So werden Dissidenten gemacht…

Im Jahre 1978 erschien in der DDR ein sensationelles Buch von Harry Thürk: „Der Gaukler“. Es war nicht einfach nur ein Krimi, den Harry Thürk hier schrieb, als er sich den „Schwankenden“ zwischen beiden Welten zuwandte – es ist (auch heute noch!) wichtiges politisches Buch. Dieser Roman handelt von einem Schriftsteller, der für ein paar Silberlinge sich, seine Heimat und sein Volk dem Feind auslieferte und sich zum Werkzeug der CIA machen ließ. Als Vorspann dazu schrieb Harry Thürk: „Sollte der Leser in diesem Werk der Fiktion Parallelen zu ihm bekannten lebenden Personen entdecken, so wäre lediglich er selbst für einen derartigen Vergleich verantwortlich. Da der Autor jedoch Respektlosigkeit und Spürsinn gleichermaßen schätzt, versichert er jeden Leser, der im Zusammenhang mit Büchern solche Eigenschaften entwickelt, seiner vollen Sympathie.“ – Selbstverständlich waren diese Parallelen beabsichtigt. Umso mehr als derartige Machenschaften der CIA auch in der DDR erheblichen Schaden angerichtet hatten. Man muß jedoch nicht unbedingt gelesen haben, was an anderer Stelle die notorischen Feinde des Sozialismus, die Apologeten des Imperialismus, in diversen gut bezahlten Auftragswerken und Kommentaren dazu abgesondert haben. Und nicht einmal Dissertationsschriften, also dem Anschein nach wissenschaftliche (!) Veröffentlichungen, sind frei von Lügen und Verleumdungen – um so schändlicher, wenn der Autor, gegen den man referiert, bereits verstorben ist, sich also nicht mehr wehren kann. Doch das Werk von Harry Thürk spricht für sich.

Und hier nun ein Ausschnitt aus dem Buch „Der Gaukler“

Ein CIA-Dossier:
Gaukler1Gaukler2
Deadricks erster Gedanke, nachdem er den Hinweis gelesen hatte, war: Wieder so ein Sozialismusverbesserer, der uns einen Stapel Dollars kosten wird! Ein Buch, das wir subventionieren, hundert-zwanzig Vertrauensleute in der ganzen Welt, die jubelnde Rezensionen lancieren, die Vergabe von einem Dutzend Forschungsaufträgen, damit der Mann auch in die Literaturwissenschaft eingeht, und nach drei Jahren, wenn es gut geht, erst nach fünf, die Bereitstellung eines möglichst abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit gelegenen Hauses, in dem der dann Exilierte sein Leben ohne nennenswerte Störungen beschließen kann.

Einige Male haben wir das nun schon gemacht. Genau so. Das Geschäft mit den Dissidenten verspricht viel. Eingebracht hat es bislang wenig. Vielleicht brauchen wir mehr Praxis. Wie oft haben wir schon für hoffnungslose Alkoholiker Plätze in Sanatorien bezahlt? Am günstigsten kamen wir noch weg, wenn wir solche ausgebrannten Polit-Poeten bei einem Emigrantenblättchen unterbringen konnten oder bei Radio Free Europe. Ab und zu eignete sich sogar einer zum Professor für ein Institut für Sowjetologie oder wenigstens zum wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Der Himmel allein weiß, ob wir bei diesem Spiel nicht nur zusetzen. Der große Wurf ist jedenfalls bisher ausgeblieben. Literarisch sowieso, aber eigentlich auch politisch. Die erste Welle der russischen Emigranten, damals in den zwanziger Jahren, hatte einige Literaten herbeigespült, die imstande gewesen waren, ihr Brot zu verdienen. Da gab es den alten Nabokow, der konnte die Leser mit seinen Weibergeschichten unterhalten, Kalinnikow mit seinen Sittenromanen oder Krasnow mit seinem Gruselschinken über den Bürgerkrieg. Lange ist das her! Die neuere Entwicklung hat Pasternak gebracht. Auch keine Bombe, wenn man es genau nimmt, eher eine naß gewordene Sprengladung, die mit blauer Flamme abbrennt, statt zu explodieren. Und sonst? Ein paar verärgerte Bärtige. Rasputin-Imitatoren, zuweilen mit etwas Talent, aber ohne Fleiß und ohne Ehrgeiz. Geldverdiener bestenfalls. Feuerwerkskörper, bunt schillernd, aber wenig Brisanz. Sie eignen sich beim besten Willen zu weiter nichts als zu einem bißchen Schaumschlägerei. Weiß Gott, wir könnten einen Mann gebrauchen, mit dem etwas anzufangen wäre. [1]

Sehr detailliert hat Harry Thürk beschrieben, wie in den Regiezentralen der CIA vorgegangen wird, um bspw. ein sozialistisches Land ideologisch zu unterwandern. Diese Methode war mehrfach erprobt und – sie funktionierte. So werden also Dissidenten gemacht: Mit Hilfe eines bekannten Wissenschaftlers, Schriftstellers oder einer anderen namhaften Persönlichkeit wird in einem Land, das man zu destablisieren gedenkt, eine diffamierende Legende erfunden, eine Gruselgeschichte über angebliche Verbrechen, die man der Regierung dieses Landes in die Schuhe schieben kann. Diese Story wird auf jede nur mögliche Art und Weise verbreitet. Auch spielen hier oft die abenteuerlichen Umstände ihrer Verbreitung eine Rolle. Als besonders geeignet haben sich hierfür solche „schwankenden Gestalten“, wie der im Buch beschriebene Ignat Isaakowitsch Wetrow. Es sind charakterschwache, gewissenlose und bestechliche Menschen, die sich offentlichkeitswirksam zu präsentieren verstehen, und die für eine oft lächerliche Besoldung zu jeder Schandtat bereit sind, ihrem sozialistischen Vaterland zu schaden.

Der schwedische Historiker Mario Sousa beschrieb die Hintergründe dieser Methode:
Alexander Solzhenitsyn. Another person who is always associated with books and articles on the supposed millions who lost their lives or liberty in the Soviet Union is the Russian author Alexander Solzhenitsyn. Solzhenitsyn became famous throughout the capitalist world towards the end of 1960 with his book, The Gulag Archipelago. He himself had been sentenced in 1946 to 8 years in a labour camp for counter-revolutionary activity in the form of distribution of anti-Soviet propaganda. According to Solzhenitsyn, the fight against Nazi Germany in the Second World War could have been avoided if the Soviet government had reached a compromise with Hitler. Solzhenitsyn also accused the Soviet government and Stalin of being even worse than Hitler from the point of view, according to him, of the dreadful effects of the war on the people of the Soviet Union. Solzhenitsyn did not hide his Nazi sympathies. He was condemned as a traitor.

Solzhenitsyn began in 1962 to publish books in the Soviet Union with the consent and help of Nikita Khrushchev. The first book he published was A Day in the Life of Ivan Denisovich, concerning the life of a prisoner. Khrushchev used Solzhenitsyn’s texts to combat Stalin’s socialist heritage. In 1970 Solzhenitsyn won the Nobel Prize for literature with his book The Gulag Archipelago. His books then began to be published in large quantities in capitalist countries, their author having become one of the most valuable instruments of imperialism in combating the socialism of the Soviet Union. His texts on the labour camps were added to the propaganda on the millions who were supposed to have died in the Soviet Union and were presented by the capitalist mass media as though they were true. In 1974, Solzhenitsyn renounced his Soviet citizenship and emigrated to Switzerland and then the US. At that time he was considered by the capitalist press to be the greatest fighter for freedom and democracy. His Nazi sympathies were buried so as not to interfere with the propaganda war against socialism. [2]

Übersetzng:
Aleksander Solschenitzyn. Eine andere Person, die immer wieder mit Büchern und Artikeln über die angeblichen Millionen von Opfern verbunden wird, die ihr Leben oder ihre Freiheit in der Sowjetunion verloren haben sollen, ist der russische Autor Aleksander Solschenizyn. Gegen Ende der 1960er Jahre wurde Solschenizyn mit seinem Buch „Archipel Gulag“ überall in der kapitalistischen Welt berühmt. Er selbst war 1946 wegen der Verteilung antisowjetischer Propaganda zu 8 Jahren in einem Arbeitslager für konterrevolutionäre Aktivitäten verurteilt worden. Solschenizyn zufolge hätte der Kampf gegen Nazideutschland im zweiten Weltkrieg vermieden werden können, wenn die sowjetische Regierung mit Hitler einen Kompromiß erreicht hätte. Solschenizyn klagte auch die sowjetische Regierung und Stalin an, vom Standpunkt der schrecklichen Wirkungen des Kriegs auf das Volk der Sowjetunion, noch schlimmer als Hitler zu sein. Solschenizyn versteckte seine Sympathien für die Nazis nicht. Er wurde als Verräter verurteilt.

Im Jahre 1962 begann Solschenizyn, mit Zustimmung und mit Hilfe von Nikita Chruschtschow in der Sowjetunion Bücher herauszugeben. Das erste Buch, das er herausgab, war „Ein Tag im Leben von Iwan Denisowitsch“, welches vom Leben eines Gefangenen handelte. Chruschtschow selbst verwendete Solschenizyns Texte, um das sozialistische Erbe Stalins zu bekämpfen. Im Jahr 1970 erhielt Solschenizyn für sein Buch „Archipel Gulag“ den Nobelpreis für Literatur. Daraufhin wurden seine Bücher in den kapitalistischen Ländern in großen Mengen herausgegeben, und damit wurde ihr Autor eines der wertvollsten Instrumente des Imperialismus bei der Bekämpfung des Sozialismus in der Sowjetunion. Seine Texte über die Arbeitslager wurden der Propaganda hinzugefügt, über angeblich in der Sowjetunion gestorbene Millionen, die von den kapitalistischen Massenmedien dargestellt wurden, als ob sie wahr wären. Im Jahr 1974 verzichtete Solschenizyn auf seine sowjetische Staatsbürgerschaft und wanderte in die Schweiz und dann die USA aus. In dieser Zeit wurde er von der kapitalistischen Presse als der größte Kämpfer für Freiheit und Demokratie gefeiert. Seine Sympathie für die Nazis wurde so verschwiegen, um sich damit nicht im Propagandakrieg gegen Sozialismus zu vermischen.

Auch Fursenko greift zur Stalinismus-Keule

Noch ist dieses demagogische Werkzeug nutzbar. Auf Anweisung des Ministers für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation, Andrej Fursenko, wurde der obligatorische Bildungsinhalt auf dem Gebiet der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts um das Studium von Ausschnitten aus dem Roman A.N.Solschenizyns „Archipel GULAG“ erweitert.
FursenkoSowjet-Feind Fursenko

Damit wurde das Studium dieses Romanes für alle russischen Schüler der oberen Klassen obligatorisch. Die Absicht ist klar: Zuerst riß man Stalin vom Sockel, dann Lenin und die Helden des Großen Vaterländischen Krieges, und nun präsentiert man der Jugend neue Figuren: sogenannte „Bürgerrechtler“ und „Dissidenten“. Bleibt abzuwarten, ob die Jugend sich betrügen läßt. Erinnern wir uns an ein Wort Abraham Lincolns: „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allzeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.“

Quellen:
[1] Harry Thürk, Der Gaukler, Verlag Das Neue Berlin (DDR), 1979, 2 Bd., S.1-13.
[2] Mario Sousa, Lies concerning th history of the Soviet Union,
siehe: www.mariosousa.se

Siehe auch:
Sag mir, wo Du stehst…
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

Anmerkung:
Noch widerwärtiger ist allerdings der Verrat. Gemeint sind jene Typen, die sich, als es die DDR noch gab, als 150prozentige „Genossen“ und Sachwalter des Kommunismus aufspielten, die aber dann sehr schnell die Fahne wechselten, als es „andersherum“ kam, und als die Konterrevolution gesiegt hatte. Es waren diejenigen staatlichen Leiter, die, um ihre Haut zu retten, unmittelbar in den Dienst westlicher Kapitalisten eintraten. Es waren diejenigen Offiziere der NVA, die gleich 1990 und kurz nachdem sie ihre Dienstwaffe abgegeben hatten, ausgerüstet mit dem Gorbatschowschen „Neuen Denken“ und mit neuen Schulterstücken nach Köln zu Bundeswehrlehrgängen reisten, und diejenigen MfS-Mitarbeiter, die ihr Wissen dem Klassenfeind verkauften: es gab sie immer diese Verräter, und mit ihnen mußte man rechnen…

Victor Jara – Plegaria a un labrador

Victor Jara

„Man brachte ihn in das Nationalstadion. Mit ihm war sein ständiger Begleiter – die Gitarre. Und er begann zu singen. Die Verhafteten nahmen die Melodie auf, obwohl die Wächter drohten, das Feuer zu eröffnen. Dann hackten Soldaten auf Befehl eines Offiziers Victor die Hände ab. Er konnte sich nicht mehr begleiten, aber setzte mit schwächer werdender Stimme das Lied fort. Mit dem Kolben zerschmetterten sie seinen Kopf, und dann hingen sie Victor zur Abschreckung der Verhafteten vor der Tribüne auf.“

(Aus einem Bericht des Prawda-Korrespondenten Wladimir Tschernyschew)

Jara Plegaria

Nachbemerkung:
Zu Beginn der 70er Jahre gab es (nicht nur) in der DDR eine Welle der Solidarität mit dem chilenischen Volk. Aus dieser Zeit ist noch diese kleine Schallplatte von Victor Jara. Wir sangen die spanischen Lieder, hörte Quilapayun und waren erschüttert vom faschistischen Putsch in Chile. Der Sänger Victor Jara wurde ermordet, ebenso fiel der mutige Präsident Salvador Allende der Bombardierung des Präsidentenplastes zum Opfer.

Es war der 11.September 1973 …

Siehe auch: Wir gedenken des 11.September – den Opfern des chilenischen Putsches!

Georgi Dimitroff: Flammenden Gruß den antifaschistischen Kämpfern Frankreichs!

Zum Reichstagsbrandprozeß

Der Versuch der Nazis und der deutschen Justiz, den Kommunisten die Schuld für den Reichtagsbrand in die Schuhe zu schieben, war gescheitert. Mutig und prinzipienfest verteidigte sich der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff vor den deutschen Gerichten und entlarvte dabei die betrügerischen Machenschaften der Faschisten. Kurz nach seiner Freilassung im März 1934 sprach er mit dem Mitarbeiter der „Humanite“, Florimond Bonte. Diese Unterredung erfolgte kurz nach der Ankunft Dimitroffs in Moskau. Florimond Bonte hatte Dimitroff eine Sammlung der Nummern der „Humanite“ überbracht, die in der Woche vor der Urteilsverkündung erschienen waren, als die mächtige Bewegung der antifaschistischen Einheitsfront besonders große Ausmaße angenommen hatte.

Georgi Dimitroff berichtet:

Die faschistische Reaktion hatte uns so von der ganzen Welt isoliert, daß ich beim Lesen der Berichte über die antifaschistischen Demonstrationen eine große Genugtuung empfand.

Wir hatten während des Prozesses allerdings den deutschen faschistischen Zeitungen entnommen, welch gewaltiges Ausmaß die Arbeiterdemonstrationen zugunsten unserer Sache in Frankreich erreichten, und wir fühlten, daß das französische Proletariat an der Weltkampagne gegen den Hitlerfaschismus und an dem kraftvollen Kampf für unsere Befreiung lebendigsten Anteil nahm. Als ich während des Prozesses im Moabiter Gefängnis war, teilte mir das Gericht mit, daß von Romain Rolland und Henri Barbusse Briefe und Telegramme für mich eingegangen seien. Sie wurden mir jedoch nicht ausgehändigt. Das Gericht hielt sie zurück unter dem Vorwand, daß durch sie die Gefängnisordnung gefährdet werde. Diese Dokumente wurden zu meinen Akten gelegt. Aus allen Ecken und Enden Frankreichs trafen für mich haufenweise Briefe, Telegramme und Zuschriften ein. Sie wurden mir aus dem gleichen Grunde vorenthalten.
DimitroffGeorgi Dimitroff bei seiner Schlußrede

Von den eingeschriebenen Briefen wurden mir nur einige in geschlossenem Umschlag vorgelegt, ich mußte den Empfang bescheinigen, damit sie nicht an die Absender zurückgingen. Der Briefe bemächtigte sich die Gefängnisverwaltung und nahm sie in Verwahrung. Niemals erlangte ich von ihrem Inhalt Kenntnis. Keinen einzigen dieser eingeschriebenen Briefe erhielt ich auch nur zum Durchlesen.

Während des Prozesses richtete ich an das Gericht eine Beschwerde nach der anderen. Ich verlangte, daß man mir wenigstens mündlich den Inhalt der Briefe mitteile, ich forderte nachdrücklich, daß man sie mir zum Durchlesen gebe, aber meine wiederholten Bitten blieben stets unberücksichtigt. Nach Auffassung des faschistischen Gerichts konnte bloße Kenntnis der allereinfachsten Tatsachen eine schwere Gefährdung der „Gefängnisordnung“ darstellen.

Spitzfindige Heuchelei! Die Begründungen der Faschisten waren nur faule Ausreden. Das Lesen eines Briefes – eine Gefährdung der Gefängnisordnung! Tartüffs! In Wirklichkeit lag dem die offenkundige Absicht der faschistischen Häuptlinge zugrunde, mir eine Waffe zu nehmen, die mir vor Gericht besondere Dienste geleistet hätte.

Die Leipziger Richter gingen in der gleichen Weise vor, nur mit noch abgefeimterer Heuchelei. Das Gericht übergab nämlich diese Dokumente meinem „Verteidiger“, dem Rechtsanwalt Teichert, mit der kategorischen Weisung, mich von ihrem Inhalt nicht in Kenntnis zu setzen. Ich konnte die Wucht der von der Kommunistischen Partei Frankreichs geführten Kampagne, die unwiderstehliche Kraft der antifaschistischen Bewegung und die aktive Teilnahme der besten Vertreter von Wissenschaft, Literatur und Kunst gewissermaßen nur ahnen.
Dimitroff Schlußrede
Aus Georgi Dimitroffs Aufzeichnungen

Ich spürte wirklich, daß ich vor dem faschistischen Gericht nicht nur als Angeklagter, nicht nur in meinem eigenen Namen sprach, sondern daß ich zugleich das Sprachrohr der gesamten werktätigen Massen war. Ich war mir bewußt, daß ich die tiefsten Gefühle und den unerschütterlichen antifaschistischen Kampfeswillen nicht nur der Millionen deutschen Betriebsarbeiter zum Ausdruck brachte, die in die Konzentrationslager gepfercht sind und in den Gefängnissen schmachten, sondern auch den Gefühlen der Millionen Werktätigen der ganzen Welt Ausdruck verlieh, namentlich der in geschlossenen Reihen zum antifaschistischen Kampf antretenden Werktätigen Frankreichs. Ich wußte, daß die Anklagebank sich zur Welttribüne verwandeln kann – und sie ist es tatsächlich geworden –, von wo die Welle der antifaschistischen Empörung einen neuen kräftigen Antrieb empfängt, dessen wuchtiger Stoß die ungeheuerliche Provokation der Hitlerleute endgültig ihrer Wirkung beraubt.

Ich meine damit die scheußliche Intrige der Reichstagsbrandstiftung, die den Zweck verfolgte, dem Proletariat und seiner revolutionären Avantgarde, der Kommunistischen Partei Deutschlands, die abscheulichsten Verbrechen der deutschen Faschistenführer in die Schuhe zu schieben. Zum Glück kann ich feststellen, daß mir dies nach besten Kräften gelungen ist und daß wir auf diese Weise die unzerstörbare Einheit der antifaschistischen Kämpfer in der ganzen Welt fester zusammenfügen konnten.

In den letzten Wochen und Tagen meiner Gefangenschaft erlebte ich die große Freude, aus den, wenn auch tendenziösen und entstellten Mitteilungen der offiziellen Presse des deutschen Faschismus zu ersehen, mit welcher Begeisterung die französischen Arbeitermassen gegen den Faschismus im eigenen Lande aufgetreten sind und wie in der Feuerprobe des Kampfes die Einheitsfront des französischen Proletariats von unten her geschmiedet wurde. Ich finde keinen Ausdruck für die Tiefe meiner Gefühle, als ich aus den ironischen und gehässigen Ausfällen der faschistischen Presse erfuhr, daß die Massen des französischen Proletariats während der grandiosen Demonstration und des Generalstreiks vom 12. Februar das Schicksal der Leipziger Angeklagten und mich selbst mit ihrem eigenen Vorgehen so eng in Verbindung brachten. Diese erfreuliche Nachricht erfuhr ich aus einem Leipziger Faschistenblättchen. Ich sah in dieser Zeitung eine Karikatur, plump in der Idee und talentlos in der Ausführung, die eine Arbeiterdemonstration in Paris darstellen sollte. Die Arbeiter trugen Transparente mit dem Namen Dimitroff. Die abgeschmackte Erklärung besagte, die Arbeiter hätten deshalb demonstriert, weil man mir am Abend vorher den Nachtisch entzogen habe. So drang die Wahrheit selbst durch die Mauern unseres Gefängnisses, wenn auch vermittels einer faschistischen Verleumdung. [1] Diese machtvollen Demonstrationen waren ebenso wie die heroischen bewaffneten Kämpfe der Werktätigen Österreichs ein wirksames Gegenstück zu den moralischen Foltern und der peinlichen Fesselung, die wir in den faschistischen Gefängnissen durchmachen mußten.
Dimitroff Solidarität
Solidaritätsdemonstrationen in aller Welt (hier: London)

Die tapfere Haltung der Pariser Proletarier und der wunderbare Heldenmut der österreichischen Arbeiter, die sich mit bewaffneter Hand gegen den Faschismus erhoben, waren mir ein deutlicher Beweis für die Richtigkeit meiner Haltung vor dem faschistischen Gericht und für die Richtigkeit jener Linie des Angriffs und der Offensive, die jetzt für die Bolschewiki der ganzen Welt gegen den Faschismus geboten ist.

Ich bitte, den Werktätigen Frankreichs und allen, die am antifaschistischen Kampf aktiven Anteil genommen haben, meinen revolutionären Dank zu übermitteln und der „Humanite“, die bei der Mobilisierung der werktätigen Massen eine so bedeutende Rolle gespielt hat, tiefempfundene Erkenntlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

Ich danke auch der großen Sowjetunion, ihren Arbeitern und Bauern, den Erbauern der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft, die uns die große Ehre erwiesen haben, uns wie eigene Söhne aufzunehmen, und die uns die Möglichkeit geben, in den Kampfreihen der großen bolschewistischen Partei unseren Kampfplatz einzunehmen.

Wir sind frei! Aber der Führer der Kommunistischen Partei Deutschlands, unser Thälmann [2], und Zehntausende revolutionärer Arbeiter, die vorbildliche Tapferkeit an den Tag gelegt haben, schmachten noch in den faschistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen. Man muß auch ihnen zur Freiheit verhelfen.

Unser Thälmann befindet sich im Gefängnis. Sein Leben ist in Gefahr. Er kann jeden Augenblick auf Grund einer von den barbarischen Faschistenführern listig inszenierten Provokation hinterhältig ermordet werden. Die Befreiung Thälmanns ist eine Ehrensache des internationalen Proletariats. Der Kampf für die Befreiung unserer Klassenbrüder ist eine Ehrensache für die Werktätigen der ganzen Welt!

Anmerkung:
[1] Schon damals haben die Faschisten versucht, die Wahrheit mit Gewalt zu verbergen. Wie groß muß die Angst vor der Wahrheit wohl sein und wie gefährlich ist sie, daß man mit allen Mitteln versucht, sie zu unterdrücken und von ihr abzulenken. Die Wahrheit muß sich nicht rechtfertigen. Sie ist einfach da…
[2] Ernst Thälmann, 1886-1944 (ermordet im KZ Buchenwald), bedeutender Führer der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung; seit 1903 Mitglied der SPD, seit 1925 Vorsitzender der KPD. Unter seiner Führung entwickelte sich die KPD zu einer starken, eng mit den Massen verbundenen marxistisch-leninistischen Partei. 1933 war er verhaftet worden.

Quelle:
G.Dimitroff, Reichstagsbransprozeß, Dietz Verlag Berlin (DDR), S.218ff.

siehe auch: Friedrich Wolf, Es gibt kein größeres Verbrechen…

Die Psyche eines Faschisten

In der DDR gehörte es gewissermaßen zur Pflichtliteratur. Es wurde in hohen Auflagen gedruckt und war ein gewichtiger der Teil Vergangenheitsbewältigung, der Überwindung der braunen Nazi-Ideologie. Denn der Geist der Nazis spukte immer noch in den Köpfen vieler Menschen herum. Das Unfaßbare der Verbrechen und die oft noch weniger vorstellbare, weil innere Widersprüchlichkeit der Täter – der Typ eines eiskalten und brutalen SS-Schergen, der sich in seinem Privatleben als „treusorgender Familienvater“ aufführte. Daß dies auch heute wiederum möglich ist, zeigen viele Beispiele. Fehlendes Unrechtsbewußtsein, ja sogar die arrogante Überzeugung, aus völligem Recht und in Übereinstimmung mit seiner Klasse zu handeln, spielen auch heute wieder eine große Rolle in der Psyche eines Faschisten…
MerleRobert Merle: „Der Tod ist mein Beruf“

In der Nachbemerkung zu seinem Roman schrieb Robert Merle:
Unmittelbar nach 1945 erschienen in Frankreich viele erschütternde Zeugnisse über die Todeslager jenseits des Rheins. Aber diese Blüte war von kurzer Dauer. Die Wiederaufrüstung in Westdeutschland signalisierte den Niedergang der Konzentrationslagerliteratur. Die Erinnerungen an das Totenhaus standen der Politik des Westens im Wege: man verdrängte sie. Als ich, von 1950 bis 1952, an meinem Roman „Der Tod ist mein Beruf“ arbeitete, war mir bewußt: ich schrieb ein Buch gegen den Strom. Mehr noch: mein Buch war schon aus der Mode, bevor es geschrieben war. Es hat mich daher nicht verwundert, wie die Kritik das Buch aufgenommen hat. Genau so, wie ich es erwartet hatte. Die wirksamsten Tabus sind jene, die ihren Namen verschweigen. Von diesem Echo der Kritik kann ich heute ohne Bitterkeit sprechen, denn von 1952 bis 1972 hat es meinem Roman nicht an Lesern gefehlt. Nur ihr Alter hat gewechselt: die ihn heute lesen, sind nach 1945 geboren. „Der Tod ist mein Beruf“ ist für sie „ein Buch der Geschichte“. Und ich gebe ihnen weitgehend recht.

Rudolf Lang hat existiert. Er hieß in Wirklichkeit Rudolf Höß und war Lagerkommandant von Auschwitz. Das Wesentliche aus seinem Leben ist uns durch den amerikanischen Psychologen Gilbert bekannt, der ihn während des Nürnberger Prozesses in seiner Zelle befragte. Das Resümee dieser Gespräche – das mir Gilbert zur Verfügung stellte – ist insgesamt unendlich viel enthüllender als die Beichte, die Höß selbst später in seinem polnischen Gefängnis niedergeschrieben hat.

Und hier drei kurze Auszüge aus diesem Buch:
Eines Abends nach dem Essen saß ich vor dem Küchenofen und war dabei, mir eine Pfeife zu stopfen (ich war seit kurzem dazu übergegangen), und sie saß strickend auf einem niedrigen Stuhl neben mir, als sie plötzlich ihr Gesicht in den Händen verbarg und in Schluchzen ausbrach.
Ich sagte zärtlich: „Aber, Elsie!“
Ihr Schluchzen wurde stärker. Ich stand auf, nahm mit der Feuerzange ein Stückchen Glut aus dem Ofen und legte es auf den Tabak. Als er brannte, schüttelte ich die Pfeife leicht über dem Feuer, damit die Glut wieder herunterfiel.
Das Schluchzen hörte auf, ich setzte mich wieder und sah zu Elsie hinüber. Sie tupfte sich die Backen mit ihrem Taschentuch ab. Als sie damit fertig war, knäulte sie es zusammen, steckte es in ihre Schürzentasche und nahm ihre Strickerei wieder auf.
Ich sagte sanft: „Elsie.“
Sie blickte auf, und ich fuhr fort: „Kannst du es mir erklären?“
Sie sagte: „Ach, es ist weiter nichts.“
Ich sah sie an, ohne etwas zu sagen, und sie wiederholte: „Es ist weiter nichts.“
Ich glaubte, sie wolle wieder zu weinen anfangen. Ich sah sie an. Sie mußte wohl verstehen, daß ich wirklich eine Erklärung wünschte, denn nach einer Weile sagte sie, ohne aufzublicken und ohne mit Stricken aufzuhören: „Ich habe nur das Gefühl, daß du mit mir nicht zufrieden bist.“
Ich erwiderte lebhaft: „Was für ein Gedanke, Elsie! Ich habe dir nichts vorzuwerfen, das weißt du doch.“
Sie schnüffelte wie ein kleines Mädchen, zog dann von neuem ihr Tuch aus der Schürzentasche und schneuzte sich.
„Oh, ich weiß wohl, daß ich bei der Arbeit tue, was ich kann. Aber das ist es nicht, was ich meine.“
Ich wartete, und nach einer Weile sagte sie, ohne die Augen zu erheben: „Du bist mir so fern.“
Ich sah sie an; endlich hob sie den Kopf, und unsere Blicke trafen sich.
„Was willst du damit sagen, Elsie?“
„Du bist so schweigsam, Rudolf.“
Ich dachte darüber nach und sagte: „Aber du auch, Elsie, du bist auch nicht redselig.“
Sie legte das Strickzeug auf ihre Knie und lehnte sich im Stuhl weit zurück, wobei sie ihren Körper nach vorn schob, als ob der Unterleib ihr Beschwerden mache.
„Bei mir ist es nicht dasselbe. Ich schweige, weil ich darauf warte, daß du sprichst.“
Ich sagte leise: „Ich bin nicht redselig, das ist alles.“
Es folgte ein Schweigen, dann begann sie wieder: „Ach, Rudolf, glaube ja nicht, daß ich dir Vorwürfe machen will. Ich versuche es nur zu erklären.“
Ich fühlte mich durch ihren Blick verwirrt, senkte die Augen und starrte auf meine Pfeife.
„Nun, dann erkläre es, Elsie.“
„Es geht nicht so sehr darum, daß du nicht sprichst, Rudolf…“
Sie stockte, ich hörte ihren Atem pfeifen, und sie sagte leidenschaftlich: „Du bist mir so fern, Rudolf. Manchmal, wenn du am Tisch sitzt und mit deinen kalten Augen ins Leere blickst, habe ich das Gefühl, daß ich für dich überhaupt nicht zähle.“
Meine kalten Augen – auch Schrader hatte von meinen kalten Augen gesprochen. Ich sagte mit Überwindung: „Das ist meine Natur.“
„Ach, Rudolf“, sagte sie, anscheinend ohne es zu hören, „wenn du wüßtest, wie schrecklich es für mich ist, das Gefühl zu haben, beiseite geschoben zu sein. Für dich gibt es nur den Damm, die Pferde und den Bund auf der Welt. Und manchmal, wenn du dich im Stall verspätest, um noch deine Pferde zu pflegen, siehst du sie so liebevoll an, daß ich den Eindruck habe, du liebst nur sie …“
Ich zwang mich zu einem Lachen.
„Ach, dummes Zeug, Elsie! Natürlich hab ich dich lieb. Du bist doch meine Frau.“
Sie blickte mich an, und ihre Augen standen voll Tränen.
„Hast du mich wirklich lieb?“
„Aber ja, Elsie, natürlich.“
Sie sah mich eine volle Sekunde lang an, dann warf sie sich mir plötzlich an den Hals und bedeckte mein Gesicht mit Küssen. Ich ließ sie geduldig gewähren, dann faßte ich ihren Kopf, legte ihn an meine Brust und fing an, ihr übers Haar zu streichen. Sie blieb an mich gelehnt, ohne sich zu bewegen, und nach einer Weile wurde ich mir bewußt, daß ich schon nicht mehr an sie dachte.
Kurz nach der Geburt meines Sohnes kam ein Reitknecht des Herrn von Jeseritz und benachrichtigte mich, daß sein Herr mich dringend sprechen wolle. Ich sattelte meine Stute und ritt los. …

* * *

Es gelang mir, nicht ohne große Mühe, die Reiterabteilung auf die Beine zu bringen, die Himmler mir aufzustellen befohlen hatte. Mit voller Billigung meiner Männer schickte ich an Himmler über jeden ein Aktenstück für die SS-Anwartschaft. Diese Akten hatten Zeit beansprucht, und ich hatte mir viel Mühe gegeben, besonders bei der Aufstellung der Ahnentafeln, die ich selbst mit peinlicher Genauigkeit bei den Standesämtern erforscht hatte und bei denen ich soweit wie möglich zurückgegangen war, da ich wußte, welche Wichtigkeit die Partei bei der Rekrutierung der SS der rassischen Reinheit beimaß. Indessen hatte ich in einem Nachtrag zu meinem Bericht vermerkt, ich hätte es nicht für richtig gehalten, den Aktenstücken meiner Männer eins über mich beizufügen, denn ich wüßte, daß ich leider die verlangten körperlichen Bedingungen nicht erfüllte. Die SS verlangte in der Tat, daß die Anwärter eine Mindestgröße von ein Meter achtzig hätten, und in dieser Hinsicht wenigstens kam ich überhaupt nicht in Frage.

Genau am 12. Dezember erhielt ich die Antwort Himmlers. Er nahm die vorgeschlagenen Bewerber auf, beglückwünschte mich zu der Sorgfalt, die ich auf die Abfassung der Aktenstücke verwandt hätte – und teilte mir mit, daß er sich in Erwägung der geleisteten Dienste entschlossen habe, hinsichtlich der geforderten Körpermaße zu meinen Gunsten eine Ausnahme zu machen, und daß er mich in die Elitetruppe des Führers als Oberscharführer aufnähme. Ich stand am Küchentisch, die Zeilen des Himmlerschen Briefes tanzten vor meinen Augen, mein ganzes Leben schlug eine neue Richtung ein.

Ich hatte große Mühe, Elsie begreiflich zu machen, welch unverhofftes Glück es für mich wäre, in die SS aufgenommen zu sein. Und wir hatten darüber zum erstenmal in unserm gemeinsamen Leben einige ziemlich lebhafte Auseinandersetzungen, besonders als ich das so streng für das eigene Gut gesparte Geld angreifen mußte, um mir eine Uniform machen zu lassen. Ich erklärte Elsie mit viel Geduld, daß der Gedanke, sich anzukaufen, jetzt überholt sei, daß ich, richtig besehen, niemals eine andere Berufung in mir gefühlt hätte als das Waffenhandwerk und daß ich die mir gebotene Gelegenheit, es wieder aufzunehmen, ergreifen müßte. Sie wandte ein, daß die SS nicht das Heer sei, daß ich außerdem keinen Sold erhielte, daß vor allem niemand behaupten könnte, der Sieg der Partei sei sicher, sondern daß tatsächlich, ich hätte es doch selbst zugegeben, bei den Wahlen, die auf die Präsidentschaftswahl folgten, die Partei viele Stimmen verloren hätte. Daraufhin gebot ich ihr streng zu schweigen, denn ich konnte nicht dulden, daß sie auch nur einen einzigen Augenblick den Erfolg der Bewegung in Zweifel zog.

Der Erfolg, den ich damals mit mehr Gläubigkeit als Überzeugung berief, kam früher, als ich zu hoffen gewagt hätte. Seit jener Unterredung war noch kein Monat verflossen, als der Führer Reichskanzler wurde und einige Wochen später die Partei, indem sie jeden Widerstand brach oder niederwarf, sich in den alleinigen Besitz der Macht setzte. …

* * *

Die halbausgekleideten Juden standen in einer Ecke des Raumes. Sie waren zu einer riesigen wirren Masse zusammengestellt. Der Scheinwerfer leuchtete in verstörte Augen.
Pick tauchte neben mir auf. Ich fühlte mich mit einem Male sehr erschöpft. Ich übergab den Scheinwerfer einem Schützen und wandte mich zu Pick.
„Übernehmen Sie das Kommando.“
„Zu Befehl, Obersturmbannführer.“ Er fuhr fort: „Sollen wir die Vergasung wieder aufnehmen?“
„Sie würden Schwierigkeiten haben. Lassen Sie einen nach dem ändern durch die kleine Tür hinausgehen, führen Sie sie in den Seziersaal und erschießen Sie sie. Einen nach dem ändern.“
Ich stieg langsam die Stufen hinauf, die in den Hof führten. Als ich erschien, entstand Totenstille, und alle SS-Männer erstarrten. Ich winkte ihnen, zu rühren. Sie rührten, aber sie schwiegen weiter, und ihre Blicke ließen mich nicht los. Ich erkannte daran, daß sie das, was ich getan hatte, bewunderten. Ich stieg ins Auto und knallte wütend die Tür zu. Pick hatte recht. Ich hätte niemals diese Gefahr laufen dürfen. Die vier Krematorien waren fertiggestellt, aber ihr gutes Funktionieren hing noch für eine gewisse Zeit von meiner Anwesenheit ab. Ich hatte meine Pflicht verraten.
Ich kam wieder in mein Büro und versuchte zu arbeiten. Mein Geist war leer, und es gelang mir nicht, meine Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen. Um halb acht ließ ich mich nach Hause fahren.
Elsie und Frau Müller überwachten die Kinder beim Essen. Ich küßte die Kinder und sagte: „Guten Abend, Elsie.“

Quelle:
Robert Merle, Der Tod ist mein Beruf, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar (DDR), 1986, S.141ff., S.148f., S.233f.

85124Die Opfer des deutschen Faschismus

Siehe auch: Wer oder was ist die Nazipartei?

Die Fälscher im russischen Staatsarchiv

Vor etwas mehr als einem Jahr deckte der Jurist und Dumaabgeordnete Prof. W.I.Iljuchin die großangelegten Fälschungen im russischen Staatsarchiv auf. Diese Fälschungen bezogen sich vor allem auf die Goebbelsschen Lügen um die „Katyner Sache“, die angeblich von Stalin angewiesene und vom sowjetischen Geheimdienst NKWD durchgeführten Ermordungen polnischer Offiziere im Wald von Katyn. Prof. Iljuchin konnte an Hand von Dokumenten, Stempeln und Fälscherwerkzeug beweisen, daß diese Fälschungen unter dem damaligen Präsidenten Jelzin geschahen. Als Iljuchin sich dann mit den Aktivitäten Putins im Zusammenhang mit der Vernichtung der Sowjetarmee befaßte und ein offizielles Tribunal forderte, kam seine Tochter unter mysteriösen Umständen bei einem Verkehrsunfall ums Leben, und am 19. März 2011 starb dann „plötzlich und unerwartet“ Iljuchin selbst an Herzversagen. (Man kann auch sagen: Er wurde heimtückisch ermordet!)

Eine erste Erklärung Prof.Wiktor Iljuchins zu den Fälschungen im Kreml im Mai 2010
„Plumpe Fälschungen geheimer Dokumente im russischen Staatsarchiv“ (russ.):Danach fand eine offizielle Pressekonferenz zur „Katyner Sache“ statt. Hier noch einmal der Bericht von dieser Pressekonferenz :

Am 18. Juni 2010 fand in der Staatsduma der Russischen Föderation eine Pressekonferenz mit dem Stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der KPRF S.N. Reschulskij und dem stellvertretenden Vorsitzenden des Komitees der Staatsduma für Gesetzgebung und staatlichen Bau W.I. Iljuchin statt.

Wir erinnern daran, daß Wiktor Iljuchin die Arbeitsgruppe der Fraktion der KPRF zur Untersuchung der Umstände sogenannten „Katyner Sache“ in der Staatsduma leitet. Zu dieser Kommission gehören unabhängige Forscher, Wissenschaftler und ehemalige Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Die Kommission hat eine umfangreiche Arbeit geleistet, deren vorläufige Ergebnisse am 19. April an dem von der Fraktion der KPRF organisierten „Runden Tisch“ in der Staatsduma vorgestellt wurde. Im Ergebnis der Untersuchungen wurde der Dokumentarfilm „Das Polnische Kreuz Rußlands“ produziert, den man auf der Website der KPRF anschauen kann. Wie Sergej Nikolajewitsch Reschulskij darlegte, streben die Abgeordneten eine erneute parlamentarische Untersuchung zu den jetzt vorliegenden Tatsachen an. Die Teilnehmer des „Runden Tisches“ kamen zu dem Schluß, daß die früher von der russischen Staatsanwaltschaft geleitete Untersuchung der „Katyner Sache“ voreingenommen war, und die Schlußfolgerungen der Generalstaatsanwaltschaft folglich nicht den Tatsachen entsprechen. W.I. Iljuchin äußerte sich empört über die „unverschämte“ antirussische Version, welche seinerzeit von dem nicht unbekannten Goebbels eingeführt worden war, daß angeblich sowjetische Tschekisten die polnischen Kriegsgefangenen erschossen haben sollen, und nicht die deutschen Faschisten.

Wo sind die übrigen Leichen?
Die Expertise bewies (und diese Tatsache verneint auch die polnische Seite nicht), daß die polnischen Kriegsgefangenen mit deutschen Waffen und deutschen Geschossen erschossen wurden. Die Hände der Gefallenen waren nicht Hanfschur gefesselt, wie das zu jener Zeit in der UdSSR üblich war, sondern mit Papierschnur, die in Deutschland hergestellt wurde. Die Leichen trugen warme Kleidung, obwohl nach der Version Goebbels und der modernen Sowjetfeinde, die Mitarbeiter des NKWD die Erschießung angeblich im Mai 1940 vornahmen. Deshalb ist unsere Version wahrscheinlicher, daß die Deutschen die Erschießungen im Spätherbst 1941 durchführten. Der Ort der Erschießung in der Nähe einer Autostraße und eines Pionierlagers ist deshalb zweifelhaft, daß im friedlichen Jahr 1940 dort begonnen werden sollte, Massenerschießungen zu veranstalten. Zu verschiedener Zeit wurden aus den Gräbern etwa 6.000 Leichen exhumiert, doch die polnische Seite hält uns für schuldig am Tod von 21.700 Personen. Doch wo sind die übrigen Leichen?

Eine zweifelhafte „Notiz Berijas“
Die Antisowjetisten verweisen auf eine Notiz Berijas Politbüro des ZK der Allunions-KP(b), wo er vorschlägt, die obengenannte Anzahl polnischer Kriegsgefangener zu erschießen. Aber Schriftexpertise hat ergeben, daß diese Notiz aus irgendeinem Grunde auf verschiedenen Schreibmaschinen hergestellt wurde, und daß zu jener Zeit diese Schriftführung nicht zugelassen war. Auf dem Beschluß des Politbüros gibt es weder eine Unterschrift noch ein Siegel. Noch etwas, aus irgendeinem Grunde befindet sich auf dem Auszug aus dem Beschluß das Siegel der KPdSU (das Staatsarchiv machte dieses Dokument vor kurzem nach einem Hinweis D. Medwedjews bekannt).

Die Siedlung der Fälscher
Nach Aussagen W.I. Iljuchins gibt es einen Zeugen, der behauptet, daß Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts im Apparat B. Jelzins eine spezielle Gruppe geschaffen wurde, die sich mit der massenhaften Fälschung von Dokumenten beschäftigte und sich in den ehemaligen Wochenendhäusern der KPdSU in der Siedlung Nagornyj aufhielt. Daß es diese Gruppe möglicherweise noch heute gibt, schloß der kommunistische Abgeordnete nicht aus.

Das gefälschte Lenin-Testament
„In 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts erinnerte das Staatsarchiv an einen großen Flohmarkt“, sagte W.I. Iljuchin. Insbesondere wurde bekannt, daß im Gefolge von Jelzin von dem antisowjetischen Wendehals D. Wolkogonow aus dem Geheimen Staatsarchiv Hunderte von Dokumenten in die Kongreßbibliothek der USA entführt wurden. Schon jetzt ist bewiesen, daß die Belege, nach denen J.W. Stalin angeblich ein Agent der zaristischen Ochrana gewesen sei, das sogenannte Testament W.I. Lenins sowie die Dokumente, die mit dem Verzicht Nikolais II. verbunden sind, in dieser Zeit gefälscht wurden. W.Iljuchin stellte die rhetorische Frage: „Wem kann man in unseren Archiven noch glauben?“ und zog daraus die Schlußfolgerung, daß man auf staatlicher Ebene eine Untersuchung dieser Tatsachen im Rahmen eines Straftatbestandes einleiten muß, wobei alle Materialien dem Gericht zu übergeben seien, das dann einen endgültigen Beschluß zu fassen habe.

Iljuchin: „Wir fürchten um sein Leben…”
Die auf der Pressekonferenz anwesenden Vertreter der polnischen Massenmedien und der antisowjetischen russischen Organisation „Memorial” gerieten darüber buchstäblich aus dem Häuschen. Sie versuchten erfolglos, den Kommunisten mit ihren Fragen in die Sackgasse zu führen, was ihnen jedoch nicht gelang. Am meisten interessierten sich die Antisowjetisten dafür, warum auf der Pressekonferenzen nicht der Zeuge vorgestellt wurde, welcher über die geheime Gruppe in der Siedlung Nagornyj berichtet hatte. „Wir fürchten für sein Leben“, antwortete W.I. Iljuchin. „Der Zeuge wird der Untersuchung vorgestellt, sobald sie auf staatlicher Ebene durchgeführt wird.“ Wiktor Iljuchin sagte auch, daß auf die Teilnehmer seiner unabhängigen Kommission Druck ausgeübt werde und ihnen offiziell vorgeschlagen worden sei, sich von diesen oder jenen Anträgen loszusagen. Was die Position der russischen Staatsmacht betrifft, eine Schuld der ehemaligen sowjetischen Führung für die Erschießung der polnischen Kriegsgefangenen anzuerkennen, nannte Wiktor Iljuchin sie „unpatriotisch“, weil sie mit den Interessen des Landes zuwiderlaufe.
„Das polnische Volk ist ein stolzes Volk, das niemals vor jemandem etwas zu bereuen hat,“ sagte W.I. Iljuchin. „Doch es sollte die in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts in polnischer Gefangenschaft umgekommenen Rotarmisten eingestehen. Nach unseren Einschätzungen kamen damals etwa 120.000 Rotarmisten in polnische Gefangenschaft, von denen etwa 80.000 – 85.000 gefoltert wurden und starben.“
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Nach der Pressekonferenz wurden den Journalisten die gefälschten Abdrücke, die Blanko-Formulare aus den 30er-40er Jahren, sowie die echten Petschaften und Stempel, die für die Herstellung der Fälschungen verwendet wurden, zur Begutachtung vorgestellt. Dies alles hatte der betreffende Zeuge aus der Siedlung Nagornyj, welcher unerkannt zu bleiben wünschte, der unabhängigen Kommission zur Verfügung gestellt. Er übergab einen ganzen Band hergestellter falscher Dokumente, darunter der Dokumente über eine angebliche Zusammenarbeit des NKWD mit der Gestapo. Wie die Expertise belegte, steht auf der Unterschrift Müllers ein gefälschter Stempel, und die Unterschrift Berijas ist gefälscht.

Leider haben die offiziellen Massenmedien, in erster Linie die großen Fernsehanstalten, die Taktik des Verschweigens der Ergebnisse der Untersuchung, die von der unabhängigen Kommission unter Leitung W.I. Iljuchin geleitet wurde, fortgesetzt, obwohl es unumstößlich ist, daß die von ihr bekannt gemachte Information sensationell ist. Leider sind das die Spielregeln, nach denen die sogenannte „unabhängige bürgerliche Presse“ verfährt.

Text: Alexej Bragin (KPRF)
Fotos: Igor Kosakow
Quelle: kommunisten-online / kprf.ru

Originaltext und Fotos:
На документы ВКП(б) не ставили печати КПСС. С.Н. Решульский и В.И. Илюхин приперли к стенке антисоветчиков-фальсификаторов

Siehe auch:
Am 19. März 2011 wurde Prof.Iljuchin ermordet.
Der lange Schatten des Joseph Goebbels
Elena Prudnikowa: Die Story der Fälscher

Und hier ist das Video von der Pressekonferenz am 28. April 2010:
http://krasnoe.tv/node/4863
http://rutube.ru/tracks/3199573.html