Dr. Maria Grollmuß: Hoffnung auf eine bessere Welt

Maria Grollmuß war eine Suchende. Sie war auf der Suche nach Gerechtigkeit, nach einem menschenwürdigen Leben, nach einer Alternative zur faschistischen Barbarei. Und sie hatte erkannt, daß die Nazis nur Tod und Verderben bringen würden. Sie hatte erkannt, daß der Kommunismus die einzige Alternative sein würde. Deshalb schloß sich die gläubige Katholikin zeitweise der KPD an. Deshalb brachte sie illegale kommunistische Literatur an geheime Adressen. Deshalb half sie den verfolgten Genossen, den Fängen der Faschisten zu entkommen. Ihren Heldenmut und ihre Standfestigkeit, ihre Aufrichtigkeit und ihre sozialistische Gesinnung bezahlte sie mit ihrem Leben. Viel zu spät wurde die Erkrankte von einer KZ-Ärztin operiert. Sie starb im KZ Ravensbrück. Auch heute gibt es viele Suchende. Doch nicht immer ist diese Suche auch aufrichtig genug, und nicht immer führt sie zu der Erkenntnis, daß nur der Sozialismus einen Ausweg aus der Misere bietet. Noch hat die Arbeiterklasse nicht überall auf der Welt erkannt, daß sie bei der Überwindung des Kapitalismus eine führende Rolle spielt, noch gibt es nicht überall eine genügend starke, eine massenverbundene kommunistische Partei, die die Volksmassen zum Sieg über dieses menschenverachtende kapitalistische System zu führen imstande ist. Doch nicht mehr lange… Der Henker steht schon vor der Türe…
Dr. Maria Grollmuß
Maria kam im Winter ins Lager. Sie habe anfangs immer sehr gefroren und sich vor dem kalten Wasser zum Waschen gescheut. Deshalb habe sie sich oft nur mit der dünnen Kaffeebrühe, die es zum Frühstück gab, das Gesicht gewaschen. „Da haben wir sie eben mal ins Krankenrevier geholt und in die Badewanne gesteckt“, erinnert sich Emmy Handke. Diese Solidarität spürte Maria auch, wenn sie sich, um in der Natur zu sein, immer wieder freiwillig zur Arbeit außerhalb des Lagers meldete. Oft waren ihre Kräfte den unmenschlichen Anforderungen beim Straßenbau, beim Bäumefällen im Wald, dem Hetztempo auf Erntefeldern nicht gewachsen: Dann griffen die anderen Kameradinnen zu, übernahmen einen Teil von Marias Arbeit, damit sie Schritt halten und den Schlägen der KZ-Aufseherinnen entgehen konnte.

Maria dankte es ihnen, indem sie immer neue Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, Fakten und Zusammenhänge aus Geschichte, Politik und Wissenschaft ihrem schier unerschöpflichen Gedächtnis entlockte. Phänomenal nennt Dr. Rita Sprengel, Häftling gleich ihr, dieses Gedächtnis. „Maria war unser lebendes Lexikon“. Elisabeth Lynhard, eine ihrer Leidensgenossinnen, erinnert sich später daran ebenso wie an Marias große Liebe zur Natur. „Kam sie abends zurück ins Lager, so stöhnte sie: ‚Es ist jedesmal für mich eine neue Verhaftung, Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber die Atmosphäre um das Lager ist eine andere, man kann gar nicht mehr atmen‘.“

Doch auch im Lager fand sie in den knapp bemessenen arbeitsfreien Stunden ein reiches Betätigungsfeld. Vor allem mit den polnischen und tschechischen Frauen verband sie bald enge Freundschaft. Auf ihren illegalen Wegen nach Prag und in andere Orte hatte sie die tschechische Sprache gelernt, um sich besser verständigen zu können und weniger aufzufallen. Mit den Polinnen unterhielt sie sich zuerst französisch, und mit der Zeit lernte sie auch noch Polnisch von ihnen. Sie erzählte ihnen dafür vom deutschen Widerstand gegen den Faschismus, sprach über deutsche Geschichte und Literatur. Mit ihren vielfältigen Sprachkenntnissen – zuletzt konnte sie auch noch ein wenig Russisch – gehörte sie zu den Mittlerinnen zwischen den Frauen aus vielen Ländern.

Als glühende Internationalistin, als überzeugte Sozialistin ist sie immer ihrem Glauben treu geblieben. Eine ihrer polnischen Freundinnen, Maria Szydlowska, berichtete später: „Sie wußte ganz genau, daß ich Atheistin bin und der materialistischen Philosophie anhänge, aber das warf nicht den geringsten Schatten auf unsere Freundschaft. Für alle hatte Maria Verständnis. Mir waren die langen Gebete meiner Landsmänninnen langweilig, aber noch sehe ich Maria vor mir, wie sie sich mitunter an den Andachtsübungen beteiligte. Ich sehe ihre glänzenden Augen, die feierliche Ruhe und beinah Freude auf ihrem gütigen Gesicht …“

Und auch die Hoffnung auf eine bessere Welt verließ sie nicht. „Ich träume davon, die katholische Linke der sozialistischen Linken nahezubringen“, sagte sie zu einer anderen polnischen Freundin im Lager. Wenn sie erlebt hätte, wie sich später in der Deutschen Demokratischen Republik ihre Wünsche und Träume von der Einheit der Arbeiterklasse, von der guten Gemeinsamkeit zwischen Christen und Kommunisten, zwischen allen Parteien und Parteilosen erfüllen würden – sie wäre eine der aktivsten dabei gewesen.

Doch die Krankheit, die sich schon jahrelang in ihr ausgebreitet hatte, überwältigte sie. Rita Sprengel berichtet, was Maria ihr im Frühjahr 1944 anvertraut hatte: „Nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe habe die Gestapo von Maria verlangt, in der sorbischen Widerstandsbewegung Spitzeldienste zu leisten. Sie lehnte ab. Da erhöhte die Gestapo den Druck: Sie wisse doch, daß sie Krebs habe. Stimme sie dem Vorschlag der Gestapo zu, würde sie sofort in ein besonders gutes Krankenhaus eingewiesen. Noch verspreche eine Operation Erfolg. Bleibe Maria jedoch stur, würde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Dort müsse sie dann lebendigen Leibes verfaulen. Sie habe damals den Tod gewählt. Und nun sei es soweit, sie könne sich nicht mehr aufrecht halten und müsse ins Revier gehen, um dort zu sterben … Dann umfaßten ihre bräunlichen, feingliedrigen Knochenhände meine Hände.“ Maria bedankte sich bei der erstaunten Rita Sprengel für das Glück, mit ihren Informationen über die Renaissance-Zeit ihr und anderen geholfen zu haben. Rita wehrte ab, doch Maria schüttelte ungeduldig den Kopf: „Verstehst du denn nicht, was es für mich bedeutet, wenigstens dies eine Mal noch mit meinem Wissen nützen zu können?!“

Eine Häftlingsärztin operierte Maria, aber es war zu spät. „In sechs Wochen verging sie wie eine Blume“, schreibt Elisabeth Lynhard. In dieser Zeit wurde sie von den Revierhäftlingen aufs sorgsamste gepflegt. Unter denen, die sie am Krankenbett besuchten, war am 6.August 1944 Rita Sprengel: „Auch das war natürlich verboten. Doch wer von den Revierhäftlingen als zuverlässig bekannt war, dem öffneten sich die Türen.wenn die Luft rein war, d.h. wenn das SS-Personal das Revier verlassen hatte. Als ich an diesem frühen Nachmittag zu Maria kam, war es für mich … klar: Maria lag im Sterben … Sie lag mit geschlossenen Augen da, ihr Atem ging schwer und wurde langsam, doch ohne Kampf und Krampf immer flacher, bis er schließlich aussetzte. Ich saß neben ihr und sprach leise, doch eindringlich von dem, wonach Maria sich so sehr gesehnt hatte, von Radibor, ihrem Heimatdorf, und von dem Obstgarten, von dem sie mir manchmal vorgeschwärmt hatte … Falls Maria meine Worte noch erreichten, sollten sie ihren Übergang vom Leben zum Tode mit der Vision ihrer Heimkehr in ihr Elternhaus verbinden …“

Auch wenn sie diese Worte nicht mehr vernommen hätte, die Hoffnung darauf muß sie in den Tod begleitet haben. Als sie starb, hielt sie in ihren Händen einen Brief von der Schwester, der sie am Vortag erreicht hatte, Cäcilia schrieb darin, sie habe die Absicht gehabt, einige Wege zu gehen, die sie in ihrer Jugend gemeinsam durchstreift hatten, aber sie warte damit, bis Maria wieder zu Hause sei …

Die Nachricht vom Tod Marias verbreitete sich an diesem stillen Sommersonntag im Lager sehr schnell: Alle, die sie liebten – und das waren viele –, hatten ihr in den Wochen zuvor Obst, Lebensmittel, Säfte gebracht. Auch die Bibelforscherinnen schafften von den für die SS gesammelten Blaubeeren ein Glas voll für Maria beiseite. Nun brachten sie von den Wegrändern, von den Rabatten Blumen über Blumen als letzten Gruß für Maria, die sie nicht mehr vergessen würden.

Lieselotte Thoms-Heinrich

Aus: Kreuzweg Ravensbrück. Lebensbilder antifaschistischer Widerstandskämpferinnen, Verlag für die Frau, Leipzig 1989

Siehe auch:
Das Frauen-KZ in Ravensbrück
Sächsische Biografie: Dr. Maria Grollmuß
Erinnerung an den unbeugsamen Juristen Hermann Reinmuth

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3 Gedanken zu “Dr. Maria Grollmuß: Hoffnung auf eine bessere Welt

  1. Danke für die Zustimmung und den Hinweis. Ja – die Hoffnung… Herman Melville (1819-1891) hat mal gesagt: „Was bedeutet also das Warten und Hoffen auf bessere Zeiten? Wir machen diese Zeiten besser, wenn wir uns regen. Der Fleißige braucht nichts zu wünschen, und wer von der Hoffnung lebt, wird am Fasten sterben…“ (in: Israel Potter, Lpz. 1960, S.97)

    Axel Schlote nun mißdeutet den Sinn der Philosophie. Nicht derjenige ist bereits ein Philosoph, welcher seine Einsichten äußert, und mögen sie noch so tiefgehend sein. Sondern vielmehr derjenige, welcher sie als eine Wissenschaft begreift und folglich den allgemeinsten Gesetzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens auf der Spur ist, besser noch: der sie begreift, erkennt. Schopenhauer selbst (weil Schlote sich an ihn hält) repräsentiert mit seinem philosophischen Pessimismus und Irrationalismus die Situation des damaligen Bürgertums. Der Mensch ein Triebwesen? Täte mich mal interessieren, wie Schlote darüber denkt.

    Maria Grollmuß hingegen war alles andere als ein „Triebwesen“. Sie war eine selbstbewußte und kluge Frau. Eine aktive Kämpferin gegen den Faschismus! Gerade und vor allem deshalb gedenken wir ihrer hier.

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