Die „Neue Ökonomische Politik“ in der Sowjetunion (1921-1925)

Und Lenin hatte recht behalten:
NEP

Aus dem Rußland der NÖP wird das sozialistische Rußland werden. (LENIN)

Gelegentlich hört man, daß die Sowjetunion kurz nach dem Sieg der Oktoberrevolution wieder zu kapitalistischen Wirtschaftsmethoden zurückgekehrt sei, weil diese angeblich besser funktionierten. Das zeugt jedoch von wenig Sachkenntnis. Der X.Parteitag faßte den Beschluß, die Ablieferungspflicht durch die Naturalsteuer zu ersetzen und zu einer neuen ökonomischen Politik überzugehen. Damit war es privaten Unternehmern gestattet, kleine Betriebe zu eröffnen.

Die Neue Ökonomische Politik (NÖP) war eine von Lenin 1921 begründete Wirtschaftspolitik, die in dieser Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, unter den konkreten historischen Bedingungen im damaligen Sowjetrußland, absolut notwendig war. Warum? Die Partei war in ihrer ökonomischen Offensive bei der Beseitigung kapitalistischer Bastionen zu weit vorausgeeilt, ohne sich ihre rückwärtige Basis ausreichend gesichert zu haben. Die NÖP bestand – kurz gesagt – darin, daß der sozialistische Staat die Ware-Geld-Beziehungen, den Handel und das Geld- und Kreditsystem entwickelte, um

a) das Wachstum der Produktivkräfte zu beschleunigen,
b) das Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und den Bauern zu festigen,
c) die sozialistischen Elemente in der Wirtschaft zu stärken und
d) die Reste des Kapitalismus zu überwinden.

„Geschichtlich gesehen löste die NÖP in der Sowjetunion den Kriegskommunismus (1918/21) ab, der unmittelbar nach der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution im Kampf gegen die Konterrevolution und die ausländische imperialistische Intervention notwendig geworden war und im wesentlichen in der straffen militärischen Organisation der Produktion für die Front und in der totalen Ablieferungspflicht für landwirtschaftliche Erzeugnisse der Bauern bestanden hatte.“ [1]

Und im Handbuch der UdSSR liest man:

„Da jedoch die Diktatur des Proletariats nicht angetastet wurde und die ökonomischen Schlüsselpositionen in den Händen der Sowjetmacht verblieben, gewährleistete die NÖP den Sieg der sozialistischen Elemente über die kapitalistischen.“ [2]

So konnten schließlich in allen wichtigen Bereichen der Volkswirtschaft sozialistische Produktionsverhältnisse geschaffen werden. Es hat sich gezeigt, daß dies in der nachrevolutionären Periode im wesentlichen für alle Länder gültig ist.

F. Kosmin
Zur Politik der Kommunistischen Partei nach der Oktoberrevolution

In der Periode des Übergangs zur friedlichen Arbeit, zur Wiederherstellung der Volkswirtschaft {1921-1925) vollzog die Partei der Bolschewiki die schwierige Wendung von der Politik des Kriegskommunismus zur Neuen Ökonomischen Politik {NÖP) und stärkte auf der neuen ökonomischen Grundlage das Bündnis der Arbeiter und Bauern. Der historische Beschluß des X.Parteitages der KPR( B ) (1921) über den Übergang von der Ablieferungspflicht zur Naturalsteuer, über den Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik, deren Schöpfer und Initiator Lenin war, sicherte das feste ökonomische Bündnis der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zum Aufbau des Sozialismus. „In dieser Wendung vom Kriegskommunismus zur NÖP trat die Weisheit und Weitsicht der Leninschen Politik in ihrer ganzen Größe zutage.“ [3] Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen Politik führte die Partei der Bolschewiki mit Lenin und Stalin an der Spitze eine Taktik des zeitweiligen Rückzugs durch, eine Taktik der Sammlung der Kräfte und Mittel für eine neue, entschiedenere Offensive gegen den Kapitalismus. „Wir ziehen uns jetzt zurück, wir gehen gleichsam zurück, aber wir tun das, um uns zuerst zurückzuziehen, dann aber einen Anlauf zu nehmen und einen um so größeren Sprung vorwärts zu machen.“ [4]
Sucharewskaja

Der Große Sucharewski-Platz in Moskau während der NÖP (1924)

Bereits ein Jahr nach der Einführung der NÖP (1922) erklärte Lenin auf dem XI.Parteitag der KPR( B ), daß der Rückzug beendet sei, und stellte die Aufgabe, die Kräfte umzugruppieren, um auf der Grundlage der Wahrung und Stärkung des Zusammenschlusses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zur entschiedenen Offensive gegen das Privatkapital überzugehen. Ohne Stärkung des Bündnisses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, ohne Stärkung der führenden Rolle der Arbeiterklasse in diesem Bündnis war eine Stärkung des Sowjetstaates und ein siegreicher Aufbau des Sozialismus unmöglich. „Es gilt, uns eng mit der Bauernmasse, mit der einfachen werktätigen Bauernschaft zusammenzuschließen und zu beginnen, uns vorwärts zu bewegen, zwar unvergleichlich, unendlich langsamer, als wir es geträumt haben, dafür aber so, daß die ganze Masse wirklich mit uns vorwärts schreiten wird. Dann wird auch zur gegebenen Zeit eine solche Beschleunigung dieser Bewegung einsetzen, von der wir augenblicklich nicht einmal träumen können“. [5] Der XI.Parteitag der KPR( B ) war der letzte Parteitag, dem W.I. Lenin beiwohnte und den er unmittelbar leitete. Auf dem XI.Parteitag gab Lenin eine sehr hohe Einschätzung der leitenden Tätigkeit J.W. Stalins im Zentralkomitee der Partei und in den beiden äußerst wichtigen Volkskommissariaten: dem Volkskommissariat für nationale Angelegenheiten und dem Volkskommissariat für die Arbeiter- und Bauerninspektion. Am 3.April 1922 wählte das Zentralkomitee auf Lenins Vorschlag Stalin, den besten and treuesten Schüler und Kampfgefährten Lenins, zum Generalsekretär des ZK der Partei. Seit dieser Zeit arbeitete J.W. Stalin ununterbrochen auf diesem Posten.

Die Trotzkisten, die Bucharin-Leute und die anderen Oppositionellen waren der Auffassung, daß die NÖP lediglich ein Rückzug sei. Sie hielten den Sieg des Sozialismus im Sowjetlande für unmöglich und steuerten auf die Wiederherstellung des Kapitalismus hin. Stalin definierte das Wesen der Neuen Ökonomischen Politik auf dem XIV. Parteitag der KPdSU( B ) mit den Worten: „Die NÖP ist eine besondere Politik des im Besitz der Kommandohöhen befindlichen proletarischen Staates, berechnet auf Zulassung des Kapitalismus, berechnet auf den Kampf zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Elementen, berechnet auf die wachsende Rolle der sozialistischen Elemente zum Nachteil der kapitalistischen, berechnet auf den Sieg der sozialistischen Elemente über die kapitalistischen, berechnet auf die Abschaffung der Klassen, auf die Herstellung des Fundamentes der sozialistischen Wirtschaft.“ [6] In seiner Rede vor dem Plenum des Moskauer Sowjets am 20.November 1922 zog Lenin die Bilanz des fünfjährigen Bestehens der Sowjetmacht und brachte die feste Zuversicht zum Ausdruck, daß „aus dem Rußland der NÖP das sozialistische Rußland werden wird“ [7]

Im Dezember 1922 wurde auf dem I.Unionskongreß der Sowjets auf Vorschlag Lenins und Stalins die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gebildet. Die Bildung der UdSSR bedeutete einen gewaltigen Sieg der Lenin-Stalinschen Politik der Partei der Bolschewiki in der nationalen Frage und eine weitere Stärkung der Sowjetmacht.

Zitate:
[1] Gottschalg/Just/Schlegel (Hrsg.): Jugendlexikon Politische Ökonomie, VEB Bibliographisches Institut Leipzig; 1981, S.138
[2] Autorenkoll.: Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Handbuch, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1971, S.233.
[3] Geschichte der KPdSU ( B ), Kurzer Lehrgang, Dietz Verlag Berlin 1951, S.319.
[4] Lenin, Werke, Bd.XXVII, S.351; deutsch: Lenin, Ausgewählte Werke, Bd.9, Moskau-Leningrad 1936, S.406.
[5] Lenin, ebd., S.231/232; deutsch: Lenin, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd.II, Moskau 1947, S.920.
[6] Stalin, Politischer Rechenschaftsbericht des ZK an den XIV.Parteitag der KPdSU ( B ), 1935, S.252/253; deutsch: ebd., Berlin 1951, S.98-99)
[7] Lenin, Werke, Bd. XXVII, S.366; deutsch: zitiert nach Geschichte der KPdSU ( B ), Kurzer Lehrgang, Berlin 1951, S.326.

Quelle:
Wawilow/Woroschilow/Wyschinski/Lebedew-Polanski/Losowski/Petrow/Rotstein/Schmidt (Herausgeberkollektiv): Große Sowjetenzyklopädie, Verlag Kultur und Fortschritt Berlin, 1952, Bd.II, S.1760f.


Und hier noch ein Zitat von Stalin zur Neuen Ökonomischen Politik (NÖP):
„Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes … Können die kapitalistischen Länder, zumindest die entwickeltsten von ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerläßlich.“
(J.W.Stalin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1954, Bd.11, S.128.)

(Die NÖP war also ein zeitweiliges Zugeständnis gegenüber den kapitalistischen Elementen im Lande, weil ohne sie nach dem Bürgerkrieg die Basis für den sozialistischen Aufbau nicht zu errichten war.)

2 Gedanken zu “Die „Neue Ökonomische Politik“ in der Sowjetunion (1921-1925)

  1. Gerade die NÖP wird von den Anhängern des Kapitalismus dazu genutzt um zu beweisen, dass Lenin nicht mehr am Sozialismus geglaubt habe und das Stalins Wirtschaftspolitik eine Abkehr von Lenins Prinzipien sei. Welch eine Lüge!

    Das Wissen über die NÖP ist sehr wichtig. Es gibt heutzutage keine richtigen sozialistischen Staaten mit Planwirtschaft. China, Kuba, Vietnam haben Mischformen von Plan- und Marktwirtschaften. Ihr Vorbild ist die NÖP. Diese Staaten müssen alle untersucht werden, ob sie nicht schon zu kapitalistisch geworden sind und ob der Aufbau des Sozialismus in diesen Staaten unter den heutigen realen Gegebenheiten möglich ist. Stichwort Rückverstaatlichung.

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