„flashmob“ für Liebknecht (1917)

HalleSaHalle/S. – Marktkirche

Zugegeben der Begriff des flashmob gilt heute als „Ausprägungsform der virtuellen Gesellschaft“, was nichts anderes bedeutet, als daß einige Personen, die einander oft nicht einmal kennen, sich im Internet oder per SMS verabreden, zu gleicher Zeit, am gleichen Ort das gleiche zu tun, um damit die Öffentlichkeit zu überraschen. Ebendas geschah, als sich 1917 junge Kriegsgegner auf dem Marktplatz von Halle versammelten. Während diese antimilitaristische Aktion damals nur unter höchster Gefahr und bei drohender Verhaftung möglich war, ist es heute eher zu einer Massenbelustigung geworden. Doch sehen wir, was damals geschah…

In Halle sollte die Geburtstagsfeier des „allerhöchsten Kriegsherrn“ im Jahre 1917 mit großem Tamtam auf dem Hallmarkt gefeiert werden. Die oppositionelle Jugendgruppe beschloß, an diesem Tage offen für Karl Liebknecht und gegen den Krieg zu demonstrieren. Wir wußten, daß Tausende von Menschen auf dem Hallmarkt sein würden, und diese Gelegenheit mußte ausgenutzt werden.

Wir verabredeten, wenn der Redner – ich glaube, es war ein Pastor – am Schlusse seiner Ansprache ein Hoch auf den Kaiser ausbringen wollte, „Hoch Liebknecht! Nieder mit dem Krieg!“ zu rufen. Alle waren begeistert von diesem Vorschlag; aber wer sollte das Signal geben? Das Los entschied für den Genossen W. Alle Jugendfreunde, die wir kannten, wurden nach dem Marktplatz zitiert. Schließlich waren etwa vierzig Jugendgenossen beisammen, die sich über den Hallmarkt verteilten. Die Feier begann, und die üblichen Kriegsreden wurden gehalten. Immer näher kam der Zeitpunkt, an dem wir in Funktion treten sollten. Das Herz wurde angesichts der Riesenmenge doch ein wenig beklommen, aber da hörten wir schon die theatralische Aufforderung des Redners: „Unser Kaiser, er lebe…“ Ein Pfiff, und vierzig junge Kehlen riefen: „Hoch Liebknecht! Nieder mit dem Krieg!“

Erst schüchtern, dann wie ein brausender Orkan stimmten fast alle auf dem Markt Stehenden bewußt oder unbewußt in diesen Ruf mit ein. Die Wirkung war verheerend. Das war einfach noch nicht dagewesen! Wir hatten nicht damit gerechnet, daß es uns gelingen würde, die ganze Feier auseinanderzuschlagen. Ich weiß nicht, woher die vielen Polizisten auf einmal kamen. Alles stob plötzlich auseinander. Man mußte uns entdeckt haben, denn eine wilde Jagd ging los. Es kostete viele Mühe, uns in Sicherheit zu bringen. Wir flüchteten aus einer Straße in die andere, bis wir uns endlich den Augen der Schergen entziehen konnten.

Aus: „Mit Luxemburg und Liebknecht – 10 Jahre KJVD“, Verlag Junge Garde, 1929

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