Egoismus

Der EgoistZuerst ICH, dann noch einmal ich, dann lange, lange nichts und nach mir die Sintflut! Eine der widerlichsten Erscheinungen des gegenwärtigen Kapitalismus ist der ausgeprägte und alle Bereiche der Gesellschaft zerfressende EGOISMUS, eine Charaktereigenschaft vieler Menschen, die sich in maßlosem Besitzstreben, in Raffgier und Profitsucht manifestiert. Das egoistische Schmarotzertum ergreift nicht nur jene Bankmanager, denen man das immer nachsagt, sondern auch führende Politiker und Funktionäre in Parteien, Ministerien, Behörden, Instituten und Gewerkschaften, somit also Ministerialräte, Vorstände, Sportfunktionäre und sogar zahlreiche verbeamtete Lehrer.

Woher kommt das egoistische Denken?

Mit allen möglichen Begründungen sucht die herrschende Klasse die Ansicht zu verbreiten, daß nur eine ELITE – nämlich das Management in Politik und Wirtschaft – überhaupt fähig sei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und daß schließlich jeder in der „freien Marktwirtschaft“ die Möglichkeit habe, sich zu entwickeln und zu entfalten, ja – daß es nur von Fleiß und eigener Zielstrebigkeit abhänge, ob einer Erfolg habe im Leben oder nicht. Und nur „eine freiheitlich-demokratische Grundordnung“ könne eben eine solche „Freiheit der Persönlichkeit“ gewährleisten. Welch ein Unsinn! Und welch ein verlogenes Geschwätz! So hat jeder mit sich selbst zu tun. Ablenkungen und Verpflichtungen gibt es genug. Einseits ist da das vielfältige elektronische Spielzeug, andererseits die allumfassende Bürokratie, die verhindern, daß Menschen sich zusammenschließen, um gemeinsam gegen Ausbeutung und Unterdrückung zu kämpfen. Dann wiederum gibt es eine weitverbreitete Vereinsmeierei, Party- und Vergnügungsoasen, die Ablenkung von der Wirklichkeit schaffen, und die das menschliche Geselligkeitsbedürfnis befriedigen. Und die Elite? Diese Typen arbeiten z.B. bei der Deutschen Bank in Südafrika, Hongkong oder sonstwo, sie haben ihr klein Häuschen am Zürichsee und können sich jedes Jahr eine ausgedehnte Chinarundreise oder sonstwas leisten. Eine Neiddebatte? Nein. Ein Hinweis auf die Methode!

Das individuelle Sein und die Klassengesellschaft

Gleichzeitig durchdringt der bürgerliche Individualismus alle Formen der imperialistischen Ideologie und Weltanschauung und verhindert und bekämpft den organisierten Zusammenschluß der Werktätigen, der erforderlich wäre, um die elementarsten Rechte des Proletariats gegenüber der Bourgeoisie durchzusetzen. Die proletarische Solidarität wird ersetzt durch eine illusionäre „Verbundenheit mit dem Unternehmen“, die durch die Formel ausgedrückt wird: „Wenn es dem Unternehmen gut geht, dann geht es auch den Mitarbeitern gut.“ Oder anders gesagt: „Wir sitzen alle in einem Boot!“ Wann endlich merkt der Prolet, daß er mit dem Manager, dem Abteilungsleiter oder dem Vorstandsvorsitzenden nicht im gleichen Boot sitzt? Wann endlich begreift der lohnabhängige Angestellte, daß er nur der Sklave ist und der andere der Herr? Wer auf 400-Euro-Basis im Monat auf Abruf bereitsteht, wenn die Firma ihn gerade mal braucht, der ist für die Unternehmen nicht viel mehr als ein billiger Lohnsklave. Wer hingegen vom kapitalistischen System profitiert, der wird alles andere tun, als gegen dessen Ungerechtigkeiten protestieren; er wird sich hüten, in den eigenen Freßnapf zu spucken.

Was ist Egoismus?

Im Jugendlexikon Philosophie der DDR steht: „Der Egoismus (lat. ego, ‚ich‘) ist ein verwerflicher moralischer Verhaltenszug, der durch die ausschließliche Berücksichtigung der eigenen Interessen, durch Selbstsucht und Eigenliebe gekennzeichnet wird. Ein Mensch, der nur auf seinen Vorteil bedacht ist, der seine Interessen rücksichtslos auf Kosten anderer, des Kollektivs bzw. der Gesellschaft (wobei letzteres nur im Sozialismus gilt, N.G.) durchsetzt, ist ein Egoist. Der Egoismus hat seine sozialen Wurzeln im Privateigentum an Produktionsmitteln, das die Menschen vereinzelt (‚Jeder für sich, Gott für uns alle‘), ihr Bereicherungsstreben entfacht und sie hartherzig und mißtrauisch macht.“ [1] Dieser schändliche Egoismus führt sogar soweit, daß Gewerkschaftsfunktionäre demagogisch dafür werben, weiteren Lohnarbeitern die Zuwanderung nach Europa zu erlauben: „Wir können unseren Lebensstandard nur halten, wenn weiteren Fachkräften (sic!) die Einwanderung ermöglicht wird!“

Gibt es im Sozialimus eigentlich noch egoistisches Verhalten?

Ja, das gibt es. Und es wird wohl auch nicht so schnell verschwinden. Auch in der DDR gab es Bereicherungssucht und Besitzstreben, das nicht nur mit dem Einfluß des Westfernsehens auf die DDR-Bürger zu erklären ist. Im Jugendlexikon Philosphie lesen wir weiter: „Im Sozialismus wird dem Egoismus mit der Schaffung des gesellschaftlichen Eigentums an Produktionsmitteln und der Beseitigung des Ausbeutung seine entscheidende Quelle entzogen. Es ist auf dieser gesellschaftlichen Entwicklungsstufe aber noch nicht möglich, alle materiellen und ideologischen Bedingungen zu beseitigen, aus denen solche Formen des Egoismus wie Bereicherungsstreben, Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber den Sorgen anderer, Habsucht u.a. erwachsen können. Sie sind aber dem Wesen des Sozialismus fremd, vergiften die zwischenmenschlichen Beziehungen und müssen daher bekämpft werden.“ [2]

Kann man den Egoismus beseitigen?

Ja, man kann! Makarenko sagte einmal: „Es gibt keine dialektischere Wissenschaft wie die Pädagogik.“[3] Schon viele Pädagogen haben versucht, dieser Seuche des Egoismus Herr zu werden. Doch dies gelang erst nach der Überwindung und Beseitigung des Kapitalismus, und fast ausschließlich in der sozialistischen Gesellschaft, unter den Bedingungen eines sozialistischen Kollektivs, dort wo „das bewußte Streben seiner Mitglieder nach bestmöglicher Erfüllung der gesellschaftlichen Erfordernisse, durch deren sozialistische Denk- und Verhaltensweisen ihre wechselseitige Verantwortung füreinander und das Ganze“ zur Geltung kamen, und wo „eine offene, ehrliche und kritische Atmosphäre, durch seine auf gegenseitiger Hilfe und kameradschaftlicher Zusammenarbeit beruhenden zwischenmenschlichen Beziehungen die Entwicklung der Kollektivmitglieder zu allseitig entwickelten Persönlichkeiten ermöglichen und fördern“. [4] Und schließlich meinte Lenin: „Der Kommunismus beginnt dort, wo einfache Arbeiterin selbstloser Weise, harte Arbeit bewältigend, sich Sorgen machen um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität, um den Schutz eines jeden Puds Getreide, Kohle, Eisen und anderer Produkte, die nicht den Arbeitenden persönlich und nicht den ihnen Nahestehenden zugute kommen, sondern Fernstehenden, d.h. der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit…“ [5] – Also: Kapitalismus abschaffen! Vom ICH zum WIR. Das ist das Ende des Egoismus! Das ist die wahre Entfaltung der Persönlichkeit. Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten! [6]

Quelle:
[1] Frank Fiedler/Günter Gurst (Hrsg.), Jugendlexikon Philosphie, VEB Bilbliographisches Institut Leipzig, 1987, S.43f.
[2] ebd. S.44
[3] A.S. Makarenko, Pädagogische Werke in nacht Bänden, Dritter Band, Volk und Wissen Volkseigener Verlag, Berlin, 1989, S.632.
[4] Fiedler/Günter, Jugendlexikon. a.a.O. 101.
[5] W.I.Lenin, Werke, Die Große Initiative, in: Dietz Verlag Berlin (DDR), 1976, Bd.29, S.408.
[6] Manifest der Kommunistischen Partei

Siehe auch:
Was ist Marxismus?
Mißbrauch der Gefühle
Sie werden es nicht verstehen…
Walter Ulbricht: Warum Marxismus-Leninismus?
Marxismus-Leninismus: Eine interessante Wissenschaft mit revolutionärer Perspektive
Die DDR – ein kinderfreundliches Land

7 Gedanken zu “Egoismus

  1. Tut mir leid. Ich werde auch nach dieser bemerkenswerten Kampfansage an den Egoismus meine Kinder nicht in die FDJ schicken. Ich glaube, Kritik am Egoismus ist auch nicht direkt das Freudenfeuer, auf das wir alle warten. Mir fehlt zum Beispiel, daß gewisse sozial vorbildliche Personen bis zu sieben Schlafplätze Zuhause freimachen für illegale obdachlose Zuwanderer. Und ehrlich gesagt, überwinden wir doch bitte erst das System, bevor wir zu Problemen dieser Zeit Stellung beziehen. Davon eine Berechtigung zum Mitreden abzuleiten, wäre dann durchaus richtig. Schärfe habe ich dafür schon entdecken können. Guter Artikel!

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  2. Dein Absatz „Woher kommt das egoistische Denken?“ finde ich richtig gut. Er bezieht sich auf die aktuelle Situation in der Gesellschaft. Die letzten Absätze beziehen sich auf den Sozialismus. Aber den haben wir ja nicht mehr. Ich denke auch nicht, dass der noch ein Thema werden wird. Man müsste mal herausarbeiten, wie der Egoismus im Kapitalismus überwunden werden kann.

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  3. Danke für den Kommentar und das Lob. Naja – das Freudenfeuer hängt ja immer von uns selber ab, und davon wer es entfacht. Das mit den Schlafplätzen verstehe ich ehrlich gesagt nicht so ganz… wer ist denn „sozial vorbildlich“, diese „Elite“ doch wohl kaum. Und Solidarität mit den unterdrückten Völkern will auch wieder erst gelernt sein!

    @Luise: „Man müßte mal herausarbeiten, wie der Egoismus im Kapitalismus überwunden werden kann.“ Nein, Luise! Das ist eine falsche Vorstellung. Einen „sozialistischen Kapitalismus“ wird es nicht geben. Niemals. Beide sind – wie Erich Honecker mal sagte: UNVEREINBAR wie Feuer und Wasser! Da ich in der DDR geboren bin und folglich den Sozialismus kennengelernt habe, und da ich weiß, welches Glück wir damals hatten, in diesem Land aufgewachsen zu sein, bin ich davon überzeugt, daß es früher oder später dazu kommen wird, daß das Privateigentum an den Produktionsmitteln (und damit der Kapitalismus und die Ausbeutung) abgeschafft wird, abgeschafft werden muß! – die Alternative dazu wäre nur noch die Barbarei (wie im Faschismus). Auch unter der braunen Herrschaft gab es noch genügend Menschen, die da gelebt und gelacht und von nichts gewußt haben wollen… wie heute eben auch. Die Zukunft ist: Sozialismus oder Barbarei. Alles andere wäre eine Illusion. Viele DDR-Bürger haben 1989 noch geglaubt, sie bekämen das Westgeld und könnten ihre sozialen Errungenschaften behalten, welche eine dumme Illusion war das doch! Lies mal den nächsten Artikel von Pater Mar Gregorius: Wider den Antikommunismus!

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  4. Den Egoismus innerhalb des Kapitalismus ernstlich überwinden zu wollen ist ein absolutes Unding, ein unauflösbarer Widerspruch.
    Zum Thema Egoismus, politisches Bewusstsein und Psyche des bürgerlichen Individuums gibt es eine ultimative Antwort, gegeben anno 1843 von Karl Marx: „Zur Judenfrage“, zu finden in MEW (Ausgabe 1977), Bd.1, Seite 347 ff…
    Als besondere Beigabe würde ich noch gern ein weiteres epochales Werk empfehlen, welches knapp 200 Jahre zuvor in England von einem gewissen Thomas Hobbes erschien, der berühmte „Leviathan“, eine geniale Skizzierung der damals sich erst allmählich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft in England und den Menschentypus, welchen so eine Gesellschaft zwangsläufig hervorbringt.

    Ich wünsche viel Freude und Erfolg beim Studium dieser außerordentlichen Arbeit(en)! Es lohnt sich wirklich! 🙂

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  5. Egoismus und Schadenfreude wird in Deutschland tatsächlich sehr grossgeschrieben. Selbst in wirtschaftlich guten (70ger Jahre) Zeiten. Auf vielen Fernsehkanälen gleichzeitig geilt man heute sich darüber auf, wie Menschen von der Polizei verhaftet/misshandelt werden, von Sozial- Detektiven beim Harz4 Schummeln entlarvt oder in Gerichtsshows gedemütigt werden. Beruflich konnte ich weder als Fabrikschlosser, noch als Programmierer auf deutsche Hilfsbereitschaft zählen. Da waren die Angelsachsen, Holländer,Inder oder Asiaten zig mal besser. Kleine Normalverdiener werden gegen Niedriglöhner (Lohndrücker) aufgehetzt. Niedriglöhner werden gegen Hartz4ler mit jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit aufgehetzt, Hartz4ler mit jahrzehntelanger Erwerbstätigkeit gegen Hartzer mit kurzer Erwerbsiographie. Hartzer mit kurzer Erwerbsiographiewerden werden gegen Ausländer aufghetzt. Von welchen Zeitungen Fernsehsendern/Medien wohl. Deutsche (ist nicht rassistisch, da auch angepasste Migranten voll dabei sind), freuen sich wenn Streiks im Ausland angeblich nichts bringen. Mir bekannte Hartz4 Empfänger freuen sich darüber, dass ein anderer Hartz4 Empfänger (evtl. tödlichen) Druck vom Arbeitsamt kriegt. Lieber Sascha, aufgrund meiner Westerfahrung kann ich Dir sagen, dem Deutschen geht es dann gut, wenn es SCHEINBAR Menschen gibt denen es noch schlechter geht. Während meiner zweijährigen Zeit in der düsseldorfer Mobbingselbsthilfe ruppe (beim Mobbing wird ganz bewusst der Selbstmord des Opfers in Kauf genommen), haben wir festgestellt, dass Mobbing eher in gewerkschftlich beeinflussten Betrieben/Nationen (Schweden/Deutschland im GGs zu USA/England) und in wirtschaftlich guten Zeiten stattfindet. Ich schreibe dass, weil der Kapitalismus in USA anders ist, als in Deutschland oder Japan. Genauso wie Kuba anders als die DDR oder Nord Korea war. Ich find Deinen Blog toll, aber um Menschen zu überzeugen, muss man auch wissen, wie und warum sie so ticken. Sonst endet man in der MLPD Sektensackgasse.

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  6. Danke, rheinlaender, das letztere ist freilich immer am schwersten zu erkennen, weil die Gesellschaft sehr zersplittert ist, weil praktisch jede Gruppierung im eignen Saft schmort, und weil das die Kommunikation erschwert. Vor hundert Jahren, da ging das Fabriktor auf und Hunderte Arbeiter verließen gleichzeitig die Werkhallen, heute kommt mal einer, vielleicht auch mal zwei oder drei – weil alle zu verschiednen Zeiten arbeiten. Das ist auch so gewollt. Ebemso wie all die Ablenkungen und Zerstreuungen (elektronische Medien, Veranstaltungen, Bürokratie…) Manche haben ja einen „Freundeskreis“ – aber das sind kaum tiefere Bekanntschaften… man kennt sich eben. In der DDR gab es da ganz andere Beziehungen, sehr viele Kollektive! Das war wirkliche Freundschaft, das kann ich Dir sagen! Du konntest Dich auf andere, auf Kollegen usw. verlassen – ohne große Verträge und so!!!

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