Belgische Partisanen gegen Hitler

Als 1933 in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen waren, hatte die belgische Regierung eine Hitler begünstigende „Neutralitätspolitik“ betrieben und sich 1936 aus dem Locarnopakt zurückgezogen. Am 10.5.1940 überfiel dann die faschistische deutsche Wehrmacht das kleine Nachbarland. Der belgische König Leopold II. unterzeichnete die Kapitulationserklärung und die Regierung setzte sich nach London ab. Wie in allen besetzten Ländern herrschten auch in Belgien die deutschen Faschisten mit blutiger Gewalt. Juden wurden ins KZ gebracht und Kommunisten verfolgt und ermordet. Die rechtsradikalen wallonischen „Rexisten“ und die flämischen Nationalisten kollaborierten während der Besatzungszeit eng mit den Nazis. Es entstand eine starke antifaschistische Widerstandsbewegung, in der die Kommunistische Partei eine hervorragende Rolle spielte. [1] Aus eigenem Erleben schildert der belgische Autor Oscar Cornelius Heemans in seinem Buch „Zwischen hundert Brücken“ den Widerstand der Belgier gegen die faschistischen Okkupanten. Er beschreibt darin das gefahrvolle Leben des Genter Partisanenkorps. Geschart um seinen Kommandeur Edmond, der starke autobiografische Züge trägt, versetzt es die Okkupanten und Kollaborateure Panik. Damit ist auch die von vielen bürgerlichen Autoren vertretene Meinung widerlegt, daß es Partisanenkämpfe nur in bestimmten geographischen Regionen gegeben habe. Unter dem Einfluß der USA gelangten dann nach Kriegsende die belgischen Kollaborateure wieder in die Offensive, die Kommunisten wurden erneut verfolgt und Belgien trat 1949 der NATO bei. Im folgenden Abschnitt beschreibt Heemans einen sehr dubiosen

Besuch aus Großbritannien

Edmond war in Hochstimmung. Heute würde es einem Vertreter der britischen Armee begegnen. Das hieß Unterstützung für die Partisanen. Endlich würde genügend Sprengstoff vorhanden sein. Teufel noch mal, was würden sie damit nicht alles tun können. Den Faschisten konnten sie endlich die Hölle heiß machen, Benzinzüge und Züge mit Armeeausrüstungen konnten in die Luft gejagt, die verfluchten SS-Büros dem Erdboden gleichgemacht werden. Ja, von diesem Zusammentreffen hing ab, wie die Partisanen künftig kämpfen konnten. Weshalb sollten die Briten sonst ihren Vertreter senden? Es war ja auch höchste Zeit, endlich Hilfe zu schicken. Nun würde Schluß gemacht mit den primitiven Mitteln!

Vom Kommen des Engländers wußte Edmond schon seit einigen Wochen. Er hatte aber bisher nicht daran geglaubt. Seinem Nationalkommando vertraute er, der britischen Regierung jedoch nicht. Wie oft hatte sie schon versprochen, Waffen und andere Mittel zu schicken.

Vorsichtshalber hatte Edmond den Treffpunkt stark sichern lassen. Margot, sein erfahrener Kurier, holte den Engländer ab und brachte ihn zu Edmond. Sie begrüßten sich mit Handschlag. Der Mann informierte sich über die Aktionen der Partisanen. Edmond gab bereitwillig Auskunft. Mit Nachdruck erklärte er ihm, um wieviel leichter es wäre, wenn sie Waffen und vor allem Sprengstoff besäßen. Der Gesprächspartner nickte zustimmend. Wie nebenbei erkundigte er sich nach den Namen leitender Partisanen. Edmond konnte ein bitteres Lächeln nicht ganz von seinem Gesicht verdrängen. Das ist es also! Namen und Adressen interessieren ihn, dachte Edmond wütend. Sich aber beherrschend, sagte er: »Hören Sie, mein Herr! Sagen Sie Ihren Vorgesetzten, daß es bei den Partisanen nur Decknamen gibt. Wer trotzdem nach dem richtigen Namen forscht, wird als Verräter behandelt.«
»Wo denken Sie hin. Wir brauchen die Namen!«
»Wozu?« fräste Edmond.
Der Mann blieb die Antwort schuldig. Edmond war es auch egal. Er würde die Wahrheit sowieso nicht sagen. Immer noch seinen Zorn unterdrückend, fuhr er fort: »Wissen Sie, daß bei uns Menschen mit solchen Listen verhaftet worden sind und wenig später jene, die darauf standen? Wir leben und arbeiten in völliger Illegalität. Es wäre unverantwortlich, Namensverzeichnisse aufzustellen. Wo endete das? Doch nur im Konzentrationslager. Nein, solche Verzeichnisse brauchen wir nicht. Wir haben die Faschisten zu bekämpfen und zu vernichten. Dazu würden wir eure Unterstützung brauchen.«
Enttäuschung spiegelte sich auf dem Gesicht des Mannes wider. Trotzdem versuchte er es noch einmal. »Ist doch komisch. Sie arbeiten mit Menschen und kennen sie nicht mal. Das kann doch nicht gut gehen.«
»Es reicht, von den Menschen zu wissen, daß sie bereit sind, ihr Leben gegen den Faschismus einzusetzen. Mehr brauchen wir nicht. Oder meinen Sie, mit dem richtigen Namen kämpft es sich besser oder leichter?«
Der Mann konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Er sah aber ein, daß weiteres Fragen zwecklos war. Edmond ließ ihm auch keine Zeit zu anderen Überlegungen. Er fragte ihn auf den Kopf zu: »Im Nationalkommando sagte man uns, daß Sie uns helfen werden. Wie stellen Sie sich diese Hilfe vor?«
»Hm… Ich habe Geld… für Sie.. bitte.« Der Mann holte einen Umschlag aus der Tasche und reichte ihn Edmond, der ihn öffnete und das Geld zahlte: fünf Banknoten zu je einhundert belgischen Francs! Edmond konnte nur mit großer Mühe seinen Spott unterdrücken. Ich laß‘ mich hängen, wenn die britische Armee nicht in den Händen der Schotten ist, dachte er grimmig. Die Geldsumme machte genau das aus, was ein Partisan pro Monat bekam, um das notwendigste Essen und ein paar Kleinigkeiten kaufen zu können!
»So«, ergriff der edle Spender das Wort und schien zufrieden zu sein. »Was haben Sie noch auf dem Herzen? Sagen Sie alles, was Sie brauchen.«
Die armseligen fünfhundert Francs lagen Edmond zwar noch schwer im Magen, dennoch gab er sich Mühe, höflich zu bleiben. »Revolver, einige Maschinenpistolen, Patronen und dann noch Minen und sehr viel Sprengstoff, TNT.«
»Ja, gut!« meinte der Mann, als stünde er hinter einer Theke und hätte genügend Vorrat in Reichweite. »Ich werde für alles sorgen.«

Edmond glaubte, der Brite rechne aus, wann die Waffen abgeworfen werden könnten. Er irrte aber gewaltig, denn der andere fragte ihn plötzlich: »Nebenbei, mein Herr; man hat mir gesagt, bei den Partisanen gäbe es viele Kommunisten.«
Endlich hatte er die Katze aus dem Sack gelassen. War das die Bedingung, um Waffen zu bekommen – keine Kommunisten? Edmond kochte innerlich, sagte aber doch mit leichtem Spott im Ton: »Denken Sie, daß Kommunisten nicht schießen und keine Aktionen durchführen können? Wie mir bekannt ist, sind die britischen Kommunisten nicht vom Wehrdienst freigestellt worden. Soweit ich weiß, ist das Land mit den meisten Kommunisten, die Sowjetunion, doch Großbritanniens Verbündeter, nicht wahr? Bei uns Partisanen gibt es selbstverständlich auch Kommunisten.«
»Nun, ich weiß nicht«, zuckte der Abgesandte mit den Schultern und schien sichtlich erfreut, auf diese lästigen Fragen nicht antworten zu müssen. Als Edmond dann noch einmal die Waffenlieferungen erwähnte, versprach der andere baldige Lieferung. [2]

Die versprochene Lieferung jedoch blieb aus.

[1] vgl. BI Universal-Lexikon, VEB Bibliographische Institut Leipzig, Bd.1, S.217.
[2] Oscar Cornelius Heemans, Zwischen hundert Brücken, Episoden aus dem Partisanenkampf in Ostflandern, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik-VEB, Berlin, 1975, S. 180-184.

Partisanen1Partisanen2
Aktionen der belgischen Partisanen

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