Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

Es ist sehr aufschlußreich, einmal zu untersuchen, wie es einer Minderheit von sogenannten „Bürgerrechtlern“ – also ausgemachten Feinden der DDR, denen jedes nur denkbare Mittel recht war, um den sozialistischen Staat zu attackieren – natürlich mit tatkräftiger, finanzieller Unterstützung reaktionärer Kreise aus der BRD gelang, die DDR-Staatsmacht zu untergraben und den Staat letzlich zu beseitigen. Hierzu ein interessanter Artikel des Historikers Prof.Dr. Horst Schneider im RotFuchs (Heft 10/2011, S.2)
(übernommen aus kommunisten-online):

Am 3. Oktober 2011 jährte sich die „Wiedervereinigung“ zum 21. Mal. Nicht wenige Akteure von damals haben ihren Anspruch auf einen herausgehobenen Platz im Geschichtsbuch selbst bestimmt: Helmut Kohl in „Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung“, der Leipziger Pfarrer Christian Führer in „Die Revolution, die aus der Kirche kam“, sein Rostocker Amtskollege Joachim Gauck, der im Juni 2010 vom Amt des Staatsoberhauptes träumte, in „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Wie immer hat der „Erfolg“ viele Väter, und der „Ruhm“, 1989 etwas zum Untergang des Sozialismus beigetragen zu haben, bringt manchen Nutzen. „Der Spiegel“ ließ zu verschiedenen Zeiten seine Reporter durch Osteuropa touren, um Antwort auf die Frage nach den „wahren Helden“ jener Ereignisse zu erhalten. Im Falle Rumäniens würdigte er Pfarrer László Tökes, „einen wortmächtigen und unerschrockenen Pastor aus der ungarischen Minderheit“, der als „populärer Dissident“ berühmt wurde. Seine Reden und Taten seien der Ausgangspunkt für jene Entwicklung gewesen, an deren Ende der Sturz Ceaucescus und dessen Erschießung standen.

Wie lagen die Dinge in Polen?

Niemand bestreitet, daß Papst Johannes Paul II. eine Schlüsselfigur bei der organisierten Zerschlagung des Sozialismus war. Lech Wałęsa drückte den Anteil des Papstes am Sieg der Konterrevolution sogar rechnerisch aus: „Wenn ich in Prozentzahlen erklären sollte, wer wieviel zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen hat, würde ich sagen: 50 Prozent der Papst, 30 Prozent Solidarność und Lech Wałęsa. Den Rest besorgten Helmut Kohl, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow“, gab er dem „Spiegel“ 2004 zu Protokoll.
1988_PolenStreiks in Polen 1988

Was geschah nun wirklich im Jahre 1989?

Werfen wir einen Blick auf den „Herbst 1989“ in beiden deutschen Staaten. Achten wir vor allem auf die Sprache der Akteure, die Begriffe und Losungen, welche die Massen bewegten. Hans-Jochen Tschiche erklärte 1997: „Die Gruppe der Oppositionellen war, bei Licht besehen, nur eine kleine Minderheit.“ Er ging von 300 Personen aus. Jene, welche sich selbst zu „Bürgerrechtlern“ ernannten, sind nach 1990 in den Rang von Helden erhoben worden. Viele übten oder üben politische Funktionen aus: Rainer Eppelmann, Joachim Gauck, Heinz Eggert, Christian Führer, Steffen Heitmann, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer u.a. Es ist erstaunlich, daß sich Gottes irdische Gehilfen als Klub von „Revolutionären“ entpuppten.

Die Kirche als Trojanisches Pferd des Antikommunismus

In der DDR liefen 1989 de facto mehrere Prozesse parallel und in Wechselwirkung ab. Ein beträchtlicher Teil der Bürger, unter ihnen „Dissidenten“, Pfarrer und sogenannte Reformer in der SED traten gegen „Verkrustungen“ des „Regimes“ auf und forderten Veränderungen. Den anderen Prozeß repräsentierte Kohl. Er lief darauf hinaus, die Schwächen der DDR-Führung und die Oppositionsbewegung zu nutzen, um den sozialistischen deutschen Staat zu Fall zu bringen. Erst nachträglich ist zu ermessen, wie stark die Kirchen dabei als trojanische Pferde dienten. Nicht wenige Pfarrer bekennen sich inzwischen zu dieser höchst unchristlichen Rolle. Wie Egon Bahr in bezug auf 1953 sagen konnte, ohne den RIAS (an dem er selbst mitwirkte) hätte es den 17. Juni nicht gegeben, waren westliche Medien auch diesmal Stimme und Rückhalt der „Opposition“.

Entscheidend war die Ausgabe von Losungen

Im Oktober/November 1989 wurde die Parole „Wir sind das Volk“ in Umlauf gebracht. Die Forderung nach „Freiheit“ galt meist der „Reisefreiheit“, der Ruf nach „Demokratie“ meinte bürgerlichen Parlamentarismus. Kohls Sprachregler fanden den geeigneten Zeitpunkt, um die zentrale Losung inhaltlich zu verändern. In der Dresdener Rede des Kanzlers am 19. Dezember 1989 hieß der Slogan plötzlich „Wir sind ein Volk“. Erstaunlicherweise tauchten unmittelbar neben dem Rednerpult die Losungen auf: „Deutschland, einig Vaterland“ und „Modrow! Wiedervereinigung ins Programm!“ Man sollte bedenken: Mit dem Leitspruch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ hatte Hitler 1938 den „Anschluߓ Österreichs an Deutschland propagandistisch vorbereitet. Mitte Dezember 1989 besaßen die Anhänger des „Beitritts“, der als „Wiedervereinigung“ getarnt wurde, unter DDR-Bürgern noch keine Mehrheit. Doch leider wurde die Tragweite des Kohl-Auftritts von der Partei- und Staatsführung nicht erkannt.

Die verlogenen Redensarten des Kanzlers Kohl

Das galt besonders für die verbalen Tricks des Kanzlers. Um den Dresdnern – und auch seinen eigenen Verbündeten in London, Paris und Rom – die Angst vor einem erstarkten einheitlichen Deutschland zu nehmen, leistete Kohl einen Eid auf den Frieden. Er gehöre zu jener Generation, die 1945 geschworen habe: „Nie wieder Krieg, nie wieder Gewalt! Ich möchte hier vor Ihnen diesen Schwur erweitern, indem ich Ihnen zurufe: Von deutschem Boden muß in Zukunft immer Frieden ausgehen – das ist das Ziel unserer Gemeinsamkeit!“ Kohl versprach demagogisch, das Selbstbestimmungsrecht der DDR-Bürger zu achten: „Wir werden jede Entscheidung, die die Menschen in der DDR in freier Selbstbestimmung treffen, selbstverständlich respektieren…“ Schon während seines Heidelberger Studiums hatte er erkannt: Wer die Begriffe definiert, bestimmt die Politik. Und er erfuhr dort auch, daß der erste Satz des Naziprogramms – die Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes – der Expansion des Faschismus Tür und Tor öffnete.
Österreich 1938
Einmarsch der Hitlerwehrmacht in Österreich 1938

Was unterscheidet den „Anschluߓ der DDR von der Annexion Österreichs und des „Sudetenlandes“ in den späten 30er Jahren? Das Dresdner Treffen diente nicht dazu, irgendwelche Probleme zu erörtern, Auseinandersetzungen zu führen oder Lösungen zu suchen – es war die Rückkehr des Patriarchen in sein Reich. Kohl mußte „sein Volk“ allerdings zunächst wieder verlassen. Doch er drang darauf, die „deutsche Einheit“ nun um jeden Preis durchzusetzen. Im Wege standen ihm nur noch das Völkerrecht und gültige Verträge. Aber war nicht auch ein anderer deutscher Kanzler mit solchen Hindernissen fertig geworden?

Die Dresdner Show war vorüber – wie ging es weiter?

Die Rolle und die Aufgaben der „friedlichen Revolutionäre“ änderten sich während und nach der Dresdner Show. Mitglieder der dortigen „Gruppe der zwanzig“ und Kirchenleute mutierten zu Kohls willigsten Helfern. Hatten sie ursprünglich von „Frieden schaffen ohne Waffen“ gesprochen, um die Massen gegen die Staatsmacht der DDR aufzubringen, so ging es ihnen jetzt nur noch um die Vorbereitung des „Anschlusses“ nach Bonner Fahrplan. Zum Schlüsselwort wurde der Begriff „Wiedervereinigung“. Die Brüder und Schwestern eines Volkes sollten sich jubelnd in den Armen liegen, Krupp und Krause zueinander finden. Aus „Brüdern und Schwestern“, die man „befreien“ und „wiedervereinigen“ wollte, wurden über Nacht Sieger und Besiegte.
MaueröffnungMaueröffnung…

Die Konterrevolution kam 1989/90 in „Filzlatschen“ daher, wie Egon Bahr* es ausdrückte. Dazu gehörte auch eine Tarnsprache. Gewisse Theologen in der DDR spielten die ihnen zugewiesene Rolle, während die Zentren der psychologischen Kriegführung und dieser dienende imperialistische Medien den entscheidenden Part übernahmen.

Die „Erinnerungsschlacht“ geht weiter

Am 3. Oktober haben die Kämpfer gegen den „Unrechtsstaat“ und die Protagonisten der „friedlichen Revolution“ einmal mehr Hochkonjunktur. Während der erste Begriff die DDR verteufelt, soll der zweite den unrühmlichen Glorienschein der Akteure erstrahlen lassen.

Erinnern wir uns an ein Wort Abraham Lincolns: „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allzeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.“

Hinweis auf den Ausgangspunkt und den späteren Verlauf der Konterrevolution:
Die verbrecherische Rede Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU 1956
Siehe auch: Karl-Eduard von Schnitzler, Zum Tag der Republik am 7.Oktober und L.Pribytkowa: Die Demontage

* siehe Kommentar Inson: es war nicht E.Bahr, sondern Otto Winzer!

Siehe auch:
Der 17. Juni 1953 – und seine Vorgeschichte
Danke, lieber Genosse Gorbatschow…
Das Wesen des Revisionismus
Die Oppositionellen in der SED

6 Gedanken zu “Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

  1. Bei ihren Demos nach den so genannten Friedensgebeten in Leipzig (Pfarrer Führer – was für ein Name) hatten sie die große Fresse, so lange die Kameras des Westens dabei waren. Dann haben sie „Scheiß DDR“ gerufen, und als die Sicherheitskräfte eingeschritten sind, haben sie „Keine Gewalt!“ geschrien.
    Von wegen friedliche Revolution. Der Westen hat ein Blutbad in der DDR billigend in Kauf genommen und weiter hemmungslos Propaganda gemacht. Denen ging das Schicksal der Demonstranten doch völlig am Arsch vorbei. Nicht umsonst reden die Trottel heute noch vom „Wunder von Leipzig“.

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  2. Hallo Norbert,
    da ist dir wohl ein kleiner Fehler unterlaufen. Nicht Egon Bahr, der am 15. Juli 1963 in einer Rede an der Evangelischen Akademie in Tutzing seine Formel vom „Wandel durch Annäherung“ prägte, sprach von der „Konterrevolution auf Filzlatschen“. Das war der Kern einer Erwiderung Otto Winzers auf diese Rede Bahrs!

    Mittlerweile wissen wir, daß die Konterrevolution 89/90 viele Ursachen hatte. Eine für mich ganz Wesentliche ist die seit dem XX. PT der KPdSU verfolgte Politik der „ideologischen Koexistenz“. Für die DDR waren Helsinki 1973 und das SED/SPD-Papier sichtbare Zeichen diese Aufweichungsprozeßes. Otto Winzers Worte und die kritische Betrachtung der beiden erwähnten Ereignisse, gelangten mir leider erst nach der Konterrevolution zur Kenntnis.
    Gruß
    Inson

    Danke, Inson, hab’s korrigiert.N.G.

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    1. Danke Inson!
      ja – sehr unwahrscheinlich, daß E.Bahr der „Erfinder“ dieses Ausdrucks gewesen sein soll. (Siehe auch: Gespräche mit dem Außen- und Deutschlandpolitiker Egon Bahr, Detlef Nakath /Hrsg., Schkeuditzer Buchverlag 2008, ISBN 978-3-935530-70-5) Ganz sicher aber ist die verräterische Rede Chruschtschows und die damit verbundene revisionistische Richtung der Ausgangspunkt für die dann auch in der DDR folgende Konterrevolution: „Die Entartung kommt, wie man zu sagen pflegt, auf Taubenfüßen“ (Zitat Schirdewan) – siehe Kurt Gossweiler: „Die Taubenfuß-Chronik“, Stefan Eggerdinger Verlag, 2002.

      Siehe: http://sascha313.blog.de/2011/01/31/verbrecherische-rede-10472565/

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