Juden im Ghetto: „Im Feuer vergangen…“

Im Jahre 1960 erschienen mit einem Vorwort von Arnold Zweig die erschütternden Erlebnisberichte einzelner jüdischer Überlebender der faschistischen Konzentrationslager und Ghettos. Es handelte sich hierbei um Archivmaterial, das aus dem Polnischen übersetzt worden war. Eine Hamburger Zeitung schrieb daraufhin: „Man müßte das Werk jedem jungen Arbeiter in der Bundesrepublik, jedem Oberschüler und jedem Studenten in die Hand drücken…“ Das allerdings geschah nicht! Vielmehr verkrochen sich Tausende aktiver Nazis in den Verwaltungen und Ämtern der BRD, sie entzogen sich ihrer gerechten Verurteilung und übertrugen ihre braune Gesinnung auf nachfolgende Generationen. Sie konnten sogar, wie der Mörder von Ernst Thälmann, in diesem Lande Lehrer werden. So ist es angesichts der neuerlichen „Stasi“-Hatz geradezu grotesk, von der DDR als von einem „Unrechtsstaat“ zu sprechen. Das in der Nazizeit geschehene Unrecht ist mit NICHTS vergleichbar! Von einem Teil dieser Verbrechen des deutschen Faschismus handelt dieses Buch: „Im Feuer vergangen“. Unmittelbar nach 1945 begann in der sowjetischen Besatzungszone die konsequente Entnazifizierung. Und gerade das später gegründete Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik hatte (sogar noch viele Jahre danach!) großen Anteil daran, daß Naziverbrecher, die sich unter falschem Namen versteckt hielten in der DDR gefaßt und verurteilt wurden.
Janina Hescheles
Die zwölfjährige Janina Hescheles

Das Tagebuch der Janina Hescheles wurde der Jüdischen Historischen Kommission vom Krakauer „Rat für Judenhilfe“ übergeben. Das Manuskript besteht aus drei Heften und ist mir großer, klarer Schrift (teils Bleistift, teils mit Tinte) geschrieben. Es enthält insgesamt 132 beschriebene Seiten:

Am Tor gab es keinen Deutschen. Kurzer begrüßte uns aufgeregt. Wir fühlten, daß etwas im Gange war. Die „Verordner“ ließen keinen auf die Zechen gehen, und in der Mitte des Geländes waren alle Deutschen versammelt. Panische Angst vor einer Aussortierung erfaßte uns, aber Reryk, ein Deutscher, hatte an einer Laterne einen Strick befestigt. Es sollte ein Mann aus der Nachtschicht hingerichtet werden. Die Nachtschicht hatte ein Vergnügen veranstaltet. Alle hatten sich betrunken, und er hatte einen Revolver besessen und in betrunkenem Zustand einen Schuß abgegeben. Ich war während der Panik aufgeregt, aber als bekannt geworden war, daß es sich um eine Exekution handelte, beherrschte ich mich, und konnte, ohne daß es auf mich Eindruck machte, diesen Menschen ansehen, als er sich entkleidete. Kurz vorher hatte er Seife verkauft, und ich hatte von ihm ein Stück gekauft; und jetzt erklärte ihm Melchior, ein Deutscher, wie er sich die Schlinge selber umzulegen habe. Nur in Unterhosen, kletterte er ruhig, als ginge es um Geld oder Seife, auf die Rampe. Mich berührte seine Gleichgültigkeit unangenehm, und ich konnte nicht länger zusehen, mit welcher Ruhe er sich die Schlinge umlegte. Ich verließ die Reihen, aber ein Ordner befahl mir zurückzugehen. Ich ging zurück und richtete den Blick auf den zum Tode Verurteilten. Er hing bereits und schwang hin und her. Ich wurde von neuem aufgeregt. Aber nicht vor Mitleid für den Gehenkten oder wegen des Eindrucks, den die Exekution auf mich gemacht hatte, oder etwa aus Furcht vor dem Tode. Nur – diese Hinrichtung machte mir etwas bewußt, was ich damals mit einem Lachen oder einem Scherz nicht verscheuchen und womit ich mich nicht abfinden konnte. Ich war damals das erste Mal Augenzeuge einer Hinrichtung. Vorher hatte ich sogar Angst gehabt, dorthin zu sehen, wo die Verurteilten waren.

Quelle:
Im Feuer vergangen, Tagebücher aus dem Ghetto, Verlag Rütten & Loening, Berlin (DDR), 1960, S.342.

Nachbemerkung:
Die Verfasserin dieses Tagebuchs hat die Hölle der deutschen Nazi-Okkupation überlebt. Mit der Befreiung durch die Sowjetarmee wurde sie den Todeslagern entrissen. Ihr Tagebuch, dieses graue, mit deutlicher, kindlicher Schrift beschriebene Heft, wurde von einem Ort zum anderen gebracht und sorgsam behütet. Das geschah zu einer Zeit, da ohne ausführliche Erläuterungen bekannt war, daß die Entdeckung eines Papierfetzens, auf dem einige Worte verdächtigen Inhalts standen, häufig einem Todesurteil gleichkamen…
(Das Bild und der gesamte Text (in russ.) ist auch hier zu finden.)

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