Hermann Kant und die DDR-Literatur

Am SchreibtischDer Schriftsteller Hermann Kant

Die DDR war ein Leseland allererster Güte. Nicht nur, daß Klassiker der Weltliteratur (von Mark Twain bis Tucholsky, von Flaubert bis Fadejew, Ostrowski, Goethe und Brecht) in der DDR schon Pflichtlektüre eines jeden Schulkindes zu sein pflegten – Bücher also, die man in manchem westlichen Bücherschrank vergeblich sucht … wenn es da neben Perry Rhodan oder Konsalik überhaupt etwas Lesbares gibt. Auch die neueren DDR-Schriftsteller konnten, soweit die Papierknappheit es zuließ, mit größeren Auflagen rechnen. Und ihr Beruf ließ sie nicht gerade am Hungertuch nagen. Das heißt, sie konnten nicht schlecht davon leben.

Doch hin und wieder gab es auch mal Auseinandersetzungen mit solchen Schriftstellern, die einen anderen, sagen wir mal, einen etwas schrägen Begriff von schriftstellerischer Freiheit hatten. Nämlich den, daß sie glaubten, ihre Kritik an der Regierung ihres Landes – des Landes also, in dem sie lebten – vermittels westlicher, also bekanntlich gegnerischer Medien kundtun zu müssen. Ihnen hielt Hermann Kant gelegentlich entgegen: „Als ob es nicht seit langem bekannt wäre, daß ein Manuskript auf dem Wege von Ost nach West Veredelung erfährt, wenn vom ihm und seinem Autor Systemkritisches zu vermuten steht…“ [1]

Kant hatte die Eigenheit, die Dinge beim Namen zu nennen, und was noch wesentlicher war, er fand auch die treffenden Worte: „Wer seine Post über westliche Agenturen zustellt, kann nicht erwarten, daß der Adressat sie ohne allen Argwohn liest – den Argwohn etwa, es gehe den Schreibern gar nicht um das Gespräch mit ihm, sondern eher schon darum, sich wieder einmal ins Gespräch zu bringen.“ [2] Und er nannte auch die Namen der betreffenden Autoren. Es sind Leute, denen erst die bürgerliche Verwertungsgesellschaft zu einigem zweifelhaften Ruhm verhalf, weil sie eben weniger aus literarischen, so doch aus politischen Gründen gegen die DDR brauchbar waren. Man muß deren Namen nicht kennen. Dennoch schrieb Kant: „Weil wir gerade bei Kennern sind: Herr Kunze – ich denke, man wird sich noch erinnern – hat unlängst der Vermutung Ausdruck verliehen, unserer Literatur bleibe nur ein schrecklicher Rückschritt übrig. Was immer damit gemeint sein mag – Herr Kunze ist insofern ein glücklicher Mensch, als er, sollte er jemals noch einer Bewegung fähig sein, ausschließlich Fortschritte machen könnte. Wenn die Darmstädter Akademie ihren Literaturpreis auf den Kunze bringt, muß sie selber sehen, wie sie damit zurechtkommt, und … aber lassen wir das, kommt Zeit, vergeht Unrat, und schließlich sind Fehlgriffe bei Preisverleihungen kein Darmstädter Privileg.“ [3] (auch den kann man getrost vergessen!)

Und schließlich schrieb Hermann Kant über die sozialistische Gesellschaft, also über diese DDR, in der wir damals lebten:

… klar ist auch, daß wir uns von unseren gemeinsamen politischen Gegnern nicht verleiten lassen werden, einen übergroßen Teil unserer Zeit und unserer Energien auf die Entzerrung ihrer Darstellungen und die Widerlegung ihrer Lügen zu wenden.

Der Sozialismus als Bewegung und Ordnung kann sich vor jedermann auf seine Humanität befragen lassen; in ihm erst ist Menschlichkeit nicht mehr allein angewiesen auf den Mut oder Edelmut Einzelner oder niedergehaltener Minderheiten, in ihm erst ist Menschlichkeit gesellschaftliches Prinzip. Erst wo der Mensch nicht mehr ausgebeutet wird durch seinesgleichen, ist umgreifende Menschlichkeit möglich.

Erst, mit den bekannten Worten, erst wo die Äcker denen gehören, die sie bebauen, und die Fabriken denen, die sie erbauten, und die Maschinen denen, die sie bedienen – erst dort kann Menschlichkeit ganz zu Hause sein. Menschlichkeit ist erst, wenn weder Geldbeutel noch Hautfarbe darüber entscheiden, ob einer satt und gesund und mit Wissen ausgestattet und von Furcht befreit und mit sinnvoller Arbeit versehen und in Frieden leben kann.

Der Sozialismus, wie er von Marx und Lenin aus den Zuständen der bisherigen Welt gefolgert und als künftiger Weltzustand entworfen wurde, ist die wahrhaft humanistische Bewegung gegen den Terror, der Hunger heißt oder Rassismus, Unwissenheit oder Kolonialismus, Massenelend oder Völkerhaß.

Sozialismus also ist die humanistische Antwort auf alle bisherige Unmenschlichkeit, und da höre man doch besser auf, uns, die wir in unseren Staaten, über den bloßen Traum und das nur gedachte Wort und den blutigen Kampf längst hinaus, mit dem Aufbau und Ausbau eines wirklichen, konkreten, wirksamen, realen, anfaßbaren, praktischen Sozialismus beschäftigt sind – da höre man doch auf, uns in unsere Arbeit hineinzureden, uns Freunde zuzuordnen, die wir nicht wollen, und uns Feinde zu melden, die wir gar nicht haben, und vor allem höre man auf, uns die Nöte der Kunst in der alten Gesellschaft als die Tugend der Kunst in der neuen, der unsrigen, vorzuführen.

Auch reicht es uns langsam an Freiheitsrufen, Brüderlichkeitsgesten und Gleichheitszeichen, denn als Sozialisten und Kommunisten sind wir Teilnehmer an der gründlichsten, energischsten und auch erfolgreichsten Freiheitsbewegung der Geschichte, und da unsere Arbeit mitgedacht und mitgetan wird für die Unterdrückten in aller Welt, haben wir eine über jede Phrase erhabene Vorstellung von Brüderlichkeit; und in Gleichheit und Gemeinsamkeit kann uns nur holen, wer den gleichen Zorn wie wir empfindet gegenüber Ausbeutung und Unterdrückung und doch ähnliche Freude über die Siege der Unterdrückten und Ausgebeuteten.

Wir wissen schon sehr gut: So einfach, wie diese Formeln klingen, liegen die Dinge nicht allzuoft; und angenehmer ist es auch, Streit nicht zu haben und freundlich zu sein mit beinahe allen und guten Willen zu vermuten bei fast jedem Gegenüber.

Doch vorerst und wohl auf länger noch ist es nun einmal so, daß unsere Haltungen, unsere Worte, unsere Bücher als Teile der Klassenauseinandersetzungen wirken, verstanden werden und auch gemeint sein sollten. [4]

Quelle:
[1] Hermann Kant, Zu den Unterlagen, Publizistik1957-1980, Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar, 1980, S.237
[2] ebd. S.238
[3] ebd. S.227
[4] ebd. S.196f.

Siehe auch folgenden Beitrag:
Hermann Kant – Die Aula
Schulbücher in der BRD und in der DDR

12 Gedanken zu “Hermann Kant und die DDR-Literatur

  1. Seine „Aula“ fand ich gut, sein „Impressum“ nicht ganz so toll (vielleicht weil ich mir zuviel erwartet hatte). Stefan Heym, der während der Hetzkampagne im Spätsommer 1989 den „Tagesthemen“ ein Interview nach dem anderen gegeben hat, war ein Wichtigtuer, noch mehr Wolf Biermann, der zu seinem 40. Geburtstag die nach ihm benannte Affäre losgetreten hat. Die offizielle DDR-Seite konnte nicht anders reagieren. Ich habe mir im letzten November (75. Geburtstag/ 35 Jahre „Affäre“) mal im TV das Konzert in Köln angesehen. Der hat kein gutes Haar an der DDR gelassen, sich dafür aber nach Strich und Faden bei den Wessis eingeschleimt. Völlig durchgeknallt, wenn der sich als Kommunist bezeichnet.

    Liken

  2. Danke für deinen Komentar. Mir geht es genauso. Der Biermann ist ein völlig unbedeutender Typ, der ein bißchen auf der Gitarre klimpern kann und ein paar ungereimte, aber agrressive Textchen dazu kräht…
    Warum irgendwelche Dummköpfe sich dazu verleiten ließen, so einen Protestwisch gegen seine Ausbürgerung an den Staatsrat zu unterschreiben, ist mit heute noch rätselhaft.

    Liken

  3. Als absoluter Kant – Verehrer kann ich zu der Gesamtproblematik nur ergänzend sagen: Ich bin voll und ganz auf Eurer Seite – Eure Kommentare treffen zielsicher und genau auf den Punkt!!!!!
    Herzliche Grüße!

    Liken

  4. Wir haben Die Aula in den späten 70er Jahren in der Schule gelesen … im Westen! Sicher lag das aber nur daran, daß wir eine sehr gute Deutschlehrerin hatten. Schulen, in denen man auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen konnte (Erwachsenenbildung), waren in ihrer Literaturauswahl vermutlich auch etwas freier als reguläre Gymnasien. Ich erinnere mich, daß ich den Roman zwar interessant, aber auch etwas fremd fand. Die Handlung und die Charaktere entsprachen so garnicht meinen persönlichen Lebenserfahrungen und Interessen. Ich fand es schon damals seltsam, daß mir dies gerade bei der Aula so auffiel, denn dasselbe hätte man natürlich über praktisch alle Literatur sagen können. Dickens‘ Pip, Döblin’s Biberkopf oder Frisch’s Faber hätten mir mindestens ebenso fremd sein müssen. Sie waren es aber nicht und ich habe lange gebraucht, herauszufinden woran das lag. Ich hoffe, ich finde das Buch wieder, damit ich es nochmal lesen kann.

    Was den Biermann betrifft … den vergißt man am besten. Aber, wie schon bei Kant’s Aula, so habe ich auch hierbei in den vergangenen 30+ Jahren eine gewisse Entwicklung durchgemacht, denn 1976 fand ich sein Konzert in Köln sehr gut. Mir war zwar schon damals klar, wie widerlich die Westmedien seine Ausbürgerung propagandistisch verwerteten (die TV Übertragung hätte es ohne Ausbürgerung nie gegeben), aber ich kannte noch sehr wenig von Biermann und hatte nach dem Konzert den Eindruck einen wirklichen Blick in die DDR getan zu haben, über die es im Westen sonst nur Lügen und Verdrehungen gab. Wer hätte 1976 schon Biermann’s Metamorphose zum Kotzbrocken vorhersehen können?

    Wiglaf Droste hat dem Biermann bereits vor ein paar Jahren einen angemessenen Nachruf gewidmet …

    http://www.esnips.com/displayimage.php?pid=4884301

    … sehr witzig.

    Liken

    1. Danke für den amüsanten Kommentar )))) Klar, die Aula war etwas so ganz und gar DDR-Typisches. Wer konnte schon ermessen, was es mit der ABF auf sich hat, welchen Weg ein Jakob Filter ging. Wir haben Trullesands Fragen verstanden, haben manches mal gelacht über Iswall, weil wir dachten: Ja, genauso war’s! Und wir haben durchaus kapiert, warum es einen Elektriker schließlich bewog, zum Literaten zu mutieren. Kant selber sagte dazu: „Ich hab mit dem Schreiben aus einer Haltung heraus angefangen – im Streit, im politischen Streit.“ (aus o.g. Buch) – Eben: eine neue Zeit hatte begonnen – ein schöne, eine aufregende Zeit!!!

      Liken

  5. Guten Morgen,

    am 21. Januar 1999 war Kant in Greiz.
    Ich zitiere aus der OTZ vom 23.01.1999:
    „ Öffentliche Proteste von Lokalpolitikern und Bürgerrechtlern hatte es gegen die Lesung Kants in Greiz, unter anderem unter dem Hinweis auf den Ausschluß des Greizer Ehrenbürgers Reiner Kunze aus dem damaligen Schriftstellerverband der DDR gegeben. Herrmann Kant nahm dazu gegenüber OTZ und bei der Lesung Stellung. ‚Ich kann Leute verstehen, die auf mich wütend werden, beim Hören meines Lexikalischen Lebenslaufes‘, sagte er,‘ und ich will die Vorwürfe gerne tragen. Man kann mir allen möglichen Mist um die Ohren hauen, aber im Fall Biermann möge man meine damaligen Äußerungen im SED-Zentralorgan nachlesen, die, wenn man zu lesen vermag, die vom Politbüro verfügte Ausweisung keinesfalls unterstützte, sie aber auch nicht ablehnte. Bezüglich Reiner Kunzes mußte ich mich fünf Gerichtsprozessen in Hamburg stellen, die alle zu meinen Gunsten entschieden wurden. Mit Kunze habe ich, wie mit anderen, so manchen Streit ausgetragen, und im Streit war ich ja auch nicht immer fein. Allerdings bewundere ich den ungeheuren Mut einiger Greizer, im stillen Kämmerlein flammende Leserbriefe zu verfassen, aber die persönliche Auseinandersetzung mit mir zu scheuen. Abschließend, ich lasse mich durch solche Themen nicht abdrängen und mache weiter meinen Beruf, nämlich Bücher schreiben.
    Übrigens wurde meine ‚Aula‘ soeben von der Bundeszentrale für politische Bildung und einer Bertelsmann-Stiftung in die Liste der 100 Romane des 20. Jahrhunderts aufgenommen.“
    Wie mußte Marcel Reich-Ranicki schreiben:“Dieser Schriftsteller war und ist ein harter und intelligenter Gegner unserer westlichen Welt. Zur Herzlichkeit haben wir wahrlich keinen Grund. Aber doch zu einer knappen respektvollen Verneigung.“

    Wer war denn noch Biermann?
    Und um Himmels Willen – wer war oder ist dieser Kunze?

    Stark bleiben!

    Liken

  6. Danke für den interessanten Kommentar. Mehr muß man zu der Sache heute wohl auch nicht mehr sagen – die Messen sind gelesen. Daß allerdings dieser poetische angehauchte Kleingeist Kunze noch die Stirn hatte, einem Schriftsteller von Rang und Namen wie Hermann Kant juristisch entgegenzutreten, zeugt von einer maßlosen Selbstüberschätzung (und NB von einer erheblichen Kleinkariertheit der Greizer, die ja nicht nur diesen „Dichter“ sondern auch den wesentlich „berühmteren“ Plastinator Herrn Liebchen, alias Gunther von Hagen, euphorisch zu feiern verstanden).

    Liken

    1. Zu Biermann, der bereits 1976 in die BRD eingewiesen wurde, schrieb Peter Hacks einen Kommentar, der in der „Weltbühne“ veröffentlicht wurde. Das Geheul des dissidierenden Künstlerklüngels in der DDR war genauso groß wie das ihrer Unterstützer in der BRD.

      Neues von Biermann.

      Von Peter Hacks

      Quelle: jungeWelt vom 16. November 2006

      Am 20.11.1976 gewährte des deutschen Bourgeois‘ Bildzeitung, welche unter dem Namen Der Spiegel erscheint, dem singenden Schriftsteller Wolf Biermann ein Gespräch. Ich muß Biermann nicht vorstellen, er hat sich vorgestellt. Er war in Köln und hat dort, mit wissenschaftlichen Begriffen, gereimten Liedern und vielem Augenrollen und -zwinkern, den Vorschlag gemacht, das Ziel des Kommunismus doch lieber mit bürgerlichen Mitteln zu erreichen. Solche Leute sind, seit es eine Arbeiterbewegung gibt, mit dem Beifall der Geschichte aus der Partei geschlossen worden, und da Biermann beim Vortrag seiner Lehre zum einen sehr häßliche Dinge über die DDR sagte, zum andern das Bestehen einer Art von Bund zur Durchsetzung derselben andeutete, dessen Mitglieder einander mit Genosse anzureden scheinen, eines aber mit Sicherheit nicht sind: Angehörige einer bisher bekannt gewordenen sozialistischen Partei, ist er inzwischen auch aus der DDR geschlossen. Er befindet sich nun in Westdeutschland.

      Ich kann nicht erkennen, daß er sich dort verhalten hat wie einer, dem es dort nicht gefällt. Er ließ sich ganz gehen. Er gab locker und unbefangen den Schatz seines innersten Hirns und Herzens preis – alles Dinge, die keiner in einer Umgebung tut, die ihn trüb stimmt. Wenn er zugleich beteuerte, ihm sei am Aufbau des Sozialismus in der DDR gelegen, ist er, nach dem, was er uns alle hören ließ, so glaubwürdig, wie es der Spiegel wäre, wenn er seinen Titel änderte und das, was er bislang immer geschrieben hat, fortführe unter dem Titel Die Rote Fahne zu schreiben.

      Für diejenigen Bürger meines Landes, welche wissen wollen, wie es Biermann seither so ergangen ist, erzähle ich also von dem Interview. Es zerfällt, wie man hier richtig sagen muß, in drei Teile. Im ersten Teil erklärt Biermann, was er in Köln schon erklärte. Ihm schmeckt die BRD nicht, er liebt sein Vaterland, mit Absichtserklärungen spart er nicht; freilich sind die ja auch billig. »Die Parteiführung«, meint er, »müßte nach dem Kölner Abend eigentlich erleichtert sein«.

      Der zweite Teil prüft die taktischen Möglichkeiten der Rückkehr Biermanns an seinen alten politischen Arbeitsplatz. Der dritte Teil endlich besteht aus sehr gewöhnlicher DDR-Hetze. Er ist nicht im Ton der Untersuchung gehalten; Biermann benutzt schlechte Gründe und abstoßende Worte. Die Leitung der SED nennt er »stalinistische Bonzen«, was – die Meinung, die man über Stalin hat oder haben sollte, beiseite gelassen – doch offenbar keine zutreffende Bezeichnung ist.

      Ich will mich, als dem inhaltlich einzig ergiebigen, dem zweiten Teil widmen. Biermann bespricht mit dem Spiegel die Erfolgsaussichten eines Antrags auf Erlangung der DDR-Staatsbürgerschaft, wobei beide keinen Zweifel hegen, daß das ein unzüchtiger Antrag ist. »Von wem erwarten Sie Hilfe?«, fragt die Illustrierte. Biermann weiß viererlei Antwort.

      1. Er empfiehlt der SED, sich nach dem Beispiel der IKP oder FKP zu richten. Ich habe der SED keine Ratschläge zu erteilen, aber ich bitte sie herzlich, das nicht zu tun. Sie müßte, wollte sie Biermann folgen, in der DDR eine imperialistische Wirtschaft und Herrschaft einsetzen und zu der in ein aufständisches Verhältnis treten. Ehrlich zu sein, ich bin recht froh, daß wir das alles schon hinter uns haben, und ich wünsche im Gegenteil diesen mächtigen und erfindungsreichen Bruderparteien, daß sie bald so weit sein mögen wie wir. Aber eben dies und kein anderes ist das Rezept, das die Denker des wahren Sozialismus uns im Ernst anbieten.

      2. Er hat die Zustimmung von Heinrich Böll. Böll, man kennt ihn, ist drüben der Herbergsvater für dissidierende Wandergesellen. Biermann hat in seinem Bett übernachtet, und ich hoffe, er hat nicht noch Solshenizyns Läuse darin gefunden. Ich habe Herrn Böll im Fernsehen gesehen. Er machte Augen wie ein Hund von Thurber und zeigte wieder einmal sein geübtes Staunen darüber, daß Konterrevolution in sozialistischen Ländern verboten ist.

      3. Er hat – wie der Spiegel es ausdrückt – »seine Leute in der DDR«; er hat sie übrigens, natürlich, wo immer er hinkommt. Könnte die Einigung der westdeutschen Linken, erkundigt sich der Spiegel, »eine neue Aufgabe für Sie sein?«– Che Biermann (bescheiden): »Zumindest eine erfreuliche Nebenwirkung«.

      Manchmal kann er einem schon leidtun.

      Beide, Biermann wie seine Befrager, vermeiden sorgfältig die Erwähnung der DDR-Schriftsteller, die auf einer Liste erklärt haben, daß sie ihn wiederhaben wollen. Die Sorgfalt fällt auf; noch auf der Pressekonferenz vom Vortag setzt Biermann alle Hoffnung in sie. Ich will bei dem Punkt noch verweilen. Unterrichtet durch die sozialistische Presse, wie ich gewöhnlich bin, kenne ich die erwähnte Liste nicht vollständig. Überhaupt ärgere ich mich über das Neue Deutschland mehr als über den Spiegel: weil ich öfter darin lese. Aber notfalls läßt sich auch bei wenig Nachricht viel denken, und ungefähr hätte jeder vom Fach die Liste niederschreiben können, bevor sie noch verfaßt worden.

      Wir Schriftsteller reden hier viel und seit langem gegeneinander. Der Streitgegenstand ist immer derselbe: das Recht der Dichter auf Unbildung. Viele meinen, der Künstler müsse sich immer mitteilen, wie es ihm ums Gemüt sei. Die anderen wieder leugnen das gar nicht, mögen indessen nicht einsehen, wieso dieser richtige Satz den Künstler hindere, gelegentlich einen Blick in die ersten Abschnitte von »Was tun?« zu werfen.

      Gewiß ist die Vorstellung, man könne die Vorzüge des Sozialismus mit den paar noch übrigen Vorzügen des Imperialismus verbinden, angenehm. Aber sie ist, zur gegenwärtigen Zeit, eine ungebildete Vorstellung. Es ist der Wunsch nach einem schokoladenen Leninismus, und ein Lenin, der aus Schokolade wäre, würde schnell schmelzen.

      Dichter, die das Recht auf Unbildung beanspruchen, sind verpflichtet, sich mit ihren Stoffen vorzusehen. Als vor Jahren der Knabe Biermann auf seinem Wunderhorn daherschwatzte, was ihm so an Kleinigkeiten durch den Kopf ging, war das ganz allerliebst. Die Reime waren schon damals schlecht, die Verse holprig, die Gedanken kraus; die Worte waren schon damals nicht wichtig genug, um nicht des Beistands der Musik zu bedürfen, und die Melodien nicht stark genug, um ohne Worte standzuhalten, aber Biermanns Lieder waren bildhaft und wunderlich wie die, welche die Schäfer auf der Heide und die Dienstmädchen in den großen Städten singen. Erst als ein fehlerhafter Ehrgeiz ihn trieb, sich an Heines Philosophie und Villons Weltgefühl zu messen, als er sich von den Alltagssachen weg und den Weltsachen zuwandte, verstieß er gegen die seiner Begabung angemessene Gattung und sank vom Volksliedsänger zum Kabarettisten. Er wurde, was er ist: der Eduard Bernstein des Tingeltangel.

      Wolf Biermann ist nicht so gut, wie man annimmt. Ich erwähne das nicht zum erstenmal, und ich würde es hier nicht wiederholen, wenn es ihn nicht erklärte. Biermann übernahm sich. Und in je höherem Maße er sich übernahm, desto mehr bedurfte seine Kunst, neben dem Gedicht und der Gitarre, des Skandals.

      Biermann (so wenig wie andere Künstler, die es betrifft) wird sich von mir nicht widerlegt fühlen. Diese Uneinsichtigkeit billige ich. Alle Künstler haben ein Auge für Kunst, keiner ein Ohr für Vorhaltungen. Keine Sorte von Urteilen beeinflussen Künstler, nicht kritische und nicht politische. Auf Kunst wirkt nur Kunst. Schlechte Kunst ist ausschließlich durch bessere Kunst zu widerlegen.

      Genug also davon und zurück zu den Gelegenheiten für Biermanns Rekonquista.

      4. nämlich und zum Schluß rechnet Biermann mit der Furcht unseres Staates vor ihm. Er bedeutet dem Spiegel, daß die Regierung der DDR, solange sie ihn duldete, stark war, nun aber, da sie ihn los ist, zittert. Diese Behauptung ist als ihr eigener Beweis gemeint; Biermann schließt das aus dem.

      Ich finde ihn nicht so schlüssig, wie er sich findet.

      Mir tut seit dem Frühjahr ein Zahn weh. Ich habe den Zahn geduldet, weil mein Zahnarzt es an der Leber hatte oder ich verreist war, aus olchen Gründen. Jetzt habe ich vor, ihn wirklich ziehen zu lassen, und ich versichere, er schmerzt mich heute nicht schlimmer, als er es im Frühjahr tat. Ich will gar nicht, wie ich ja könnte, vorbringen, daß ich bisher zitterte und nun stark bin. Es paßt mir einfach, es jetzt zu tun. Von dieser Fachfrage des richtigen Folgerns einmal abgesehen: Wolf Biermann, denke ich, setzt die Furchtschwelle der sozialistischen Gesellschaft vielleicht ein wenig zu niedrig an, wenn er seinen Fall in dem Zusammenhang erörtert. Man soll mich nicht ungerecht schelten. Meine Gespräche mit Biermann sind, wenn es sie gab, stets unerfrischend verlaufen, ohne Verständnisinnigkeit. Ich rede leichter von als mit ihm. Aus Billigkeit will ich ihm das letzte Wort abtreten, und ich wähle unter vielen schönen sein goldenstes: »Es ist in Köln nichts passiert, was mich im nachhinein gequält hätte.«

      Rot Front!
      Inson

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s