Karl Marx in Karlsbad

Denkmal Karlovy VaryDas Karl-Marx-Denkmal in Karlovy Vary

Karl Marx war ohne jeden Zweifel einer der bedeutendsten Gelehrten unserer Zeit, und seine Lehre ist auch heute noch äußerst aktuell und bleibt für alle Zeiten gültig. Lenin schrieb über Karl Marx, er sei der Fortführer und geniale Vollender der drei geistigen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts in den drei fortgeschrittensten Ländern der Menschheit gewesen. Marx verband die klassische deutsche Philosophie mit der englischen politischen Ökonomie und dem französischen Sozialismus zu einer einheitlichen Wissenschaft. „Die selbst von Marx’ Gegnern anerkannte bewundernswürdige Folgerichtigkeit und Geschlossenheit seiner Anschauungen,“ schrieb Lenin, „die in ihrer Gesamtheit den modernen Materialismus und den modernen wissenschaftlichen Sozialismus als Theorie und Programm der Arbeiterbewegung in allen zivilisierten Ländern der Welt ergeben, veranlassen uns, der Darlegung des Hauptinhalts des Marxismus, der ökonomischen Lehre von Marx, einen kurzen Abriß seiner Weltanschauung überhaupt vorauszuschicken.“ – Das kann man alles nachlesen bei Lenin, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels in genialer Weise weiterentwickelte und auf die Bedingungen Rußlands und später der Sowjetunion anwendete. [1] Kurz und treffend fügte Stalin dem hinzu: „Ist es nicht klar, daß revolutionäre Losungen und Resolutionen keinen Pfifferling wert sind, wenn sie nicht durch die Tat bekräftigt werden?“ [2]

Die angestrengte Tätigkeit in der Kommunistischen Internationale und die noch angestrengteren theoretischen Studien untergruben Marx’ Gesundheit. Er setzte die Neubearbeitung der politischen Ökonomie und die Fertigstellung des „Kapitals“ fort, sammelte zu dem Zweck eine Menge neuer Materialien und studierte mehrere Sprachen, doch seine Krankheit hinderte ihn, „Das Kapital“ zu vollenden. Überdies sah sich Marx den ständigen Verfolgungen und Repressalien durch Polizei und Justizbehörden ausgesetzt. Er wurde 1849 aus Deutschland ausgewiesen. Die Bedingungen des Emigrantenlebens waren äußerst schwer, so daß Karl Marx ständig unter finanziellen Sorgen litt, die ohne die aufopfernde Unterstützung seines Freundes Friedrich Engels nicht zu überwinden gewesen wären. Als es endlich gelang, für Karl Marx einen Kuraufenthalt in Karlsbad zu ermöglichen, war seine Gesundheit schon sehr angegriffen. Der tschechische Schriftsteller Egon Erwin Kisch schrieb über diesen Kuraufenthalt folgendes:

In Karlsbad herrscht Hochbetrieb. Was nicht in Baden-Baden ist, hat hier zur Stelle zu sein. Die wundertätigen heißen Wässer spielen eine Nebenrolle. Weit wichtigere Gründe verpflichten dazu, die Saison hier zu verbringen. Könige, die für ein paar Wochen vom Hof befreit sein wollen, kommen hierher, um den Hof versammelt zu finden. Wer vorgibt oder erstrebt »dazuzugehören«, ist hier zur Stelle, Fürsten, Minister, Adelige, Hoflieferanten, Kammersänger, Ordensjäger, Glücksritter, Spione und Kokotten. Jedermann will Verbindungen anknüpfen oder noble Bekanntschaften, will von sich reden machen, in der Zeitung stehen oder sonstwie wichtig erscheinen.
KarlovyVaryDer weltbekannte Böhmische Kurort Karlsbad

Jedermann? Nicht jedermann. Der, von dem wir hier sprechen werden, will just das Gegenteil. Seinen ersten Kuraufenthalt begann er damit, sich möglichst zu tarnen. Er hat sich als Charles Marx, Privatier aus London, angemeldet, obwohl oder weil ihn die Welt als Karl Marx aus Deutschland kennt, als das Gegenteil eines Privatiers. Der Versuch kommt ihm teuer zu stehen: Laut Vorschrift haben Privatiers eine doppelt so hohe Kurtaxe zu entrichten wie Angehörige anderer Berufe, Dabei fällt es dem Privatier Charles Marx wohl weitaus schwerer, die Kurtaxe zu bezahlen, als anderen Badegästen.

Marx war es ohnehin nicht leicht geworden, hierherzukommen. Bereits viereinhalb Jahre vorher hat sich sein Arzt, Dr. Eduard Gumpert in Manchester, äußerst besorgt über seinen Gesundheitszustand gezeigt. Zuerst hatte er dem schwierigen Patienten – Marx pflegte sein Leben lang Tag und Nacht zu arbeiten – nur die Arbeitszeit beschränkt und ihm den englischen Kurort Harrogate empfohlen. Aber der Aufenthalt dort half nichts, und so verordnete Dr. Gumpert dem Patienten Karlsbad.

Friedrich Engels, mit dem Marx die klassische Freundschaft des modernen Geisteslebens verbindet, beschwört ihn schon am 6. Juli 1870, die Reise nach Karlsbad zu unternehmen, und bietet ihm vierzig Pfund Sterling zur Deckung der Reisespesen an. Die Kur sei unbedingt nötig, »selbst wenn Du dem Kugelmann und seiner Gluthitze dabei nicht ganz entgehst«. Engels rät ihm also, sich über eine Unannehmlichkeit hinwegzusetzen, für die noch gar kein Anhaltspunkt besteht: Dr. Ludwig Kugelmann ist ein leidenschaftlicher Anhänger von Marx. Erst vier Jahre später, kaum daß Marx den Boden Karlsbads betritt, wird der von Engels vorausgesagte Zusammenstoß erfolgen.

Engels redet mit Engelszungen, um dem Freund die Karlsbader Quellen schmackhaft zu machen. Er berichtet von seinem Geschäftskollegen Charles Roesgen, einem ehemaligen Kurgast von Karlsbad, den er interpelliert habe. Es sei nicht teuer dort, weil die Beachtung der Badevorschriften gar keine Gelegenheit lasse, Geld auszugeben. Die Kur habe Roesgen »für seine Leber (die gegen die Deinige kerngesund ist) sehr gut getan, er sieht zwar etwas magerer, aber viel gesunder aus«. Auch mit Gesellschaft versucht Engels den Freund in die böhmischen Wälder zu locken. Außer Kugelmann würden sich wohl noch andere interessante Leberkranke finden. Mit der Badereise könne Marx den längst notwendigen Abstecher zu Otto Meißner, dem Verleger des »Kapitals«, verbinden – als ob Hamburg gleich neben Karlsbad läge. »Also entschließ Dich kurz und spring mit geschlossenen Augen in den Karlsbader Sprudel und die gleichwarme Bewunderung Kugelmanns.«

Vier Jahre – Jahre, in denen sich Marx‘ Zustand ständig verschlimmert – dauert es, bis Marx den ihm angeratenen »kurzen Entschluß« faßt. Daß der so Kranke nicht sogleich in das ihm als einzige Rettung empfohlene Karlsbad fahren kann, daran sind schuld: erstens seine wissenschaftliche Arbeit, vor allem die für die französische Ausgabe zu besorgende Umarbeitung des »Kapital«; zweitens die Befürchtung, daß ihm die Polizei das Reiseziel verschließen könnte, nachdem er das Reisegeld schon ausgegeben; diese Befürchtung ist in der Weltlage begründet. Die Pariser Kommune, das Attentat auf Bismarck – in allem wittert die Polizei die Hand der Internationalen Arbeiter-Assoziation oder behauptet, sie zu wittern. Marx charakterisiert die Hetze: »…es herrscht offenbar in Europa allgemeines Bestreben, die Internationale wieder forchterlich zu machen.« Bei einem Prozeß in Wien wird als erschwerendes Moment gegen einen Angeschuldigten gewertet, daß er eine Photographie von Karl Marx nach London gesandt habe.

Die dritte Schwierigkeit – und wahrscheinlich nicht die kleinste – ist der Geldmangel. Kaum jemals ist ein Mann von solcher öffentlichen Wirkung, von solchem Einfluß auf die Ereignisse der Welt derart von Not verfolgt gewesen wie Karl Marx. Er, den die Mächtigen Europas für sich zu gewinnen versuchen oder vernichten wollen, er, auf den die Arbeiter und alle fortschrittlichen Geister wie auf einen Messias blicken – er leidet qualvolle Not. Qualvolle Not sein Leben lang. Obwohl sich Engels dem »hündischen Kommerz« ergibt, um Marx einigermaßen über Wasser zu halten, kann er die Schicksalsschläge nicht abwehren, die der mangelnde Mammon dem Freund versetzt. Um heute die Hausmiete zu bezahlen, morgen die Steuer, übermorgen den Milchmann und den Arzt, das Schulgeld für die Kinder, einen Sarg für den Enkel, muß Marx seinen Anzug, ein Kleid seiner Frau, die Schuhe der Kinder und der treuen Hausgenossin Lenchen Demuth ins Versatzamt tragen. Klagen drohen und Exmittierungsbefehle, Gas und Wasser werden ihm gesperrt, er hat kein Papier, um am »Kapital« weiterzuschreiben.

Als es jedoch heißt, seine schwererkrankte Tochter nach Karlsbad zu begleiten, können ihn weder Polizeischrecken noch Geldmangel an dieser Fahrt hindern. Unabhängig von Dr.Gumpert in Manchester, der Marx die Karlsbader Kur verordnete, hat ein anderer, ein schottischer Arzt aus Harrogate mit dem »wohlriechenden Namen« Dr.Myrtle, der Marx-Tocher Tussy recte Eleanor die Karlsbader Kur empfohlen. Ihre Leiden sind von ganz anderer Art als die des Vaters und die Kurmethode ebenfalls, aber beiden kann nur Karlsbad helfen. Zum Quartiermacher in Karlsbad wird Kugelmann ausersehen, der dort Stammgast ist. An ihn ergeht die Ankündigung der Abreise aus England und der voraussichtlichen Ankunft am bestimmten Ort. Weder der Absender noch der Empfänger ahnen, daß dieses Briefchen das letzte einer Korrespondenz sein wird, die zwölf Jahre gewährt hat.

10. August 1874
Lieber Kugelmann, Ich kann nicht von hier abreisen vor dem 15. August (Sonnabend) und werde wohl 4 Tage bis zum Bestimmungsort brauchen, da ich Tussy nicht zu viel anstrengen darf. Salut Dein K.M.

Wir haben die vergilbten Karlsbader Kurlisten von 1874 eingesehen. Die Ausgabe Nr. 220 beginnt mit dem Namen Marx, aber es ist nur ein Namensvetter des Unsrigen. (Der Unsrige wird sich später darüber lustig machen, daß dieser andere Marx fast immer gleichzeitig mit ihm in Karlsbad eintrifft.) Wir lesen: Herr Wilhelm Marx, k.k. Polizei-Präsident mit Gemahlin Louise aus Wien; Ankunft 6. August. Wohnung: »Union«, Gartenzeile. Unmittelbar unter dem längst vergessenen Namen des Polizeigewaltigen von Osterreich steht ein unvergessener Name: Herr Iwan Turgenjew, Schriftsteller aus Rußland; Wohnung: »König von England«, Schloßplatz. Alsbald werden wir auf diesem Schloßplatz auch Karl Marx eingemietet finden; aber die beiden berühmten Nachbarn, die einander täglich in die Fenster gucken und sich dem Namen nach kennen, erwähnen nirgends, sich in Karlsbad getroffen zu haben.

Kugelmann ist nach Erhalt des letzten Marxschen Billetts sofort aus Hannover abgereist, um die Ankunft des »mit Gluthitze« verehrten Meisters nicht zu versäumen. Eintragung vom 16. August: Herr Dr. Ludwig Kugelmann, Doctor der Medicin, mit Gemahlin und Tochter aus Hannover; Wohnung: »Haus Germania«, Schloßplatz. Fahrplanmäßig, drei Tage später, traf auch Marx ein, wie wir in der »Carlsbader Curliste Nr. 238, ausgegeben am Sonntag, dem 22.August 1874«, unter der Eintragungsnummer 13316 amtlich verzeichnet finden: 13316. – Herr Charles Marx, Privatier, mit Tochter Eleanor aus London – Wohnung: »Germania« – Schloßberg, Ankunft 19. August. Es war kein Hotel, wo ihn Kugelmann »eingehaust« hat, geschweige denn eines von den fashionablen.
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Das »Haus Germania«, in dem Marx wohnte und die Kurliste von 1874

Dennoch empfindet Marx, er hätte viel billiger wohnen können, fügt aber gerechterweise hinzu, daß ihm das bessere Quartier vielleicht mehr Ansehen bei der Polizei verschafft.

Und weiter schreibt Egon Erwin Kisch über Karl Marx:

Marx ist ein fesselnder Erzähler, ihm ist die Kunst des Fabulirens wie Wenigen eigen, er ist ein geistvoller Causeur, ein blendender Dialectiker, der auch warme Gefühlstöne anzuschlagen verstellt, er kann anregen, belehren und fesseln, aber seine beschaulichsinnige Natur, sein speculativer, kritischer Geist, sein künstlerisches Behagen, die Reinlichkeit seines Wesens scheinen nicht darnach angethan, um die schweren Barren seines Wissens in die Verkehrsmünze der Menge umzusetzen, Massen aufzuwühlen und zur That zu begeistern und die heimlich glimmenden Feuer der Menge zur vollen hoch aufleuchtenden Lohe anzufachen. Er ist unstreitig mehr Philosoph als Mann der That, und hat mehr das Zeug zum Historiker einer Bewegung, vielleicht (?) zum Strategen, als zum Haudegen. Es fiel mir selbstverständlich nicht ein, den Politiker Marx zu charakterisieren, ich wollte nur mit wenigen leichten Federstrichen die Conturen eines Mannes zeichnen, wie er mir entgegentrat, eines Mannes, der immer bedeutend bleibt.

1876 war Marx in der Karlsbader Kur zum dritten- und letztenmal. (…) Jenny Marx, der Karlsbad helfen könnte, durfte nicht hierherkommen und liegt zu dieser Zeit unter gräßlichsten Schmerzen in Eastburne. Bevor das Jahr zu Ende geht, ist sie tot. Auch Marx vermag »die letzte Karte«, wie er in einem Brief an Engels die Karlsbader Kur genannt hat, nicht mehr auszuspielen. In London gibt er am 14. März 1883 seinen Geist auf, den größten Geist des Jahrhunderts. [3]

Quellen:
[1] Lenin: Karl Marx (Kurzer biographischer Abriß mit einer Darlegung des Marxismus), in: Lenin, Ausgew. Werke in sechs Bänden, Bd.II, S.485.
[2] J.W.Stalin: Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1951, S.22.
[3] Egon Erwin Kisch: Karl Marx in Karlsbad, Aufbau Verlag Berlin und Weimar (DDR), 1983, S.5-15, 79f.

Anmerkung:
Auf seiner Rückreise von der Kur in Karlsbad traf Karl Marx mit Tochter Eleanor am 28. September 1874 in Hamburg ein und traf den Buchhändler August Geib, der damals Rödingsmarkt Nr. 12 wohnte, und Ignaz Auer zu politischen Gesprächen.

2 Gedanken zu “Karl Marx in Karlsbad

  1. Hallo Genosse Norbert,
    Das ist mal ein heiterer, verschmitzter Beitrag. Egon Erwin Kisch liest sich immer angenehm.
    Es ist bekannt, daß Karl Marx ein verpauperter Bourgeois der weit über seine Verhältnisse lebte war. Er rauchte seine schwarze Zigarren und trank Bier und Wein in Mengen während seine Frau und Kinder kaum zu essen hatten, das Silbergeschirr seiner Frau oftmals im Pfandhaus hinterlegt war. Und immer nobel: er hatte eine eiwohnende Dienstmagd : Helen Demuth. Friedrich Engels rettete im öfters aus der Patsche. Kann man alles herauslesen in den Briefwechsel enthalten im „MEW“.
    Eine etwas andere, günstigere, Version gab es bei uns in das Jugendbuch „Mohr und die Raben von London“ von Ilse und Vilmos Korn (1968).
    Aber zurück zu Karlsbad, das bei uns offiziell nur Karlovy vary hieß, wo die Westdeutschen mit harte D-Mark vorrangig und besser bedient wurden als die DDR Bürger. Aber nicht getrauert: gute Kurorte gab es auch in der DDR, sogar bezahlt durch die Sozialversicherung. Stellt sich die Frage: ob Karl Marx da auch einen ‚Kurschatten‘ hatte? 😉
    Mit sozialistischen Gruß,
    Nadja

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