Georgi Dimitroff: Flammenden Gruß den antifaschistischen Kämpfern Frankreichs!

Zum Reichstagsbrandprozeß

Der Versuch der Nazis und der deutschen Justiz, den Kommunisten die Schuld für den Reichtagsbrand in die Schuhe zu schieben, war gescheitert. Mutig und prinzipienfest verteidigte sich der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff vor den deutschen Gerichten und entlarvte dabei die betrügerischen Machenschaften der Faschisten. Kurz nach seiner Freilassung im März 1934 sprach er mit dem Mitarbeiter der „Humanite“, Florimond Bonte. Diese Unterredung erfolgte kurz nach der Ankunft Dimitroffs in Moskau. Florimond Bonte hatte Dimitroff eine Sammlung der Nummern der „Humanite“ überbracht, die in der Woche vor der Urteilsverkündung erschienen waren, als die mächtige Bewegung der antifaschistischen Einheitsfront besonders große Ausmaße angenommen hatte.

Georgi Dimitroff berichtet:

Die faschistische Reaktion hatte uns so von der ganzen Welt isoliert, daß ich beim Lesen der Berichte über die antifaschistischen Demonstrationen eine große Genugtuung empfand.

Wir hatten während des Prozesses allerdings den deutschen faschistischen Zeitungen entnommen, welch gewaltiges Ausmaß die Arbeiterdemonstrationen zugunsten unserer Sache in Frankreich erreichten, und wir fühlten, daß das französische Proletariat an der Weltkampagne gegen den Hitlerfaschismus und an dem kraftvollen Kampf für unsere Befreiung lebendigsten Anteil nahm. Als ich während des Prozesses im Moabiter Gefängnis war, teilte mir das Gericht mit, daß von Romain Rolland und Henri Barbusse Briefe und Telegramme für mich eingegangen seien. Sie wurden mir jedoch nicht ausgehändigt. Das Gericht hielt sie zurück unter dem Vorwand, daß durch sie die Gefängnisordnung gefährdet werde. Diese Dokumente wurden zu meinen Akten gelegt. Aus allen Ecken und Enden Frankreichs trafen für mich haufenweise Briefe, Telegramme und Zuschriften ein. Sie wurden mir aus dem gleichen Grunde vorenthalten.
DimitroffGeorgi Dimitroff bei seiner Schlußrede

Von den eingeschriebenen Briefen wurden mir nur einige in geschlossenem Umschlag vorgelegt, ich mußte den Empfang bescheinigen, damit sie nicht an die Absender zurückgingen. Der Briefe bemächtigte sich die Gefängnisverwaltung und nahm sie in Verwahrung. Niemals erlangte ich von ihrem Inhalt Kenntnis. Keinen einzigen dieser eingeschriebenen Briefe erhielt ich auch nur zum Durchlesen.

Während des Prozesses richtete ich an das Gericht eine Beschwerde nach der anderen. Ich verlangte, daß man mir wenigstens mündlich den Inhalt der Briefe mitteile, ich forderte nachdrücklich, daß man sie mir zum Durchlesen gebe, aber meine wiederholten Bitten blieben stets unberücksichtigt. Nach Auffassung des faschistischen Gerichts konnte bloße Kenntnis der allereinfachsten Tatsachen eine schwere Gefährdung der „Gefängnisordnung“ darstellen.

Spitzfindige Heuchelei! Die Begründungen der Faschisten waren nur faule Ausreden. Das Lesen eines Briefes – eine Gefährdung der Gefängnisordnung! Tartüffs! In Wirklichkeit lag dem die offenkundige Absicht der faschistischen Häuptlinge zugrunde, mir eine Waffe zu nehmen, die mir vor Gericht besondere Dienste geleistet hätte.

Die Leipziger Richter gingen in der gleichen Weise vor, nur mit noch abgefeimterer Heuchelei. Das Gericht übergab nämlich diese Dokumente meinem „Verteidiger“, dem Rechtsanwalt Teichert, mit der kategorischen Weisung, mich von ihrem Inhalt nicht in Kenntnis zu setzen. Ich konnte die Wucht der von der Kommunistischen Partei Frankreichs geführten Kampagne, die unwiderstehliche Kraft der antifaschistischen Bewegung und die aktive Teilnahme der besten Vertreter von Wissenschaft, Literatur und Kunst gewissermaßen nur ahnen.
Dimitroff Schlußrede
Aus Georgi Dimitroffs Aufzeichnungen

Ich spürte wirklich, daß ich vor dem faschistischen Gericht nicht nur als Angeklagter, nicht nur in meinem eigenen Namen sprach, sondern daß ich zugleich das Sprachrohr der gesamten werktätigen Massen war. Ich war mir bewußt, daß ich die tiefsten Gefühle und den unerschütterlichen antifaschistischen Kampfeswillen nicht nur der Millionen deutschen Betriebsarbeiter zum Ausdruck brachte, die in die Konzentrationslager gepfercht sind und in den Gefängnissen schmachten, sondern auch den Gefühlen der Millionen Werktätigen der ganzen Welt Ausdruck verlieh, namentlich der in geschlossenen Reihen zum antifaschistischen Kampf antretenden Werktätigen Frankreichs. Ich wußte, daß die Anklagebank sich zur Welttribüne verwandeln kann – und sie ist es tatsächlich geworden –, von wo die Welle der antifaschistischen Empörung einen neuen kräftigen Antrieb empfängt, dessen wuchtiger Stoß die ungeheuerliche Provokation der Hitlerleute endgültig ihrer Wirkung beraubt.

Ich meine damit die scheußliche Intrige der Reichstagsbrandstiftung, die den Zweck verfolgte, dem Proletariat und seiner revolutionären Avantgarde, der Kommunistischen Partei Deutschlands, die abscheulichsten Verbrechen der deutschen Faschistenführer in die Schuhe zu schieben. Zum Glück kann ich feststellen, daß mir dies nach besten Kräften gelungen ist und daß wir auf diese Weise die unzerstörbare Einheit der antifaschistischen Kämpfer in der ganzen Welt fester zusammenfügen konnten.

In den letzten Wochen und Tagen meiner Gefangenschaft erlebte ich die große Freude, aus den, wenn auch tendenziösen und entstellten Mitteilungen der offiziellen Presse des deutschen Faschismus zu ersehen, mit welcher Begeisterung die französischen Arbeitermassen gegen den Faschismus im eigenen Lande aufgetreten sind und wie in der Feuerprobe des Kampfes die Einheitsfront des französischen Proletariats von unten her geschmiedet wurde. Ich finde keinen Ausdruck für die Tiefe meiner Gefühle, als ich aus den ironischen und gehässigen Ausfällen der faschistischen Presse erfuhr, daß die Massen des französischen Proletariats während der grandiosen Demonstration und des Generalstreiks vom 12. Februar das Schicksal der Leipziger Angeklagten und mich selbst mit ihrem eigenen Vorgehen so eng in Verbindung brachten. Diese erfreuliche Nachricht erfuhr ich aus einem Leipziger Faschistenblättchen. Ich sah in dieser Zeitung eine Karikatur, plump in der Idee und talentlos in der Ausführung, die eine Arbeiterdemonstration in Paris darstellen sollte. Die Arbeiter trugen Transparente mit dem Namen Dimitroff. Die abgeschmackte Erklärung besagte, die Arbeiter hätten deshalb demonstriert, weil man mir am Abend vorher den Nachtisch entzogen habe. So drang die Wahrheit selbst durch die Mauern unseres Gefängnisses, wenn auch vermittels einer faschistischen Verleumdung. [1] Diese machtvollen Demonstrationen waren ebenso wie die heroischen bewaffneten Kämpfe der Werktätigen Österreichs ein wirksames Gegenstück zu den moralischen Foltern und der peinlichen Fesselung, die wir in den faschistischen Gefängnissen durchmachen mußten.
Dimitroff Solidarität
Solidaritätsdemonstrationen in aller Welt (hier: London)

Die tapfere Haltung der Pariser Proletarier und der wunderbare Heldenmut der österreichischen Arbeiter, die sich mit bewaffneter Hand gegen den Faschismus erhoben, waren mir ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit meiner Haltung vor dem faschistischen Gericht und für die Richtigkeit jener Linie des Angriffs und der Offensive, die jetzt für die Bolschewiki der ganzen Welt gegen den Faschismus geboten ist.

Ich bitte, den Werktätigen Frankreichs und allen, die am antifaschistischen Kampf aktiven Anteil genommen haben, meinen revolutionären Dank zu übermitteln und der „Humanite“, die bei der Mobilisierung der werktätigen Massen eine so bedeutende Rolle gespielt hat, tiefempfundene Erkenntlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Ich danke auch der großen Sowjetunion, ihren Arbeitern und Bauern, den Erbauern der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft, die uns die große Ehre erwiesen haben, uns wie eigene Söhne aufzunehmen, und die uns die Möglichkeit geben, in den Kampfreihen der großen bolschewistischen Partei unseren Kampfplatz einzunehmen.

Wir sind frei! Aber der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands, unser Thälmann [2], und Zehntausende revolutionärer Arbeiter, die vorbildliche Tapferkeit an den Tag gelegt haben, schmachten noch in den faschistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen. Man muß auch ihnen zur Freiheit verhelfen.

Unser Thälmann befindet sich im Gefängnis. Sein Leben ist in Gefahr. Er kann jeden Augenblick auf Grund einer von den barbarischen Faschistenführern listig inszenierten Provokation hinterhältig ermordet werden. Die Befreiung Thälmanns ist eine Ehrensache des internationalen Proletariats. Der Kampf für die Befreiung unserer Klassenbrüder ist eine Ehrensache für die Werktätigen der ganzen Welt!

Anmerkung:
[1] Schon damals haben die Faschisten versucht, die Wahrheit mit Gewalt zu verbergen. Wie groß muß die Angst vor der Wahrheit wohl sein und wie gefährlich ist sie, daß man mit allen Mitteln versucht, sie zu unterdrücken und von ihr abzulenken. Die Wahrheit muß sich nicht rechtfertigen. Sie ist einfach da…
[2] Ernst Thälmann, 1886-1944 (ermordet im KZ Buchenwald), bedeutender Führer der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung; seit 1903 Mitglied der SPD, seit 1925 Vorsitzender der KPD. Unter seiner Führung entwickelte sich die KPD zu einer starken, eng mit den Massen verbundenen marxistisch-leninistischen Partei. 1933 war er verhaftet worden.

Quelle:
G.Dimitroff, Reichstagsbransprozeß, Dietz Verlag Berlin (DDR), S.218ff.

siehe auch: Friedrich Wolf, Es gibt kein größeres Verbrechen…

2 Gedanken zu “Georgi Dimitroff: Flammenden Gruß den antifaschistischen Kämpfern Frankreichs!

  1. Gewiß, es war eine schwere Zeit, die Nazi-Zeit! Man sagte damals: „Halt den Mund, sonst wirst Du abgeholt!“ Klar, was damit gemeint war: Die Gestapo. Und es war auch klar, was denen dann passierte! Die Mutigen waren in der Minderheit, und nur wenige Antifaschisten haben das Dritte Reich überlebt… In der Schule (DDR) haben wir gelesen: Dieter Noll – „Die Abenteuer des Werner Holt“. Bruno Apitz – „Nackt unter Wölfen“. Anna Seghers – „Das siebte Kreuz“. Und gesehen haben wir im Kino: „Die Mörder sind unter uns“ und „Prof.Mamlock“.

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