Das Gesundheitswesen in der DDR

KrankenhausIm Krankenhaus

Das Gesundheitswesen in der DDR zählte zu den fortgeschrittensten in der Welt. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere die kostenlose medizinische Versorgung und Betreuung der DDR-Bürger, die generelle Arzneimittelfreiheit und die Vorsorge am Arbeitsplatz. Die DDR war ein sozialistischer Staat, in dem mit der Krankheit eines Menschen kein Geld zu verdienen war. (An dieser grundsätzlich positiven Einschätzung ändern auch die lügenhaften und fachlich inkompetenten Beschuldigungen an die Adresse des DDR-Gesundheitswesens nichts, die DDR-Ärzten unterstellen, verantwortungslos irgendwelche riskanten Medikamententests für westdeutsche Pharmakonzerne durchgeführt zu haben. Das ist wieder mal so eine typische Luftnummer der Gauck-Birthler-Jahn-Behörde!) Heute, in der kapitalistischen BRD, sind die Ärzte in erster Linie Geschäftsleute, die mit ihrem Beruf, ihren technischen Ausrüstungen und den verkauften Medikamenten Gewinne machen müssen. Freilich – Ausnahmen bestätigen die Regel – auch hier gibt es ehrbare und besorgte Mediziner, denen in erster Linie das Wohl ihrer Patienten am Herzen liegt. Doch immer wieder tauchen in den Medien Skandalgeschichten auf, die vom Organhandel, von der Bestechlichkeit der Ärzte durch Pharmakonzerne, von Medikamentenmißbrauch und unnötigen Operationen berichten. Das alles gab es in der DDR nicht, denn die Gesundheitsvorsorge lag in den den Händen des Staates…

Prinzipien des sozialistischen Gesundheitswesens

In der Deutschen Demokratischen Republik wurde ein umfassendes sozialistisches Gesundheitswesen mit staatlichem Charakter entwickelt und aus­ gebaut. Grundlagen des sozialistischen Gesundheitswesens stellen die von Lenin formulierten Prinzipien dar:

• Orientierung auf das konsequente Verhüten von Krankheiten sowie die Erhaltung und Festigung der Gesundheit
• Staatlicher Charakter des Gesundheitswesens und gesamtgesellschaftliche Verantwortung für den Schutz der Gesundheit aller Bürger
• Einheitlichkeit der Leitung und Planmäßigkeit der Arbeit in allen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens
• Kostenfreiheit und allgemeine Zugänglichkeit medizinischer Hilfe für alle Bürger in Stadt und Land
• Einheit von Theorie und Praxis, von Forschung und Betreuungsaufgaben, von Grundversorgung und hochspezialisierter medizinischer Versorgung sowie Einheit von ambulanter und stationärer Betreuung
• Umfassende Nutzung der modernen Errungen­ schaften von Wissenschaft und Technik zur Er­ höhung der Qualität der medizinischen Betreuung
• Aktive Teilnahme der Werktätigen und Mitarbeit der Öffentlichkeit bei der Sicherung des umfassen­ den Gesundheitsschutzes.

Diese Prinzipien stellen auch die Grundlage für das sozialistische Gesundheitswesen in der DDR dar. Die prophylaktische Orientierung, die den sozialistischen Gesundheitsschutz kennzeichnet, macht die Medizin jedoch nicht als Heilkunde überflüssig, denn niemals können alle Krankheiten oder das Sterben verhütet werden. Auch die optimale Behandlung unvermeid­barer Krankheiten oder Körperschäden und die möglichst umfassende Wiedereingliederung des Patienten in das gesellschaftliche Leben stellen Grundanliegen des sozialistischen Gesundheits­schutzes dar. Die aktive Mitwirkung der Bürger bei der Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit sowie die Mitverantwortung der gesellschaftlichen Öffentlichkeit umfassen alle Maßnahmen der gesundheitsfördernden Lebensführung und Umweltgestaltung, der Ausschaltung von Risikofaktoren und der zielstrebigen Erhöhung der Leistungsfähigkeit. Sie gelten nicht als Aufforderung zur Laiendiagnose der zur Selbstbehandlung oder als Freibrief für unwissenschaftliche pseudomedizinische Heilpraktiken.

Gesundheitsschutz verfassungsmäßig garantiert

Dauerhafte Gesundheit und uneingeschränkte Leistugsfähigkeit stellen einen alten Traum der Menschheit dar. In den Kampfprogrammen der internationalen Arbeiterbewegung waren seit jeher Forderungen nach wirksamerem Schutz der Gesundheit und nach sozialer Sicherheit bei Erkrankungen verankert. Die jahrtausendealte Entwicklung der Medizin als Wissenschaft und als praktische Heilkunde erbrachte eine Vielzahl von Möglichkeiten und Erkenntnissen, Krankheitsursachen auszuschalten und einstmals weltweit gefürchtete Krankheiten (Pest, Kinderlähmung, Pocken u.a.) praktisch auszurotten. Das allgemeine humanistische Anliegen der Medizin kann jedoch nur verwirklicht werden, wenn die entsprechenden gesellschaftlichen Voraussetzungen vorhanden sind. Der sozialistische Gesundheitsschutz unterscheidet sich insofern von allgemeinen humanitären Idealen medizinischer Menschenfreundlichkeit, als er Verfassungswirklichkeit ist und gemeinsam mit allen staatlichen und gesellschaftlichen Kräften verwirklicht wird, also nicht entgegenwirkenden Interessen abgerungen werden muß.

In dem Bemühen um hohe Qualität und große Wirksamkeit aller medizinischen Maßnahmen und sozialpolitischen Beschlüsse vereinen sich die persönlichen Wünsche der Bürger mit den gesellschaftlichen Interessen. Gesundheit ist sowohl persönliches als auch gesellschaftliches Anliegen, ihr Schutz ist nicht nur Angelegenheit der Beschäftigten des Gesundheitswesens, sondern aller gesellschaftlichen Bereiche und des Bürgers selbst. „Das Streben nach Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude bis ins hohe Alter wird inuner mehr zum Bestandteil einer Von der ganzen Gesellschaft getragenen, vom sozialistischen Staat geförderten und vom Bürger selbst mitgestalteten Lebensweise.“ (E.Honecker auf dem IX. Parteitag der SED)

Staatlicher Charakter des Gesundheitswesens in der DDR

Den gesellschaftlichen Auftrag zum umfassenden Schutz der Gesundheit kann nur ein Gesundheitswesen unter sozialistischen Bedingungen erfüllen. Die Mehrzahl der Einrichtungen des Gesundheitswesens sind daher Volkseigentum. Ihre Unterhaltung, Ausstattung, Finanzierung, Rekonstruktion u.ä. werden mit staatlichen Mitteln realisiert und in den jeweiligen, Volkswirtschaftsplänen verankert. Die Einrichtungen unterstehen den Räten der Kreise (bzw. Stadtbezirke) oder Bezirke oder werden direkt vom Ministerium für Gesundheitswesen (zentrale Einrichtungen) geleitet. Medizinische Einrichtungen existieren auch im Leitungsbereich des Ministeriums für Hoch-und Fachschulwesen (Kliniken und Institute der Bereiche Medizin der Universitäten bzw. medizinischen Akademien), des Staatssekretariats für Körperkultur und Sport (sportmedizinische Einrichtungen), an der Akademie der Wissenschaften der DDR sowie im Rahmen der medizinischen Dienste im Verkehrswesen, in der NVA und in der Deutschen Volkspolizei.

Insgesamt sind rund 440.000 Mitarbeiter, darunter über 40.000 Ärzte und Zahnärzte, in den Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens beschäftigt (Stand 1977). Neben den staatlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens gibt es weiterhin private Ärzte in eigener Niederlassung und medizinische Einrichtungen sowie Pflegeheime, die von den Kirchen getragen werden. Diese nichtstaatlichen medizinischen Einrichtungen arbeiten in enger Abstimmung und Koorordinierung mit den Einrichtungen des Gesundheitswesens, so daß keine Disproportionen oder territoriale Überschneidungen entstehen und der gesamtstaatliche Charakter des Gesundheitsschutzes sowie die einheitliche inhaltliche Leitung gewährleistet sind.

Einheitlichkeit der Leitung

Trotz territorialer Besonderheiten und unterschiedlicher Unterstellung der verschiedener medizinischen Dienste wird das Gesundheitheitswesen nach einheitlichen Prinzipien geleitet und geplant. Das Ministerium für Gesundheitswesen besitzt die Gesamtverantwortung, die es in enger Zusammenarbeit mit den übrigen staatlichen Organen realisiert. Die einheitliche Leitung und abgestimmte Entwicklung garantieren, daß sich die medizinischen Fachgebiete den Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechend und nach den territorialen Erfordernissen entwickeln. Die noch in manchen Ländern (z.B. auch in der BRD) übliche strenge Trennung zwischen ambulanter und klinischer (stationärer) Betreuung ist in der DDR nicht mehr vorhanden. Beide medizinische Leitungsbereiche sind gleichberechtigte Bestandteile, des einheitlichen sozialistischen Gesundheitswesens und haben spezifische Aufgabenbereiche, die jedoch eng miteinander verflochten sind.

Kostenfreiheit der medizinischen Versorgung in der DDR

Bei Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe entstehen dem Patienten keinerlei Kosten. Sowohl ärztliche Beratung als auch Medikamente, Hilfsmittel (z. B. orthopädische Hilfsmittel), physikalische Behand­ lungert werden ihm kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch für aufwendige Operationen, Zusatzuntersuchungen (Röntgen, Endoskopie, psychologische Testung u.a.) oder Kuraufenthalte entstehen dem Patienten keine Kosten. Alle Kosten werden aus dem Staatshaushalt bzw. über die Beiträge zur Sozialversicherung beglichen. Auch die kompliziertesten und modernsten Untersuchungs- und Behandlungsverfahren stehen damit – wenn sie ärztlich angezeigt sind – allen Bürgern gleichermaßen zur Verfügung. Dasselbe trifft für prophylaktische Untersuchungen und Maßnahmen (prophylaktische Kuren) zu. Jährlich werden in der DDR über 150 Millionen ärztliche Konsultationen durchgeführt. Im Durchschnitt besucht demnach jeder DDR-Bürger etwa neunmal pro Jahr den Arzt oder wird zu Hause betreut. Lediglich beim Mißbrauch ärztlicher Hilfsbereitschaft (z.B. Alkoholmißbrauch) müssen die entstandenen Kosten vom Bürger erstattet werden.

Allgemeine Zugänglichkeit

In der DDR wurde ein lückenloses Netz ärztlicher Betreuungseinrichtungen geschaffen, so daß trotz territorialer Unterschiede keine einzige Region medizinisch unterversorgt ist. Von jedem Punkt der DDR ist medizinische Hilfe in höchstens 20 Kilometer Entfernung erreichbar. Auch in ländlichen Gebieten sind mit Gemeindeschwesternstationen und Landambulatorien Bedingungen für eine gute medizinische Versorgung geschaffen worden. Alle ertorderlichen medizinischen Einrichtungen und Maßnahmen stehen jedem Bürger prinzipiell und ohne Rücksicht auf territoriale und soziale Herkunft gleichermaßen zur Verfügung. Daß bei medizinischen Spezialbehandlungen mitunter Wartezeiten erforderlich sind, hängt mit dein schrittweisen Aufbau hochspezialisierter Einrichtungen und mit der allmählichen Rekonstruktion der oftmals sehr alten Krankenhausbauten und ihrem Zusammenschluß zu größeren Einheiten zusammen. Gästen und Besuchern der DDR wird medizinische Hilfe entsprechend den zwischen den jeweiligen Herkunftsländern und der DDR abgeschlossenen Vereinbarungen kostenlos gewährt. Bestehen keine Vereinbarungen, ist medizinische Hilfe an Ausländer kostenpflichtig.

Vorbeugender Gesundheitsschutz in der DDR

Nicht nur das Heilen von Krankheiten, auch das Verhüten von Erkrankungen ist eine entscheidende Aufgabe aller am Gesundheitsschutz Beteiligten. Die Vorbeugung kann darin bestehen, daß Ursachen für Krankheiten beseitigt bzw. in ihrer Wirkung abgeschwächt werden oder der Organismus in die Lage versetzt wird, die krankheitsbegünstigenden oder -auslösenden Einflüsse besser zu überwinden (primäre Prävention, ursächliche Vorbeugung). Eine weitere Möglichkeit prophylaktischer Arbeit ist die gezielte Suche nach Frühformen einer Erkrankung (Screening) oder die Überwachung bzw. Betreuung von gefährdeten Personengruppen (Reihenuntersuchung, Dispensaire), um noch vor Auftreten schwerer Krankheitssymptome und Ausfallerscheinungen die Krankheit durch gezielte Maßnahmen bekämpfen zu können (sekundäre Prävention, Früherkennung von Krankheiten), Die Verhütung schwerer Komplikationen wird gelegentlich als tertiäre Prävention bezeichnet (Komplikationsprophylaxe), Maßnahmen der primären Prävention betreffen beispielsweise die hygienische Überwachung und Kontrolle, um krankmachende Mikroorganismen aus der menschlichen Umwelt auszuschalten und somit Infektionskrankheiten ursächlich zu verhüten. Die Gestaltung einer gesunden Lebensweise, Maßnahmen des Umweltschutzes, zweckmäßige Ernährung, Abhärtung und Sport stellen Maßnahmen zur primären Prophylaxe dar. Reihenuntersuchungen auf Tuberkulose (Schirm­ bild), zytologische Abstriche zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs der Frau, Streifentests auf Zuckerausscheidung u.ä. sind sekundäre Vorbeugungsmaßnahmen, die frühzeitiges therapeutisches Eingreifen oder gezieltere Diagnostik ermöglichen und somit die Heilungsaussichten steigern.

Wie war die Gesundheitsprophylaxe in der DDR?

Prophylaktische Untersuchungen und Maßnahmen sind Bestandteil des staatlichen Gesundheitsschutzes und werden gemeinsam mit anderen medizinischen Aktivitäten geplant und realisiert. Obwohl jeder Arzt grundsätzlich auch prophylaktisch tätig ist, gibt es einige medizinische Tätigkeitsbereiche mit ausgesprochen prophylaktischen Aufgaben: die staatliche Hygieneinspektion, das Impfwesen, das Betriebsgesundheitswesen. die medizinischen Dienste u.a.m. In wachsender Zahl werden den Werktätigen prophylaktische Kuren zur Festigung der Gesundheit zur Verfügung gestellt. In der Regel dauern sie drei Wochen. Die prophylaktische Arbeit wird von verschiedenen Massenorganisationen (Deutsches Rotes Kreuz der DDR, Volkssolidarität, Demokratischer Frauenbund
Deutschlands, Freie, Deutsche Jugend, URANIA u.a.) unterstützt. Über 260.000 Gewerkschafter arbeiten im Rahmen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes ( FDGB ) als Bevollmächtigte der Werktätigen in verschiedenen Kommissionen und unterstützen gleichfalls die prophylaktische Tätigkeit.

Wissenschaftlichkeit der Medizin

Die Medizin hat sowohl naturwissenschaftliche als auch gesellschaftswissenschaftliche Wurzeln. Sie ist eine angewandte Wissenschaft, die sich dadurch auszeichnet, daß sie unmittelbar mit ihren Ergebnissen auf den Menschen wirkt. Viele Erkenntnisse der Medizin sind aus der Empirie, der Beobachtung von Erscheinungen und Zufällen, entstanden. Doch die moderne Medizin besitzt eioe gesicherte wis­ senschaftliehe Grundlage. Neue Erkenntnisse über Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lebens und der zwischenmenschlichen Beziehungen sowie der­ Einwirkungen der Umwelt auf den Menschen erschließen der Heilkunde neue Wege beim Verhüten, Erkennen und Behandeln von Krankheiten. Unwissenschaftliche, spekulative Heilmethoden, deren Unwirksamkeit in exakten Überprüfungen nachgewiesen wurde, haben im Rahmen des sozialistischen Gesundheitsschutzes keinen Platz.

Die Medizin als Heilkunde darf nur ausüben, wer als Arzt oder mittlerer medizinischer Kader eine ent­ sprechende Ausbildung erworben, in einer Prüfung die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten nachgewiesen hat und eine staatliche Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde besitzt (Approbation). Durch eine umfangreiche Ausbildung während des Studiums, durch gesetzlich festgelegte Spezialisierung (Facharztweiterbildung) und durch systematische Weiterbildungsveranstaltungen für den Facharzt wird gesichert, daß allen Ärzten die modernsten wissenschaftlichen Behandlungs- und Diagnosemethoden vertraut sind. Ausübung von Heilmethoden ohne wissenschaftliche Ausbildung bedeutet stets eine Gefahr für den hilfesuchenden Patienten.

Freie Arztwahl in der DDR

Ein Prinzip unseres sozialistischen Gesundheits­ wesens ist, daß der Patient den Arzt seines Vertrauens wählen kann und nicht zur Einhaltung eines bezrenzten ärzthchen Einzugsbereichs verpflichtet ist. Das Prinzip der freien Arztwahl schließt nicht aus, daß die Territorien in Arztbereiche aufgegliedert sind, die von einem Bereichsarzt betreut werden. Der Bereichsarzt ist meist zugleich der „Hausarzt“, der die Familie und die Lebensumstände am besten kennt und bei therapeutischen Empfehlungen mit berücksichtigen kann. Im Interesse optimaler ärztlicher Betreuung ist allerdings der beliebige Wechsel des Arztes nicht möglich. Es sind zeitliche Bezrenzungen (Quartale) einzuhalten, und bei erforderlicher Beratung durch einen Spezialisten ist in der Regel die Überweisung des behandelnden Arztes notwendig, da der Patient selbst die Erfordernisse einer Spezialbehandlung nicht sicher abschätzen kann.

Quelle:
Kleine Enzyklopädie Gesundheit, VEB Bibliographisches Institut Leipzig (DDR), 1980, S.575-578. (Ausschnitte)

Siehe auch:
Prof.Dr. Karl Linser: Warum wir Ärzte in der DDR unserem Staat vertrauen
Leben in der DDR – Lebensweise und Familie
Die Sozialpolitik in der DDR
Kinderkrippen in der DDR

Was ist Wissenschaft?

Sowjetische StudentinEine Studentin damals in der Sowjetunion

Das Wissen der letzten Jahre hat sich enorm vervielfacht. In den vergangenen dreißig Jahren wurden mehr Informationen erzeugt, als in den 5.000 Jahren zuvor. Das gedruckte Wissen verdoppelt sich alle 3-4 Jahre. Täglich werden auf der Welt etwa 10.000 Bücher veröffentlich. Ganz zu schweigen von der Flut an Informationen, die sekündlich durch das Internet geistern. Niemand ist in der Lage, dies alles zu kontrollieren oder gar zu bewerten. Je mehr Informationen, desto mehr Chaos. Die Welt ist um ein Vielfaches manipulierbarer geworden, und für den einzelnen ist es schwieriger, sich zurechtzufinden: Wem kann man da eigentlich noch trauen? Dennoch sollte es möglich sein, aus der unübersehbaren Datenmenge das herauszufiltern, was wesentlich und was nützlich ist. Wir lernen immer auf der Grundlage dessen, was wir schon verstanden haben. Deshalb ist Bildung so wichtig. Und die beginnt schon in der Schule. Ohne Bildung gibt es keine Wissenschaft; und ohne Wissenschaft ist die Welt nicht zum Nutzen der Menschheit veränderbar. Während die Wissenschaft im Kapitalismus vorrangig auf die Erzielung von Maximalprofiten für die großen Konzerne gerichtet ist (diese Profite sind gigantisch!) und damit einen nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichtet, dient sie erst im Sozialismus dem Wohle der ganzen Gesellschaft und damit jedem einzelnen. Nur so lassen sich die wachsenden Probleme in der Welt lösen!

Obwohl es in der Gegenwart kaum einen Begriff geben dürfte, der häufiger benutzt wird als „Wissenschaft“, finden wir in der marxistischen Literatur – von der bürgerlichen ganz zu schweigen – keine halbwegs befriedigende Definition dieses Begriffes. Wir wollen hier auf die zahlreichen Versuche, den Begriff der Wissenschaft zu bestimmen, nicht eingehen, sondern nur zusammenfassend einige Mängel derartiger Definitionen nennen. Ganz allgemein läßt sich feststellen, daß die Bestimmungsversuche den komplexen Charakter der Wissenschaft ungenügend berücksichtigen, sie entweder nur als eine Form des gesellschaftlichen Bewußtseins oder als das aus der Erkenntnis hervorgehende System des Wissens oder auch als die systematische Verallgemeinerung der menschlichen Erfahrungen bezeichnen.

„Mit Worten läßt sich trefflich streiten…“ (Goethe) [1]

Bernal ist sogar der Meinung, daß es überhaupt nicht möglich sei, eine vernünftige Definition der Wissenschaft zu finden und wir uns statt dessen mit einer bloßen Aufzählung ihrer Merkmale begnügen sollten.[2] Nun haben Begriffsbestimmungen ohnehin einen beschränkten Wert, aber sie erfüllen im Rahmen ihrer Möglichkeiten doch eine außerordentlich wichtige Erkenntnisfunktion. Gerade dann, wenn die mit einem Begriffsinhalt verknüpften überkommenen Vorstellungen dem Gegenstand nicht mehr angemessen sind, weil er sich grundlegend verändert hat, ist es sehr wichtig, die Übereinstimmung zwischen dem Begriff und der Realität durch möglichst präzise Bestimmung wiederherzustellen.[3]
ErkenntnisDer verzwickte Weg der Theorie *

Welche Gesichtspunkte müssen wir berücksichtigen, wenn wir uns Klarheit über den Begriff der Wissenschaft und mittels des Begriffes über die reale gesellschaftliche Erscheinung Wissenschaft verschaffen wollen, wie sie heute existiert? Zunächst einmal ist klar, daß die Wissenschaft eine Form der theoretischen Tätigkeit der Menschen ist, in welcher sich die geistige Aneignung der Welt, die Erkenntnis vollzieht. Sie erwächst aus dem praktischen Lebensprozeß der Gesellschaft und ist in diesen eingebettet.

Was braucht man für die Wissenschaft?

Als aktive menschliche Tätigkeit ist sie eine Form der Entfaltung der Kräfte, Fähigkeiten und Vermögen des Subjekts. Wie jede menschliche Tätigkeit vollzieht sie sich in bestimmten sozialen Beziehungen, welche die tätigen Individuen eingehen und sie setzt auch bestimmte „Arbeitsmittel“, wissenschaftliche Instrumente, Apparate, forschungstechnische Anlagen, Kommunikationsmittel, Bibliotheken und andere Informationsspeicher voraus. Manche dieser Anlagen besitzen großindustriellen Charakter. Das alles sind Bedingungen und zugleich Elemente der wissenschaftlichen Tätigkeit, ohne welche diese nicht möglich ist. Vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung ist es unmöglich, diese realen Bedingungen und Mittel der wissenschaftlichen Tätigkeit aus der Wissenschaft auszuschließen, wie es in der Regel geschieht.[4]

Wie wird Wissen ‚produziert‘?

Wollen wir die Wissenschaft als eine wesentliche Seite des realen gesellschaftlichen Lebensprozesses verstehen, dann müssen wir auch die Produktionsweise des Wissens als eine notwendige Seite der realen Erscheinung Wissenschaft einbeziehen, und das muß sich dann auch in der Definition des Begriffes Wissenschaft widerspiegeln. Die wissenschaftliche Tätigkeit ist im Unterschied zur praktisch-gegenständlichen eine Form des theoretischen Verhaltens der Menschen, sie produziert im Erkenntnisprozeß Wissen über die Naturgegenstände, -prozesse und -zusammenhänge ebenso wie über die gesellschaftlichen Prozesse und Zusammenhänge. Dieses Wissen besitzt systematischen Charakter, es wird in der Form von wissenschaftlichen Theorien aufgebaut, weiche objektive Gesetze, Zusammenhänge usw. der Realität abbilden. Marx bezeichnete die Wissenschaft in dieser Hinsicht als ein „Produkt der allgemeinen geschichtlichen Entwicklung in ihrer abstrakten Quintessenz.“ [5]

Das ‚Eigenleben‘ der Wissenschaft und ihr Zweck

Als System von Theorien besitzt die Wissenschaft ein relativ selbständiges Eigenleben. In allgemeiner Form ist dieses in den beiden Kapiteln dieses Abschnittes gekennzeichnet worden. Die Theorien und Hypothesen der Wissenschaft besitzen eine bestimmte logische Struktur und stehen in einem inneren Begründungszusammenhang. Im allgemeinen wird in der Wissenschaftsdefinition nur das System des Wissens erfaßt und als eine besondere Form des gesellschaftlichen Bewußtseins charakterisiert. Wissenschaft als System des Wissens ist ihrer Intention und Tendenz nach immer darauf gerichtet, Mittel zur praktischen Beherrschung der Natur und zur bewußten Regulierung des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Wissenschaft zur Beherrschung von Natur und Gesellschaft

In Keimformen und Ansätzen finden wir diesen Übergang aus der Sphäre des Wissens in die praktische Tätigkeit in allen Perioden der Wissenschaftsentwicklung. Allerdings wurde die Wissenschaft erst in Gestalt der klassischen Mechanik im größeren Umfang zur praktischen Bewältigung von Naturkräften und Naturprozessen fähig. In der kapitalistischen Gesellschaft entstanden sowohl die theoretischen wie auch die materiellen Voraussetzungen, Im die Wissenschaft immer mehr praktisch wirksam werden zu lassen. Nachdem diese Voraussetzungen im Geschichtsprozeß produziert waren, konnte die Wissenschaft sich in größerem Umfang zur unmittelbaren Produktivkraft der Gesellschaft entwickeln und auch zum Instrument der bewußten Leitung der Gesellschaft werden.

Die heutige Wissenschaft – mal philosophisch betrachtet…

Die moderne Wissenschaft besitzt demnach verschiedene Aspekte, die innerlich miteinander verbunden sind und ihr gesellschaftliches Wesen in verschiedener Form zum Ausdruck bringen. Dementsprechend können wir die Wissenschaft betrachten, erstens als einen Bereich der gesellschaftlichen Arbeitsteilung (Wissenschaft als gesellschaftlicher Prozeß), zweitens als ein System von Theorien und Methoden (Wissenschaft als gesellschaftliches Produkt) und drittens als eine (zunächst potentielle; später aktuelle) Produktivkraft der Gesellschaft sowie als Grundlage für die Leitung der gesellschaftlichen Entwicklung (Wissenschaft als Instrument der Gesellschaft). Im ersten Aspekt geht es wesentlich um den Entstehungszusammenhang, im zweiten um den Begründungszusammenhang und im dritten um den Wirkungszusammenhang der Wissenschaft.

Die marxistische-leninistische Definition von Wissenschaft

Wie die Wissenschaft im einzelnen auch definiert werden mag, diese drei Aspekte müssen Berücksichtigung finden, wenn der Begriff der Realität adäquat sein soll. Sie ist eine komplexe soziale Erscheinung, die nicht auf einen dieser Aspekte reduziert werden kann. Der Versuch einer zusammenfassenden Definition könnte demnach lauten: Die Wissenschaft ist ihrer sozialen Existenzweise nach als höchste Form der theoretischen Tätigkeit der Menschen ein besonderes Gebiet der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, welches soziale Beziehungen und wissenschaftliche Einrichtungen mit entsprechenden technischen Anlagen umfaßt als Produkt der Erkenntnistätigkeit ist sie das aus der Praxis erwachsende, sich ständig entwickelnde System der Erkenntnisse über die Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des Denkens, welches in Form von Begriffen, Theorien und Hypothesen fixiert wird und seiner sozialen Funktion nach als Produktivkraft der Gesellschaft und Grundlage der Leitung gesellschaftlicher Prozesse eine wachsende Beherrschung der natürlichen und sozialen Umwelt ermöglicht. [6] (…)

Die Wissenschaft in Natur und Gesellschaft

Die moderne Wissenschaft bildet ein weitverzweigtes Netz einzelner Wissenschaften. Sie ist ein kompliziertes System, das aus zahlreichen Teilsystemen besteht, die sich ihrerseits weiter aufgliedern. Die gegenwärtige Struktur der Wissenschaft ist das Resultat ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte. Sie drückt zugleich aus, wie weit die menschliche Erkenntnis bereits in die Gesetze der verschiedenen Bewegungsformen der Materie, in die Zusammenhänge zwischen den Bewegungsformen und in allgemeine Strukturen der materiellen Welt eingedrungen ist.

Welche Arten von Wissenschaft gibt es?

Wenn wir die riesige Zahl der gegenwärtig zu unterscheidenden Einzelwissenschaften nach groben Gesichtspunkten einteilen, können wir zunächst zwei große Hauptgruppen unterscheiden, die Naturwissenschaften und die Gesellschaftswissenschaften. Eine dritte Gruppe entwickelt sich rasch und gewinnt zunehmend an Bedeutung, die technischen Wissenschaften.[7] In dieser Einteilung finden jedoch einige Wissenschaften noch keine Berücksichtigung, wie die Mathematik und die Kybernetik, die Strukturen untersuchen, welche in allen Bereichen der Welt existieren oder möglich sind, und solche Wissenschaften, die auf der Grenze zwischen Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften liegen, wie etwa die Medizin und die Anthropologie. Auch die Philosophie liegt aus erklärlichen Gründen außerhalb dieser Gliederung, weil sie weder eine Natur- noch eine Gesellschaftswissenschaft ist, sondern von ihrem Gegenstand her in bestimmter Weise alle Wissenschaften umfaßt.[8] (…)

Die Einheitlichkeit der Wissenschaften

In dem Maße, wie die einzelnen Wissenschaften in die Gesetze ihrer jeweiligen Gegenstände eindringen, erkennen sie zugleich zahlreiche Zusammenhänge und Berührungspunkte mit den benachbarten Wissenschaften. Dadurch wird das Geflecht der Wissenschaften immer dichter, und es kommt zu einer wachsenden Vereinheitlichung des Wissens. (…) Karl Marx hat das notwendige Zusammenwachsen der Wissenschaften zu einer Einheit, insbesondere die Vereinigung von Natur- und Gesellschaftswissenschaften, bereits in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ begründet. Dort schrieb er: „Die Industrie ist das wirkliche geschichtliche Verhältnis der Natur und daher der Naturwissenschaft zum Menschen … Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von den Menschen, wie die Wissenschaft von den Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: Es wird eine Wissenschaft sein.“[9]

* zur obigen Abbildung:
Während die Theorie Th1 in der Praxis Anwendung findet, also unmittelbar mit ihr verbunden ist, kann Th2 erst später zur Anwendung kommen, da vorläufig noch wesentliche Voraussetzungen hierfür fehlen. Th3 jedoch findet ihren Anwendungsbereich nicht direkt in der Praxis, sondern in Th2, es handelt sich also um Metatheorien, die nur über Th2 unmittelbar mit der Praxisa verbunden sind: Th4 findet weder jetzt noch später irgendeine Anwendung.[10] (Sie ist weltfremd und trägt folglich zur geistigen Verwirrung bei!)

Anmerkungen und Zitate:
[1] J.W.Goethe, Faust – Eine Tragödie, Erster Teil, Studierzimmer, Goethes Werke in zwölf Bänden, Vierter Band, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1981, S.221.
„Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.“
[2] J.D.Bernal: Die Wissenschaft in der Geschichte, Berlin 1961, S.19.
[3] Nicht zuletzt werden Begriffe heute oft vertauscht oder mißbräuchlich verwendet. Der Begriff ‚Arbeitgeber‘ bezeichnet in Wirklichkeit jemanden, der fremde Arbeitskraft ausbeutet, sich also die Arbeit anderer aneignet, und nicht einen, der eine ‚Arbeit‘ zu vergeben hätte.
[4] Eine solche rein ‚akademische‘ Methode geht an der Realität vorbei, sie führt zu Hirngespinsten und zu Mystizismus. Die Praxis ist stets das Kriterium der Theorie!
[5] Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, Teil I, S.355.
[6] auch wenn das hier alles etwas ‚theoretisch‘ klingt – ohne Wissenschaft geht es nicht: insbesondere in sozialen Fragen! Wer hier die Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten nicht erkennt, der ist hilflos und blind. Er kämpft wie einst Don Quichotte gegen Windmühlen: gegen die Irreführung durch die Medien, gegen die anerzogene Untertänigkeit gegenüber einer herrschenden Minderheit sowie gegen Unbildung und die Trägheit der Massen.
[7] Nun soll man sich allerdings durch den Umfang des sich explosionsartig vermehrenden Wissens nicht blenden lassen: die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft sind nach wie vor gültig, auch wenn sie ab und zu revolutioniert werden sollten, wie das z.B. mit dem Ptolomäischen Weltbild oder mit dem Bohrschen Atommodell geschah. Oder in der Gesellschaftswissenschaft mit dem philosophischen Idealismus (Kant), der durch den dialektischen und historischen Materialismus überwunden wurde.
[8] Was nicht zur Wissenschaft zu zählen ist, das sind sämtliche mystizistischen, esoterischen, astrologischen und religiösen „Theorien“. Heute kann ja jeder alles behaupten, wenn er nur eine einigermaßen plausible Begründung dafür findet. Und sofort hat er in einer beliebigen Talkshow ein paar Millionen staunender Zuschauer…
[9] Karl Marx/Friedrich Engels: Kleine ökonomische Schriften, S.136/137.
[10] Abb. und Text: siehe nachstehende Quelle, S.536.

Quelle:
Marxistische Philosophie, Lehrbuch, Dietz Verlag, Berlin (DDR), 1967, S.617-623. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Welches ist das beste Bildungssystem in der Welt?
Das einheitliche sozialistische Bildungssystem in der DDR
Nur die Wahrheit führt uns zur Erkenntnis
Die Verantwortung der Wissenschaftler
Wissenschaftliche Voraussicht
Der schwere Weg der Erkenntnis
Das Märchen vom „Strukturwandel“
Mr.Kerry und das Recht auf Dummheit

Willi Bredel, ein deutscher Kommunist

Willi Bredel
Willi Bredel (1901-1964)

„Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, … die Entwicklung der deutschen Arbeiterbewegung in menschlichen Erlebnissen literarisch darzustellen“, so äußerte sich der Arbeiterdichter Willi Bredel über sein Werk. Er wußte aber auch: „Will ein Schriftsteller nicht nur die Welt besser kennenlernen, sondern mit seiner Kunst dazu beitragen, sie verbessern zu helfen, so muß er am gesellschaftlichen Leben seines Volkes unermüdlich teilnehmen.“ Diese Erkenntnis bestimmte stets Handeln des Dichters.

In Hamburg, der Heimatstadt Ernst Thälmanns, wurde Willi Bredel 1901 als Sohn eines Tabakarbeiters geboren. Schon als Dreherlehrling auf einer Schiffswerft schloß er sich der Sozialistischen Arbeiterjugend an. 1918 wurde er Mitglied des Spartakusbundes und der Kommunistischen Deutschlands. Als er arbeitslos war, wanderte er nach Italien. 1923 nahm er mit der Waffe in der Hand an dem heldenmütigen Oktoberaufstand der Hamburger Arbeiter unter der Führung Ernst Thälmanns teil. Dafür wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Amnestierung ging er zur See, so lernte er Portugal, Spanien, Italien und Nordafrika kennen. Auf Anraten Ernst Thälmanns schrieb er ab 1926 Artikel für die „Hamburger Volkszeitung“, 1928 trat er dem Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller bei.

Als Redakteur der „Hamburger Volkszeitung“ hatte Bredel zwei Artikel über die geheime Wiederaufrüstung in der Weimarer Republik geschrieben; angesichts der zunehmenden Faschisierung sah er schon damals die große Gefahr für Deutschland voraus. Auf Grund dieser Artikel wurde Bredel 1930 erneut zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Die Haftzeit benutzte er eifrig zum Studieren und Lesen, jetzt kam er auch dazu, seine ersten Romane zu schreiben. Der Roman „Maschinenfabrik N & K“, ein „Roman aus dem proletarischen Alltag“, erschien 1930, noch während der Verbüßung der Strafe, der Roman „Rosenhofstraße“ 1931. In ihm schilderte Bredel den Kampf einer kommunistischen Parteizelle in einer norddeutschen Großstadt. Mit diesen Romanen stellte sich der Dichter in die Front der sozialistischen Schriftsteller, die in der Weimarer Republik für die ökonomische und politische Befreiung des werktätigen Volkes kämpften.

1933 wurde er erneut verhaftet und von den Faschisten in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel geschleppt. Nach 13 Monaten Haft (davon 11 Monate in Einzelhaft, 17 Auspeitschungen!) wurde er entlassen. Danach gelang ihm 1934 die Flucht in die Tschechoslowakei. Dort entstand der Roman „Die Prüfung“ (1934). Innerhalb von vier Wochen schrieb Bredel in diesem Roman seine Erlebnisse nieder und gab damit als erster Schriftsteller der Welt Bericht von den Grausamkeiten hinter dem Stacheldraht der faschistischen Konzentrationslager. Das Buch errang einen Welterfolg, es wurde in 7 Sprachen übersetzt und erreichte eine Auflage von über 2 Millionen Exemplaren.

In der Sowjetunion fand Willi Bredel dann eine neue Heimat. Zusammen mit Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger gab er die antifaschistische literarische Zeitschrift „Das Wort“ heraus. Damals entstand auch der Roman „Dein unbekannter Bruder“ (1936), der vom Widerstand der deutschen Arbeiter gegen den Hitlerfaschismus berichtet. Während des Befreiungskampfes des spanischen fand 1937 in Madrid der II. Internationale Schriftstellerkongreß zur Verteidigung der Kultur statt. Zu seinen Teilnehmern zählte auch Willi Bredel. Danach schloß er sich den Internationalen Brigaden an und war Kriegskommissar des Thälmann-Bataillons (Reportage „Begegnung am Ebro“ 1938).

In die Sowjetunion zurückgekehrt, stand Bredel während des Großen Vater1ändischen Krieges erneut an der Front gegen den Faschismus. Zusammen mit Erich Weinert widmete er sich während der Schlacht an der Wolga der wichtigen Aufgabe, die von den Faschisten verhetzten und verführten deutschen Soldaten durch Flugblätter und Lautsprecherpropaganda aufzuklären. Bredel arbeitete auch seit der Gründung (1943) im Nationalkomitee „Freies Deutschland“ mit. In den Jahren seines Aufenthalts in der Sowjetunion entstanden Teile der Romantrilogie (dreiteiliges Werk) „Verwandte und Bekannte“. Der erste.Teil, „Die Väter“, wurde 1941 in Moskau veröffentlicht; der zweiter Teil, „Die Söhne“ (1949), und der dritte Teil, „Die Enkel“ (1953) erschienen in Deutschland. Diese Trilogie ist Bredels Hauptwerk, sie ist „die erste Darstellung des deutschen Arbeiters in seiner Entwicklung durch das letzte Jahrhundert und wird schon deshalb einen dauernden Platz in der deutschen Literaturgeschichte einnehmen“ (Feuchtwanger). Die Kämpfe, das Versagen und den endgültigen Sieg der deutschen Arbeiterklasse schilderte der Dichter am Leben und Schicksal der Familie des Hamburger Arbeiters Julian Hardekopf und der nachfolgenden Generationen.

Bereits am 5.Mai 1945 kehrte Willi Bredel in die Heimat zurück. Von Anfang an wirkte er mit am Aufbau unseres neuen, sozialistischen Lebens. Er leistet dabei umfangreiche gesellschaftliche und kulturpolitische Arbeit. Daneben entstand eine Anzahl von Dichtungen. Die Reportage „Fünfzig Tage“ (1950) berichtet vom Wiederaufbau eines durch Unwetter zerstörten thüringischen Dorfes in sozialistischer Gemeinschaftsarbeit. Der historische Roman „Die Vitalienbrüder“ (1950) erzählt vom Leben Klaus Störtebekers. In dem Roman „Ein neues Kapitel“ (1959-1960) geht es um die schwere Zeit des Wiederaufbaus im Sommer 1945. Außerdem schrieb der Dichter die Drehbücher zu den beiden Thälmann-Filmen und setzte damit dem unvergessenen Führer der deutschen Arbeiterklasse ein Denkmal.

Ehrungen und Auszeichnungen würdigen die großen Verdienste des Künstlers. Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik ehrte ihn für sein dichterisches Werk zweimal mit Nationalpreis (1950 und 1954). 1962 wurde Willi Bredel zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste gewählt.

Quelle:
Übersichten und Biographien zum Literaturunterricht, Klasse 8-10, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin (DDR), 1965, S.95f. (Bild: ebd. S.95)

Texte von Willi Bredel:
Die Wahrheit des Details
Quo vadis SPD?
Über die Rolle der Persönlichkeit (E.Thälmann)
Eine Anekdote

Siehe auch:
Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V.

Bertolt Brecht: Im Gefängnis zu singen…

Bertolt Brecht
Im Gefängnis zu singen…

1. Sie haben Gesetzbücher und Verordnungen,
Sie haben Gefängnisse und Festungen,
Ihre Fürsorgeanstalten zählen wir nicht.
Sie haben Gefängniswärter und Richter,
Die ihr Geld bekommen und zu allem bereit sind.
Ja, wozu denn?
(Glauben sie denn, daß sie uns damit kleinkriegen?)
Eh‘ sie verschwinden, und das wird bald sein,
Werden sie gemerkt haben, daß ihnen das alles nichts mehr nützt,
Daß ihnen das alles nichts mehr nützt.

2. Sie haben Geld und Kanonen,
Die Gummiknüppel zählen wir nicht.
Polizisten und Soldaten.
Ja, wozu denn?
(Haben sie denn so mächtige Feinde?)
Sie glauben, da muß doch ein Halt sein,
Der sie, die Stürzenden stützt.
Eines Tages, und das wird bald sein,
Werden sie sehen, daß ihnen alles nichts nützt.
Und dann können sie noch so laut Halt schrei’n,
Weil sie weder Geld noch Kanonen mehr schützt.

Komposition: Hanns Eisler
Interpretation: Ernst Busch

Siehe:
Kommunisten-online: Getreten, geprügelt, mit Giftgas bekämpft…

Dr. Maria Grollmuß: Hoffnung auf eine bessere Welt

Maria Grollmuß war eine Suchende. Sie war auf der Suche nach Gerechtigkeit, nach einem menschenwürdigen Leben, nach einer Alternative zur faschistischen Barbarei. Und sie hatte erkannt, daß die Nazis nur Tod und Verderben bringen würden. Sie hatte erkannt, daß der Kommunismus die einzige Alternative sein würde. Deshalb schloß sich die gläubige Katholikin zeitweise der KPD an. Deshalb brachte sie illegale kommunistische Literatur an geheime Adressen. Deshalb half sie den verfolgten Genossen, den Fängen der Faschisten zu entkommen. Ihren Heldenmut und ihre Standfestigkeit, ihre Aufrichtigkeit und ihre sozialistische Gesinnung bezahlte sie mit ihrem Leben. Viel zu spät wurde die Erkrankte von einer KZ-Ärztin operiert. Sie starb im KZ Ravensbrück. Auch heute gibt es viele Suchende. Doch nicht immer ist diese Suche auch aufrichtig genug, und nicht immer führt sie zu der Erkenntnis, daß nur der Sozialismus einen Ausweg aus der Misere bietet. Noch hat die Arbeiterklasse nicht überall auf der Welt erkannt, daß sie bei der Überwindung des Kapitalismus eine führende Rolle spielt, noch gibt es nicht überall eine genügend starke, eine massenverbundene kommunistische Partei, die die Volksmassen zum Sieg über dieses menschenverachtende kapitalistische System zu führen imstande ist. Doch nicht mehr lange… Der Henker steht schon vor der Türe…
Dr. Maria Grollmuß
Maria kam im Winter ins Lager. Sie habe anfangs immer sehr gefroren und sich vor dem kalten Wasser zum Waschen gescheut. Deshalb habe sie sich oft nur mit der dünnen Kaffeebrühe, die es zum Frühstück gab, das Gesicht gewaschen. „Da haben wir sie eben mal ins Krankenrevier geholt und in die Badewanne gesteckt“, erinnert sich Emmy Handke. Diese Solidarität spürte Maria auch, wenn sie sich, um in der Natur zu sein, immer wieder freiwillig zur Arbeit außerhalb des Lagers meldete. Oft waren ihre Kräfte den unmenschlichen Anforderungen beim Straßenbau, beim Bäumefällen im Wald, dem Hetztempo auf Erntefeldern nicht gewachsen: Dann griffen die anderen Kameradinnen zu, übernahmen einen Teil von Marias Arbeit, damit sie Schritt halten und den Schlägen der KZ-Aufseherinnen entgehen konnte.

Maria dankte es ihnen, indem sie immer neue Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit, Fakten und Zusammenhänge aus Geschichte, Politik und Wissenschaft ihrem schier unerschöpflichen Gedächtnis entlockte. Phänomenal nennt Dr. Rita Sprengel, Häftling gleich ihr, dieses Gedächtnis. „Maria war unser lebendes Lexikon“. Elisabeth Lynhard, eine ihrer Leidensgenossinnen, erinnert sich später daran ebenso wie an Marias große Liebe zur Natur. „Kam sie abends zurück ins Lager, so stöhnte sie: ‚Es ist jedesmal für mich eine neue Verhaftung, Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber die Atmosphäre um das Lager ist eine andere, man kann gar nicht mehr atmen‘.“

Doch auch im Lager fand sie in den knapp bemessenen arbeitsfreien Stunden ein reiches Betätigungsfeld. Vor allem mit den polnischen und tschechischen Frauen verband sie bald enge Freundschaft. Auf ihren illegalen Wegen nach Prag und in andere Orte hatte sie die tschechische Sprache gelernt, um sich besser verständigen zu können und weniger aufzufallen. Mit den Polinnen unterhielt sie sich zuerst französisch, und mit der Zeit lernte sie auch noch Polnisch von ihnen. Sie erzählte ihnen dafür vom deutschen Widerstand gegen den Faschismus, sprach über deutsche Geschichte und Literatur. Mit ihren vielfältigen Sprachkenntnissen – zuletzt konnte sie auch noch ein wenig Russisch – gehörte sie zu den Mittlerinnen zwischen den Frauen aus vielen Ländern.

Als glühende Internationalistin, als überzeugte Sozialistin ist sie immer ihrem Glauben treu geblieben. Eine ihrer polnischen Freundinnen, Maria Szydlowska, berichtete später: „Sie wußte ganz genau, daß ich Atheistin bin und der materialistischen Philosophie anhänge, aber das warf nicht den geringsten Schatten auf unsere Freundschaft. Für alle hatte Maria Verständnis. Mir waren die langen Gebete meiner Landsmänninnen langweilig, aber noch sehe ich Maria vor mir, wie sie sich mitunter an den Andachtsübungen beteiligte. Ich sehe ihre glänzenden Augen, die feierliche Ruhe und beinah Freude auf ihrem gütigen Gesicht …“

Und auch die Hoffnung auf eine bessere Welt verließ sie nicht. „Ich träume davon, die katholische Linke der sozialistischen Linken nahezubringen“, sagte sie zu einer anderen polnischen Freundin im Lager. Wenn sie erlebt hätte, wie sich später in der Deutschen Demokratischen Republik ihre Wünsche und Träume von der Einheit der Arbeiterklasse, von der guten Gemeinsamkeit zwischen Christen und Kommunisten, zwischen allen Parteien und Parteilosen erfüllen würden – sie wäre eine der aktivsten dabei gewesen.

Doch die Krankheit, die sich schon jahrelang in ihr ausgebreitet hatte, überwältigte sie. Rita Sprengel berichtet, was Maria ihr im Frühjahr 1944 anvertraut hatte: „Nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe habe die Gestapo von Maria verlangt, in der sorbischen Widerstandsbewegung Spitzeldienste zu leisten. Sie lehnte ab. Da erhöhte die Gestapo den Druck: Sie wisse doch, daß sie Krebs habe. Stimme sie dem Vorschlag der Gestapo zu, würde sie sofort in ein besonders gutes Krankenhaus eingewiesen. Noch verspreche eine Operation Erfolg. Bleibe Maria jedoch stur, würde sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Dort müsse sie dann lebendigen Leibes verfaulen. Sie habe damals den Tod gewählt. Und nun sei es soweit, sie könne sich nicht mehr aufrecht halten und müsse ins Revier gehen, um dort zu sterben … Dann umfaßten ihre bräunlichen, feingliedrigen Knochenhände meine Hände.“ Maria bedankte sich bei der erstaunten Rita Sprengel für das Glück, mit ihren Informationen über die Renaissance-Zeit ihr und anderen geholfen zu haben. Rita wehrte ab, doch Maria schüttelte ungeduldig den Kopf: „Verstehst du denn nicht, was es für mich bedeutet, wenigstens dies eine Mal noch mit meinem Wissen nützen zu können?!“

Eine Häftlingsärztin operierte Maria, aber es war zu spät. „In sechs Wochen verging sie wie eine Blume“, schreibt Elisabeth Lynhard. In dieser Zeit wurde sie von den Revierhäftlingen aufs sorgsamste gepflegt. Unter denen, die sie am Krankenbett besuchten, war am 6.August 1944 Rita Sprengel: „Auch das war natürlich verboten. Doch wer von den Revierhäftlingen als zuverlässig bekannt war, dem öffneten sich die Türen.wenn die Luft rein war, d.h. wenn das SS-Personal das Revier verlassen hatte. Als ich an diesem frühen Nachmittag zu Maria kam, war es für mich … klar: Maria lag im Sterben … Sie lag mit geschlossenen Augen da, ihr Atem ging schwer und wurde langsam, doch ohne Kampf und Krampf immer flacher, bis er schließlich aussetzte. Ich saß neben ihr und sprach leise, doch eindringlich von dem, wonach Maria sich so sehr gesehnt hatte, von Radibor, ihrem Heimatdorf, und von dem Obstgarten, von dem sie mir manchmal vorgeschwärmt hatte … Falls Maria meine Worte noch erreichten, sollten sie ihren Übergang vom Leben zum Tode mit der Vision ihrer Heimkehr in ihr Elternhaus verbinden …“

Auch wenn sie diese Worte nicht mehr vernommen hätte, die Hoffnung darauf muß sie in den Tod begleitet haben. Als sie starb, hielt sie in ihren Händen einen Brief von der Schwester, der sie am Vortag erreicht hatte, Cäcilia schrieb darin, sie habe die Absicht gehabt, einige Wege zu gehen, die sie in ihrer Jugend gemeinsam durchstreift hatten, aber sie warte damit, bis Maria wieder zu Hause sei …

Die Nachricht vom Tod Marias verbreitete sich an diesem stillen Sommersonntag im Lager sehr schnell: Alle, die sie liebten – und das waren viele –, hatten ihr in den Wochen zuvor Obst, Lebensmittel, Säfte gebracht. Auch die Bibelforscherinnen schafften von den für die SS gesammelten Blaubeeren ein Glas voll für Maria beiseite. Nun brachten sie von den Wegrändern, von den Rabatten Blumen über Blumen als letzten Gruß für Maria, die sie nicht mehr vergessen würden.

Lieselotte Thoms-Heinrich

Aus: Kreuzweg Ravensbrück. Lebensbilder antifaschistischer Widerstandskämpferinnen, Verlag für die Frau, Leipzig 1989

Siehe auch:
Das Frauen-KZ in Ravensbrück
Sächsische Biografie: Dr. Maria Grollmuß
Erinnerung an den unbeugsamen Juristen Hermann Reinmuth