Die Tagebücher des Walter Tausk 1933-40

Ein trauriges Zeugnis aus der Zeit des deutschen Faschismus sind die Breslauer Tagebücher des jüdischen Kaufmanns Walter Tausk. Seine im Magazin der Universitätsbibliothek Wrocław teilweise aufgefundenen Tagebücher stammen aus der Zeit des ersten Weltkrieges bis zu seiner Deportation in ein Nazi-Konzentrationslager.
Heine
Walter Tausks Tagebücher widerlegen eindeutig die in westdeutschen Kreisen verbreitete Behauptung, die deutschen Durchschnittsbürger hätten nichts über die Greueltaten der Nazis gewußt, die in ihrem eigenen Land, später auch in den besetzten Ländern, begangen wurden. Am 13. Feburar 1933 schrieb Walter Tausk:

tauskIm Vorwort zu den Tagebüchern vermerkt der Herausgeber Ryszard Kincel:

Walter Tausk war ein geradezu krankhafter Optimist, was ihn nicht daran hinderte, bereits im April 1929 sein Testament aufzusetzen. Er glaubte, trotz einiger zeitweiliger Verzweiflungsanfälle, bis zum Schluß, ihm könne nichts Böses zustoßen. Seine Hoffnung gründete er darauf, daß er an den Fronten des ersten Weltkrieges für Deutschland gekämpft hatte. Auch gab er sich der trügerischen Vorstellung hin, der Hitlerfaschismus werde sehr bald zerschlagen – in einer Woche, einem Monat, einem Jahr. Deshalb schob er auf geradezu enervierende Weise seine Abreise aus Deutschland immer wieder auf. Die Schwierigkeiten einer Ausreise, zahlreiche diplomatische, bürokratische und finanzielle Belastungen berücksichtigend, hatte er die Sache mehrmals in Angriff genommen, jedoch stets ungeschickt, ja inkonsequent. Jedesmal verband er seine Emigrationspläne mit einem anderen Land, einmal war es Frankreich, ein andermal Palästina, dann wieder China, Indien, Ceylon, Venezuela, dann Afrika.
Hitlerjugend
Hitlerjugend beim Absperrdienst

Nicht nur, was die Entwicklung der politischen Situation anbelangte, war Tausk Optimist, sondern auch in seinen persönlichen materiellen Angelegenheiten. Selbst als er infolge der Verordnungen der faschistischen Behörden schon alle Handelsvertretungen verloren hatte, gab er die Hoffnung nicht auf, einmal zu einem großen Vermögen zu kommen. Diese Hoffnung war an seine Erfindungen geknüpft, um deren Patentierung er bis zum letzten Augenblick kämpfte. Zu seinen Ideen gehörten Firmenschilder mit einer Schrift, die nachts leuchtete, Abschleppseile mit einer neuartigen Haltevorrichtung, ja sogar verbesserte Gürtelschnallen. Stets glaubte er, das Schicksal müsse ihm bald hold sein, und als das Glück ausblieb, schob er alles auf die verschiedensten metaphysischen Hindernisse wie zum Beispiel auf die angeblich für ihn verhängnisvollen Ziffern 4 und 8, denn dieser „Rationalist und Freidenker“, wie er sich gern nannte, war abergläubisch und hatte mehr Angst vor Träumen als vor den faschistischen Gesetzen und jenen, die sie in die Tat umsetzten.

In Wahrheit ist Hitler der Totengräber Deutschlands…

Manche Stellen in seinem Tagebuch können den heutigen Leser geradezu in Erstaunen versetzen. Bereits zwei Jahre vor Hitlers Machtantritt, zu einer Zeit, da sich immer mehr Deutsche um die Flagge des Nationalsozialismus scharten, am 18. Januar 1931, vermerkte er in seinem Diarium: „In Wahrheit ist Hitler der Totengräber Deutschlands!“ Darüber hinaus sah er außerordentlich klar den Ausbruch des zweiten Weltkrieges und die Tatsache voraus, daß er auf polnischem Territorium seinen Ausgang nehmen werde.
BreslauNationalsozialsitischer „Alltag“ in Breslau

Ebenso vorausschauend war er in einer anderen Frage. Als im Nahen Osten noch englische und französische Truppen die Ordnung überwachten, sprach er am 14. Oktober 1938 den Gedanken aus, daß die palästinensischen Juden das Gelobte Land in ein verfluchtes Land verwandelt hätten, weil sie unter den Arabern eine antisemitische Stimmung erzeugten. Angeführt werden sollen hier auch Walter Tausks Worte, daß in Palästina vor allem „hundertprozentige Juden aus Osteuropa, aber vor allen Dingen die polnischen Juden, jene Oberzionisten, die überall auf dem ganzen Erdball den Antisemitismus erzeugen“, einen Krieg mit den Arabern anstrebten. Diese Meinung, so bemerkenswert sie ist, war natürlich mitbestimmt von dem starken Widerwillen eines deutschen Juden gegenüber den polnischen Juden. Denn Tausk fühlte sich vor allem als Deutscher.[1]

Sonntag, den 23.8.1936
Mir sagte kürzlich ein Geschäftsfreund: „Deutschland ist so dumm und feige, daß es unter Adolf Hitler sogar die eigene Scheiße fressen würde, wenn sie nur schmackhaft angepriesen würde.“ Das war ein Arier, der das sagte! Hoffentlich erwacht Deutschland noch achtundvierzig Stunden vorher, das heißt vor dem Kriege, in den es durch jenen „Führer“ unausweichbar hineingetrieben wird. [2]
Tagebuch
Den 28.9.1939
Gestern morgen erschien die Gestapo bei der Jüdischen Gemeinde und beschlagnahmte die gesamte Kleiderkammer des Wohlfahrtsamtes, aus der die armen Leute (Wohlfahrts-Empfänger und Winterhilfe-Unterstützte, aber auch Auswanderer) mit Unter- und Oberkleidung inklusive Schuhwerk ausgestattet wurden. Da jetzt fünfhundert arbeitslose Juden zur Zuckerrübenernte aus Breslau abgehen sollen, können sie nicht mehr durch diese Kleiderkammer ausgestattet werden. Ferner gehen bereits Gestapo-Leute zu jüdischen Familien (meist Auswanderern) und beschlagnahmen dort Handtücher und Bettwäsche, „soweit sie für Lazarette verwendbar sind“, also neue Sachen und noch gute. [3]

Diese Dokumente, von denen Tausk hoffte, daß sie der Nachwelt erhalten blieben, zeigen nicht nur den Leidensweg eines jüdischen Kleinbürgrs, sondern beweisen auch, daß der gewöhnliche Faschismus auf den Straßen Breslaus für jedermann sichtbar war.

[1] Walter Tausk, Breslauer Tagebuch 1933-40, Rütten & Loening, Berlin (DDR), 1975, S.12f.
[2] ebd. S.151
[3] ebd. S.234

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