Karl Liebknecht: Trotz alledem!

LiebknechtKarl Liebknecht spricht,
Holzschnitt von Alfred Frank
(geb. 1884, von den Faschisten
hingerichtet am 12.1.1945)

Generalsturm auf Spartakus! „Nieder mit den Spartakisten!“ heult es durch die Gassen. „Packt sie, peitscht sie, stecht sie, schießt sie, spießt sie, trampelt sie nieder, reißt sie in Fetzen!“ Greuel werden verübt…

„Spartakus niedergerungen!“
Jawohl! Geschlagen wurden die revolutionären Arbeiter Berlins! Jawohl! Niedergemetzelt an die hundert ihrer Besten! Jawohl! In Kerker geworfen viele Hunderte Ihrer Getreuesten … ! Und die Ebert-Scheidemann-Noske haben gesiegt. Sie haben gesiegt, denn die Generalität, die Bürokratie, die Junker von Schlot und Kraut, die Pfaffen und Geldsäcke und alles, was engbrüstig, beschränkt, rückständig ist, stand bei Ihnen. Und siegte für sie mit Kartätschen, Gasbomben und Minenwerfern. Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen.

Die Besiegten der blutigen Januarwoche, sie haben ruhmvoll bestanden; sie haben um Großes gestritten, ums edelste Ziel der leidenden Menschheit, um geistige und materielle Erlösung der darbenden Massen; sie haben um Heiliges Blut vergossen, das so geheiligt wurde. Und aus jedem Tropfen dieses Bluts, dieser Drachensaat für die Sieger von heute, werden den Gefallenen Rächer erstehen, aus jeder zerfetzten Fiber neue Kämpfer der hohen Sache, die ewig ist und unvergänglich wie das Firmament.

Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein. Denn die Niederlage ist ihre Lehre. Noch entbehrt ja das deutsche Proletariat der revolutionären Überlieferung und Erfahrung. Und nicht anders als in tastenden Versuchen, in jugendhaften Irrtümern, in schmerzlichen Rückschlägen und Mißerfolgen kann es die Schulung gewinnen, die den künftigen Erfolg gewährleistet …

Die Geschlagenen von heute, sie haben gelernt. Sie sind geheilt vom Wahne, ihr Heil in der Hilfe verworrener Truppenmassen finden zu können; geheilt vom Wahne, sich auf Führer verlassen zu können, die sich kraftlos und unfähig erwiesen; geheilt vom Glauben an die unabhängige Sozialdemokratie, die sie schnöde im Stich ließ.

Nur auf sich selbst gestellt, werden sie ihre künftigen Schlachten schlagen, ihre Siege erfechten. Und das Wort, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das eigene Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, es hat durch die bittere Lehre dieser Woche eine neue, tiefere Bedeutung für sie gewonnen. Und auch jene irregeleiteten Soldaten werden bald genug erkennen, welches Spiel mit ihnen getrieben wird, wenn sie die Knute des wiederhergestellten Militarismus von neuem über sich fühlen; auch sie werden erwachen aus dem Rausch, der sie heute umfängt.

„Spartacus ist niedergerungen!“
O gemach! Wir sind nicht geflohen, wir sind nicht geschlagen. Und wenn sie uns in Bande werfen – wir sind da, und wir bleiben da! Und der Sieg wird unser sein … Denn Spartakus – das heißt Feuer und Geist, das heißt Seele und Herz, das heißt Wille und Tat der Revolution des Proletariats. Und Spartakus – das heißt alle Not und Glücks-sehnsucht, alle Kampfentschlossenheit des klassenbewußten Proletariats. Denn Spartakus, das heißt Sozialismus und Weltrevolution.

Noch ist der Golgathaweg der deutschen Arbeiterklasse nicht beendet – aber der Tag der Erlösung naht. Der Tag des Gerichts für die Ebert-Scheidemann-Noske und für die kapitalistischen Machthaber, die sich noch heute hinter ihnen verstecken. Himmelhoch schlagen die Wogen der Ereignisse – wir sind es gewohnt, vom Gipfel in die Tiefe geschleudert zu werden. Aber unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest dahin bis zum Ziel. Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm; es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen.

Trotz alledem!

Aus: Die Rote Fahne, 15.Januar 1919

Quelle:
Der Sozialismus – deine Welt, Verlag Neues Leben, Berlin (DDR), 1975, S.148f.
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Anmerkung:
Es ist nicht einfach, sich in die metaphernreiche Sprache des vergangenen Jahrhundert hineinzuversetzen, deshalb sei hier einmal versucht, diesen Text in die heutige Sprache zu übertragen. Vielleicht ist er dann für manchen etwas verständlicher:

Generalangriff auf den Sozialismus!

„Weg mit allem, was an die DDR erinnert!“ so heult es durch die Medien. „delegitimiert sie, schmäht sie, reißt sie in Fetzen!“ Schandtaten werden verübt, Protestierende niedergeknüppelt…

„Der Kommunismus ist gescheitert?!“
Nein! Er ist nicht gescheitert, er wurde zerschlagen. Geschlagen wurden auch die revolutionären Arbeiter von Berlin und Karl-Marx-Stadt! Jawohl! Vernichtet wurden an die hundert ihrer Besten! Jawohl! Enteignet wurde das ganze Volk der DDR … ! Und die Kohl-Schröder-Merkel haben gesiegt. Sie haben gesiegt, denn die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, die deutsche Bürokratie, die Konzernherren und Bankmanager, die Pfaffen und Geldsäcke und alles, was engstirnig, beschränkt, reaktionär ist, stand ihnen bei. Und siegte für sie mit Privatisierungen, Rückübertragungen, Hartz4-Gesetzen usw. Aber es gibt Niederlagen, die Siege sind – moralische Siege; und Siege, verhängnisvoller als Niederlagen – und das ist tragisch für meisten Menschen.

Die Besiegten vom Oktober 1989 haben schmachvoll kapituliert; sie hatten einst um Großes gestritten, ums edelste Ziel der Menschheit, um geistige und materielle Befreiung der ausgebeuteten Volksmassen; einige von ihnen hatten sogar geholfen, den Faschismus zu besiegen, hatten für die Zukunft der Menschheit ihr Blut vergossen. Aus jedem Tropfen dieses Bluts, aus dieser Drachensaat für die Sieger von heute, werden den Gefallenen Rächer erstehen, aus jedem zerfetzten Leichnam neue Kämpfer für die Sache des Sozialismus, die ewig ist und unvergänglich.

Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein. Denn die Niederlage wird ihnen eine Lehre sein. Noch fehlt dem deutschen Proletariat die revolutionäre Kampf-erfahrung. Und nicht anders als durch tastende Versuche, durch Irrtümer, schmerzliche Rückschläge und Mißerfolge kann es diese Erfahrungen sammeln, die den künftigen Erfolg gewährleisten. Der Kapitalismus, schöngeredet als „soziale Marktwirtschaft“, ist nicht imstande die Menschheitsprobleme zu lösen. Im Gegenteil: er verschärft sie …

Die Geschlagenen von heute, sie werden es lernen. Sie werden ihren Irrtum begreifen, daß man sich nicht auf Wahlen verlassen kann; daß man sich nicht auf „die Politik“ und auf die Parteien verlassen kann, die sich als kraftlos und unfähig erweisen; geheilt vom Glauben an die unabhängige Sozialdemokratie, die sie schnöde im Stich ließ.

Nur auf sich selbst gestellt, werden sie ihre künftigen Schlachten schlagen, ihre Siege erfechten. Und das Wort, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das eigene Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann, es hat durch die bittere Lehre der letzten Jahrzehnte eine neue, tiefere Bedeutung für sie gewonnen. Und auch jene irregeleiteten „Sicherheitkräfte“ und Soldaten werden bald genug erkennen, welches Spiel mit ihnen getrieben wird, wenn sie die Knute des wiederhergestellten Militarismus von neuem über sich fühlen; auch sie werden erwachen aus dem Rausch, der sie heute umfängt.

„Der Sozialismus ist überwunden!“
O gemach! Wir sind nicht geflüchtet, wir sind nicht geschlagen. Und wenn sie uns auch juristisch knebeln und mundtot zu machen versuchen – wir sind da, und wir bleiben da! Und der Sieg wird unser sein … Denn Kommunismus – das heißt Feuer und Geist, das heißt Gefühl und Verstand, das heißt Wille und Tat für die Revolution des Proletariats. Und Kommunismus – das beinhaltet alle Glückssehnsucht und alle Kampfentschlossenheit des klassenbewußten Proletariats. Denn nur das verheißt der Menschheit eine Zukunft.

Noch ist die Trägheit und Zerrüttung der deutschen Arbeiterklasse nicht überwunden – aber der Tag der Besinnung wird kommen. Der Tag des Gerichts für die Politiker, Beamten und ihre Lakaien, und für die kapitalistischen Machthaber, die sich noch heute hinter ihnen verstecken. Immer schnellebiger wird die Zeit, immer höher schlagen die Wogen der Ereignisse – wir sind es gewohnt, vom Gipfel in die Tiefe geschleudert zu werden. Aber unser Schiff zieht seinen geraden Kurs fest dahin bis zum Ziel. Und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird – leben wird unser Programm; es wird die Welt der befreiten Menschheit beherrschen. Trotz alledem!

Text
Siehe: Die Kommunisten…

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