Antikommunistische Lektüre in hohen Auflagen

Man kann heute in jede beliebige Buchhandlung gehen, da findet man überwiegend seichte Unterhaltungslektüre. Im Fach Politik/Geschichte gibt es reihenweise Bücher voller Einseitigkeiten und Lügen – zum Beispiel über die DDR, über den 2.Weltkrieg, ruhmrediges Geschreibsel über irgendwelche bürgerlichen Politiker, sowie „Neuigkeiten“ und „Enthüllungen“ über Stalin, Lenin, Ulbricht oder andere kommunistische Persönlichkeiten. Man mag es schon nicht mehr hören. Und man muß sich danach die Hände waschen. Die Perspektive der Bourgeoisie ist verzerrt. Das ist auch nicht verwunderlich, geht es der herrschenden Ausbeuterklasse doch darum, die bestehenden Verhältnisse so lange wie nur möglich aufrechtzuerhalten. Und dazu ist jedes Mittel recht, wenn es nur ins eigne Weltbild paßt. Hier nun ein paar Beispiele:

Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert war es „Die Gartenlaube“, die einfache Leute lasen – von der Haushälterin bis zum Dienstboten. Später kamen Romanheftchen hinzu, Adelsgeschichtchen, dann die Landserheftchen und dergleichen. Billige, verdummende und wirklichkeitsfremde Geschichten, die man während einer Zugfahrt lesen und dann im Abteil liegenlassen konnte. Nach der schockierenden deutschen Niederlage im ersten Weltkrieg versuchte die Bourgeoisie dieses Erlebnis literarisch zu verarbeiten. Kriegsberichte und Memoiren, Sammelheftchen von Zigaretten und Kakaopackungen hielten Einzug in fast jedem Haushalt. Dann verlegte man sich auf Unterhaltungslektüre. Man rechnete mit der Neugier und der Sensationslust der Leserschaft. Die perfekte Ablenkung von der Wirklichkeit, vom Elend des Alltags im Kapitalismus. Das eigene Denken war dabei nicht erforderlich…
Die GartenlaubeHurrahZigarettenbildRomanheftKrimiheftLandserheftWarum eigentlich „antikommunistisch“?

Es ist ein Wesenszug der imperialistischen Ideologie und Politik, den Leser von den alltäglichen Sorgen abzulenken und ihn in eine Scheinwelt zu entführen. Spannung, Abenteuer und rührselige Geschichten eignen sich hervorragend dazu. Der Büchertisch ist voll von derartigem Dreck. Ljubow Pribytkowa schrieb: „Die wahren Bücher hat man aus den Bibliotheken hinausgeworfen, und andere wurden einfach verbrannt. Ihren Platz nimmt heute übersetzter und gedruckter westlicher Abfall ein, minderwertige Massenschmöker und Unterhaltungslektüre. Für die Jugend wurde es mit jedem Jahr schwieriger an wahrhafte Kultur zu gelangen und zur Wahrheit über Geschichte unseres Vaterlandes vorzudringen.“ [1] Der Antikommunismus besteht also nicht nur in der bloßen Ablehnung oder in der sachlichen Gegnerschaft zum Sozialismus bzw. Kommunismus, sondern er hat zum Ziel, die von Marx, Engels und Lenin begründete wissenschaftliche Weltanschauung mit allen Mitteln zu vernichten. Das äußert sich sowohl in einer Ablenkung von den wirklichen Verhältnissen, als auch in der plumpen oder eben raffinierten Verfälschung oder Verunglimpfung jeglichen revolutionären Gedankens und jeglicher fortschrittlicher proletarischer Bewegung. Das ist das Ziel. (P.S. Auch die antikommunistische Linkspartei trägt ihr Scherflein dazu bei, indem sie auf ihren neuesten Wahlplakaten hinter das Wort ‚Revolution‘ ein Fragezeichen setzt.) Fazit: „Der Antikommunismus ist kein einheitliches theoretisches System, sondern eine eklektische Mischung aller reaktionären Elemente der bürgerlichen Philosophie, Ethik, Ökonomie, Staatslehre, Geschichtsschreibung, Ästhetik und anderer Disziplinen.“[2]

Rührselige Kriegerverehrung

1932 erschien in Erinnerung an Hunderttausende in ersten Weltkrieg sinnlos gefallener Studenten das 30tausendste Exemplar des Büchleins „Langemarck“[3], ein rührend-tragisches ‚Vermächtnis‘, bestehend aus Dutzenden Briefen Gefallener. Ein Beispiel: Walter Gottwald, stud.theol, Berlin, gef.25. Juli 1915 schrieb: „Und gerade im Donner der Artillerie redet Gott so eine fürchterlich ernste Sprache von der absoluten Nichtigkeit des Menschen, der nur in sich selbst den Halt seiner Persönlichkeit sucht. Man muß ihn nur heraus-hören.“ (S.48), oder: Kurt Peterson, stud.phil., Berlin, gef. 3. Aug. 1915 schrieb: „O fürchterliche Minuten. Man fürchtet den Tod und könnte in solchen Stunden den Tod herbeisehnen aus Entsetzen vor dieser Art des Todes.“ Und zwei Tage später schrieb er: „Man glaubt nie wieder das Lachen erlernen zu können, nachdem man derartiges durchgemacht hat.“ (S.52f.) Ein dreiviertel Jahr später war Peterson tot. …Was ist das anderes als Kriegspropaganda, was ist das anderes als die Vorbereitung auf einen neuen Krieg. Eine Methode, die heute ihre Fortsetzung findet in der ‚Heldenverehrung‘ durch die massenhafte Erneuerung deutscher Kriegsgräber, durch die massenhafte Verbreitung kriegerischer Videospiele und Bücher. Je höher die Auflage, desto billiger das einzelne Exemplar. Und je einfacher gestrickt, desto besser. Der ‚Krieger‘ hat eben mehrere Leben, da kommt es auf eines nicht mehr so an.

Bürgerliches Kampfziel: Vernichtung des Marxismus!

1950 wurde in der Schweiz ein Taschenbuch verlegt mit dem langweiligen Titel: „Der Marxismus“[4]. Der Verkauf muß wohl sehr schleppend vor sich gegangen sein. Immerhin kam nach dreizehn Jahren bereits die vierte Auflage heraus. Doch trotz lobender Kritiken in bürgerlichen Zeitungen schien die Masche nicht zu ziehen. Das Machwerk war offenbar ‚zu theoretisch‘. Und – es war verleumderisch. Da schreibt der Autor beispielsweise: „Zu Lenins Prinzipien gehörte die absolute Ablehnung der Moral in der Politik. Im Dienste der komunistischen Ziele ist alles erlaubt. Allgemeinmenschliches gibt es nicht, es gibt nur Klassenmäßiges, Politisches…“(S.146). Einfach lächerlich! Wer wirklich etwas vom Marxismus wissen will, der begnügt sich nicht mit derart zweitklassigen Erklärungen und Textauslegungen, sondern liest lieber im Original.

Doch dann versuchte es man mit anderen Mitteln. 1964 erschien in sehr hohen Auflagen und in mehreren Sprachen ein Buch eines gewissen Klaus Mehnert mit dem Titel „Der Sowjetmensch“[5]. Sehr detailliert, sehr kenntnisreich und doch – eine antikommunistische Hetzschrift. Man merkt das an solchen Passagen wie: „Lenin freilich und die Seinen hielten von diesem individuellen Terror wenig; sie gingen aufs Ganze, und ihre Opfer zählten nach Millionen.“ (S.360) oder „Die stärkste Belastung des deutsch-sowjetischen Verhältnisses ist uns allen gegenwärtig: sie heißt Pankow“ (S.430) – gemeint ist damit die Partei- und Staatsführung der DDR unter Walter Ulbricht, die ihren Sitz in Berlin-Pankow hatte. Der Autor sieht nur, was er sehen will, und jeder der es liest, hat das Gefühl soeben auch dabeigewesen zu sein. Hinzu kommt, daß das Buch in einer Zeit entstand, als man in in der Sowjetunion mit dem Marxismus-Leninismus von offizieller Seite aus nicht mehr allzu genau nahm. Es war die Zeit des Chruschtschowschen Revisionismus. Eine bessere Unterstützung von Seiten der Revisionisten des Marxismus/Leninismus hätte sich der Autor gar nicht wünschen können.

Und wieder eine Neuauflage der altbekannten Lügen

Diesmal etwas raffinierter gemacht. 1977 wurde im Rohwohlt Taschenbuch Verlag als „Einführung und Argumentationshilfe“ das handliche Buch „Marxismus für Manager“ [6] gedruckt. Ein ‚wissenschaftlich‘ aufgemachtes Buch, das gewissermaßen als Neuauflage eines bereits zuvor erschienenes Machwerks (s.o.) nun endlich den Marxismus widerlegen sollte. Ein recht sinnloses Unterfangen. Es lohnt sich hier im einzelnen nicht, auf die Auslassungen des Verfassers einzugehen, da seine ‚Interpretationen‘ des Marxismus nur selten die Schwelle der Normalintelligenz eines Zehntklässlers übersteigen. Mit einer Fülle von ‚Einwänden‘, die ebenso falsch sind, wie die zuvor aufgestellten ‚Thesen‘, versucht der Autor Marx, Engels und Lenin zu widerlegen. Ein Beispiel: „Immer dann wenn versucht wurde, die Theorie Marxens in die Praxis zu übersetzen, und sie will in die Praxis übersetzt sein, will doch die Welt humanisieren, war das Ergebnis ein Abfall von der Theorie. Die Marxsche Theorie, defizient realisiert, führt doch zu unglaublichen Eruptionen der Inhumanität. Also scheint die Theorie kaum realisierbar, oder aber ihre Realisation führt zu inhumaner Praxis.“ (S.20) Eine Behauptung, die durch nichts bewiesen ist, oder sich auf andere, ebenso lügenhafte Behauptungen stützt.

Die antikommunistische Propaganda bedient sich dabei mit Vorliebe revisionistischer und sozialdemokratischer Theorien (vom „freiheitlichen“, „demokratischen“, „menschlichen“ Sozialismus u.a.). … Die Formen des Antikommunismus ändern sich, aber sein konterrevolutionäres Wesen bleibt unverändert. [7]

Quelle:
[1] Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1967, S.39.
[2] Ljubow Pribytkowa: Sieben Millionen für einen Fälscher…
[3] Die kleine Bücherei: Langemarck. Ein Vermächtnis, München 1932.
[4] Walter Theimer: Der Marxismus, Francke Verlag Bern und München, 1963.
[5] Klaus Mehnert: Der Sowjetmensch, Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 1964.
[6] Rupert Lay: Marxismus für Manager, Rohwohlt Verlag, 1977.
[7] Kleines politisches Wörterbuch, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1973, S.44.

Siehe auch:
Mr. Kerry und das Recht auf Dummheit
Mißbrauch der Gefühle
…unterschwellige Beeinflussung
Gab es einen Sozialismus in der DDR?

3 Gedanken zu “Antikommunistische Lektüre in hohen Auflagen

  1. Ja, Genosse Norbert,
    Wir waren gestern, nach längere Zeit, mal das Angebot eines solchen Buchladens schauen. Ich denke dabei in den Abteilungen Geschichte oder Gesellschaftswissenschaften jedes Mal so ähnlich wie Du. Man kann und soll aber kein Wunschdenken hegen und erwarten was es nicht gibt, nicht sein kann. Diese Art Publikationen die Du begehrst findet man dort nicht, zum Glück aber wohl (teilweise) noch antiquarisch. Eine Buchhandlung kann nur das anbieten was die Verlage ausbringen. Das war in der DDR kaum anders, nur umgekehrt. Darüber hinaus haben wir es in der Schule noch gelernt: „Ein Blick ins Buch, zwei im Leben“.
    Mit sozialistischem Gruß,
    Nadja

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    1. Zu allen Zeiten hatten die herrschenden und ausbeutenden Klassen ihre Prediger und Schmierfinken zur Verdummung der Ausgebeuteten und gesellschaftlich Machtlosen.
      Weshalb sollte dies im Kapitalismus, dem bisher effektivsten Ausbeutersystems, anders sein?
      Ob nun Buchhandlungen oder das TV, und selbst über weite Strecken das Internet, überall wird Meinung gemacht, erzeugt, Verdummung und Verwirrung vorsätzlich gestiftet.
      Dem „Pöbel“ muss die Meinung eben unter solchen Bedingungen immer von oben, den „Befugten“ vorgesetzt werden, dass wusste selbst schon ein früherer deutscher bürgerlicher Politiker und Kanzler bestens:

      Auch wenn diese Aussagen einen demagogischen Zweck zu erfüllen hatten, hatte dieser deutsche bürgerliche Politiker und Kanzler wirklich völlig unrecht?
      (Auch zu den wahren Motiven der US-Imperialisten für deren Kriegseintritt, deren weitreichenden Ambitionen hatte Hitler schon im Dezember 1941 völlig zutreffende Aussagen gemacht, welche aber ab Mai 1945 seltsamerweise(?) in West UND Ost völlig in „Vergessenheit“ gerieten!)
      Hören Wahrheiten auf Wahrheiten zu sein, nur weil sie mal von einem „Falschen“ ausgesprochen wurden?
      Man sollte sich auch in puncto „ADOLF “ keinesfalls von den heuchlerischen bürgerlichen Schönschwätzern und/oder den diesen häufig schon damals und heute immer noch nachplappernden Revisionisten und Opportunisten die „richtige“ Meinung auch zu diesem Herrn aufnötigen lassen.
      Wirklich, ein völlig ernst gemeinter und aufrichtiger Rat! 🙂

      Übrigens, gute Literatur kann man noch immer recht günstig bei ZVAB, mitunter auch bei Amazone recht gut bekommen, auch in Antiquitäten-Läden.

      (Sorry, lieber Norbert, dass ich deinen guten Blog nochmals mit dem alten Adolf „beschmutzen“ muss, aber „wat mutt, dat mutt“, der Wahrheit, der Aufklärung zu liebe!)

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      1. Stimmt, Nadja. Die seichte Unterhaltungslektüre gab es bei uns kaum (wenn man mal von den Blaulichtheftchen absieht – aber die waren immer noch lehrreich genug!). Ich habe sie auch nicht vermißt. Was soll man machen – ohne Bildung kein Fortschritt…

        Immerhin erstaunlich, lieber Harry, daß ausgerechnet von diesem Mann soetwas zu vernehmen ist. Kein Wunder also, wenn viele, die zunächst den Kommunisten Glauben schenkten, unsicher wurden, ob dieser Hitler nicht doch die Wahrheit gesagt hat. Heute kennen wir ja die Hintergründe (Hitlers Unterredungen mit Kirdorf, die Millionen-Überweisungen der Schröder-Bank an die NSDAP, die Unterstützung durch die rheinisch-westfälische Industrie usw. usf.) Worte sind das eine, Taten das andere: denn an ihren Taten sollt ihr sie erkennen! Die Frage ist eben, wem läuft das VOLK hinterher? Und weil es so schön zum Thema Wahlen paßt – siehe auch:
        http://sascha313.blog.de/2013/07/13/bertolt-brecht-volksbefragung-16234019/

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