben 2008 weit über 30 % der Lehrerplanstellen unbesetzt, auch ihre materielle Austattung ist völlig unzureichend. Nur wurde für einen die 2007 Zahl der Schulen um Tausend verringert, die Anzahl der Schüler im Laufe 2002–2007 ist mit 20 bis zu 15 Millionen gesunken. Im Schuljahr 2008–2009 wurden etwa 300 Schulen geschlossen, in den vergangenen zehn Jahren verringerte sich die Zahl der Schüler um 8 Millionen. Auch der Unterricht in russischer Sprache und der Literatur wurde an den Schulen stark reduziert. Das Epos «Krieg und Frieden» von Lew Tolstoj – in der deutschen Ausgabe ein Roman von über 1600 Seiten – lernen die Kinder beispielsweise in einer kleinen Broschüre kennen), die Russisch-Lehrer, wie auch die Lehrer der übrigen Fächer, verdienen wesentlich weniger als die Englisch-Lehrer. Das ist die koloniale Realität!
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Eine Dorfschule in Sibirien

Sogar Minister A.Fursenko mußte eingestehen, daß das Niveau der Schulbildung in erschreckendem Maße abgenommen hat: „Ein Viertel aller Schüler haben keine Ahnung von Mathematik und ebenso wenige kennen die russische Sprache“. Diese Erklärung klang wie eine Bilanz einer Abrißfirma gegenüber ihren Mietern — die Aufgabe der Vernichtung des russischen Bildungssystems wurde erfolgreich abgeschlossen.

Den Schulen wird hier eine Reform nach westlichem Muster aufgedrängt: die Einheitliche Staatliche Prüfung (ESP) ist ein System zur Blockierung des schöpferischen Denkens bei Kindern. Das System zwingt die Kinder zum Auswendiglernen, zwängt ihr Gehirn in das Regime des Voice Recorders — die aufgezeichnete Information wird exakt und ohne die geringste Analyse, nach der Methode: Was? Wo? Wann?

Die ersten Erfahrungen mit der Bildungsreform an den Schulen im Frühjahr 2009 haben erschütternde Ergebnisse zutage gebracht. Fast 30.000 Schulabgänger haben die Prüfungen nicht bestanden. Was wird mit dieser Armee junger Menschen, die diesem ungeheuerlichen Experiment zum Opfer fielen, und die nun ohne Abitur ins Leben gehen? Offensichtlich war es gerade die Aufgabe Fursenkos, möglichst viele junge Leute in Rußland aus dem schöpferischen Leben in die Arbeitslosigkeit, die Rauschgiftsucht, die Trunksucht und die Kriminalität zu stoßen.

Das russische Bildungsystem — eine Fabrik für Dummköpfe

Ein Kenner der Wissenschaften, der Publizist W.Gubarew sagt: „Wissen Sie, was die Ergebnisse der Bildungsreform gezeigt haben? Das Bildungsniveau unserer Kinder ist auf den Stand von 1928 zurückgefallen. Man kann hier nicht von der Entwicklung der Wissenschaft, sondern muß von einer Entwicklung der Unbildung sprechen.“ Und das Akademiemitglied S.P. Kapitza meint zur Bildungsreform, daß sich seiner Meinung nach die Russische Föderation in ein Land von Idioten verwandelt. Ebenso äußert sich auch Andrej Kurajew: „Ich habe den Eindruck, daß sich unsere Regierung und die Bildungsreformer, die in den letzten 20 Jahren mit der Schule experimentiert haben, die Aufgabe gestellt haben, aus ihr eine Fabrik zur Erzeugung von Arbeitssklaven … zu machen.“ Die zahlreichen Proteste der Öffentlichkeit gegen die Bildungsreform hat der Präsident des Landes beiseite gewischt. Er hält die Bildungsreform für rechtmäßig. («Argumenty i Fakty» Nr.36/2009).

Der Verfall einer Gesellschaft

Die Zerstörung von Industrie, Bildung und Wissenschaft, und die Massenflucht junger Wissenschaftler haben zu einen katastrophalen Verfall der Gesellschaft geführt. Man kann beobachten, wie sich die Menschen heute massenhaft in eine Gesellschaft von Idioten verwandeln, der nur noch auf ihre elementaren physiologischen Bedürfnisse orientiert sind, die nicht denken und lesen wollen, und die gerade mal Schreiben gelernt haben. In diesem Land gibt es bald niemanden mehr, den man unterrichten und behandeln kann, und es ist ein ernsthafter Mangel an Lehrkräften entstanden. Jeder zehnte zum Militär einberufene Soldat kann nicht lesen und schreiben. Nach den Angaben der UNESCO ist das geistige Niveau der Jugend in Rußland vom 3. Platz in der Welt(UdSSR 1953) auf den 40 gefallen, anderen Angaben zufolge auf den 47. Platz.

Die Sowjetunion war das belesenste Land in der Welt. Heute beantwortet die Zeitung «Komsomolskaja Prawda» die Frage, was man in Moskau liest, wie folgt:
– 40 % lesen ab und zu Bücher;
– 37 % lesen überhaupt keine Bücher;
– 23 % lesen ständig Bücher und
– nur 4 % der Befragten haben ein häuslichen Bibliothek.
Der Filmregisseur S.Goworuchin sagt: „Wir haben heute eine Unbildung, wie es sie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gegeben hat! Soziologen sprechen davon, daß nur etwa 20 % der Bevölkerung lesen. Und Sie schauen Sie sich an, was die lesen: nicht etwa Tolstoj, Tschechow oder Prochodimzew. Jeden Monat erscheint irgendein Schmarrn, irgendwelche Boulevardzeitschriften, Blättchen mit Anekdoten und Gelaber darüber, wer mit wem abgezogen ist und wer eine neue Geliebte hat – das ist es, was 18 von diesen 20 Prozent lesen.“ («Argumenty i fakty», Nr.09/2007).

Die Fehlen einer Arbeit, die hohe Qualifikation und ständige Weiterbildung erfordert, hat zu einem geistigen Verfall in der Gesellschaft geführt. Darüber hinaus gibt es aber auch einen sittlichen und moralischen Verfall. Ideologen des Liberalismus halten es für eine notwendige Voraussetzung des „Erfolges“, „sich vom Menschlichen zu verabschieden“. So schreibt beispielsweise F.v.Hayek in seinem Buch „Der Weg zur Knechtschaft“, daß die Menschen einige ihrer natürlichen Instinkte, vor allem den Instinkt des Mitleids und den der Solidarität ablegen sollten.

Die Menschen sollen also zu Egoisten werden, um den aufgezwungenen neuen Marktbedingungen zu entsprechen. Obwohl Schimpansen sogar heute noch die Fähigkeit zur Fürsorge haben. Würden wir unseren „Instinkt der gegenseitigen Hilfe“ unterdrücken oder gar ablegen, so kehrten wir damit in das früheste Stadium nicht nur der Zivilisation, sondern sogar der biologischen Evolution, zum Niveau der Reptilien, zurück.

Quelle:
nach http://sovrab.ru/content/view/4603/39/

Siehe auch:
Welches ist das beste Bildungssystem der Welt?
Der sowjetische Pädagoge Wassili Suchomlinski

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