Dolores Ibárruri – die legendäre spanische Freiheitskämpferin und Kommunistin

Pasionaria
Dolores Ibárruri (La Pasionaria) im Gespräch mit Soldaten

Alles Leid, das einer Proletarierfrau begegnen kann, erfuhr Dolores Ibárruri am eigenen Leibe. Lebendig erzählt sie in ihren Erinnerungen von den kargen Freuden der Jugend in der schmutzigen Bergarbeitersiedlung. Ihr sehnlichster Wunsch, einmal Lehrerin zu werden, blieb unerfüllt. Das trostlose, dumpfe Leben Tausender Bergarbeiterfrauen schien auch ihr Schicksal zu werden. Aber aus dem Schmerz um ihre Kinder, die sie eines nach dem anderen begraben mußte, und dem Leid das sie erfahren mußte, erwuchs in ihr die Empörung gegen das brutale und menschenverachtende Ausbeutersystem und der Wille diese schlechte Ordnung zu ändern. So fand sie den einzig möglichen Weg, den Weg zur revolutionären Arbeiterbewegung. Nach der Gründung der Kommunistischen Partei Spaniens wurde sie eines ihre aktivsten Mitglieder. Mit dem Sieg der Reaktion über die gerechte Sache des Volkes schließen die Erinnerungen, und doch erfüllt den Leser die Gewißheit, daß den toten Helden schon heute Rächer erstehen, daß die gerechte Sache siegen wird. Beispielhaft auch für die heutige Zeit beschreibt die legendäre spanische Kommunistin den harten und entbehrungsreichen Kampf des spanischen Proletariats gegen die internationale Monopolbourgeoisie. So auch die folgende Episode aus ihrem Leben:

Am 31. Oktober 1903 erreichten die Arbeiter nach mehreren Monaten des Kampfes, daß ihre Forderungen erfüllt wurden. Im Parlament legte der damalige Innenminister einen Gesetzentwurf vor, worin festgesetzt wurde, daß die Löhne den Arbeitern in barem Geld zu zahlen seien und daß man sie nicht nötigen dürfe, ihre Einkäufe in den Kantinen oder Läden der Grubenherren oder ihrer Verwalter vorzunehmen. Siegreich nahmen die Arbeiter ihre Arbeit wieder auf. Allerdings holten die Konflikte in den Gruben mit der Beendigung des Streiks noch nicht auf. Die Unternehmer verfolgten auch weiterhin eine für sie sprichwörtliche heimtückische Taktik: sie gaben nach, wenn ihnen nichts anderes übrigblieb, um wieder zum Angriff gegen die Arbeiter überzugehen, sobald sich ihnen dazu die Gelegenheit bot; dabei wälzten sie auf deren Schultern immer die Folgen der periodischen Krisen oder des Exportrückganges ab.

BERGARBEITERKINDER

In diesem Gebiet des Baskenlandes, der Geburtsstätte aufsässiger Menschen, täglicher Kämpfe, schändlicher Reaktion, von Fanatismus und mittelalterlichem Aberglauben, in diesem steilen und abschüssigen „Berg“ mit den Reichtümern in seinem Innern, in diesem von Stollen und Schluchten zerrissenen, von Halden und Schutthaufen verunstalteten Grubenbecken, das sich, nach Norden gewendet, mit der Stirn zum Kantabrischen Meer hin erhebt, dort lebten und litten meine Eltern. Dort wurde ich an einem Dezembertag des Jahres 1895 als Nummer acht der elf Kinder geboren, die die Nachkommenschaft von Antonio dem Luntenmann – so nannte man meinen Vater wegen seiner Spezialaufgabe in der Grube – bildeten. Alle meine Verwandten, Kastilier und Basken, waren Bergarbeiter. Mein Großvater mütterlicherseits starb, von einem Erzblock zerschmettert, in der Grube. Meine Mutter arbeitete bis zu ihrer Heirat in der Grube, und mein Vater von seinem achtzehnten Lebensjahr ab, nachdem er bei Ende des letzten Bürgerkrieges aus dem karlistischen Heer ausgeschieden war, bis er mit 67 Jahren starb. Bergleute waren meine Brüder, und Bergmann war auch mein Mann.

Ich stamme also aus einer echten Bergarbeiterfamilie. Enkelin, Tochter, Ehefrau und Schwester von Kumpeln. Und nichts vom Leben der Grubenleute ist mir fremd. Weder ihre Leiden noch ihre Sorgen, ihre Art zu reden nicht und auch nicht ihre rauhe Treuherzigkeit. Schwer war die Arbeit der Grubenmänner, wenn sie noch im Vollbesitz ihrer Kräfte waren. Unerträglich und unmenschlich wurde sie, wenn sie alt geworden waren. Und nicht so sehr, weil es ihnen an Energie gefehlt hätte, als vielmehr wegen der Arbeiten, die sie dann verrichten mußten, sofern sie das Glück hatten, daß man sie nicht aus der Grube hinauswarf.

Ich habe nichts vergessen. Und unter den schmerzlichen Erinnerungen an eine traurige Kindheit und eine illusionslose Jugend lebt vor allem die an meinen altgewordenen Vater, wie er in der Grube „Justa“ beim Reinigen und Sammeln des durch die Regengüsse von den Halden oder vom Wasser der Erzwäscher mitgerissenen Abraums arbeitete. Zusammen mit einem kleinen Trupp von ebenso alten Kumpeln, wie er selbst es war, hatte man ihn in einen schlammigen Bach gesteckt. Und da wateten sie in dem morastigen Wasser herum, die Hosen bis über die Knie aufgekrempelt, und warfen schaufelweise den mit kleinen Erzbrocken vermengten Lehm auf die Siebe. Stiegen sie dann endlich aus dem Wasser heraus, so konnten sie sich kaum mehr ihr Schuhzeug anziehen. Leichenblaß waren sie, zitternd vor Kälte, zu Tode erschöpft. Und konnten doch nicht auf diese mühevolle Arbeit verzichten. Sie waren nun alt geworden, und da gab es für sie keinen annehmbaren Ausweg. Oder aber jenen scheußlichen, unmenschlichen, demütigenden – zum Bettelstab zu greifen. Und das Betteln, das war das Grauen, die Erniedrigung, die Entwürdigung des Menschentums. Ein Stück Brot wie einem Hund hingeworfen. Zwei Centimes oder ein „Möge Gott dir helfen“. Eine Last für die Familie. Eine schmerzliche Verpflichtung für die Kinder und eine neue soziale Einstufung: „Bettelarm“. Besser als das war der Tod. Aber ein Tod in Würde, indem man arbeitete, bis es eines Tages Schluß war.

So lebten unsere Eltern, so war unser Leben. Wie in einer tiefen Grube ohne Horizont und Aussichten, wohin nie ein Sonnenstrahl drang. Und nur manchmal erhellte sie sich in tragischer Weise durch den blutigen Widerschein des Kampfes, der zu Gewalttaten aufflackerte, wenn die brutale Behandlung die Grenzen des menschlich Erträglichen erreichte. Wie eine bittere Hefe reicherte sich in meinem jungen Gemüt ein Gefühl verzweifelter, triebhafter Wut gegen alles und gegen alle an (bei mir zu Hause galt ich als unbezähmbar), ein Gefühl der Rebellion, aus dem dann später Bewußtheit wurde. Doch die Wandlung von einer einfachen Frau aus dem Volk zur kämpfenden Revolutionärin, zur Kommunistin, vollzog sich nicht in so unkomplizierter Weise und als natürliche Reaktion gegenüber der menschenunwürdigen Lebens Situation der Bergarbeiterfamilien; es bedurfte dafür vielmehr eines Entwicklungsprozesses, in dem der Einfluß der religiösen Erziehung, die ich in der Schule, in der Kirche und zu Hause erhielt, als Bremse, als negative Kraft wirkte.

Quelle:
Dolores Ibárruri, Der einzige Weg, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1964, S.58-60

Siehe auch:
Die opportunistische Wandlung der Spanischen Kommunistischen Partei

4 Gedanken zu “Dolores Ibárruri – die legendäre spanische Freiheitskämpferin und Kommunistin

  1. Hallo Genosse Norbert,
    Genossin Dolores Ibárruri war schon bei Lebzeiten eine Legende.
    Ihr „Lieber aufrecht sterben, als auf den Knien leben“ inspirierte viele tausende Antifaschisten und Widerstandskämpfer.
    Nur schade daß sie in ihre alte Tage im Moskauer Exil eine Chruschtschowistin wurde: Polemik gegen die KP Chinas, 1968 Rechtfertigung des Einmarsches in der ČSSR und nicht zuletzt Fraktionsmacherei in ihre eigene Partei, KP Spaniens, gegen den ‚Eurokommunismus‘ von Santiago Carillo. Es sei ihr verziehen.
    Mit sozialistischen Gruß,
    Nadja

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  2. hi sascha…
    befehl ausgeführt….
    und
    wie immer :
    lesen und das gaaaaaanz genau muß man…

    nunmehr :
    alle klarheiten restlos beseitigt..

    auch ich wäre gern noch mal im leben mit der
    transsibirischen eisenbahn von berlin nach wladiwostok gefahren…
    kann ich nicht mehr…( gibt keinen anschluß für meine maske ..)

    gruß dir und noch viel freude – wie auch immer-
    gruß jens / hugo

    ps. ich kannte deine ddr… nördlich der strecke helmstedt : berlin sehr genau auch vor 1989…
    – besonders an den absetz-stellen für k(r)ämfer
    hahaha ( lernte dann nach 199o den dortigen gegenspieler kennen…ging gut..war eben offizier )
    südlich durfte ich nicht…hahaha kompetenzen..
    und : rotkohl mit rouladen für 2.89 ostmark..
    d a s waren noch zeiten….oder ?
    kommt ja leider nie wieder ..

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