Achtung: Dein Hirn betrügt dich… oder wer?

Die Täuschung ist eingeplant, und sie ist nahezu perfekt. Doch wer betrügt hier wen?
Je mehr die Absatzmärkte in den kapitalistischen Ländern zurückgehen, der Umsatz einbricht und die Hersteller auf riesigen Mengen unverkäuflicher Produkte sitzenbleiben, um so mehr suchen sie nach Tricks und Methoden, um die „Kauflaune“ der Kunden zu heben, und doch noch an den Mann oder an die Frau zu bringen, was sonst in den Lagern verschimmeln würde oder einfach weggeworfen wird. Kaufentscheidungen werden heute mehr und mehr von psychologischen Wirkfaktoren bestimmt, denen ausgeklügelte Marketingstategien der Hersteller zugrunde liegen. Nicht nur, daß Farben, Symbolik, Aufdruck, Design und Verpackung der Produkte bestimmte Qualitätsmerkmale assoziieren, um den Wünschen der Verbraucher zu entsprechen – unübersehbar werden scheinbar oder tatsächlich die Preise nach unten korrigiert, Schnäppchen feilgeboten, kleine Geschenke verteilt und „zinslose“ Kredite gewährt. Reihenweise veranstalten die Händler sogenannte „Aktionen“ und „Räumungsverkäufe“. Sie bombardieren die Radiohörer, Fernsehzuschauer und Internetnutzer mit Werbebotschaften, um ihnen, den erhofften Kunden, dennoch das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie verkaufen billigen Wein in attraktiven, neuen Schläuchen, reden von „Rekordumsätzen“ und sie betrügen den Verbraucher, wo immer es nur geht. Aber nicht nur das: es geht um die Lähmung des Widerstand der werktätigen Klassen. Es geht um die Massenmanipulation im heutigen Imperialismus!

So werden Bedürnisse geweckt…

Fangen wir beim einfachsten an. Die ZIELE der Käufer – davon ist man überzeugt – beeinflussen die Kaufentscheidung. Unter dem Motto: „Have, Do, Be“ oder: „Haste was, dann biste was. Haste nix, dann biste nix !“ werden ganze Legionen Harvard-geprägter Psychologen für eine gezielte Vermarktung der Waren eingesetzt, in der Hoffnung, ein bis zwei Prozent besser zu sein als die Konkkurrenz und um neue Umsätze zu generieren. Der Kunde kauft, er schluckt sogar den höheren Preis („Ich bin zu arm, um billig einzukaufen!“) – und du glaubst, du brauchst es, und – du kaufst es. Du bist auf die Werbebotschaft hereingefallen. So werden vermeintliche „Bedürfnisse“ geweckt, oder besser gesagt: erzeugt. Dein Hirn hat dich betrogen … na, oder wer? Rekordumsätze in diesem Jahr??? Weit gefehlt – wenn da der Export nicht wäre. Und wenn alles das nicht zieht, dann hilft nur noch ein Krieg, die Annexion fremder Gebiete, eine Umverteilung der Absatzmärkte. Sei es nun Rußland mit seinen Bodenschätzen, Libanon mit seinem Ölreichtum oder eben Syrien. Die Bedürfnisse sind sehr deutlich erkennbar: Die herrschende Klasse in den imperialistischen Ländern will möglichst lange und unverändert, daß diese für sie so vorteilhaften Verhältnisse erhalten bleiben. Und um das zu erreichen, wird die werktätige Klasse verführt. Die Arbeiter sollen glauben, daß auch sie von diesem Wohlstand profitieren, wenn sie nur lange genug „mitspielen“. Dazu dient die Manipulation der Bedürfnisse.

Warum funktioniert eigentlich der Betrug?

Zu jeder Tages- und Nachtzeit „informieren“ die kapitalistischen Massenmedien ihre Bürger über die allerunmöglichsten Dinge. Und wichtige Themen werden in den Medien mit großangelegten Manipulationskampagnen vorbereitet. Wozu das alles? Es lenkt ab vom Wesentlichen und verwirrt die Zuschauer und Zuhörer, die am Ende von alledem nicht mehr wissen wollen. Und Meinungsumfragen sollen schließlich einerseits die Meinungen der Bevölkerung erfassen und wiedergeben, sie andererseits aber auch beeinflussen. Das ist bekannt und keineswegs verwunderlich. In Heft 43 (nl-konkret) schreibt L.Bisky*:
1. Die Bevölkerung ist auf die Massenmedien angewiesen. Der einzelne Bundesbürger kann sich ohne die Informationen der Medien kein Bild von den Ereignissen in der Welt machen
2. Die kapitalistischen Massenmedien arbeiten sehr geschickt. Die Bourgeoisie hat langjährige Erfahrungen in der Bewußtseinsmanipulation.
3. Das Bildungssystem und zahlreiche öffentliche Einrichtungen in den kapitalistischen Staaten bereiten die Manipulation vor und sind an ihr beteiligt. Erst im Zusammenwirken von Massenmedien und Bldungssystem sowie öffentlichen Einrichtungen wird jenes Ausmaß an Manipulation erreicht.
4. Aufgrund ihrer sozialen Lage kann die Mehrzahl der Arbeiter und Angestellten im Kapitalismus von sich aus kein wissenschaftlich fundiertes Klassenbewußtsein entwickeln, das eine Garantie gegen die Manipulation wäre.
[1]

Wie ist das nun mit den Zielen?

Wenn sich Menschen bestimmte Ziele setzen, so stecken dahinter immer bestimmte Motive, Absichten oder Interessen. Sie sind die Ursache und Anregung zum Handeln. Natürlich geht es dabei in erster Linie um menschliche Grundbedürfnisse (Nahrung, Kleidung, Wohnung). Späterhin spielen dann auch die geistig-kulturellen Bedürfnisse eine Rolle. Die Arbeitstätigkeit entstand aus der Notwendigkeit heraus, die vorhandenen materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Und schließlich wurde auch die Arbeit selbst zum Bedürfnis, dem nunmehr wichtigsten Bedürfnis überhaupt. Doch das war erst unter sozialistischen Verhältnissen realisierbar, erst nachdem die Arbeit tatsächlich frei geworden war, als sie sich – wie Stalin sagte – „aus einer schimpflichen und schweren Last, als die sie früher galt, in eine Sache der Ehre, in eine Sache des Ruhmes, in eine Sache des Heldentumes und des Heroismus verwandelte“ [2]. Erst die sozialistische Gesellschaft überwindet den Widerspruch, welcher sich im Kapitalismus aus der Anwendung materieller und ideeller Anreize zwangsläufig ergibt. Denn im Kapitalismus dienen alle Leistungsanreize letzlich der Profitgier der herrschenden Klasse. Naturgemäß unterscheiden sich daher auch die Ziele dieser Klasse von denen des Proletariats. Die Ziele der herrschenden Klasse im Kapitalismus sind klar: maximaler Profit in allen Lebensbereichen. Da beginnt bei der produktiven Arbeit und endet beim Einfluß auf das Konsumverhalten der Menschen. Mit welchen fiesen Tricks auch immer der Arbeiter ausgebeutet und zu Mehrarbeit gezwungen wird, und wie auch immer Werbestrategien ausfgebaut sind – ohne Manipulation, also ohne Betrug ist das nicht möglich. Die Ziele des Proletariats können daher nur sein, das Joch der Ausbeutung abzuwerfen und das Lügengespinst zu zerreißen, welches die herrschende Bourgeoisie bis in den letzten Winkel der Medienproduktion gezogen hat…

Und was hat das alles mit dem Denken zu tun?

Das ist genau die Frage. Von einigen Forschern wird heute in eloquenter Weise die Ansicht verbreitet, man müsse umdenken, um zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse zu kommen. Marx sei passé – vielmehr sei das Denken in eine Sackgasse geraten. Ein „systemischer“ Irrtum, eine Folge falscher Erziehung habe demnach zu katastrophalen Folgen geführt, was sich im Faschismus (speziell im sog. „Holocaust“) gezeigt habe. Eine solche grundfalsche, weil philosophisch-idealistische Vorstellung vertritt auch Prof.G.Hüther in der „Denkwerkstatt Zukunft“. Sie suggeriert, man könne allein schon durch eine „Änderung der Denkgewohnheiten“ eine Lösung der sich verschärfenden sozialen Mißstände und Probleme herbeiführen. Das ist philosophischer Idealismus! Es ist nicht neu, daß in diesem Zusammenhang gleich mit zum Generalangiff gegen Marx, Engels, Lenin und Stalin geblasen wird. Da sind die Urheber solcher Geschichten bisher nie um Worte (und Zitate!) verlegen gewesen. Sätze, die teils richtig sind, logisch erscheinen, teils verleumderischen Charakter tragen, was aber ohne detaillierte Sachkenntnis nicht zu widerlegen ist. Da wird Le Bon zitiert und auf aktuelle Tatsachen der Hartz4-Politik verwiesen, das ist durchaus berechtigt. Doch im Grunde geht es solchen Leuten um einen Angriff auf die Grundlagen der wissenschaftlichen Weltanschauung des Marxismus-Leninismus. „Marx lesen ist Zeitverschwendung“ schreibt beispielsweise so ein Lakai der Bourgeoisie. Da haben wir’s. Das also ist des Pudels Kern! Muß man sich auf derartige Scharmützel einlassen? Nein, das muß man nicht. Demagogie war schon immer ein scharfes Werkzeug des Klassenfeinds, wie auch immer er sich maskieren mag. Sein Ziel ist es, den Klassenkampf zu brechen; und am wirkungsvollsten geht das, indem man Marx „widerlegt“ oder sonstwie irgendwelcher schmutziger Machenschaften bezichtigt. Also, Vorsicht: „Dein Hirn betrügt dich“ (sobald der Klassenfeind sich Deines Denkens bemächtigt!)

Woher kommt nun das Klassenbewußtsein?

Sozialistisches Bewußtsein entsteht nicht von allein. „Man sagt“, schrieb Genosse Stalin, als er die Leninschen Ideen entwickelte, „daß die Arbeiterklasse in einigen Ländern selbst eine sozialistische Ideologie (den wissenschaftlichen Sozialismus) herausgearbeitet habe und sie auch in den übrigen Ländern herausarbeiten werde, weshalb es ganz überflüssig sei, sozialistisches Bewußtsein in die Arbeiterbewegung von außen hineinzutragen. Das ist jedoch ein schwerer Irrtum. Um den wissenschaftlichen Sozialismus herauszuarbeiten, muß man an der Spitze der Wissenschaft stehen, muß man mit wissenschaftlichen Kenntnissen gewappnet sein und es verstehen, die Gesetze der historischen Entwicklung eingehend zu erforschen. Die Arbeiterklasse aber, solange sie Arbeiterklasse bleibt, ist außerstande, an die Spitze der Wissenschaft zu treten, sie vorwärtszubringen und die historischen Gesetze wissenschaftlich zu erforschen: sie hat hierfür weder Zeit noch Mittel.“ [3] Lies weiter…

Quellen:
[1] Lothar Bisky: Geheime Verführer, Geschäft mit Shows, Stars, Reklame, Sex. Verlag Neues Leben Berlin (DDR), S.109.
[2] J.W. Stalin: Politischer Bericht des ZK an den XVI. Parteitag der KPdSU( B ), in: Werke, Bd.12, Dietz Verlag, Berlin 1949, S.276.
[3] J.W. Stalin, „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“, in: Werke, Dietz Verlag, Berlin, 1950, Bd.1, S.86.

Siehe auch:
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis
Null-Bock-Stimmung – oder: Macht Geld faul?
Was tun? (Über den Ausweg aus der gesellschaftlichen Misere)

Anmerkung:
* Der zitierte Autor ist eben jener Herr Bisky, der heute so erfolgreich zu den bürgerlichen Demokraten gehört. Vielleicht lehnt er es heute ab, wenn man ihn an das erinnert, was er 1980 schrieb. Immerhin ist das Abschwenken von marxistischen Positionen nicht nur in den Spitzen der sog. „Links“partei heute schon kein faux pas (kein Ausrutscher) mehr, sondern nahezu die Regel.

Amerikanisierung: Ein ernstes Warnungszeichen…

Man muß nicht viel dazu sagen. Michael Moore ist ein weithin bekannter Dokumentarfilm- und Buchautor, der einen Academy-Preis gewann. Die Filme ‚Fahrenheit 9/11‘, ‚Capitalism: A Love Story‘, ‚Bowling for Columbine‘ und ‚SiCKO‘ gehören zu seinen bekanntesten Werken. Wenn er vor der grassierenden Amerikanisierung warnt, dann hat das schon einiges Gewicht, auch wenn diese Zeitungsmeldung schon ein paar Jahre her ist. Aktuell ist sie allemal. Und das was Moore sagt,stimmt…
Moore über Amerikanisierung
Siehe auch:

http://www.michaelmoore.com
Mißbrauch der Gefühle
Geistige Manipulierung
Die antikommunistische Manipulierung der Schuljugend in der BRD

Warum der Faschismus auf fruchtbaren Boden fällt
Meinungsmanipulation im „Dritten Reich“

W.I Lenin: „Wir dürfen uns von der Kirchhofruhe in Europa nicht täuschen lassen…“

Ein Vortrag über die Revolution von 1905
von W.I. Lenin (gehalten im Januar 1917)

Jugendgenossen, Parteigenossen und -genossinnen!
Wir feiern heute den zwölften Jahrestag des „blutigen Sonntags“, der mit Recht als Beginn der russischen Revolution betrachtet wird. Tausende von Arbeitern – wohlgemeint keine Sozialdemokraten, sondern religionsfromme, kaiserfromme Leute – unter der Führung des Priesters Gapon gehen von allen Stadtteilen aus zum Zentrum der Hauptstadt, zum Platze vor dem Winterpalast, um dem Zaren eine Petition zu überreichen. Die Arbeiter gehen mit Heiligenbildern, und ihr damaliger Führer Gapon versicherte dem Zaren schriftlich, er bürge ihm für die Unverletzlichkeit seiner Person und bitte ihn, vor dem Volke zu erscheinen.
I. Wladimirow - Blutsonntag 1905
I. Wladimirow – Erschießung der Arbeiter 1905

Das Militär wird aufgeboten. Ulanen und Kosaken greifen die Menge mit der blanken Waffe an, es wird geschossen gegen die waffenlosen Arbeiter, die auf den Knien die Kosaken anflehten, sie zum Kaiser zu lassen. Nach polizeilichen Mitteilungen gab es mehr als tausend Tote, mehr als zweitausend Verwundete. Die Erbitterung der Arbeiter war unbeschreiblich. Das ist das allgemeine Bild des 22. Januar 1905, des blutigen Sonntags. (…) Eben in diesem Erwachen der ungeheuren Volksmassen zum politischen Bewußtsein und zu revolutionärem Kampfe besteht die geschichtliche Bedeutung des 22. Januar 1905.

Der Irrtum der Reformisten

„Es gibt noch kein revolutionäres Volk in Rußland“ – so hat zwei Tage vor dem „blutigen Sonntag“ der damalige Führer der russischen Liberalen geschrieben, Herr Peter Struve, der damals ein illegales, freies, ausländisches Organ herausgab. So absurd erschien diesem „hochgebildeten“, hochnäsigen und hochdummen Führer der bürgerlichen Reformisten die Idee, daß ein analphabetisches Bauernland ein revolutionäres Volk gebären kann! So fest waren die damaligen – ganz wie die heutigen – Reformisten davon überzeugt, daß eine wirkliche Revolution unmöglich sei! (…)

Plötzlich kam alles ganz anders…

In einigen Monaten sah es vollständig anders aus! Hunderte revolutionäre Sozialdemokraten wuchsen „plötzlich“ zu Tausenden an, Tausende wurden zu Führern von 2 bis 3 Millionen Proletariern. Der proletarische Kampf erzeugte eine große Gärung, teilweise eine revolutionäre Bewegung, innerhalb der Masse von 50 bis 100 Millionen Bauern, die Bauernbewegung erzeugte Sympathie im Heere und führte zu Militäraufständen, zu bewaffneten Kämpfen eines Teiles des Heeres gegen einen anderen Teil. So geriet das ungeheure Land mit 130 Millionen Einwohnern in die Revolution, so ist aus dem schlafenden Rußland das Rußland des revolutionären Proletariats und des revolutionären Volkes entstanden.

Wie die Revolution begann

Diesen Übergang gilt es zu studieren, seine Möglichkeit, seine sozusagen Methoden oder Wege gilt es zu begreifen. Das wichtigste Mittel dieses Übergangs war der Massenstreik. Die Eigentümlichkeit der russischen Revolution besteht eben darin, daß sie nach ihrem sozialen Inhalte eine bürgerlich-demokratische, nach ihren Kampfesmitteln aber eine proletarische war. Sie war bürgerlich-demokratisch, weil das, was sie unmittelbar erstrebte und unmittelbar, mit ihren eigenen Kräften, erreichen konnte, die demokratische Republik, Achtstundentag, Konfiskation des enormen Großgrundbesitzes der Adligen war – alles Maßnahmen, die die bürgerliche Revolution in Frankreich in den Jahren 1792 und 1793 zum großen Teil verwirklicht hat.

Das Proletariat als führende Kraft

Die russische Revolution war gleichzeitig eine proletarische nicht nur in dem Sinne, daß das Proletariat die führende Kraft, die Avantgarde der Bewegung darstellte, sondern auch in dem Sinne, daß das spezifisch proletarische Kampfesmittel, nämlich der Streik, das Hauptmittel der Aufrüttelung der Massen und das am meisten Charakteristische im wellenmäßigen Gang der entscheidenden Ereignisse bildete. Die russische Revolution ist die erste – sie wird sicher nicht die letzte – große Revolution in der Weltgeschichte sein, in der der politische Massenstreik eine ungemein große Rolle spielte. Ja, man kann nicht einmal die Vorgänge der russischen Revolution, den Wechsel ihrer politischen Formen verstehen, ohne die Grundlage dieser Vorgänge und dieses Wechsels in der Statistik der Streiks zu suchen.

Ein wenig Statistik

Ich weiß sehr wohl, wie ungeeignet die trockenen statistischen Zahlen zu einem mündlichen Vortrag sind, wie sie die Zuhörer abschrecken können. Ich kann aber nicht umhin, Ihnen ein paar abgerundete Zahlen mitzuteilen, damit Sie die wirkliche, objektive Grundlage der ganzen Bewegung würdigen können. Die jährliche Durchschnittszahl der Streikenden in Rußland während zehn Jahren vor der Revolution war 43.000. Also die Gesamtsumme der Streikenden in einem ganzen Jahrzehnt vor der Revolution – 430.000. Im Januar 1905, in dem ersten Monat der Revolution, war die Zahl der Streikenden 440 000. Also in einem einzigen Monate mehr als im ganzen verflossenen Jahrzehnt! In keinem kapitalistischen Lande der Welt – selbst in den vorgeschrittensten Ländern so wie England, den Vereinigten Staaten Amerikas, Deutschland – hat die Welt je eine so große Streikbewegung erlebt wie in Rußland im Jahre 1905. Die Gesamtzahl der Streikenden war 2 Millionen 800 Tausend, mehr als anderthalb mal so groß wie die Gesamtsumme der Fabrikarbeiter! Das beweist natürlich nicht, daß die städtischen Fabrikarbeiter in Rußland gebildeter oder stärker oder kampfesfähiger waren als ihre Brüder in Westeuropa. Das Gegenteil davon ist wahr.

…eine hundertmal größere Kampfeskraft

Das beweist aber, wie groß die schlummernde Energie des Proletariats überhaupt sein kann. Das beweist, daß in einer revolutionären Periode das Proletariat eine – ich sage es ohne jegliche Übertreibung, auf Grund der genauesten Daten der russischen Geschichte –, eine hundertmal größere Kampfeskraft entwickeln kann als zu gewöhnlichen, ruhigen Zeiten. Das beweist, daß die Menschheit bis zum Jahre 1905 noch nicht gewußt hat, wie enorm, wie großartig die Steigerung der Kräfte des Proletariats sein kann und sein wird, wenn es gilt, wirklich um große Ziele, wirklich revolutionär zu kämpfen! Die Geschichte der russischen Revolution zeigt uns, daß es eben die Avantgarde, die Elite der Lohnarbeiterschaft gewesen ist, die mit größter Zähigkeit und mit größtem Opfermut den Kampf führte. Je größer der Umfang der Fabriken, desto ausdauernder waren die Streiks, desto öfter die Fälle der Wiederholung der Streiks in einem und demselben Jahre. Je größer die Stadt, desto höher die Rolle des Proletariats im Kampfe. Drei große Städte, die die intelligenteste und zahlreichste Arbeiterschaft besitzen, nämlich Petersburg, Riga und Warschau, zeigen eine ungemein höhere Zahl der Streikenden im Verhältnis zur Gesamtzahl der Arbeiter als alle anderen Städte, geschweige das platte Land. (…)

Je höher die Wellen, desto rücksichtsloser die reaktionären Kräfte

Die Reaktion rüstete sich zum Kampfe gegen die Revolution mit um so größerer Energie und Rücksichtslosigkeit, je höher die Wellen der Bewegung gingen. Es bewährte sich in der russischen Revolution 1905 das, was im Jahre 1902 in seiner Schrift über die „Soziale Revolution“ Karl Kautsky geschrieben hat (er war damals noch – beiläufig gesagt – ein revolutionärer Marxist und kein Verteidiger der Sozialpatrioten und der Opportunisten, wie heute). Er schrieb nämlich: „… Die kommende Revolution … wird weniger einer plötzlichen Empörung gegen die Obrigkeit und mehr einem lang dauernden Bürgerkrieg gleichen…“ So ist es auch gekommen! So wird es auch ganz sicher in der kommenden europäischen Revolution sein! (…)

Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Greuel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen überall revolutionäre Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie Überhaupt ohne größte Erschütterungen keinen Ausweg finden können. Wie die Volkserhebung in Rußland im Jahre 1905 unter der Führung des Proletariats gegen die zaristische Regierung zum Zwecke der Eroberung einer demokratischen Republik entstand, so werden kommende Jahre eben im Zusammenhange mit diesem Raubkriege die Volkserhebungen in Europa unter der Führung des Proletariats, gegen die Macht des Finanzkapitals, gegen die Großbanken, gegen die Kapitalisten erstehen lassen, und diese Erschütterungen können nicht anders als durch Expropriation der Bourgeoisie, als durch den Sieg des Sozialismus zu Ende kommen.

Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben. Aber ich glaube mit großer Zuversicht die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß die Jugendlichen, die so ausgezeichnet in der sozialistischen Bewegung der Schweiz und der ganzen Welt arbeiten, daß sie das Glück haben werden, nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu siegen in der kommenden proletarischen Revolution.

Geschrieben
vor dem 9. (22-) Januar 1917
in deutscher Sprache.
Zum erstenmal veröffentlicht
am 22. Januar 1925
in der „Prawda“ Nr. 18.
Unterschrift: N. L e n i n.
Werke, Bd.23, S.244-262.

(Gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen, Hervorheb. von mir, N.G.)
P.S. Lenin war damals 46 Jahre alt. Er hielt diesen Vortrag am 9. Januar 1917 im Züricher Volkshaus in einer Versammlung der schweizerischen Arbeiterjugend in deutscher Sprache.

Siehe auch:
Wie kam es eigentlich zur Oktoberrevolution?
Frunse: Über Strategie und Taktik der Revolution