Was ist Marxismus?

Karl MarxMan wünschte sich manchmal einen Nachdruck derjenigen Bücher oder Broschüren, die zur Schatzkammer der fortschrittlichen Literatur, die zum wirklichen Reichtum des Wissens vergangener Generationen gehören. Das Gedächtnis der Menschen scheint ebenso flüchtig zu sein, wie die Bereitschaft, aus den Fehlern der Geschichte zu lernen. Kurz nach dem Ende des unsagbar schrecklichen 2.Weltkriegs (die Städte in Deutschland waren ein Trümmerfeld, man hatte begonnen, die Toten zu begraben… es waren Millionen in ganz Europa!) schrieb der Kommunist Fred Oelßner ein Buch über den Marxismus. War das nur kommunistische Propaganda? Nein! Es war ein sehr kluges, ein notwendiges und ein nachdenkliches Buch. Wir hätten heute alle ein wenig mehr Nachdenklichkeit nötig!

Warum der Marxismus unbesiegbar ist

Über hundert Jahre sind vergangen, seitdem das von Karl Marx und Friedrich Engels verfaßte „Manifest der Kommunistischen Partei“ erschien, das zu Recht als Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus bezeichnet wird. Wieviel Tinte ist in diesen hundert Jahren verschmiert, wieviel Blut vergossen worden, um den Marxismus und die marxistische Bewegung zu widerlegen und auszurotten! Generationen von Marxtötern sind ruhmlos ins Grab gesunken, aber der Marxismus ist lebendiger als je! Er ist zur unerschütterlichen Weltanschauung von Millionen Menschen geworden. Er steht heute – nach hundert Jahren – im Mittelpunkt der geistigen Auseinandersetzung unserer Zeit. Liegt darin nicht der schlagkräftigste Beweis für die Stärke und Unbesiegbarkeit des Marxismus?

Das Geheimnis dieser Unbesiegbarkeit des Marxismus hat der größte Marxist unseres Jahrhunderts W.I. Lenin enthüllt, als er schrieb: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie richtig ist. Sie ist in sich abgeschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürgerlicher Knechtung vereinbaren läßt.“ [1] Die Unbesiegbarkeit des Marxismus liegt in seiner Wahrheit. Aber diese Wahrheit muß erkannt, sie muß erarbeitet werden, nicht nur von einzelnen fortschrittlichen Menschen, sondern von breiten Massen der Arbeiter, der Bauern, der schaffenden Intellektuellen, aller Werktätigen.

Was müssen Marxisten tun? Was sind die aktuellen Aufgaben der Kommunisten?

Auch die marxistische Theorie wird nur dann zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Daraus ergeben sich die Aufgaben für die Marxisten. Die marxistische Theorie ist keine leere Abstraktion, sondern eine Anleitung zum praktischen Handeln. Ausgehend von der Erkenntnis, daß uns diese Theorie die Entwicklungsgesetze der Gesellschaft vermittelt hat, wollen wir in unserer Epoche diese Gesetze anwenden und weiterentwickeln. Auf Grund der theoretischen Erkenntnisse des Marxismus wollen wir unsere große historische Aufgabe erfüllen, die Umwandlung des gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustandes in eine solche Gesellschaft, in der ein für allemal der Klassengegensatz aus der Welt geschafft ist, in der alle Gebrechen der kapitalistischen Gesellschaft, die so unendliches Elend und Leid über die Menschheit gebracht haben, beseitigt sind, in der ein wirklich harmonisches gesellschaftliches Zusammenleben der Menschen beginnt. Wenn wir unseren Kampf auf der Grundlage der marxistischen Theorie durchführen wollen, so übernehmen wir damit eine dreifache Verantwortung:
Erstens die Verantwortung für die Reinhaltung und Verbreitung der Lehre des Marxismus, wie sie uns von unseren Altmeistern Karl Marx und Friedrich Engels hinterlassen wurde.
Zweitens haben wir die Verantwortung dafür, daß die Fortführung der marxistischen Theorie im 20. Jahrhundert, wie sie von Lenin und Stalin getätigt wurde, zum Allgemeingut der deutschen Marxisten wird, und
Drittens haben wir die Verantwortung, diese Theorie ständig weiter zu entwickeln, sie auf alle neuen Erscheinungen, die die letzten Jahrzehnte uns gebracht haben, anzuwenden.
Betrachten wir zunächst den Marxismus in der Gestalt, wie er von Marx und Engels geschaffen wurde.

WAS IST MARXISMUS?

Der Marxismus ist bekanntlich die revolutionäre Weltanschauung des Proletariats und seiner Partei. Aus dieser Tatsache wird oft die Ansicht abgeleitet, der Marxismus sei nur eine Klassenangelegenheit der Arbeiter, er sei eine Lehre, die lediglich dem Proletariat und seinen Klasseninteressen entspreche, eine Lehre, welche die beste wissenschaftliche Begründung für die proletarische Agitation darstelle. Der Marxismus habe also keine Bedeutung für die übrigen Schichten der Gesellschaft. Dies ist jedoch eine sehr irrige Auffassung. Gewiß ist der Marxismus vor allem die revolutionäre Theorie des Proletariats. Aber er ist deshalb zwangsläufig zur revolutionären Theorie des Proletariats geworden, weil das Proletariat, die Arbeiterklasse, die einzige Klasse in der gegenwärtigen Gesellschaft ist, die konsequent den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft vertritt. Darum ist auch die revolutionäre Theorie des Proletariats, der Marxismus, nicht nur für die Arbeiterklasse die Richtschnur in den Kämpfen unserer Zeit, sondern er weist allen fortschrittlichen Elementen den Weg zu neuen Erkenntnissen und in eine neue Gesellschaftsordnung.

Wie ist der Marxismus eigentlich entstanden?

Der Marxismus ist nicht aus der Arbeiterklasse selbst entstanden. Der Marxismus wurde von den fortschrittlichsten Elementen der bürgerlichen Wissenschaftler in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geschaffen. Er entstand als wissenschaftliche Weiterführung der fortschrittlichsten Lehren der größten Gelehrten zu Beginn des 19.Jahrhunderts auf allen Gebieten der Gesellschaftswissenschaften. Der Marxismus ist die Fortführung und geniale Vollendung der drei geistigen Hauptströmungen des 19.Jahrhunderts in den drei fortgeschrittensten Ländern der Menschheit, und zwar der klassischen deutschen Philosophie, der klassischen politischen Ökonomie in England und der Lehren vom Klassenkampf und Sozialismus in Frankreich. Der Marxismus ist also das Ergebnis der geistigen Entwicklung der drei fortschrittlichsten Kulturvölker Europas zu Beginn des 19.Jahrhunderts. Dies wurde von bürgerlicher Seite zum Anlaß genommen, gegen den Marxismus den Vorwurf zu erheben, er sei eklektisch, er habe aus den vorhandenen Lehren das Beste ausgewählt und daraus eine neue Lehre geschaffen. Diese bürgerliche Auffassung entspringt entweder einer völligen Unkenntnis des Marxismus, oder jenem bornierten Klasseninteresse, das die Gefahr der marxistischen Lehre für die bürgerliche Klassenherrschaft wohl erkannt hat. Der Wahrheit entspricht diese Auffassung in keiner Weise. Denn auf allen Gebieten, auf denen der Marxismus die geistige Entwicklung der Menschheit weiter geführt hat, haben Marx und Engels Neues geschaffen.

Die Wissenschaft war damals in eine Sackgasse geraten. Die fortschrittlichsten Gelehrten hatten auf dem Gebiete der Philosophie, der Ökonomie und der Gesellschaftslehre grundlegende Fragen formuliert, die sie jedoch nicht beantworten konnten, weil sie es nicht vermochten, den bürgerlichen Horizont zu überschreiten. Marx und Engels stießen die Tür zur weiteren Forschung auf. Sie zeigten den Ausweg aus der Sackgasse, einen Ausweg allerdings, der zugleich das memento mori der bürgerlichen Gesellschaft wurde.

Hier noch ein Zitat von Karl Marx:
Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.[2] …

Und Fred Oelßner beschließt sein Buch mit dem Satz:
Es kommt nur darauf an, daß wir die Fahne unserer revolutionären Theorie, die Fahne des Marxismus-Leninismus hochhalten, daß wir dieser Fahne treu bleiben, und wir werden alle Probleme unserer Zeit zu lösen vermögen. Denn wir sind erfüllt von der unbesiegbare Kraft der Erkenntnis: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie richtig ist.“

Quelle:
Fred Oelßner: Der Marxismus der Gegenwart und seine Kritiker, Dietz Verlag, Berlin, 1948, S.7-10 und 157.

Zitate:
[1] W.I. Lenin, „Marx-Engels-Marxismus, Ausgewählte Aufsätze“, Dietz Verlag, Berlin 1946, S. 48-49. (oder: W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: W.I. Lenin, Ausgew.Werke in sechs Bänden, Bd.II, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1980, S.329)
[2] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Berlin 1983. S.828.

Nachbemerkung:
Das Buch von Fred Oelßner ist gerade deswegen heute so aktuell, weil kurz nach dem 2.Weltkrieg eine Situation entstanden war, die geradezu nach einer Lösung drängte. Der deutsche Faschismus war maßgeblich durch die Sowjetunion zerschlagen worden, die Moral des Volkes lag am Boden, die Städte waren zerstört und man mußte von vorn beginnen. Die antifaschistisch-demokratische Umwälzung, die 1945 im Osten Deutschlands zur Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher geführt hatte, ließ eine revolutionäre Situation heranreifen, die letztlich die Grundlage dafür bildete, daß in der DDR der Sozialismus aufgebaut werden konnte.
Marxismus
Ausführlich geht Genosse Oelßner auf die folgenden Fragen ein:

I. WAS IST MARXISMUS?
1. Die marxistische Philosophie
– Der philosophishe Materialismus
– Die materialistische Dialektik
2. Der historische Materialismus
3. Die ökonomische Lehre des Marxismus
– Die Werttheorie
– Die Krisentheorie
– Kapital und Mehrwert
– Die Krisentheorie
– Die Tendenz der kapitalistischen Entwicklng
4. Der Sozialismus
5. Die Staatstheorie des Marxismus
6. Die Taktik des proletarischen Klasenkampfes
7. Der kämpferische Charakter des Marxiwmus
8. Die Geschlossenheit des Marxismus

II. DER LENINISMUS
1. Die Aufgaben der Marxisten zu Beginn des 20.Jahrhunderts
2. Die leninsche Etappe der marxistischen Philosophie
3. Die Weiterführung der ökonomischen Lehre des Marxismus
4. Die Theorie der sozialistischen Revolution
5. Der Aufbau des Sozialismus in einem Lande
6. Die marxistische Staatstheorie bei Lenin und Stalin
7. Strategie und Taktik des Proletariats
8. Die Lehre von der Partei
9. Die internationale Bedeutung des Leninismus

III. KRITIK und Verfälschung des Marxismus in der Gegenwart
IV. GEGENWARTSAUFGABEN der marxistischen Theorie

Siehe auch:
Walter Ulbricht: Warum Marxismus-Leninismus?
Der Sozialismus war und ist lebensfähig
Über Perspektiven im gesellschaftlichen Leben
Thomas Mann: Der Antikommunismus, die Grundtorheit unserer Epoche

2 Gedanken zu “Was ist Marxismus?

  1. Lieber Norbert, wiederum ein ausgezeichneter Beitrag – das Bild finde ich irre schön!
    Ich habe vorgestern von so einem Papstgetreuen hier auf den blog-Seiten einen Beitrag zu der Thematik – Sozialismus und „Mauer“ – gelesen. Ich verstehe noch heute nicht, weshalb ich dies Geschreibsel bis zum Ende verfolgt habe, obwohl mir bereits nach den ersten Sätzen klar war, was da kommen würde! Alles fernab jeder Wirklichkeit – sowohl im Zusammenhang mit Glaubensfragen und erst recht im Zusammenhang mit historisch wissenschaftlich begründeten Erkenntnissen – vom tatsächlichen Leben in der DDR ganz zu schweigen! Mein Innenleben kann ich Dir gar nicht beschreiben – da war nur blanke Wut und Empörung!!! Solchen Leuten müßte man Deine Argumentationen entgegenhalten!!!
    Wenn ich so etwas lese, denke ich immer, daß ich auf irgendeinem fremden Stern gelebt haben muß!
    Insofern kann ich nur immer wieder betonen, daß Deine präzisen und fundierten Gedanken wahrer Goldstaub sind!!
    Ich grüße Dich aus diesen Landen hier – Marita.

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  2. Liebe Marita,
    Ich war heute seit langem wieder mal in einem Buchladen. Die faschistische Literatur versteckt sich heute hinter ganz anderen Namen und ist so subversiv, daß man’s gar nicht gleich merkt. Da wird ein Massenmörder wie Breivig mit Verständnis umworben, da wird Auschwitz bagatellisiert, da werden Geschichten über angebliche Stasifoltermethoden erfunden usw. usf. Bücher über Bücher… Der ganze, große Rest ist seichte, wirlichkeitsfremde Unterhaltungsliteratur über irgendwelche mittelalterlichen oder heutigen Schicksale… Nunja! liebe Marita, aber bedenke bitte auch eines: Wer keine Freude mehr empfindet, der schadet seinem Innenleben. Es wird eine neue Zeit kommen!!!
    Herzlich!
    Norbert.

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