Quo vadis, Germania?

Der deutsche Kommunist Werner Eggerath (1900-1977) hatte die Nazizeit überlebt. Grausame Folterungen durch die SS und Gestapobüttel hatte er überstanden. Doch er schwieg, und seine Genossen verrieten ihn nicht. Dennoch war er vom „Volksgerichtshof“ wegen angeblichen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nur mit knapper Not entging er der Vernichtung im Konzentrationslager. Als endlich die Sowjetunion mit beinahe widerwilliger Unterstützung durch die Westmächte und unter großen Opfern Europa von der braunen Pest des Feschismus befreit hatte, kehrte auch Eggerath ins Leben zurück. Städte und Dörfer waren oft völlig zerstört, Millionen Menschen in halb Europa litten unter Obdachlosigkeit, Hunger und Elend. Das Hitlerregime hatte ein unübersehbares Leichenfeld und ein wirtschaftliches Chaos hinterlassen. Die Menschenverachtung der Nazis war ohnedies kaum zu überbieten gewesen. Noch in den letzten Tages des Krieges hatte Hitler verkündet: „Aber wenn wir selbst nicht siegen können, so werden wir selbst untergehend noch die halbe Welt mit uns in den Untergang reißen.“ In seinem 1965 erschienenen Buch „Quo vadis Germania?“ schreibt Werner Eggerath über die ersten Aufbaujahre in der DDR:

Eine jahrhundertealte Sehnsucht

Wenn ich an unsere Republik denke, an deren Bau ich ein ganzes Leben lang mitwirkte, steht das Bild eines kraftvollen, im mütterlichen Erdreich fest verwurzelten Baumes vor mir. Ja, sie wurde wohl erst 1949 offiziell gegründet, doch in klaren oder noch verschwommenen, in wissenschaftlich begründeten oder utopischen Vorstellungen lebte sie schon jahrhundertelang in den Herzen und Hirnen sowohl der Arbeiter und Bauern als auch unserer Dichter und Denker, bevor sie Gestalt annahm. Wenn die Bauernheere vor mehr als vierhundert Jahren sangen: »Wir wollen mit Tyrannen raufen!«, so schwang darin der Wille, neue Verhältnisse herbeizuführen, in denen die arbeitenden Menschen selbst das Leben der Gemeinschaft formten, wo das Sinnen und Trachten des einzelnen mit dem des ganzen Volkes zusammenfließen sollte, um allen Brot und Sicherheit vor den Unbilden des Lebens zu geben. »Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!« – Zorn und Empörung wallte in dem Weberlied; aber nach dem »Altdeutschland« der grenzenlosen Ausbeutung und Unterdrückung sollte ein neues kommen., ein Deutschland, das von denen gestaltet wird, die Tag für Tag Werte schallen, in dem das Leben hell, der Hunger unbekannt ist. »Wacht auf, Verdammte dieser Erde!« – wie ein Fanfarenstoß rief die neue Marseillaise, die Internationale, zum Sturm auf die Festen der Klassenherrschaft, rief auf, »alles zu werden« und damit die Träume und Hoffnungen vieler Generationen zu verwirklichen.

Mit Demagogie und Terror gegen die Arbeiterklasse

Aus all dem spricht das tiefe Sehnen nach Geborgenheit, nach einer menschlichen Gesellschaft, nach einem Vaterland, das Frieden und sozialen Wohlstand garantiert, das seine Produktivkraft auf die Entfaltung der Wissenschaft und der Künste verwendet, in dem jeder geachtet wird, der sein Teil zum Ganzen beiträgt. »Die Arbeiter haben kein Vaterland« – wie schroff und doch zutiefst wahr ist die knappe Feststellung im Kommunistischen Manifest!
Karl MarxKarl Marx

Nein, das konnte kein Vaterland sein, in dem die schöpferische Arbeit – das, was den Menschen erst zum Menschen, was ihn groß und schön macht – zur tierhaften Fron erniedrigt war. Das konnte kein Vaterland sein, in dem die Arbeitskraft zur Ware herabgewürdigt, gekauft und verkauft, wo der Mensch wie eine ausgepreßte Zitrone auf die Straße geworfen wurde, wenn er für den Käufer nicht mehr genügend hergab. Das konnte kein Vaterland sein, das die Blüte der Nation auf die Schlachtfelder und in die Massengräber trieb, in Raub- und Eroberungskriegen brutal zerstörte, was fleißige Hände in Jahrzehnten schufen. Die Ausbeuter wußten und wissen nur zu gut um die tiefe Sehnsucht der Volksmassen nach nationaler Würde, nach einem echten Vaterland. Mit Lüge, Betrug und Demagogie verstanden sie es stets, diese hehren Begriffe für ihre Klasseninteressen zu verfälschen und auszunutzen. »Schutz und Verteidigung des Vaterlandes!« – so deklarierten sie ihre Raubzüge und die Unterdrückung anderer Völker. »Rettet das Vaterland vor den vaterlandslosen Gesellen!« – so tarnten sie ihren Terror gegen die Arbeiterklasse und deren revolutionäre Vorhut. (…)

Menschen – seid wachsam!

Glühende Worte möchte ich finden, um jedem einzelnen der jetzt heranwachsenden Generation eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens in das Bewußtsein einzuprägen: Wenn die Imperialisten – über den Rundfunk, in der ihr hörigen Presse oder wo es auch sei – von Vaterland und Nation sprechen, dann seid auf der Hut! Dann handelt es sich um Betrug, dann geht es um den Expansionsdrang einer winzig kleinen Minderheit, dann geht es gegen die Lebensinteressen unseres Volkes. Diese profitsüchtigen Beutejäger schrecken vor keinem Verbrechen zurück; davon zeugen die Gebeine von sechzig Millionen Menschen, die Opfer der grausamen, von den Imperialisten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts organisierten Gemetzel wurden. Diese sechzig Millionen können nicht mehr sprechen, aber ihr Vermächtnis verpflichtet uns Überlebende, immer wieder zu warnen und zu mahnen: Seid wachsam! (…)

Das Wichtigste ist der Frieden!

Wer zwei Weltkatastrophen miterlebte, der fragt sich besorgt, ja entsetzt, wie es überhaupt möglich werden konnte, daß die militärisch geschlagene Monopolbourgeoisie erneut die Gefahr eines Weltbrandes über unser Volk und die Völker Europas heraufbeschwört. Diese Frage steht vor jedem patriotisch gesinnten Deutschen, sie steht ganz besonders vor der deutschen Arbeiterklasse, vor den sozialdemokratischen und kommunistischen, vor den christlichen und parteilosen Arbeitern in Westdeutschland. Eins dürfte heute jedem klar sein: Wäre durch das gemeinsame Handeln aller Volksschichten die Erfüllung des Potsdamer Abkommens in ganz Deutschland erzwungen worden, dann ginge heute von deutschem Boden keine Bedrohung des Friedens aus, dann wäre die nationale Frage für das ganze deutsche Volk gelöst! Wie viele folgten in zehn grauenvollen Kriegsjahren blindlings oder in dem Glauben, für »Volk und Vaterland« das Leben zu opfern, den Würgern unserer Nation! Bedarf es großer Phantasie, um sich vorzustellen, wie Deutschland heute aussähe, wenn die Massen unseres Volkes nicht den Händlern des Todes geglaubt hätten, sondern den Weg gegangen wären, den Karl Liebknecht und Ernst Thälmann wiesen?

Und Werner Eggerath schreibt weiter:

Vaterland – das ist der Inbegriff des Friedens und der Völkerfreundschaft, einer wahren Demokratie, einer echten Menschengemeinschaft, bedeutet Bildung und Kultur, Glück und Frieden für das ganze Volk. Klar und einleuchtend haben Karl Marx und Friedrich Engels den Weg zur Verwirklichung dieser großen Ideale gezeigt. Im Manifest der Kommunistischen Partei riefen sie die Arbeiter auf, sich zur führenden Klasse der Nation zu erheben, für den demokratischen Weg zur Einigung Deutschlands zu kämpfen. (…)
ArbeiterArbeiter im Stahlwerk

Seitdem beschritt die Arbeiterklasse unter Führung ihrer marxistischen Partei zielbewußt, ungeachtet vieler Rückschläge, zahlloser Opfer, aber auch mancher Fehler und Enttäuschungen, diesen Weg. In erbitterten Streikkämpfen, in Demonstrationen, in der aufopferungsvollen Arbeit Hunderttausender Mitglieder der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften ist auch der Kampf für die Heimstatt einer friedliebenden, gebildeten und geachteten deutschen Nation eingeschlossen. Ihr Ringen um die soziale Befreiung der Ausgebeuteten entsprach den nationalen Interessen unseres Volkes; denn die Befreiung aus den Fesseln der Klassengesellschaft bedeutet letztlich die Befreiung von dem Alpdruck imperialistischer Kriege.

Wer sein Volk liebt, wer sich vor seinem Gewissen verpflichtet fühlt, neues Unheil von unserer Heimat abzuwenden, der muß seine ganze Kraft einsetzen, um allen Menschen die Erkenntnis zu vermitteln: Solange das Volk von der Großbourgeoisie beherrscht und unterdrückt wird, solange die von den arbeitenden Schichten geschaffenen Reichtümer für sinnlose Aufrüstung und Eroberungskriege verschleudert werden, solange kann dieses »Vaterland« der Monopolherren und Militaristen nicht das Vaterland der werktätigen Menschen sein! [1]

Anmerkung:
Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach Berechnungen amerikanischer Institute brachten die ersten drei Kriegsjahre der amerikanischen Rüstungsindustrie einen Gewinn von 110 Milliarden Dollar ein. Die Milliardäre in der Wallstreet konnten – umgerechnet für jeden gefallenen amerikanischen Soldaten – 120.000 Mark auf ihr Konto verbuchen. Sie verdienten damit in einem Kriegsjahr mehr als in fünf Friedensjahren! – Und weiter dokumentiert Werner Eggerath: „Anglo-amerikanische Bomber warfen während des Zweiten Weltkriegs fast 2,5 Millionen Tonnen Sprengmaterial über Europa ab, Brandbomben und Phosphorkanister nicht eingerechnet. Dadurch zerstörten oder beschädigten sie in 61 deutschen Großstädten rund 3.600.000 Häuser und machten 7,5 Millionen Menschen obdachlos. Noch im Februar 1945, als der Krieg längst entschieden war, vernichtete ein solcher Terrorangriff fast die ganze Innenstadt Berlins; in der Schreckensnacht vom 13. zum 14. Februar kamen in Dresden, das mit Hunderttausenden von Zwangsevakuierten aus den östlichen Gebieten überfüllt war, über 35.000 Menschen auf grausamte Weise ums Leben. Die herrliche, an Kulturdenkmälern reiche Stadt verlor von ihren 220.000 Wohnungen etwa 80.000, die völlig zerstört, und 75.000, die schwer beschädigt wurden; der Verlust kostbarer Kunstschätze ist unermeßlich. Wie entsetzlich ist die Schuld, die vor allem die herrschende Klasse in Deutschland durch ihre bestialische Politik, durch den Raubkrieg auf sich lud!“ [2] – Das Buch ist trotz seiner zeitgeschichtlich bedingten Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Ereignisse des ausgehenden 20.Jahrhunderts auch heute noch als ein wertvolles Lehrbuch über die Zusammenhänge und Hintergründe der deutschen Geschichte anzusehen. Es ist leicht geschrieben, wissenschaftlich genau, und doch einfach und verständlich. Zahlreiche Beispiele aus eigenem Erleben und historische Fakten illustrieren die Geschichte. Und die Begeisterung des Autors für die neue Zeit, den Sozialismus, überträgt sich auf den Leser. In diesem Sinne ist es ein autobiographisches Buch. Bemerkenswert sind die einfühlsamen Zeichnungen von Prof. Kurt Zimmermann. Empfehlung: absolut lesenswert !

Quelle:
[1] Werner Eggerath: Quo vadis, Germania?, Urania Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1965, S.435-444. (erhältlich bei booklooker –> hier)
[2] ebd., S.299f.
Zeichnungen: Kurt Zimmermann (Nationalpreisträger)

W.I. Lenin: Unser Programm

Bereits 20 Jahre vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution befaßte sich Lenin mit Fragen der Organisation einer revolutionären Arbeiterpartei in Rußland. Nun muß man sagen, daß Rußland zu jener Zeit ein sehr rückständiges, wenngleich rohstoffreiches Agrar-Industrieland war, dessen Volk nicht nur von der eigenen Bourgeoisie, von den Kulaken, Bojaren und zaristischen Blutsaugern im Bunde mit den Popen ausgebeutet wurde, sondern das auch auch zunehmend Ziel ausländischer Raubritter, des international aufkommenden Monopolkapitals, wurde. Zudem war die Arbeiterklasse keineswegs so organisiert, als daß man hätte einen Aufstand gegen die sich ständig verschärfende Ausbeutung erwarten können. Es gab kleinere regionale Kämpfe, vereinzelte Proteste, es gab ständige Verhaftungen und Verbannungen revolutionärer Kräfte – von einer vereinten Arbeiterklasse und der führenden Rolle einer revolutionären Partei konnte damals keine Rede sein.
Der russische Karren
Der russiche Karren

Die Auseinandersetzungen des Proletariats mit der Bourgeoisie trugen in Rußland allenfalls ökonomischen Charakter. Es waren keine politischen Kämpfe, die das herrschende System in Frage stellen konnten. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch heute wieder Lenins Feststellungen und Anmerkungen von großer Aktualität. Man lese statt „Sozialdemokratie“ – „kommunistische Bewegung“ und vergleiche das damalige Rußland einmal mit einem beliebigen europäischen Land (wobei es in Rußland heute nicht anders ist!), und gewisse Parallelen werden sich nicht verleugnen lassen… (Zwischenüberschriften von mir, N.G.).

UNSER PROGRAMM
von W.I. Lenin

Die internationale Sozialdemokratie macht gegenwärtig ideologische Schwankungen durch. Bisher galten die Lehren von Marx und Engels als die feste Grundlage der revolutionären Theorie – nunmehr werden überall Stimmen laut, diese Lehren seien unzulänglich und veraltet. Wer sich einen Sozialdemokraten nennt und mit einem sozialdemokratischen Organ an die Öffentlichkeit treten will, muß seine Haltung zu dieser Frage, die bei weitem nicht nur die deutschen Sozialdemokraten allein bewegt, genau bestimmen.

Was der Marxismus uns gelehrt hat

Wir stehen völlig auf dem Boden der Marxschen Theorie: erst sie hat den Sozialismus aus einer Utopie zur Wissenschaft gemacht, hat diese Wissenschaft auf feste Grundlagen gestellt und den Weg vorgezeichnet, der beschriften werden muß, um diese Wissenschaft weiterzuentwickeln und in allen Einzelheiten auszuarbeiten. Sie hat das Wesen der modernen kapitalistischen Wirtschaft aufgedeckt, indem sie klarstellte, auf welche Weise die Versklavung von Millionen Besitzloser durch eine Handvoll Kapitalisten, die den Grund und Boden, die Fabriken, die Bergwerke usw. besitzen, durch die Lohnarbeit, den Kauf der Arbeitskraft, verhüllt wird. Sie hat gezeigt, daß die ganze Entwicklung des modernen Kapitalismus dahin geht, den Kleinbetrieb durch den Großbetrieb zu verdrängen, und Bedingungen schafft, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung möglich und notwendig machen. Sie hat gelehrt, unter der Hülle eingewurzelter Sitten, politischer Intrigen, verzwickter Gesetze, schlau erdachter Lehren den Klassenkampf zu sehen, den Kampf zwischen den besitzenden Klassen aller Art und der Masse der Besitzlosen, dem Proletariat, das an der Spitze aller Besitzlosen steht. Sie hat die wirkliche Aufgabe der revolutionären sozialistischen Partei klargelegt: nicht Pläne zur Umgestaltung der Gesellschaft zu erfinden, nicht den Kapitalisten und ihren Lakaien Predigten zu halten über eine Verbesserung der Lage der Arbeiter, nicht Verschwörungen anzuzetteln, sondern den Klassenkampf des Proletariats zu organisieren und diesen Kampf zu leiten, dessen Endziel die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft ist.

Was wir aus der Geschichte lernen können

Und nun fragen wir: Was haben denn jene großmäuligen „Erneuerer“ der Theorie … Neues zu dieser Theorie beigetragen? Rein gar nichts: sie haben die Wissenschaft, deren Weiterentwicklung uns das Vermächtnis von Marx und Engels zur Pflicht macht, nicht um einen Schritt vorwärtsgebracht; sie haben das Proletariat keine neuen Kampfmethoden gelehrt; sie sind lediglich zurückgegangen, haben Bruchstücke rückständiger Theorien übernommen und predigen dem Proletariat keine Theorie des Kampfes, sondern eine Theorie der Nachgiebigkeit, der Nachgiebigkeit gegenüber den ärgsten Feinden des Proletariats, den Regierungen und den bürgerlichen Parteien, die nicht müde werden, neue Mittel zur Hetze gegen die Sozialisten ausfindig zu machen. (…)

Der Marxismus ist kein Dogma – sondern eine Anleitung zum Handeln!

Es kann keine starke sozialistische Partei geben, wenn es keine revolutionäre Theorie gibt, die alle Sozialisten vereinigt, aus der sie all ihre Überzeugungen schöpfen und die sie auf die Methoden ihres Kampfes und ihrer Tätigkeit anwenden; wenn man eine solche Theorie, die man nach bestem Wissen für richtig hält, vor unbegründeten Angriffen und Versuchen, sie zu verschlechtern, schützt, so heißt das noch keineswegs, ein Feind jeder Kritik zu sein. Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen. Wir sind der Meinung, daß es für die russischen Sozialisten besonders notwendig ist, die Theorie von Marx selbständig weiterzuentwickeln, denn diese Theorie liefen lediglich die allgemeinen Leitsätze, die im einzelnen auf England anders angewandt werden als auf Frankreich, auf Frankreich anders als auf Deutschland, auf Deutschland anders als auf Rußland. (…)

Was sind die Hauptfragen im Programm der revolutionären Partei?

Wir haben schon gesagt, daß das Wesen dieses Programms darin besteht, den Klassenkampf des Proletariats zu organisieren und diesen Kampf zu leiten, dessen Endziel die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft ist. Der Klassenkampf des Proletariats besteht aus dem ökonomischen Kampf (Kampf gegen einzelne Kapitalisten oder gegen einzelne Kapitalistengruppen für die Verbesserung der Lage der Arbeiter) und dem politischen Kampf (Kampf gegen die Regierung für die Erweiterung der Rechte des Volkes, d.h. für Demokratie, sowie für die Erweiterung der politischen Macht des Proletariats).
Lenin reinigt die Welt vom Dreck!Genosse Lenin reinigt die Welt vom Dreck!

Manche russischen Sozialdemokraten (…) halten den ökonomischen Kampf für unvergleichlich wichtiger, den politischen Kampf aber vertagen sie offenbar auf eine mehr oder weniger ferne Zukunft. Eine solche Ansicht ist völlig falsch. Alle Sozialdemokraten stimmen darin überein, daß es notwendig ist, den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse zu organisieren; daß es notwendig ist, auf diesem Gebiet unter den Arbeitern Agitation zu betreiben, d.h. den Arbeitern in ihrem täglichen Kampf gegen die Unternehmer zu helfen, ihr Augenmerk auf alle Arten und Fälle von Unterdrückung zu lenken und ihnen auf diese Weise die Notwendigkeit des Zusammenschlusses klarzumachen. Aber über dem ökonomischen Kampf den politischen Kampf vergessen hieße den grundlegenden Leitsatz der internationalen Sozialdemokratie aufgeben, hieße vergessen, was die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung lehrt. (…)

Warum muß man den politischen Kampf führen?

Kein wirtschaftlicher Kampf kann den Arbeitern eine dauerhafte Verbesserung ihrer Lage bringen, ja, er kann nicht einmal in großem Ausmaß geführt werden, wenn die Arbeiter nicht das Recht haben, frei Versammlungen zu veranstalten und Verbände zu gründen, eigene Zeitungen zu haben und ihre Vertreter in die Volksvertretungen zu entsenden (…). Um aber diese Rechte zu erlangen, muß man einen politischen Kampf führen. In Rußland sind nicht nur die Arbeiter, sondern alle Staatsbürger überhaupt der politischen Rechte beraubt.

Wer ist die herrschende Klasse und wie regiert sie?

Rußland ist eine autokratische, eine absolute Monarchie. Der Zar allein erläßt Gesetze, setzt Beamte ein und überwacht sie. Infolgedessen hat es den Anschein, als seien in Rußland der Zar und die Zarenregierung unabhängig von allen Klassen und als sorgten sie für alle in gleichem Maße. In Wirklichkeit aber werden alle Beamten ausschließlich aus der Klasse der Besitzenden genommen, und alle stehen unter dem Einfluß der Großkapitalisten, in deren Händen die Minister wie Wachs sind und die alles erreichen, was sie wollen. Auf der russischen Arbeiterklasse lastet ein doppeltes Joch: sie wird von den Kapitalisten und den Gutsbesitzern ausgeraubt und ausgeplündert, und damit sie gegen diese nicht kämpfen kann, fesselt die Polizei sie an Händen und Füßen, macht sie mundtot und verfolgt jeden Versuch, die Rechte des Volkes zu verteidigen.

Wozu braucht die Arbeiterklasse ein revolutionäre Partei?

Jeder Streik gegen einen Kapitalisten führt dazu, daß Militär und Polizei auf die Arbeiter losgelassen werden. Jeder wirtschaftliche Kampf verwandelt sich zwangsläufig in einen politischen, und die Sozialdemokratie muß beide untrennbar zum einheitlichen Klassenkampf des Proletariats verbänden. Das erste und wichtigste Ziel dieses Kampfes muß die Eroberung politischer Rechte, die Eroberung der politischen Freiheit sein. Wenn die Petersburger Arbeiter mit geringer Unterstützung der Sozialisten allein imstande waren, in kurzer Frist von der Regierung ein Zugeständnis zu erringen: den Erlaß des Gesetzes über die Verkürzung des Arbeitstages, so wird die gesamte russische Arbeiterklasse, geführt von der einheitlichen „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“, durch beharrlichen Kampf weit wichtigere Zugeständnisse erringen können.

Fünf Finger kann man brechen – eine Faust nicht!

Die russische Arbeiterklasse ist imstande, ihren ökonomischen und politischen Kampf auch allein zu führen, selbst wenn ihr von keiner anderen Klasse geholfen werden sollte. Doch im politischen Kampf stehen die Arbeiter nicht allein. Die völlige Rechtlosigkeit des Volkes und die brutale Willkür der Beamtenbüttel empören auch alle einigermaßen ehrlichen gebildeten Menschen, die sich mit der Verfolgung jedes freien Wortes und jedes freien Gedankens nicht abfinden können, sie empören die verfolgten Polen, Finnen, Juden, die russischen Sektenanhänger, sie empören die kleinen Kaufleute, Gewerbetreibenden, Bauern, die vor den Bedrückungen durch die Beamten und die Polizei nirgends Schutz finden können. Alle diese Bevölkerungsgruppen sind, einzeln genommen, zu einem beharrlichen politischen Kampf unfähig, wenn aber die Arbeiterklasse das Banner dieses Kampfes entrollt, werden sich ihr von allen Seiten hilfsbereite Hände entgegenstrecken. Die russische Sozialdemokratie wird sich an die Spitze aller Kämpfer für die Rechte des Volkes, aller Kämpfer für die Demokratie stellen, und dann wird sie unbesiegbar sein!

Das sind unsere grundlegenden Ansichten, die wir systematisch und allseitig in unserer Zeitung entwickeln werden. Wir sind davon überzeugt, daß wir damit den Weg gehen werden, der von der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“ in dem von ihr herausgegebenen „Manifest“ vorgezeichnet worden ist.

Quelle:
W.I. Lenin: Unser Programm, in: W.I. Lenin, Werke, Bd.4, S.204-208 (leicht gekürzt).

War Hitler ein Psychopath?

Hitler GerichtEs ist natürlich leicht, eine Person zu beschuldigen, die ohnehin nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Hitler war längst tot – und ohne jeden Zweifel: man hätte ihn aufgehängt! Während der Nürnberger Prozesse, als die verbrecherische, faschistische deutsche Regierung des millionenfachen Mordes angeklagt und verurteilt wurde, konnte man es oft genug erleben: Die Angeklagten beschimpften sich gegenseitig und schoben einander die Schuld zu. Sie litten natürlich (wie das auch heute wieder Fall ist, wenn es um die Neonazis geht) unter „Gedächtnisschwund“. Sie bezeichneten einander als Irre und Psychopathen – bis man sie an Hand von Tatsachen, von Zeugenaussagen und Dokumenten des millionenfachen Völkermordes überführen konnte und hinrichtete. Hitler, Goebbels und Göring hatten sich ihrer gerechten Strafe durch Selbstmord entzogen. Und viele Deutsche hatten in der Nazizeit „weggeschaut“, oder sie waren eben nur „Mitläufer“ gewesen.[1] So einfach ist das!

Nein! Es geht hier nicht um Hitler, sondern es geht um den derzeitigen russischen Kulturminister und das ganze antikommunistische Gesindel, welches sich in den Medien dieses Landes seit der offenen Konterrevolution 1990 immer öfter zu Wort meldet. Sind diese Leute alle Psychopathen? Nein, sie sind es nicht. In einem Brief an Gorki bezeichnete Lenin ein solches Lumpenpack einmal als den „Kot der Nation“. Leider sind sie in der Sowjetunion aufgewachsen, und leider wurden sie nicht zu Persönlichkeiten, sondern zu ganz gewöhnlichen Kriminellen.

Schon seit langem schreibt die russische Publizistin Ljubow Pribytkowa ihre hervorragenden Beiträge für Kommunisten-online. Und sie berichtet über das imperialistische Rußland.

NENNEN SIE DEN RUSSISCHEN KULTURMINISTER NICHT EINEN PSYCHOPATHEN!
von Ljubow Pribytkowa

Mit der russischen Staatsmacht wird es einem nicht langweilig, bei all ihren Initiativen und Modernisierungen. Sie begann ihren Aufstieg während der sogenannten „Perestroika“ mit der Idee einer Entparteiisierung. Die „Demokraten“ hämmerten der KPdSU immer wieder ein, daß es in den Arbeitskollektiven der Betriebe keine Parteiorganisationen geben soll. Später begannen sie sich aktiv für eine Entideologisierung einzusetzen – sie hatten „die Nase voll vom kommunistischen Totalitarismus unter dem Banner des Marxismus-Leninismus“, die Leute sollten „endlich frei leben“ können. Und vor ein paar Jahren begannen die beiden herrschenden Figuren Putin und Medwedjew mit der Entstalinisierung – es erschien ihnen zu gefährlich, als es den Leuten plötzlich der Schleier von den Augen fiel. Ist es nicht paradox, daß ausgerechnet die bürgerliche Konterrevolution in der UdSSR den verlogenen, antikommunistischen Chruschtschowschen Mythos über Stalin wie ein Kartenhaus zerfallen ließ, und die Wahrheit immer mehr den Verstand einer großen Anzahl von Menschen erfaßte?

Was ist mit dem Leninmausoleum?

Bis heute nimmt das Mäusegerappel der klerikalen Dunkelmänner und ihrer intellektuellen Gefolgsleute gegen das Lenin-Mausoleum, die Gedenkstätte für den Führer des Weltproletariats, kein Ende. Nun hat plötzlich der neugebackene Präsident Rußlands Putin seinen Kumpan, den niemandem bekannten Duma-Hinterbänkler Wladimir Medinski als Kulturminister aufgestellt. Damit erhielt der Prozeß der Entleninisierung neuen Auftrieb. Und das, obwohl man die Arbeiten Lenins, die Sammlung seiner Werke schon seit langem aus den Stadtbibliotheken, aus den Bibliotheken der Schulen und Hochschulen hinausgeworfen hatte…
Lenin-MausoleumDas Lenin-Mausoleum in Moskau

Noch am 20. Januar 2011 drängte Medinski als Mitglied des Politischen Ausschusses der Partei „Einheitliches Rußland“ in der Sitzung der Staatsduma auf die Annahme eines Gesetzes über die unverzügliche Entfernung von Lenins Leichnam aus dem Mausoleum. Und jetzt, nachdem er nun die Aktentasche des Ministers in die Hände bekommen hat, hört er nicht auf zu wiederholen, daß es „keinen Leichnam Lenins mehr im Mausoleum gäbe, daß nur etwa 10% vom Körper erhalten geblieben seien, der Rest sei schon seit langem herausgenommen und ersetzt worden. Jedoch ist auch von Medinskis Großmutter schon seit langem nichts mehr übrig – warum besucht er manchmal ihr Grab? Und von Tag zu Tages wächst in ihm die grabschänderische Energie… Mit Schaum vorm Mund verlangt er, daß man „den Schandfriedhof auf dem Zentralen Platz des Landes sofort schließen muߓ.

Ein untauglicher Vergleich…

Seine Hilfskraft, der Präsident des „Rückgabe“-Fonds, Juri Bondarenko, verhehlt auch seinen grimmigen Haß auf Lenin nicht: Die Demonstration eines unbestatteten Leichnams sei östliche Wildheit für das Land. Schließlich habe Lenin die Vernichtung Zehntausender Kirchen und Klöster, sowie Repressalien gegen Priester auf dem Gewissen. In den letzten 20 Jahren lebe die russische Ostkirche endlich wieder auf, während ihr oberster Henker weiterhin auf seinem Ehrenplatz liege. Und in einem Anfall von blinder Bosheit setzt Bondarenko fort: „Auch Wlassow gehört zu unserer Geschichte. War der General etwa schlechter als Lenin? Warum wird nach Wlassow keine Straße benannt, und den Namen Lenins tragen in Rußland 7.700 Straßen? Warum wurde Wlassow für Verrat aufgehängt, und Lenin mit allgemeiner Verehrung bedacht?“

Liest man diesen Vergleich Lenins mit dem auf die Seite Hitlers übergelaufenen General Wlassow [2], so wird einem klar, warum im Internet mehrmals die Behauptung zu finden ist, daß bei denen, die so reden wie Wladimir Medinski, Juri Bondarenko, wie Chaplin es einmal ausdrückte, mit der Psyche nicht alles normal ist. Tatsächlich befinden sich unter denen auch psychisch Kranke, zum Beispiel, wenn Waleri Nowodworskaja das Lenin-Mausoleum einen „Aas-Anger“ nennt. Doch wer diese Frau ein wenig beobachtet, der wird von ihr annehmen, daß sie sich seit langem in ihrem Wohnort in psychiatrischer Behandlung befindet.

Das antikommunistische Gesindel von Radzikowski bis Tschubajs

Doch diese Subjekte, auch wenn sie im Ministergewand, im Range eines Stiftungspräsidenten oder als hochdotierte Professoren daherkommen, für Psychopathen zu halten, wäre zu einfach, ja – sogar unverantwortlich. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, daß Nikolai Swanidze unter psychischen Verwirrungen leidet, doch auch er hört nicht auf zu wiederholen, daß „der Stalinismus und der Faschismus beide gleichermaßen schlecht sind“. Und der Journalist der „Russkaja Gaseta“, Leonid Radzichowski, nennt Stalin nie anders als einen „Antichristen“. Was bedeutet das alles? Wir wissen sehr gut über den Antisowjetisten Radzichowski Bescheid. Man muß nicht erst Dutzende Artikel von ihm gelesen haben. Radzichowski ist für uns nichts weiter als ein zionistischer Scheißkerl…

Auch der Menschenrechtsberater des Präsidenten, Michail Fedotow, dem man seinen Antisowjetismus schon von weitem anmerkt, nennt Stalin den „Anführer einer volksfeindlichen totalitären Diktatur“. Noch im vorigen Jahr versicherte er der bürgerlichen Staatsmacht überheblich, alles zu unternehmen, um das öffentliche Bewußtsein Rußlands zu „entstalinisieren“ und von allem Sowjetischen und Kommunistischen zu reinigen. Die Liste sämtlicher Lakaien der Bourgeoisie ist lang – es ist schon ermüdend, sie alle aufzuzählen… Sie sind keine Einheit – dieses Rudel der Medinskis, Fedotows, Posnerows, Wellerows, Solonins und Michalkows, und auch alle übrigen, wie Igor Tschubajs…

Sie halten sich für die russische Elite…

Diese Leute sind nicht psychisch krank. Sie zählen sich zur Elite, zum Gehirn der Gesellschaft. Von der Sache her, sind sie – wie Lenin in einem Brief an den proletarischen Schriftsteller Gorki sagte – der ganz gewöhnliche „Kot der Nation“. Weil diese Pseudo-Intellektuellen nicht dem Volke dienen, sind sie nicht von hohen Idealen geplagt. Der Schmerz und die Leiden der Arbeiter sind ihnen fremd. Sie hassen bis zum Zähneknirschen die sowjetische Heimat, in der sie leider aufgewachsen sind, und die sie nicht zu sowjetischen Menschen gemacht hat, nicht zu Persönlichkeiten mit hohen staatsbürgerlichen Idealen herangebildet hat. Sie sorgen sich nicht um die Probleme der Arbeiter, der Bauern, der Lehrer, der Ärzte, sie reden nicht über die Lebensschwierigkeiten der Mehrheit des Volkes; während sie in ihren hohen Sesseln sitzen, sind sie nicht beunruhigt über deren menschliche Nöte…

Ein kulturloser Kulturminister

Streng genommen hat der Kulturminister Wladimir Medinski keinerlei Beziehung zur Kultur, darüber hat sich nur noch keiner geäußert. Weil kulturelles Wissen eben auch in der Kenntnis der Geschichte des Volkes, in der Kenntnis seiner Lebensweise besteht. Ja – und bevor man die Kultur im Land anheben will, muß selbst erst einmal ein kulturvoller Mensch sein, und das ist freilich nicht nur ein modischer Anzug und eine teure Importbrille.
MedinskiW.MedinskiIst Medinski ein Psychopath? Nein – ein Antikommunist.

Die Kultur einer Persönlichkeit – das ist die Kultur des Verstandes, die Kultur der Moral, die Kultur des Umgangs und des Verhaltens. Ein kulturvoller Mensch ist nicht einfach nur ein Mensch, der viel weiß. Es ist ein kluger Mensch mit einer hohen menschlichen Moral, und mit einer menschlichen Sittlichkeit. Keines dieser strukturellen Merkmale wurde bei Herrn Medinski bisher festgestellt. Und der Spitzname eines „Provokateurs“ und eines „Leichenschänders“ ist fest an ihm kleben geblieben.

So ist das verlogene bürgerliche Recht…

Doch der Menschenrechtsberater des Präsidenten, Michail Fedotow, kennt sich tatsächlich in der Rechtsphilosophie aus, die soziale Natur der Menschenrechte ist ihm bekannt, wie anders hätte er sonst verstehen können, daß in der kapitalistischen Welt die Rechte der Bourgeoisie auf der Rechtlosigkeit der Arbeiter beruhen. Wenn das Recht der als Gesetz fixierte Wille der herrschenden Klasse ist, so ist das bürgerliche Recht der Wille der Bourgeoisie, welcher in den Gesetzen verankert ist. Das bürgerliche Recht besteht aus einem System von Gesetzen, das die Interessen der besitzenden Klasse, die Interessen des Kapitals schützt. So muß man sich nicht wundern, wenn die Menschen die Tätigkeit jeglicher Ausschüsse, Komitees oder Organisationen für den Schutz der Menschenrechte, für bürgerlichen Klamauk halten. Und wenn Herr Fedotow sagt, daß „das Regime Stalins als aggressiv und verbrecherisch beurteilt werden muß, und überhaupt nicht besser ist, als das faschistische Hitlerregime“, dann beginnt der Zeigefinger davon zu träumen, wie er sich um den Abzug krümmt.

Lebendige Verbindungen zu den alten Nazis in München

Ein weiteres interessantes Exemplar in dieser Kumpanei ist auch der Philosophieprofessor am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen des Außenministeriums, Andrej Subow. Er ist sowohl Historiker, als auch theologischer Ideologe in einem Flakon. Er ist Mitglied der berüchtigten westlichen Organisation „Bund russischer Solidaristen“ (Narodno-Trudowoi Sojus – NTS) in München, die während des Krieges mit Hitler zusammenarbeitete. Es war im Redaktionskollegium der antikommunistischen Emigranten-Zeitschrift „Die Saat“. Vor ein paar Jahren versammelte er zwei Dutzend Historiker unter der Idee, daß der Staat, welcher von den Bolschewiki geschaffen wurde, „seiner Natur nach unmenschlich“ gewesen sei. Und er ist der Herausgeber einer durch und durch verlogenen zweibändigen Ausgabe der „Geschichte Rußlands. Das 20.Jahrhundert“ (Bd.1: 1894-1939 und Bd.2: 1939-2007).

Der Antisowjetismus in Rußland lebt und gedeiht

Möge den Leser das professorale Gehabe und die hohen Posten, die diese Personen in den verschiedenen Büros einnehmen, nicht in die Irre führen: Der Gott dieser Leute ist das Geld, der Sinn ihres Lebens ist der Konsum. Sie haben sich mit Leib und Seele an das Kapital verkauft. Sie fühlen sich stark in dieser Welt, und sie schützen die Interessen ihrer Auftraggeber, der Bourgeoisie, die es ihnen großzügig erlaubt, alles das zu sagen und zu schreiben, was für sie von Vorteil ist. Diese sogenannte Elite, die durch die Konterrevolution nach oben gespült wurde, ist den neuen Herren des Lebens selbstlos ergeben, infiziert von zügellosem Haß auf die sowjetische Geschichte, von herrschaftlicher Verachtung gegenüber dem noch lebenden sowjetischen Volk, seinen nationalen Helden und den Führern. Sie sind die Architekten und Antreiber der Entsowjetisierung.

Skrupellos oder vergeßlich?

Möglicherweise sind viele ihnen sich ihres bestechlichen Wesens bewußt. Möglicherweise beunruhigt sie ihr innerer Kampf zwischen dem tief in der Seele verborgenen Raubtierinstinkt, der durch den aufkommenden Kapitalismus geweckt wurde, und den Resten der sowjetischen Moral. Vielleicht versuchen sie auch gerade deshalb, ihr inneres geistiges Unbehagen, ihre geistige Schädlichkeit zu neutralisieren, indem sie sich bei der Erfüllung des sozialen Auftrag der Bourgeoisie den noch lebenden sowjetischen Menschen und ihren Nachkommen, ja sogar der Erinnerung an alles Sowjetische entziehen.

Eine erzreaktionäre „Stiftung“

Dafür wurde eben der „Rückgabe“-Fonds geschaffen. Und sein Geld bekommt er dafür, unser Land um jeden Preis ins 19.Jahrhundert zu befördern, die Städte und die Straßen zu umbenennen, und um die klangvollen Namen wie Marx und Engels, Lenin und Stalin, Dzierżyński und Kirow, Swerdlow und Shdanow, Urizki und Wolodarski, Sophie Perowskaja, Andrej Sheljabow, Stephan Chalturin aus den Straßenbezeichnungen zu entfernen. Für Medinski und seine Kumpane aus der antikommunistischen Abteilung sind sie „Henker und Mörder“. Für uns – für Millionen von Menschen – erinnern uns diese Straßennamen an das Leben bedeutender Persönlichkeiten unserer Geschichte. Für uns sind diese Menschen das Salz der Erde, die Farbe der Nation.

Weg mit der Geschichte und freie Bahn für den Konsum!

Der „Rückgabe“-Fonds arbeitet aktiv mit den gesetzgebenden Versammlungen der Regionen zusammen, um so bald wie möglich eine Gesamtumbenennung der Straßen einzuleiten, um die Vernichtung der noch vorhandenen Denkmäler der sowjetischen Helden und der Gründer des Staates vorzunehmen. Sie wollen ein für allemal die sowjetischen und kommunistischen Symbole löschen, die Lehrbücher umschreiben, die schöne sowjetische Literatur verbrennen, um die Buchläden mit westlichen Konsumgütern zu füllen und die Fernsehbildschirme einzuschlagen. Die Abgeordneten aller Farben erfüllen den Willen derer, die sie füttern…

Die Entkommunisierung des Landes ist in vollem Gange. Die an die Macht gekommene Bourgeoisie führt einen gewaltigen medialen und psychologischen Krieg um seine eigene Sicherheit, und um ihre eigne Zukunft. Dazu werden mit enormem Aufwand und kolossalen Mitteln alle Massenmedien, der Rundfunk und das Fernsehen, einschließlich moderner elektronischer Technologien eingesetzt.

Ein intellektuelles Heer von Wissenschaftlern und Schreiberlingen, die bei den neuen „Herren des Lebens“ in Diensten stehen, schreibt die Geschichtsbücher nach eigenem Gutdünken um, verzerrt die Tatsachen und Ereignisse, verdreht die Begriffe und gießt Kübel voller Schmutz über unsere Heiligtümer aus. Die Lügen und Verleumdungen in den Zeitungen und im Fernsehen nehmen kein Ende, um alles Sowjetische aus unserer geistigen Welt zu tilgen, um die Erinnerungen an unsere schöne Vergangenheit auszulöschen.

Wie soll man Putin bewerten?

Und an der Spitze dieser psychologischen Angriffe steht der Präsident Rußlands, Wladimir Putin. Am 27.Juni 2012 war die fortschrittliche Welt von einer skandalösen Erklärung erschüttert, die er in der Sitzung im Bundesrat verlauten ließ. In „Kenntnis der Dinge“, so sagte er, habe Rußland wegen des nationalen Verrats der bolschewistischen Führung den Ersten Weltkrieg verloren. Die Zeitung „Rizospastis“, das Druckorgan des ZK der Kommunistischen Partei Griechenlands, bemerkte daraufhin am 29.Juni, daß „der Präsident Rußlands, Wladimir Putin, zu einem beispiellosen antikommunistischen Angriff übergegangen“ ist.

Ja! Erneut hat dieser Mensch sein antisowjetisches Inneres entblößt. Wir erinnern uns daran, daß am 10.Februar 2011 in Moskau auf Beschluß der Gesamtrussischen Offiziersversammlung ein Militärtribunal zur Untersuchung der zerstörenden Tätigkeit W. Putins[3] stattfand und verkündete: „Die Tätigkeit von Wladimir Wladimirowitsch Putin auf dem Gebiet der Landesverteidigung ist unvereinbar mit den nationalen Interessen, sie trägt einen feindlichen Charakter und verursacht einen nicht wiedergutzumachenden Schaden für die äußere Sicherheit der Russischen Föderation“. Und kann man seine Tätigkeit in anderen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens anders bewerten? Soll man sich darüber noch wundern? So wie das Rudel ist, ist auch dessen Leittier.

Irkutsk, im Juli 2012.

Übersetzung:
Max Schmidt (Halle/S.)

Quelle: Kommunisten-online (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Anmerkungen:
[1] Die Kriegsschuld Deutschlands und die Mitschuld des deutschen Volkes
[2] Andrej Andrejewitsch Wlassow. War zunächst ein sowjetischer Offizier im Rang eines Generalleutnant. Nach seiner Gefangennahme im Großen Vaterländischen Krieg durch die faschistische Wehrmacht kollaborierte er mit den Faschisten und führte eine Truppe von Verrätern, die auf Seiten der Faschisten gegen die UdSSR kämpften. Seine Truppe nannte sich Russische Befreiungsarmee. Nach der Niederlage der Naziarmeen wurde er von den sowjetischen Truppen fest genommen. Ihm wurde Ende Juli 1946 der Prozesse gemacht. Wlassow wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Am 2. August 1946 wurde er im Taganka-Gefängnis in Moskau gehängt. (Redaktion K-online)
[3] siehe: Der politsche Mord im Auftrag der Bourgeoisie

Weitere Texte von Ljubow Pribytkowa:
Die Demontage
Der Lügenpatriot Radzichowski
Und mal wieder über Stalin
Ist Rußland ein okkupiertes Land?
Vorsicht vor den Sjuganowleuten!

Was ist eigentlich ein Kollektiv?

„Kollektiv“ – das ist so ein typisches DDR-Wort. Die Kollektivität spielte in unserem Leben, in unserem Land eine wichtige Rolle. Häufig wurde in der Zeitung oder im Fernsehen der DDR über vorbildliche Arbeitskollektive, Brigaden oder Hausgemeinschaften berichtet. Auch in der Literatur ist viel über die zwischenmenschlichen Beziehungen im Sozialismus geschrieben worden. Willi Bredel, Hermann Kant, Dieter Noll, Erwin Strittmatter (um nur einige der DDR-Schriftsteller zu nennen) haben das auf anschauliche Weise getan. Auch in alten DEFA-Filmen kann man es sehen – und da gibt es schon sehr wesentliche Unterschiede im Vergleich zur BRD…

Was ist also ein Kollektiv?

Dazu müssen wir ein wenig weiter ausholen. Bekanntlich ist die Arbeit „die erste Grundbedingung alles menschlichen Lebens“ (Marx). Nur durch die Arbeit kann der Mensch seine Umwelt verändern, und sie seinen eigenen Zwecken gemäß nutzbar machen. Das ist eine objektive Gesetzmäßigkeit. Die Arbeit ist in friedlichen Zeiten das hauptsächliche Bewährungsfeld des Menschen. In der marxistisch-leninistischen Soziologie geht man davon aus, daß die bewußte und zweckmäßige Tätigkeit des Menschen bei der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt immer ein gesellschaftlicher Prozeß ist. Ein Kollektiv ist also eine Gruppe von Personen, die durch gemeinsame Interessen, gleiche Rechte und gleiche Pflichten, und durch das Bestreben, ein gemeinsames Ziel zu erreichen, miteinander verbunden ist.
Hochofenarbeiter EKOHochöfner aus dem VEB Eisenhüttenkombinat Ost

Die Mitglieder eines Kollektivs pflegen untereinander den Austausch ihrer Ansichten und Erfahrungen, sie helfen einander und unterstützen sich gegenseitig. Sie arbeiten Hand in Hand, ohne daß einer dem anderen etwas vorenthält, was für seine Arbeit wichtig sein könnte. Die Grundlage für ein kollektives Miteinander ist das Prinzip der gegenseitigen Hilfe und kameradschaftlichen Unterstützung. Und das ist so uneingeschränkt nur unter sozialistischen Verhältnissen gültig, wo die gesellschaftlichen Interessen mit den persönlichen übereinstimmen. Ein LPG-Bauer hat es in der DDR einmal so ausgedrückt: „Bis vor kurzem sagten wir: Wenn ich fleißig bin und gut arbeite, dann wird es mir gut gehen. Heute muß man es aber anders sagen: Wenn ich fleißig bin und gut arbeite, dann wird es der Genossenschaft gut gehen. Und wenn es der Genossenschaft gut geht, dann wird es mir besser gehen als jemals zuvor.“ [1] Vom ICH zum WIR – das ist echte Kollektivität! Das ist sozialistisches Bewußtsein!

Wie gingen in der DDR die Menschen miteinander um?

Die veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen, die der Sozialismus hervorbrachte, widerspiegelten sich auch in den neuen Beziehungen zwischen den Menschen. Das sozialistische Prinzip „Der Stärkere hilft dem Schwächeren, der Fortgeschrittene dem Zurückbleibenden“ wurde für viele Bürger (und nicht nur für gewisse charitative Einrichtungen!) zu einer Selbstverständlichkeit, zur Maxime ihres Handelns. Im Denken vieler Menschen hatte sich eine wesentliche Wandlung vollzogen. Die Bürger der DDR kannten die in der BRD verbreitete Existenzunsicherheit nicht mehr. Keiner brauchte um seinen Arbeitsplatz zu bangen, niemand brauchte Angst davor zu haben, aus Altersgründen von einem Jüngeren verdrängt zu werden oder bei Krankheit und Invalidität auf sich allein gestellt zu bleiben.

Der sowjetische Pädagoge A.S.Makarenko

Auf der Basis seiner reichen pädagogischen Erfahrung bei der Kollektiverziehung jugendlicher Rechtsverletzer, und geleitet von einer konsequenten marxistischen Weltanschauung erarbeite Makarenko eine Erziehungstheorie, die in der damaligen Sowjetunion und später auch in der DDR eine wesentliche Grundlage für die erfolgreiche Erziehung zum Kollektivismus wurde. „Je größer das Kollektiv, dessen Perspektiven für den Menschen zu persönlichen, eigenen Perspektiven geworden sind, um so schöner ist der Mensch, um so höher steht er.“ [2] Mit ätzender Kritik bekämpfte Makarenko alle Überreste individualistischen Denkens in der Pädagogik. Seine Theorie beruht auf dem klassischen marxistischen Grundprinzip, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt. In den Rechtsverletzern seiner Kolonie sah er keine der Natur nach schlechten Menschen, sondern unglückliche, durch schlimme Erfahrungen asozial gewordene Wesen. Trotz vieler Rückschläge glaubte er an sie und half ihnen, zu wertvollen Persönlichkeiten zu werden. „Mein Grundprinzip“, sagte Makarenko, „war immer dies: höchste Anforderungen an den Menschen, gleichzeitig aber höchste Achtung vor ihm.“ [3] Makarenko war nicht nur ein befähigter Pädagoge, sondern auch ein talentierter Schriftsteller. Als er am 1. April 1939 starb, fanden sich Tausende von Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion ein, um an seinem Sarg die Ehrenwache zu halten. Unter ihnen viele Ingenieure, Offiziere, Pädagogen, Ärzte und Studenten. Sie alle hatten in ihm einen Vater verloren.

Entwicklungsprobleme

Die Herausbildung sozialistischen Lebens- und Verhaltensweisen in einem Kollektiv ist ein langwieriger und komplizierter Prozeß. Die neuen sozialistischen Umgangsformen entstehen nicht von allein im Selbstlauf. Sie befinden sich oft im hartnäckigen Widerstreit mit alten Lebensgewohnheiten, wie sie im Kapitalismus üblich sind. Und dieses egoistische Denken und Verhalten ist tief im Menschen verwurzelt. Neid, Unehrlichkeit, Trickserei, Habgier, Arroganz und die Vernachlässigung gesellschaftlicher Pflichten können nur durch gegenseitige Hilfe, durch Erziehung und Selbsterziehung der Werktätigen überwunden werden. Überall dort, wo ein fortschrittliches soziales Klima herrscht, in den Betrieben und Wohngebieten, wo die Menschen ehrlich und fair miteinander umgehen, verändern sich auch die sozialen Beziehungen zum Positiven, und die Übel der Vergangenheit gehen allmählich verloren. Obwohl überall in der DDR sozialistische Produktionsverhältnisse geschaffen worden waren, stellte bis zum 13. August 1961 die offene Grenze zur BRD ein ernstes Hindernis für die Herausbildung sozialistischer Denk- und Verhaltensweisen dar. Gleichzeitig begannen sich nach dem verräterischen XX.Parteitag der KPdSU allmählich auch in der DDR sozialismusfeindliche Ansichten und Praktiken durchzusetzen, so daß vieles von dem, was sich in deren Gründerjahren nach 1949 an progressiven sozialistischen Verhaltensweisen entwickelt hatte, wieder abhanden kam.

Vergleiche zwischen der DDR und der BRD

Liest man heute Lebensbiographien, oder sieht sich Filme aus der DDR an und vergleicht diese mit zeitgleichen Produktionen aus der BRD, so wird einem (bei aller Nostalgie) doch eines deutlich: die DDR war dem westdeutschen Nachbarland um eine ganze Menschheitsepoche voraus. Nehmen wir beispielsweise den für die BRD typischen Film von Rainer Werner Fassbinder „Angst essen Seele auf“(1974) und stellen ihn einem beliebigen, etwa zur gleichen Zeit entstandenen DDR-Film gegenüber, so wird ersichtlich, was damit gemeint ist. Eine Filmserie wie „Polizeiruf 110“ zeigt sehr deutlich, wie grundverschieden voneinander nicht nur die Umgangsformen, sondern auch die Lebensweisen der Menschen beider Länder waren. Und ebenso unterschiedlich sind auch die Begriffe. Das hängt damit zusammen, daß sich in der kapitalistischen Gesellschaft die Produktionsmitteln in Privathand befinden. Soziale Konflikte sind somit vorprogrammiert, und diese Konflikte beschränken sich keineswegs nur auf den Bereich der materiellen Produktion. Sie haben negative Auswirkungen auch auf das gesamte gesellschaftliche Leben bis hin in den familiären Bereich. Echte Kollektivität ist in der BRD kaum zu finden. Selbst im Sport, wo man heute von „Teamfähigkeit“ spricht, die eigentlich Voraussetzung für Mannschaftserfolge ist, gibt es sie nur selten. Zwar gibt es in bestimmten Bereichen durchaus einen gewissen Konsens, doch im Großen und Ganzen kennzeichnen Berechnung, Egoismus und Konkurrenzdenken das Handeln der Menschen. Mobbing und das oft unvermeidliche Burn-Out-Syndrom sind heute keine Seltenheit. Nicht zuletzt ist darin auch eine Ursache zu sehen für die erschreckend hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen in der BRD.[4]

Quelle:
[1] Vor der Zahl steht der Mensch. In: Neues Deutschland ( B ), 19. Januar 1961.
[2] A.S. Makarenko, Werke Bd.I, Moskau, 1951, S.229 (russ.)
[3] ebd. Bd.V, S.236/237
[4] Immer mehr Jugendliche begehen Selbstmord, in: Focus, 05.11.2010
Foto: ZB/Schneider, in: Seht welche Kraft!, Dietz Verlag Berlin, 1977, S.177.

Siehe auch:
Gerhard Claus. Sportliches Wandern

Die Menschlichkeit

Hände

Helmut Preißler

DIE MENSCHLICHKEIT
hat nur Gewicht,
wenn sie die Macht
der Unmenschen bricht.

Jahrtausende Hohngelächter,
in dem Märtyrer verdarben.
Und immer die Salven der Schlächter,
in denen die Duldenden starben,

und immer die Härte, die leicht
das Wehrlose, Weiche zerstört,
die Demut, die nichts erreicht,
die Bitten, die keiner erhört,

und immer ein Unten und Oben,
und die Untren gekrümmt im Leid,
und immer loben die Obren
der Getretenen Friedfertigkeit,

und sie raten: Die andere Wange
halt hin, wenn dich einer geschlagen!
Und sie nehmen die in die Zange,
die verzweifelt den Widerstand wagen.

Bei jedem Volkserheben
hört man Erbarmen! sie Schrein.
Die niemals Pardon gegeben,
mahnen nun, milde zu sein.

Und so wird das Menschlichsein
zur Krücke für Unmenschlichkeit,
und so wird mildes Verzeihn
zur Quelle für neues Leid,

Die Menschlichkeit
hat nur Gewicht,
wenn sie die Macht
der Unmenschen bricht.

Quelle:
Helmut Preißler: Erträumte Ufer, Gedichte, Verlag Neues Leben Berlin, 1979, S.33.
Foto: Wolfgang Gregor (ebd.)

Das Potsdamer Abkommen von 1945

CecilienhofDie historische Gedenkstätte Cecilienhof bei Potsdam

Man muß die Geschichte kennen, wenn man verstehen will, wie die heutigen Grenzen in Europa zustande kamen und warum das Potsdamer Abkommen ein entscheidender Schritt in Richtung auf eine friedliche Entwicklung in Europa war. Dieses Abkommen hat nach wie vor seine Gültigkeit, auch wenn seitdem mehr als 65 Jahre vergangen sind, und auch wenn die sogenannten Vertriebenverbände und andere reaktionäre Kräfte in der BRD dies anders sehen. Mit dem heimtückischen Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion im Jahre 1941 begann das vorerst letzte und grauenhafteste Kapitel großdeutscher Raubzüge, in deren Folge 50 Millionen Tote, 35 Millionen Versehrte und 935 Milliarden Kriegskosten zu verzeichnen waren. Dabei hatte die Sowjetunion die Hauptlast dieses verbrecherischen Krieges zu tragen. Doch kaum war das faschistische Deutschland besiegt, machten sich die imperialistischen Mächte erneut Hoffnungen auf eine Inbesitznahme fremder Reichtümer. Was der faschistischen Wehrmacht mit dem Krieg nicht gelang, wurde 45 Jahre später dann auf „friedlichem“ Wege vollzogen: die Beseitigung des Sozialismus und die Wieder-errichtung imperialistischer Machtverhältnisse in Europa. Um so notwendiger und dringender ist es heute, die grundlegenden Beschlüsse von Potsdam im Bewußtsein der europäischen Völker lebendig zu erhalten, um mit der Überwindung imperialistischer Machtverhältnisse endlich, und ein für alle Mal die Wurzeln imperialistischen Großmachtstrebens beseitigen zu können und um jegliche Ausbeutung und Unterdrückung fremder Völker zu verhindern. Der deutsche Kommunist und DDR-Diplomat Gerhard Kegel schrieb dazu folgendes:

Als die Konferenz von Potsdam abgeschlossen wurde, hatten sich die ärgsten Rauchschwaden des zweiten Weltkrieges und der Staub der in Trümmer gelegten Städte und Dörfer schon etwas verzogen. Europa begann allmählich wieder überschaubar zu werden. Die Landkarte unseres Kontinents bot sich gründlich verändert dar. Die Staatenkarte Europas, so wie sie sich nach dem ersten Weltkrieg stabilisiert zu haben schien, hatte kaum 18 Jahre Bestand gehabt.

Die nazistische „Neuordnung Europas“

Dann wurde der auf Österreich reduzierte Restbestand des einstigen Habsburger Weltreiches von Hitlerdeutschland vereinnahmt. Die Regierungen Großbritanniens, Frankreichs und des faschistischen Italiens erzwangen in Komplizenschaft mit Hitler und mit Hilfe ihres Münchener Diktats die Kapitulation der bürgerlichen Tschechoslowakischen Republik und die Übergabe der Sudetengebiete an Nazideutschland. Wenig später wurde vom imperialistischen Deutschland nazistischer Prägung die Tschechoslowakische Republik gänzlich ausgelöscht. Aus den tschechischen Kernländern wurde das nazideutsche Protektorat Böhmen-Mähren. Die Slowakei wurde unter faschistischer Regierung ein nazideutscher Satellitenstaat. Und auch das halbfaschistische bourgeoise Polen mit seinem Obristenregime, dessen Regierung sich damals mit Hitlerdeutschland befreundet, wenn nicht gar in gewissem Maße verbündet wähnte, konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich mit der Annexion tschechoslowakischer Gebiete, die sich vor allem durch gute Vorkommen von Kokskohle und durch eine beachtliche Eisen- und Stahlproduktion auszeichneten, an der Leichenfledderei und an der Veränderung der europäischen Landkarte zu beteiligen. Auch Ungarn, das 1920 im Frieden von Trianon auf etwa ein Drittel seines früheren Umfangs verkleinert worden war, riß sich aus der Konkursmasse der zerstückelten bürgerlichen Tschechoslowakei einige überwiegend von Magyaren besiedelte Gebiete und darüber hinaus einen Teil der sogenannten Karpato-Ukraine unter den Nagel.

Angriffspläne der Nazis auf die Sowjetunion

Im Zuge dieser beginnenden „Neuordnung Europas“, die zunächst ganz nach den Vorstellungen der deutschen Imperialisten verlief, geriet auch die Landkarte Südosteuropas in Bewegung. Albanien wurde vom faschistischen Italien annektiert und verschwand – als selbständiger Staat – ebenfalls vorübergehend von der europäischen Landkarte. Nach dieser „Neuordnung“ in Mitteleuropa und im Südosten Europas im Sinne des deutschen Imperialismus richtete sich dessen Expansion mehr und mehr direkt gen Osten und vor allem auch nach Nordosten. Damit sollte das Vorfeld des geplanten Hauptstoßes gegen die Sowjetunion angriffsgünstig abgerundet werden. Die Annexion des Memelgebietes und die sonstigen Aktivitäten des deutschen Imperialismus in den bürgerlichen baltischen Republiken Litauen, Lettland und Estland, die in dem von Rußland gewaltsam abgetrennten Baltikum als Pufferstaaten und nordöstliche Flanke des Cordon sanitaire gegen die Sowjetunion gebildet worden waren, ließen keinen Zweifel mehr daran, daß Nazideutschland von hier aus eine Zange gegen Moskau anzusetzen gedachte. Für den südlichen Teil der Zange sollte das ebenfalls nach dem ersten Weltkrieg von Rußland abgetrennte Bessarabien, das Rumänien zugeschlagen worden war, benutzt werden. Das bourgeoise und halbfaschistische Rumänien entwickelte sich zugleich mehr und mehr zu einem willigen Helfershelfer Hitlerdeutschlands.

Die Verzögerungstaktik der Westmächte

Die von England und Frankreich geführten Verhandlungen mit der Sowjetunion, welche zum Ziel haben sollten, der weiteren Expansion Hitlerdeutschlands Einhalt zu gebieten und allen weiteren, von Hitlerdeutschland überfallenen Staaten wirksamen Beistand zu sichern, wurden – wie bereits dargelegt – von den imperialistischen Westmächten endlos verschleppt und offensichtlich unernst geführt. Es war unverkennbar, England und Frankreich strebten nur solche Vereinbarungen an, die alle Lasten eventueller militärischer Hilfsaktionen der Sowjetunion aufbürdeten, die beiden Westmächte aber in keiner Weise verpflichteten. Das heißt, diese Verhandlungen und Vereinbarungen sollten den Aggressor ermuntern, seine Expansion gegen Osten zu richten.

Der Nichtangriffsvertrag

Nachdem diese Absicht der imperialistischen Westmächte erkannt war, mußte die Sowjetunion versuchen, ihre eigenen Sicherheitsinteressen zu wahren. Zeit für die nötige militärische Stärkung zu gewinnen und gleichzeitig möglichst günstige Positionen für die Verteidigung gegen den zu erwartenden militärischen Angriff des deutschen Imperialismus aufzubauen. Zugleich mußten die gefährlichen Machenschaften der imperialistischen Westmächte, welche die Ostexpansion Hitlerdeutschlands begünstigten, durchkreuzt werden. So nahm schließlich die Sowjetunion gezwungenermaßen das Angebot der Berliner Regierung an, einen Nichtangriffsvertrag abzuschließen. Für die Sowjetunion war dabei wichtig, daß in diesem Zusammenhang auch jene für die Sowjetunion lebenswichtigen Interessensphären abgegrenzt worden waren, die vom deutschen Imperialismus unter gar keinen Umständen angetastet werden durften.

Der Überfall der Naziwehrmacht auf Polen

Nachdem das bourgeoise Polen am 1. September 1939 von Hitlerdeutschland heimtückisch überfallen und innerhalb von etwa 14 Tagen militärisch geschlagen worden war, besetzte die Sowjetunion mit der Wiedererrichtung der sogenannten Curzon-Linie jene Teile Belorußlands und der Ukraine, die nach dem ersten Weltkrieg entgegen internationalen Festlegungen von Pilsudski-Polen widerrechtlich annektiert worden waren. Die große Mehrheit der Bevölkerung dieser Gebiete, die der Belorussischen und Ukrainischen SSR angegliedert wurden, bestand aus Belorussen und aus Ukrainern. Die polnische Bevölkerung stellte dort nur eine Minderheit dar. Wünius, die alte litauische Hauptstadt, die von Pilsudski-Polen ebenfalls militärisch überfallen und okkupiert worden war, wurde an Litauen zurückgegeben.

Litauen, Lettland und Estland im Kreuzfeuer des Krieges

Infolge der großen strategischen Bedeutung der Ostseegebiete für die Sicherheit der UdSSR schlug die Sowjetregierung im Herbst 1939 den Regierungen Litauens, Lettlands und Estlands vor, Verträge über gegenseitige Hilfe abzuschließen. In diesen Verträgen, die im September und Oktober 1939 abgeschlossen wurden, erhielt die Sowjetunion das Recht, auf den Territorien dieser Ostseeländer Truppen zu unterhalten und in bestimmten Gebieten Land-, See- und Luftstützpunkte zu errichten. Die bürgerlichen Regierungen dieser drei Staaten versuchten jedoch, die Durchführung der Verträge zu sabotieren. Unter Bruch der eingegangenen Verpflichtungen beteiligten sie sich an antisowjetischen Machenschaften, wobei sie auch vor einer konspirativen Zusammenarbeit mit Nazideutschland nicht zurückschreckten und dadurch dessen Expansionspolitik unterstützten. Die antisowjetischen Intrigen in den baltischen Staaten riefen eine ernste Gefahr für die Völker dieser Länder hervor. Die baltischen Länder konnten von ihren reaktionären Regierungen jeden Augenblick Nazideutschland preisgegeben und in ein für sie tödliches imperialistisches Abenteuer hineingezogen werden.

Eine breite antifaschistische Volksfront

Angesichts dieser ernsten Bedrohung entstand in allen drei baltischen Staaten im Juni 1940 eine breite antifaschistische Volksfront. Eine revolutionäre Situation reifte heran, in deren Entwicklung die reaktionären Regierungen umgebildet werden mußten. In demokratischen Wahlen, die im Juli 1940 stattfanden, erhielten dann in allen drei baltischen Staaten die Interessenvertreter des werktätigen Volkes überwiegende Mehrheiten. Die neugewählten Parlamente riefen die Sowjetmacht aus. Sie wandten sich an den Obersten Sowjet der UdSSR mit der Bitte, die baltischen Staaten wieder in die Familie der Völker der Sowjetunion aufzunehmen. Die VII. Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR erfüllte diese Bitte. Estland, Lettland und Litauen wurden wieder gleichberechtigte Sowjetrepubliken, was sie von 1918 bis 1919 bereits gewesen waren, bevor dort die Sowjetmacht von den imperialistischen Westmächten, die sich deutscher Truppen und sogenannter Freikorps sowie russischer Weißgardisten bedienten, liquidiert worden waren.

Eine friedliche Lösung auch in Moldawien

Ende Juni 1940 gelang es der Regierung der Sowjetunion, die Frage der Rückgabe Bessarabiens auf friedlichem Wege zu lösen. Bessarabien war 1918 gewaltsam von Rußland abgetrennt worden, wobei sich die bürgerlich-feudale rumänische Monarchie auf die imperialistischen Westmächte gestützt hatte. An der südwestlichen Flanke der Sowjetunion wurde jetzt aus der bisherigen Autonomen Sozialistischen Republik Moldawa, die zur Ukrainischen Sowjetrepublik gehört hatte, und den Gebieten Bessarabiens und der Nordbukowina mit vorwiegend moldawischer Bevölkerung die Sozialistische Sowjetrepublik Moldawa gegründet.

Die Nazis entwarfen eine neue Karte Europas

Im Westen hatten es die deutschen Imperialisten nicht so eilig, ihre Annexionsabsichten durchzuführen und vollendete Tatsachen zu schaffen. Das sollte erst nach dem „Endsieg“ und dann natürlich gründlich geschehen. Die eroberten westeuropäischen und nordwesteuropäischen Staaten und Gebiete behielten zunächst noch formal – als vorübergehende Lösung – den Charakter zeitweilig militärisch besetzter Gebiete. Aber die nazistisch-imperialistischen Neuordner Europas entwarfen inzwischen mit ebensolcher Brutalität wie Großzügigkeit – wenn auch vorerst noch auf dem Reißbrett – die neue Karte Europas, das nicht mehr und nicht weniger als ein nazideutscher Kontinent werden sollte. Dieses Großdeutsche Reich sollte von einer Reihe halbautonomer Satelliten-Randstaaten im Westen, Süden, Norden und Osten umgeben sein. Ihnen wurden – wenn auch territorial erheblich verkleinert – gewisse Überlebenschancen zugebilligt, falls sie sich der Führung Nazideutschlands, seiner SS und seiner Herrenrasse völlig unterwerfen würden.

Die Eroberungsraubzüge der Nazis im Osten Europas

Während im Westen die Änderungen der Landkarte vorerst im wesentlichen auf größenwahnsinnige Pläne der deutschen Imperialisten beschränkt blieben, deren Realisierung bis zum „Endsieg“ zurückgestellt wurde, legte sich die nazideutsche Führung im Osten Europas keinen Zwang an. Hier wurden auch schon formalrechtlich große Gebiete fremder Länder dem Deutschen Reich angegliedert. Die Bevölkerung Polens wurde systematisch dezimiert, ein Teil physisch vernichtet, ein anderer Teil vertrieben oder als Arbeitssklaven in das sogenannte Altreich verschleppt. In ganz Polen, insbesondere auch im sogenannten Generalgouvernement, wurden zunächst einmal die Angehörigen der Intelligenz systematisch physisch vernichtet, um – das war die Vorstellungswelt der deutschen Imperialisten – dem polnischen Volk für einen langen historischen Zeitraum die Möglichkeit zu nehmen, wieder hochzukommen.

Eine geheime Weisung der SS

In einem geheimen Bericht, den der SS-Obergruppenführer Müller am 31. Oktober 1942 an seinen Chef Himmler richtete, wird dargelegt, daß am 4. Oktober 1942 in Krakau (Kraków), dem Sitz des Generalgouverneurs, eine zentrale Weisung über die Vertreibung der Polen ausgegeben wurde. Himmler wurde um seine Zustimmung zur Durchführung des folgenden Planes zum Beispiel in der polnischen Stadt Lublin ersucht:

„1. die polnischen Familien der Wertungsgruppen I und II werden ausgesondert und nach Litzmannstadt (das polnische Łódź – d. Verf.) zur Eindeutschung bzw. Feinmusterung gebracht;
2. von den Wertungsgruppen III und IV werden die Kinder zusammen mit den über 60 Jahre alten Polen ausgesondert … und mit arbeitsunfähigen, kranken und gebrechlichen Polen unter 60 Jahren in „Rentendörfer“ überstellt.
3. Ähnliche Maßnahmen wurden bisher bereits im Warthegau im Rahmen der Örtlichen Verdrängung von Polen durch Schaffung von Polen-Reservaten erfolgreich durchgeführt.
4. Die 14 bis 60 Jahre alten arbeitsfähigen Angehörigen der Wertungsgruppe III werden ohne arbeitsunfähigen Anhang zum Arbeitseinsatz in das Reich vermittelt. (Es folgt ein Hinweis, daß sie die im Reich beschäftigten Juden ersetzen sollten, da diese zur Vernichtung vorgesehen sind – d. Verf.)
5. Die Angehörigen der Wertungsgruppe IV im Alter von 14 bis 60 Jahren werden in das Konzentrationslager Auschwitz abbefördert.“
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Die geplante Ermordung in Auschwitz

Soweit der Text des Berichts. Er enthält ein komplettes Programm der physischen Vernichtung der polnischen Nation durch „Eindeutschung“ des hierfür geeignet erscheinenden Bevölkerungsteils, durch physische Vernichtung der gesamten nichtarbeitsfähigen polnischen Bevölkerung einschließlich der Kinder und durch Deportation der im arbeitsfähigen Alter stehenden Restbevölkerung ins „Altreich“, um dort ihre Arbeitskraft bis zur völligen Erschöpfung im Interesse der deutschen Kriegführung noch ausnutzen zu können. Dabei ist der Begriff „Rentendörfer“ als verlogene Umschreibung für Vernichtung durch Aushungerung und Seuchen zu verstehen. Die Versendung nach Auschwitz, die alle Angehörigen der Wertungsgruppe IV im Alter von 14 bis 60 Jahren umfassen sollte, war ohnehin gleichbedeutend mit der Anordnung ihrer unverzüglichen Ermordung in den Gaskammern. Dieser Bericht wurde offensichtlich von der Berliner Zentrale gebilligt. Das beweist der brutale Vernichtungsfeldzug, der in Lublin und in anderen polnischen Gebieten gegen das polnische Volk begann. Die Durchführung dieses teuflischen Planes wurde nur deshalb verlangsamt und später unterbrochen, weil durch die inzwischen eingetretenen Niederlagen an der Ostfront, die zur Verdrängung der Polen erwarteten „deutschen Siedler“ nur noch sehr spärlich eintrafen und weil später die siegreichen Sowjetarmeen Polen und das polnische Volk vor der Auslöschung bewahrten.

Die entsetzliche Bilanz der Nazis in Polen

Insgesamt gesehen ergab die hitlerdeutsche „Neuordnung Europas“ für Polen folgende Bilanz: Polen wurde als selbständiger Staat vernichtet. Die Hauptstadt Polens, Warschau, wurde zu 93 Prozent zerstört. 84 Prozent der polnischen Eisenbahnanlagen wurden vernichtet, die polnische Industrie und Landwirtschaft, besonders in der Zeit des Rückzugs, wurde in einem Umfang zerstört, daß ein Gesamtschaden von fast 130 Milliarden Mark (in Vorkriegskaufkraft) entstand. Fast 6 Millionen polnischer Bürger wurden außerhalb jeder Kampfhandlung ermordet, darunter Zehntausende Kinder. 5 Millionen polnische Kinder wurden elternlos. Besonders empfindlich waren die Verluste der polnischen Intelligenz. Die Zahl der in deutschen Konzentrationslagern vorsätzlich ermordeten Lehrer beträgt 5.000. Die Zahl der ermordeten Geistlichen 3.500, der ermordeten Professoren 700. Hinzu kommen Hunderte Künstler und viele andere Geistesschaffende. Der Lehrkörper der Krakauer Universität wurde fast ausnahmslos in das Konzentrationslager Auschwitz und in andere Konzentrationslager verschleppt. Unter den verschleppten Wissenschaftlern befanden sich nicht wenige Gelehrte von Weltrang.

Die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion

In den vorübergehend von den hitlerdeutschen Armeen okkupierten Gebieten der Sowjetunion einschließlich der baltischen Sowjetrepubliken gingen die deutschen Imperialisten nicht minder grausam vor. Etwa 20 Millionen Menschenleben und unerhörte materielle und kulturelle Werte wurden vernichtet. Die deutschen Imperialisten hatten in Fortsetzung ihrer Eroberungspläne aus dem ersten Weltkrieg die Absicht, sich die Ukraine und das ölreiche Gebiet des Kaukasus anzugliedern, die baltischen Sowjetrepubliken zu nazideutschen Provinzen zu machen und das restliche europäische Rußland bis zum Ural in ein nazideutsches Protektorat umzuwandeln. Dabei wurden die Pläne in der ersten Phase des Vormarsches der nazideutschen Aggressoren immer maßloser und abenteuerlicher. Ursprünglich, vor Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion, schien die Vorstellung vorherrschend zu sein, es solle zum Beispiel aus der Ukrainischen Sowjetrepublik ein formal selbständiger, aber von Nazideutschland abhängiger Satellitenstaat gemacht werden, damit für die Eroberung und Verwaltung der Ukraine auch die Verräter des ukrainischen Volkes, nationalistische Emigranten usw., eingesetzt werden können. Nach der Besetzung der Ukraine genügte das den deutschen Imperialisten schon nicht mehr. Die nationalistischen Emigranten, ukrainischen Bandenführer und Politiker, die man zunächst ins Land geholt hatte, die aber dann für den Geschmack des deutschen Imperialismus zuviel eigene Politik machen wollten, wurden wieder abgeschoben. Nationalistische ukrainische Gruppen innerhalb des besetzten Gebietes wurden verfolgt und manchmal physisch liquidiert. Hitlers Vorstellung war, den Herrschaftsbereich des imperialistischen Deutschlands nicht mehr und nicht weniger als bis zum Ural auszudehnen.

Die Grenzen in Europa sind unantastbar!

Als nach Stalingrad sichtbar wurde, daß Hitlerdeutschland und seine Komplizen diesen Krieg verlieren würden, befaßten sich zuerst die Westmächte in Separatverhandlungen mit der Aufteilung des Deutschen Reiches.
KaufmannplanTrumanplan
Nach langem Ringen mit der Sowjetunion wurden schließlich die Grenzen festgelegt und die Oder-Neiße-Grenze für endgültig erklärt.

Quelle:
Gerhard Kegel: Ein Vierteljahrhundert danach – Das Potsdamer Abkommen und was daraus geworden ist, Staatsverlag der DDR, Berlin, 1970, S.40-49. Karten: ebd. S.51 und 55.
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Ein historischer Rückblick: Wie und warum wurde Deutschland gespalten?

Karl Marx in Karlsbad

Denkmal Karlovy VaryDas Karl-Marx-Denkmal in Karlovy Vary

Karl Marx war ohne jeden Zweifel einer der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit, und seine Lehre ist auch heute noch äußerst aktuell und bleibt für alle Zeiten gültig. Lenin schrieb über Karl Marx, er sei der Fortführer und geniale Vollender der drei geistigen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts in den drei fortgeschrittensten Ländern der Menschheit gewesen. Marx verband die klassische deutsche Philosophie mit der englischen politischen Ökonomie und dem französischen Sozialismus zu einer einheitlichen Wissenschaft. „Die selbst von Marx’ Gegnern anerkannte bewundernswürdige Folgerichtigkeit und Geschlossenheit seiner Anschauungen,“ schrieb Lenin, „die in ihrer Gesamtheit den modernen Materialismus und den modernen wissenschaftlichen Sozialismus als Theorie und Programm der Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern der Welt ergeben, veranlassen uns, der Darlegung des Hauptinhalts des Marxismus, der ökonomischen Lehre von Marx, einen kurzen Abriß seiner Weltanschauung überhaupt vorauszuschicken.“ – Das kann man alles nachlesen bei Lenin, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels in genialer Weise weiterentwickelte und auf die Bedingungen Rußlands und später der Sowjetunion anwendete. [1] Kurz und treffend fügte Stalin dem hinzu: „Ist es nicht klar, daß revolutionäre Losungen und Resolutionen keinen Pfifferling wert sind, wenn sie nicht durch die Tat bekräftigt werden?“ [2]

Die angestrengte Tätigkeit in der Kommunistischen Internationale und die noch angestrengteren theoretischen Studien untergruben Marx’ Gesundheit. Er setzte die Neubearbeitung der politischen Ökonomie und die Fertigstellung des „Kapitals“ fort, sammelte zu dem Zweck eine Menge neuer Materialien und studierte mehrere Sprachen, doch seine Krankheit hinderte ihn, „Das Kapital“ zu vollenden. Überdies sah sich Marx den ständigen Verfolgungen und Repressalien durch Polizei und Justizbehörden ausgesetzt. Er wurde 1849 aus Deutschland ausgewiesen. Die Bedingungen des Emigrantenlebens waren äußerst schwer, so daß Karl Marx ständig unter finanziellen Sorgen litt, die ohne die aufopfernde Unterstützung seines Freundes Friedrich Engels nicht zu überwinden gewesen wären. Als es endlich gelang, für Karl Marx einen Kuraufenthalt in Karlsbad zu ermöglichen, war seine Gesundheit schon sehr angegriffen. Der tschechische Schriftsteller Egon Erwin Kisch schrieb über diesen Kuraufenthalt folgendes:

In Karlsbad herrscht Hochbetrieb. Was nicht in Baden-Baden ist, hat hier zur Stelle zu sein. Die wundertätigen heißen Wässer spielen eine Nebenrolle. Weit wichtigere Gründe verpflichten dazu, die Saison hier zu verbringen. Könige, die für ein paar Wochen vom Hof befreit sein wollen, kommen hierher, um den Hof versammelt zu finden. Wer vorgibt oder erstrebt »dazuzugehören«, ist hier zur Stelle, Fürsten, Minister, Adelige, Hoflieferanten, Kammersänger, Ordensjäger, Glücksritter, Spione und Kokotten. Jedermann will Verbindungen anknüpfen oder noble Bekanntschaften, will von sich reden machen, in der Zeitung stehen oder sonstwie wichtig erscheinen.
KarlovyVaryDer weltbekannte Böhmische Kurort Karlsbad

Jedermann? Nicht jedermann. Der, von dem wir hier sprechen werden, will just das Gegenteil. Seinen ersten Kuraufenthalt begann er damit, sich möglichst zu tarnen. Er hat sich als Charles Marx, Privatier aus London, angemeldet, obwohl oder weil ihn die Welt als Karl Marx aus Deutschland kennt, als das Gegenteil eines Privatiers. Der Versuch kommt ihm teuer zu stehen: Laut Vorschrift haben Privatiers eine doppelt so hohe Kurtaxe zu entrichten wie Angehörige anderer Berufe, Dabei fällt es dem Privatier Charles Marx wohl weitaus schwerer, die Kurtaxe zu bezahlen, als anderen Badegästen.

Marx war es ohnehin nicht leicht geworden, hierherzukommen. Bereits viereinhalb Jahre vorher hat sich sein Arzt, Dr. Eduard Gumpert in Manchester, äußerst besorgt über seinen Gesundheitszustand gezeigt. Zuerst hatte er dem schwierigen Patienten – Marx pflegte sein Leben lang Tag und Nacht zu arbeiten – nur die Arbeitszeit beschränkt und ihm den englischen Kurort Harrogate empfohlen. Aber der Aufenthalt dort half nichts, und so verordnete Dr. Gumpert dem Patienten Karlsbad.

Friedrich Engels, mit dem Marx die klassische Freundschaft des modernen Geisteslebens verbindet, beschwört ihn schon am 6. Juli 1870, die Reise nach Karlsbad zu unternehmen, und bietet ihm vierzig Pfund Sterling zur Deckung der Reisespesen an. Die Kur sei unbedingt nötig, »selbst wenn Du dem Kugelmann und seiner Gluthitze dabei nicht ganz entgehst«. Engels rät ihm also, sich über eine Unannehmlichkeit hinwegzusetzen, für die noch gar kein Anhaltspunkt besteht: Dr. Ludwig Kugelmann ist ein leidenschaftlicher Anhänger von Marx. Erst vier Jahre später, kaum daß Marx den Boden Karlsbads betritt, wird der von Engels vorausgesagte Zusammenstoß erfolgen.

Engels redet mit Engelszungen, um dem Freund die Karlsbader Quellen schmackhaft zu machen. Er berichtet von seinem Geschäftskollegen Charles Roesgen, einem ehemaligen Kurgast von Karlsbad, den er interpelliert habe. Es sei nicht teuer dort, weil die Beachtung der Badevorschriften gar keine Gelegenheit lasse, Geld auszugeben. Die Kur habe Roesgen »für seine Leber (die gegen die Deinige kerngesund ist) sehr gut getan, er sieht zwar etwas magerer, aber viel gesunder aus«. Auch mit Gesellschaft versucht Engels den Freund in die böhmischen Wälder zu locken. Außer Kugelmann würden sich wohl noch andere interessante Leberkranke finden. Mit der Badereise könne Marx den längst notwendigen Abstecher zu Otto Meißner, dem Verleger des »Kapitals«, verbinden – als ob Hamburg gleich neben Karlsbad läge. »Also entschließ Dich kurz und spring mit geschlossenen Augen in den Karlsbader Sprudel und die gleichwarme Bewunderung Kugelmanns.«

Vier Jahre – Jahre, in denen sich Marx‘ Zustand ständig verschlimmert – dauert es, bis Marx den ihm angeratenen »kurzen Entschluß« faßt. Daß der so Kranke nicht sogleich in das ihm als einzige Rettung empfohlene Karlsbad fahren kann, daran sind schuld: erstens seine wissenschaftliche Arbeit, vor allem die für die französische Ausgabe zu besorgende Umarbeitung des »Kapital«; zweitens die Befürchtung, daß ihm die Polizei das Reiseziel verschließen könnte, nachdem er das Reisegeld schon ausgegeben; diese Befürchtung ist in der Weltlage begründet. Die Pariser Kommune, das Attentat auf Bismarck – in allem wittert die Polizei die Hand der Internationalen Arbeiter-Assoziation oder behauptet, sie zu wittern. Marx charakterisiert die Hetze: »…es herrscht offenbar in Europa allgemeines Bestreben, die Internationale wieder forchterlich zu machen.« Bei einem Prozeß in Wien wird als erschwerendes Moment gegen einen Angeschuldigten gewertet, daß er eine Photographie von Karl Marx nach London gesandt habe.

Die dritte Schwierigkeit – und wahrscheinlich nicht die kleinste – ist der Geldmangel. Kaum jemals ist ein Mann von solcher öffentlichen Wirkung, von solchem Einfluß auf die Ereignisse der Welt derart von Not verfolgt gewesen wie Karl Marx. Er, den die Mächtigen Europas für sich zu gewinnen versuchen oder vernichten wollen, er, auf den die Arbeiter und alle fortschrittlichen Geister wie auf einen Messias blicken – er leidet qualvolle Not. Qualvolle Not sein Leben lang. Obwohl sich Engels dem »hündischen Kommerz« ergibt, um Marx einigermaßen über Wasser zu halten, kann er die Schicksalsschläge nicht abwehren, die der mangelnde Mammon dem Freund versetzt. Um heute die Hausmiete zu bezahlen, morgen die Steuer, übermorgen den Milchmann und den Arzt, das Schulgeld für die Kinder, einen Sarg für den Enkel, muß Marx seinen Anzug, ein Kleid seiner Frau, die Schuhe der Kinder und der treuen Hausgenossin Lenchen Demuth ins Versatzamt tragen. Klagen drohen und Exmittierungsbefehle, Gas und Wasser werden ihm gesperrt, er hat kein Papier, um am »Kapital« weiterzuschreiben.

Als es jedoch heißt, seine schwererkrankte Tochter nach Karlsbad zu begleiten, können ihn weder Polizeischrecken noch Geldmangel an dieser Fahrt hindern. Unabhängig von Dr.Gumpert in Manchester, der Marx die Karlsbader Kur verordnete, hat ein anderer, ein schottischer Arzt aus Harrogate mit dem »wohlriechenden Namen« Dr.Myrtle, der Marx-Tocher Tussy recte Eleanor die Karlsbader Kur empfohlen. Ihre Leiden sind von ganz anderer Art als die des Vaters und die Kurmethode ebenfalls, aber beiden kann nur Karlsbad helfen. Zum Quartiermacher in Karlsbad wird Kugelmann ausersehen, der dort Stammgast ist. An ihn ergeht die Ankündigung der Abreise aus England und der voraussichtlichen Ankunft am bestimmten Ort. Weder der Absender noch der Empfänger ahnen, daß dieses Briefchen das letzte einer Korrespondenz sein wird, die zwölf Jahre gewährt hat.

10. August 1874
Lieber Kugelmann, Ich kann nicht von hier abreisen vor dem 15. August (Sonnabend) und werde wohl 4 Tage bis zum Bestimmungsort brauchen, da ich Tussy nicht zu viel anstrengen darf. Salut Dein K.M.

Wir haben die vergilbten Karlsbader Kurlisten von 1874 eingesehen. Die Ausgabe Nr. 220 beginnt mit dem Namen Marx, aber es ist nur ein Namensvetter des Unsrigen. (Der Unsrige wird sich später darüber lustig machen, daß dieser andere Marx fast immer gleichzeitig mit ihm in Karlsbad eintrifft.) Wir lesen: Herr Wilhelm Marx, k.k. Polizei-Präsident mit Gemahlin Louise aus Wien; Ankunft 6. August. Wohnung: »Union«, Gartenzeile. Unmittelbar unter dem längst vergessenen Namen des Polizeigewaltigen von Osterreich steht ein unvergessener Name: Herr Iwan Turgenjew, Schriftsteller aus Rußland; Wohnung: »König von England«, Schloßplatz. Alsbald werden wir auf diesem Schloßplatz auch Karl Marx eingemietet finden; aber die beiden berühmten Nachbarn, die einander täglich in die Fenster gucken und sich dem Namen nach kennen, erwähnen nirgends, sich in Karlsbad getroffen zu haben.

Kugelmann ist nach Erhalt des letzten Marxschen Billetts sofort aus Hannover abgereist, um die Ankunft des »mit Gluthitze« verehrten Meisters nicht zu versäumen. Eintragung vom 16. August: Herr Dr. Ludwig Kugelmann, Doctor der Medicin, mit Gemahlin und Tochter aus Hannover; Wohnung: »Haus Germania«, Schloßplatz. Fahrplanmäßig, drei Tage später, traf auch Marx ein, wie wir in der »Carlsbader Curliste Nr. 238, ausgegeben am Sonntag, dem 22.August 1874«, unter der Eintragungsnummer 13316 amtlich verzeichnet finden: 13316. – Herr Charles Marx, Privatier, mit Tochter Eleanor aus London – Wohnung: »Germania« – Schloßberg, Ankunft 19. August. Es war kein Hotel, wo ihn Kugelmann »eingehaust« hat, geschweige denn eines von den fashionablen.
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Das »Haus Germania«, in dem Marx wohnte und die Kurliste von 1874

Dennoch empfindet Marx, er hätte viel billiger wohnen können, fügt aber gerechterweise hinzu, daß ihm das bessere Quartier vielleicht mehr Ansehen bei der Polizei verschafft.

Und weiter schreibt Egon Erwin Kisch über Karl Marx:

Marx ist ein fesselnder Erzähler, ihm ist die Kunst des Fabulirens wie Wenigen eigen, er ist ein geistvoller Causeur, ein blendender Dialectiker, der auch warme Gefühlstöne anzuschlagen verstellt, er kann anregen, belehren und fesseln, aber seine beschaulichsinnige Natur, sein speculativer, kritischer Geist, sein künstlerisches Behagen, die Reinlichkeit seines Wesens scheinen nicht darnach angethan, um die schweren Barren seines Wissens in die Verkehrsmünze der Menge umzusetzen, Massen aufzuwühlen und zur That zu begeistern und die heimlich glimmenden Feuer der Menge zur vollen hoch aufleuchtenden Lohe anzufachen. Er ist unstreitig mehr Philosoph als Mann der That, und hat mehr das Zeug zum Historiker einer Bewegung, vielleicht (?) zum Strategen, als zum Haudegen. Es fiel mir selbstverständlich nicht ein, den Politiker Marx zu charakterisieren, ich wollte nur mit wenigen leichten Federstrichen die Conturen eines Mannes zeichnen, wie er mir entgegentrat, eines Mannes, der immer bedeutend bleibt.

1876 war Marx in der Karlsbader Kur zum dritten- und letztenmal. (…) Jenny Marx, der Karlsbad helfen könnte, durfte nicht hierherkommen und liegt zu dieser Zeit unter gräßlichsten Schmerzen in Eastburne. Bevor das Jahr zu Ende geht, ist sie tot. Auch Marx vermag »die letzte Karte«, wie er in einem Brief an Engels die Karlsbader Kur genannt hat, nicht mehr auszuspielen. In London gibt er am 14. März 1883 seinen Geist auf, den größten Geist des Jahrhunderts. [3]

Quellen:
[1] Lenin: Karl Marx (Kurzer biographischer Abriß mit einer Darlegung des Marxismus), in: Lenin, Ausgew. Werke in sechs Bänden, Bd.II, S.485.
[2] J.W.Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1951, S.22.
[3] Egon Erwin Kisch: Karl Marx in Karlsbad, Aufbau Verlag Berlin und Weimar (DDR), 1983, S.5-15, 79f.

Anmerkung:
Auf seiner Rückreise von der Kur in Karlsbad traf Karl Marx mit Tochter Eleanor am 28. September 1874 in Hamburg ein und traf den Buchhändler August Geib, der damals Rödingsmarkt Nr. 12 wohnte, und Ignaz Auer zu politischen Gesprächen.

Mißbrauch der Gefühle

imgFullOb es nun um Mindestlöhne geht, um horrende Managergehälter oder um die Chancengleichheit in Bildung und Beruf – hin und wieder stehen auch in bürgerlichen Medien der BRD die schreienden sozialen Ungerechtigkeiten dieses Landes zur Debatte. Doch der Nebel um Begriffe wie Freiheit und soziale Gerechtigkeit scheint sich eher zu verdichten, denn zu klären. Denn um Wahrnehmungen und Erkenntnisse der Menschen in Zweifel zu ziehen, hantieren bürgerliche Autoren hier gern mit Begriffen wie „gefühlte“ Ungerechtigkeit, „gefühlte“ Armut oder „gefühlte“ Kriminalität usw. – Gefühle sind ja bekanntlich sehr subjektiv, man kann ihnen nicht so recht vertrauen. Und wo Erklärungen fehlen, müssen eben verschwommene Begriffe her, deren Auslegung zumeist „Glaubenssache“ ist. Gelegentlich beruft man sich dabei auf nicht minder demagogische Leute, wie den bürgerlichen Ökonomen Friedrich Hayek, um der ganzen falschen „Argumentation“ wenigstens den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu geben. Und sollte alles das nicht ausreichen, wird kurzerhand noch eine Meinungsumfrage hervorgezaubert, um dieses wacklige Gedankengebäude schließlich zu bestätigen. Des Volkes Stimme zählt…

Wir hatten an anderer Stelle schon einmal Bezug genommen auf den Begründer der Massenpsychologie Gustave Le Bon und sein demagogisches Machwerk „Psychologie der Massen“ von 1895. Über dessen Niveau ist man heute offensichtlich noch nicht hinausgekommen. Immerhin übten solche geistigen Sumpfblüten jener Zeit einen großen Einfluß auf die Freudsche Psychologie aus. Sie dienten auch Hitler und Goebbels als Vorbild; und denen krochen im Verlaufe ihrer kriminellen Machtperiode nicht wenige obrigkeitshörige Deutsche auf den Leim. Sie hatten an die Ehrlichkeit der Nazis geglaubt…

Wir fragen nun: Welche Rolle spielen die Gefühle bei der Einschätzung politischer Vorgänge oder eines beliebigen historischen Zeitabschnitts? Und wie nutzt die Bourgeoisie psychologische Kenntnisse aus, um die Menschen zu manipulieren?

Was sind Gefühle?

Im Unterschied zu Empfindungen und Wahrnehmungen, die Teil des Erkenntnisprozesses sind, ist das Gefühl ist ein psychisches Erlebnis. In den Gefühlen (oder Emotionen) erlebt der Mensch seine Beziehung zu den Dingen und Erscheinungen. Lust und Unlust, Freude und Traurigkeit, Liebe und Haß, Kampfbereitschaft und Furcht, Erregung und Ruhe sind Beispiele solcher Gefühle. So vielfältig wie die Situationen sind, ist auch das, was der Mensch dabei erlebt. Die Dinge und Erscheinungen der Umgebung, die Beziehungen zu anderen Menschen, zu ihren Handlungen, zum eignen Tun und schließlich auch zu sich selbst werden unterschiedlich wahrgenommen. Was der Mensch erkennt oder tut, hängt also auch ab von den gesellschaftlichen Verhältnissen und von seiner Rolle, die er darin spielt. Die eigenen Erlebnisse bringen positive oder negative Gefühle hervor. „Die Gesamtheit der menschlichen Gefühle ist ihrem Wesen nach die Gesamtheit der Beziehungen des Menschen zur Welt in der lebendigen und unmittelbaren Form des persönlichen Erlebens.“ (S.L. Rubinstein)

Subjektive Wahrnehmungen und die objektive Wahrheit

Auf unsere Sinnesorgane wirken täglich eine Vielzahl unterschiedlicher Umwelteinflüsse. Nicht immer ist uns das bewußt, denn ein beträchtlicher Teil dieser Reize liegt unterhalb der Empfindungsschwelle. Sie wirken auf das Unterbewußtsein, bleiben unbewußt, beeinflussen aber dennoch unser Verhalten. „Wahrnehmung“, so schreibt B.M.Teplow, „nennt man den psychischen Prozeß der Widerspiegelung von Gegenständen oder Erscheinungen der Wirklichkeit, die im gegebenen Augenblick auf unsere Sinnesorgane wirken. Die wichtigste Besonderheit der Wahrnehmung besteht darin, daß sie immer Gegenstände und Erscheinungen der Wirklichkeit widerspiegelt und nicht nur einzelne ihrer Eigenschaften und Merkmale.“ [1] Wir sehen also nicht nur Lichtflecke, hören nicht nur einzelne Töne oder Geräusche, fühlen nicht nur eine rauhe oder glatte Oberfläche, sondern assoziieren damit stets auch eine konkrete Wirklichkeit, konkrete Gegenstände oder Personen. Um nun den Wahrheitsgehalt dieser subjektiven Wahrnehmungen zu überprüfen, stehen eine Vielzahl von Kriterien zur Verfügung, deren letztlich Entscheidendes immer die Praxis ist, anhand derer sich überprüfen läßt, ob die eigene Wahrnehmung richtig war, oder ob wir einem Irrtum oder einer Täuschung unterliegen. Kurz gesagt: „Vom Standpunkt des dialektischen Materialismus ist Wahrheit die Adäquatheit der Erkenntnis, die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Erkenntnisobjekt.“ [2]

Woher kommen die Gefühle?

Die Emotionen sind ursprünglich geprägt von Trieben und Instinkten. Doch das ist nicht das Entscheidende. Denn im Verlaufe der menschlichen Entwicklungsgeschichte hat sich vor allem auch das „Kulturgewordene“ durchgesetzt. Neue Umwelteinflüsse, neue Gegenstände und neue gesellschaftliche Verhältnisse bringen neue Gefühle hervor, sie beeinflussen die Wahrnehmung und die Weltanschauung, und mit ihnen entsteht auch eine neue Beziehung des Menschen zu seiner sozialen Umgebung. Emotionale Prozesse sind also immer zugleich auch spezifische Erkenntnisprozesse.

Die Gefühle als sozialer Motor

In ihrer höheren Form, als intellektuelle, moralische oder ästhetische Gefühle, bilden die Gefühle eine dialektische Einheit vom Emotionalem und Intellektuellen. Das heißt, daß die Interessen, Überzeugungen und Ideale eines Menschen immer eine starke emotionale Komponente besitzen. Karl Marx unterstrich, daß Leidenschaft „die nach seinem Gegenstand energisch strebende Wesenskraft des Menschen“ [3] sei. Und W.I.Lenin hob hervor, daß es ohne menschliche Emotionen niemals ein Suchen der Menschen nach Wahrheit gegeben hat, gibt und geben wird. Das bedeutet andersherum aber eben auch, daß die Gefühle von Überlegungen, von weltanschaulichen Einstellungen und Überzeugungen gelenkt und gerichtet sein können und so zu einem starken Antrieb oder Motor für das menschliche Verhalten werden. Was jemand liebt oder haßt, was ihn freut oder schmerzt, ihn berührt oder gleichgültig läßt, das charakterisiert in hohem Maße sein wahres Wesen und beeinflußt seine Motivation. Die „Erziehung der Gefühle“ ist daher eine ideologisch äußerst bedeutsame Aufgabe.

Der Imperialismus manipuliert die Gefühle

Die imperialistische Manipulierung der Menschen mißbraucht gezielt die Gefühle, um sie ihren ideologischen Zielen unterordnen zu können. Dabei wird das Gefühl von der rationalen Erkenntnis getrennt. Man erfand das sogenannte „positive Denken“, und scheut, beispielsweise, nicht einmal davor zurück, auch künstlerische Mittel (musikalische Strukturen, bildhafte Darstellungen, Videosequenzen usw.) oder kulturelle und folkloristische Traditionen dafür einzusetzen, um „gegenstandslose Gefühle“ (die auf engste mit Trieben und Instinkten verbunden sind) zu aktivieren, um etwa rauschähnliche Affektzustände wie Euphorie und Ekstase zu erzeugen oder schließlich Exzessivität und Brutalität zu schüren. So erweist sich die imperialistische Manipulation in ihrer psychologischen Technik tatsächlich als kulturfeindlich. Das gilt sowohl für die Methode der Zerstörung des Denkens in kausalen Zusammenhängen als auch für die Deformierung der „kulturgewordenen“ Inhalte und Formen menschlicher Gefühle. Am Ende dieser emotionalen Stufenleiter steht schließlich die „Lust am Töten“. Damit wird, im kulturgeschichtlichen Sinne gesehen, die echte menschliche Gefühlswelt systematisch zerstört.

Der Sozialismus bewahrt und entwickelt echte menschliche Gefühle

In vollem Gegensatz dazu ist die sozialistisch humanistische Gefühlsbildung eine große Kulturaufgabe der sozialistischen Gesellschaft. Sie dient den echten, humanistischen Inhalten menschlicher Emotionen, dem Gefühlsreichtum des Individuums als Ausdruck und gestaltendes Element des Reichtums seiner praktischen und geistigen Beziehungen zur Welt sowie der Übereinstimmung zwischen Fühlen, Denken und Handeln. Das sozialistische Persönlichkeitsideal schließt jeden Widerspruch zwischen äußerem Verhalten und innerer Einstellung zu diesem Verhalten aus. Sozialistische Menschenbildung zielt nicht einseitig ab auf ein „Bewußtsein“ im rationalen Sinne, sondern auf sozialistische Einstellungen, Überzeugungen und Ideale, in denen die Gedanken und Emotionen einander völlig durchdringen.

Was ist wahre humanistische Bildung?

Auf sozialistische Weise zu lernen heißt nicht allein, sich einen notwendigen und richtigen Wissensstoff intellektuell anzueignen, sondern auch das intellektuelle Gefühle des „Wissen-Wollens“, einer „Neugier, die nach vielen Seiten geht“, eines „inneren Drangs“ zum Lernen auszubilden. Nach ihrer spezifischen Eigenart sind sozialistische Kultur und Kunst in besonderem Maße dazu geeignet, eine umfassende Einheit von Denken und Fühlen herauszubilden. In einer sozialistischen Menschengemeinschaft sind menschliche Beziehungen, die sich vorrangig in Gefühlsbindungen ausdrücken (Liebe, Freundschaft, gegenseitige Achtung, Kameradschaft usw.) nicht mehr – wie in der Ausbeutergesellschaft – gesellschaftlich gleichgültige „Privatangelegenheiten“ der persönlichen Moral. Sie werden zu wichtigen Elementen des Wachstums der sozialistischen Gemeinschaft im Ganzen. Die emotionale Bildung hat im Sozialismus eine wichtige gesellschaftsbildende Funktion.

Die Falschheit des Friedrich Hayek

Es ist klar, daß in der BRD heute viele Menschen das Gefühl haben, in unvergleichlicher Freiheit zu leben, unvergleichliche Möglichkeiten für Bildung, berufliche Entwicklung, Lebensstil und Reisen zu besitzen. Doch das ist eben nur ein Gefühl, das einem Vergleich mit der sozialistischen Gesellschaft nicht standhält, und das spätestens an der finanziellen Grenze zerschellt, die gesetzt ist, und die zugleich auch die sozialen, d.h. die klassenmäßigen Schranken markiert. Dem Gefühl nach werden Ausbeutung, soziale Ungleichheit, bürokratische Willkür und imperialistische Kriege oft akzeptiert und für „normal“ gehalten, sozusagen als der „Preis der Freiheit“ – auch wenn oft die Erkenntnis eine andere ist. Und so wird dieser F.Hayek beispielsweise mit der wahrlich „genialen“ Aussage zitiert, er habe sich mehr als zehn Jahre lang intensiv damit befaßt, den Sinn des Begriffs ‚soziale Gerechtigkeit’ herauszufinden. Der Versuch sei aber gescheitert, und er sei schließlich zu dem Schluß gelangt, daß für eine Gesellschaft freier Menschen dieses Wort überhaupt keinen Sinn habe.

Es ist eine einfache Wahrheit, daß die Forderungen der Arbeiterklasse vor allem darauf gerichtet sind, Ausbeutung, soziale Ungleichheit, bürokratische Willkür und imperialistische Kriege abzuschaffen, d.h. den Kapitalismus zu beseitigen und eine sozialistische Gesellschaftsordnung zu errichten, in der soziale Ungerechtigkeiten keinen Platz mehr haben. Das konnte oder wollte Hayek natürlich nicht herausfinden. Auf ihn trifft zu, was Helvétius einmal sagte: „Die Wahrheit ist für die Dummen wie eine Fackel, die den Nebel erleuchtet, ohne ihn zu vertreiben.“

Quellen:
[1] Boris Michailowitsch Teplow: Psychologie, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1957, S.55.
[2] M.Buhr/A.Kosing: Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, Dietz Verlag, Berlin 1981, S.334.
[3] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Drittes Manuskript – Kritik der Hegelschen Dialektik und Philosophie überhaupt, in: K.Marx u. F.Engels, Werke, Ergänzungsband, 1. Teil, S.579.

Siehe auch:
Kulturpolitisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1970, S.162f. (teilw.übern.)

Kinderferien in der DDR

Die Freizeit- und Feriengestaltung war in der DDR stets ein wichtiges Anliegen von Partei, Gewerkschaft und Jugendverband. Sie war Bestandteil der staatlichen Jugendförderung und wurde vollständig aus dem Staatshaushalt finanziert. Das war natürlich nur deshalb möglich, weil die Betriebe der DDR Volkseigentum waren und die Gewinne nicht in die Taschen einiger weniger Ausbeuter und sonstiger Parasiten wanderten, wie es heute in der BRD der Fall ist. Die herrschende Klasse in der DDR war nämlich die Arbeiterklasse. Im Lexikon Arbeitsrecht (DDR) steht: „Der einheitliche Erziehungsprozeß der Schüler und Lehrlinge in der Schule und in den Ferien soll helfen, die Wißbegierde, den Forschungsdrang, die Liebe zur sozialistischen Heimat, zum Buch, zur Kunst und zur sportlichen Betätigung zu wecken.“ Die Betriebsferienlager wurden in der Regel für die Kinder (ab 10 Jahre) der Betriebangehörigen organisiert. Jeder Durchgnag dauerte 18 Tage. Die Teilnehmer zahlten dafür einen geringfügigen Teilnahmebeitrag. Hier eine kleine, und für die damalige Zeit auch wohl recht belanglose Mitteilung aus einer Tageszeitung der DDR vom 22.Dezember 1983:

Auszeichnung

Es ist für uns heute schon ein erstaunlicher Vorgang. Aber so war das eben in der DDR:
Da werden Ferienhelfer ausgezeichnet, die während der Sommerferien in einem der zahlreichen Betriebsferienlager, in einem zentralen Pionierlager oder in einem Lager für Erholung und Arbeit als Lagerleiter, Helfer oder Küchenkräfte eingesetzt waren. Sie machten das selbstverständlich freiwillig, mit einer betrieblichen Freistellung von der Arbeit (d.h. die Kollegen erhielten weiterhin ihren Lohn vom Betrieb und eine Aufwandsentschädigung für die Zeit ihres Ferieneinsatzes). Eine Krankenschwester und ein Arzt begleiteten die Kinder.
In jedem Jahr verbrachten auch Kinder aus anderen Ländern (u.a. aus der BRD, aus Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion oder aus befreundeten afrikanischen Ländern) ihre Ferien in der DDR.

Ferienlager Gallentin
Jungen und Mädchen proben auf der Freilichtbühne des Bungalowdorfs
in Gallentin für das Abschlußfest

Solche Ferien in einem Betriebsferienlager waren für die Kinder immer ein riesiges Vergnügen. Allein die Zugfahrt (für 2-3 Mark je Kind durch die ganze Republik bis an die Ostsee) war schon ein Gaudi. Und es gab viele schöne Kinderferienlager in der DDR. Kein Tag war langweilig und in der Küche des Ferienlagers wurde ein schmackhaftes Essen zubereitet. Nach 14 erlebnisreichen Tagen mit Spiel und Spaß, mit interessanten Exkursionen und Ausflügen kamen die Kinder dann fröhlich und ausgelassen zurück. Die Kosten zahlte der Betrieb. Wer das einmal erlebt hat, wird die schönen Ferien nie vergessen. Dann freuten sich die Kinder wieder auf den 1.September, den Schulbeginn…

Ferienlager Röbel
Frohe Ferientage verleben die FDJler in Röbel an der Mecklenburgischen Seenplatte

Noch eine kleine Statistik:
Die DDR hatte (1986) rd. 18,6 Millionen Einwohner. Davon waren etwa 2 Millionen Kinder im Alter von 7 bis 17 Jahren, die eine allgemeinbildende Schule besuchten. In unserem Land gab es 263 Jugenderholungseinrichtungen. Allein im Ostseebezirk Rostock verbrachten 1986 über 3,4 Millionen DDR-Bürger ihren Urlaub; jeder vierte Urlauber hatte seinen Ferienplatz über den FDGB-Feriendienst erhalten, und fast 8% aller Ostsee-Urlauber waren Kinder, die ihre Ferien in einem Kinderferienlager verleben durften.
(Quelle: Statist. Taschenbuch der DDR, Staatsverlag Berlin, 1987)

Fotos:
Vom Sinn unseres Lebens, Verlag Neues Leben, Berlin, 1983, S.238 u.239.

Siehe auch:
Die DDR – ein kinderfreundliches Land