Über Perspektiven im gesellschaftlichen Leben

PerspektiveLeningrader Perspektiven – Der Nowoismailowskij Prospekt um 1960 (Foto: I.Holland)

Unter einer Perspektive versteht man im allgemeinen zweierlei: zum einen die Aussicht auf eine Gegend oder in die Zukunft, zum anderen die Lehre von der Darstellung von Gegenständen auf einer gegebenen Fläche, wie sie von einem bestimmten Standpunkt aus nach Gestalt und Farbe dem Betrachter erscheinen. Doch das letztgenannte soll uns hier nicht so sehr interessieren. Wichtiger sind die Perspektiven des gesellschaftlichen Lebens. Gibt es eine solche Perspektive? Und wenn ja, worin besteht sie? In seinem Buch über „Die Freude als Mittel der Erziehung“ schreibt Hans Berger: „Die Perspektive ist eine besondere Weise der Einstellung des Menschen auf seine Zukunft. Die Frage nach den Perspektiven einer persönlichen oder gesellschaftlichen Entwicklung stellen heißt, sich mit dem zukünftigen Schicksal einer Person, einer Klasse, eines Volkes zu beschäftigen.“ [1] Ohne eine klare Perspektive wird jeder Versuch, eine Änderung im gesellschaftlichen Leben herbeizuführen, im Ansatz steckenbleiben, weil es heute nicht mehr um die Frage eines verbesserten Kapitalismus gehen kann, sondern nur noch um die Entscheidung: Sozialismus – oder Barbarei! Stalin bezeichnete die Frage der Perspektive als „eine der wichtigsten Fragen unserer Partei“. [2] Die Kommunisten haben darauf eine klare Antwort.

Wie kann man eine sinnvolle Perspektive gewinnen?

Ganz einfach. Um in die Zukunft sehen zu können, muß man die gesellschaftlichen Zusammenhänge und Hintergründe, die jeweiligen Interessen der Menschen in der Gegenwart erkennen und die Abläufe und ihre Ursachen aus der Vergangenheit verstehen. Das wiederum ist nicht ganz so einfach, denn die derzeit herrschende Klasse unternimmt alles nur Denkbare, um sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit mit dem Schleier der Apologetik der derzeitig herrschenden Gesellschaftsordnung zu versehen. Apologetik heißt: „theoretische Rechtfertigung und Verteidigung historisch überlebter Anschauungen, Interessen und Zustände“ [3]. Dazu Hans Berger: „Wenn man die Perspektiven einer bestimmten gesellschaftlichen oder persönlichen Entwicklung erfassen will, muß Klarheit über die gesellschaftlichen Kräfte und deren objektiven Entwicklungstendenz herrschen, aus denen sich das Ziel ihrer Entwicklung notwendigerweise ergibt. Nur aus dieser Erkenntnis heraus kann auch eine wissenschaftlich fundierte Überzeugung von der Möglichkeit der Realisierung der Perspektiven gewonnen werden. Nicht jeder Vorstellung, die sich insbesondere Individuen, aber auch Klassen und Völker von ihrer Zukunft machen, liegt jedoch die Erkenntnis objektiver Entwicklungsgesetze zugrunde. Sehr oft werden die Perspektiven von den verschiedensten materiellen und kulturellen gesellschaftlichen und individuellen Beweggründen bestimmt, die im Gegensatz zum historischen Fortschritt stehen. Immer jedoch bleiben sie, wie jede Bewußtseinsform, Ausdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ [4]

Jeder Mensch hat eigene Zukunftsvorstellungen

Karl Marx und Friedrich Engels haben sich eingehend mit der Frage nach dem Ursprung gesellschaftlicher Perspektiven befaßt. Die Begriffe: Ideal, Bestimmung und Beruf sind ein Ausdruck dieser Gedanken, die sich jeder Mensch irgendwann einmal über seine eigene, individuelle Zukunft macht. Marx und Engels schreiben:
Beruf

Diese Ausführungen zeigen sehr deutlich, wie die verschiedenartigen Existenzbedingungen, in die die Menschen hineingestellt sind, ihr Handeln und ihre Zukunftsvorstellungen bestimmen. Häufig schaffen sich bestimmte Personen oder Menschengruppen ihre eigenen Idealvorstellungen, streben im Interesse ihrer eigenen, zukünftigen Entwicklung nach der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse. Doch sind diese verschiedenartigen Wünsche lediglich aus der jeweiligen Situation heraus entstanden. Sie sind oft subjektiver Natur, den jeweiligen Interessen untergeordnet und stehen nicht immer im Einklang mit der historischen Notwendigkeit.
oktoberfest…sind das die Perspektiven der heutigen Jugend?

Mit einem klaren Ziel in die Zukunft

Stalin hat sich dazu mehrfach und sehr ausführlich geäußert: „Wir können nicht vorwärtsschreiten, wenn wir nicht wissen, wohin wir schreiten müssen, wenn wir das Ziel der Bewegung nicht kennen. Wir können nicht ohne Perspektiven bauen, ohne die Gewißheit, daß wir, nachdem wir begonnen haben, unsere sozialistische Wirtschaft zu bauen, sie auch wirklich aufbauen können. Ohne klare Perspektiven, ohne klare Ziele kann die Partei den Aufbau nicht leiten. Wir können nicht nach Bernsteins Rezept leben: Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts. Wir, als Revolutionäre, müssen im Gegenteil unseren Vormarsch, unsere praktische Arbeit dem wichtigsten Klassenziel, dem proletarischen Aufbau, unterordnen. Tun wir das nicht, dann geraten wir unvermeidlich und unbedingt in den Sumpf des Opportunismus.

Ferner. Ohne klare Perspektiven für unseren Aufbau, ohne die Gewißheit, daß der Sozialismus errichtet werden wird, können die Arbeitermassen nicht bewußt an diesem Aufbau teilnehmen, können sie die Bauernschaft nicht bewußt führen. Ohne die Gewißheit, daß der Sozialismus errichtet werden wird, kann es keinen Willen zum Aufbau des Sozialismus geben. Wer hätte Lust zu bauen, in dem Bewußtsein, daß der Bau doch nicht vollendet wird? Daher führt ein Fehlen der sozialistischen Perspektiven für unseren Aufbau dazu, daß der Wille des Proletariats zu diesem Aufbau unvermeidlich und unbedingt geschwächt wird.“ [5]

Erst mit dem Sozialismus verschwinden die zahlreichen, auf die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft gerichteten wertlosen Perspektiven, und sie werden ersetzt durch echte Zukunftsvorstellungen, die den humanistischen Idealen der Menschheit entsprechen.
(Soviel nur erst mal als Anfang. Dazu später mehr.)

Quelle:
[1] Hans Berger: Die Freude als Mittel der Erziehung, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1957, S.11.
[2] J.W. Stalin: Fragen und Antworten, Rede in der Swerdlow-Universität 9. Juni 1925, in: J.W. Stalin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1953, Bd.7, S.176.
[3] Meyer’s Lexikon A-Z, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1980, S.49.
[4] Hans Berger, a.a.O. S.12f.
[5] J.W. Stalin: Über die sozialdemokratische Abweichung in unserer Partei, in: J.W. Stalin, Werke, Bd.8, S.249f.

Siehe auch:
J.W. Stalin: Über die Schwierigkeiten der Perspektive
Kapitalismus: Eine verlorene Generation
Leben in der DDR – Lebensweise und Familie

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Man muß nicht alle Hunde auf Stalin hetzen!

Dr. Juri ShukowDer Historiker Dr. Juri Nikolajewitsch Shukow

Noch sind die Geschichtsfälschungen und Verleumdungen über die Rolle Stalins in der Geschichte der Sowjetunion nicht weniger geworden, schon ist ein erneuter Streit ausgebrochen. Der italienische Philosoph D.Losurdo schrieb ein Buch über Stalin, und die Reaktion eines trotzkistischen Professors erfolgte prompt. Letzterer erklärte die Auseinandersetzungen mit der Konterrevolution in den Jahren vor dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion kurzerhand für „antistalinsche Kämpfe“, für die „Fiktion“ eines Bürgerkrieges, den Stalin zum Anlaß genommen habe, um massenweise „die alten Bolschiki“ zu ermorden. Das ist natürlich Humbug und eine üble Verleumdung. Der bekannte russische Gelehrte Juri Shukow widerspricht im folgenden den am meisten verbreiteten Mythen über Stalin als „den Führer der Völker“.

Persönliches über Jurij Nikolajewitsch Shukow

Er wurde 1938 in der Moskauer Vorstadt Krasnogorsk geboren. Seine Ausbildung erhielt er an der Staatlichen Universität Moskau und am Historischen Archivinstitut. Er arbeitete im Staatlichen historischen Museum, in der Presseagentur „Nowosti“ und am Institut für Geschichte der UdSSR. Er ist Autor vieler Monographien und Bücher über die Geschichte des Landes und ihre politischen Führer, einschließlich „Der andere Stalin“, „Stalin: die Geheimnisse der Macht“, „Stalin: Operation Ermitage“. Heute ist er ein führender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Russische Geschichte an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Doktor der historischen Wissenschaften.

Juri Shukow
MAN MUSS NICHT ALLE HUNDE AUF STALIN HETZEN

Komsomolskaja Prawda, 22.12.2006

Wer zeichnet nur schwarz?

Frage: Jurij Nikolajewitsch, Sie beschäftigten sich seit zehn Jahren mit dem Studium des Lebens Stalins. In ihren Büchern widersprechen Sie oft den Schlußfolgerungen von Historikern und Schriftstellern, die Stalin ausnahmslos in schwarzen Farben darstellen. Wie erklären Sie sich das?

Shukow: Wer ein ehrlicher Forscher ist, der wird niemals in den Chor der ideologischen Gerechten des Regimes einstimmen. Ich gehe davon aus, daß in Jahren von 1991-93 die Beamtenschaft und die Bürokratie einen konterrevolutionären Umschwung vollzogen haben. Sie strebten nach absoluter Macht und leben jetzt genauso, wie auch die reichsten Menschen der Welt. Und das ganze Land versinkt im Elend. Was können sie dem Volk noch sagen? Daß das Leben ungerecht ist, und daß man es verändern muß? Nein! Sie sagen: Wenn es Euch nicht gefällt, dann könnt Ihr ja zu sowjetischen Verhältnissen zurückkehren. Dort gab es die ganze Zeit GULags. Und Stalin wird zur Personifikation der GULags gemacht. Aber kaum waren sie im Besitz der Wahrheit, so zeigte sich, daß nicht nur Stalin und nicht seine Gruppe, zu der auch Molotow, Wyschinski, Litwinow, Chrustschow, Postyschew, Ejche gehörten, die Initiatoren der Massenrepressalien waren, sondern auch jene Leute, die angeblich zu Opfern des Stalinschen Regimes erklärt wurden, und die für anderthalb Millionen Opfer der Repressalien tatsächlich verantwortlich sind.

Das ist „lahme“ Arithmetik

Frage: Sie behaupten, daß es nur anderthalb Millionen Opfer gab? Doch viele Fachleute, die sich mit diesem Problem beschäftigt haben, sagen uns, daß es Dutzende Millionen Opfer von Repressionen gab!

Shukow: Ich behaupte das nicht, sondern ich beziehe mich auf Angaben des Historikers Dr. Semskow, eines Mitarbeiters unseres Institutes. Er überprüfte und kontrollierte Hunderte Male die Dokumente, die anschließend von Kollegen aus anderen Ländern analysiert wurden. Und es gibt niemanden, der Ansprüche gegen die Angaben Semskows erhoben hätte. Was haben sich da einige dieser Spezialisten ausgedacht? Jeder, der bei Stalin eingesessen hat, wird zum Opfer politischer Repressalien gemacht. Dabei ist unwichtig, ob er eine deutschen Uniform trug, ob er Polizist war, ob er Dörfer angezündet hat (nicht einmal Chatyn* bildet da eine Ausnahme), oder ob er sowjetische Menschen erschoß. Er ist ein Opfer des Stalinregimes. Kriminelle, Banditen, Gewalttäter, Diebe, Diebe am Staatseigentum, ob sie nun ins Gefängnis kamen oder tatsächlich für Straftaten erschossen wurden, sind Opfer des Stalinregimes. Alle Hunde werden auf Stalin gehetzt. Wie es seinerzeit auch Chrustschow tat.

Frage: Warum?

Shukow: Chrustschow diskreditierte Stalin aus persönlichen Interessen, um seine unheimliche Teilnahme an den Massenrepressalien zu verbergen. Er hat sich als der Zweitblutdurstigste im Land erwiesen.

Frage: Und wer war der erste? Stalin?

Shukow: Nein – Robert Ejche, der Erste Sekretär des Nowosibirsker Gebietskomitees der Partei. Er war ein sehr grausamer Mensch. Kaum wurde etwas nicht erfüllt, befahl er zu erschießen!

Frage: Und warum war Chrustschow der zweite?

Shukow: Nachdem er Erster Sekretär des Moskauer Gebietskomitees der Partei geworden war, bat er darum, das Recht zu erhalten, 8½ Tausend zu erschießen, und 32.800 ins Lager zu deportieren.

Frage: Ist das dokumentarisch belegt?

Shukow: Und ob! Ich habe die Angaben aus den Dokumenten des Parteiarchivs entnommen, die datiert sind aus dem Jahre 1937. Ejche bat darum, 10.800 Menschen zu erschießen, und niemanden ins Lager zu schicken.

Frage: Und wen baten sie, Stalin?

Shukow: Nein, das Politbüro. Übrigens, als Chrustschow 1938 in die Ukraine geschickt wurde, bat er in Moskau, dort noch 20 Tausend Menschen zu erschießen! Und die Rede von angeblich 20 Millionen aus politischen Motiven Erschossenen ist eine zynische Lüge, die seinerzeit Alexander Jakowlew, Mitglied des Politbüros des ZK der KPdSU, eingeworfen hat. Diese heuchlerische Vermutung wird bis jetzt verwendet, um Schwindeleien über Stalin zu verbreiten und die Wahrheit zu verschweigen.

Ein Revisionist des Leninismus?

Frage: Und welche Wahrheit wird verschwiegen?

Shukow: Zum Beispiel die, daß Stalin noch Mitte der 30er Jahre – früher als andere – begriffen hatte, daß es eine Weltrevolution in überschaubarer Zukunft nicht geben wird. Er wich von diesem „heiligen“ Leninschen Postulat ab und entschied sich, das Volk vor allem darauf zu orientieren, das rückschrittliche Agrarland auf ein zivilisiertes Niveau zu heben. Von hier aus ging auch sein erfolgreicher Versuch, 1936 eine neue Verfassung zu schaffen. Vor einigen Tagen war das 70.Jubiläum dieser ersten demokratischen Verfassung. Stalin hat auch die utopische Präambel über die Weltrevolution aus seiner Verfassung entfernt! Aber das Auffallendste daran war jedoch, daß man in der Verfassung des Jahres 1936 eine Erwähnung der Kommunistischen Partei der Bolschewiki der Sowjetunion erst unter Artikel 126 finden kann! Und da wird sie als der Kern aller gesellschaftlichen Organisationen – und nicht mehr – erwähnt.

Frage: Legte Stalin damit Hand an das Heiligste aller Heiligen?

Shukow: Ganz richtig. Vom Standpunkt rechtgläubiger Kommunisten aus war er der Verräter der Sache Lenins und des Oktobers, also ein beliebiger Revisionist.

Die leise Wendung

Frage: Nach Ihren Worten zu urteilen, verfügte Stalin in jener Situation nicht über die ganze Machtfülle, sondern hielt sich sowohl an Veranlassungen von Prof. Preobrashenski (bekannter Ökonom und nächster Mitstreiter Trotzkis – Red.) als auch an die Kollegen der Partei. Das alles sieht irgendwie zweifelhaft aus…

Shukow: Das ist hier ein wichtiges Moment. Stalin wurde erst im Dezember des Jahres 1930 Staatsmann. Er wurde zu jenem Stalin, wie wir ihn heute kennen. Es geht darum, daß Stalin bis zum Dezember 1930 nur Generalsekretär der Partei war. Er beschäftigte sich nur mit reinen Parteifragen – organisatorisch und strukturell. Und diese Dinge reichten aus.

Frage: Und was geschah im Dezember 1930?

Shukow: Man kann sagen, es kam zu einer leisen staatlichen Wendung. Alle „Rechten“ und „Linken“ wurden aus der Macht entfernt. Ich denke nicht, daß es ohne Teilnahme Stalins geschah. Er bekam das erste staatliche Amt und wurde Mitglied der Verteidigungskommission des Staatsrates und hatte die Bestellungen für den Verteidigungshaushalt und die Ausführung dieser Bestellungen zu koordinieren.

Frage: Viele Historiker, und das ist nicht unbegründet, beschuldigen sowohl Stalin, als auch die Verteidigungskommission, daß sie nicht imstande waren, das Land ausreichend auf einen künftigen Krieg vorzubereiten.

Shukow: Ja, es gab Fehler. Und auch Stalin war daran schuld. Ich verneine das nicht. Aber man muß auch etwas anderes sehen: Stalin hat viel dafür getan, daß der Krieg für die UdSSR nicht unerwartet kam. Und dem großen Druck Stalins und seiner Anhänger ist es zu verdanken, daß man zum Ende des zweiten Fünfjahrplans begann, die Grundlagen für eine Verteidigungs-industrie zu schaffen, um vor dem Krieg alles das zu erzeugen, was uns im Endeffekt den Sieg erst ermöglichte.

Die Verschwörung

Frage: Aber Stalin hatte doch nicht nur Anhänger, sondern auch Gegner bei seiner Linie bei der Vorbereitung des Landes auf den Krieg. In einigen Dokumenten scheuten sie sich nicht, ihn einen „Rückzügler“ zu nennen.

Shukow: Ja. Gerade die Dokumente bieten uns die Möglichkeit, zu verstehen, was in Wirklichkeit geschah, und nicht nur Vermutungen zu anzustellen. Im Jahre 1934 wurde von der Zeitschrift «Bolschewik» (theoretisches Hauptorgan der Partei) ein Artikel Sinowjews (einer der Führer der kommunistischen Partei – Red.) veröffentlicht, der dem 20. Jahrestag des Anfangs des I. Weltkriegs gewidmet ist. Darin behauptete er: „Wir brauchen unsere Industrie nicht auf irgendeinen Krieg vorzubereiten. In Österreich wird es eine Revolution geben. Sie schlägt auf Deutschland und Frankreich über. Und das ganze Problem des Nazismus und des Krieges wird verschwinden.“ Stalin lehnte eine solche Fragestellung kategorisch ab. Er kritisierte ihre Anhänger. Und bald darauf begannen die Gegner Stalins, eine Verschwörung gegen ihn vorzubereiten.

Frage: Sind die Stalinschen Repressalien, die sich zu jener Zeit entfalteten, eine Reaktion gegen die Verschwörer oder nur das Streben des „Führers der Völker“ seine politischen Gegner zu entmachten? Es behaupten doch viele Historiker, daß Stalin kurz vor dem Krieg die Generalität total abgemäht hat.

Shukow: Das ist eine Unwahrheit. Es gibt Dokumente, in denen alle Militärs, gegen die Repressionen angewendet wurden, namentlich aufgezählt sind. Mehr als die Hälfte davon sind entweder Intendanten, Juristen oder Kommissare, das heißt solche, die zur höchsten Führung der Armee keine Beziehungen haben. Sie wurden aus der Masse des Volkes auch deshalb entfernt, weil die erste Welle der Verhaftungen mit der Verschwörung gegen Stalin verbunden war. Sie wurden vor allem deshalb beseitigt, weil sie an der Kremlverschwörung teilnahmen. Aber das Gerüst des Kommandos der Streitkräfte blieb erhalten.

Frage: Und nichtsdestoweniger schließt das die Hauptsache nicht aus: es gab Repressalien.

Shukow: Das verneine ich nicht. Der größte Fehler Stalins, der als Verbrechen bezeichnet wird, besteht darin, daß er im Jahre 1937, auf dem Juli-Plenum, dem Druck der Ersten Sekretäre nachgegeben hat und ihnen erlaubt hat, die Massenrepressalien zu beginnen.

Wer flüsterte ihm das ins Ohr?

Frage: Ich höre Sie da, und bei mir entsteht der Eindruck, daß Stalin so etwas wie der Handschuh auf der Hand der Initiatoren der Repressalien und der Erschießungen war. Und doch fällte er viele Entscheidungen selbst.

Shukow: Die Sache besteht darin, daß Stalin niemals selbst die wichtigsten Beschlüsse übernahm, die man gerne als ein Verbrechen darstellt. Er konsultierte sich mit Gleichgesinnten. Also, wer wird verneinen, daß Stalin nach dem Krieg dem Druck der Leute aus dem Parteiapparat nachgegeben hat, und den Hexentanz mit der Konfrontation, „den kalten Krieg“, veranstaltet hat. Die Städte, die Dörfer, die Betriebe und die Fabriken mußten wiederhergestellt werden. Und man hat ihn zum Rüstungswettlauf gedrängt.

Frage: Sie versuchen wieder zu beweisen, daß Stalin in seinen Beschlüssen nicht frei war und keinen Schritt ohne Ratgeber machte?

Shukow: Es war alles viel komplizierter. Stalin war ein gewöhnlicher Mensch, obwohl er über riesige Macht verfügte. Auf ihm lastete ständig der Druck einer riesenhaften Verantwortung für den Beschluß von Tausenden Fragen. Und doch wurde ihm nicht nur die Wahrheit berichtet, sondern nicht selten auch Lüge. Wie konnte man hier ohne Ratgeber auskommen? Es ist leicht, jetzt darüber hinweggehend von seinen Fehlern zu sprechen…

Frage: Viele Buchautoren und der Forscher behaupten, daß Stalin das Datum des Kriegsbeginns wußte, aber auf die Information der Nachrichtendienste nicht reagierte.

Shukow: Vor mir liegt das Buch Engländers Warren Campbell „Der Kriegsbeginn“. Der Autor schreibt auf Seite 296, wie Churchill alles Mögliche unternahm, damit die Deutschen das Bombardement Großbritanniens einstellen, um die Deutschen nach Osten zu lenken. Er wies seinen Nachrichtendienst an, einen falschen Brief mit seinem Namen der Nazi-Führung zu übergeben. Darüber, daß er zu separaten Verhandlungen bereit sei, jedoch unter einer Bedingung: die Deutschen sollen den Krieg gegen die UdSSR beginnen. Und die Deutschen haben diesem Gang Churchills nachgegeben und haben eben diesen Krieg gegen uns begonnen. Da haben hier unsere Spione Nichtprofessionalismus und aufrichtige Feigheit gezeigt. Statt die Information zu prüfen, brachten sie den Bericht der Agenten in „reiner Art“ auf den Tisch Stalins. Schweig und entscheide selbst. Und Stalin rätselte: wird es Krieg geben oder nicht? In diesem Jahr oder im folgenden?

Frage: Aber Sorge hat doch aus Japan fast den genauen Termin des Kriegsbeginns mitgeteilt?

Shukow: Alle scheinen zu vergessen, daß Sorge ein Doppelagent war und daß er auch für den deutschen Nachrichtendienst arbeitete. Deshalb vertraute Stalin ihm nicht.

Ein „Verräter“ der UdSSR?

Frage: Eine der bekanntesten Zeitschriften veröffentlichte einen Artikel, daß Stalin am Anfang des Krieges Stalin vermutlich darüber nachdachte, wie er Hitler die Hälfte des Landes zurückgeben und einen separaten Frieden unterschreiben könne.

Shukow: Ich würde allen diesen Fälschern unserer Geschichte empfehlen, ein Dokument darüber vorzulegen. Es gibt keine Dokumente.

Frage: Einige russische und ausländische Historiker und Schriftsteller behaupten, daß Stalin die Idee eines Präventivschlages gegen Hitler gehabt hätte…

Shukow: Zum Ende des Jahres 1941 haben wir 600 T-34 Panzer hergestellt. Nur 600! Also, wie hätte Stalin bei solch einer Lage an einen Angriff auf Deutschland denken können?

Victor BARANJEZ

Quelle: Komsomolskaja Prawda,
(Übersetzung: Karin Schwalbe)
* Chatyn (nicht Katyn!), ein kleines belorussisches Dorf, das von den Faschisten völlig niedergebrannt wurde, und die Einwohner wurden ermordet.

Nachbemerkung:
Der Beitrag dieses Historikers setzt natürlich Geschichtskenntnisse voraus. Man muß allerdings auch feststellen, daß einige der Behauptungen Juri Shukows hier nicht ganz den Tatsachen entsprechen. Wenn z.B. von „Massenrepressalien“ die Rede ist, wird Stalin kurzerhand mit Ejche, Chrustschow und Postyschew in eine Reihe gestellt, obwohl letztere zu Stalins Lebzeiten weder dem Politbüro angehörten, noch zu seinem engeren Kreis zu zählen sind. Stalin wurde auch nicht erst im Dezember des Jahres 1930 „Staatsmann“, sondern er hatte lange zuvor schon wichtige, führende Funktionen in der Partei Lenins inne. Beispielsweise wurde am 16. Oktober 1917 in der erweiterten Sitzung des ZK der Partei ein Parteizentrum mit J.W. Stalin an der Spitze zur Leitung des Aufstandes gewählt. Auch handelte Stalin mit der Verfassung von 1936 nicht wie ein „beliebiger Revisionist“, wie Shukow behauptet, sondern die Partei trug damit den neuen, veränderten Bedingungen des gewaltigen Sieges des Sozialismus in der UdSSR, als erstem Land in der Welt, Rechnung. Er unterstrich die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei beim Aufbau des Sozialismus und hob die wachsende Bedeutung des sozialistischen Staates hervor. Und was die „riesige Macht“ betrifft, über die Stalin verfügt haben soll (übrigens eine Formulierung aus dem angeblichen „Testament“ Lenins), so muß man sagen, daß keine einzige prinzipielle Entscheidung in der Partei ohne das Politbüro getroffen werden konnte. Kurzum: zu dem hier Gesagten wären nicht wenige Erklärungen und Richtigstellungen nötig. Wir haben uns aber trotzdem entschlossen, diesen Beitrag zu bringen, weil J.Shukow hier den Versuch unternimmt, der historischen Wahrheit Genüge zu tun.

Siehe auch:
L.Pribytkowa: Und Stalin
…und immer wieder über Stalin
Stalin ist der Prüfstein eines Marxisten
E.Hobsbawm: 2 x 10 Tage, die die Welt erschütterten
Die Lüge von den Stalinschen Massenmorden

… und die Täter waschen ihre Hände in Unschuld

(der Begriff „Täter“ ist zwar juristisch nicht ganz korrekt, aber wir können uns so besser vorstellen, was hier gemeint ist…)

Erwerblose Frau stirbt nach Leistungskürzung auf Null durch Jobcenter
Halle/Saale - SilberhöheHalle/Saale (Ostdeutschland), DDR-Neubaugebiet „Silberhöhe“

Anhören: http://www.blog.de/srv/media/dewplayer.swf?son=http://data6.blog.de/media/669/6626669_2555ba72a0_a.mp3

Kurzbeschreibung: Erwerblose Frau stirbt nach Leistungskürzung auf Null durch Jobcenter
Beitragsart: Kommentar
Sprache: deutsch
Redaktionsbereiche: Politik/Info, Arbeitswelt, Wirtschaft/Soziales
Produktionsdatum: 17.09.2012
Autor: Götz Rubisch
Radio: Radio Corax, Halle/S.
Unterberg 11
06108 Halle
fon: 0345/4700745, fax: 0345/4700746
info(at)radiocorax.de
Länge: 4:28 Minuten
Name/Größe: 20120917-nachrichten-50848.mp3 / 10489 kB
Dateiformat: MPEG-1 Layer 3, 320 kbit/s, Stereo, (44100 kHz)
Datum: 17.09.2012/09:01
Lizenz: Creative-Commons
Nichtkommerziell, Bearbeitung erlaubt, Weitergabe unter gleicher Lizenz erwünscht.

Übernommen von: von Grilleau @ Montag, Sep. 24, 2012 – 22:39:32
Titel: Nachrichten aus der beschädigten Welt

…nun vielleicht doch noch ein kleiner Nachtrag:
Wir wissen, daß in diesem kapitalistischem Staatswesen nicht die Menschlichkeit regiert, sondern das nackte Kalkül, die Berechnung, die Macht und das Geld – kurz gesagt: das Kapital. Darüber mag man nun verwundert sein oder auch nicht, wütend sein oder auch nicht. Die Kapitalisten finden das jedenfalls ganz in Ordnung so. Hinzu kommt daß ein Großteil der Menschen (also die Mehrheit) durch die fast ausschließlich pro-kapitalistische Beeinflussung, durch Äußerlichkeiten, wie Werbung, Medien, durch den „schönen Schein“ usw. stark beeinflußt ist, und sich mangels Alternative, mangels eigener anderer (und besserer!) sozialer Erfahrungen und Erlebnisse (wie z.B. eine Kindheit in der DDR) auch leicht vom Kapitalismus beeinflussen läßt. Viele Menschen sind leicht beeinflußbar, sie sind leicht zu überzeugen. Sie halten den heutigen Zustand für alternativlos. (Die Medien sorgen schon dafür, daß den Menschen jegliche sozialistische Alternative ausgeredet wird.) Wer dagegen diese Gesellschaft als abstoßend, brutal oder häßlich empfindet, und wer zudem subjektiv das Gefühl hat, dem Ganzen gegenüber wehrlos und hilflos ausgeliefert zu sein (vielleicht, weil er alleine ist und sonst niemanden hat), der gerät leicht in diese Verzweiflung hinein. Dagegen hilft natürlich keine (im übrigen: falsche und verlogene!) Therapie, sondern nur ein klarer proletarischer Klassenstandpunkt, das Bewußtsein, das die Welt veränderbar ist. Und natürlich auch der Mut, nicht aufzugeben in dieser Lage. Und darum: Proletarier aller Länder vereinigt euch….!

Walter Ulbricht – und was man lernen muß

Ulbricht und PieckWalter Ulbricht (1893-1973) mit dem Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck

Der sowjetische Literaturwissenschaftler Alexander Dymschiz, welcher sich große Verdienste beim kulturellen Aufbau in der DDR erwarb, schreibt über die Biographie Walter Ulbrichts: „Es gibt eine Erzählung über Walter Ulbricht, ein Buch, das seinen Weg von den Kinderjahren bis zum Aufstieg zu den Höhen staatsmännischer Tätigkeit nachzeichnet. Es wurde von dem großen deutschen Schriftsteller, dem treuen Kampfgefährten der deutschen Parteiführer Thälmann, Pieck, Ulbricht … geschrieben, von Johannes R. Becher. Es ist die letzte große Arbeit des Schriftstellers; sie erschien noch wenige Wochen vor seinem Tode.“ Hier nun ein Auszug aus diesem Buch:

Lehrzeit und Wanderjahre

1912 trat Walter Ulbricht in die Sozialdemokratische Partei ein. Durch diesen Eintritt fühlte er sich zum Besuch der Parteischule verpflichtet, denn er wußte, daß ein guter Genosse nur derjenige sein könne, der sich ernsthaft um die Vervollkommnung seiner theoretischen Ausbildung bemüht. Es ist charakteristisch für Walter Ulbricht, daß er weder in seinem Wissensdrang sich zu einer leeren Vielwisserei oder Besserwisserei verleiten ließ noch auch in seinem Sinn für das Praktische und seiner besonderen Befähigung für jede praktische organisatorische Tätigkeit in einen öden, prinzipienlosen Praktizismus verfiel.

Parteischule der SPD

An der Parteischule wurde zu jener Zeit im Zeichen des Revisionismus die Lehre von Engels und Marx bereits weitgehend entstellt. Die Kernfrage des Weges zum Sturz des Kapitalismus und zur Zerschlagung der bourgeoisen Staatsmacht wurde nicht behandelt, und mit keinem Wort wurde der hierauf bezügliche Brief von Karl Marx an Kugelmann vom 12. April 1871 erwähnt.[1] Die Lehre von Marx wurde in abstrakten Thesen dargestellt, ohne jede Beziehung zu den Klassenkämpfen in Deutschland. Das Neue in der Entwicklung des Kapitalismus zum Imperialismus war nicht „Gegenstand des Unterrichts“, obgleich in der Sozialdemokratischen Partei bereits ernsthafte Auseinandersetzungen über das Wesen des Imperialismus stattfanden. Ebensowenig war in der Parteischule die Rede von der russischen Revolution von 1905 und den sich aus ihr für die gesamte Arbeiterbewegung ergebenden Folgerungen. Die jungen Sozialisten, darunter auch Walter Ulbricht, waren sich selber überlassen, sie versuchten, sich in dem Streit der Parteimeinungen zurechtzufinden, und rangen um wissenschaftliche Erkenntnisse, die sie vom Standpunkt des unverfälschten Marxismus aus die neuzeitliche Entwicklung hätten begreifen lassen.

Diskussionen über den Kapitalismus

Zur damaligen Zeit hatten die bürgerlichen Studenten an der Universität Leipzig das Bestreben, mit jungen Arbeitern zu diskutieren. So wollten sie die Denkweise der Arbeiterklasse kennenlernen. Es kam zu einigen Zusammenkünften zwischen einer Gruppe Studenten und einer Gruppe von Mitgliedern der Arbeiterjugend, in denen über die kapitalistische Wirtschaft diskutiert wurde. Walter Ulbricht hatte nicht nur auf der Parteischule, sondern auch in der Zeit der Arbeitslosigkeit das Werk von Karl Marx „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ [2] und andere seiner Schriften, wie „Lohnarbeit und Kapital“ [3] usw., gelesen. In der Diskussion kamen die Studenten, wie Walter Ulbricht berichtet, bald in Bedrängnis, denn sie konnten das Marxsche Wertgesetz [4] nicht widerlegen und waren nicht in der Lage, den von Marx entdeckten Bewegungsgesetzen des Kapitalismus eine überzeugende Konzeption entgegenzustellen. Was sie an der Universität gelernt hatten, stand in Widerspruch zu den Erkenntnissen der jungen Arbeiter, die diese mit Hilfe des Marxismus aus ihren eigenen Erfahrungen, insbesondere in der Zeit der Arbeitslosigkeit, gewonnen hatten. In der Sozialdemokratie war damals eine große Diskussion über den Imperialismus im Gange. Die rechten Führer, wie zum Beispiel Noske, unterstützten die Kolonialpolitik. Die Frage der Erhaltung des Friedens spielte in den sozialdemokratischen Organisationen eine große Rolle.

Quelle:
Johannes R. Becher: Walter Ulbricht – Ein deutscher Arbeitersohn, Dietz Verlag Berlin, 1961, S.33-35.

Anmerkungen:
[1] siehe: Karl Marx: Marx an Kugelmann am 12. April 1871, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden (AW6), Dietz Verlag Berlin, 1988, Bd.IV, S.442f.
(In diesem Brief wies Marx darauf hin, daß es nicht möglich sei, die bürokratisch-militärische Maschinerie der Bourgeoisie zu übernehmen, sondern daß man sie zerbrechen müsse. Über den heroischen Kampf der französische Revolutionäre schrieb Marx:

„Wenn sie unterliegen, so ist nichts daran schuld, als ihre ‚Gutmütigkeit’…“
Und warum waren sie so ‚gutmütig’? „Man wollte den Bürgerkrieg nicht eröffnen…“ )
[2] Karl Marx: Zur Kritik der Poitischen Ökonomie (Vorwort), in: KarlMarx/Friedrich Engels, AW6, Bd.II, S.501-506 und Karl Marx: Das Kapital, Kritik der Politischen Ökonomie. Erster Band, AW6, Bd.III, S.153-455.
[3] Karl Marx: Lohnarbeit und Kapital, Karl Marx/Friedrich Engels, AW6, Bd.I, S.551-593.
[4] Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, in: AW6, Bd.III, S.94.
(Wertgesetz: „…der Wert einer Ware verhält sich zum Wert einer anderen Ware wie das Quantum der in der einen Ware dargestellten Arbeit zu dem Quantum der in der anderen Ware dargestellten Arbeit.“)

Siehe auch:
W.Ulbricht: Karl Marx hatte recht!
W.Ulbricht: Warum Marxismus-Leninismus?

Eine eher nebensächliche Anmerkung:
Auch heute tun sich immer wieder gewisse „Zeitzeugen“ damit hervor, indem sie ihr Wissen marktgerecht in Form von Büchern an ein sensationsgieriges Publikum verkaufen. Nichts anderes ist auch das im Juni 2013 erschienene, und von der ‚jungen Welt‘ hochgelobte Buch eines gewissen Krenz, der Walter Ulbricht noch persönlich kennengelernt hatte, weil er ihm vielleicht einmal die Tür aufhalten durfte, und der selbst jedoch einen unleugbaren Anteil am späteren Verrat der DDR hatte, indem er den Volksverräter und Ganoven Gorbatschow in Moskau besuchte, ihm die Hand reichte, und ihm die Zustimmung gab zum Verkauf der DDR. Viel aufrichtiges ist davon nicht zu erwarten, eher eine weitschweifige Rechtfertigung eigener Dummheiten und zeitgemäßer Blindheit. … und daß Ulbricht am Ende ‚eigensinnig‘ gewesen sei! … Eine ewig lächelnde, unwichtige Person wie Krenz wurde plötzlich zum ‚Generalsekretär‘ der SED. Aber was hätte er angesichts eines derart selbstgerechten Politbüros (mit Mittag, Naumann, Wolf und anderen Renegaten ‚an der Spitze‘) auch tun sollen. Zuviel der Erwartungen, und zuviel der Ehre! Nunja, der Abend ist stets klüger als der Morgen.

Clara Zetkin: Über die Frauenarbeit

Die immer wieder aufkommenden Diskussionen um eine Frauenquote oder um die Gleichstellung bzw. die gleiche Entlohnung der Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft sind durchaus nicht neu. So äußerte sich schon 1889 die Abgeordnete der Arbeiterinnen von Berlin, Clara Zetkin, dazu wie folgt:

Die Frauenarbeit war von vornherein billiger als die männliche Arbeit. Der Lohn des Mannes war ursprünglich darauf berechnet, den Unterhalt einer ganzen Familie zu decken; der Lohn der Frau stellte von Anfang an nur die Kosten für den Unterhalt einer einzigen Person dar, und selbst diese nur zum Teil, weil man darauf rechnete, daß die Frau auch zu Hause weiterarbeitet außer ihrer Arbeit in der Fabrik. Ferner entsprachen die von der Frau im Hause mit primitiven Arbeitsinstrumenten hergestellten Produkte, verglichen mit den Produkten der Großindustrie, nur einem kleinen Quantum mittlerer gesellschaftlicher Arbeit. Man ward also darauf geführt, eine geringere Arbeitsfähigkeit bei der Frau zu folgern, und diese Erwägung ließ der Frau eine geringere Bezahlung zuteil werden für ihre Arbeitskraft. Zu diesen Gründen für billige Bezahlung kam noch der Umstand, daß im ganzen die Frau weniger Bedürfnisse hat als der Mann.
Frauenarbeit HaitiAutomobilindustrieArbeit bis ins AlterNäherin
Was aber dem Kapitalisten die weibliche Arbeitskraft ganz besonders wertvoll machte., das war nicht nur der geringe Preis, sondern auch die größere Unterwürfigkeit der Frau. Der Kapitalist spekulierte auf diese beiden Momente: die Arbeiterin so schlecht wie möglich zu entlohnen und den Lohn der Männer durch diese Konkurrenz so stark wie möglich herabzudrücken. In gleicher Weise machte er sich die Kinderarbeit zunutze, um die Löhne der Frauen herabzudrücken; und die Arbeit der Maschinen, um die menschliche Arbeitskraft überhaupt herabzudrücken.

Das kapitalistische System allein ist die Ursache, daß die Frauenarbeit die ihrer natürlichen Tendenz gerade entgegengesetzten Resultate hat; daß sie zu einer längeren Dauer des Arbeitstages fuhrt, anstatt eine wesentliche Verkürzung zu bewirken; daß sie nicht gleichbedeutend ist mit einer Vermehrung der Reichtümer der Gesellschaft, das heißt mit einem größeren Wohlstand jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, sondern nur mit einer Erhöhung des Profites einer Handvoll Kapitalisten und zugleich mit einer immer größeren Massenverarmung. Die unheilvollen Folgen der Frauenarbeit, die sich heute so schmerzlich bemerkbar machen, werden erst mit dem kapitalistischen Produktionssystem verschwinden.

Der Kapitalist muß, um der Konkurrenz nicht zu unterliegen, sich bemühen, die Differenz zwischen Einkaufs (Herstellungs) -preis und Verkaufspreis seiner Waren so groß wie möglich zu machen; er sucht also so billig wie möglich zu produzieren und so teuer wie möglich zu verkaufen. Der Kapitalist hat folglich alles Interesse daran, den Arbeitstag ins Endlose zu verlängern und die Arbeiter mit so lächerlich geringfügigem Lohn abzuspeisen wie nur irgend möglich. Dieses Bestreben steht in geradem Gegensatz zu den Interessen der Arbeiterinnen, ebenso wie zu denen der männlichen Arbeiter. Es gibt also einen wirklichen Gegensatz zwischen den Interessen der Arbeiter und der Arbeiterinnen nicht; sehr wohl aber existiert ein unversöhnlicher Gegensatz zwischen den Interessen des Kapitals und denen der Arbeit.

Quelle:
Clara Zetkin: Für die Befreiung der Frau, Rede auf dem Internationalen Arbeiterkongreß zu Paris, 19. Juli 1889, in: Ausgewählte Reden und Schriften, Bd.1, Dietz Verlag Berlin 1957, S.7f.

Siehe auch:
Klara Zetkin: Wider den sozialdemokratischen Revisionismus

Das Studium

MaoMaoTse-tung (1893-1976) war ein chinesischer Politiker und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Chinas. Er nahm aktiv an der Bauernbewegung 1924/27 teil, als Führer einer der ersten Einheiten der chinesischen Roten Armee war er maßgeblich an der Errichtung von Sowjetgebieten in China beteiligt und wurde 1931 zum Vorsitzenden der Provisorischen Demokratischen Regierung für die Sowjetgebiete gewählt. Nach der Beratung in Zunyi 1935 während des „Langen Marsches“ übernahm Mao Tse-tung faktisch die Führung der KP (1945 Wahl zum Vorsitzenden des ZK der KP Chinas). Nach dem verräterischen, revisionistischen XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956, wo Chruschtschow mit massiven Verleumdungen und Beschuldigungen gegen Stalin auftrat, kam es zu scharfen ideologischen Kontroversen zwischen der KP Chinas und der Führung der KPdSU. Ebenso wie der albanische Arbeiterführer und KP-Vorsitzende Enver Hoxha hatte auch Mao Tse-tung den Verrat der Revisionisten erkannt und dagegen Stellung genommen. Welche Bedeutung hat das alles heute noch für uns? Um die historischen Zusammenhänge zu erkennen und die Gesetzmäßigkeiten in der heutigen kapitalistischen Gesellschaft zu verstehen, ist es unumgänglich, sich mit dem Studium der Lehren des Marxismus-Leninismus zu beschäftigen. Darauf wies Mao Tse-tung bereits 1938 hin.

DAS STUDIUM
von Mao Tse-tung

Eigentlich müssen alle Kommunisten, die ein entsprechendes Ausbildungsniveau haben, die Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin, die Geschichte unseres Volkes, den Zustand und die Entwicklungstendenzen unserer gegenwärtigen Bewegung studieren. Daneben ist durch sie die Schulung jener Kommunisten zu organisieren, deren Kulturniveau relativ niedrig ist. Besonders zu unterstreichen ist, daß sich alle leitenden Parteifunktionäre verstärkt und die Mitglieder des Zentralkomitees sowie die höchsten leitenden Kader besonders eifrig mit dem Studium befassen müssen. Eine Partei, die die Führung einer großen revolutionären Bewegung innehat, ohne die revolutionäre Theorie zu kennen, ohne die Geschichte zu kennen, ohne die praktische Bewegung gründlich zu verstehen, kann keinen Sieg erringen.

Die Theorie von Marx, Engels, Lenin und Stalin ist für die ganze Welt richtig. Aber diese Theorie darf man nicht als Dogma, man muß sie als Anleitung zum Handeln betrachten. Man darf das Studium des Marxismus-Leninismus nicht auf das Auswendiglernen bloßer Formeln hinauslaufen lassen; man muß ihn als die Wissenschaft von der Revolution studieren. Man muß nicht nur die von Marx, Engels, Lenin und Stalin im Ergebnis ihres allseitigen Studiums des wirklichen Lebens und der revolutionären Erfahrungen gezogenen Schlußfolgerungen in bezug auf die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten begreifen, sondern auch ihr Herangehen und ihre Methode der Analyse und der Lösung von Fragen meistern.

Quelle:
Mao-Tsetung: Ausgewählte Schriften in vier Bänden, Dietz Verlag Berlin 1956, Bd.2, S.264f.
(übersetzt aus dem Russischen von Leon Nebenzahl)

Was ist Ehrlichkeit?

Ehrlichkeit

ehrlich

Die Ehrlichkeit ist Kennzeichen solcher Äußerungen, Denk- und Verhaltensweisen (von einzelnen und Kollektiven), die ausdrücken, was man für wahr und richtig hält – selbst wenn das im Augenblick unerwünschte persönliche Folgen haben könnte. Ehrliches Verhalten richtet sich auch gegen Unehrlichkeit anderer. Täuschung in der Schule z.B. vertuscht Schwächen, die nur durch gemeinsame Anstrengungen zu überwinden sind.
Ehrlichkeit ist eine entscheidende Grundlage der Selbsterziehung, gegenseitigen Vertrauens, kameradschaftlicher Kritik und Hilfe und damit hoher Leistungen. Sie ist eine Bedingung der Entwicklung sozialistischer Kollektive und der gesamten sozialistischen Gesellschaft. Imperialistische Politik ist stets unehrlich, weil sie uns über ihre menschenfeindlichen Ziele zu täuschen versucht. Unter persönlicher Drohung oder gegen Vergünstigungen auszuplaudern, was reaktionären Interessen dienen kann, ist nicht Ehrlichkeit, sondern Verrat.

Quelle: Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1976, S.173.
Zeichn.: Gustave Doré, Im Namen der ehrlichen Leute, VEB Verlag der Kunst Dresden, 1955.

Philosophisches: Was ist Wahrheit?

FrageNicht selten gibt es prinzipielle Unklarheiten über elementare philosophische Begriffe. Das liegt im allgemeinen daran, daß weder in den Schulen noch in Bildungsanstalten ein besonderes Interesse daran besteht, daß die Jugend die Hintergründe und Zusammenhänge gesellschaftlicher Prozesse begreift. Deshalb wenden wir uns hier einmal einem grundlegenden Begiff zu, dem Begriff der WAHRHEIT, und zwar aus Sicht der marxistisch-leninistischen Philosophie:

1. Allgemeines

Die Frage nach der Wahrheit gehört zu den zentralen Problemen der Philosophie und wurde von den verschiedensten Schulen und Denkern unterschiedlich beantwortet. Es sind die Fragen nach dem Begriff von Wahrheit (Wahrheitsdefinition) und nach deren Kriterium zu unterscheiden: Bei der Frage nach dem Begriff der Wahrheit kann man in einem ersten alltagssprachlichen Zugang die „Wahrheit“ grundsätzlich von der Falschheit, der Lüge oder dem Irrtum abgrenzen. In der Aussagenlogik ist jeder Aussage ein Wahrheitswert zugeordnet, eine Aussage ist entweder „wahr“ oder „falsch“. Bei zusammengesetzten Aussagen kann dieser Wahrheitswert nach formalen Regeln aus den Wahrheitswerten der Teilaussagen ermittelt werden. Doch zuerst muß man natürlich die Frage stellen: Ist die Welt überhaupt erkennbar oder nicht? Diese Frage ist die Grundfrage aller Philosophie. Und danach entscheidet sich, ob jemand einen materialistischen oder einen idealistischen Standpunkt einnimmt. Aus der Sicht des dialektischen Materialismus ist die Welt erkennbar. Sie existiert außerhalb und unabhängig von uns Menschen. Und wir verfügen über die Fähigkeit, unsere Umgebung wahrzunehmen, zu erkennen und praktisch zu verändern. Das ist – kurz gesagt – auch der Sinn und Zweck unseres Daseins.

Karl Marx: „Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“ (Karl Marx: Thesen über Feuerbach. MEW Bd.3, S.5. oder: Marx/Engels, AW6, Bd.1, S.196)

2. Definition der Wahrheit

Wahrheit ist eine philosophische Kategorie, welche die Adäquatheit der Erkenntnis, d.h. ihre Übereinstimmung mit dem Erkenntnisobjekt charakterisiert. Im Erkenntnisprozeß gibt es verschiedene Stufen. Zunächst gibt es die sinnliche, dann die rationale Erkenntnisstufe. Sinnliche Abbilder, d.h. Empfindungen und Wahrnehmungen, sind infolge ihres unmittelbaren Charakters, bedingt durch die Gesetzmäßigkeit ihrer Entstehung, ihrer Natur gemäß immer adäquat. Anders gesagt: Sie sind eine relativ adäquate Widerspiegelung der objektiven Realität im Bewußtsein des Menschen. Diese Abbilder können folglich auch nicht falsch sein. Erst auf der Ebene der rationalen Erkenntnis (begriffliche Ebene) gibt es sowohl adäquate als auch nichtadäquate Abbilder, da sich die Erkenntnis bei der weiteren Verarbeitung der Sinneseindrücke, durch Abstraktion und Verallgemeinerung, allmählich von ihrer unmittelbaren Verbindung mit der objektiven Realität löst. Im Unterschied zu Empfindungen und Wahrnehmungen können Aussagen (und alle hierauf beruhenden Erkenntnisformen wie Begriffe, Urteile oder Schlußfolgerungen) wahr oder auch falsch sein. (siehe G.Klaus/M.Buhr, Hrsg.: Philosophisches Wörterbuch, VEB Biblographisches Institut Leipzig, 1975, Bd.2, S.1273f.)

3. Zwei Aspekte des Wahrheitsproblems

Es gibt eine relative und die absolute Wahrheit. W.I. Lenin charakterisierte diesen Zusammenhang wie folgt: „1. Gibt es eine objektive Wahrheit, d.h. kann es in den menschlichen Vorstellungen einen Inhalt geben, der vom Subjekt unabhängig ist, der weder vom Menschen noch von der Menschheit abhängig ist? 2. Wenn ja, können dann die menschlichen Vorstellungen, die die objektive Wahrheit ausdrücken, sie auf einmal, vollständig, unbedingt, absolut oder nur annähernd, relativ ausdrücken? Diese zweite Frage ist die Frage nach dem Verhältnis von relativer und absoluter Wahrheit.“ (Lenin, Werke Bd.14, S.116 oder: Materialismus und Empiriokritizismus) Die Erkenntnis schreitet also im Laufe der Zeit immer weiter fort, wird genauer, tiefgründiger und nähert sich immer mehr der Wahrheit an. In dem Verhältnis von relativer und absoluter Wahrheit kommt also der historische Charakter des Erkenntnisprozesses zum Ausdruck.

4. Was ist das Kriterium der Wahrheit?

Woran können wir feststellen, ob eine Behauptung wahr ist? René Descartes meinte, Klarheit und Deutlichkeit sei bereits ein hinreichendes Kriterium der Wahrheit. Doch oft genug in der Geschichte der Wissenschaft schienen Thesen klar und deutlich, die sich später als falsch herausstellten. Die Überprüfung der Wahrheit erfordert unbedingt den Vergleich der Erkenntnis mit dem Erkannten, also mit der objektiven Realität. Wie können wir einen solchen Vergleich vornehmen? Wir könnten es tun, indem wir die Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und Erkenntnisobjekt zum Gegenstand eines speziellen Erkenntnisvorganges machen. Dieser erfordert seinerseits die gleiche Überprüfung, der nächste ebenso usw., das heißt, wir würden uns auf ein unendliches Unternehmen einlassen, ohne zur Entscheidung zu kommen. Die Wahrheit von Aussagen und Thesen kann folglich nur in einem Prozeß überprüft werden, der das Bewußtsein des Subjekts mit der Welt der Objekte direkt verbindet. Das geschieht aber nicht im Bewußtsein, sondern in der gesellschaftlichen Praxis des Menschen.(siehe: Hahn/Kosing, Studienjahr der FDJ, Marxistisch-leninistische Philosophie, Bln. 1978, S.249)

Lenin: „Die Herrschaft über die Natur, die sich in der Praxis der Menschheit äußert, ist das Resultat der objektiv richtigen Widerspiegelung der Erscheinungen und Vorgänge der Natur im Kopfe des Menschen, ist der Beweis dafür, daß diese Widerspiegelung (in den Grenzen dessen, was uns die Praxis zeigt) objektive, absolute, ewige Wahrheit ist.“
(W.I. Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, LW, Bd. 14, S.187)

Die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft

Familie1914Die Familie, so lesen wir im Leipziger Brockhaus-Lexikon von 1914, sei die
„natürliche Grundform alles gesellschaftlichen Lebens.“ [1] Stimmt das eigentlich noch?
Im Kapitalismus, in dem wir heute leben, sind gesellschaftliche Strukturen und damit auch die Formen des Zusammenlebens der Menschen ständigen Veränderungen unterworfen. Nicht nur, daß sich der Klassenwiderspruch zwischen Lohnarbeitern und den Kapitalisten weiter zuspitzt, nicht nur, daß Selbständige und Kleinunternehmer in die Abhängigkeit oder in die Arbeitslosigkeit getrieben werden, nicht nur, daß die Verelendung bestimmter Teile der Gesellschaft zunimmt, auch die familiären Verhältnisse verändern sich. Die Gewalt der Tatsachen, so schreibt Karl Marx, zwang dazu, „endlich anzuerkennen, daß die große Industrie mit der ökonomischen Grundlage des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit auch die alten Familienverhältnisse auflöst.“ [2] Oder, anders gesagt: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ [3] (In der DDR waren wir da schon mal weiter, aber darauf kommen wir noch zu sprechen.)

Die Familienverhältnisse sind also abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen, den sozialökonomischen Verhältnissen, und diese Verhältnisse haben sich über Generationen, im Laufe der Jahrhunderte erheblich gewandelt. Und es ist auch klar, daß die sozialistische Gesellschaftsordnung, wo das Privateigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln, also die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wurde – wie eben beispielsweise in der DDR – die besten Möglichkeiten für ein harmonisches und geordnetes Familienleben bietet. Sicherlich gab es auch damals familiäre Streitigkeiten, es gab Ehescheidungen und Konflikte, doch niemals war die Nicht-Aufrechterhaltung einer zerbrochenen Ehe für einen der beiden Partner (heute fast immer für die Frauen) mit existentiellen Nöten verbunden, niemals gab es Scheinehen oder Zweckehen, die lediglich einem der beiden Partner (teils erhebliche) finanzielle Vorteile verschaffen.

I. Die Ehe im Kapitalismus

Eine Umwandlung der patriarchalischen Form der Einzelehe vollzog sich erst im Zeitalter des Kapitalismus, in dem sich Bourgeoisie und Proletariat als Klassen gegenüberstehen. Mit dem Sieg des Kapitalismus und der modernen Technik wurden bei zunehmender Arbeitsteilung viele Dinge des täglichen Bedarfs in Fabriken hergestellt. Die moderne Industrie, die in der Lage war, die Produkte billiger herzustellen als die Hauswirtschaft, entzog der Frau einen Zweig ihrer alten Tätigkeit im Haushalt nach dem anderen. Zugleich aber zwang die Industrie die gesamte Familie des Arbeiters Tag und Nacht in ihren Dienst. Die Löhne waren so gering, die Not in den Arbeiterfamilien, stieg derart, daß Frauen und selbst Kinder gezwungen waren, in harter Fabrikarbeit ihre Gesundheit zu opfern.

Zerrüttete Familienverhältnisse

Da fast alle Mitglieder einer proletarischen Familie genötigt waren, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht – voneinander getrennt – in den Fabriken zu arbeiten, lernten sie ein Familienleben, das jedem einzelnen Mitglied Stütze und Halt gibt, kaum kennen. Übrig blieb im wesentlichen nur die gemeinsame Schlafstätte. Immer geringer wurde in diesen Familien der Einfluß der Frau auf die Erziehung der Kinder. Diese Verhältnisse trugen notwendigerweise dazu bei, die Familienbande bei den Arbeitern immer mehr aufzulösen. Karl Marx sagte darüber im. „Kommunistischen Manifest“: „Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden.“

Das Familienverhältnis als Geldverhältnis

In den Kreisen der Bourgeoisie, die im Laufe des 19.Jahrhunderts das Handwerkertum aus seiner bisherigen Stellung verdrängte, wurde die Ehe zunehmend ein Geldgeschäft. Das gleiche traf für die Aristokratie zu, die ebenfalls dazu überging, nach kapitalistischen Grundsätzen zu wirtschaften. Marx schrieb daher im „Kommunistischen Manifest“: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein Geld-Verhältnis zurückgeführt.“ Viele besitzlose Frauen des Bürgertums bekamen diese Wahrheit schmerzlich zu spüren und lehnten sich dagegen auf. Die bürgerliche Frauenbewegung kämpfte um Hebung des sittlichen Niveaus in. der Ehe, sie bekämpfte — jedoch erfolglos — die Prostitution und die verlogene Moral der Bourgeoisie bei außerehelichen Beziehungen. Sie setzte sich für die Kameradschaftsehe ein, die auf der freien Übereinkunft der beiden Partner ohne staatliche Registrierung basieren sollte.

Die Zivilehe

Die Eheschließung wurde seit dem Sieg des Kapitalismus nach und nach in den einzelnen Staaten auf dem Standesamt vollzogen, in Deutschland seit 1875. Ein bestimmtes Mindestalter der Partner blieb die Vorbedingung. Offiziere brauchten noch eine dienstliche Genehmigung; Lehrerinnen und andere weibliche Angestellte mußten bei der Verheiratung den Beruf aufgeben. Die Zivilehe, die nun an die Stelle der kirchlich eingesegneten Ehe trat, trug immer noch patriarchalischen Charakter. Im französischen Code civil (Bürgerliches Gesetzbuch), der 1804 unter Napoleons Herrschaft eingeführt wurde, sind die Vorrechte des Ehemanns der Frau gegenüber eingehend festgelegt. Sie sichern ihm das Recht zu, über Handlungen seiner Frau zu bestimmen. Auch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch ( BGB ) vom Jahre 1900 hält in seinen Grundzügen am patriarchalischen Charakter der Ehe fest. Das äußert sich im Erbrecht, in Prägen der Erziehung sowie in den Bestimmungen Über die Ehescheidung, die nun zwar möglich wurde, aber durchaus als Entehrung der Frau galt.
Am_Strand…vor 100 Jahren — Familie am Strand

Da aber im Kapitalismus infolge der fortschreitenden Technisierung, Arbeitsteilung und Vereinfachung des Arbeitsprozesses Frauen zu Millionen den Haushalt verließen und einen Beruf ergriffen, wurden zahlreiche Frauen wirtschaftlich selbständig. Auch die Erziehung der Kinder wurde vom 19. Jahrhundert an zum großen Teil von öffentlichen Schulen übernommen. Die bisherige wirtschaftliche Grundlage der Familie hatte sich damit entscheidend gewandelt. Es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch auch die bisherige gesellschaftliche Stellung des Mannes als Oberhaupt der Familie erschüttert wurde. Wenn auch das ehemals übliche Familienleben durch die Tätigkeit der Frau in der Fabrik zerstört worden war, so war andererseits der erste Schritt zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frau und zur Umwandlung der Ehe und Familie getan. Marx schrieb darüber im „Kapital“: „So furchtbar und ekelhaft die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern und jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses der Geschlechter.“

Die sozialistischen Parteien wurden der Boden, auf dem die Proletarierinnen um ihre volle Gleichberechtigung kämpften. In Deutschland hatte ihnen August Bebel durch sein Werk „Die Frau und der Sozialismus“ den Weg in die Zukunft gewiesen. Unter der Führung von Clara Zetkin errangen die Frauen beachtliche Erfolge auf dem Gebiet des Mutterschutzes, der Kindererziehung und der Verkürzung der Arbeitszeit. Die Sozialisten waren sich darüber klar, daß im Kapitalismus eine neue Form der Ehe und Familie, die auf der Gleichberechtigung der Geschlechter, der gegenseitigen Hochachtung und Hilfsbereitschaft beruhen mußte, nicht möglich war. Eine Änderung konnte nur durch den Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung herbeigeführt werden, wie es durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution von 1917 geschah.

II. Ehe und Familie in der sozialistischen Gesellschaftsordnung

Ehe und Familie sind von entscheidendem Einfluß auf des Leben der Menschen, auf ihr Verhalten als Mitglieder der Gesellschaft. Andererseits prägt die Gesellschaft wiederum Inhalt und Form von Ehe und Familie. Die gesellschaftlichen Veränderungen haben sich auch auf die persönlichen Beziehungen der Menschen ausgewirkt. Der Charakter der Ehe- und Familienverhältnisse hat sich im Laufe der historischen Entwicklung gewandelt und wandelt sich noch. Es gilt, die Ehe- und Familienformen so zu gestalten, daß sie den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaftsordnung entsprechen. Die Bestrebungen aller sozialistischen Staaten gehen dahin, in Gesetz und Recht die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Aber das allein genügt nicht; es ist auch die Aufgabe jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, selbst an der Gestaltung der neuen Ehe mitzuwirken. In dieser Hinsicht muß aber bei vielen Menschen noch eine Umformung des Bewußtseins stattfinden, überholte Anschauungen und Reste kleinbürgerlicher Einstellung müssen beseitigt werden. Das Verhalten des einzelnen zur Ehe und zur Familie ist nicht nur seine persönliche Angelegenheit; jeder ist zugleich ein Glied der größeren Gemeinschaft, der Gesellschalt und des Staates, auf die sich sein Handeln auswirkt.

Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus

Kapitalismus: In der Ausbeutergesellschaft werden auch die familiären Verhältnisse von den Gesetzen des Privateigentums bestimmt. Einmal werden Frau und Familie als „Eigentum“ des Mannes betrachtet, da sie wirtschaftlich und rechtlich von ihm abhängig und seinen Entscheidungen unterworfen sind. Zum anderen tritt die Frau, ihre Persönlichkeit, ihr menschlicher Wert vor dem Ökonomischen Nutzen, den sie ihrem Mann einbringt, zurück. Oft „heiratet“ er ein Gut, eine Fabrik, ein Geschäft, ein Handwerksunternehmen. Die Folge davon sind Verfall und Demoralisierung von Ehe und Familie in der bürgerlich-kapitalistischen Welt, die in der katastrophalen Zunahme der Scheidungen, dem erschreckenden Anwachsen der Prostitution und dem auffälligen Rückgang der Geburtenziffern ihren Ausdruck finden.

Sozialismus: In der sozialistischen Gesellschaft sind Ehe und Familie befreit von der Vorherrschaft ökonomischer Prinzipien. Die Ehe hat aufgehört, ein Geschäft zu sein. Im Vordergrund stehen die persönlichen Beziehungen der Familienmitglieder. Mann und Frau treten sich als gleichberechtigte Partner gegenüber. Liebe und Achtung bilden die sittlichen Grundlagen der sozialistischen Ehe. Damit sind die Voraussetzungen dafür gegeben, daß die Ehe ihren eigentlichen Sinn erfüllen kann, eine wirkliche Liebes- und Lebensgemeinschaft zu sein. Gegenseitiges Vertrauen und Verstehen, gegenseitige Hilfe, Unterstützung und Förderung und aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dienen der gemeinsamen Entwicklung der Ehegatten. Die Angelegenheiten, die in der Ehe früher nur vom Mann entschieden wurden, werden nun in gegenseitigem Einverständnis geregelt. Wahre eheliche Liebe ist auch nicht zu trennen vom gesellschaftlichen Inhalt der Ehe, eine Familie zu gründen und die Kinder zu gesunden, gemeuischaftsfähigen, fortschrittlichen Menschen, zu künftigen Gestaltern der Gesellschaft zu erziehen.

Die Familie in der DDR

Der sozialistische Staat hat das größte Interesse an gesunden Familienverhältnissen, die dem einzelnen festen inneren Halt geben und eine Quelle der Kraft und der Schaffensfreude sind. Vor allen steht die Aufgabe, das Ehe- und Familienleben so zu gestalten, daß es — getragen von den Grundsätzen der sozialistischen Moral — nicht nur die individuellen Bedürfnisse der Menschen befriedigt, sondern mit den gesellschaftlichen Interessen und Aufgaben in Einklang steht.

Die berufstätige Ehefrau

Die sozialistische Gesellschaftsordnung gibt jeder Frau die Möglichkeit zur Mitarbeit in Staat, Wirtschaft und auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Das bedeutet die Befreiung der Frau aus der engen Welt des Haushaltes mit der ausschließlichen Sorge um Wirtschaft, Kinder und Ehe. Über die Enge des „Kochtopfhorizontes“ hinaus wird sie die gleichberechtigte, selbständige, wirtschaftlich unabhängige Partnerin des Mannes, die auch seiner Arbeit aufgeschlossener gegenübersteht. Sie kann sich aktiv am Aufbau des neuen Lebens beteiligen. Nur eine Frau, die sich ständig entwickelt, den Kreis ihrer Interessen erweitert, ihr Wissen vergrößert und somit ihr geistiges und kulturelles Niveau ständig erhöht, wird sich auf die Dauer Reiz und Anziehungskraft bewahren können und immer aufs neue das Gefühl der Liebe erwecken, das durch die monotone Einförmigkeit des Familienlebens leicht erlischt. Erst so wird sie dem Manne auf allen Gebieten des Lebens wirkliche, verständnisvolle Gefährtin sein können.

Gegen die Haussklaverei der Frau

Es genügt aber nicht, der Frau diese Rechte gesetzmäßig zu sichern; sie muß auch davon Gebrauch machen können. Das Hauptproblem für die berufstätige Frau besteht darin, ihr Recht auf Berufsausbildung und Berufsausübung mit ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter in Übereinstimmung zu bringen. Für die meisten Frauen ist es heute schon selbstverständliches Bedürfnis geworden, einen Beruf auszuüben, auch wenn sie verheiratet sind. Jedoch ist es zur Zeit noch häufig der Fall, daß die Frau durch die Doppelbelastung mit Beruf und Haushalt ihre Kräfte übermäßig erschöpft. Treffend hat Lenin die Lage der Frau und die sich daraus ergebenden Forderungen geschildert: „Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird unterdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und ihre Spannkraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit vergeuden läßt. Die wahre Befreiung der Frauen … wird erst dort und dann beginnen, wo und wann der Massenkampf gegen diese Kleinlichkeit der Hauswirtschaft oder richtiger ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Großwirtschaft beginnt.“

Eine der vordringlichsten Aufgaben beim Aufbau des Sozialismus wird es deshalb sein, alle nur möglichen wirtschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, um die Frau von den häuslichen Arbeiten wirksam zu entlasten. [4]

In den Jahren 1964 bzw. 1976 konnte man in der DDR bereits feststellen:
„In der DDR sind auf diesem Gebiet schon viele staatliche und betriebliche Einrichtungen geschaffen worden, die eine wesentliche Erleichterung für die berufstätige Hausfrau und Mutter bedeuten. Kinderheime und Kindertagesstätten, Horte und Krippen nehmen ihr einen Teil der Sorge um die Kinder ab. Betriebsessen und Schulspeisung sichern die Mittagsmahlzeiten der Familienmitglieder, die Verkaufsstelle im Betrieb erleichtert das Einkaufen.“ [5] und: „Wirtschaftliche Gesichtspunkte, die in der bürgerlichen Gesellschaft für die meisten Familiengründungen ausschlaggebend sind, treten in der sozialistischen Gesellschaft völlig zurück, da der Staat Familie und Ehe durch großzügige Maßnahmen schützt und fördert, z.B. durch die Maßnahmen zur Unterstützung junger Ehen, wie sie im 5.Plenum des ZK der SED 1972 beschlossen wurden.“ [6]

Quellen:
[1] Karl Marx, Das Kapital, Dietz Verlag, Berlin 1983, Bd.I, S.513.
[2] Brockhaus, Kleines Konversationslexikon (2 Bd.), F.A. Brockhaus, Leipzig, 1914, Erster Band, S.557.
[3] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunsitischen Partei, in: Marx/Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1988, Bd.I, S.419.
[4] Irene Uhlmann (Hrsg.): Kleine Enzyklopädie Die Frau, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1961, S.50ff.
[5] ebd. S.62.
[6] Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1976, S.222.