F.C.Weiskopf: Das Mittagsbier

Diese Geschichte, von der hier der Schriftsteller berichtet, hat sich zugetragen im Nazireich, und sie zeigt wie einfache Arbeiter in solidarischer Gemeinschaft dem Imperialismus Schaden zufügten, und zwar, indem sie den Krieg sabotierten, der nicht ihr Krieg war. Ein Krieg, in dem ihre Klassenbrüder fielen und ihre Herren sich bereicherten. Auf Sabotage stand die Todesstrafe. „Jeder einzelne der nahezu neuntausend Mann starken Belegschaft hatte von diesem Geheimnis Kenntnis gehabt und es, aller Gefahr zum Trotz, bei sich behalten.“

F.C.Weiskopf: Das Mittagsbier

Ein ganzes Jahr lang lieferte die unter schärfster Gestapoüberwachung stehende Brunner Waffenfabrik Haubitzenrohre, die entweder schon beim Probeschießen oder an der Front nach wenigen Schüssen außer Dienst gestellt werden mußten.

Die Nazis, denen es weder durch Drohungen noch durch Spitzelei gelingen wollte, in Erfahrung zu bringen, wie diese Sabotage – denn um nichts anderes konnte es sich handeln – bewerkstelligt wurde, gelangten schließlich durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle auf die richtige Spur.

Der Trick, mittels dessen die Rohre unbrauchbar gemacht wurden, war ebenso einfach wie sinnreich. Die Arbeiter spritzten bei ihrem Mittagsimbiß, den sie wegen der von den Nazis verfügten Kürzung der Arbeitspause in den Werkstätten selbst einnahmen, jedesmal ein wenig Bierschaum auf die weißglühenden Kanonenläufe, woraufhin der Stahl, da er durch ungleichmäßiges Auskühlen seine Elastizität einbüßte, dem Druck der Abschußgase nicht mehr gewachsen war.
Der leitende Gestapokommissar ließ ein halbes Hundert Arbeiter erschießen und die doppelte Anzahl in die Konzentrationslager von Oslavan und Dachau schaffen, aber er wußte, und auch die Kameraden der Erschossenen wußten:

Gefährlicher als das auf die glühenden Haubitzenläufe gespritzte Mittagsbier war der Umstand, daß jeder einzelne der nahezu neuntausend Mann starken Belegschaft von diesem Geheimnis Kenntnis gehabt und es, aller Gefahr zum Trotz, bei sich behalten hatte.
Kanone

F.C. Weiskopf ist in seinen Anekdoten dem Vorbild Heinrich von Kleists („Aus deutscher Dichtung“, Bd. 2, S. 131ff.) verpflichtet und verbindet hohes sprachliches Können mit überzeugender politischer Pointierung der Aussage.

Quelle:
Aus deutscher Dichtung, Dritter Band, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1969, S.196f. Ein Lesebuch für die 12. Klasse.

2 Gedanken zu “F.C.Weiskopf: Das Mittagsbier

  1. F.C. Weißkopf: sagt mir was. Ich meine mal, wir haben sein Werk im Deutschunterricht besprochen. Ist etwa 1980 gewesen. Kommt mir vor, als wäre es aus einem früheren Leben…

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  2. Ja, Luise, es ist aus unserem früheren, aus unserem besseren Leben. Heute werden solche ‚gefährlichen‘ Bücher nicht mehr gedruckt…. da könnte ja einer ins Nachdenken kommen…

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