Ein sowjetischer General und der deutsche Massenmörder Müller

Die Gegensätze könnten nicht größer sein… Wie waren die Menschen eigentlich im Sozialismus? Wie lebten sie? Wie gingen sie miteinander um? Das Leben in der Sowjetunion und in den anderen sozialistischen Ländern hat die Menschen geprägt. Der Umgangston war ein anderer geworden, kameradschaftliche Hilfe und gegenseitige Unterstützung bestimmte das Verhalten der Menschen zueinander. Es gab andere Vorbilder und Helden als heute, echte Vorbilder – nicht Idole. Das sozialistische Menschenbild, so beschreibt es das Kulturpolitische Wörterbuch der DDR, wurzelt tief in der Geschichte, bewahrt alles Edle, Schöne und Zukunftsträchtige der Vergangenheit. Zugleich ist es Ausdruck der historisch neuen Qualität menschlicher Persönlichkeitsentwicklung, in der ein hohes sozialistisches Klassenbewußtsein zusammenfließt mit dem Bewußtsein der uneingeschränkten Entfaltungsmöglichkeit aller schöpferischen Fähigkeiten und Talente des freien Volkes. [1]

Versetzen wir uns also in das Jahr 1944. Die Sowjetarmee befindet sich auf dem unaufhaltsamen Vormarsch. Große Teile der Sowjetunion sind befreit. Ein General der Sowjetarmee ist auf dem Weg an die Front. Eine einigermaßen belanglose Situation, und doch ist sie charakteristisch für die Moral der sowjetischen Menschen…

Rechts und links der Strecke dehnt sich die weite Ebene. Dann gleiten immer häufiger Wälder und Haine vorüber. Und wenig später fährt der Zug durch geschlossenes Waldgebiet.
«He, Brüder, wir sind nach Westen abgebogen.»
«Freunde, wo fahren die uns hin?»
Einen Teil der Fahrt verbringe ich bei den Soldaten der 295.Schützendivision. Wir fahren nach Sarny. Mein Aufenthalt bei den Soldaten ist nicht außergewöhnlich. Damals fuhren viele höhere Kommandeure und Stabsoffiziere sowie der Politapparat in den Militärzügen mit. Im Waggon sitzen erfahrene Soldaten, die Tausende von Kilometern kämpfend zurückgelegt und alle Beschwernisse des Krieges kennengelernt haben. Ich sage ihnen, daß unsere 5.Stoßarmee ihre Aufgabe in der Operation von Iaşi-Kischinjow ehrenvoll erfüllt habe, daß wir darauf stolz sein könnten, aber auch an den morgigen Tag denken müßten. Vor uns lägen neue harte Kämpfe, und darauf müsse man sich vorbereiten. Dann beginnt eine allgemeine Diskussion. Ich höre meist zu.
Ein älterer Gefreiter, ehemaliger Kolchosbrigadier, streicht über seinen buschigen Schnurrbart und sagt nachdenklich: «Nach der Ukraine kommen Polen und Deutschland dran. Ist es nicht so, Genosse General?»
«So ist es.»
«Ein Stückchen von Polen haben wir schon befreit. Aber wie wird es mit Deutschland werden? Sicher wird es heiß hergehen?»
«Na, was meinen Sie?»
Ein Soldat mit einer Narbe über der rechten Wange wirft scharf ein: «Klare Sache. Deutschland einäschern, damit kein Samen übrigbleibt.»
Der Gefreite droht ihm mit dem Finger. «Ereifere dich nicht, Samoilow. Ist denn das möglich? Wir sind doch Menschen.»
«Und sie?»
Plötzlich wird es still im Waggon.
Der Gefreite beugt sich zu mir und sagt vertraulich und leise, aber doch so, daß es auch Samoilow hören kann: «Ihm haben die Faschisten die ganze Familie ermordet. Den Vater, die Mutter, zwei Schwestern. Und das Haus niedergebrannt. Er stammt vom Don.»
«Soll ich ihnen das vielleicht verzeihen? Niemals!» stößt Samoilow hart hervor.
Der Gefreite schüttelt vorwurfsvoll den Kopf. «Sei nicht voreilig. Versteh doch, die Faschisten sind die eine Sache. Aber die Menschen, das Volk, sind doch etwas anderes. Wirst du auf deutsche Kinder schießen, auf ihre Mütter, auf Greise? Wirst du?»
«Nein, das nicht.»
«Warum sagst du dann so etwas?»
Samoilow streicht mit der Hand über die Narbe. «Was quengelst du, Gefreiter. Wer auf mich schießt, den werde ich durchsieben. Mit Kugeln! Verstanden?»
«Gewiß. So ist es richtig. Nicht wahr, Genosse General?»
«Ja, wir sind Sowjetbürger. Damit ist alles gesagt. Wir werden Millionen Menschen vom Faschismus befreien; auch die deutsche Zivilbevölkerung. Die eingefleischten Nazis werden jedoch ihre Strafe bekommen. Sie müssen bestraft werden. Da hat Samoilow recht.»
Eine kleine Bahnstation fliegt vorüber. Die Mauer des zerstörten Bahnhofs trägt eine Aufschrift. Samoilow hat sie lesen können. «Rache für Sarny!»

Die Soldaten, die an der weit geöffneten Tür stehen, rufen: «Seht mal, nur noch Steine sind geblieben.»
«Wie viele Jahre werden nötig sein, um alles wieder aufzubauen?»
«Verfluchtes Gesinde!!»
Ich höre zu und denke an die schwierige Aufgabe, die den Politorganen und Parteiorganisationen noch bevorsteht. Denn neben dem Stolz auf seine Armee lebt im Herzen des Soldaten immer der Schmerz über das Land, über die getöteten Angehörigen. Lange noch wird man kämpfen müssen. Doch der Weg der Kämpfer mußte gegen die wirkliche Quelle des Schreckens gegen den Faschismus – gerichtet werden. Das muß jetzt, da wir auf fremden Territorien kämpfen, von jedem Soldaten, Sergeanten und Offizier begriffen werden. Solche wie Samoilow gibt es viele. Sie haben sehr viel verloren, und ihre Herzen verlangen nach Rache; doch sie darf nicht blind sein.

Unaufhörlich dröhnen die Räder. Bahnstationen und Bahnhöfe huschen vorüber. Machorkaqualm breitet sich aus, die Gespräche fließen dahin. Ab und zu kehren sie zu der Frage zurück, wo werden wir haltmachen und an welcher Front den Gegner schlagen. Die Soldaten wissen, daß sie von uns das konkrete Fahrtziel nicht erfahren. Die neuen Aufgaben der Armee kennen vorerst nur ihr Kriegsrat und ein kleiner Kreis von Generalen und Stabsoffizieren. [2]

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Wie verhält es sich dagegen im Kapitalismus, dort wo das Mißtrauen regiert, wo Egoismus und gegenseitige Rücksichtslosigkeit immer neue Untaten hervorbringt, wo das Verbrechen zum Alltag gehört? Der nachfolgende Text ist entnommen aus dem Buch zu einem Interview, das die DDR-Journalisten Walter Heynowski und Gerhard Scheumann 1965 mit einem deutschen Offizier führten, der in Afrika Massenmorde beging – der sogenannte „Kongo-Müller“. Die beiden DDR-Journalisten drehten 1965 über diese Begegnung einen Film, der großes Aufsehen erregte. Sie schrieben:

Die Mörder ließen sich neben ihren Opfern filmen und fotografieren. Sie standen lachend, grinsend, feixend hinter ihren Opfern. In der Hand die Pistole, die Axt, den Strick oder die Peitsche. Oft haben wir diese Szenen im Schneidetisch vorwärts und rückwärts laufen lassen. Oft haben wir mit der Lupe die Gesichter dieser Deutschen herangeholt. Was waren das für — Menschen? Das wollten wir wissen. Es ist bezeugt: Viele der Massenmörder besaßen eine sogenannte gutbürgerliche Bildung. Sie schrieben Tagebücher und Gedichte. Sie spielten Klavier. Sie waren nett zu den eigenen Kindern. Sie liebten Hunde. Sie taten keinem Marienkäfer etwas zuleide, diese Mordskerle.

Aber es gibt in den Filmarchiven der Welt keine Filmtonaufnahme mit einem dieser faschistischen Mordskerle auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Natürlich kennen wir Filmbüchsen aus sowjetischen oder amerikanischen Archiven, die Verhöre von Kriegsverbrechern enthalten. Aufgenommen in den Jahren 1945 bis 1947. Vor sowjetischen und westalliierten Untersuchungsoffizieren sagten SS-Verbrecher aus. Die vorher immer glattrasierten Gesichter waren es jetzt nicht mehr. Und sie zeigten auch nicht mehr ihre Lachgrübchen. Die Untersuchungsrichter hatten nur noch die Schatten dieser Herrenmörder vor sich sitzen. Einige dieser Aufnahmen erwecken sogar den Eindruck, als hätten sich verschiedene Galgenvögel durch besonders servile Beredsamkeit mildernde Umstände versprochen. Das gibt es also nicht: Ein gefilmtes Gespräch mit einem dieser faschistischen Übermenschen auf dem Zenit seiner Machtausübung. So etwas ist in den Archiven der Welt nicht zu finden.

Siegfried Müller hatte sich lachend zusammen mit gefolterten kongolesischen Patrioten fotografieren lassen, denen auf seinen Befehl »erst der linke Arm, dann der rechte Arm« abgeschnitten wurde. Müller besitzt eine gutbürgerliche Bildung; er ist Abiturient und spricht mehrere Sprachen. Er schrieb keine Gedichte, aber seine Erinnerungsalben mit Fotos und anderen Erinnerungsstücken sind grafisch talentiert zusammengestellt und mit kleinen Vignetten und Ornamenten verziert. Müller spielt auch etwas Klavier, und er ist ein großer Bewunderer der Musik Mozarts. Er kennt zum Beispiel die Anfangstakte aller Mozart-Quartette. Er verwöhnt seine jetzt dreizehnjährige Tochter Marlies mit Schokolade und Kleidern. Er liebt seinen Hund, dem er sogar einen besonderen Namen gegeben hat. Und nach allem, was wir über Müller wußten, war anzunehmen, daß auch er um jeden Marienkäfer einen Achtungsbogen machen würde. [3]

Quellen:
[1] Kulturpolitisches Wörterbuch, Dietz Verlag, Berlin, 1970, S.359.
[2] Generalleutnant F.J.Bokow, Frühjahr des Sieges und der Befreiung, Militärverlag der DDR, Berlin, 1979, S.11-13.
[3] Heynowski/Scheumann, Der lachende Mann, Bekenntnisse eines Mörders, Verlag der Nation (DDR), 1966, S.11f. – einer der grausamsten Serienkiller. Das Video siehe hier:

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