Was wird sein? …dreißig Jahre danach

„Wird die deutsche Arbeiterklasse die ihr gestellte geschichtliche Aufgabe zur Verwirklichung des Sozialismus lösen können und damit alle Werktätigen und schließlich das ganze Volk sozial, national und kulturell auf ein Niveau heben, das allen ein menschenwürdiges Dasein gewährleistet? Das ist die Frage, vor der wir stehen und auf die hier Antwort gegeben werden soll.“[1]
Grotewohl
Anläßlich des 100. Jahrestages der verfehlten bürgerlichen Revolution 1848 und 30 Jahre nach der Novemberrevolution 1918, die bekanntlich in ihren Anfängen steckenblieb, analysierte Otto Grotewohl die geschichtlichen Ereignisse. Er zog dabei einige wichtige Lehren aus der Vergangenheit, die bis heute nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben. Seine Schlußfolgerungen sind für uns heute um so wichtiger, als die Konterrevolution von 1989 gezeigt hat, daß die SED diesen politischen Herausforderungen nicht gewachsen war. Es lohnt sich also, dieses Buch von Otto Grotewohl erneut zu lesen. Hier einige Auszüge daraus:

Lehren aus der Geschichte ziehen

Die gründliche Erforschung der deutschen Novemberrevolution von 1918, ihrer Ursachen, ihrer Aufgaben und ihrer Auswirkungen ist für die deutsche Arbeiterklasse eine zwingende Notwendigkeit. Nicht nur aus geschichtlichem Interesse, sondern vor allem auch, weil sie von größter aktueller politischer Bedeutung ist und ihr ernste Lehren für den weiteren Kampf vermittelt. (S.9)

Vor welchen Aufgaben steht die Arbeiterklasse?

Die deutsche Arbeiterbewegung – und damit das gesamte deutsche Volk sind heute vor ähnliche Aufgaben gestellt wie im Jahre 1918. Ähnlich wie 1918 gilt es auch heute, in ganz Deutschland die fortschrittlichen Kräfte für die Erkenntnis und Durchführung der Aufgaben zu gewinnen. Es gilt die Kriegsverbrecher zu enteignen, die kapitalistischen Monopole zu beseitigen, die Betriebe der Großindustrie in die Hand des Volkes zu legen, die Junkerklasse durch die Aufteilung des Großgrundbesitzes zu entmachten und eine neue demokratische Verwaltung, Polizei, Justiz und Schule aufzubauen. Um diese großen Ziele zu verwirklichen, ist die deutsche Arbeiterklasse, ähnlich wie 1918, vor die unabweisbare Notwendigkeit gestellt, ein festes Bündnis mit der Bauernschaft, dem Mittelstand und der fortschrittlichen Intelligenz herzustellen. (S.9)

Auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus

Heute wie damals steht die Arbeiterklasse vor der Aufgabe, auf dem festen Boden des Marxismus die Einheit der Arbeiterbewegung zu verwirklichen. Heute wie damals steht die nationale Frage im Vordergrund: die Arbeiterklasse hat die Aufgabe, durch ihren entschlossenen Kampf gegen die imperialistischen Mächte im In- und Ausland das wirkliche Interesse der deutschen Nation zu wahren und einen erneuten nationalen Mißbrauch des Volkes durch den Monopolkapitalismus zu verhüten. Das Entscheidende aber ist, daß heute wie damals bei weiten Kreisen in unserem Volk die Richtigkeit, Wichtigkeit und die Notwendigkeit dieser Aufgaben noch nicht eingesehen wird. (S.9)

Ist der Marxismus „überholt“?

Die gründliche Erforschung der deutschen Novemberrevolution von 1918 ist auch deshalb notwendig, um die sozialistische Bewegung und die deutsche Arbeiterklasse vor großen Fehlern zu bewahren, die sich in der Vergangenheit verhängnisvoll ausgewirkt haben. Heute wie damals glauben nicht wenige Führer der Sozialdemokratie unter den Nachwirkungen früherer opportunistischer Irrungen, auf die marxistische Grundorientierung verzichten zu können, da diese angeblich „überholt“ sei. Sie versäumen und vernachlässigen das Studium des Marxismus, die unerläßliche, schöpferische Weiterentwicklung und Anwendung auf die besonderen Verhältnisse der Gegenwart. Das gilt sowohl für die Lehre vom Staat und vom Weg zum Sozialismus, wie auch für die Frage der Anwendung revolutionärer Kampfmethoden. (S.9f.)

Die opportunistische Haltung der Sozialdemokratie

Heute wie damals wird schließlich von führenden Vertretern der Sozialdemokratie die Bedeutung einer formalen Demokratie überschätzt und dabei übersehen, daß, solange die Klassenverhältnisse nicht geändert, die Machtverhältnisse in Staat und Gesellschaft, nicht gründlich umgestaltet sind, die Demokratie nur eine Tarnkappe für die alten reaktionären Mächte ist, die beiseitegeworfen wird, sobald Monopolkapitalisten und Junker die Zeit dafür reif halten. (S.10)

Subjektive Faktoren

Schließlich sei noch auf ein drittes Moment hingewiesen, das eine eingehende Betrachtung der deutschen Novemberrevolution von 1918 für uns heute so notwendig erscheinen läßt. Die bisherige Geschichtsbetrachtung über die revolutionären Ereignisse des Jahres 1918 zeichnet sich in ihrer übergroßen Mehrzahl in einer abfälligen und wegwerfenden Beurteilung der revolutionären Leistungen aus. (…) So gewichtig und verhängnisvoll die Entscheidungen waren, die im November 1918 gefällt wurden, so irrig und unfruchtbar wäre es, den subjektiven Faktoren jeden entscheidenden Einfluß auf die Situation, auf die Bewältigung der Probleme, auf den weiteren Verlauf abzusprechen. (…) Man muß feststellen, welche Ströme sie gespeist haben, aus welchen ökonomischen und sozialen Wurzeln sie ihre Kraft gesogen haben, aus welcher politischen und geistigen Atmosphäre sie erleuchtet und befruchtet wurden. (S.11f.)

Der satte Wohlstand der deutschen Arbeiteraristokratie

Diese Bestechung einer kleinen Schicht von Arbeitern erfolgte bald in plumpen, bald in höchst raffinierten, kaum erkennbaren, dann aber um so wirkungsvolleren Formen. Geeignete Objekte in der Arbeiterschaft erhielten als angeblich qualifiziertere Facharbeiter, als Aufseher, Vorarbeiter, Lagerverwalter, Kontrolleure u.ä. höhere Einkommen und günstigere Arbeitsbedingungen. Es ist erwiesen, daß die so Begünstigten in der Mehrzahl der Fälle sich allmählich in ihrer Lebenshaltung und Denkweise den bürgerlichen anpaßten, sich mehr und mehr von der proletarischen Klassengrundlage entfernten, die Sorge um die Erhaltung und Verbesserung ihrer Posten, um die Versorgung ihrer Kinder höher schätzten als die Solidarität mit den Massen, als den Kampf um die soziale Befreiung der gesamten Arbeiterklasse. Die Aussicht opfervoller Kämpfe flößte ihnen vielmehr Furcht und Abneigung gegen revolutionäre Kampfmethoden ein. (S.26)

Warum gibt es in Deutschland so wenig Widerstand?

Diese Schichten bildeten darum einen günstigen Nährboden für den Opportunismus, für alle Abirrungen von der marxistischen Theorie und Praxis, für versöhnlerische Tendenzen und falsche, undialektische Beurteilungen der Entwicklung des Kapitalismus im Zeitalter des Imperialismus. Das deutsche Monopolkapital sparte darum nicht mit Mitteln, um durch die Züchtung einer solchen Arbeiteraristokratie die Front der Arbeiterschaft zu durchbrechen und in ihre Reihen den Samen der Zwietracht untereinander und des faulen Klassenfriedens mit den Kapitalisten zu säen. (S.27f.)

In seinem Brief an die amerikanischen und europäischen Arbeiter sagte Lenin [2]:
LeninBrief

Die halbherzigen innerparteilichen Auseinandersetzungen

Der tiefe Riß und Zwiespalt in der Partei wird zwar richtig erkannt, aber nichts Entscheidendes zu seiner Überwindung getan. August Bebel, der unentwegte Vorkämpfer und Verteidiger der Einheit, sah, daß der Revisionismus die Einheit untergrub, daß seine Duldung sie zerstörte. Im Zorn darüber wetterte er auf dem Dresdner Parteitag 1903 gegen die revisionistischen Spalter und gegen die, welche die tiefe Kluft nicht sahen. Wie weitgehend die Revisionisten sich von der Grundhaltung der Partei entfernt hatten und wie scharf die Auseinandersetzungen innerhalb der Partei bereits waren, geht aus den bekannten Worten August Bebels hervor [3]:
BebelRede1903
Den Ausweg aber sah Bebel nicht in dem Ausschluß der von der klassenmäßigen Orientierung Abgeirrten und in der etwa daraus sich ergebeneden Trennung, sondern in einer gründlichen Aussprache. (S.35)

Und noch einmal zu Jugoslawien

Sehr ernste Lehren vermittelt uns z.B. gegenwärtig (1948 !) das Schicksal der Kommunistischen Partei Jugoslawiens. In Jugoslawien begriff man nicht mehr die führende Rolle der Arbeiterpartei im Bündnis des arbeitenden Volkes von Stadt und Land. Die Partei ging selbst in einen halb illegalen Zustand, unterdrückte und beseitigte die innerparteiliche Demokratie, um sie durch ein despotisches Regiment zu ersetzen. Wir müssen aus Jugoslawien lernen, daß die Partei niemals in dem Bereich der Blockpolitik oder der Volksfrontpolitik untergehen kann und darf. Durch eine Reihe scheinradikaler Maßnahmen überstürzte man in Jugoslawien die Planmäßigkeit des sozialistischen Aufbaus und diskreditierte durch ein abenteuerliches Spiel die Entwicklung zum Sozialismus. Die Abkehr von der gemeinsamen sozialistischen Front der Volksdemokratien bedeutete eine Abkehr von der Sowjetunion und den Volksdemokratien. Wenn die jugoslawischen kommunistischen Genossen nicht begreifen, was diese Loslösungsbestrebungen bedeuten, wird Jugoslawien in die Arme des Imperialismus getrieben werden, seine Unabhängigkeit verlieren und zu einem rein bürgerlichen Staat degradiert werden. So kann eine Arbeiterpartei, die Großes im Befreiungskampf ihrer Nation geleistet hat, alles Errungene verspielen, wenn sie die Grundthese einer modernen marxistischen Partei aus den Augen verliert, nämlich die Grundthese, daß die marxistische Arbeiterpartei die Führerin ihrer Klasse und ihres Volkes zu sein hat. Wachsamkeit und Klarheit im marxistischen Denken und Handeln sind die Garanten für den erfolgreichen Kampf der geeinten Kraft der Arbeiterbewegung. (S.144f.)

Die wichtigste Lehre aus der Geschichte

Die Erfahrungen der Novemberrevolution 1918 und der Weimarer Republik lehren, daß die Arbeiterklasse nicht siegen kann ohne eine Partei, die es versteht, die Klasse und die Massen für den revolutionären Kampf zu mobilisieren, zu organisieren und in diesem Kampfe zum Siege zu führen. Es muß eine Partei sein, in der die besten Elemente der Arbeiterklasse vereinigt sind, die auf dem Boden der revolutionären Theorie des Marxismus-Leninismus steht und in der eine auf Überzeugung beruhende straffe Disziplin aller Mitglieder besteht. Es muß eine Partei sein, die auf dem Prinzip des demokratischen Zentralismus aufgebaut ist; in der durch Entfaltung der Kritik und Selbstkritik alle feindlichen und schädlichen Elemente ausgemerzt werden, eine Partei, die sich durch ihr Vorbild die Sympathien der breiten Massen des werktätigen Volkes erwirbt, und die es versteht, die Mehrheit der Arbeiterklasse und aller Werktätigen zu erobern. Das Fehlen einer solchen Partei im Jahre 1918 war die entscheidende Ursache für die Niederlage der revolutionären Arbeiterschaft. (S.167)

Quelle:
[1] Otto Grotewohl, Dreißig Jahre später – Die Novemberrevolution und die Lehren der Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung, Dietz Verlag, Berlin, 1948, S.6
(Die Seitenangaben beziehen sich auf das genannte Buch.)
[2] W.I.Lenin, Sämtliche Werke, Bd.23, S.644.
[3] Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Dresden, 1903, S.309.

Siehe auch:
Walter Ulbricht (Autorenkoll.), Die Novemberrevolution

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Was ist eigentlich eine LPG?

Aufteilung des Großgrundbesitzes in der sowjetischen Besatzungszone im Herbst 1945:
BodenreformKaum noch ein junger Mensch weiß heute etwas mit der Abkürzung „LPG“ anzufangen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit, in der vieles in Vergessenheit gerät. Dabei spielte doch gerade die Gründung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) bei der demokratischen Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR eine wichtige Rolle. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges, als das Hitlerregime zerschlagen war, galt es, das zerstörte Land wieder aufzubauen und eine antifaschistische-demokratische Ordnung zu errichten. Die Nazis mußten aus allen Ämtern und Verwaltungen entfernt werden, neue demokratische Staatsorgane mußten geschaffen werden und der nazistische Ungeist aus den Köpfen vertrieben. Doch solange die sozialökonomischen Wurzeln des Faschismus – das Eigentum der Monopolherren und Großgrundbesitzer an Fabriken, Rohstoffen und Ländereien – nicht beseitigt waren, bestand die aktute Gefahr einer Restauration der imperialistischen Herrschaftsverhältnisse. Ein bedeutender Schritt zur Demokratisierung war die Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone. „Junkerland in Bauernhand“ war damals die Losung der Kommunistischen Partei Deutschlands:
Volkszeitung

Ein erstaunliches Umdenken setzte ein: es war der Schritt vom ICH zum WIR. Wie es den Bauern damit ging, beschreibt Fritz Müller, ein ehemaliger Einzelbauer aus dem kleinen Mecklenburgischen Dorf Gielow:

„Ich war früher Großbauer…

Gewiß, die neue Macht hatte mir von Beginn an den Absatz meiner Produkte zu ordentlichen Preisen garantiert. Das war schon etwas, was früher noch keine Regierung in Deutschland zuwege gebracht hatte. Aber trotzdem war ich mißtrauisch. Mein Mißtrauen wurde nicht geringer, als 1953 einige Gielower Bauern eine LPG gründeten. Wir Einzelbauern wollten der LPG zeigen, wer besser ist: sie oder wir. Wir wollten natürlich unsere Überlegenheit gegenüber der LPG beweisen. Das gelang uns zunächst ganz gut. Wir hatten höhere Erträge und höhere Einnahmen. Daß die LPG viele Flächen übernehmen mußte, deren Besitzer das Land heruntergewirtschaftet und dann das Weite gesucht hatten, übersahen wir geflissentlich. Denn uns ging es ja um Argumente gegen die LPG.

Wie sollte ich mich entscheiden?

Aber wie das so ist, die LPG wuchs und erstarkte. Wer einigermaßen rechnen gelernt hatte, konnte absehen, wann der Einzelbetrieb überflügelt sein würde. Die moderne Technik verlangt nun mal den Großbetrieb. Dem kann sich niemand verschließen. Wie sollte ich mich entscheiden, für oder gegen den Sozialismus? Ehrlich gesagt, ich schwankte lange Zeit. Fast wäre ich sogar Bauernfängern von drüben auf den Leim gegangen. Die Fahrkarten hatte ich für meine Familie schon in der Tasche.

Doch dann siegte die Vernunft…

Ich begann zu begreifen, daß der Übergang zur Großproduktion nur unter sozialistischen Verhältnissen auf menschliche Weise und zum Vorteil aller vollzogen werden kann. Wir Einzelbauern trafen uns damals manche Nacht und redeten uns die Köpfe heiß. Die meisten meinten, wir sollten eine LPG Typ I bilden, damit wir Starken unter uns sind. Ich war dagegen denn ich meinte, daß wir, wenn wir uns schon für den Sozialismus entscheiden mit denen gemeinsame Sache machen sollten, die bereits eine gehörige Portion an Erfahrung gesammelt hatten.

Ich fühlte mich mitverantwortlich

Mein ganzes Leben habe ich es so gehalten: Wenn ich mich für irgend etwas entschieden habe, dann setze ich dafür meine ganze Kraft ein. So auch für die LPG. Früher war mein Hof mit 44 Hektar und einem Bulldog meine Welt. Heute bin ich Miteigentümer unserer 1500 Hektar großen LPG. Wir haben 34 Traktoren und 10 Vollerntemaschinen. Aber meine Welt reicht weit über die Grenzen unserer LPG, ja über die Grenzen der Kooperations-Gemeinschaft hinaus. Ich fühle mich mitverantwortlich für das Wachsen und Erstarken unseres Staates.“

LandaufteilungQuelle:
Der Sozialismus – Deine Welt, Verlag Neues Leben, Berlin (DDR), 1975, S.192 (aus: Neues Deutschland, Dezember 1967)
Bilder: Lehrbuch Geschichte, Klasse 10, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin 1980, S.59; Grafik: S.60.

Die faschistische Tito-Clique in Jugoslawien

Im Dienste des amerikanischen Imperialismus

…zwei Ganoven in einem Auto – Chruschtschow und Tito:
Tito_Chrutschtschow
Wir erinnern uns noch sehr gut an die seltsamen Diskussionen in der DDR um einen angeblichen jugoslawischen „Sonderweg zum Sozialismus“. Dabei war eigentlich schon 1951 klar, daß sich die Tito-Clique im Dienste des amerikanischen Imperialismus befand. So wie auch Chruschtschow später – nach Stalins Tod – als Dulles-Freund und CIA-Agent in Erscheinung trat. Ende Mai 1955 verkündete er nach der Methode „Haltet den Dieb!“ der überraschten Welt, daß die „schweren Anschuldigungen“, die seinerzeit gegen den Führer des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens erhoben worden waren, Erfindungen gewesen seien, „von Volksfeinden, niederträchtigen Agenten des Imperialismus fabriziert“. [1]
Das war natürlich eine glatte Lüge!

Der Historiker Dr.Kurt Gossweiler schreibt dazu: Daß dies nicht stimmen konnte, mußte eigentlich jedem Genossen klar sein. Denn keine Erfindung von irgendwem, sondern eine allbekannte Tatsache war es doch, daß „Marschall Tito“ sein Land in den imperialistischen Balkan-Pakt geführt hatte, dem es gemeinsam mit den NATO-Mächten Griechenland und Türkei angehörte, und daß Jugoslawien gewissermaßen als Belohnung für diesen klaren Übertritt ins Lager des Imperialismus – mit Waffen aus den USA beliefert wurde. [2]
Im 1951 in der DDR erschienenen Lehrbuch für die Politischen Grundschulen findet sich dazu folgendes:

Tito-Clique verrät die Interessen der Völker Jugoslawiens

Die faschistische Tito-Clique spielt eine schändliche Rolle im Kampf gegen den Frieden, gegen Demokratie und Sozialismus. Die Tito-Clique verriet die Sache des proletarischen Internationalismus, sie führte offen eine der Sowjetunion, den Ländern der Volksdemokratie und den Werktätigen der ganzen Welt feindliche Politik durch. Vom bürgerlichen Nationalismus gingen die Tito-Leute zum Faschismus und zum direkten Verrat der nationalen Interessen der Völker Jugoslawiens über. Wie sich in den Prozessen in Ungarn und Bulgarien herausgestellt hat, ist die verräterische nationalistische Clique Titos seit langer Zeit ein Söldling der anglo-amerikanischen Imperialisten und handelt nach deren Anweisung.

Unter dem sowjetfeindlichen Einfluß der USA

Jugoslawien geriet in die Macht käuflicher faschistischer Mörder und Spione. Infolge der konterrevolutionären Politik der Tito-Clique wurde das volksdemokratische System in Jugoslawien beseitigt und ein antikommunistisches, polizeistaatliches Regime faschistischen Charakters errichtet. Die Tito-Leute brachten Jugoslawien unter die Kontrolle der amerikanischen Monopole. Sie ordneten das Land dem amerikanischen Kapital sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht unter. Die titoistischen Lakaien des Imperialismus halten sich in Jugoslawien durch einen beispiellosen Terror an der Macht, den man nur mit dem Terror der Hitlerfaschisten, der griechischen und spanischen Faschisten oder der amerikanischen Söldlinge in Korea vergleichen kann.

Jugoslawien – Kolonie und strategische Basis des amerikanischen Kapitals

Die Beherrscher Jugoslawiens, die die Aufträge ihrer imperialistischen Herren ausführen, wurden unmittelbar selbst zu Brandstiftern eines neuen Krieges. Sie setzten sich zum Ziel, mit Hilfe reaktionärer Banden einen konterrevolutionären Umschwung in den Ländern der Volksdemokratie herbeizuführen, diese Länder von der Sowjetunion und dem gesamten sozialistischen Lager loszulösen, sie in Kolonien des amerikanischen Kapitals und in Aufmarschplätze für einen neuen Krieg zu verwandeln. Die Entlarvung der Spionagegruppen Rajks in Ungarn und Kostoffs in Bulgarien versetzte all diesen Plänen einen vernichtenden Schlag.

Verrat und Spionage der Tito-Clique

Die jetzige, in die Hände der Volksfeinde geratene sogenannte Kommunistische Partei Jugoslawiens ist lediglich ein Apparat, der die Spionageaufträge der Tito-Clique ausführt. Jedoch wachsen und festigen sich die Kräfte, die fähig sind, den Sieg über diese Clique davonzutragen. Unter den schweren Bedingungen faschistischen Terrors führen die besten Söhne des jugoslawischen Volkes einen mannhaften Kampf gegen die faschistischen Beherrscher Jugoslawiens.

Der sowjetische Außenminister Molotow hatte gewarnt

In seiner Rede auf der Festsitzung in Warschau anläßlich des siebenten Jahrestages der Wiedergeburt Polens erklärte Genosse W. M. Molotow:
„Allen steht das Schicksal Jugoslawiens vor Augen, das durch Betrug in die Hände von Spionen und Provokateuren geraten ist, die ihr Volk verraten und sich an die anglo-amerikanischen Imperialisten verkauft haben. Jetzt sehen alle, daß die Bande Tito-Kardelj-Rankovic bereits die kapitalistische Ordnung in Jugoslawien wiederhergestellt, dem Volk all seine revolutionären Errungenschaften geraubt und das Land in ein Werkzeug der aggressiven, imperialistischen Mächte verwandelt hat. Diese gedungene Verbrecherbande, die sich die Macht erschlichen hat, weiß genau, daß sie vom jugoslawischen Volk gehaßt wird; sie hält deshalb ihre Macht durch blutigen Terror und faschistische Verwaltungsmethoden vorläufig aufrecht. Das kann nicht lange dauern. Die Völker Jugoslawiens werden den Weg zur Freiheit und zur Liquidierung des faschistischen Tito-Regimes finden.“ (siehe: „Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie“ Nr.30 vom 27. Juli bis 2. August 1951) [3]

Quellen:
[1] „Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie“, Bukarester Organ des Informationsbüros der Kommunistischen und Arbeiterparteien, Nr. 21 v. 27. Mai bis 2. Juni 1955, S.1.
[2] Kurt Gossweiler, Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade, Bd.1 (1953- 64), Stephan Eggerdinger Verlag, München, 2002, S.14.
[3] Lehrbuch für die Politischen Grundschulen, Erster Teil, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1951, S.320f. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Das kann man im übrigen alles sehr schön nachlesen bei
Dr.Kurt Gossweiler in der Taubenfußchronik (s.Abb.):

Tauben1Tauben2

Dazu auch noch ein interessanter Hinweis darauf, wie die sozialistische volkseigene Wirtschaft Jugoslawiens zu kapitalistischer Wirtschaft entartete (aus einem Kommentar des ZK der KP Chinas: „Ist Jugoslawien ein sozialistischer Staat?“ vom 26. September 1963).
http://politiekencultuur.blogspot.com/2011/10/1955-normalisierung-der-beziehungen.html
Danke, Nadja!

Der Weg der Sowjetmacht zum Sieg des Sozialismus

Lange Zeit galt das zaristische Rußland als eines rückständigsten Länder der Welt. Und es ist kein Wunder, wenn sogar erfahrene Wirtschaftsbosse in den USA und Großbritannien bezweifelten, daß es jemals gelingen würde, dieses Land aus der kolonialen Abhängigkeit von den Westmächten in die Unabhängigkeit und damit zum Sozialismus zu führen. Nicht nur das – sie unternahmen alles, um das zu verhindern. So schrieb beispielsweise David R. Francis, der Botschafter der USA in Rußland, 1919 an seinen Chef, den amerikanischen Außenminister [1]:
FrancisDiese Begehrlichkeiten gibt es auch heute noch, nur inzwischen haben sich auch die russischen Oligarchen an der Ausplünderung der Sowjetunion beteiligt.

Wie war die Lage in Rußland bis zur Oktoberrevolution?

In Rußland herrschte unvorstellbare Armut. Nur 21 Prozent der Bevölkerung konnten lesen und schreiben, Rußlands Anteil an der industriellen Weltproduktion betrug im Jahre 1917 noch nicht einmal drei Prozent. Die Arbeitsproduktivität war im Jahre 1913 in den USA neunmal so groß wie in Rußland. Rußland erzeugte pro Kopf der Bevölkerung nur den zwanzigsten Teil der USA an Elektroenergie. Diese Rückständigkeiten galt es zu überwinden. Dabei ist, wie Lenin sagte, die Arbeitsproduktivität „in letzter Instanz das Allerwichtigste, das Ausschlaggebende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordung“ [2]
Subbotnik
Am 10. Mai 1919 wurde auf der Moskau-Kasaner Eisenbahn der erste Massensubbotnik durchgeführt. 205 Menschen nahmen daran teil. Die Arbeiter reparierten in 1014 unbezahlten Überstunden 4 Lokomotiven und 16 Waggons. 9300 Pud verschiedener Materialien wurden ein- bzw. ausgeladen. Lenin: „Der Kommunismus beginnt dort, wo einfache Arbeiter in selbstloser Weise unter Überwindung harter Arbeit sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich… zugute kommen, sondern ›Fernstehenden‹, das heißt der ganzen Gesellschaft.“[3] Nach dem Tode Lenins wurde unter Führung J.W. Stalins diese gewaltige Aufgabe erfolgreich fortgesetzt und verwirklicht.

Ein klares Programm zur Überwindung der Rückständigkeit

Ein so riesiges und zugleich ökonomisch zurückgebliebenes Land, wie es die Sowjetunion in jener Periode war, in der historisch kürzesten Frist zu industrialisieren, war eine Aufgabe, die mit gigantischen Schwierigkeiten verbunden war. Es galt, eine ganze Reihe von Industriezweigen, die das alte, zaristische Rußland nicht kannte, neu aufzubauen. Es galt, eine neue Verteidigungsindustrie zu schaffen, die es im früheren Rußland nicht gegeben hatte. Es galt, Werke für den Bau moderner landwirtschaftlicher Maschinen zu errichten, wie sie das alte Dorf nie gesehen hatte. Das erforderte kolossale Mittel. Die kapitalistischen Staaten beschafften sich solche Mittel durch schonungslose Ausbeutung des Volkes, durch Eroberungskriege, durch blutige Ausplünderung der Kolonien und abhängigen Länder sowie durch Auslandsanleihen. Das Sowjetland konnte nicht aus diesen schmutzigen Quellen schöpfen, der Weg zu Auslandsanleihen aber war ihm durch die Kapitalisten versperrt. Es blieb nur übrig, die Mittel innerhalb des Sowjetlandes aufzubringen.
Industrie
Das Magnitogorsker Hüttenkombinat konnte bis zum Jahre 1965 die Arbeitsproduktivität im Vetrgleich zu 1958 um 60 Prozent erhöhen.

Die sechs Schwerpunkte der sozialistischen Umgestaltung

Gestützt auf die Hinweise Lenins, arbeitete Stalin die Leitsätze für die sozialistische Industrialisierung unseres Landes aus.

Er zeigte:
1. daß das Wesen der Industrialisierung nicht einfach im Wachstum der Industrie besteht, sondern in der Entwicklung der Schwerindustrie und vor allem ihres Kernstücks, des Maschinenbaus, denn nur die Schaffung einer Schwerindustrie und eines eigenen Maschinenbaus sichert die materielle Basis des Sozialismus und macht das Land des Sozialismus von der kapitalistischen Welt unabhängig;
2. daß die in unserem Lande vollzogene Expropriation der Gutsbesitzer und Kapitalisten als Ergebnis der sozialistischen Oktoberrevolution die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden, Fabriken, Werken, Banken usw. und ihr Übergang in den Gemeinbesitz des Volkes eine mächtige Quelle für die sozialistische Akkumulation zur Entwicklung der Industrie geschaffen haben;
3. daß sich die sozialistische Industrialisierung von Grund aus von der kapitalistischen Industrialisierung unterscheidet – die letztere beruht auf kolonialen Eroberungen und Plünderungen, militärischen Gewalttaten, versklavenden Anleihen und schonungsloser Ausbeutung der Arbeitermassen und der Kolonialvölker, während die sozialistische Industrialisierung auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln beruht, auf der Ansammlung und Erhaltung der durch die Arbeit der Arbeiter und Bauern geschaffenen Reichtümer; die sozialistische Industrialisierung ist unlösbar verbunden mit der ständigen Verbesserung der materiellen Lage der werktätigen Massen;
4. daß daher die grundlegenden Aufgaben im Kampfe für die Industrialisierung in der Erhöhung der Arbeitsproduktivität, in der Senkung der Selbstkosten, im Kampfe für die Arbeitsdisziplin, im Sparsamkeitsregime usw. bestehen;
5. daß die Bedingungen des Aufbaus des Sozialismus in der Sowjetunion, der Arbeitsenthusiasmus der Arbeiterklasse es ermöglichen, das erforderliche hohe Tempo der Industrialisierung zu erzielen;
6. daß der Weg zur sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft über die Industrialisierung des Landes führt, die die technische Basis für diese Umgestaltung schaffen soll.[4]

Feindliche Aktivitäten

Durch die Erfolge des sozialistischen Aufbaus erschreckt, suchten die Imperialisten die Industrialisierung des Landes zu vereiteln oder wenigstens zu hemmen, indem sie die diplomatischen und Handelsbeziehungen zur UdSSR abbrachen (England), Sowjetbotschafter ermorden ließen (Polen), ihre Spione und Diversanten zu verstärkter Tätigkeit antrieben. Im Lande selbst vereinigten sich die Trotzkisten, die Sinowjeleute und die Überreste früher zerschlagener parteifeindlicher Gruppen zu einem Verräterblock, der einen wütenden Angriff gegen die Partei eröffnete. (…) Man konnte den Sieg der sozialistischen Industrialisierung nicht erringen, ohne den trotzkistisch-sinowjewistischen Block ideologisch und organisatorisch zerschlagen zu haben. Unter Führung des Genossen Stalin zerschlug die Partei den trotzkistisch-sinowjewistischen Block. [5]
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Die Volkswirtschaftsausstellung in Moskau

Der Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg hat letztlich gezeigt, daß die Sowjetunion trotz aller Angriffe von außen, trotz des heimtückischen Überfalls Hitlerdeutschlands im 2. Weltkrieg, und im Kampf gegen die Konterrevolution im eigenen Land diese Aufgabe, wenngleich unter erheblichen Verlusten, so doch mit großem Erfolg gemeistert hat. DER SIEG DES SOZIALISMUS WAR DER GRÖSSTE ERFOLG IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT. Die Große Sozialistische Oktoberrevolution hat gezeigt, daß eine andere als die kapitalistische Gesellschaftsordnung möglich ist. Doch eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht…

Quelle:
[1] A.u.A.Thorndike, Das Russische Wunder, Verlag Kultur und Fortschritt, Berlin 1962, S.100.
[2]W.I.Lenin, Die Große Initiative, in: Ausgew.Werke 6 Bd., Bd.V, S.171, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1971.
[3] W.I.Lenin, ebd. S.172.
[4] G.F. Alexandrow et.al., Stalin – Kurze Lebensbeschreibung, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau, 1947, S.111-113.
[5] Alexandrow et.al., ebd. S.114.
Fotos: Thorndike, S.134, S. 249; APN

Siehe auch:
Das Russische Wunder
Das war die Sowjetunion
Warum der Sozialismus siegen wird…

Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

Es ist sehr aufschlußreich, einmal zu untersuchen, wie es einer Minderheit von sogenannten „Bürgerrechtlern“ – also ausgemachten Feinden der DDR, denen jedes nur denkbare Mittel recht war, um den sozialistischen Staat zu attackieren – natürlich mit tatkräftiger, finanzieller Unterstützung reaktionärer Kreise aus der BRD gelang, die DDR-Staatsmacht zu untergraben und den Staat letzlich zu beseitigen. Hierzu ein interessanter Artikel des Historikers Prof.Dr. Horst Schneider im RotFuchs (Heft 10/2011, S.2)
(übernommen aus kommunisten-online):

Am 3. Oktober 2011 jährte sich die „Wiedervereinigung“ zum 21. Mal. Nicht wenige Akteure von damals haben ihren Anspruch auf einen herausgehobenen Platz im Geschichtsbuch selbst bestimmt: Helmut Kohl in „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“, der Leipziger Pfarrer Christian Führer in „Die Revolution, die aus der Kirche kam“, sein Rostocker Amtskollege Joachim Gauck, der im Juni 2010 vom Amt des Staatsoberhauptes träumte, in „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Wie immer hat der „Erfolg“ viele Väter, und der „Ruhm“, 1989 etwas zum Untergang des Sozialismus beigetragen zu haben, bringt manchen Nutzen. „Der Spiegel“ ließ zu verschiedenen Zeiten seine Reporter durch Osteuropa touren, um Antwort auf die Frage nach den „wahren Helden“ jener Ereignisse zu erhalten. Im Falle Rumäniens würdigte er Pfarrer László Tökes, „einen wortmächtigen und unerschrockenen Pastor aus der ungarischen Minderheit“, der als „populärer Dissident“ berühmt wurde. Seine Reden und Taten seien der Ausgangspunkt für jene Entwicklung gewesen, an deren Ende der Sturz Ceaucescus und dessen Erschießung standen.

Wie lagen die Dinge in Polen?

Niemand bestreitet, daß Papst Johannes Paul II. eine Schlüsselfigur bei der organisierten Zerschlagung des Sozialismus war. Lech Wałęsa drückte den Anteil des Papstes am Sieg der Konterrevolution sogar rechnerisch aus: „Wenn ich in Prozentzahlen erklären sollte, wer wieviel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Solidarność und Lech Wałęsa. Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow“, gab er dem „Spiegel“ 2004 zu Protokoll.
1988_PolenStreiks in Polen 1988

Was geschah nun wirklich im Jahre 1989?

Werfen wir einen Blick auf den „Herbst 1989“ in beiden deutschen Staaten. Achten wir vor allem auf die Sprache der Akteure, die Begriffe und Losungen, welche die Massen bewegten. Hans-Jochen Tschiche erklärte 1997: „Die Gruppe der Oppositionellen war, bei Licht besehen, nur eine kleine Minderheit.“ Er ging von 300 Personen aus. Jene, welche sich selbst zu „Bürgerrechtlern“ ernannten, sind nach 1990 in den Rang von Helden erhoben worden. Viele übten oder üben politische Funktionen aus: Rainer Eppelmann, Joachim Gauck, Heinz Eggert, Christian Führer, Steffen Heitmann, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer u.a. Es ist erstaunlich, daß sich Gottes irdische Gehilfen als Klub von „Revolutionären“ entpuppten.

Die Kirche als Trojanisches Pferd des Antikommunismus

In der DDR liefen 1989 de facto mehrere Prozesse parallel und in Wechselwirkung ab. Ein beträchtlicher Teil der Bürger, unter ihnen „Dissidenten“, Pfarrer und sogenannte Reformer in der SED traten gegen „Verkrustungen“ des „Regimes“ auf und forderten Veränderungen. Den anderen Prozeß repräsentierte Kohl. Er lief darauf hinaus, die Schwächen der DDR-Führung und die Oppositionsbewegung zu nutzen, um den sozialistischen deutschen Staat zu Fall zu bringen. Erst nachträglich ist zu ermessen, wie stark die Kirchen dabei als trojanische Pferde dienten. Nicht wenige Pfarrer bekennen sich inzwischen zu dieser höchst unchristlichen Rolle. Wie Egon Bahr in bezug auf 1953 sagen konnte, ohne den RIAS (an dem er selbst mitwirkte) hätte es den 17. Juni nicht gegeben, waren westliche Medien auch diesmal Stimme und Rückhalt der „Opposition“.

Entscheidend war die Ausgabe von Losungen

Im Oktober/November 1989 wurde die Parole „Wir sind das Volk“ in Umlauf gebracht. Die Forderung nach „Freiheit“ galt meist der „Reisefreiheit“, der Ruf nach „Demokratie“ meinte bürgerlichen Parlamentarismus. Kohls Sprachregler fanden den geeigneten Zeitpunkt, um die zentrale Losung inhaltlich zu verändern. In der Dresdener Rede des Kanzlers am 19. Dezember 1989 hieß der Slogan plötzlich „Wir sind ein Volk“. Erstaunlicherweise tauchten unmittelbar neben dem Rednerpult die Losungen auf: „Deutschland, einig Vaterland“ und „Modrow! Wiedervereinigung ins Programm!“ Man sollte bedenken: Mit dem Leitspruch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ hatte Hitler 1938 den „Anschluߓ Österreichs an Deutschland propagandistisch vorbereitet. Mitte Dezember 1989 besaßen die Anhänger des „Beitritts“, der als „Wiedervereinigung“ getarnt wurde, unter DDR-Bürgern noch keine Mehrheit. Doch leider wurde die Tragweite des Kohl-Auftritts von der Partei- und Staatsführung nicht erkannt.

Die verlogenen Redensarten des Kanzlers Kohl

Das galt besonders für die verbalen Tricks des Kanzlers. Um den Dresdnern – und auch seinen eigenen Verbündeten in London, Paris und Rom – die Angst vor einem erstarkten einheitlichen Deutschland zu nehmen, leistete Kohl einen Eid auf den Frieden. Er gehöre zu jener Generation, die 1945 geschworen habe: „Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt! Ich möchte hier vor Ihnen diesen Schwur erweitern, indem ich Ihnen zurufe: Von deutschem Boden muß in Zukunft immer Frieden ausgehen – das ist das Ziel unserer Gemeinsamkeit!“ Kohl versprach demagogisch, das Selbstbestimmungsrecht der DDR-Bürger zu achten: „Wir werden jede Entscheidung, die die Menschen in der DDR in freier Selbstbestimmung treffen, selbstverständlich respektieren…“ Schon während seines Heidelberger Studiums hatte er erkannt: Wer die Begriffe definiert, bestimmt die Politik. Und er erfuhr dort auch, daß der erste Satz des Naziprogramms – die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes – der Expansion des Faschismus Tür und Tor öffnete.
Österreich 1938
Einmarsch der Hitlerwehrmacht in Österreich 1938

Was unterscheidet den „Anschluߓ der DDR von der Annexion Österreichs und des „Sudetenlandes“ in den späten 30er Jahren? Das Dresdner Treffen diente nicht dazu, irgendwelche Probleme zu erörtern, Auseinandersetzungen zu führen oder Lösungen zu suchen – es war die Rückkehr des Patriarchen in sein Reich. Kohl mußte „sein Volk“ allerdings zunächst wieder verlassen. Doch er drang darauf, die „deutsche Einheit“ nun um jeden Preis durchzusetzen. Im Wege standen ihm nur noch das Völkerrecht und gültige Verträge. Aber war nicht auch ein anderer deutscher Kanzler mit solchen Hindernissen fertig geworden?

Die Dresdner Show war vorüber – wie ging es weiter?

Die Rolle und die Aufgaben der „friedlichen Revolutionäre“ änderten sich während und nach der Dresdner Show. Mitglieder der dortigen „Gruppe der zwanzig“ und Kirchenleute mutierten zu Kohls willigsten Helfern. Hatten sie ursprünglich von „Frieden schaffen ohne Waffen“ gesprochen, um die Massen gegen die Staatsmacht der DDR aufzubringen, so ging es ihnen jetzt nur noch um die Vorbereitung des „Anschlusses“ nach Bonner Fahrplan. Zum Schlüsselwort wurde der Begriff „Wiedervereinigung“. Die Brüder und Schwestern eines Volkes sollten sich jubelnd in den Armen liegen, Krupp und Krause zueinander finden. Aus „Brüdern und Schwestern“, die man „befreien“ und „wiedervereinigen“ wollte, wurden über Nacht Sieger und Besiegte.
MaueröffnungMaueröffnung…

Die Konterrevolution kam 1989/90 in „Filzlatschen“ daher, wie Egon Bahr* es ausdrückte. Dazu gehörte auch eine Tarnsprache. Gewisse Theologen in der DDR spielten die ihnen zugewiesene Rolle, während die Zentren der psychologischen Kriegführung und dieser dienende imperialistische Medien den entscheidenden Part übernahmen.

Die „Erinnerungsschlacht“ geht weiter

Am 3. Oktober haben die Kämpfer gegen den „Unrechtsstaat“ und die Protagonisten der „friedlichen Revolution“ einmal mehr Hochkonjunktur. Während der erste Begriff die DDR verteufelt, soll der zweite den unrühmlichen Glorienschein der Akteure erstrahlen lassen.

Erinnern wir uns an ein Wort Abraham Lincolns: „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allzeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.“

Hinweis auf den Ausgangspunkt und den späteren Verlauf der Konterrevolution:
Die verbrecherische Rede Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU 1956
Siehe auch: Karl-Eduard von Schnitzler, Zum Tag der Republik am 7.Oktober und L.Pribytkowa: Die Demontage

* siehe Kommentar Inson: es war nicht E.Bahr, sondern Otto Winzer!

Siehe auch:
Der 17. Juni 1953 – und seine Vorgeschichte
Danke, lieber Genosse Gorbatschow…
Das Wesen des Revisionismus
Die Oppositionellen in der SED

Vom Leseland zum Land der Idioten…

Das vorrevolutionäre Rußland war durch den bürgerlich-gutsherrlichen Klassencharakter dieses Staates geprägt. Etwa 80% der Kinder und Jugendlichen hatten nicht einmal Zugang zur Elementarschule. Mittel- und Hochschulbidung war fast ausschließlich den privilegierten Schichten der Bevölkerung vorbehalten. Nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, also nach 1917, stand die Liquidierung des massenhaften Analphabetentums der Bevölkerung an erster Stelle. Heute hingegen scheint sich alles wieder dahin zu entwickeln, daß das Lesen im einstigen Leseland UdSSR zur Seltenheit geworden ist und der Wortschatz der Mehrzahl der Jugendlichen in Rußland gerade mal ausreicht, um eine SMS abzusenden.

Besondere Bedeutung kam in der Sowjetunion den Bibliotheken zu. 1914 gab es in Rußland etwa 13.000 öffentliche Bibliotheken, 50 Jahre später waren es fast zehnmal soviele. Insgesamt gab es 1970 in der Sowjetunion etwa 400.000 Bibliotheken. Und es wurde viel gelesen. (In den USA dagegen gibt es heute lediglich 106.000 wenig genutzte Bibliotheken.*) In der Sowjetunion lasen die Leute in der Metro, an der Bushaltestelle und im Sommer auf den Parkbänken. Zu den größten Bibliotheken der UdSSR gehörte die Staatliche Lenin-Bibliothek mit einem Buchbestand von über 25 Millionen Bänden. Und sie wurde nicht nur von Studenten genutzt. Fast in jedem Dorf gab es eine Rayonbibliothek, in vielen größeren Betrieben gab es eine Gewerkschaftsbibliothek. Heute sind diese Bibliotheken so gut wie alle verschwunden, sie verfallen oder sie wurden zerstört, wie auf den folgenden Bilder zu sehen ist:
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Eine Gewerkschaftsbibliothek in einem kleinen Dorf

Quellen:
*siehe: http://www.zlb.de (Bibliotheksdienst 38.Jg.(2004), H.6)
Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Handbuch, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1971, S.549 u.560.
Bilder: Iana Sator ’11

Siehe auch:
Leseland DDR (Hermann Kant)
Literaturunterricht in der DDR
Schulbücher in der BRD und in der DDR
Die antikommunistische Manipulierung der Schuljugend der BRD
Mr. Kerry und das Recht aud Dummheit

Die Familie in der DDR

DDR_GlückIn der DDR standen Familie, Ehe und Mutterschaft unter dem besonderen Schutz des Staates. Das widerspiegelte sich auch in dem im Dezember 1965 beschlossenen Familiengesetzbuch der DDR. Darin heißt es:

Die Familie ist die kleinste Zelle der Gesellschaft. Sie beruht auf der für das Leben geschlossenen Ehe und auf den besonders engen Bindungen, die sich aus den Gefühlsbeziehungen zwischen Mann und Frau und den Beziehungen gegenseitiger Liebe, Achtung und gegenseitigen Vertrauens zwischen allen Familienmitgliedern ergeben.

Die sozial gesicherte Existenz der Familie

Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik sind die feste Grundlage für die sozial gesicherte Existenz der Familie. Mit dem Aufbau des Sozialismus entstanden gesellschaftliche Bedingungen, die dazu führen, die Familienbeziehungen von den Entstellungen und Verzerrungen zu befreien, die durch die Ausbeutung des Menschen, die gesellschaftliche und rechtliche Herabsetzung der Frau, durch materielle Unsicherheit und andere Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft bedingt waren.

Kameradschaftliche und harmonische Beziehungen

Mit der sozialistischen Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik entstehen Familienbeziehungen neuer Art. Die von Ausbeutung freie schöpferische Arbeit, die auf ihr beruhenden kameradschaftlichen Beziehungen der Menschen, die gleichberechtigte Stellung der Frau auf allen Gebieten des Lebens und die Bildungsmöglichkeiten für alle Bürger sind wichtige Voraussetzungen, die Familie zu festigen und sie dauerhaft und glücklich zu gestalten. Harmonische Beziehungen in Ehe und Familie haben einen großen Einfluß auf die Charakterbildung der heranwachsenden Generation und auf das persönliche Glück und die Lebens- und Arbeitsfreude des Menschen.

Ein Familiengesetzbuch zum Schutz von Ehe und Familie

In der Deutschen Demokratischen Republik hat die Familie große gesellschaftliche Bedeutung. Sie entwickelt sich zu einer Gemeinschaft, in der die Fähigkeiten und Eigenschaften Unterstützung und Förderung finden, die das Verhalten des Menschen als Persönlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft bestimmen. Es ist die Aufgabe des Familiengesetzbuches, die Entwicklung der Familienbeziehungen in der sozialistischen Gesellschaft zu fördern. Das Familiengesetzbuch soll allen Bürgern, besonders auch den jungen Menschen, helfen, ihr Familienleben bewußt zu gestalten. Es dient dem Schutz der Ehe und Familie und dem Rechte jedes einzelnen Mitgliedes der Familiengemeinschaft. Es soll Familienkonflikten vorbeugen und auftretende Konflikte überwinden helfen. Es regelt in diesem Zusammenhang Pflichten und Aufgaben der staatlichen Organe und Institutionen. Das Familiengesetzbuch lenkt die Aufmerksamkeit der Bürger, der sozialistischen Kollektive und der gesellschaftlichen Organisationen auf die große persönliche und gesellschaftliche Bedeutung von Ehe und Familie und auf die Aufgaben jedes einzelnen und der gesamten Gesellschaft, zum Schutz und zur Entwicklung jeder Familie beizutragen.

Quelle:
Familiengesetzbuch der DDR vom 20.Dezember 1965, Staatsverlag der DDR, Berlin, S.5-7. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Im Gegensatz zu spätbürgerlichen Verhältnissen, wo die Frauen in doppelter Weise – sowohl im Beruf, als auch in der Ehe – ausgebeutet werden, gibt es im Sozialismus neue, auf dem Prinzip der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beruhende Familienbeziehungen. Und – natürlich gilt, wie Karl-Eduard von Schnitzler in seinem bedeutsamen Vortrag zur DDR in der deutschen Geschichte sagte:
„Man darf kein Ding, auch keinen Staat, von seinem Ende her beurteilen und bewerten, sondern zunächst einmal von seinem Anfang.“

Siehe auch:
Die DDR – ein kinderfreundliches Land
Der 1.Juni – der Internationale Tag des Kindes
Dr. Kurt Gossweiler über die DDR

Proteste auch in den USA

Während in den deutsche Massenmedien nach bewährtem Muster nunmehr auch der syrische Staatspräsident Assad (übrigens ein Augenarzt) als „Diktator“ und „Mörder“ beschimpft wird, und von Panzern, Scharfschützen und einem Blutbad in Syrien die Rede ist, werden die zunehmenden Proteste in den USA verharmlost und beschönigt. Die Berichte der deutschen Medien über das „bunte Völkchen“ der Protestierenden in New York sind einfach gelogen. Die Wahrheit über die Brutalität der Polizeieinsätze in den USA zeigen folgende Bilder – auch wenn hier noch keine Wasserwerfer oder Panzer zu sehen sind:

Juden im Ghetto: „Im Feuer vergangen…“

Im Jahre 1960 erschienen mit einem Vorwort von Arnold Zweig die erschütternden Erlebnisberichte einzelner jüdischer Überlebender der faschistischen Konzentrationslager und Ghettos. Es handelte sich hierbei um Archivmaterial, das aus dem Polnischen übersetzt worden war. Eine Hamburger Zeitung schrieb daraufhin: „Man müßte das Werk jedem jungen Arbeiter in der Bundesrepublik, jedem Oberschüler und jedem Studenten in die Hand drücken…“ Das allerdings geschah nicht! Vielmehr verkrochen sich Tausende aktiver Nazis in den Verwaltungen und Ämtern der BRD, sie entzogen sich ihrer gerechten Verurteilung und übertrugen ihre braune Gesinnung auf nachfolgende Generationen. Sie konnten sogar, wie der Mörder von Ernst Thälmann, in diesem Lande Lehrer werden. So ist es angesichts der neuerlichen „Stasi“-Hatz geradezu grotesk, von der DDR als von einem „Unrechtsstaat“ zu sprechen. Das in der Nazizeit geschehene Unrecht ist mit NICHTS vergleichbar! Von einem Teil dieser Verbrechen des deutschen Faschismus handelt dieses Buch: „Im Feuer vergangen“. Unmittelbar nach 1945 begann in der sowjetischen Besatzungszone die konsequente Entnazifizierung. Und gerade das später gegründete Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik hatte (sogar noch viele Jahre danach!) großen Anteil daran, daß Naziverbrecher, die sich unter falschem Namen versteckt hielten in der DDR gefaßt und verurteilt wurden.
Janina Hescheles
Die zwölfjährige Janina Hescheles

Das Tagebuch der Janina Hescheles wurde der Jüdischen Historischen Kommission vom Krakauer „Rat für Judenhilfe“ übergeben. Das Manuskript besteht aus drei Heften und ist mir großer, klarer Schrift (teils Bleistift, teils mit Tinte) geschrieben. Es enthält insgesamt 132 beschriebene Seiten:

Am Tor gab es keinen Deutschen. Kurzer begrüßte uns aufgeregt. Wir fühlten, daß etwas im Gange war. Die „Verordner“ ließen keinen auf die Zechen gehen, und in der Mitte des Geländes waren alle Deutschen versammelt. Panische Angst vor einer Aussortierung erfaßte uns, aber Reryk, ein Deutscher, hatte an einer Laterne einen Strick befestigt. Es sollte ein Mann aus der Nachtschicht hingerichtet werden. Die Nachtschicht hatte ein Vergnügen veranstaltet. Alle hatten sich betrunken, und er hatte einen Revolver besessen und in betrunkenem Zustand einen Schuß abgegeben. Ich war während der Panik aufgeregt, aber als bekannt geworden war, daß es sich um eine Exekution handelte, beherrschte ich mich, und konnte, ohne daß es auf mich Eindruck machte, diesen Menschen ansehen, als er sich entkleidete. Kurz vorher hatte er Seife verkauft, und ich hatte von ihm ein Stück gekauft; und jetzt erklärte ihm Melchior, ein Deutscher, wie er sich die Schlinge selber umzulegen habe. Nur in Unterhosen, kletterte er ruhig, als ginge es um Geld oder Seife, auf die Rampe. Mich berührte seine Gleichgültigkeit unangenehm, und ich konnte nicht länger zusehen, mit welcher Ruhe er sich die Schlinge umlegte. Ich verließ die Reihen, aber ein Ordner befahl mir zurückzugehen. Ich ging zurück und richtete den Blick auf den zum Tode Verurteilten. Er hing bereits und schwang hin und her. Ich wurde von neuem aufgeregt. Aber nicht vor Mitleid für den Gehenkten oder wegen des Eindrucks, den die Exekution auf mich gemacht hatte, oder etwa aus Furcht vor dem Tode. Nur – diese Hinrichtung machte mir etwas bewußt, was ich damals mit einem Lachen oder einem Scherz nicht verscheuchen und womit ich mich nicht abfinden konnte. Ich war damals das erste Mal Augenzeuge einer Hinrichtung. Vorher hatte ich sogar Angst gehabt, dorthin zu sehen, wo die Verurteilten waren.

Quelle:
Im Feuer vergangen, Tagebücher aus dem Ghetto, Verlag Rütten & Loening, Berlin (DDR), 1960, S.342.

Nachbemerkung:
Die Verfasserin dieses Tagebuchs hat die Hölle der deutschen Nazi-Okkupation überlebt. Mit der Befreiung durch die Sowjetarmee wurde sie den Todeslagern entrissen. Ihr Tagebuch, dieses graue, mit deutlicher, kindlicher Schrift beschriebene Heft, wurde von einem Ort zum anderen gebracht und sorgsam behütet. Das geschah zu einer Zeit, da ohne ausführliche Erläuterungen bekannt war, daß die Entdeckung eines Papierfetzens, auf dem einige Worte verdächtigen Inhalts standen, häufig einem Todesurteil gleichkamen…
(Das Bild und der gesamte Text (in russ.) ist auch hier zu finden.)

Lenin: Über das Besteigen hoher Berge

Kaukasien1922 notierte Lenin ein kurzes Resümee der Oktoberrevolution:

Über das Besteigen hoher Berge

Stellen wir uns einen Menschen vor, der einen sehr hohen, steilen und noch unerforschten Berg besteigt. Nehmen wir an, es sei ihm gelungen, nach Überwindung unerhörter Schwierigkeiten und Gefahren viel höher zu steigen als seine Vorgänger, den Gipfel habe er aber dennoch nicht erreicht. Er befindet sich nun in einer Lage, in der ein Weiterkommen in der gewählten Richtung und auf dem eingeschlagenen Weg schon nicht mehr nur schwierig und gefährlich, sondern geradezu unmöglich geworden ist. Er muß umkehren, abwärts steigen, andere Wege suchen, die zwar länger sein mögen, dafür aber die Möglichkeit in Aussicht stellen, den Gipfel zu erreichen. Der Abstieg in dieser in der Welt noch nie erlebten Höhe, auf der unser hypothetischer Bergsteiger sich befindet, biete vielleicht gar noch größere Gefahren und Schwierigkeiten als der Aufstieg: man tut leichter einen Fehltritt; es ist nicht so bequem, sich die Stelle anzusehen, auf die man den Fuß setzt; es fehlt jene besonders gehobene Stimmung, die durch das unmittelbare Hinaufsteigen, direkt dem Ziel zu, entstanden war, usw. (…)

Gigantische Höhe

Es dürfte wohl natürlich sein anzunehmen, daß sich bei einem Menschen, der in eine solche Lage geraten ist, Minuten der Verzagtheit einstellen – trotz der unerhörten Höhe, die er erreicht hat. Und wahrscheinlich wären diese Minuten zahlreicher, häufiger, schwerer, wenn er gewisse Stimmen von unten hören könnte, von Leuten, die aus gefahrloser Ferne, durchs Fernrohr, diesen höchst gefahrvollen Abstieg beobachten, (…)

Das Proletariat Rußlands hat in seiner Revolution eine gigantische Höhe erklommen, nicht nur im Vergleich zu den Jahren 1789 und 1793, sondern auch im Vergleich zum Jahre 1871. Man muß sich möglichst nüchtern, klar und anschaulich Rechenschaft darüber ablegen, was wir eigentlich »zu Ende geführt« und was wir nicht zu Ende geführt haben: Der Kopf wird dann frisch bleiben, es wird weder Übelkeit noch Illusionen noch Verzagtheit geben. Wir haben die bürgerlich-demokratische Revolution so »sauber« wie noch nirgends in der Welt »zu Ende geführt«. Das ist eine gewaltige Errungenschaft, die keine Macht mehr rückgängig machen kann. Wir haben das Ausscheiden aus dem reaktionären imperialistischen Krieg auf revolutionärem Wege zu Ende geführt. Das ist ebenfalls solch eine Errungenschaft, die keine Macht der Welt mehr rückgängig machen kann, und eine um so wertvollere Errungenschaft, als reaktionäre imperialistische Gemetzel in nicht ferner Zukunft unvermeidlich sind, wenn der Kapitalismus bestehenbleibt. (…)

Nicht zu Ende geführt haben wir jedoch die Errichtung auch nur des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft. Das können die uns feindlichen Kräfte des sterbenden Kapitalismus noch rückgängig machen. Man muß sich dessen klar bewußt sein und es offen zugeben, denn es gibt nichts Gefährlicheres als Illusionen (und Schwindelanfälle, zumal in großen Höhen).

Fehler und Rückzüge

Und an dem Eingeständnis dieser bitteren Wahrheit ist entschieden nicht »Schreckliches«, nichts, das berechtigten Anlaß auch nur zur geringsten Verzagtheit gäbe, denn wir haben stets die Abc-Wahrheit des Marxismus verkündet und wiederholt, daß zum Sieg des Sozialismus die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig sind. Wir aber stehen einstweilen immer noch allein, und wir haben in einem rückständigen Lande, in einem Lande, das mehr als die übrigen verwüstet ist, unglaublich viel geleistet. (…) Als rettungslos verloren müßte man diejenigen Kommunisten bezeichnen, die sich einbilden wollten, daß man ohne Fehler, ohne Rückzüge, ohne ein vielmaliges Neubeginnen des nicht zu Ende Geführten und des falsch Gemachten solch ein weltgeschichtliches »Unternehmen« wie die Vollendung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft (besonders in einem Lande der Kleinbauernschaft) zu Ende führen könnte. Diejenigen Kommunisten aber, die weder in Illusionen noch in Verzagtheit verfallen, die sich die Kraft und Geschmeidigkeit des Organismus bewahren, um beim Herangehen an diese überaus schwierige Aufgabe wiederholt »von Anfang zu beginnen«, sind nicht verloren (und werden es aller Wahrscheinlichkeit auch nie sein).

Quelle:
Wladimir Iljitsch Lenin: Notizen eines Publizisten. Zuerst veröffentlicht am 16. April 1924 in der Prawda. In: W. I. Lenin: Werke Band 33, Berlin 1966, Seite 188-191

siehe auch: junge Welt vom 14.07.2007 (Wochenendbeilage)