Die Wurzeln des Übels

privatIm gebildeten Bürgertum gibt es gar viele, recht unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die künftige Gesellschaft einmal aussehen sollte, was sich ändern müßte und wo man ganz und gar nicht hinkommen will. Am besten natürlich im Rahmen der bestehenden Gesetze. Beibehalten werden sollte unbedingt die deutsche Gemütlichkeit, jedenfalls für diejenigen, die sie heute schon haben. Denn wir haben ja mit der ’sozialen Marktwirtschaft‘ das beste Wirtschaftssytem der Welt. Wirklich??? Nein, denn die rauhe Wirklichkeit sieht anders aus. Der Kapitalismus ist am Ende, sein Sterben zögert sich nur noch etwas hinaus, da die Palliativmedizin ja doch sehr weit entwickelt ist. Reden wir hier einmal über die Ursachen der sozialen Misere. Reden wir darüber, was wirklich in unserer Gesellschaft geschieht! Und danach reden wir über die Zukunft…

A. DIE WURZELN DES ÜBELS

Bürgerliche Propaganda hat stets versucht, den einfachen Menschen die Erwerbslosigkeit als »Schicksal«, als »schicksalhafte Fügung« begreiflich zu machen, um so von den systembedingten Quellen dieses sozialen Problems abzulenken. In den letzten Jahren wurden Arbeitslose immer mehr zur Zielscheibe von Diffamierungen und Verketzerungen durch die monopolistische Presse. Von Faulheit, von Trägheit, von »mangelndem Aufpassen und Streben schon in der Schule« war da die Rede. Und auch vom »Preis des Wohlstands«. Arbeitslosigkeit sollte »verinnerlicht« werden. Ihre tiefste Wurzel sollte dem »lohnabhängigen« Bürger transplantiert werden. Konservative Wertedemagogie führt diese Propaganda fort, indem sie verstärkt menschliche Eigenschaften anspricht. Auf diese Weise sollen angeblich Wirtschaftsaufschwung stimuliert und Arbeitslosigkeit vermindert werden. Tatsächlich soll der erreichte Grad der Arbeitsintensität erhöht und reaktionäre Sozialpolitik flankiert und gerechtfertigt werden. Insofern wird viel von Redlichkeit und Fleiß gesprochen, von Pflichtgefühl und Augenmaß, von Sparsarnkeit und Selbstdisziplin, von Eigeninitiative und Treue zu Gesetzen. Dies seien »unverzichtbare Tugenden«. [1] Aber: Obwohl die Disziplinierung der arbeitenden Menschen in den Konzernbetrieben ständig zugenommen hat und die Arbeitsintensität erhöht wurde, stieg die Zahl der Arbeitslosen.

…und weiter verschärft sich die Ausbeutung

Konservative Verzichtsideologie will also verdecken, daß chronische Massenarbeitslosigkeit ein Resultat der monopolistischen Nutzung des wissenschaftlich:technischen Fortschritts ist, durch den in immer stärkerem Maße lebendige Arbeit eingespart wird. Um die Kapitalverwertung immer günstiger zu realisieren, werden Arbeitskräfte durch moderne Technik ersetzt. Kapitalistische Akkumulation schafft, wie schon Marx feststellte, »beständig eine relative, d.h. für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung« [2]. Unter den Bedingungen der monopolistischen Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts bei gleichzeitig verlangsamtem Wirtschaftswachstum in den entwickelten imperialistischen Ländern tritt diese Gesetzmäßigkeit ungleich krasser zutage. Für die Profitbedürfnisse und die Machtinteressen der großen Monopole erweist sich die »überschüssige« Arbeiterbevölkerung als Instrument zur Verschärfung der Ausbeutung.

So wirken die ökonomischen Gesetze im Kapitalismus…

1. Wirtschaftskrisen: Die kapitalistische Weltwirtschaftskrise zu Beginn der achtziger Jahre brachte mit dem typischen Rückgang der Industrieproduktion und einer großen Zahl von Bankrotten einen neuen kräftigen Schub für die Erwerbslosigkeit. Und dies um so mehr, als die charakteristischen zyklischen Ursachen bei rapidem Strukturwandel und damit verbundenen internationalen Strukturkrisen, so in der Stahlindustrie, im Schiffbau oder in der Bauwirtschaft, wirkten. Seit Anfang der achtziger Jahre vollzieht sich in den imperialistischen Hauptländern ein deutlicher Rückgang der Ausrüstungsinvestitionen. Dadurch werden mögliche langfristige Wachstumsimpulse und damit auch Wege für eine Verminderung der Arbeitslosigkeit blockiert. (als ob es diese Möglichkeiten jemals gegeben hätte! N.G.)

2. Rationalisierung: Hinzu kommt daß wissenschaftlich-technischer Fortschritt in der Welt des Kapitals zu einem schnellen Ersatz konventioneller Maschinen- und Produktionssysteme führt, Durch die Entwicklung von Schlüsseltechnologien werden massenhaft, ja vieltausendfach weitere Arbeitskräfte eingespart. Und schließlich fordert der erbarmungslos tobende kapitalistische Konkurrenzkampf seinen sozialreaktionären Tribut. Die Monopole nehmen darauf Kurs, in volkswirtschaftlich bisher unbekannten Dimensionen Erneuerungs- und Rationalisierungsinvestitionen zu verwirklichen. Das läuft auf eine regelrechte Rationalisierungsoffensive gegen die Arbeiterklasse hinaus. Ihr Ergebnis sind eine noch beträchtlichere Verringerung der Zahl der Beschäftigten und eine weiter enorm steigende Leistung. [3] Die Intensivierung des Ausbeutungsprozesses erreicht eine neue Qualität. Die akute Beschäftigungskrise prägt sich aus. Mehr und mehr Arbeiter und Angestellte werden »überflüssig«.

3. Lohndumping: Die herrschenden Kreise im Imperialismus erklären infolge der Wirkung des Gesetzes der Konkurrenz: »Verweigern wir uns den neuen Techniken, dann übernehmen andere Länder mit billigeren Arbeitskräften unsere Produktion, bedienen wir uns ihrer, dann schaffen wir uns selbst die Arbeitsmarktprobleme«. [4] So wird gewöhnlich argumentiert und damit eine Alternative konstruiert: das Entweder-Oder. Aber es bleibt eine Konstruktion, denn die Realität in den Ländern des Kapitals offenbart: Das Monopolkapital wendet beide Methoden gleichzeitig an, indem es sowohl die Löhne drückt als auch Arbeitskräfte entläßt.

B. …DOCH WOHIN GEHT DIE REISE?

Und so tönte es von der Bundesregierung: »Wo sich die wissenschaftlich-technischen Prozesse gegen unsere Lebensinteressen und das erreichte Niveau sozialen Fortschritts wenden, muß der Staat den Rahmen definieren und damit Grenzen ziehen… Die Heraus-forderung besteht darin, sich auf allen Handlungsebenen innovativ zu verhalten… « [5]
Wie die Praxis zeigt, kann dabei allerdings für die Werktätigen von »Verbesserung neuer Lebensqualität« und »Sicherung des Wohlstandes« in keiner Weise die Rede sein. Aus dem Wesen des imperialistischen Systems ergibt sich vielmehr, daß mit dem weiteren Voranschreiten des wissenschaftlich-technischen Fortschritts die Gebrechen des Imperialismus für die Werktätigen der kapitalistischen Länder immer spürbarer werden. Dem liegt der Widerspruch in der Entwicklung der Produktivkräfte im Imperialismus zugrunde: immer weitere Vervollkommung ihrer materiell-gegenständlichen Elemente bei gleichzeitiger massenhafter Ausschaltung des Menschen aus dem Produktionsprozeß. »Das heißt, die Potenz des technischen Fortschritts im Kapitalismus schließt die Impotenz des Profitsystems zur Vollbeschäftgung ein, und je größer sein technischer Fortschritt, um so größer die Arbeitslosigkeit.« [6] Ein ständiges Heer von Arbeitslosen in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern ist dafür symptomatisch…

Was wäre die Alternative?

Die Vorzüge des Sozialismus haben ihre Wurzeln in den Macht- und Eigentumsverhältnissen. Sie zeigen sich darin, daß volle Übereinstimmung besteht zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte, wie sie sich durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt vollzieht, und der Befriedigung der materiellen und geistig-kulturellen Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesllschaft; daß die Dynamik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts mit der planmäßigen, proportionalen Entwicklung der Volkswirtschaft übereinstimmt…

Zitate:
[1] Protokoll. 29.Bundesparteitag der CDU, 9./10.3.1981, Mannheim/Bonn o.J.
[2] Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.23, S.658.
[3] Siehe Peter Delitz: Chronische Massenarbeitslosigkeit, Gebrechen des Kapitalismus. In: Einheit, 1983, H.8.
[4] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Mai 1985.
[5] Volker Hauff: Innovationen und neue Technologien. In: Bulletin des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung, 6.Oktober 1978, Nr.113, S.1059f.
[6] Erich Honecker: Die Aufgaben der Partei bei der weiteren Verwirklichung des IX.Parteitages der SED, Berlin 1978, S.15.

Quelle:
A. Georg Grasnick: Alter Kapitalismus – »neue Armut«, Dietz Verlag Berlin, 1985, S.10-12.
B. Irene Fischer/Karl Hartmann: Technologie, Wachstum, Produktivität, Dietz Verlag Berlin, 1980, S.196,201. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

2 Gedanken zu “Die Wurzeln des Übels

  1. Hallo Norbert,

    ein Thema möchte ich zu Deinen wichtigen Bemerkungen noch anfügen – die Massenverblödung in der BRD:
    Meldung vom heutigen Tage in der FAZ (und natürlich auch in anderen Zeitungen) http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/konjunktur/konjunktur-staerkster-preisanstieg-bei-lebensmitteln-seit-2008-12529762.html

    Und dann meine Fahrt mit dem LKW durch die germanischen Lande – auch am heutigen Tag. Wahlplakate an das hiesige Stimmvieh: http://www.cdu.de/sites/default/files/media/images/themenplakat_solide_finanzen.jpg

    „Von was für Idioten lassen wir Idioten uns regieren?“ (F. Schorlemmer – Gebetsbruder der derzeitigen Kandesbunzlerin)

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