Bertolt Brecht: VOLKSBEFRAGUNG.

Man braucht es eigentlich nicht zu kommentieren: Auch Bertolt Brecht war Kommunist. Vielfach verkündete er seine kommunistische Gesinnung. Und das in allen seinen Werken. Klug verhielt er sich gegenüber dem ihm feindlich gesonnenen US-amerikanischen Untersuchungsausschuß (McCarthy). Und er entging seinen Häschern. Ernst Busch sang seine Lieder, Erwin Geschonneck spielte seine Szenen auf der Bühne. Jahrelang. Die Kinder lernten in der Schule seine Gedichte. Und die Menschen (nicht nur in der DDR) kannten das Lied vom Kommunismus. Auch heute können wir von ihm lernen. Wir lernen wieder, was es heißt: Klassenkampf! Und Kampf gegen den Faschismus. Für eine neue, eine bessere Welt! Lerne die Feigheit überwinden, Genosse! Wehre dich gegen die Falschheit, entlarve die Lüge! Kämpfe!
Wien 1938Wien – Heldenplatz 1938

Und als wir sie sahen ziehen,
Da haben wir laut geschrien:
Sagt keiner von Euch nein?
Ihr dürft nicht ruhig bleiben!
Der Krieg, in den sie euch treiben,
Kann nicht der eure sein!

Berlin, den 13. März 1938. In einer proletarischen Wohnung zwei Arbeiter und eine Frau. Der kleine Raum ist durch eine Stange blockiert. Im Radio hört man ungeheuren Jubel, Glockenläuten und Flugzeuggeräusche. Eine Stimme sagt: „Und nun zieht der Führer in Wien ein.“

DIE FRAU: Das ist wie ein Meer.
DER ÄLTERE ARBEITER: Ja, er siegt und siegt.
DER JÜNGERE ARBEITER: Und wir werden besiegt.
DIE FRAU: So ist es.
DER JÜNGERE ARBEITER: Horch, wie sie schreien! Als bekämen sie was!
DER ÄLTERE ARBEITER: Sie bekommen. Eine Invasionsarmee,
DER JÜNGERE ARBEITER: Und dann heißt es „Volksbefragung“. Ein VoIk, ein Reich, ein Führer! Willst du das, Deutscher? Und wir können nicht einmal ein kleines Flugblatt herausgeben zu dieser Volksbefragung. Hier in der Arbeiterstadt Neukölln.
DIE FRAU: Wieso können wir nicht?
DER JÜNGERE ARBEITER: Zu gefährlich.
DER ÄLTERE ARBEITER: Jetzt, wo auch noch Karl hochgegangen ist. Wie sollen wir die Adressen kriegen?
DER JÜNGERE ARBEITER: Zum Textausarbeiten fehlt uns auch ein Mann.
DIE FRAU deutet auf das Radio: Er hatte hunderttausend Mann für seinen Überfall. Uns fehlt ein Mann. Schön. Wenn nur er hat, was er braucht, dann wird eben er siegen.
DER JÜNGERE ARBEITER böse: Dann fehlt Karl also nicht.
DIE FRAU, Wenn hier eine solche Stimmung herrscht, dann können wir grad so gut auseinandergehen.
DER ÄLTERE ARBEITER: Genossen, es hat keinen Sinn, wenn wir uns hier etwas vormachen. Es ist schon so, daß das Herausbringen eines Flugblatts immer schwieriger wird. Wir können nicht so tun, als ob wir das Siegesgebrüll da – er zeigt auf das Radio – einfach nicht hörten. Zu der Frau: Du mußt zugeben, daß jeder mal, wenn er so was hört, das Gefühl haben kann, daß sie doch immer mächtiger werden. Klingt das nicht wirklich wie ein Volk?
DIE FRAU: Das klingt wie zwanzigtausend Besoffene, denen man das Bier gezahlt hat.
DER JÜNGERE ARBEITER: Vielleicht sagen das nur wir, du?
DIE FRAU: Ja. Wir und solche wie wir.

Die Frau glättet einen kleinen, zerknitterten Zettel

DER ÄLTERE ARBEITER: Was ist das?
DIE FRAU: Das ist die Abschrift eines Briefes. Da wir den Lärm haben, kann ich ihn vorlesen.

Sie liest

„MEIN LIEBER SOHN! MORGEN WERDE ICH SCHON NICHT MEHR SEIN. DIE HINRICHTUNG IST MEISTENS FRÜH SECHS. ICH SCHREIBE ABER NOCH, WEIL ICH WILL, DASS DU WEISST, DASS MEINE ANSICHTEN SICH NICHT GEÄNDERT HABEN. ICH HABE AUCH KEIN GNADENGESUCH EINGEREICHT, DA ICH JA NICHTS VERBROCHEN HABE. ICH HABE NUR MEINER KLASSE GEDIENT. WENN ES AUCH AUSSIEHT, ALS OB ICH DAMIT NICHTS ERREICHT HABE, SO IST DAS DOCH NICHT DIE WAHRHEIT. JEDER AUF SEINEN PLATZ, DAS MUSS DIE PAROLE SEIN! UNSERE AUFGABE IST SEHR SCHWER, ABER ES IST DIE GRÖSSTE, DIE ES GIBT, DIE MENSCHHEIT VON IHREN UNTERDRÜCKERN ZU BEFREIEN. VORHER HAT DAS LEBEN KEINEN WERT, AUSSER DAFÜR. WENN WIR UNS DAS NICHT IMMER VOR AUGEN HALTEN, DANN VERSINKT DIE GANZE MENSCHHEIT IN BARBAREI. DU BIST NOCH SEHR KLEIN, ABER ES SCHADET NICHTS, WENN DU IMMER DARAN DENKST, AUF WELCHE SEITE DU GEHÖRST. HALTE DICH ZU DEINER KLASSE, DANN WIRD DEIN VATER NICHT UMSONST SEIN SCHICKSAL ERLITTEN HABEN, DENN ES IST NICHT LEICHT. KÜMMERE DICH AUCH UM MUTTER UND DIE GESCHWISTER, DU BIST DER ÄLTESTE. DU MUSST KLUG SEIN. ES GRÜSST EUCH ALLE DEIN DICH LIEBENDER VATER.“

DER ÄLTERE ARBEITER: Wir sind doch nicht so wenige.
DER JÜNGERE ARBEITER: Was soll denn stehen in dem Flugblatt zur Volksbefragung?
DIE FRAU nachdenkend: Am besten nur ein Wort: NEIN!

Quelle:
Bertolt Brecht: Volksbefragung. In: Die Zeit trägt einen roten Stern, Deutsche Schriftsterller berichten über Revolution und Klassenkampf, Aufbau Verlag Berlin (DDR), 1958, S.546-548.
Foto: Österreische Nationalbibliothek.

Siehe auch:
Metropolit Gregorius: Wider den Antikommunismus!
Warum der Faschismus auf fruchtbaren Boden fällt…
Wer sind eigentlich die Kommunisten?

„Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch
eine bessere Welt schaffen wollen.“ (Oscar Niemeyer)

6 Gedanken zu “Bertolt Brecht: VOLKSBEFRAGUNG.

  1. Ich bin der Meinung, daß die besondere Bezugnahme zum Kommunismus dem Werk Brechts mehr geschadet hat, nicht genutzt. Wahrscheinlich hat Brecht bis zuletzt nicht verstanden, auf was er sich da eingelassen hat. Ich würde auch nicht von einem dialektischen Werk sprechen, wenn es sich nur um die Hinzunahme von ideologischer Propaganda handelt. Als besondere Fragestellung wäre zu klären, wem eine Sachdarstellung von klar auf unklar, von richtig auf falsch, von heute auf gestern tatsächlich nützt. Ich sehe da keinen besonderen Vorteil für Menschen von heute.

    Gefällt mir

    1. Meinungen sind heute die billigste Massenware der Welt. Um Brecht zu verstehen, braucht man schon ein wenig Grips im Kopf. Und man muß sich auch mal die Mühe machen, den Marxismus-Leninismus zu studieren. Anstatt nur drüber herzuziehen, und über Dinge zu urteilen, die man nicht einmal kennt, geschweige denn kapiert hat. Das ist dumm und anmaßend zugleich. Brecht aber ist immer wieder aktuell. Da gibt es nichts zu klären!

      Gefällt mir

      1. Ich entschuldige hiermit die indirekte Beleidigung. Da ich den ganzen Brecht kenne und gelesen habe, muß ich mir wenig Grips nicht nachsagen lassen. Vielleicht tun sie sich auch einmal die Mühe, etwas zu verstehen. Und zum Marxismus-Leninismus. Massenmörder muß man nicht verstehen. Sie sprechen eine eigene Sprache für sich, die das menschliche Leben gewöhnlich exekutiert. Aber es ist schön, daß auf blog.de Meinungen als billigste Massenware der Welt möglich gemacht werden. So kommt man sich näher!

        Gefällt mir

      2. … auf diese Art ‚Massenware‘ (der uns hier als ‚Meinungsfreiheit‘ serviert wird) können wir verzichten. Wenn es nach Mr. Kerry geht, hat heute jeder das Recht auf Dummheit (siehe: Mr. Kerry und das Recht auf Dummheit). Die Bürger der DDR und der anderen sozialistischen Staaten (und mit ihnen auch Brecht) waren gebildete Menschen. Massenmorde gab es in diesen Ländern nicht! (außer denen z.B. in der Sowjetunion, die von den Nazis verursacht wurden) Sie sind und waren stets ein Produkt des Imperialismus, der die Völker in Unmündigkeit hält und Kriege, Gewalt und Lügen(!) gebiert. Auch Dummheit hervorbringt. Auf ersteres wiesen vor allem die Kommunisten immer wieder hin. Liebknecht stimmte als einziger gegen die Kriegskredite. Und war es nicht Ernst Thälmann, der sagte: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“

        Gefällt mir

  2. sascha313
    14. Jul 2013 @ 21:26:56
    „Meinungen sind heute die billigste Massenware der Welt.“

    So ist es!
    So lange es den Herrschenden erfolgreich gelingt, die unterworfenen, in materieller und geistiger Abhängigkeit gehaltenen Massen, d.h. deren Köpfe, mit Meinungen aller Art in Verwirrung, geistig-intellektueller Unmündigkeit zu halten, so lange steht die bürgerliche Klassengesellschaft trotz aller „Krisen“ auf ziemlich sicheren Fundamenten.
    So lange Dank Meinungen jegliche Auswege aus diesen System von vornherein vernebelt, als unrealistisch, Träumereien, Utopien abgetan werden können, sind die „Schafe“ den Eliten sicher, gehorsam, fügen sich ins „Unvermeidliche“.

    Ein interssanter Beitrag, wirklich nachdenkenswert, sogar erhellend folgende Ausführungen eines früheren deutschen Kanzlers, welcher ebenso gut wie seine heutigen Nachfolger gut verstand, wie wichtig Meinungen für das Volk sind, die „richtigen“ Meinungen, und wie wichtig es ist, WER dem „Volke“ die „richtigen“ Meinungen „vorgibt“!

    Lauscht und denkt darüber nach:

    Nun, was soll man dazu sagen?

    Hätte dieser Kanzler nicht auch den berühmten „Karls-Preis“ zumindest postum verdient? 🙂

    Korrektur des Blogautors: ‚Unvermeintliche‘ korrigiert in ‚Unvermeidliche‘ N.G. 😉

    Gefällt mir

    1. Interessant. Wer dem Volke zum Maule redet, dem laufen die Massen hinterher. Um so besser versteht man heute, wie schwer es damals für die Kommunisten war, denen dieser Hitler nicht nur die rote Fahne, sondern auch die Worte stahl. Welch‘ ein Demagoge! Um so wichtiger ist es heute, zwischen den Nazis und den Sozialisten zu unterscheiden. Das wußte Bertolt Brecht sehr genau! Wie schnell man doch ein Volk besoffen machen kann, wenn man nur das Bier bezahlt!!!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s